Kapitel 11

Scheiße, mach mal langsamer, Dan, das ist doch kein verdammter Wettkampf!«, rief Chas, als Dan einen Ziegelstein aus seiner Trage riss, ohne Chas auch nur die geringste Chance zu lassen, die Ziegelsteine selbst abzuladen und ihm bereitzulegen.

Dan sah seinen Handlanger schief an. Er war in Gedanken bei Fifi gewesen und hatte gar nicht bemerkt, dass er wie ein Wahnsinniger gearbeitet hatte.

»Tut mir leid, Kumpel«, meinte er. »Ich mache jetzt eine Zigarettenpause.«

Sobald Dan sich am Rand der Arbeitsplattform gesetzt und eine Zigarette angezündet hatte, ließ Chas sich neben ihn fallen. »Was ist eigentlich los mit dir? Du bist jetzt schon seit Tagen nicht mehr richtig hier. Macht deine Frau dir das Leben schwer?«

Dan mochte Chas Bovey nicht. Er hielt den Mann für einen faulen, unehrlichen Gauner, der seine eigene Großmutter für ein paar Pfund verkauft hätte. Er verdingte sich während des Sommers lediglich als Handlanger, weil er muskulös und braun werden wollte. Den Rest des Jahres verbrachte er wahrscheinlich damit, in Häuser einzubrechen oder Autos zu stehlen. Aber Dan bemühte sich stets, mit seinen Arbeitskollegen auszukommen, daher bot er Chas jetzt eine Zigarette an. »Ich würde nicht sagen, dass sie mir das Leben schwer macht«, seufzte er. »Aber sie ist nicht mehr sie selbst. Der Tod dieses Kindes macht sie vollkommen fertig.«

Vor zwei Wochen hatte Dan sich darauf gefreut, Fifi mit einem Ausflug nach Brighton zu überraschen. Er hatte darüber nachgedacht, wo sie wohl ihren Badeanzug aufbewahrte und wie er es schaffen konnte, ihn mit seiner eigenen Badehose und zwei Handtüchern in eine Tasche zu packen, ohne dass sie es bemerkte. Er hatte keine Möglichkeit dafür gesehen, also hatte er stattdessen behaupten wollen, dass sie einen Ausflug ins Schwimmbad unternehmen würden. Sein wahres Ziel hätte er ihr nicht verraten, bevor sie in der U-Bahn zur Victoria Station saßen.

Als er zwei Stunden später am selben Tag nach Hause gekommen war, hatte er sich noch immer das Gehirn nach einer guten Ausrede zermartert, warum er so früh am Morgen aufbrechen wollte. Dann bog er in die Dale Street ein und sah sich jäh etlichen Streifenwagen und einer hysterischen Meute von Nachbarn gegenüber.

Als er hörte, dass Angela tot war und Fifi ihre Leiche gefunden hatte, war sein erster Gedanke der, dass dies so kurz nach dem Verlust des Babys einfach zu viel für sie war.

Jetzt, vierzehn Tage später, wusste er nicht mehr weiter. Fifi brütete entweder schweigend vor sich hin oder sprach so lange von dem Mord, bis er am liebsten laut geschrien hätte. Es war offenkundig von größter Wichtigkeit, dass sie aus der Dale Street wegkamen, aber es würde einige Zeit dauern, bis sie eine andere Bleibe fanden, und für jedes anständige Quartier würde man eine hohe Kaution und eine Miete im Voraus verlangen. Da ihre Ersparnisse während der zwei Wochen, in denen er nicht hatte arbeiten können, stark zusammengeschmolzen waren, konnten sie so viel Geld im Augenblick nicht aufbringen.

Es gab nur eine Möglichkeit, zusätzliches Geld hereinzuholen: Er musste samstags wieder den ganzen Tag arbeiten. Doch da Fifis Launen so unberechenbar waren, würde sie vielleicht in Wut geraten, wenn er ihr das erzählte. »Wärst du an jenem Samstag wie früher zum Mittagessen nach Hause gekommen, wäre nicht ich diejenige gewesen, die Angela gefunden hätte«, hatte sie erst gestern gesagt.

Der Abend jenes Tages war der schlimmste seines ganzen Lebens gewesen. Zu dem Lärm und der Hektik draußen auf der Straße und Fifis Verzweiflung, während sie auf die Rückkehr der Muckles gewartet hatten, war er von Schuldgefühlen gepeinigt worden.

Er hätte zur Polizei gehen sollen, als Angela das letzte Mal verletzt worden war. Aber er hatte selbstgefällig angenommen, das Kind wäre in Sicherheit, sobald er Alfie verwarnt hatte. Wie konnte man so dumm sein zu glauben, ein Ungeheuer wie Alfie ließe sich allein durch die Androhung einer ordentlichen Tracht Prügel aufhalten?

Alfie und Molly waren des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt worden und saßen in Brixton beziehungsweise in Holloway im Gefängnis. Auch Mike war in Brixton, da die Polizei ihn für einen Komplizen hielt. Niemand wusste genau, wo sich Dora aufhielt, aber man nahm allgemein an, dass sie in einer Anstalt untergebracht worden war. Dan hoffte inbrünstig, dass Alfie und Molly gehängt werden würden, doch er würde sich immer dafür schämen, dass er nicht mehr getan hatte, um Angela zu schützen.

Je mehr Fifi ihm von den Ereignissen jenes Tages erzählte, desto wütender wurde er auf sich selbst. Er wusste, es wäre richtig gewesen, Fifi darüber reden zu lassen, bis sie wieder zu sich kam, aber er konnte es nicht ertragen, von diesen Dingen zu hören.

»Ihr beide hattet in letzter Zeit nicht viel Glück«, brach Chas in Dans Gedanken ein.

»Das kannst du laut sagen«, antwortete Dan mit einem müden Seufzen.

Noch vor kurzem hatte er geglaubt, alles zu haben, was ein Mann sich wünschen konnte. Eine schöne Frau, die ein Kind erwartete, eine Arbeit, die er liebte, und gute Freunde, und er hatte gehofft, schon bald genug Geld zu haben, um damit ein eigenes Haus anzahlen zu können.

Dann war er überfallen worden, und Fifi hatte ihr Baby verloren. Und kurz darauf war Angela gestorben.

Jetzt sah es so aus, als würde auch ihre Ehe zerbrechen.

