Kapitel 15

Frank spülte gerade das Geschirr vom Abendessen, als er Dan durch die Haustür kommen sah. »Hallo, Dan«, rief er. »Ich habe Sie seit Tagen nicht mehr gesehen. Haben Sie Überstunden gemacht?«

Frank verließ die Küche und ging den Flur hinunter auf Dan zu. Er stellte fest, dass er ganz gegen seine sonstige Art seltsam niedergedrückt wirkte. Er sah regelrecht hager aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen.

»Ja, Überstunden«, antwortete Dan, vermied es dabei aber, Frank in die Augen zu blicken. »Ich muss jetzt gehen, ich habe noch einiges zu erledigen.«

Enttäuscht darüber, dass Dan nicht reden wollte, und ein wenig besorgt über sein Aussehen, beobachtete Frank, wie er die Treppe hinaufging, und stellte fest, dass er keine Arbeitskleidung trug. Hatte er vielleicht seine Stellung verloren und wollte es nicht zugeben?

Es war bereits nach sieben, aber Frank hatte Fifi noch nicht von der Arbeit zurückkommen hören. Auch sie hatte sich ein wenig seltsam benommen; sie war während des Wochenendes nicht ein einziges Mal aus dem Haus gegangen, und als er am vergangenen Abend mit ihr über John Bolton gesprochen hatte, hatte sie kaum geantwortet.

Vielleicht machen die beiden eine schlechte Zeit durch, dachte er und kehrte in seine Küche zurück, um den Abwasch zu beenden.

Als er später vor dem Fernseher saß und sich »Z« Cars ansah, klopfte es an seiner Wohnzimmertür. »Herein«, rief er. Es war Dan, er hatte ihn an seinem Schritt erkannt.

»Entschuldigen Sie die Störung, Frank«, begann Dan und schob den Kopf durch die Tür. »Fifi ist noch nicht zurück. Hat sie mit Ihnen darüber gesprochen, ob sie heute Abend irgendwo hingehen wollte?«

»Nein«, erwiderte Frank. »Kommen Sie herein, mein Sohn, und schließen Sie die Tür. Hat sie Ihnen nichts zum Essen dagelassen?«

»Deswegen mache ich mir keine Sorgen«, sagte Dan und trat zögernd ein. »Ich hatte einfach nur erwartet, sie zu Hause anzutreffen, das ist alles.«

Frank spürte, dass der junge Mann beunruhigt war. Seine Augen waren glanzlos, und seine Schultern hingen herab. »Sie haben sich gestritten«, stellte Frank fest, der keinen Sinn darin sah, um den heißen Brei herumzureden.

Dan nickte unglücklich. »Ich bin am Samstag einfach gegangen«, gab er zu. »Ich war so wütend auf sie, dass es mir das einzig Richtige zu sein schien. Aber heute Morgen habe ich auf der Baustelle einen Brief von ihr bekommen, in dem sie schreibt, dass sie sich wieder mit mir versöhnen möchte. Doch das wissen Sie sicher alles?«

Frank war zutiefst schockiert. »Nein, das wusste ich nicht. Fifi hat kein Wort zu mir gesagt«, erwiderte er. »Aber das erklärt, warum es am Wochenende so still war. Machen Sie sich keine Sorgen darüber, dass sie nicht hier ist. Wahrscheinlich hat sie nicht damit gerechnet, dass Sie sofort herkommen würden. Sie ist sicher nach der Arbeit noch mit den anderen Mädchen aus dem Büro einen Kaffee trinken gegangen. Das tun Frauen, wenn sie aus dem Gleichgewicht sind.«

»Aber sie hätte wissen können, dass ich nach ihrem Brief direkt hierherkommen würde«, entgegnete Dan, und seine Stimme klang rau, als kämpfte er mit seinen Gefühlen.

Dan war dem Zusammenbruch nahe, das war offensichtlich. Er sah aus, als hätte er seit Tagen nicht mehr gegessen oder geschlafen, daher bot er ihm einen Platz an und schenkte ihm einen Brandy ein.

»Ich richte Ihnen eine Kleinigkeit zu essen«, erklärte er energisch. »Sie sehen fix und fertig aus, also sollten Sie am besten ein Bad nehmen und ins Bett gehen. Sie wird bald nach Hause kommen, und ich erinnere mich noch gut daran, wie es mit June war: Eine Umarmung ist immer die beste Möglichkeit, um sich zu versöhnen.«

Eine Stunde später saß Frank wieder in seinem Sessel vor dem Fernseher. Er hatte Dan eine schnelle Mahlzeit aus Dosenfleisch, Erbsen und gekochten Kartoffeln zubereitet und ihn dann in die Badewanne geschickt. Aber jetzt war es nach neun, und Fifi war immer noch nicht zu Hause. Er konnte nicht umhin, sich ein wenig Sorgen zu machen, da Fifi, wie er wusste, nach Einbruch der Dunkelheit ohne Dan nicht gern wegging. Außerdem erschien es ihm unwahrscheinlich, dass eine Tasse Kaffee nach der Arbeit mit jemandem aus dem Büro sich so weit in den Abend hineingezogen haben könnte.

Dan hatte ihm erzählt, worum es bei dem Streit gegangen war. »Ich glaube wirklich, dass Fifi ohne mich besser dran wäre«, hatte er hinzugefügt.

Frank war immer der Meinung gewesen, dass Fifi in der Dale Street wie ein Fisch auf dem Trockenen wirkte. Der Verlust ihres Babys und das Trauma von Angelas Tod hätten genügt, um selbst die stabilste Ehe zu erschüttern. Aber was immer Fifis Eltern auch von Dan halten mochten, er war ein anständiger, fleißiger Bursche, und es war offenkundig, dass die beiden einander sehr liebten. Also munterte er Dan mit einigen tröstenden Worten auf. »Alle Ehen haben ihre Höhen und Tiefen, glauben Sie mir. June und ich sind in den ersten Jahren unserer Ehe auch oft übel aneinandergeraten. Aber es ist ein Fehler, einfach wegzugehen«, fügte er hinzu. »Dann bleibt alles in der Schwebe, selbst wenn man zurückkommt und sich entschuldigt. Das führt dazu, dass beim nächsten Streit all diese alten Dinge wieder aufs Tapet kommen. Sie sollten sich lieber gründlich aussprechen. Fifi hat in letzter Zeit viel durchgemacht, deshalb müssen Sie ihr einiges nachsehen.«

Danach sprachen sie über andere Dinge, und Frank erzählte Dan von John Bolton.

