Kapitel 2
Als alle am Tisch saßen, fragte Fifi sich nicht zum ersten Mal, warum sie so anders war als der Rest ihrer Familie.
Ihr Vater Harry, der am Kopfende des Tisches saß, war der Inbegriff dessen, was man von einem Akademiker erwartete: hochgewachsen und mager, mit hängenden Schultern, einer Brille, die ihm leicht schief auf der Nase saß, und einer ausgeprägten Stirn, die mit jedem Jahr größer zu werden schien, während sein Haaransatz sich immer weiter zurückzog. Seine braune Strickjacke betonte auf unvorteilhafte Weise seine blasse Haut, aber seine Frau hatte sie gestrickt, und da er von sehr freundlichem Wesen war, wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, sie zu Gunsten eines hübscheren Kleidungsstückes im Schrank zu lassen.
Obwohl es ein sehr starkes Band zwischen ihr und ihrem Vater gab, schien Fifi nichts von ihm geerbt zu haben, weder sein Aussehen noch seinen scharfen Verstand. Außerdem wünschte sie, er würde in familiären Belangen auf seiner Meinung beharren, doch er schloss sich stets in allen Punkten seiner Frau an.
Fifi mochte das Aussehen ihrer Mutter geerbt haben, damit endete die Ähnlichkeit jedoch auch schon. Im Augenblick machte Clara den Eindruck eines anmutigen, aber stets wachsamen Rehs. Sie sah zauberhaft aus in ihrem besten taubenblauen Wollkleid, mit der Perlenkette und dem zu einem adretten Knoten frisierten Haar, doch das starre, falsche Lächeln verdarb die Wirkung. Sie war schon zu den besten Zeiten kein gelassener Mensch, aber seit Dans Ankunft um drei Uhr war sie selbst für ihre Verhältnisse ungewöhnlich angespannt gewesen.
Peter und Robin, neunzehn und achtzehn Jahre alt, würden eines Tages offenkundig genauso aussehen wie ihr Vater. Sie hatten frische Gesichter und leuchtende Augen, und ihre Haltung war so aufrecht wie die eines Wachsoldaten; auf dem Sideboard stand ein gerahmtes Foto von ihrem Vater als jungem Mann, und man hätte ohne weiteres glauben können, das Bild zeige einen seiner Söhne. Allerdings hatten sie nichts von dem scharfen Verstand ihres Vaters mitbekommen – das Lernen fiel ihnen ausgesprochen schwer. Sie waren typische Vertreter einer ganz bestimmten Art von Mensch: fleißig, umgänglich, sanft und ohne viel Feuer.
Fifi spürte, dass ihre Brüder sich beide wünschten, sie hätten einen guten Grund, um sich von der Teegesellschaft zurückziehen zu können. Gewiss hatte ihre Mutter Robin und Peter von ihren Befürchtungen, was Dan betraf, nicht erzählt, doch die Atmosphäre, die Clara schuf, war in dieser Hinsicht ausgesprochen eindeutig.
Fifi hatte das Gefühl, dass ihre Brüder Dan mochten. Er hatte sie während des Nachmittags häufig zum Lachen gebracht, und sie warfen ihm hin und wieder bewundernde Blicke zu, aber es mangelte ihnen sowohl an gesellschaftlichem Schliff als auch an Mut, um die Missbilligung ihrer Mutter zu überspielen.
Patty, eine geborene Diplomatin, hatte ihr Bestes getan. Obwohl sie im Umgang mit Fremden im Allgemeinen recht scheu war – ihr war nur allzu bewusst, dass sie dick und pickelig war –, hatte sie sich große Mühe gegeben, Dan das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Sie hatte immer wieder versucht, das Gespräch auf Themen zu lenken, die sowohl ihn als auch ihre Brüder interessierten. Patty fragte nach den Häusern, die er baute, und nach seiner Beziehung zu den Architekten, dann wies sie ihn darauf hin, dass Peter Architektur studierte. Zu Fifis Enttäuschung ergriff Peter die Gelegenheit nicht beim Schopf, was mit einiger Sicherheit daran lag, dass Dan über mehr praktische Erfahrung verfügte als er selbst. Als Nächstes kam Patty auf Kricket zu sprechen, und für eine Weile unterhielten sich die Männer angeregt über diesen Sport, doch ihre Mutter wischte das Thema schnell vom Tisch, indem sie Dan abermals nach seinem Quartier fragte.
Fifi erinnerte sich recht gut an eine Begebenheit, als sie sieben Jahre alt gewesen war; damals hatte ihre Mutter sie heftig gescholten, weil sie ein anderes Kind mit Bemerkungen über die Löcher in seinen Schuhsohlen in Verlegenheit gebracht hatte. Clara hatte ihr erklärt, die Eltern des Kindes seien vermutlich sehr arm, und sie, Fifi, müsse Menschen gegenüber, die vom Glück weniger gesegnet waren als sie selbst, stets mit Takt und Freundlichkeit begegnen.
Was für eine Heuchlerin ihre Mutter doch war! Sie hatte immer behauptet, das Ende des Klassensystems willkommen zu heißen, und erklärt, dass intelligenten Kindern aus armen Elternhäusern dieselben Chancen gewährt werden sollten wie den Kindern der wohlhabenden. Doch jetzt, da ihre Tochter sich in einen Arbeiter verliebt hatte, war von all dem Takt und der Freundlichkeit nichts übrig geblieben.
Allein der Blick, mit dem ihre Mutter Dan begrüßt hatte, sagte Fifi, dass er sie niemals für sich würde gewinnen können. Clara betrachtete seine glänzenden, spitzen Schuhe und seinen Nadelstreifenanzug mit der modisch kurzen Jacke, als genügten diese Dinge, um zu wissen, dass er ein Taugenichts war.
Da es regnete, bot sich für Dan kaum Gelegenheit, sein Wissen über Pflanzen herauszustreichen, obwohl er sich wahrhaftig alle Mühe gab. Er trat an die Balkontüren im Wohnzimmer und bewunderte die Magnolie, die in voller Blüte stand.
Wenn es ihre Mutter überraschte, dass er den Namen des Baumes kannte, so ließ sie sich nichts davon anmerken, sondern stürzte sich fast sofort in ein Verhör, was seine Unterkunft betraf.
»Ist es eine Pension?«, fragte sie.