»Wenn ich an deiner Stelle wäre, Kumpel, würde ich ihr eine Ohrfeige verpassen und sie für eine Weile zu ihrer Mum verfrachten«, meinte Chas mit einem Kichern. »Du könntest abends mit uns in den Pub kommen, dir ein paar hübsche Vögel anlachen und dich ordentlich amüsieren.«

Dan versteifte sich unwillkürlich. Chas sprach oft davon, Frauen zu schlagen, und nach seinem eigenen Eingeständnis hatte er seine Frau und zwei Kinder im Stich gelassen. Er war älter als Dan, etwa Mitte dreißig, aber mit seinem Beatles-Haarschnitt und den scheinbar unschuldigen blauen Augen wirkte er weit jünger, und die Mädchen flogen förmlich auf ihn. »Ich habe mir alle hübschen Vögel angelacht, die ich haben wollte«, erwiderte Dan scharf. »Und ich habe noch nie im Leben eine Frau geschlagen. Ich verachte Männer, die das tun.«

Mit diesen Worten stand er auf und kehrte zu seiner Arbeit zurück, während Chas ihm mit offenem Mund nachstarrte.

Während Dan Ziegelsteine vermauerte und im Geiste durchrechnete, wie viele Samstagnachmittage er würde arbeiten müssen, um das Geld zu verdienen, das sie brauchten, saß Fifi in der Wohnung und weinte.

Es waren inzwischen zwei Wochen vergangen, aber über der Dale Street lag noch immer eine Atmosphäre von Düsternis, und man gewann den Eindruck, dass die Nachbarschaft auf Dauer Schaden gelitten hatte.

Zum Teil lag das daran, dass die Polizei noch immer jeden verhörte, der bekanntermaßen einen Groll gegen die Muckles hegte. Frank war noch einmal zum Polizeirevier gebracht und stundenlang befragt worden. Stan hatte man noch länger dortbehalten. Keiner der beiden Männer hatte Näheres über sein Verhör berichtet, was weiteren Grund zu Klatsch und Tratsch gab. Anscheinend versuchte die Polizei auch, die Identität der Kartenspieler zu ermitteln, die am Freitagabend vor dem Mord bei Alfie gewesen waren.

Da Detective Inspector Roper ihr erklärt hatte, Angela sei am Samstagmorgen getötet worden, lange nachdem die Kartenspieler gegangen waren, verstand Fifi nicht, warum diese Nachforschungen von Belang sein sollten. Aber vermutlich musste die Polizei mit jedem sprechen, um sich einen Eindruck von Alfies und Mollys Stimmung am vorangegangenen Abend zu verschaffen.

In der vergangenen Woche waren Fifi und Dan in den Pub gegangen, um sich ein wenig zu entspannen. Aber anschließend hatten sie sich nur noch schlechter gefühlt, denn statt des erhofften Frohsinns hatten sie lediglich feststellen müssen, dass viele der Stammkunden sich in Kneipenanwälte verwandelt hatten und darüber diskutierten, ob Alfie hängen oder lebenslänglich eingesperrt werden sollte. Außerdem gab es dann noch jene, die damit prahlten, mehr über den Fall zu wissen als die anderen.

Einer dieser Männer, Johnny Milkins, ein ausgebuffter Typ, dem ein großer Gerüstbaubetrieb und -verleih gehörte, behauptete, Freunde bei der Polizei zu haben. Er meinte, die Polizei sei noch nicht endgültig davon überzeugt, dass Alfie oder Molly Angela getötet hatten. Diese Behauptung taten die anderen natürlich geringschätzig ab; sie glaubten nicht einmal, dass Johnny tatsächlich Freunde bei der Polizei hatte. Aber es musste so sein – Fifi wusste es –, denn er hatte etwas gesagt, das er nur von einem der Beamten gehört haben konnte, die am Schauplatz des Verbrechens gewesen waren.

Johnnys genaue Worte waren: »Ein Kerl, der pervers genug ist, um seine eigene siebenjährige Tochter zu ficken, würde sich nicht die Mühe machen, sie mit einem sauberen Laken zuzudecken. Das hat jemand anderer getan, nachdem sie erstickt wurde.«

Schon sehr bald nach dem Mord war auch der sexuelle Missbrauch durchgesickert. Und dieses Wissen war es, das bei den Menschen wilden Hass und Abscheu erregte. Aber das Laken war nie erwähnt worden.

Fifi ging im Geiste noch einmal jede noch so winzige Einzelheit dessen durch, was sie an jenem Tag in Nummer elf gesehen hatte. Das saubere Laken war das Einzige, das nicht ins Bild passte. Jedes Bett im Haus war wie ein schmutziges Rattennest gewesen, warum also sollte Alfie auch nur auf den Gedanken gekommen sein, nach einem sauberen Laken zu suchen, um das Kind zuzudecken? Fifi hatte gedacht, es könnte vielleicht in einem Augenblick der Reue geschehen sein. Oder vielleicht war darin lediglich der Versuch zu sehen, Angela zu verbergen, für den Fall, dass ein anderes Familienmitglied die Tür öffnete. Aber was auch immer der Grund dafür gewesen sein mochte – es passte weder zu Alfie noch zu sonst jemandem aus der Familie.

Doch wenn Angela nicht von ihrem Vater oder ihrer Mutter getötet worden war, bedeutete das, dass der wahre Mörder sich noch auf freiem Fuß befand. Er konnte mitten unter ihnen leben, im Pub mit ihnen trinken, im Laden an der Ecke einkaufen. Jedes Kind in der Nachbarschaft konnte sein nächstes Opfer sein!

Fifi versuchte nach Kräften, diese vage Angst zu unterdrücken, denn sie schien vollkommen unbegründet zu sein, doch je länger sie über die Dinge nachgrübelte, die John Milkins gesagt hatte, desto nervöser wurde sie.

Johnny schien tatsächlich eine Menge über die polizeilichen Nachforschungen zu wissen. Er behauptete, Alfie habe ausgesagt, er sei bei dem Kartenspiel abends zuvor so betrunken gewesen, dass er früh zu Bett gegangen und die anderen Männer, deren Namen er noch immer nicht nennen wollte, allein gelassen habe. Da die Kartenspieler sich häufig irgendwo in seinem Haus zum Schlafen hinlegten, sei es, so behauptete Alfie, durchaus möglich, dass einer von ihnen in das oberste Stockwerk gegangen und zu dem Kind ins Bett gekrochen sei.

Außerdem sagte Alfie, er habe Angela am Tag zuvor erklärt, dass sie nicht mit dem Rest der Familie ans Meer fahren werde, da sie unartig gewesen sei. Als er sie am nächsten Morgen habe weinen hören, habe er sie ignoriert und nicht einen Blick in ihr Zimmer geworfen, bevor er das Haus verlassen habe.

Mehrere Leute in der Dale Street hatten bestätigt, dass am Abend zuvor vier oder fünf Männer zum Kartenspielen bei Alfie gewesen seien. Außerdem hatten verschiedene Nachbarn einige der Männer gegen halb drei gehen hören, hielten es aber für möglich, dass einer oder zwei von ihnen in Alfies Haus zurückgeblieben sein könnten. Außerdem war es vorstellbar, dass sie noch dort gewesen waren, nachdem Alfie und seine Familie zu ihrem Tagesausflug aufgebrochen waren. Anscheinend hatte die Polizei in dem Raum, in dem Angela gefunden worden war, noch andere Fingerabdrücke entdeckt, und einige davon gehörten zu keinem der Muckles.