»Heiliger Himmel!«, rief Dan und erbleichte. »Das muss ihr den Rest gegeben haben. Kein Wunder, dass sie nicht zu Hause ist. Sie fürchtet wahrscheinlich, der Mörder könnte sie als Nächstes ins Visier nehmen.«

Frank hatte diese Bemerkung zuerst für töricht gehalten, aber nun, da er allein hier saß und auf das Geräusch von Fifis Schlüssel in der Tür lauschte, erschien ihm diese Möglichkeit nicht mehr gar so lächerlich. Es hieß, John sei ermordet worden, weil er zu viel über die Vorgänge in Nummer elf gewusst habe. Möglicherweise hatte das Gerede Fifi geängstigt – schließlich war sie eine der Hauptzeuginnen bei Alfies Verhandlung. Er fragte sich, ob er nach oben gehen und Dan vorschlagen sollte, ihre Eltern in Bristol anzurufen, um herauszufinden, ob sie dorthin gefahren war.

»Nein, das wird ihn nur noch mehr beunruhigen«, murmelte er vor sich hin. »Und Fifi wäre es nicht recht, wenn ihre Eltern von ihren Problemen mit Dan erführen.«

Die Dunkelheit schien sich immer fester um Fifi zu schlingen, während sie zusammengekauert unter der Decke lag. Bis zum Einbruch der Dämmerung war sie einigermaßen zurechtgekommen; nach einiger Zeit des Weinens, der Panik und des Selbstmitleids hatte sie sich gezwungen, an den Gitterstäben des Käfigs hinaufzuklettern, um sich ein wenig Bewegung zu verschaffen. Sie war stolz auf sich, dass es ihr gelungen war, sich wie ein Affe von einem Ende des Käfigs zum anderen zu schwingen, und sie machte sogar einen Handstand, um sich die Zeit zu vertreiben.

Die Bewegung hatte ihr ihre Situation noch deutlicher vor Augen geführt. Sie hatte auf der Matratze gelegen, die Regentropfen auf dem Scheunendach beobachtet und sorgfältig analysiert, was sie wusste.

Die Polizei hatte niemals Unsicherheit zu der Frage erkennen lassen, ob Alfie oder Molly Angela tatsächlich getötet hatten, diese Geschichte war von Johnny Milkins gekommen. Aber andererseits hatten die Beamten Frank und Stan verschiedentlich aufs Revier zitiert, was nur bedeuten konnte, dass sie von der Schuld der Muckles nicht endgültig überzeugt waren. Yvettes Entsetzen über Fifis Betätigung als Amateurdetektivin und ihre Hinweise auf schlechte Menschen ließ darauf schließen, dass sie mehr wusste, als sie preisgab. Außerdem hatte sie angedeutet, nicht nur von den Ereignissen dieses letzten Kartenspiels zu sprechen, sondern von etwas, das seit einiger Zeit im Gange war.

Der schreckliche Gedanke, der Fifi bei ihrem Gespräch mit Yvette am Samstag gekommen war, erschien ihr mit einem Mal nicht mehr so weit hergeholt.

Hatte Alfie seinen Freunden bei diesen Kartenspielen erlaubt, seine Töchter zu missbrauchen?

Sie hatte sich immer gefragt, welchen Anreiz jemand haben konnte, um seine Freitagabende in Nummer elf zu verbringen. Yvette hatte von Schreien und wilden Streitigkeiten gesprochen, von lauter Musik und brüllendem Gelächter. Saßen Männer, die um hohe Einsätze spielten, nicht normalerweise schweigend an einem Tisch?

Jetzt, da sie die finstersten Möglichkeiten erwog, erschienen diese Dinge ihr von Minute zu Minute wahrscheinlicher.

Wenn es Alfie war, der Angela vergewaltigt und getötet hatte, hätte keiner der Männer, die am Freitagabend dort waren, etwas zu befürchten gehabt, denn die Kleine war erst am Samstagmorgen getötet worden. Doch wenn sie alle sich an Angela und vielleicht auch an den beiden anderen Töchtern der Muckles vergangen hatten, steckten sie alle bis zum Hals in der Sache mit drin und würden in jedem Fall zusammenhalten.

Es war Fifi immer eigenartig erschienen, dass Alfie keine Namen nennen wollte, doch schwieg er wirklich nur aus Angst vor Vergeltung? Vielleicht vertraute er darauf, dass diese Leute einen Weg finden würden, ihn von aller Schuld reinzuwaschen, wenn er nur den Mund hielt?

Eines war gewiss: Wenn der Mann im Jaguar ein Schurke war, musste er sehr mächtig sein, denn offenbar genügte ein Fingerschnippen von ihm, um John Bolton ermorden zu lassen. Und wer außer ihm konnte ein Interesse daran haben, sie, Fifi, beiseitezuschaffen?

All diese Überlegungen hinderten sie daran, darüber nachzugrübeln, was aus ihr werden würde. Aber sobald es dämmerte und die Männer noch immer nicht zurückkamen, brach sie zusammen.

Es war so unheimlich und bedrohlich in der Dunkelheit. Der Wind pfiff um die Scheune, der Regen trommelte auf das Dach, und ständig war das Quieken und Scharren von Mäusen oder Ratten zu hören. Sie hatte solche Angst, dass sie glaubte, sie würde sich zu Tode fürchten.

Ihr Magen knurrte vor Hunger, obwohl sie bezweifelte, in ihrer Angst überhaupt essen zu können. Sie wagte es auch nicht zu schlafen, weil sie befürchtete, eine Ratte könne ihr zu nahe kommen. Was war, wenn die Männer überhaupt nicht zurückkehrten? Angenommen, sie wurde immer schwächer und schwächer vor Hunger und Durst, bis sie starb?

Es war wie etwas aus einem Film oder einem Buch. Aber Menschen, die eingesperrt wurden, fanden immer irgendeine Möglichkeit zu fliehen. Fifi hatte jedoch jeden Zentimeter ihres Gefängnisses untersucht, und es gab keinen anderen Weg hinaus als den durch die Tür, und die war verschlossen. Die Männer hatten ihr nicht einmal einen Eimer als Toilette dagelassen. Sie hatte in der Ecke des Käfigs Wasser lassen müssen, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, wie es sein würde, ein größeres Geschäft verrichten zu müssen.

Ebenso wenig konnte sie sich waschen oder die Zähne putzen. Wie konnte irgendjemand ihr das antun?

Nach einer Weile war ihr Zorn ebenso stark wie ihre Angst. Sie hatte niemandem etwas Böses angetan; sie war lediglich aus Sorge um Angela in das Haus der Muckles gegangen. Sie hatte das Depot aufgesucht, weil sie gehofft hatte, auf diese Weise Stan helfen zu können. Dan hatte sie verlassen, weil sie ihm nicht die Wahrheit über den Brief ihrer Mutter gesagt hatte, und auch damit hatte sie nur seine Gefühle schonen wollen.

Wenn sie jemals hier herauskam, würde sie in die andere Richtung blicken, wann immer jemand verletzt wurde oder in Schwierigkeiten steckte.

Ein Geräusch von draußen bereitete ihren Grübeleien ein jähes Ende. Sie konnte einen Wagen hören und sah einen schwachen Lichtspalt, der von Scheinwerfern rühren musste und durch die Scheunentür fiel.

Waren es die Männer, die ihr etwas zu essen brachten? Oder war es jemand anderer?