»So nennt die Vermieterin es – allerdings behandelt sie uns nicht wie Gäste«, erwiderte Dan mit dem für ihn so typischen breiten Grinsen. »Eher wie Leprakranke.«
Clara lächelte, aber das Lächeln drang nicht bis in ihre Augen vor, und Fifi konnte sehen, dass der Unwille ihrer Mutter wuchs. »Ich wollte eigentlich wissen, ob sie Ihnen das Frühstück und vielleicht auch das Abendessen richtet?«
»Nein, wir bekommen lediglich das Zimmer und das, was sie ›Service‹ nennt. Was lediglich bedeutet, dass sie die Papierkörbe leert und das Wenige an Teppich saugt, was nicht von Möbeln verdeckt wird.«
Clara erkundigte sich auch, wie Dan seine Wäsche erledigte und wo er sich sein Essen kochte. Als er sagte, dass er in eine Wäscherei weiter oben an der Straße ging und meistens in Cafés aß, hielt sie ihm einen Vortrag über die Bedeutung guter Ernährung. »Sie sollten selbst kochen lernen«, fügte sie hinzu.
»Ich kann recht gut kochen«, erwiderte Dan. »Das hat man uns im Kinderheim beigebracht. Aber wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, möchte ich nicht auch noch in der Küche stehen.«
Zu Fifis Erleichterung erzählte Dan nicht, dass diese Küche von Mäusen verseucht und schrecklich schmutzig war. Er konnte sich ja kaum dazu überwinden, dort eine Tasse Tee zu kochen. Außerdem würden sich die anderen Mieter über seine Einkäufe hermachen, würde er welche tätigen. Trotzdem war seine Antwort nicht besonders glücklich gewählt, denn sie ließ darauf schließen, dass er ein Faulpelz war.
Von da an versuchte ihre Mutter bewusst, Dan linkisch und dumm aussehen zu lassen, diesen Eindruck gewann Fifi immer mehr. Clara schnitt Themen an wie die Invasion von Kuba, die Erbauung der Berliner Mauer, die Ostermärsche und Rudolf Nurejews Entschluss, nicht in seine sowjetische Heimat zurückzukehren.
Fifi erwartete, dass Dan ebenso wenig wie sie in der Lage sein würde, diese Dinge zu diskutieren, und dass es ihrer Mutter gelingen würde, ihn wie einen Narren dastehen zu lassen. Aber er konnte tatsächlich zu jedem Thema etwas sagen, zumindest genug, um den Ball ihrem Vater zuzuspielen.
Er konnte allerdings der Versuchung nicht widerstehen, ihre Mutter ein wenig aufzuziehen, was Rudolf Nurejew betraf. »Es wäre doch nett gewesen, wenn er Atomwissenschaftler gewesen wäre oder sonst irgendetwas Nützliches gelernt hätte, doch ein Mann, der in Strumpfhosen auf der Bühne herumstolziert und mit seiner Möhre und seinen Zwiebeln angibt, scheint mir kein allzu großer Gewinn für den Westen zu sein«, bemerkte er.
Die Jungen lachten, Patty kicherte, und selbst ihr Vater lächelte. Aber ihre Mutter wirkte zutiefst gekränkt und erklärte herablassend:
»Ich liebe das Ballett. Für mich ist Rudolf der größte Tänzer aller Zeiten.«
»Mag sein, aber ich wette, dass weniger als ein Prozent der Bevölkerung jemals eine Ballettvorstellung besucht. Warum sollte man dem Mann also erlauben, hierzubleiben? Er hat in Russland wahrscheinlich ohnehin wie ein König gelebt.«
Fifi war schon früher aufgefallen, dass Dan, wann immer er sich unsicher fühlte, Zuflucht zu scherzhaften Bemerkungen nahm. Bei seinen Arbeitskollegen oder Bekannten im Pub kam er damit gut an, aber auf gebildete, ernsthafte Menschen wie ihre Eltern, die ihm zum ersten Mal begegneten, mussten solche Bemerkungen eher unhöflich und ungehobelt wirken.
Als sie sich zum Tee niedersetzten, waren auf den Wangen ihrer Mutter zwei rote Flecken erschienen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie vor Wut kochte. Fifi hatte keine Ahnung, wie sie die Situation entschärfen sollte, denn Dan tat sein Bestes, offen und freundlich zu erscheinen.
»Noch ein Stück Kuchen, Dan?«, fragte Clara am Ende der Mahlzeit. Sie hatte sich selbst übertroffen und mit eigenhändig zubereitetem Schinken und Salat geglänzt, mit Scones, Kuchen und einem aufwändigen Dessert, und jetzt hielt sie das silberne Kuchenmesser über den Rest der mit Puderzucker bestäubten Schokoladentorte.
»Ich würde sie ja gern davon befreien, aber ich habe keinen Platz mehr«, sagte Dan.
Fifi unterdrückte ein Stöhnen. Sie wusste, dass ihre Mutter diese Bemerkung nicht so auffassen würde, wie sie gemeint war. Und tatsächlich fuhr Clara Dan ärgerlich an.
»Es ist eins meiner besten Rezepte, und in dem Kuchen sind vier Eier«, erklärte sie mit vor Entrüstung erhobener Stimme. »Davon braucht mich niemand zu ›befreien‹, junger Mann.«
»Er wollte nicht unhöflich sein«, warf Patty hastig ein. »Er meinte, dass er den Kuchen köstlich findet, aber einfach nicht mehr essen kann. Habe ich nicht Recht, Dan?«
»Ja, natürlich. Es tut mir leid, wenn es falsch geklungen hat, Mrs. Brown«, versicherte Dan entschuldigend.
»Jedes einzelne Wort, das über Ihre Lippen kommt, klingt falsch«, fauchte sie. »Mir ist noch niemals ein so dummer, dreister Mensch wie Sie begegnet.«
Eine Sekunde lang herrschte vollkommenes Schweigen im Esszimmer. Patty, Peter und Robin starrten ihre Mutter entsetzt an. Selbst ihr Vater wirkte sprachlos.
Fifi sprang so schnell auf, dass das Porzellan auf dem Tisch klapperte. »Und du bist der unhöflichste Mensch, der mir je begegnet ist«, zischte sie ihrer Mutter zu. »Komm, Dan, wir gehen.«
Dan sprang nicht von seinem Stuhl auf, sondern erhob sich gelassen, wischte sich mit der Serviette die Lippen ab und legte sie wieder auf den Tisch. Sein breites Lächeln war erloschen, und auf seinem Gesicht stand ein trauriger Ausdruck. »Wenn ich dumm und dreist wirke, dann tut es mir leid«, sagte er, wobei seine Stimme ein wenig zitterte. »Aber Sie brauchten mich gar nicht kennen zu lernen, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich nicht gut genug für Fifi bin, nicht wahr?«
Dan erlaubte Fifi nicht, ihn weiter als bis zur Bushaltestelle zu begleiten. Dort küsste er sie zum Abschied und schickte sie trotz ihres Protests nach Hause zurück. Wenn sie den Abend mit ihm verbrachte, das wusste er, würde die Situation bei ihrer Rückkehr nach Hause nur umso schwieriger sein. Außerdem verspürte er das Bedürfnis, allein zu sein.