»Niemand wünscht sich mehr als ich zu glauben, dass Alfie es getan hat«, meinte Johnny und schlug mit seinen massigen Fäusten auf die Theke. »Aber es ist noch keineswegs ausgemachte Sache, dass er es war. Die Spurensicherung hat Fingerabdrücke von sämtlichen Gläsern genommen, die während des Kartenspiels benutzt worden waren, aber bisher konnten sie noch nicht mit irgendwelchen Namen in Verbindung gebracht werden. Wie ist das möglich? Jeder Freund von Alfie müsste doch ein ellenlanges Vorstrafenregister haben. Und warum sollte ein Stück Scheiße wie Alfie diese Typen schützen? Er muss Angst vor ihnen haben, das ist der Grund.«

Fifi bekam den Rest von Johnnys Überlegungen nicht mehr mit, weil Dan in aller Eile aufbrach, um sie von dieser Runde wegzubringen. »Ich habe wahrhaftig genug zu dem Thema gehört«, brummte er, »und du, Fifi, solltest besser aufhören, ständig darüber nachzugrübeln.«

Aber sie konnte nicht damit aufhören. Es war in ihren Gedanken von dem Augenblick an, wenn sie morgens erwachte, bis sie spät-abends einschlief. Im Geiste ging sie die Beobachtungen jenes Tages wieder und wieder durch und analysierte sie mit großer Sorgfalt. Doch es gab noch immer mehr Fragen als Antworten, und Johnny hatte diese Fragen nur noch vermehrt.

Sie versuchte, sich die Szene in Nummer elf an jenem Morgen vorzustellen. Angela, die im Bett lag und weinte, weil sie verletzt war. Die restlichen Mitglieder der Familie, die in aller Gemütsruhe in ihre besten Kleider schlüpften, um für den Tag ans Meer zu fahren.

Alfie war ein Monstrum, daran bestand kein Zweifel. Aber war es menschenmöglich, dass er kurz vor ihrem Aufbruch nach oben gegangen war, ein Kissen auf Angelas Gesicht gedrückt und sie erstickt hatte, um dann zu einem Picknick ans Meer zu fahren?

Irgendwie erschien ihr ein Kissen als die denkbar unwahrscheinlichste Waffe für einen Mann, der normalerweise Fäuste, Schüreisen oder Stöcke benutzte.

Doch wenn Alfie in diesem Fall unschuldig war, warum um alles in der Welt weigerte er sich, die Namen der anderen Männer zu nennen? Fifi hätte erwartet, eine Ratte wie er würde sofort zu quietschen anfangen, wenn sein eigenes Leben auf dem Spiel stand. Das ließ darauf schließen, dass noch etwas weit Größeres hinter all dem steckte. Oder aber Alfie wusste, dass die Staatsanwaltschaft nicht genug Beweise für eine Verurteilung hatte.

Die Polizei war vor einigen Tagen noch einmal bei Fifi gewesen und hatte sie gefragt, ob sie irgendeinen der Kartenspieler, die im Haus der Muckles ein und aus gegangen waren, kenne oder identifizieren könne. Ihr war nur ein einziger Mann aufgefallen; er war hochgewachsen, und sie schätzte ihn auf etwa fünfzig. Aber sie konnte sich nicht an sein Gesicht erinnern, sondern nur daran, dass er einen sehr eleganten grauen Anzug getragen hatte. Diese Aufmachung war ihr für ein Gelage bei Alfie sehr unpassend erschienen. Doch am Abend des letzten Kartenspiels hatte sie niemanden kommen sehen, da Dan und sie vor dem Fernseher gesessen hatten und die Abendsonne so grell gewesen war, dass sie die Vorhänge zugezogen hatten.

»Entspricht es eigentlich der Wahrheit, dass Sie nicht ganz von Alfies und Mollys Schuld überzeugt sind?«, hatte Fifi die Polizisten frank und frei gefragt.

Zu ihrer Enttäuschung hatten sie keine persönliche Meinung dazu geäußert. »Jeder hat bis zum Beweis seiner Schuld als unschuldig zu gelten, Mrs. Reynolds. Wir ermitteln selbstverständlich in verschiedene Richtungen«, hatte ein Beamter sehr kurz und abweisend erklärt. Danach war sie nicht klüger gewesen als zuvor.

Es machte die Sache auch nicht besser, dass Dan sich weigerte, mit ihr über die Ereignisse jenes schrecklichen Tages zu reden. Wann immer sie das Thema zur Sprache brachte, verfiel er in Schweigen. Einige Male war er sogar wütend davongegangen. Und sie hatte Angst, er würde eines Abends nicht mehr zurückkommen.

»Ich werde morgen den ganzen Tag arbeiten«, erklärte Dan, als sie sich abends fürs Bett fertig machten.

Fifi, die sich gerade das Nachthemd über den Kopf zog, fuhr herum und fragte ihn nach dem Grund.

»Wegen des zusätzlichen Geldes natürlich, Liebling«, antwortete er müde, als wäre die Antwort offenkundig. »Ohne das Geld können wir nicht hier wegziehen. Warum gehst du morgen nicht zu einigen Makler-Agenturen und lässt unseren Namen notieren?«

Ein Teil von Fifi sagte ihr, dass Dan nur vernünftig war, aber der andere Teil war argwöhnisch. Die Samstagnachmittage waren immer etwas Besonderes für sie gewesen. Dan badete und zog sich um, wenn er mittags nach Hause kam, dann aßen sie zusammen und unternahmen häufig noch einen Ausflug.

Selbst als sie schwanger gewesen war und er wegen der zusätzlichen Bezahlung Überstunden gemacht hatte, hatte er samstags nachmittags nicht gearbeitet, weil ihm die Zeit mit Fifi wichtiger gewesen war. Der Tag von Angelas Ermordung war bisher die einzige Ausnahme gewesen, und damals hatte er nur gearbeitet, um seinem Boss einen Gefallen zu tun, weil dieser ihm seine Stelle so lange offengehalten hatte.

»Wenn es das ist, was du willst«, entgegnete sie mürrisch, stieg ins Bett und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Sie erwartete, dass er ihr folgen und versuchen würde, sie in den Arm zu nehmen. Aber darauf wartete sie vergebens. Stattdessen drehte er sich in die andere Richtung, und sie lagen Rücken an Rücken nebeneinander.