Sie schrie aus Leibeskräften und hoffte, man würde sie nun jeden Moment befreien.

»Hören Sie auf mit diesem Lärm«, brüllte ein Mann in der Dunkelheit, dann wurde eine Taschenlampe eingeschaltet.

Fifi blinzelte in dem grellen Licht, unfähig, jemanden zu erkennen. Aber als das Licht näher kam, sah sie, dass es abermals Del und Martin waren, die eine dritte Person stützten.

Einen Moment später erkannte sie an den Kleidern, dass es sich um eine Frau handelte; der Kopf war ihr auf die Brust gesunken, als wäre sie bewusstlos. »Reicht Ihnen eine Gefangene nicht?«, spottete Fifi. »Was hat sie Ihnen angetan?«

»Halten Sie den Mund, oder Sie bekommen nichts zu essen«, entgegnete Del scharf, dann überließ er es Martin, die Frau aufrecht zu halten, und trat vor, um die Käfigtür aufzuschließen. »Gehen Sie zur anderen Seite rüber«, befahl er schroff, während er mit dem Strahl seiner Taschenlampe den Käfig ableuchtete.

Als er sich umdrehte und Martin bedeutete, die Frau herzubringen, fiel das Licht der Taschenlampe auf ihr Gesicht. Fifi blieb vor Verblüffung wie angewurzelt stehen.

»Yvette!«, stieß sie hervor.

»Zurück«, zischte Del.

Er trat rückwärts durch die Käfigtür und schleifte Yvette hindurch. Nachdem er sie wie einen Sack Kartoffeln hatte fallen lassen, verließ er den Käfig sofort und schloss die Tür hinter sich ab.

Fifi kniete neben Yvette nieder. Blut lief über ihre Wange, und sie war bewusstlos.

»Was haben Sie ihr angetan?«, fragte sie an Martin gewandt, der, die Taschenlampe in der Hand, dastand und sie beobachtete. »Yvette könnte keiner Fliege etwas zu Leide tun, warum haben Sie sie verletzt?«

»Sie ist nicht verletzt, sie hat lediglich ein Schlafmittel bekommen, damit sie zu schreien aufhörte. Wenn sie aufwacht, wird es ihr gut gehen«, antwortete er mit beinahe entschuldigendem Tonfall. »Schauen Sie, wir haben Ihnen etwas zu essen mitgebracht. Und frisches Wasser«, fügte er hinzu und nahm einen Beutel aus seiner Manteltasche.

Fifi wusste nicht, ob es sie noch mehr ängstigte oder ob es sie beruhigte, dass Yvette ebenfalls hierher gebracht worden war. Aber sie musste ihre Furcht verbergen und versuchen, irgendwie auf diese Männer einzuwirken, das war ihr klar.

»Warum haben Sie sie hergebracht?«, fragte sie tapfer. »Wollen Sie jeden aus der Dale Street hier einsperren? Wenn ja, werden Sie vielleicht einen größeren Käfig brauchen.«

Sie war in jeder Hinsicht im Nachteil – die beiden Männer standen im Schatten, während sie sich im vollen Licht der Taschenlampe befand, und sie wusste, dass sie schrecklich aussehen musste mit ihrem vom Weinen fleckigen Gesicht und ihren völlig zerknitterten Kleidern. Also musste sie sich bemühen, auf andere Weise zu wirken als durch gutes Aussehen.

»Versuchen Sie nicht, komisch zu sein«, brummte Del.

»Werden Sie auch dann noch denken, ich wollte nur komisch sein, wenn ich Sie um einen Eimer bitte, um hineinzupinkeln?«, entgegnete sie mit einem breiten, falschen Lächeln.

»Ich besorge Ihnen einen«, sagte er, wandte sich ab und ging durch die Tür.

Fifi brannte darauf, Yvette zu untersuchen, aber Del hatte sie mit Martin allein gelassen, und das war eine großartige Gelegenheit, um zu versuchen, ihn zu erweichen.

Sie ging zu den Gitterstäben hinüber und schob die Hand hindurch. »Was haben Sie mir denn zu essen mitgebracht? Ich bin halb verhungert.«

Er trat direkt vor die Gitterstäbe. »Nur eine Schweinefleischpastete und einen Kuchen«, erklärte er mit einem kläglichen Lächeln. »Das war alles, was wir bekommen konnten.«

Fifi wartete, bis sie den Beutel in der Hand hielt. »Sind Sie auch ein Kinderschänder?«, meinte sie und sah ihn durchdringend an. Sie hatte keine Beweise dafür, dass sein Boss einer war, denn die Schlussfolgerungen, zu denen sie gekommen war, beruhten einzig auf Mutmaßungen. Aber sie musste etwas sagen, um ihn zu einer Antwort zu provozieren.

Fest stand, dass er sich nicht so benahm und auch nicht so aussah wie ein Gangster. Sein hellbraunes Haar war zu einer modischen Frisur geschnitten, und unter seiner wasserdichten Jacke trug er einen handgestrickten Pullover. Er mochte ein muskulöser Kerl sein, aber sie hielt ihn nicht für grausam, dafür wirkten seine Augen viel zu sanft.

»Nein, das bin ich verdammt noch mal nicht«, gab er zurück. Ihre Frage hatte ihn verwirrt und offenkundig auch erschreckt.

»Warum helfen Sie dann Männern, die es sind?«, beharrte sie.

»Was soll das heißen«, erwiderte er, und die Taschenlampe zitterte in seiner Hand, was seine Erregung verriet.

Wahrscheinlich wusste er tatsächlich nichts von dem Mord in der Dale Street. Es war möglich, dass er den Befehl bekommen hatte, sie zu entführen, ohne zu wissen, was dahintersteckte.

»Vor einigen Wochen ist in der Dale Street ein siebenjähriges Mädchen vergewaltigt und getötet worden. Sowohl Yvette als auch ich wohnen dort, und ich war diejenige, die das Kind gefunden hat. Wer immer Ihnen befohlen hat, uns hierher zu bringen, steckt bis zum Hals in der Sache drin, sonst hätte er nicht zwei unschuldige Frauen aus dem Weg haben wollen. Sie können mir also keinen Vorwurf daraus machen, dass ich Sie für einen Kinderschänder halte, wenn Sie für einen arbeiten.«

Aber seither hatte sie viele Leute dieses Wort mit absolutem Ekel aussprechen hören, und sie wusste, dass ein normaler Mensch jeden Mann mit dieser Neigung gern in Stücke gerissen hätte.

Martin sah sie entsetzt und mit vor Erschrecken geweiteten Augen an. »Sie haben das alles falsch verstanden«, sagte er und schluckte so heftig, dass sein Adamsapfel in seiner Kehle auf und ab hüpfte.

Dann wurde die Scheunentür geöffnet, und Del kam zurück.