Im Bus ging er die Treppe hinauf, holte seine Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an. Ihm war übel vor Enttäuschung darüber, dass seine erste Begegnung mit Fifis Eltern so ein furchtbarer Fehlschlag gewesen war.
Er hatte nicht erwartet, von den Browns mit offenen Armen willkommen geheißen zu werden. Fifi hatte genug von ihrer Mutter erzählt, um ihm zu vermitteln, welch ein Snob sie war. Er war sich während des Tees seines unkultivierten Akzents nur allzu bewusst gewesen und hatte schlimme Ängste ausgestanden, dass ihm ein Ausrutscher unterlaufen und er sein Messer ablecken oder die Teetasse aus zartem Porzellan fallen lassen würde. Er wusste, dass er Mrs. Brown mit seinem Scherz über diesen Balletttänzer vor den Kopf gestoßen hatte, aber mit einer solchen Gehässigkeit hätte er niemals gerechnet. Jetzt nahm er einen tiefen Zug von seiner Zigarette und fragte sich, was er unternehmen sollte.
Etwas Derartiges war ihm bei Einladungen in die Häuser seiner Freundinnen noch nie passiert, und wenn jemand anderes so etwas zu ihm gesagt hätte, hätte er eine schneidende Bemerkung gemacht, wäre gegangen und hätte es der Frau überlassen zu entscheiden, ob er oder ihre Eltern ihr wichtiger waren.
Aber bei Fifi lagen die Dinge anders. Sie war etwas Besonderes, das hatte er vom ersten Tag an gewusst. Es war nicht nur ihr Aussehen, obwohl er ihr seidenweiches, blondes Haar, die sanften braunen Augen und ihre schlanke, aber wohl geformte Gestalt liebte. Sie unterschied sich von anderen Mädchen; sie plapperte nicht ständig von ihrer Arbeit, von schicken Kleidern oder alten Freunden, und sie lebte wie er für den Augenblick. Als sie ihn an jenem ersten Tag zur Gloucester Road geführt hatte, hatte er genau gewusst, dass die Straße nicht auf ihrem Heimweg lag. Sie hatte lediglich dafür sorgen wollen, dass er eine Unterkunft fand, und die Gelegenheit genutzt, ihn besser kennen zu lernen.
Er genoss es, wenn sie sich danach erkundigte, ob er auch genug Decken in seinem Bett oder eine anständige Mahlzeit zu sich genommen habe. Als er erkältet gewesen war, hatte sie ihm Medikamente gebracht und ihm eingeschärft, einen Schal zu tragen, wenn draußen ein kalter Wind wehte. Sie nahm auch Rücksicht auf seine Geldbörse, bestellte niemals das teuerste Gericht auf der Speisekarte oder erwartete die besten Plätze im Kino.
Ihre Küsse waren wie ein Blick in den Himmel, und allein die Berührung ihrer Hand gab ihm das Gefühl, jederzeit bereit zu sein, für sie zu sterben. Aber es war nicht nur die Tatsache, dass er vollkommen verrückt nach ihr war. Sie hatte all die einsamen, leeren Stellen in ihm ausgefüllt; sie gab ihm das Gefühl, alles erreichen zu können, was er sich vornahm. Er liebte ihre Eleganz, ihre Haltung und ihre Wärme. Doch Fifi war nicht so hart im Nehmen, wie sie es zu sein vorgab; sie mochte beteuern, dass er ihr mehr bedeutete als ihre Eltern, aber sobald ihre Mutter die Daumenschrauben anlegte, würde Fifi wohl kaum noch mit der Situation fertig werden.
Es war schon schwierig genug für sie beide, da sie keinen Ort hatten, an dem sie miteinander allein sein konnten. Die gestohlenen Küsse in Hauseingängen und an Bushaltestellen verloren schon bald ihren Reiz, vor allem wenn es kalt oder feucht war.
Fifi hatte von Anfang an klargestellt, dass sie beabsichtigte, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, und er hatte großen Respekt vor ihrer Einstellung, auch wenn es ihm in der Vergangenheit nicht schwergefallen war, die Mädchen in sein Bett zu bekommen. Er begehrte Fifi auf geradezu verzweifelte Weise; er dachte ständig an Sex mit ihr, von dem Moment an, da er morgens die Augen aufschlug, bis zur Schlafenszeit, doch da er sie liebte, war er bereit gewesen zu warten.
Heute jedoch war ihm klar geworden, dass ihre Eltern ihn niemals als Schwiegersohn willkommen heißen würden. Fifi mochte alt genug sein, um auch ohne ihre Zustimmung heiraten zu können, und vielleicht würde sie behaupten, es sei ihr gleichgültig, ob ihre Eltern der Verbindung ihren Segen gaben oder nicht. Aber er würde kein gutes Gefühl dabei haben; in einigen Jahren könnte es einen Keil zwischen sie treiben.
Dan befand sich in einer aussichtslosen Situation. Er wollte Fifi für immer, und im Grunde wäre er auch gern ein Teil ihrer Familie gewesen.
Ihre Brüder waren in Ordnung, ein wenig fade zwar, aber nach einigen Gläsern Bier wären sie vielleicht aufgetaut. Patty war genauso liebenswert, wie Fifi gesagt hatte, und auch ihren Vater würde er vermutlich auf seine Seite ziehen können. Mr. Brown hatte zwei linke Hände, und Dan konnte den wackligen Gartenzaun reparieren, das Dach ihres Sommerhauses flicken und ähnliche Dinge erledigen. Burschen mit Hirn wussten Leute zu schätzen, die solche Arbeiten verrichten konnten.
Aber bei ihrer Mutter lagen die Dinge vollkommen anders. Sie wünschte sich für Fifi natürlich einen Ehemann aus der obersten Schublade, doch hinter ihrem Verhalten musste noch mehr stecken. Dan hätte darauf gewettet, dass Clara ihren Mann geheiratet hatte, weil ihre Eltern ihn buchstäblich für sie ausgewählt hatten. Sie hatte in sechs oder sieben Jahren vier Kinder bekommen und wahrscheinlich niemals Spaß am Sex gehabt. Und wenn sie jetzt ihre schöne ältere Tochter sah, die glücklich verliebt war, wurde sie wahrscheinlich von Eifersucht zerfressen.