Wie gewöhnlich schlief er sehr schnell ein, was Fifi noch mehr verärgerte. Sie verstand nicht, warum er sich so sehr verändert hatte. Er schien sie nicht mehr zu mögen, geschweige denn zu lieben. Bedauerte er es inzwischen, sie geheiratet zu haben? Glaubte er, dass er als Junggeselle glücklicher wäre, wenn er jeden Abend mit seinen Kollegen in den Pub gehen könnte?

Als er am nächsten Morgen aus dem Bett sprang, musste sie einmal mehr daran denken, wie es früher gewesen war. Vor Angelas Tod war er immer nur widerwillig aufgestanden, hatte sie fest an sich gedrückt und erklärt, dass er alles geben würde, wenn er hätte bei ihr bleiben können. Jetzt konnte er es gar nicht erwarten, von ihr fortzukommen.

Nachdem er gegangen war, blieb Fifi im Bett liegen und weinte. Es regnete heftig, und der Gedanke an einen weiteren langen Tag, den sie eingepfercht in der Wohnung verbringen würde, war beinahe unerträglich. Der August war fast vorüber, und der ganze Sommer war verstrichen, ohne dass sie auch nur einen einzigen Tag am Meer verbracht hatte. Im nächsten Monat würde ihr erster Hochzeitstag sein, und sie musste unweigerlich an die Anfangszeit ihrer Ehe denken. Sie hatten kaum voneinander lassen können und waren ins Bett gesprungen, sobald sie von der Arbeit nach Hause gekommen waren; die Liebe war weitaus wichtiger gewesen als Mahlzeiten.

Dan hatte jede Kleinigkeit über sie wissen wollen. Geschichten aus ihrer Kindheit, von ihren Freunden, von den Menschen in der Kanzlei. Er hatte wissen wollen, was sie dachte, wovon sie träumte. Und ihr war es umgekehrt genauso ergangen.

Seit ihrer Fehlgeburt hatten sie nur ein einziges Mal miteinander geschlafen. Das lag vielleicht mehr an ihr als an ihm; sie war wehleidig, und der Gips an ihrem Arm störte sie. Aber Dan hatte sich keine allzu große Mühe gegeben, ihr Interesse zu wecken. Seit dem Mord wirkten sogar seine Umarmungen halbherzig. Vermutlich befürchtete er, Zärtlichkeiten könnten in ihr den Wunsch wecken, über den Mord zu sprechen. Und er wollte nichts davon hören.

Aber wie sollte sie mit den Bildern jenes Tages in ihrem Kopf umgehen, wenn niemand sie darüber sprechen ließ? Außerdem musste sie wissen, was geschehen war, wer die Tat begangen hatte und warum. Bevor sie auf diese Fragen keine Antworten hatten, würden all diese Dinge sie verfolgen. Früher einmal hatte Dan sich so verständnisvoll gezeigt. Warum war er jetzt so anders?

Doch Dan war nicht der Einzige, der nicht mit ihr reden wollte. Miss Diamond schützte Eile vor, wann immer sie Fifi begegnete. Frank öffnete ihr nicht die Tür, wenn sie anklopfte. Stan schenkte ihr zwar ein trauriges Lächeln, ließ sich aber in kein Gespräch verwickeln, und Yvette war anscheinend überhaupt nicht mehr zu Hause.

Sie mussten doch alle die gleichen Gedanken und Fragen haben, die sie selbst bewegten? Wenn die Muckles Angela getötet hatten, was hatten sie dann mit ihrem Leichnam vorgehabt? Hatten sie das Kind in ihrem Garten vergraben wollen? Oder wollten sie einen Wagen mieten und die Leiche irgendwo hinbringen? Wie hatten sie Angelas Verschwinden erklären wollen? Und hätte irgendjemand genug Interesse an dem Kind gezeigt, um Fragen zu stellen?

Und wenn nicht die Muckles die Mörder des Kindes waren, was war dann in Nummer elf geschehen? Wer waren diese Leute, deren Namen Alfie nicht nennen wollte? Es war einfach zu viel, ständig über diese Dinge nachgrübeln zu müssen.

Kurz nach neun Uhr hörte Fifi Miss Diamond wie jeden Samstagmorgen die Treppe fegen. Nachdem Fifi sich das Handgelenk gebrochen hatte, hatte ihre Nachbarin auch die Treppe zu ihrer Wohnung mit übernommen.

Von dem verzweifelten Wunsch erfüllt, mit jemandem zu reden, stand Fifi auf, zog sich eine Jeans und eine Bluse an und öffnete die Schlafzimmertür. Miss Diamond stand nur wenige Stufen unter ihr auf der Treppe und hantierte mit einer kleinen, steifen Bürste und einem Kehrblech. Sie hatte den blauen Nylonkittel an, den sie stets bei der Hausarbeit trug, aber ihr Haar war so tadellos frisiert wie immer.

»Ich werde diesen Teil der Treppe wieder übernehmen können, sobald der Gips runter ist«, sagte Fifi. »Und ich werde dann Ihre Treppe mit übernehmen, weil Sie so lange für mich geputzt haben.«

»Sie werden Ihren Gips jetzt bald wieder los sein, nicht wahr?«, fragte die ältere Frau und blickte lächelnd zu Fifi auf. »Sie können es sicher kaum erwarten.«

»Es ist jetzt nur noch gut eine Woche«, antwortete Fifi. »Ich freue mich so sehr darauf, mich in der Badewanne aalen zu können; es ist nicht dasselbe, wenn man einen Arm aus dem Wasser halten muss. Und es wird schön sein, wieder zur Arbeit zu gehen.«

»Ich denke oft, dass es schön wäre, nicht zur Arbeit gehen zu müssen.« Miss Diamond hielt nachdenklich inne. »Aber so verlockend die Vorstellung auch erscheint, den ganzen Tag für mich zu haben, würde ich mich bestimmt in kürzester Zeit langweilen. Außerdem denke ich, dass ich auch meine Kollegen vermissen würde, obwohl ich immer über sie schimpfe.«

Fifi war sehr froh darüber, dass ihre Nachbarin zu einer Unterhaltung aufgelegt zu sein schien.