»Nicht ich habe etwas falsch verstanden, sondern Sie«, entgegnete Fifi leise, aber energisch. »Denken Sie darüber nach. Wäre Ihre Mutter oder Ihre Freundin stolz darauf, wenn sie wüsste, dass Sie für Bestien arbeiten, die Kinder vergewaltigen und dann töten?«

Del war zu weit entfernt, um ihre Worte zu hören, doch als er in den Lichtschein trat, runzelte er finster die Stirn. »Was redet sie jetzt schon wieder?«, wollte er von Martin wissen.

»Ich habe ihn nur gefragt, wie er zu einem so schmutzigen Job gekommen ist«, gab Fifi hochmütig zurück. »Aber wenn man ständig bis zum Hals in der Scheiße steckt, ist es wahrscheinlich unvermeidlich, dass man irgendwann auch danach stinkt, nicht wahr?«

»Sollte das witzig sein?«, maulte Del, bevor er die Käfigtür abermals öffnete und einen Eimer hineinstellte.

»Sehen Sie mich lachen?«, versetzte Fifi und bat Martin dann, das Licht der Taschenlampe auf Yvette zu richten, während sie neben der Französin niederkniete und sie untersuchte. Zu Fifis Erleichterung machte Yvette nicht den Eindruck, als wäre sie bewusstlos. Sie schien tatsächlich eher tief zu schlafen, und das Blut auf ihrem Gesicht rührte nicht von einer echten Verletzung, sondern nur von einem Kratzer her. »War eine furchtsame kleine Schneiderin zu viel für Sie? Ist das der Grund, warum Sie sie betäubt haben?«, fragte sie entrüstet und funkelte die beiden Männer wütend an.

»Sie wird ihren Rausch schon ausschlafen«, erwiderte Del lässig. »Komm jetzt, Kumpel, wir verschwinden«, sagte er zu Martin.

Fifi spürte, dass Martin das schwache Glied in diesem Duo war, daher sah sie ihn direkt an. »Sie sollten wirklich einmal über Ihre Rolle in dieser schmutzigen Sache nachdenken«, bemerkte sie warnend. »Seien Sie ein Gangster, wenn Sie wollen, aber lassen Sie sich nicht vor den Karren eines Kinderschänders und Mörders spannen.«

»Wovon reden Sie da?«, mischte sich Del verächtlich ein.

Fifi erhob sich, stemmte die Hände in die Hüften und sah die beiden Männer furchtlos an. Del war ganz offensichtlich ein Mann, der sich gern als harten Kerl darstellte, und sie bezweifelte, dass er so etwas wie ein Gewissen hatte. Aber selbst die kaltherzigsten Schläger verachteten Kinderschänder, wie Dan ihr einmal erklärt hatte.

»Ihr Auftraggeber ist ein Tier, das Kinder vergewaltigt und dann tötet«, fuhr sie fort. »Wenn Sie die Schmutzarbeit für ihn erledigen, sind Sie genauso verkommen wie er.«

»Sie sind doch verrückt«, rief Del. Er sah Martin an. »Hat sie dir das auch erzählt?«

Martin nickte grimmig, trat von einem Fuß auf den anderen und fühlte sich sichtlich unwohl.

»Der Boss hat uns gewarnt, dass sie ein verlogenes Miststück sei.« Del stieß ein freudloses Lachen aus. »Er hätte uns auch sagen sollen, dass sie verrückt ist!«

»Ich bin nicht verrückt, und ich bin auch keine Lügnerin«, antwortete Fifi gelassen. »Mein Verstand ist klar genug, um zu wissen, dass man euch beide verschaukelt. Könnt ihr nicht lesen? Der Mord an Angela Muckle stand in allen Zeitungen. Ich bin eine Zeugin, weil ich sie gefunden habe. Aber Sie brauchen mir nicht blind zu vertrauen, Sie können das Ganze überprüfen.«

»Hör mal, Süße«, meinte Del herablassend und trat näher an die Gitterstäbe heran. »Halt den Mund, wenn du weißt, was gut für dich ist.«

Es ließ sich unmöglich feststellen, ob er die Wahrheit kannte oder nicht, denn sein Gesicht verriet nichts von seinen Empfindungen. Doch an seiner gorillaähnlichen Haltung erkannte Fifi, dass er sie am liebsten geschlagen hätte; seine Hände waren zu Fäusten geballt, und in diesem Moment war sie dankbar für die Gitterstäbe zwischen ihnen.

»In Ordnung, aber sagen Sie nicht, Sie wären nicht gewarnt worden«, meinte sie schulterzuckend. »Ich hoffe nur, dass man Sie gut bezahlt, denn wenn Sie uns töten, werden Sie das Land verlassen müssen. Bei uns liegen die Dinge nämlich anders als bei John Bolton. Er war ein Schurke, für den sich niemand wirklich interessierte. Sämtliche Polizisten Englands werden sich auf Ihre Spur setzen, und sobald Ihre Freunde herausfinden, dass Sie sich mit Kinderschändern zusammengetan haben, werden Sie vollkommen allein dastehen.«

Del wandte sich ab und packte Martin am Arm. »Das reicht jetzt, wir gehen«, sagte er. »Verrücktes Frauenzimmer.«

Als sie die Scheunentür erreichten, blickte Martin noch einmal über seine Schulter. Sie konnte sein Gesicht nicht deutlich genug sehen, um zu erkennen, ob ihre Worte ihn beunruhigt hatten oder nicht, aber das leichte Zögern ließ sie immerhin ein wenig hoffen.

Das Licht erlosch, die Tür schloss sich mit einem dumpfen, metallischen Geräusch, dann hörte sie das Klirren der Kette, als das Vorhängeschloss zuschnappte. Einige Sekunden lang fiel das Licht der Autoscheinwerfer durch die Ritzen in der Tür, dann war der Wagen fort.

Sobald sie wieder von Dunkelheit umfangen wurde, löste sich ihre gespielte Tapferkeit in nichts auf. Sie setzte sich und schob sich durch den Käfig, um Yvette zu finden, während ihr die Tränen unkontrolliert über die Wangen liefen.

Dan hatte sie im »Rifleman« auf Männer wie Del und Martin hingewiesen und sie im Scherz als »Londons Nebenprodukte des Krieges« bezeichnet. Sie waren während des Krieges neun oder zehn Jahre alt gewesen und häufig nicht evakuiert worden. Aufgewachsen ohne Vater und häufig großgezogen von gleichgültigen Müttern, waren sie nur selten in die Schule gegangen und hatten ihre Zeit stattdessen damit verbracht, in Banden durch London zu streifen. Diese Banden wurden zum Ersatz für eine Familie, und zusammen mit ihren Freunden plünderten sie ausgebombte Geschäfte und Häuser oder brachen in Wohnungen ein, während deren Besitzer in den Bunkern Zuflucht suchten. Der einzige Verhaltenskodex dieser Jungen lautete: »Niemals jemanden verpfeifen und immer zu seinen Freunden stehen«.