Das Eigenartige war, dass Dan Mitleid mit ihr hatte. Clara war offenkundig eine sehr gute Mutter gewesen, aber jetzt waren ihre Kinder alle in einem Alter, in dem sie von zu Hause fortgehen würden; vielleicht hatte sie Angst vor der Leere, die sie hinterlassen würden. Sie war noch immer recht jung und sehr attraktiv, doch wenn sie niemals große Leidenschaft oder auch nur ein wenig Spaß erlebt hatte, konnte man es ihr wohl kaum verübeln, wenn sie sich betrogen fühlte.
Zwei Mal während des Nachmittags hatte sie darauf angespielt, wie schwierig Fifi als Kind gewesen war, was darauf hindeutete, dass Clara diese Dinge nie ganz überwunden hatte. Er hatte sie danach fragen wollen, es jedoch nicht gewagt. Fifi dagegen schien sich daran zu weiden, als Kind für so viele Probleme gesorgt zu haben, was die Situation zwischen den beiden Frauen vermutlich noch verschlimmerte. Es gab gewiss viele Dinge, die sie miteinander hätten klären müssen, aber traurigerweise waren beide gleichermaßen halsstarrig. Vermutlich würden sie ihre Differenzen niemals beilegen.
Dan fragte sich, was jetzt im Haus der Browns vorgehen mochte. Clara konnte es Fifi kaum verbieten, sich weiter mit ihm zu treffen. Sie war gewiss auch nicht dumm genug, um ihre Tochter hinauszuwerfen. Schließlich musste sie wissen, dass Fifi in diesem Fall direkt zu ihm laufen würde. Also blieb Clara nichts anderes übrig, als ihr die kalte Schulter zu zeigen und auf diese Weise zu versuchen, ihren Widerstand zu brechen.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Als Kind hatte er nur allzu oft eine solche Behandlung erfahren, was schlimmer war als eine ordentliche Tracht Prügel. Und es hatte, wie er sich erinnerte, immer funktioniert. In wenigen Wochen würde Fifi Wachs in den Händen ihrer Mutter sein.
»Es ist nur ein Schauer. Es wird bald wieder aufhören«, sagte Dan optimistisch. Der schwere Regenguss kümmerte ihn im Grunde nicht, aber er machte sich Sorgen, weil Fifi kein Wort mehr von sich gegeben hatte, seit sie unter einem großen Baum Zuflucht gesucht hatten. Er befürchtete, sie werde ihm gleich eröffnen, sich nicht länger mit ihm treffen zu wollen.
Der schreckliche Nachmittag bei ihren Eltern lag jetzt einige Monate zurück, und bisweilen wünschte Dan sich, er wäre standhaft geblieben, als er kurz darauf versucht hatte, die Beziehung zu beenden. Er hatte damals geglaubt, es sei das Beste für Fifi, da ihre Mutter ihn niemals akzeptieren würde und ein Bruch ohnehin unvermeidlich sei.
»Meine Eltern werden sich schon bald anders besinnen«, hatte Fifi jedoch beteuert, »wenn nicht, werde ich ohnehin von zu Hause weggehen.«
Dan hatte ihr in beiden Punkten glauben wollen, aber jetzt war Ende August, und sie waren noch keinen Schritt weitergekommen. Clara Brown hatte keinen Zentimeter nachgegeben, und Fifi war nicht von zu Hause ausgezogen.
Soweit es Dan betraf, war er zufrieden, solange Fifi ihn liebte und er sie weiterhin sehen konnte. Doch im Laufe der Wochen hatte er gespürt, dass sie immer unglücklicher wurde, wie sehr sie sich auch bemühte, es zu verbergen.
Fifi sprach zwar nicht davon, aber vermutlich setzte ihre Mutter ihr ständig zu. An einigen Sonntagen hatte sie morgens verschwollene Augen und ein fleckiges Gesicht gehabt, und er hatte gewusst, dass es am Abend zuvor einen Streit gegeben haben musste.
Sie schlief nicht gut, das war nicht zu übersehen, und sie hatte häufig dunkle Ringe unter den Augen, außerdem stocherte sie in ihrem Essen herum, und sie hatte abgenommen. Dan konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie seinetwegen litt.
Sie hatte sich von all ihren alten Freunden losgesagt. Einerseits wollte sie ihre Zeit lieber mit ihm verbringen als mit ihnen, vor allem aber hatte sie das Gefühl, ihnen nicht mehr vertrauen zu können. Anscheinend hatten ein oder zwei von ihnen ihren Müttern vertrauliche Dinge erzählt, die diese dann wiederum an Clara weitergegeben hatten. Derartige Treulosigkeiten schmerzten Fifi. Ihre Brüder warfen ihr vor, die Stimmung im Haus zu verderben, und jetzt war Patty der einzige Mensch, der noch auf ihrer Seite stand.
Heute waren sie zu einem Spaziergang in die Leigh Woods hinausgefahren. Als sie an der Hängebrücke aus dem Bus gestiegen waren, hatte die Sonne noch hell vom Himmel geleuchtet, aber kaum waren sie im Wald angelangt, hatten sich die Schleusen des Himmels geöffnet. Dan spürte, wie niedergeschlagen Fifi war. Grübelte sie darüber nach, dass ihr ganzes Leben seit ihrer Begegnung mit ihm aus den Fugen geraten war?
»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte er leichthin, legte einen Arm um sie und zog sie dichter an sich.
»So viel sind meine Gedanken gar nicht wert«, antwortete sie düster.
»So schlimm, hm?«, fragte er. »Können wir nicht versuchen, Zauberaugen zu machen, und feststellen, was dann passiert?«
»Ich habe das bereits an Mum ausprobiert, aber selbst wenn ich ihren Snobismus und ihren Argwohn aus dem Gesamtbild entfernen und ihre dunkle Seele leuchtend weiß malen könnte, bliebe trotzdem nur eine Xanthippe übrig«, erklärte sie und versuchte, sich ein Lächeln abzuringen.