»Mir fehlen Menschen, mit denen ich reden kann«, gestand sie. »Ehrlich gesagt, bin ich seit Angelas Tod ziemlich verzweifelt. Die Sache lässt mir einfach keine Ruhe.«

Miss Diamond warf ihr einen scharfen Blick zu. »Sie müssen dagegen angehen«, erklärte sie energisch. »Die Muckles sind eine abscheuliche Bande, und es lohnt sich nicht, auch nur eine Sekunde lang über sie nachzudenken.«

»Wollen Sie denn nicht wissen, was genau da passiert ist? Haben Sie nicht auch viele Fragen? Sie müssen doch die Leute gesehen haben, die dort drüben ein und aus gegangen sind. Können Sie der Polizei nicht einige von ihnen beschreiben?«

»Nein, ich will nicht wissen, was dort vorgefallen ist.« Die ältere Frau klang entrüstet. »Ich habe mein Möglichstes getan, die Muckles und all ihre Besucher zu ignorieren. Diese Familie ist absoluter Abschaum, Tiere, die eingeschläfert gehören. Natürlich ist es schrecklich, dass das kleine Mädchen tot ist, aber zumindest wird es nicht mehr leiden müssen. Und wir haben endlich ein wenig Frieden.«

Diese zynische Betrachtungsweise schockierte Fifi. »Wie können Sie einen Frieden genießen, der durch den Tod eines Kindes gewonnen wurde?«

Miss Diamond stützte sich auf das Geländer und sah Fifi eindringlich an. »Sie erinnern mich an mich selbst, als ich in Ihrem Alter war«, sagte sie. »Fürsprecherin der Unterdrückten und Gescheiterten. Es ist bewundernswert, Mitgefühl zu haben, Fifi, doch Sie müssen das Mitgefühl mit Realismus mäßigen.«

»Ich bin sehr realistisch«, entgegnete Fifi entrüstet.

Miss Diamond schüttelte den Kopf. »Nein, das sind Sie nicht, meine Liebe. Wenn Sie es gewesen wären, hätten Sie Dan nicht die Aufgabe überlassen, Ihnen eine Wohnung in London zu suchen, und Sie wären nicht hier gelandet. Ich habe Sie lachen hören, als Sie damals eingezogen sind. Sie fanden es romantisch, an einem so schäbigen Ort zu leben. Unrealistischer kann man ja wohl nicht sein.«

Fifi reckte das Kinn vor. »Ich konnte damals nicht herkommen und nach einer Wohnung suchen, und das hier war das Einzige, was Dan finden konnte und wir uns leisten konnten. Warum hätte ich es nicht meinem Mann überlassen sollen, eine Wohnung für uns zu suchen? Wollen Sie damit andeuten, dass etwas mit ihm nicht stimmt?«

»Ganz und gar nicht. Er ist ein anständiger und sehr liebenswerter Mann«, erklärte Miss Diamond schulterzuckend. »Aber er hat nicht dieselben Möglichkeiten gehabt wie Sie, Fifi. Wenn Sie sich damals auf die Suche nach einem Quartier gemacht hätten, hätten Sie diese Wohnung abgelehnt, nicht wahr?«

»Ja, wahrscheinlich«, pflichtete Fifi ihr bei. »Doch er wünschte sich sehnlichst, dass wir wieder zusammen sein konnten, also musste ich das Beste daraus machen. Und welche Entschuldigung haben Sie dafür, dass Sie hier gelandet sind? Ich will nicht unhöflich sein, aber für mich klingen Sie wie jemand, der im Glashaus sitzt und mit Steinen wirft!«

Die ältere Frau kniff die Augen zusammen. »Ich hatte gewiss nicht so viel Glück im Leben wie Sie«, erwiderte sie schneidend. »Ich brauchte dringend ein Dach überm Kopf, und ich musste meinen einzigen warmen Mantel verkaufen, nur um die Vorauszahlung für die Miete leisten zu können. Bevor ich eine Arbeit bekam, habe ich von Brot und Margarine gelebt, und ich hatte nicht einmal einen Schilling für das Gas. Aber eine solche Not können Sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen.«

Die Andeutung, sie sei ein verwöhntes, reiches Mädchen, das ohne einen Gedanken an weniger vom Glück begünstigte Menschen durchs Leben segelte, schmerzte Fifi. Aber sie war schon früher auf ähnliche Vorurteile gestoßen, und sie wusste, dass es nur eine einzige Möglichkeit gab, damit umzugehen: Sie musste das Gespräch fortsetzen und hoffen, ihre Anteilnahme und ihr Einfühlungsvermögen unter Beweis stellen zu können, indem sie Interesse an ihrem Gegenüber zeigte.

»Es ist schwer zu glauben, dass Sie jemals harte Zeiten durchgemacht haben. Ich meine, Sie haben eine gute Stellung, und ihre Kleidung ist immer makellos.« Sie hielt inne, denn sie wusste nicht recht, was sie sonst noch sagen sollte. »Und Sie sind eine echte Dame.«

»Ich bin zur Dame erzogen worden, das stimmt. Genau wie Sie, Fifi. Aber ich habe den Fehler gemacht, mich in den falschen Mann zu verlieben, und das hätte mich beinahe zerstört.«

Bei dieser Bemerkung flammte sofort Fifis angeborene Neugier auf. In vier Monaten war sie keinen Schritt weitergekommen bei dem Versuch, irgendetwas über diese Frau in Erfahrung zu bringen, und obwohl das heute gar nicht ihre Absicht gewesen war, würde sie sich eine solche Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen. Sie setzte sich auf die oberste Treppenstufe. »Wollen Sie mir davon erzählen?«

Miss Diamond wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. »Das ist nichts, worüber ich gern rede oder auch nur nachdenke«, erwiderte sie entschieden. »Lassen wir es dabei bewenden, dass er ein absoluter Lump war.«

»Wirklich?« Fifi spitzte fasziniert die Ohren. »Erzählen Sie mir doch von ihm, Miss Diamond. Wenn Sie es nicht tun, werde ich den ganzen Tag darüber nachgrübeln.«

Die andere Frau blickte wieder auf, und ein schwaches Lächeln spielte um ihre Lippen. »Sie können manchmal ein solches Kind sein, Fifi«, rief sie. »Sie wollen alles wissen. Über mich, über die Dinge, die auf der anderen Straßenseite vorgefallen sind. Über alles und jeden. Meine Tante sagte immer: ›Die Neugier war der Katze Tod.‹«

»Aber es ist doch nicht schlimm, wenn man sich für andere Menschen interessiert, oder? Nicht, wenn es hilft, sie zu verstehen.«

»Mag sein. Ich nehme an, wir sind tatsächlich das Endergebnis dessen, was uns widerfahren ist«, bemerkte Miss Diamond nachdenklich. »Ich war früher einmal ein warmherziger, vertrauensvoller Mensch voller Lebenslust. Wenn ich einen anständigen Mann geheiratet hätte, wäre ich vielleicht so geblieben, statt mich in einen humorlosen Keifteufel zu verwandeln.«

»Sie sind kein Keifteufel«, widersprach Fifi, obwohl diese Beschreibung bemerkenswert gut auf die Frau passte. »Sie waren so nett zu mir, nachdem ich mein Baby verloren hatte.«

»Das lag daran, dass ich wusste, wie Sie sich fühlten. Ich habe selbst ein Kind verloren, nachdem mein Mann mich verlassen hatte.«

Fifi sah den Schmerz in Miss Diamonds dunklen Augen. Offenbar war dies etwas, worüber sie normalerweise niemals sprach.