Zwei Jahre beim Militär förderten diese Neigungen noch. Ohne Ausbildung oder Qualifikationen entschieden sie sich nach ihrer Entlassung eher für die Kriminalität als für körperliche Arbeit. Wie Dan bemerkt hatte, waren die Fünfziger eine Blütezeit für Ganoven. Die Intelligenten unter ihnen erwarben Land und bauten schäbige neue Siedlungen. Andere eröffneten Clubs und Pubs oder handelten mit schwer zu ergatternden Luxuswaren. Aber auf jeden Unternehmer kamen dutzende von Fußsoldaten, die sich als Schläger und Schuldeneintreiber verdingten. Die Männer an der Spitze machten sich die Hände nicht schmutzig.

Martin und Del waren offensichtlich zwei dieser Fußsoldaten, und Fifi wagte nicht zu hoffen, dass Martin ihr helfen würde. Wenn es hart auf hart kam, folgten Männer wie er immer dem Rudel.

Als Fifis Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, konnte sie endlich die Umrisse der am Boden liegenden Yvette ausmachen und kroch zu ihr hinüber.

»Yvette!«, rief sie und schüttelte sie, aber die einzige Reaktion von Yvette war ein leises Schnarchen. Fifi wurde klar, dass sie die andere Frau auf die Matratze schieben musste, damit sie sich die Decke teilen konnten, denn Yvettes Haut fühlte sich kalt an, und bis zum Morgen würde sie vollkommen durchgefroren sein.

Sie fand die Matratze, schleifte sie durch den Käfig und rollte Yvette darauf. Dann legte sie sich neben sie und hüllte sie beide in die Decke.

»Fifi! Sind Sie das wirklich?«

Fifi öffnete die Augen. »Ja, ich bin es, aber ich wünschte, ich wäre es nicht«, sagte sie schläfrig.

Ein schwaches, graues Licht fiel durch die schmalen Fenster im Dach der Scheune. Der Morgen war angebrochen.

»Wie sind wir denn ’ier’er gekommen?«, fragte Yvette. »’aben Sie mich vor diesen Männern gerettet? Warum sind wir in einem Käfig?«

Fifi war noch keine vierundzwanzig Stunden hier, doch es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, und Yvettes Akzent, den Dan so gern nachahmte, erinnerte sie mit Macht an ihn und an ihr Zuhause. »Könnten wir nicht noch ein Weilchen schlafen?«, bat sie. »Dann reden wir.«

»Non, wir müssen jetzt reden«, widersprach Yvette. »Ich verste’e das alles nicht.«

»Nun, kommen Sie erst einmal wieder her zu mir, es ist eiskalt«, murmelte Fifi.

Sobald Yvette wieder neben ihr unter der Decke lag und sie sich aneinander wärmen konnten, erklärte Fifi ihr, wie sie selbst hierher- gekommen war und dass die Männer Yvette später am Abend ebenfalls hergebracht hatten.

»Welchen Tag ’aben wir ’eute?«

»Mittwoch«, antwortete Fifi. »Und jetzt erzählen Sie mir, wie Sie hierhergekommen sind.«

»Der Mann ist am Montagabend aufgetaucht«, berichtete sie, und ihre dunklen Augen waren voller Angst. »Ich war im Flur und wollte gerade in die Küche ge’en, als es an der ’austür klingelte. Wenn ich genäht ’ätte, ’ätte ich zuerst aus dem Fenster geschaut. Aber ich ’abe die Tür geöffnet, und der Mann sagte, er sei Polizist und wolle mich zum Revier bringen. Ich sagte, ich muss zuerst meine Tasche und meinen Mantel ’olen. Ich glaubte ihm; er sah aus wie ein Polizist ohne Uniform.«

Sie erzählte weiter, dass sie erst auf der Straße unruhig geworden sei, denn der Wagen war kein Streifenwagen. Aber der Mann hatte sie an der Hand gepackt und nicht mehr losgelassen. Als sie sich gewehrt hatte, hatte er sie auf den Rücksitz des Wagens gestoßen und war davongefahren.

»Es war ein weiter Weg«, erzählte sie. »Ich glaube, wir fahren nach Süden, weil wir nicht über die Themse gekommen sind. Sie bringen mich in ein ’aus; es war klein und sehr schmutzig. Ich weine und schreie, und der Mann schlägt mich.«

»Wie hat der Mann ausgesehen?«, fragte Fifi.

»Er war groß, größer als eins achtzig, mit dunklem ’aar; der andere Mann war kleiner, er ’atte einen komischen Mund.« Sie zog ihre Lippen an einer Seite hoch, um ihre Zähne zu zeigen. »So«, meinte sie.

»Das waren nicht die Männer, die Sie hierher gebracht haben«, erwiderte Fifi nachdenklich. »Also haben Sie sie reden hören? Haben sie gesagt, was sie von Ihnen wollten?«

»Sie denken, ich bin zur Polizei gegangen, und sie fragen, was ich erzählt ’abe«, antwortete sie. »Ich sage immer wieder, dass ich nie bei der Polizei war, dass ich nur Fragen beantwortet ’abe nach Angelas Tod. Aber sie glauben mir nicht. Sie machen die ganze Nacht weiter. Ich muss auf einem ’arten Stuhl sitzen. Ich will schlafen, aber sie lassen mich nicht. So viele Fragen, die ganze Zeit.«

»Was waren das für Fragen?«

»Sie wollten wissen, was ich gese’en ’abe. Ich sage ihnen, dass ich den ganzen Tag nicht zu ’ause bin, als Angela stirbt. Sie fragen, ob ich John Bolton kenne. Ob ich mit ihm rede. Ich sage: ›Ja, ich rede mit ihm, wenn ich ihn auf der Straße se’e, aber nicht über Angela. Darüber rede ich mit niemandem.‹«

»Wussten Sie, dass man John tot im Fluss gefunden hat?«

Yvette sog scharf die Luft ein und versteifte sich. »Nein! Das kann nicht sein!«

»Es ist leider wahr«, erwiderte Fifi. »Ich habe es am Montag gehört, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Es hat mir große Angst gemacht, weil ich gespürt habe, dass es etwas mit Angela zu tun hat. Sie hatten Recht, als Sie mir geraten haben, nicht zur Polizei zu gehen, denn ich habe den Mann in dem roten Jaguar erkannt; er war mit John zusammen.«

Yvette antwortete nicht, und plötzlich begriff Fifi, warum sie entführt worden war.

»Sie mussten ihnen erzählen, dass ich es war, die zur Polizei gegangen ist? Habe ich Recht?«

»Oui«, flüsterte Yvette unglücklich. »Sie sagen, sie werden mir die Finger abschneiden, wenn ich nicht rede. Ohne meine Finger kann ich nicht nä’en. Ich denke, Sie ’aben Dan, der sich um Sie kümmert, Ihnen kann nichts passieren.«

Obwohl Fifi immer noch nicht wusste, wie die Männer herausgefunden hatten, dass jemand von der Dale Street bei der Polizei gewesen war, hatten sie offensichtlich Yvette verdächtigt, da sie direkt neben den Muckles lebte.