»Ich meinte auch nicht, dass du sie mit Zauberaugen betrachten sollst«, sagte Dan. »Mir geht es um andere Möglichkeiten: Du könntest zum Beispiel versuchen, dir mit einigen anderen Mädchen zusammen eine Wohnung zu nehmen. Oder zumindest noch einmal darüber nachdenken, dir ein möbliertes Zimmer zu suchen. Stell dir nur vor, wie schön es wäre, wenn wir irgendein hübsches Plätzchen hätten, an dem wir allein sein könnten.«
»Hm«, murmelte Fifi und vergrub den Kopf an seiner Brust. Es verging kaum eine Stunde am Tag, da sie sich nicht wünschte, mutig genug zu sein, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und sich irgendwo ein Zimmer zu suchen. Dan gegenüber gab sie vor, dass die Kosten sie daran hinderten, dass sie Angst davor hatte, alle Brücken zu ihrer Familie hinter sich abzubrechen, oder dass sie sich davor fürchtete, allein zu leben. Aber obwohl all diese Dinge durchaus ins Gewicht fielen, waren es auch Ausreden, denn in Wirklichkeit gab es einen ganz anderen Grund, warum sie nicht von zu Hause fort wollte: Sie wusste, dass sie und Dan ein Liebespaar werden würden, sobald sie mit ihm allein war.
Fifi träumte kaum von etwas anderem, sie begehrte ihn mehr als das Leben selbst, aber sie fürchtete die Konsequenzen. Zwei Mädchen aus ihrer Schule hatten heiraten müssen, weil sie schwanger waren. Sie hatte ihr Elend erlebt und die Enttäuschung ihrer Eltern, und sie hatte sich stets geschworen, dass ihr etwas Derartiges niemals widerfahren würde. Obwohl es ihr inzwischen nicht mehr wichtig war, ob sie ihre Eltern enttäuschte oder gar in Wut brachte, hatte sie keinesfalls die Absicht, ihrer Mutter zusätzliche Munition gegen Dan zu liefern. Außerdem wollte sie nicht unter solch düsteren Vorzeichen in die Ehe gehen.
Zu Hause war das Leben inzwischen unerträglich geworden. Ihre Mutter machte unablässig boshafte Bemerkungen über Dan. »Du stehst im Begriff, den größten Fehler deines Lebens zu begehen«, lamentierte sie immer wieder.
Meistens gelang es Fifi, Clara zu ignorieren, doch ab und zu schlug sie zurück, und das Ganze entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Streit. Wann immer das geschah, schockierte die Gehässigkeit ihrer Mutter sie aufs Tiefste; Clara redete über Dan, als wäre er ein Serienmörder. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, solche Szenen zu vermeiden: Sie musste so viel Zeit wie möglich außerhalb ihres Elternhauses verbringen.
Den ganzen Sommer hindurch hatte sie nur für die Stunden mit Dan gelebt, aber so glücklich sie miteinander waren, wurde die Freude doch von dem Wissen überschattet, dass sie am Abend nach Hause zurückkehren musste. Fifi verwendete ihren ganzen Einfallsreichtum darauf, für das Wochenende Unternehmungen zu ersinnen, die nicht viel kosteten – Picknicks, lange Spaziergänge, einen Tagesausflug nach Weston-super-Mare oder Bath. Aber bei schlechtem Wetter saßen sie dennoch in Pubs oder im Kino fest.
Jetzt standen sie hier in einem tropfnassen Wald, und einmal mehr verbarg sie ihre Gefühle, um Dan nicht zu verletzen. Sie hatte sich von ihren Freunden und von ihrer Familie entfremdet, weil sie ihn liebte. Doch sie bezweifelte, noch lange so leben zu können.
»Dann küss mich, damit ich dich aufmuntern kann«, sagte er und hob ihr Gesicht dem seinen entgegen.
Wie immer, wenn Dan sie küsste, stieg Erregung in Fifi auf, und als er die Hände unter ihre Bluse schob und nach ihrem BH-Verschluss tastete, drückte sie sich unwillkürlich an ihn, denn sie sehnte sich nach seiner Berührung. Gleichzeitig wusste sie jedoch, was als Nächstes geschehen würde: Ihrer beider Erregung würde wachsen, und wenn sie gezwungen war, sich zurückzuziehen, würde ein Gefühl quälender Leere zurückbleiben.
»Nicht, Dan«, murmelte sie und schob seine Hände von ihren Brüsten, konnte sich aber dennoch nicht von ihm lösen.
»Ich bin nur ein Mensch, Fifi«, seufzte er. »Ich kann an nichts anderes denken als an mein Verlangen, dich zu berühren.«
Fifi entwand sich seinen Armen, stand vom Boden auf und streifte die feuchten Blätter ab, die an ihrem Rock klebten.
»Was sollen wir tun?«, fragte sie wütend. »Wir verbringen unsere Zeit damit, ohne Ziel umherzustreifen. Wenn der Winter kommt, wird es noch schlimmer. Können wir nicht einfach heiraten, und die Sache ist erledigt?«
Dan erhob sich, trat hinter sie und schlang die Arme um ihre Taille, um ihren Hals zu küssen. »Das könnten wir, ja, aber was ist mit deinen Eltern?«
»Es interessiert mich nicht mehr, was sie denken«, erwiderte Fifi. In Wahrheit grenzten ihre Gefühle für ihre Mutter inzwischen an Hass, aber sie konnte sich nicht dazu überwinden, das offen einzugestehen. »Es ist mein Leben; ich sollte heiraten dürfen, wen immer ich will. Wenn es meinen Eltern nicht passt, dann ist das ihr Problem.«
»Wir könnten zum Standesamt gehen und einen Termin ausmachen«, schlug Dan vor. »Vielleicht würden sie ja ein Einsehen haben, wenn du ihnen einfach unseren Hochzeitstermin mitteilst?«
Fifi schüttelte den Kopf. »Ich könnte mir gut vorstellen, dass meine Mum mich an diesem Tag in meinem Zimmer einschließt. Wenn wir tatsächlich heiraten wollen, müssten wir es heimlich tun und es ihnen anschließend erzählen.«
Selbst in ihren verzweifeltsten Augenblicken war ihr dieser Gedanke nie in den Sinn gekommen, aber sobald sie ihn ausgesprochen hatte, wurde ihr plötzlich klar, dass dies die Lösung für alles war. Sie drehte sich in Dans Armen um, umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und lächelte. »Lass es uns tun! Was sollte uns daran hindern? Sobald wir den Termin vereinbart haben – ich glaube, man muss drei Wochen warten –, könnten wir uns eine Wohnung suchen, in die wir gleich danach einziehen könnten.« Mit einem Mal war sie so aufgeregt, dass sie die Ideen nur so hervorsprudelte. »Wäre es nicht wunderschön, ein eigenes Zuhause zu haben? Ich koche für dich, und du richtest die Wohnung her. Wir würden nicht mehr so viel Geld in Pubs verschwenden, und wir hätten es den ganzen Winter hindurch wunderbar gemütlich!«
Ihre Erregung war ansteckend, und Dan fing Feuer. »Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als morgens neben dir aufzuwachen und abends zu dir nach Hause zu kommen«, rief er mit leuchtenden Augen. »Und wir könnten so viel Geld sparen, wenn wir nicht ständig ausgehen müssten.«
»Ich habe ungefähr dreißig Pfund auf der Bank«, sagte Fifi aufgeregt. »Das ist mehr als genug, um Bettwäsche, Porzellan und ähnliche Dinge zu kaufen. Lass uns sofort zum Standesamt gehen und uns nach einem Termin erkundigen!«
Dan küsste sie. »Es regnet immer noch in Strömen«, rief er ihr ins Gedächtnis, erheitert über ihre Ungeduld. »Und am Samstag werden sie dort ohnehin alle Hände voll zu tun haben. Du könntest Montag in deiner Mittagspause hingehen. Wir brauchen sicher nicht mehr als unsere Geburtsurkunden.«
Fifis Gesicht umwölkte sich kurz, als ihr einfiel, dass ihre Mutter alle Dokumente der Familie in einer Schachtel in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte.