»Sie Arme!«, rief Fifi aus. »Es tut mir so leid. Kein Wunder, dass Sie ihn als Lumpen bezeichnen, obwohl ich noch weit schlimmere Ausdrücke für ihn wüsste.«

»Ich habe ihn im Laufe der Jahre mit allen möglichen Schimpfnamen bedacht, aber ich habe gelernt, mit den Dingen zu leben, die er mir angetan hat, indem ich mir meine eigene Halsstarrigkeit zum Vorwurf gemacht habe. Viele Leute haben mich vor ihm gewarnt, sehr viele, doch ich wollte nicht hören.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich von irgendjemandem täuschen lassen«, meinte Fifi. »Sie wirken so selbstsicher.«

»Das bin ich heute«, erwiderte Miss Diamond mit einem schiefen Lächeln. »Aber als ich in Ihrem Alter war, hat mein Herz meinen Kopf beherrscht, geradeso, wie es bei Ihnen der Fall ist.«

Fifi glaubte, einen warnenden Unterton in dieser Bemerkung zu hören. »Sie glauben doch nicht, dass Dan so ist wie Ihr Mann, oder?«

»Natürlich nicht«, erklärte Miss Diamond hastig. »Er ist ein guter Mann mit vielen großartigen Eigenschaften. Doch ich vermute, dass Ihre Familie ihn nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen hat?«

Fifi nickte unglücklich. »Und meine Mum wird gewiss niemals ihre Meinung ändern, was ihn betrifft«, sagte sie kläglich. »Aber in letzter Zeit benimmt sich Dan mir gegenüber so komisch, dass es mich nicht überraschen würde, wenn es zu einer Trennung käme.«

»Ach herrje.« Miss Diamond runzelte die Stirn. »Es tut mir leid, das zu hören, Fifi. Als ich das letzte Mal bei Ihnen oben war und wir zusammen Kaffee getrunken haben, hatte ich den Eindruck, dass Sie einander so nah waren.«

»Bis zu Angelas Tod war alles in Ordnung«, erklärte Fifi. »Doch jetzt scheint er ständig wütend auf mich zu sein.«

Die ältere Frau musterte Fifi eingehend. »Liegt das daran, dass Sie andauernd über den Mord und die Muckles reden?«

»Vermutlich ja«, gab Fifi ein wenig widerstrebend zu.

»Dann kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Ich an Dans Stelle würde Ihre morbide Faszination für die Gosse sehr befremdlich finden.«

Fifi sah ihre Nachbarin verwirrt an. »Wie meinen Sie das?«

»Ich habe Sie beobachtet, Fifi«, erwiderte Miss Diamond energisch. »Sie versuchen, den Menschen in dieser Straße zu beweisen, dass Sie eine von ihnen sind. Obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, warum Sie es erstrebenswert finden, sich mit diesem Abschaum zu identifizieren!«

»Reden Sie nicht so! Sie klingen genau wie meine Mutter«, rief Fifi.

»Natürlich! Das steckt dahinter, nicht wahr?«, sagte ihre Nachbarin beinahe triumphierend. »Ihre Mutter missbilligt Dan, deshalb versuchen Sie, sich mit der anderen Seite zu verbünden.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, entgegnete Fifi empört. »Ich habe nicht versucht, mich mit irgendjemandem zu verbünden. Ich finde einfach, dass man nett zu den Leuten sein sollte. Nur weil sie arm sind, sind sie nicht weniger wert als andere.«

»Ich nehme keinen Anstoß an einem Menschen, nur weil er arm ist«, entgegnete Miss Diamond. »Aber lassen Sie sich gesagt sein, dass die meisten Menschen in dieser Straße genauso viel Geld haben wie Sie oder ich. Sie können nur nicht damit umgehen. Man kann sie Abend für Abend zur Imbissbude hinuntergehen sehen. Wenn sie zu Hause kochen würden, würden sie jede Woche mehrere Pfund sparen. Wenn sie nicht so viel trinken würden, könnten sie Kleider für ihre Kinder kaufen, statt von Fürsorgegeldern zu leben, die sie niemals zurückzahlen werden. Und sie müssten dann auch nicht jede Woche ins Pfandhaus gehen. Oh, ich könnte noch dutzende von Beispielen nennen, aber ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinauswill.«

»Ich verstehe tatsächlich! Sie sind ein Snob«, rief Fifi. »Vielleicht sind einige der Leute hier ein wenig leichtsinnig und chaotisch, doch im Leben geht es nicht nur darum, mit Geld umgehen zu können. Das Leben ist dazu da, es zu genießen. Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie allzu viel Spaß haben, trotz Ihrer schönen Wohnung und Ihrer guten Stellung.«

Die ältere Frau zuckte die Schultern. »Wenn Spaß bedeutet, dass man in den Pub geht und sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, dann kann ich gut darauf verzichten. Aber glauben Sie mir, Fifi, die Menschen hier werden Ihr Leben nicht bereichern, im Gegenteil, sie werden hinter Ihrem Rücken über Sie lachen, und sie werden Sie aussaugen und mit sich hinabziehen.«

»Das ist Unsinn«, beharrte Fifi.

»Nein, ist es nicht.« Miss Diamond schüttelte den Kopf. »Es ist lediglich eine Tatsache des Lebens. Sie hegen einen Groll gegen Sie, weil Sie gebildet und schön sind, sie missgönnen Ihnen all die guten Dinge, die Sie besitzen, Dinge, die im Leben dieser Menschen nicht vorkommen. Und jetzt hegen sie einen umso größeren Groll gegen Sie, weil Sie den Mut hatten, in dieses Haus zu gehen und nach Angela zu suchen.«

»Das ist nicht wahr.« Fifi begann zu weinen.

»Natürlich ist es wahr! Machen Sie die Augen auf, Kind. Diese Leute fühlen sich schuldig, weil sie wissen, dass sie schon vor Jahren etwas hätten unternehmen sollen. Selbstverständlich würden sie Ihnen sagen, dass es gegen ihre Ehre ginge, jemanden zu verpfeifen, doch das ist nichts als heiße Luft. In Wahrheit haben die meisten Bewohner dieser Straße mit ziemlicher Sicherheit selbst etwas zu verbergen, daher würden sie es nicht wagen, etwas gegen einen Nachbarn zu unternehmen – sie haben Angst, ihre eigenen Geheimnisse könnten herauskommen.«

»Dann kann ich Sie also nicht für mich gewinnen?«, fragte Fifi unter Tränen. »Meine Familie hat mich verstoßen, weil ich einen Mann aus der Arbeiterklasse geheiratet habe, aber bei seinesgleichen bin ich ebenfalls nicht willkommen! Was soll ich also tun?«

»Nach allem, was ich gehört habe, gilt Dans Treue niemand anderem als Ihnen. Also sehen Sie zu, dass Sie von hier fortkommen. Freunden Sie sich mit intelligenten, liberal denkenden Menschen an. Hören Sie auf, sich in Selbstmitleid zu suhlen, und vor allem: Hören Sie auf, darüber nachzugrübeln, was auf der anderen Straßenseite vorgefallen ist. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie Dan verlieren.«

Mit diesen Worten drehte Miss Diamond sich um und ließ Fifi sprachlos stehen, um den Rest der Treppe zu kehren.