Fifi konnte es Yvette nicht übel nehmen, dass sie sie verraten hatte. Sie hätte selbst wie ein Kanarienvogel gesungen, hätte jemand gedroht, ihr die Finger abzuschneiden. Alles, was sie empfand, war ein tiefer Kummer darüber, dass Yvette durch ihre Schuld ebenfalls getötet werden würde.

»Sie sind wütend auf mich«, flüsterte Yvette gebrochen.

»Nein, das bin ich nicht«, erklärte Fifi und legte einen Arm um die ältere Frau. »Sie hätten viel mehr Grund, auf mich wütend zu sein, Sie haben mich oft genug gewarnt, dass ich mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern soll. Es ist allein meine Schuld.«

»Es wird alles wieder gut«, sagte Yvette und küsste Fifi tröstend auf die Stirn. »Ihr Dan wird uns ’elfen.«

»Dan hat mich verlassen«, musste Fifi nun zugeben, »ich hatte ihm ohnehin nicht von dem Mann im Jaguar erzählt. Es könnten Tage vergehen, bevor irgendjemand uns vermisst«, beendete sie ihre Erklärung. Und bis dahin konnten sie beide tot sein, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Wir dürfen nicht in Panik geraten«, erklärte Fifi, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten. »Ich habe die Hoffnung, was Martin betrifft, noch nicht aufgegeben. Er wird uns vielleicht helfen.«

Der Tag verging sehr langsam. Gegen elf Uhr kam die Sonne heraus, und das Licht, das durch die schmalen Fenster fiel, wärmte sie genug, um die Schweinefleischpastete in zwei Hälften zu teilen und zu essen. Sie beschlossen, sich den Kuchen bis zum Abend aufzuheben, für den Fall, dass die Männer nicht noch einmal herkamen, um ihnen etwas zu essen zu bringen. Dann legten sie sich noch für eine Weile auf die Matratze und dösten. Fifi kletterte wieder und wieder an den Gitterstäben hinauf, um sich etwas zu bewegen, und sie redeten auch ein wenig miteinander. Aber obwohl Yvette sich darüber zu freuen schien, dass Fifi ihr von ihrer Kindheit und von ihren Freunden daheim in Bristol erzählte, schwieg die Französin die meiste Zeit über. Vielleicht dachte sie darüber nach, was am Ende mit ihnen geschehen würde.

Als es dunkel wurde, teilten sie sich den Kuchen, dann saßen sie einfach nur auf der Matratze und beobachteten, wie der Himmel über ihnen langsam immer dunkler und dunkler wurde.

»Ich hatte solche Angst, als es gestern dunkel wurde«, gestand Fifi. »Ich glaube nicht, dass ich noch einmal eine ganze Nacht allein durchgestanden hätte.«

»Die Dunkel’eit wird Ihnen nichts antun«, sagte Yvette und drückte Fifis Hand. »Es sind die Menschen, die Sie fürchten müssen.«

»Aber die Mäuse und Ratten! Ich kann es nicht ertragen, an sie zu denken«, gab Fifi zu.

»Sie werden nicht in unsere Nä’e kommen«, erklärte Yvette energisch. »Es ist kein Krümel Essen mehr übrig geblieben. Überall sonst in der Scheune finden sie noch Weizenkörner, das ist alles, was sie wollen. Ich würde die Nacht lieber mit einer Ratte verbringen als mit einem Mann, der mir etwas Böses will.«

Sie warteten und warteten, aber Martin und Del kamen nicht, und beiden Frauen knurrte vor Hunger der Magen. Schließlich gaben sie die Hoffnung auf etwas Essbares auf und legten sich auf die Matratze. Sie froren in der kalten Nachtluft. Yvette legte ihren Mantel über die Decke, aber das half nicht viel.

Fifi fragte sich, ob es wohl als Mord betrachtet wurde, wenn man jemanden verhungern ließ, oder als »Unglücksfall«, falls ihre Entführer behaupteten, sie hätten nicht zurückkommen können? Wie lange würde es dauern? Zwei Wochen, drei? Oder noch länger? Aber sie sprach nicht über ihre Angst, da sie sich ganz allein für ihre Situation verantwortlich fühlte.

Fifi träumte, an einem Strand in der Sonne zu liegen. Beim Aufwachen stellte sie fest, dass ihr tatsächlich die Sonne, die durch das Fenster im Dach fiel, ins Gesicht schien.

Yvette stand neben der Matratze und reckte sich, dann drehte sie sich um und lächelte Fifi an. »Wenn die Sonne scheint, ist es gar nicht so schlimm«, meinte sie. »Aber ich würde einiges für eine Tasse Kaffee geben.«

Fifi blickte auf ihre Armbanduhr und sah, dass es fast zehn war. Es erstaunte sie, dass sie so lange hatte schlafen können, und sie machte eine Bemerkung darüber.

»Ich denke, der Körper weiß, wenn es nichts gibt, wofür es sich aufzuste’en lohnt«, sagte Yvette. »Als ich damals nach England kam, ’abe ich von Samstag bis zum Montagmorgen geschlafen. Es war kalt, und damals ’atte ich wenig Geld und keine Freunde. Schlafen war gut.«

Fifi stand auf und benutzte den Eimer, während Yvette sich taktvoll abwandte.

»Warum sind Sie nach England gekommen?«, fragte Fifi, nachdem sie einen Schluck Wasser getrunken hatte. »Haben Sie keine Familie in Frankreich?«

»Meine Mutter ist im Krieg gestorben«, antwortete Yvette. »Ich wollte alle traurigen Erinnerungen ’inter mir lassen.«

Ihr energischer Tonfall ließ darauf schließen, dass sie nicht darüber reden wollte, daher nahm Fifi ihren Kamm aus ihrer Handtasche und kämmte sich das Haar.

»Sie ’aben so schönes ’aar«, bemerkte Yvette und setzte sich neben Fifi auf die Matratze. »Ich ’abe mir immer gewünscht, ich wäre blond. Als die Deutschen nach Paris kamen, ’aben manche Mütter ihren Töchtern das dunkle ’aar gebleicht.«

»Warum?«, fragte Fifi.

»Um nicht als Jude erkannt zu werden«, erwiderte Yvette und verzog das Gesicht. »Es ’at nicht besonders gut funktioniert, viele von ihnen ’atten am Ende orangefarbenes ’aar.«

Plötzlich erinnerte Fifi sich an ein Ereignis in ihrer Kindheit, als sie etwa sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein musste. Eines Morgens hatte sie ihre Mutter weinen hören und war nach unten gegangen. Ihre Eltern waren in der Küche gewesen, und ihr Vater hatte ihre schluchzende Mutter im Arm gehalten.

»Du hättest dir den Film nicht ansehen sollen«, hatte ihr Vater gesagt. »Ich habe dich gewarnt, dass es zu schrecklich sein würde.«

Fifi hatte immer gern im Flur herumgelungert, während die Erwachsenen sich unterhielten. Ihre Eltern waren deswegen oft sehr wütend auf sie gewesen. Aber dennoch hatte sie der Versuchung oft einfach nicht widerstehen können. Doch an jenem Abend war sie hastig zurück in ihr Zimmer gerannt, denn was sie gesehen und gehört hatte, hatte ihr Angst eingejagt.