»Gibt es da ein Problem?«, fragte Dan.
»Ich werde die Urkunde meiner Mum stibitzen müssen. Aber das kann ich am Sonntag tun, während sie das Mittagessen zubereitet. Doch was ist mit dir? Hast du eine Geburtsurkunde?«
Er nickte. »Ja, die habe ich zusammen mit einer Bibel und einem Fünfer bekommen, als ich das Kinderheim verlassen habe. Ich habe die Ehre, zwei unbekannte Elternteile zu besitzen. Ich glaube, meine Geburt ist von der Polizei aufgenommen worden, und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich meinen Namen auch einem der Beamten zu verdanken.«
Fifi warf ihm einen Seitenblick zu. Obwohl sie wusste, dass er als Säugling ausgesetzt worden war, war ihr nie ganz klar gewesen, was das wirklich bedeutete, ebenso wenig wie sie darüber nachgedacht hatte, dass ein Fremder ihm seinen Namen gegeben haben musste.
»Sieh mich nicht so an«, sagte er und lachte. »Es hätte schlimmer kommen können; sie hätten mich zum Beispiel Oliver Twist nennen können.«
»Ich frage mich, warum deine Mutter dich weggegeben hat«, erwiderte sie nachdenklich.
»Wahrscheinlich hatte sie kein Geld.« Er seufzte. »Es war 1937, Wirtschaftskrise und all das. Ich war nur wenige Tage alt, daher muss sie absolut verzweifelt gewesen sein. Die Polizei hat sie nie aufspüren können, was darauf hindeutet, dass sie mich ganz allein zur Welt gebracht hat.«
Fifi schauderte. Allein die Vorstellung, ein Kind ohne Hilfe zur Welt zu bringen, war zu furchtbar, um dabei zu verweilen, geschweige denn, über die Gemütsverfassung seiner Mutter nachzugrübeln. »Oh Dan«, flüsterte sie bewegt und strich ihm zärtlich über die Wange. »Du Armer!«
»Ich Armer?«, kicherte er. »Das sagst du von einem Mann, der eine so zauberhafte Frau heiraten wird? Aber du musst trotzdem noch einmal gründlich über alles nachdenken, Fifi. Es ist ein gewaltiger Schritt, und du musst dir ganz sicher sein, dass du ihn tun willst, und zwar nicht nur, um deiner Mutter eins auszuwischen.«
»Das ist nicht der Grund, warum ich dich heiraten will«, beharrte sie, musste dann jedoch lachen. Es würde wirklich die perfekte Rache sein. »Ich will dich nur deshalb heiraten, weil ich dich so sehr liebe und weil ich keine Lust mehr habe, länger Zeit und Geld zu vergeuden.«
»Selbst wenn sich deine Eltern für immer von dir lossagen würden?«
»So, wie sie sich im Augenblick benehmen, wäre ich ganz dankbar dafür«, antwortete sie entschieden. »Wie dem auch sei, sobald sie begreifen, dass es ein Fait accompli ist, werden sie sich schon damit abfinden.«
»Das hoffe ich wirklich, mein Liebes«, entgegnete er und zog sie an sich. »Aber wir können uns nicht darauf verlassen.«
»In diesem hier wirken Sie ausgesprochen elegant, Madam«, sagte die Verkäuferin des Warenhauses Bright’s in Clifton, während sie den Reißverschluss am Rücken von Fifis Kleid hochzog. »Und mit diesem kleinen Jäckchen werden Sie auch nicht frieren.«
Fifi zog die kurze, eng anliegende Jacke an und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Es war bei weitem das beste Kleid, das sie anprobiert hatte. Es war aus cremefarbener, leichter Wolle geschneidert und am Rocksaum mit den kleinen Plisseefalten versehen, die der Twist so sehr in Mode gebracht hatte. Darüber hinaus war es kein richtiges Hochzeitskleid, sodass sie es auch später noch tragen konnte.
»Ich könnte es für ein oder zwei Tage zurücklegen, wenn Sie noch eine Freundin oder Ihre Mutter um Rat fragen wollen«, bemerkte die Frau.
»Nein, ich nehme es«, erwiderte Fifi. »Es kostet etwas mehr, als ich ausgeben wollte, aber es ist tatsächlich genau das Richtige.«
»Eine sehr kluge Entscheidung, Madam«, antwortete die Frau. »Sie haben eine so gute Figur, dass Sie alle Kleider tragen könnten. Doch in diesem hier sind Sie einfach atemberaubend.«
Fifi verließ das Kaufhaus und eilte die Park Street hinunter zurück ins Büro. Es war ihr gelungen, über Mittag zwei Stunden freizubekommen, aber sie würde dafür morgen länger arbeiten müssen. In ihrem Kopf wirbelten all die Dinge durcheinander, die sie in nur einer Woche noch erledigen musste, und das alles insgeheim. Aber jetzt, da sie ihr Hochzeitskleid und eine Wohnung hatte, glaubte sie, vielleicht ein wenig Ruhe zu finden.