Nach dem Gespräch mit ihrer Nachbarin zitterte Nora Diamond innerlich, und statt noch das Badezimmer zu putzen, wie sie es vorgehabt hatte, ging sie in ihre Küche und holte ihre Sherryflasche heraus. Sie missbilligte es, tagsüber zu trinken, aber Fifi hatte ihre Seelenruhe zerstört, und ein kleines Glas Sherry und eine Zigarette würden sie beruhigen.

Sie hatte eigentlich nicht so schroff zu der jungen Frau sein wollen, doch Fifis Bemerkung, sie müsse die Leute gesehen haben, die dort drüben ein und aus gegangen seien, hatte einen Nerv getroffen, sodass sie plötzlich das Bedürfnis gehabt hatte, sich zu verteidigen. Sie wusste nur allzu gut, dass sie zur Polizei gehen und den Namen des Mannes nennen sollte, den sie mehrfach in Nummer elf gesehen hatte. Aber wie hätte sie das tun können? Die Beamten würden fragen, woher sie ihn kenne, und das könnte sie nicht preisgeben. Außerdem hatte sie am Abend vor dem Mord keinen der Kartenspieler gesehen. Warum sollte sie sich in Gefahr bringen, obwohl ihre Informationen die Nachforschungen am Ende vielleicht gar nicht weiterbringen würden?

Der süße Sherry beruhigte sie, aber sie schämte sich noch immer für ihr Verhalten Fifi gegenüber. Fifi Reynolds war ein liebes Mädchen, und es war offenkundig, dass die Dinge, die sie im Haus auf der anderen Straßenseite erlebt hatte, sie furchtbar mitnahmen. Aber Nora konnte ihr nicht helfen, sie hatte ihre eigenen Sorgen, und im Gegensatz zu Fifi hatte sie keinen Mann, der sie beschützte.

Als Fifi später am Morgen das Wohnzimmer aufräumte, trieb ihr die Erinnerung an das Gespräch mit Miss Diamond die Schamesröte in die Wangen.

Sie hätte das Ganze gern mit einem Schulterzucken abgetan – was wusste diese Frau schon? Trotz ihrer guten Herkunft und ihrer herablassenden Art lebte sie schließlich noch immer hier.

Aber sie konnte nicht alle Äußerungen ihrer Nachbarin abtun. Miss Diamond hatte praktisch gesagt, dass Fifi dumm, schwach und irregeleitet sei. Ihre Mutter dachte mehr oder weniger genauso über sie. Aber so war sie doch nicht, oder?

Während sie auf die trostlose, regennasse Straße hinausblickte, konnte Fifi nicht umhin, sich zu wünschen, sie hätte noch einmal von vorn beginnen und diesmal über jeden ihrer Schritte gründlich nachdenken können. Sie hätte ihrer Mutter gleich nach ihrer ersten Begegnung mit Dan von ihm erzählen sollen, und ganz gewiss hätte sie ihn nicht so überstürzt heiraten dürfen.

In einem Punkt hatte Miss Diamond eindeutig Recht: Sie hätte selbst nach einer Wohnung suchen sollen, nicht Dan. Ihm als einfachen Arbeiter begegneten die Leute von vornherein mit Argwohn, doch sie hätte selbst einen sehr vorsichtigen Vermieter für sich einnehmen können.

Aber das war nun einmal geschehen und ließ sich nicht mehr ändern.

Als sie aus dem Fenster blickte, sah sie Yvette durch ihre Haustür gehen, daher beschloss sie, sie aufzusuchen und um ihre Meinung zu fragen.

»Ah, Fifi!«, rief Yvette, als sie die Tür öffnete. »Wie geht es Ihnen?«

»Gut, danke«, antwortete Fifi, obwohl sie den Tränen nahe war. »Könnte ich wohl hereinkommen und ein wenig mit Ihnen reden? Sie waren in letzter Zeit jedes Mal außer Haus, wenn ich angeklopft habe.«

»Ich ’abe ziemlich viel zu tun«, erwiderte Yvette.

»Nur für fünf Minuten«, flehte Fifi. »Ich habe Sie vermisst.«

Sie bemerkte, dass Yvette blass und erschöpft wirkte, und die dunklen Ringe unter ihren Augen legten die Vermutung nahe, dass sie in letzter Zeit nicht viel geschlafen hatte. Vermutlich machten die Ereignisse im Haus nebenan auch der Schneiderin schwer zu schaffen.

»In Ordnung«, seufzte Yvette. »Ich wollte mir ohne’in gerade einen Kaffee kochen.«

Nummer zwölf war genauso zugeschnitten wie alle anderen Häuser in der Straße, und Yvettes Wohnung war mit der von Frank identisch, mit zwei Räumen und der Küche am Ende des langen Gemeinschaftsflurs. Aber das Haus Nummer zwölf war sehr schmutzig und vernachlässigt. Die Tapete im Treppenhaus musste bereits vor dem Krieg angeklebt worden sein, und der Flur sah so aus, als wäre er seit Jahren weder gekehrt noch geputzt worden. Mr. und Mrs. Balstrode, die im oberen Stockwerk lebten, waren schon alt, daher konnten sie vielleicht nicht mehr selbst putzen, aber Fifi fragte sich doch, warum Yvette ihn nicht sauber hielt.

Yvettes Küche verriet jedoch, dass die Französin nicht viel Interesse an ihrer Umgebung hatte. Auch wenn der Raum nicht direkt schmutzig war, wirkte er schmuddelig und chaotisch. Yvette nahm einen Kaffeebereiter aus einem Regal, füllte Wasser hinein, gab zwei Teelöffel frisch gemahlenen Kaffee in den Filter und zündete die Gasflamme darunter an.

»Wird man Ihnen den Gips jetzt bald abnehmen?«, erkundigte sie sich.