Ihre Mutter und deren Schwestern waren an diesem Tag wie jede Woche ein Mal ins Kino gegangen. Bisher war Clara anschließend immer besonders fröhlich gewesen.

Doch am nächsten Morgen hatte sie noch immer rote, verschwollene Augen vom Weinen, und Fifi fragte sie nach dem Grund.

»Weil ich einen ganz furchtbaren Film gesehen habe«, hatte sie erklärt.

Ein Ausflug ins Kino war für Fifi immer etwas Besonderes gewesen. Sie hatte Schneeweißchen, Dumbo und Bambi gesehen, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Film etwas anderes sein konnte als ein wunderbares Erlebnis.

»War es ein trauriger Film wie Bambi, als seine Mummy starb?«

»Es war viel, viel schlimmer. In diesem Film geht es um einen bösen Mann, der tausende von Mummys, Daddys und kleinen Kindern getötet hat.« Die Augen ihrer Mutter füllten sich abermals mit Tränen.

»Warum hat er sie getötet?«

»Nur weil sie Juden waren.«

Fifi hatte damals keine Ahnung gehabt, was Juden waren, und es vergingen noch Jahre, bevor sie in der Schule den Holocaust durchnahm. Erst da wurde ihr klar, dass ihre Mutter an jenem Abend vor so vielen Jahren so außer sich gewesen war, weil sie den Film gesehen hatte, der zu der Zeit entstanden war, als britische und amerikanische Truppen die deutschen Konzentrationslager befreit hatten.

Fifi entwickelte eine Faszination, was das ganze Thema betraf. Sie ging häufig in die Bibliothek und suchte nach Büchern darüber. Aber wann immer sie zu Hause danach fragte, bekam sie dieselbe Antwort. »Das liegt alles Jahre zurück. Man sollte es inzwischen eigentlich vergessen haben.«

Es hatte sie stets verwirrt, dass freundliche, anständige Leute wie ihre Eltern etwas so Schreckliches wie die Ermordung von sechs Millionen Menschen einfach beiseiteschieben konnten. Sie hatte wissen wollen, warum anscheinend niemand etwas von diesen Dingen geahnt und wie die Menschen reagiert hatten, als sie es schließlich erfahren hatten. Ob sie etwas dagegen hatten unternehmen wollen oder ob sie einfach zu entsetzt und hilflos gewesen waren. Außerdem wollte sie wissen, was aus den überlebenden Juden geworden war und ob sie jemals vergeben oder vergessen konnten.

Während der letzten acht oder neun Jahre hatte sie kaum einmal darüber nachgedacht, aber etwas in Yvettes Verhalten weckte in ihr die Vermutung, dass die Französin Jüdin war, und dieser Umstand brachte all die Fragen zurück, auf die sie niemals eine befriedigende Antwort gefunden hatte.

Jetzt drehte sie sich zu ihrer Freundin um; sie musste diese Frage einfach stellen. »Sind Sie Jüdin, Yvette?«

Die Französin stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ja, Fifi, das bin ich.« Ihr Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht die Absicht hatte, darüber zu sprechen.

Fifi musste es dabei bewenden lassen. Sie strich sich noch einmal mit dem Kamm durchs Haar, dann bot sie ihn Yvette an. Fifi hatte sie bisher immer nur mit einem strengen Knoten gesehen, bis sich gestern die Haarnadeln gelöst hatten und sie zu ihrer Überraschung festgestellt hatte, dass das Haar der Französin sehr lang und dick war, wenn auch durchsetzt mit grauen Strähnen.

Yvette hatte den größten Teil der Haarnadeln verloren, und da Fifi in ihrer Handtasche einige Gummibänder hatte, schlug sie ihr vor, das Haar zu einem Zopf zu flechten. Fifi hatte schon immer gern andere Frauen frisiert, und als sie Yvette jetzt kämmte, entspannte die andere Frau sich merklich. Sie sprachen darüber, wie gern sie sich waschen und die Zähne putzen würden und wie sehr es sie nach einer Tasse Tee oder Kaffee verlangte.

»Jetzt sehen Sie aus wie ein Schulmädchen«, lachte Fifi, als sie fertig war. Sie wollte noch eine Bemerkung darüber machen, dass Yvette sich die Haare färben und zu einem Bob schneiden lassen sollte, besann sich aber gerade noch rechtzeitig eines Besseren. Dann holte sie ihren Taschenspiegel hervor, um der älteren Frau zu zeigen, wie sie aussah.

Yvette lächelte über ihr Spiegelbild. »So ’abe ich die ’aare als kleines Mädchen getragen«, meinte sie. »Mama ’at mir immer meine Zöpfe geflochten, während ich mein Frühstück gegessen ’abe. Bevor ich zur Schule gegangen bin, ’at sie mir Schleifen ’ineingebunden, und ich ’abe jeden Tag eine verloren.«

»Ich auch«, erwiderte Fifi lächelnd. »Meine Mutter war immer sehr wütend darüber. Einmal meinte sie, der Versuch, mich hübsch herzurichten, sei reine Zeitverschwendung. Ich dachte deshalb immer, ich müsse furchtbar hässlich sein.«

Yvette strich ihr über die Wange. »Mütter wollen nie sagen, dass ihre kleinen Töchter ’übsch sind, damit sie nicht eitel werden.«

»Hat Ihre Mutter Ihnen gesagt, dass Sie wunderschöne Augen haben?«, fragte Fifi. »Sie sind wie flüssige, dunkle Schokolade, außerdem haben Sie eine wunderbare Figur. Warum haben Sie nie geheiratet?«

Yvette lächelte. »Ich ’abe noch nie jemanden kennen gelernt, der so viele Fragen stellt! Um zu ’eiraten, genügt es nicht, schöne Augen und eine gute Figur zu ’aben.«

»Aber Sie sind so nett«, wandte Fifi ein. »Ein wenig rätselhaft vielleicht. Ich könnte mir denken, dass die Männer sich scharenweise in Sie verlieben.«

Yvette kicherte. »Sie ’alten mich also für rätsel’aft.«

Fifi grinste. »Ja, aber angeblich gefällt den Männern so etwas.«

»Mir ist es gleichgültig, was den Männern gefällt«, sagte Yvette ein wenig scharf. »Ich möchte lieber für immer allein sein, als mit einem Mann leben zu müssen. Schauen Sie sich nur an, wie diese Männer uns be’andeln! Kein Essen, nur eine einzige Decke. Eine andere Frau könnte so etwas niemals tun.«

Der Tag verging noch langsamer als der vorherige, und da sie nichts anderes zu tun hatten, als darüber nachzudenken, wie hungrig sie waren, wurden sie schließlich reizbar. Als Fifi abermals an den Gitterstäben hinaufkletterte, beschwerte Yvette sich darüber. Wenn die Französin sich hingegen auf der Matratze hin und herwiegte, ging sie Fifi damit auf die Nerven.