Niemand, nicht einmal die Leute im Büro, wussten von ihrem Vorhaben, am zwanzigsten September zu heiraten. Dan hatte es seinem Vorarbeiter erzählt, und dieser Mann und seine Frau würden ihre Trauzeugen sein. Heute Abend nach der Arbeit würde sie das neue Kleid zusammen mit einer kleinen Tasche mit anderen Kleidern, die sie am Morgen aus dem Haus geschmuggelt hatte, in die Wohnung bringen.
Sie freute sich ungeheuer über die Wohnung, denn sie hatten großes Glück gehabt, sie zu bekommen. Sie hatten sich dutzende von Appartements angesehen, und die meisten waren entweder abscheulich oder viel zu teuer gewesen, und sie hatten schon langsam befürchtet, nicht mehr rechtzeitig etwas zu finden. Aber vor zwei Tagen war zufällig Mr. Pettigrew ins Büro gekommen; er war Vermieter und nahm gelegentlich die Dienste der Kanzlei in Anspruch, für die Fifi arbeitete. Sie hatte mit angehört, wie er ihrem Chef erzählt hatte, dass in einem seiner Häuser in Kingsdown eine Wohnung leer stehe.
Kingsdown war nach Meinung einiger Leute ein ziemlich primitives Viertel, was jedoch nur an den vielen großen, alten Häusern lag, die in einzelne Wohnungen unterteilt worden waren, und an den zahlreichen Studenten, die dort lebten. Aber das Viertel war vom Stadtzentrum aus mühelos zu Fuß zu erreichen und überdies eine recht lebendige Gegend.
Als Mr. Pettigrew das Büro verließ, passte sie ihn ab und fragte ihn, ob er sie als Mieterin in Betracht ziehen würde. Er war offenkundig hocherfreut darüber, die Wohnung nicht annoncieren zu müssen, und sie vereinbarten einen Termin für die Besichtigung.
Die Wohnung bestand nur aus einem einzigen Zimmer mit einer winzigen Küche und einem Bad, aber sie war sauber und hell, und man hatte von dort einen wunderbaren Blick auf Bristol. Fifi bezahlte sofort die Kaution und die erste Miete, und Mr. Pettigrew gab ihr die Schlüssel. Sie war so aufgeregt, dass sie fast den ganzen Weg zu Dans Zimmer in der Gloucester Road im Laufschritt zurücklegte, und bei ihrer Ankunft dort war sie völlig außer Atem und konnte kaum sprechen.
Am kommenden Samstag wollten sie einkaufen gehen, um all die Dinge zu besorgen, die sie für die Wohnung brauchten. Fifi konnte es kaum erwarten, das Doppelbett mit ihren Laken und Decken auszustatten, die Lebensmittel in die Küche zu räumen und ihre Kleider in den Schrank zu hängen. In einer Woche würde Dan sie als seine Braut über die Schwelle tragen.
Es war ein wenig traurig, dass keine vertrauten Menschen bei ihrer Hochzeit anwesend sein würden, aber nachdem sie sich im Sommer von ihren alten Freunden distanziert hatte, wagte Fifi es nicht, sich jetzt mit ihnen in Verbindung zu setzen. Die Gefahr war zu groß, dass sie wieder mit ihren Müttern sprachen und Clara zu früh von der Hochzeit Wind bekam. Aber vielleicht würden sie später eine kleine Party in der Wohnung veranstalten, sodass all ihre Freunde Dan kennen lernen konnten.
Sie hatte sich immer vorgestellt, in der Kirche zu heiraten, mit läutenden Glocken, Orgelspiel und Patty als Brautjungfer. Doch jetzt schienen ihr Hochzeitsgeschenke, Flitterwochen und all die anderen Dinge nicht mehr wichtig zu sein; was zählte, war nur die Tatsache, dass sie endgültig von zu Hause fortging und mit Dan zusammenleben würde.
In der Luft lag jetzt ein schwacher Geruch von Herbst, und die Blätter an den Bäumen färbten sich langsam rot. Sie konnte es kaum erwarten, sich vor dem Feuer an Dan zu kuscheln, statt durch die Straßen zu streifen oder in einem verräucherten Pub zu sitzen.
Am Morgen des zwanzigsten September aß Fifi in der Küche ihre Cornflakes zum Frühstück, als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Ihr Vater saß auf der anderen Seite des Küchentischs und las seine Zeitung, während ihre Mutter wie an jedem Morgen emsig damit beschäftigt war, Toast zu rösten, die Katze zu füttern und die Post zu öffnen. Ab und zu trat sie in den Flur hinaus, um Peter und Robin zur Eile anzutreiben. Patty war bereits zur Arbeit gegangen.
Seitdem sie am Standesamt den Termin für die Hochzeit ausgemacht hatten, hatte Fifi an nichts anderes mehr denken können. Aber jetzt, da es so weit war und sie wusste, dass sie am Abend nicht hierher zurückkommen würde, hatte sie Angst. Plötzlich erschienen ihr all die Dinge um sie herum so kostbar. Auf der Tür zur Speisekammer klebten alte Fotografien, von denen einige noch aus der Zeit stammten, als sie kaum hatte laufen können. An dem Trockengestell an der Decke hing wie immer feuchte Wäsche. Sie wusste, dass sie nur den Deckel der dreistöckigen Keksdose zu öffnen brauchte und darin allerlei Leckereien vorfinden würde. In Zukunft würde sie sich selbst das Frühstück zubereiten müssen, und sie würde ihre und Dans Kleider waschen und bügeln müssen. Sie würde alles selbst kaufen müssen, angefangen von Zahnpasta bis zu Waschpulver.
Sie sah ihre Mutter an. Wie immer war Clara voll bekleidet, bis hinunter zu ordentlichen Schuhen; ihre Mutter ließ sich niemals dazu hinreißen, in Pantoffeln und Morgenrock zu erscheinen. Jetzt inspizierte sie gerade die Speisekammer und erstellte eine Liste von Dingen, die sie einkaufen musste. Wahrscheinlich hatte sie bereits entschieden, was es heute Abend zu essen geben würde.
Fifi fragte sich, ob sie wohl in Tränen ausbrechen würde, wenn sie sie später anrief, um ihr mitzuteilen, dass ihre Tochter jetzt Mrs. Reynolds war und nicht mehr nach Hause kommen würde. Es war seltsam – die Vorstellung, ihre Mutter könne wütend sein, machte ihr nicht das Geringste aus, aber den Gedanken an Tränen konnte sie nicht ertragen.