Fifi fand es seltsam, dass die Leute ihr immer wieder diese eine Frage stellten, als wäre das wirklich wichtig. Auf der anderen Seite weigerten sie sich beharrlich, über ernstere Probleme mit ihr zu reden. »Nur noch eine Woche«, sagte sie. »Ich wünschte, ich könnte diese andere Sache genauso leicht überwinden. Finden Sie es nicht auch sehr hart?«

Yvette nickte und schaute zum Küchenfenster der Muckles hinüber, das, getrennt durch einen zwei Meter hohen Zaun, dem ihren gegenüberlag. »Ich finde es ’art, weiter ’ier zu leben.«

»Zumindest ist es jetzt ruhig«, entgegnete Fifi, doch als ihr bewusst wurde, wie gefühllos das klang, errötete sie. »Das hätte ich nicht sagen sollen!«

»Wir sollten die Dinge beim Namen nennen.« Yvette zuckte die Schultern. »Es ist jetzt ru’ig, und das ist gut. Ich vermisse den Ärger und die Streitereien gewiss nicht. Ich wünsche mir nichts mehr, als zu vergessen.«

»Das würde ich auch gern«, erwiderte Fifi. »Doch ich kann nicht aufhören, an die Muckles zu denken.«

»Das müssen Sie aber, Fifi«, erklärte Yvette tadelnd. »Sie sind es nicht wert, dass Sie auch nur einen Augenblick Ihrer Zeit auf sie verschwenden. Sie und Ihr Dan, Sie sollten ausge’en und sich amüsieren. Suchen Sie sich eine neue Wohnung und zie’en Sie fort.«

»Aber ich werde bei der Verhandlung als Zeugin aussagen müssen«, wandte Fifi ein. »Bis dahin werde ich nicht aufhören können, an sie zu denken.«

Das Wasser in dem Kaffeebereiter wallte auf, und der Kaffeeduft erfüllte die kleine Küche. Yvette holte zwei zierliche Porzellantassen und einen Milchkrug hervor. »Nur weil Sie als Zeugin aussagen müssen, ’eißt das nicht, dass Sie Ihr Leben nicht wieder in die ’and nehmen dürfen. Sie ’aben so viel durchgemacht, seit Sie Ihr Baby verloren ’aben, Fifi. Bringen Sie nicht noch mehr Kummer in Ihr Leben, indem Sie auch nur einen Augenblick auf diese Familie verschwenden.«

Yvette stellte den Kaffeebehälter auf ein Tablett. »Wir ge’en ins Wohnzimmer«, schlug sie vor. »Sie trinken eine Tasse Kaffee, wir plaudern ein wenig, dann ge’en Sie wieder nach ’ause.«

Es war eine große Enttäuschung, dass Yvette ihr nicht mit ihrer gewohnten warmherzigen Art begegnete. In der Vergangenheit hatte sie immer so viele Fragen gestellt; sie hatte sich selbst für die langweiligsten Dinge des Alltags interessiert. Als Fifi ihr erzählte, was Miss Diamond zu ihr gesagt hatte, zuckte sie lediglich die Schultern, und nach Fifis Klage darüber, dass Dan mit ihr nicht über Angelas Tod reden wollte, seufzte sie.

»Warum sollte er das auch tun?«, fragte sie. »Im Krieg ’aben wir schreckliche Dinge gesehen, aber danach mussten wir sie beiseite- schieben und weitermachen. Genauso ist es jetzt auch. Angela ist im ’immel besser aufgehoben, und die anderen Kinder sind glücklicher in ihrem neuen Zu’ause. Ich nehme an, Dan ’at das Gefühl, dass es einfach nicht mehr zu sagen gibt.«

»Ich kann das nicht so sehen«, erwiderte Fifi hitzig. »Es gibt so vieles, was einfach nicht passt. Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, ob es Alfie war, der Angela getötet hat, die Polizei äußert sich nicht dazu. Ich habe eine Frau im Laden sagen hören, dass Alfies ältere Töchter von ihm schwanger geworden seien. Ist das wahr?«

»Das weiß ich nicht«, erklärte Yvette und wandte den Blick ab, als wünschte sie, sie hätte Fifi niemals hereingelassen. »Aber Sie sollten sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, Fifi.«

»Irgendjemand sollte es tun, wenn es wahr ist!« Fifis Stimme schwoll an vor Ärger. »Wenn die Leute wirklich gedacht haben, dass er den älteren Mädchen das angetan hat, und wenn sie damals schon etwas unternommen hätten, wäre Angela vielleicht nicht gestorben.«

»Vielleicht«, sagte Yvette. »Doch Alfie wird sich eines Tages vor einer ’öheren Autorität verantworten müssen, geradeso wie Sie und ich.«

Fifi begann zu weinen. Sie hatte erwartet, Yvette würde genauso empfinden wie sie selbst. »Spüren Sie denn nicht all das Böse in dieser Straße?«, schluchzte sie. »Wir sind alle zum Teil mitverantwortlich für das, was geschehen ist. Aber wir waren zu feige, Molly und Alfie die Stirn zu bieten.«

Yvette zuckte abermals die Schultern. »Das Böse war schon immer in der Dale Street, es gibt ’ier viele gescheiterte Existenzen.«

»Wie meinen Sie das?« Fifi schnüffelte.

»Vielleicht müssen sie alle mit irgendetwas Schrecklichem aus ihrer Vergangen’eit leben. Sie können nicht so wie Sie für Angela empfinden, weil sie all ihre Tränen für sich selbst verbraucht ’aben.«

Fifi hielt einen Moment lang inne, um über diese Bemerkung nachzudenken. »Sind Sie auch so?«, fragte sie schließlich.

»Ich glaube, ja«, nickte Yvette. »Aber Sie, Fifi, Sie ’aben so viel – Liebe, Jugend, Schön’eit und Intelligenz, Ihr Leben ist gut.«

Das klang wie eine Neuauflage der Strafpredigt, die Miss Diamond ihr gehalten hatte. »Es fühlt sich aber nicht gut an«, stieß Fifi unter Tränen hervor.

»Ich denke, es wird Zeit, dass Sie erwachsen werden und sich vor Augen ’alten, wie viel Glück Sie ’aben«, sagte Yvette spitz. »Viele von uns mussten ohne Eltern groß werden. Ja, Sie ’aben Ihr Baby verloren, doch dasselbe geschieht vielen Frauen, und eines Tages werden Sie ein anderes Kind bekommen. Ge’en Sie jetzt nach ’ause, denken Sie an all die Dinge, die Sie ’aben, und seien Sie dankbar dafür.«

Fifi fühlte sich vollkommen entmutigt. Dan hatte die Geduld mit ihr verloren, Miss Diamond hatte abschätzig auf sie reagiert, und jetzt speiste Yvette sie mit Plattitüden ab und schickte sie wieder nach Hause.

»Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit in Anspruch genommen habe«, sagte sie schwach, dann stand sie auf und wischte sich die Tränen vom Gesicht. »Ich wollte Ihnen nicht zur Last fallen.«