»Hören Sie auf damit«, rief Fifi. »Sie sehen so aus, als würden Sie verrückt werden.«

»Womit soll ich auf’ören«, fragte Yvette.

»Sie sollen aufhören, sich hin und herzuwiegen!«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, gab Yvette zurück.

Danach ignorierten sie einander. Yvette legte sich auf die Matratze und rollte sich zusammen, während Fifi die Übungen machte, die sie aus ihren Ballettstunden kannte, und dabei so tat, als wären die Gitterstäbe die Barre.

Aber als es langsam dunkel wurde, konnte Fifi ihren Zorn nicht länger bezähmen. Sie hatte Hunger, sie fror, sie war schmutzig, und sie hatte das Gefühl, es keinen Augenblick länger ertragen zu können.

»Wir werden wirklich sterben, nicht wahr?«, schrie sie plötzlich. »Wir werden immer dünner und dünner werden, bis wir zu schwach sind, um auch nur stehen zu können. Und Sie wollen nicht einmal mit mir reden, um mich ein wenig abzulenken.«

»Worüber soll ich denn reden?«, meinte Yvette überrascht. »Sie sind manchmal ein solches Kind, Fifi, immer müssen Sie alles dramatisieren.«

»Dramatischer kann unsere Situation doch verdammt noch mal nicht werden«, fauchte Fifi sie an. »Ich halte es einfach nicht mehr aus.«

Yvette stand auf, legte die Arme um Fifi und hielt sie fest. »Scht«, sagte sie besänftigend. »Durch Schreien und Schimpfen wird es auch nicht besser.«

Fifi brach in Tränen aus, und Yvette drückte sie sanft auf die Matratze, hüllte sie in die Decke, als wäre sie ein kleines Kind, und zog sie zärtlich an sich.

»Wie können Sie nur so ruhig sein?«, fragte Fifi nach einer Weile, als ihr Schluchzen abgeklungen war. »Haben Sie denn keine Angst?«

»Doch, ich ’abe Angst«, gab Yvette zu. »Und ich ’abe genauso viel ’unger wie Sie. Aber ich ’abe im Leben schon sehr oft ’unger und Angst ge’abt, und vielleicht ist das der Grund, warum ich jetzt so ru’ig wirke.«

»Als Sie nach England gekommen sind?«

»Nein, das Einzige, woran ich mich aus dieser Zeit erinnere, ist die Kälte, nicht Angst oder ’unger. Aber in Paris ’atte ich große Angst, denn jeden Tag kamen Deutsche und trieben Juden zusammen, um sie fortzubringen. Wir wussten damals nicht, wo’in sie gebracht wurden, doch wir wussten, dass es nicht gut war. Manchmal ’atten meine Mama und ich über’aupt nichts zu essen, denn wer braucht schon eine Schneiderin, wenn sein Land in den ’änden des Feindes ist?«

»Haben die Nazis Sie damals erwischt?«, wollte Fifi schniefend wissen.

»Nein, denn Mama ’at mich vor’er weggeschickt. Sie konnte nicht mitkommen. Sie musste das Wenige, das wir ’atten, verkaufen, um für mich bezahlen zu können. Sie ’at gesagt, dass sie mich nach Ende des Krieges sofort ’olen kommen würde.«

»Und ist sie gekommen?«

Yvette schüttelte den Kopf. »Die Nazis ’aben sie geholt, und sie ist auf der Zugfahrt nach Polen gestorben. Man sagt, es seien so viele Menschen in jedem Wagon gewesen, dass etliche von ihnen keine Luft bekamen. Außerdem war es bitterkalt, und sie ’atten nichts zu essen oder zu trinken.«

Wegen ihrer gegenwärtigen Situation konnte Fifi tatsächlich ein wenig nachfühlen, wie es für Yvettes Mutter gewesen sein musste. Vielleicht hätte sie früher die grausame Brutalität dieses Schicksals nicht erfasst. Bloße Worte genügten nicht, um ihr Entsetzen und ihren Abscheu darüber zum Ausdruck zu bringen, dass Menschen anderen etwas Derartiges antun konnten oder wie furchtbar es für Yvette gewesen sein musste herauszufinden, auf welche Art ihre Mutter gestorben war. Es war inzwischen dunkel, und Fifi konnte das Gesicht der Französin nicht mehr erkennen, aber sie wusste, dass sie weinte. »Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist einfach zu furchtbar.«

»Vielleicht war es besser, dass sie dort gestorben ist, bevor sie in das Lager kam«, meinte Yvette mit erstickter Stimme. »Sie war zumindest unter Menschen, die sie kannte … Ich bleibe in Frankreich, bis der Krieg vorüber ist, und warte auf eine Nachricht, und als das Rote Kreuz ihren Namen auf einer Liste findet, komme ich ’ier’er.«

Fifi musste an ihre eigene Mutter denken. Sie sah sie vor sich, wie sie vor dem Kindergarten auf sie wartete, mit Patty im Kinderwagen und Peter und Robin, die auf den Stangen saßen. Ihre Mutter hatte jedes Mal die Arme ausgebreitet, um Fifi zu empfangen, und sie hatte sie hochgehoben und geküsst. Wie eigenartig, dass ihr gerade jetzt ein so schönes Bild in den Sinn kam, während sie in der Vergangenheit immer nur an Schmähungen, Streit und all die negativen Dinge gedacht hatte! Noch vor wenigen Tagen hatte sie ihre Familie für all ihr Unglück verantwortlich gemacht, und jetzt schämte sie sich dafür. Wenn sie jemals hier herauskommen sollte, beschloss sie, würde sie ganz bewusst versuchen, nur die schönen Dinge in ihrem Leben zu sehen und den Rest zu vergessen.

Sie schwieg für eine Weile, hielt Yvette in den Armen und hoffte, dass die Wärme ihres Körpers der anderen Frau ein wenig Trost schenkte. Aber es gingen ihr immer neue Fragen durch den Kopf; es gab so vieles, was sie noch über ihre Freundin in Erfahrung bringen musste.

»Wie war das Leben denn während der Kriegsjahre für Sie? Sie müssen doch damals noch ein junges Mädchen gewesen sein?«, fragte sie schließlich.

»Ich war bei Kriegsende achtzehn«, antwortete Yvette mit brüchiger Stimme. »Aber ich war kein junges Mädchen mehr. Ich denke, es wäre besser für mich gewesen, mit Mama in dem Zug zu sterben.«

»Warum? Waren die Menschen, zu denen man Sie geschickt hat, nicht gut zu Ihnen?«

»Gut! Sie se’en mich nur als ein junges jüdisches Mädchen, das man für ein paar Francs an jeden verkaufen kann. Sie fragen, warum ich nicht ver’eiratet bin. Fifi, ich würde lieber sterben, als zuzulassen, dass mich jemals wieder ein Mann berührt.«