»Du solltest dich besser ein wenig beeilen, Fifi, sonst wirst du noch zu spät kommen«, sagte Clara, ausnahmsweise einmal ohne ihre gewohnte Schärfe. »Du siehst heute Morgen ein wenig blass aus. Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Mir geht es gut«, erwiderte Fifi, bevor sie den letzten Schluck von ihrem Tee trank und aufstand. »Gott sei Dank regnet es heute Morgen nicht. Ich bin in dieser Woche bisher jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit nass geworden.«
Jetzt plagten sie Gewissensbisse. Sie würde ja überhaupt nicht ins Büro gehen. Zuerst würde sie zum Friseur gehen, dann würde sie ihren Blumenstrauß abholen und sich schließlich auf den Weg zu ihrer neuen Wohnung machen, um ihr Hochzeitskleid anzuziehen und auf das Taxi zu warten, das sie zu dem Standesamt in Broadmead bringen würde. Ihr Vater hätte mit ihr in diesem Taxi sitzen sollen, ebenso wie Patty. Konnte sie das wirklich alles ganz allein tun?
»Ich werde heute Abend Steaks und Nierenpastete zubereiten, also komm um Gottes willen direkt nach Hause, statt deine Zeit mit diesem nutzlosen Kerl zu verschwenden.«
Dieser boshafte Befehl ihrer Mutter riss Fifi aus ihrer sentimentalen Stimmung heraus. »Warum musst du mir den Tag verderben, indem du etwas so Abscheuliches sagst?«, fragte sie.
Clara sah sie verächtlich an. »Du verdirbst mir jeden Tag, indem du dich mit solchem Abschaum abgibst. Aber glaub mir, sobald du ihm erzählst, dass du ein Kind von ihm erwartest, wird er auf Nimmerwiedersehen verschwinden.«
Eine Sekunde lang fühlte Fifi sich versucht, ihrer Mutter ins Gesicht zu schlagen. Doch sie widerstand dem Drang; was sie später zu tun beabsichtigte, würde sie viel mehr verletzen. Außerdem scherte sie sich keinen Deut mehr um dieses Haus oder um ihre Eltern. Sie war froh, nie wieder eine Nacht hier verbringen zu müssen.
»Du hast so Unrecht, was Dan betrifft«, rief sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich frage mich wirklich, mit was für einer Art Abschaum du Umgang hattest, bevor du Dad kennen gelernt hast; du scheinst ja ausgesprochen viel darüber zu wissen.«
»Nur du kannst zu diesem Schluss kommen«, gab ihre Mutter hochmütig zurück. »Jetzt mach dich endlich auf den Weg, sonst wirst du nicht pünktlich im Büro sein.«
Als Fifi später beim Friseur saß, war sie nervös. Sie fürchtete, von einem Bekannten gesehen zu werden, der sie fragen könnte, warum sie nicht bei der Arbeit war. Während sie unter der Trockenhaube saß, lackierte sie sich die Nägel rosa und gab sich größte Mühe, nur an die vor ihr liegende Nacht mit Dan zu denken. Aber ihre Gedanken schweiften ständig ab und kreisten immer wieder um Patty.
Sie würde sehr gekränkt sein, weil Fifi sich ihr nicht anvertraut hatte. Wahrscheinlich würde sie die Beweggründe ihrer älteren Schwester niemals verstehen. Dabei hatte Fifi sich nur so verhalten, um dem Ärger ihrer Eltern zu entgehen.
Um halb zwei, gerade einmal eine Viertelstunde, bevor das Taxi kommen sollte, hatte Fifi Magenkrämpfe vor Nervosität. Allein in ihrer neuen Wohnung, erschien ihr alles so fremd. Sie hatte gebadet, ihr neues Kleid angezogen, sich geschminkt und den kleinen, rosafarbenen Rosenstrauß an ihrer Jacke befestigt. Aber jetzt, da sie mit allem fertig war, bekam sie plötzlich Angst.
Das mit der neuen Wäsche bezogene Bett wirkte beinahe bedrohlich. Was war, wenn sie keinen Spaß am Sex hatte? Angenommen, Dan wollte Dinge mit ihr tun, die ihr nicht gefielen?
Eine Frau im Büro hatte ihr und den anderen Mädchen einmal erzählt, dass ihr Mann in ihrer Hochzeitsnacht von ihr verlangt habe, seinen Penis in den Mund zu nehmen. Die anderen Mädchen hatten gelacht, weil die Frau hinzugefügt hatte: »Es war weniger sein Ding, das mich so sehr gestört hätte, sondern all die Anhängsel.«
Doch trotz des allgemeinen Gelächters hatte es Fifi angewidert, dass ein Mann etwas Derartiges von seiner Frau verlangen konnte. Sie selbst würde sich übergeben müssen, davon war sie überzeugt.
Da sie mit zwei Brüdern aufgewachsen war, hatte Fifi immer gewusst, wie ein männlicher Körper aussah, und es hatte bereits einige Männer gegeben – Dan eingeschlossen –, die sie dazu gebracht hatten, ihren Penis zu streicheln. Daher erwartete sie kein großer Schock, wenn Dan sich auszog. Aber angenommen, es war nicht so schön, wie sie es sich vorstellte? Was, wenn es wirklich wehtat?
Um sich von solchen Dingen abzulenken, öffnete sie den Kühlschrank und überzeugte sich davon, dass der Champagner, den Dan am Wochenende gekauft hatte, wirklich kalt war. Es war eigenartig, all die anderen Dinge darin stehen zu sehen, Butter, Käse, Schinken und Eier. Sie hoffte nur, das erste Frühstück, das sie für ihn zubereitete, nicht zu verpfuschen, denn alles sollte einfach perfekt sein. Aber sie war als Köchin nun einmal ein hoffnungsloser Fall. »Himmel, Fifi, du kannst nicht einmal ein Ei kochen«, sagte ihre Mutter immer. Vielleicht hätte sie Dan, was das betraf, vorwarnen sollen?
Im Augenblick schien ihr diese Überlegung allerdings weniger wichtig zu sein als der Gedanke an ihre Kleider und all die persönlichen Dinge, die sie zu Hause zurückgelassen hatte. Bisher hatte sie immer nur kleine Taschen mitnehmen können, damit ihre Mutter nicht bemerkte, dass etwas verschwunden war. Würde sie sie später noch einmal ins Haus kommen lassen, um den Rest abzuholen?
Das Läuten der Türklingel ließ Fifi zusammenfahren; sie griff sich ihre Handtasche und die Handschuhe und eilte zur Tür, wobei sie nur einen Moment lang innehielt, um noch einmal ihr Spiegelbild zu betrachten. Sie sah gut aus, wenn auch ein wenig blass. Fifi wünschte nur, jemand hätte sie begleitet.