17
Freddie fand eine Arbeit, sechs Stunden in der Woche, bei einer Frau namens Mrs. Mayer. Renate – sie bat Freddie, sie beim Vornamen zu nennen – wohnte auf dem Land, in Richtung Beaulieu Heath. Mit dem Rad war es eine ziemlich lange Fahrt, aber das hatte seine Vorteile. Lewis kannte Mrs. Mayer nicht und ebenso wenig kannten sie Lewis’ Freunde. Freddie erzählte Lewis, Mrs. Mayer sei eine Freundin, sie tränken zusammen Kaffee und unterhielten sich dabei. Das stimmte auch. Sie verriet ihm allerdings nicht, dass sie an den zwei Vormittagen in der Woche, die sie bei Mrs. Mayer war, Böden wischte, Badezimmer und Küche putzte und das Mittagessen kochte. Sie erzählte ihm auch nicht, dass sie von den zehn Schillingen, die sie jede Woche verdiente, sein Abendessen bezahlte. Lewis fragte nicht, woher sie das Geld für das Essen nahm, weil Lewis keine Ahnung hatte, was Lebensmittel kosteten. Er hatte in seinem Leben nie gekocht und war vom Internat über die Marine bis in die Ehe ununterbrochen von anderen versorgt worden.
Renate Mayer war Ende siebzig und verwitwet. Ihr Mann war Universitätslehrer gewesen, Professor der Chemie. Sie hatten nie Kinder gehabt, und vor dem Krieg, bevor Renate krank geworden war, große Reisen unternommen. Renates Haus war ein moderner Bau, hell und luftig, mit riesigen Fenstern und einem Balkon vor dem großen Schlafzimmer, das nach hinten zum Garten lag. Es gab keine Vorhänge, nur Jalousien in Creme und Grau, und keine großen Teppiche. Auf den Böden, teils aus Holz, teils gefliest, lagen verstreut kleine Läufer in dunklen Rot-, Braun- und Grautönen, eindrucksvoll gestaltet. Neben den offenen Kaminen und auf der Treppe standen große bauchige Töpfe, anthrazitgrau mit eingeritzten geometrischen Mustern und erdfarbene, sanft schimmernd glasierte Teller. Die Vasen und Teller stammten aus der Werkstatt von Bernard Leach, erklärte ihr Renate. Freddie staubte sie zweimal in der Woche ab.
An den Wänden des Hauses hingen Fotografien und Gemälde – ein abstraktes Ölbild in Schattierungen von Grün und Türkis, dramatisch akzentuiert mit orangefarbenen Lichtern, und ein Akt in Schwarz-Weiß, ein kontrastreiches Zusammenspiel weicher Rundungen und harter Schatten. Freddie erwähnte, dass sie Max Fischer kannte, worauf Renate erzählte, sie sei ihm einmal in einer Galerie begegnet und bewundere seine Arbeit. Danach waren sie Freundinnen.
Renate litt an einer rheumatischen Erkrankung. Manchmal plagte sie sich noch um neun Uhr, wenn Freddie kam, mit dem beschwerlichen Prozess des Aufstehens ab. An schlechten Tagen konnte sie zum Ankleiden eine Stunde brauchen. Sie wollte keine Hilfe, zog es vor, allein zurechtzukommen, aber sie freute sich, wenn Freddie sich mit ihr unterhielt, während sie mühsam eine geschwollene Hand durch den Ärmel kämpfte oder einen Knopf zumachte.
In diesem Winter schlug der Regen in Schwaden an das Panoramafenster von Renate Mayers Haus. Die hohen Bäume im Garten, die schwarzen Wipfel vom Wind gepeitscht, verschwammen hinter Wassermassen. An ihren schlechten Tagen saß Renate bucklig in einem Sessel, die verkrümmten Hände im Schoß, während ihr Blick hin und wieder zum Fenster flog, als fürchtete sie, dort lauere etwas auf sie. Wenn Freddie merkte, dass Renate zum Reden zu müde war, tat sie schweigend ihre Arbeit, fegte, wischte, staubte, mit ihrem Tuch den glatten, runden Konturen folgend, die Vasen ab. Sie war gern in Renates Haus. Es war so friedlich. Licht und Weite und die schlichte Schönheit der Dinge erzeugten eine Stimmung heiterer Ruhe, ganz anders als zu Hause, wo Anspannung und Gereiztheit greifbar waren und sie das Gefühl hatte, auf einem Seil zu balancieren, das jederzeit reißen konnte.
Lewis hatte nichts von Jerry Colvin gehört. Es kamen weder Brief noch Anruf, und Jerrys Haus blieb verschlossen und verriegelt. Lewis sagte, er werde schon alles regeln. Sie müssten nur durchhalten, bis sich etwas ergebe. Es bestürzte sie zu erkennen, dass sie ihm nicht mehr vertraute; und sie schämte sich, weil sie wusste, dass sie Geheimnisse vor ihm hatte.
Es war der zweite Samstag im neuen Jahr. Lewis arbeitete den ganzen Tag in der Werft. Freddie machte die Wäsche, kaufte ein, tauschte die Bibliotheksbücher um und schrieb Briefe. Um vier Uhr kam Lewis nach Hause. Sie tranken zusammen eine Tasse Tee, danach bügelte Freddie Lewis’ Hemd und stopfte ihre Strümpfe, weil sie abends ausgehen wollten, während Lewis eine elektrische Lampe reparierte, die immer wieder den Geist aufgab. Auf dem Weg zum Schuppen, um einen Schraubenzieher zu holen, sah er ihre Briefe auf dem Flurtisch liegen und erbot sich, sie zum Kasten zu bringen. Es sei doch schon dunkel, entgegnete sie, die Briefe hätten gut bis morgen Zeit. Ach was, kein Problem, sagte er, es sei ein schöner Abend, er könne ein bisschen frische Luft gebrauchen.
Am Abend waren sie bei den Renwicks zum Essen. Tim Renwick war Anwalt, und seine Frau Diane engagierte sich in allerhand wohltätigen Vereinen. Die Renwicks wohnten in einem großen georgianischen Haus im Zentrum von Lymington. Es waren noch zwei andere Paare eingeladen, Studienfreunde von Tim; die Frau des einen erwartete ein Kind. Als Diane den gebratenen Schweineschlegel servierte, fragte einer von Tims Freunden, wo sie so einen großen, saftigen Braten aufgetrieben habe. Diane tippte sich nur an die Stirn und lachte.
Freddie fiel auf, dass Lewis mehr trank als sonst. Oder mehr als er getrunken hatte, bevor diese Menge zur Gewohnheit geworden war. Er redete viel und ziemlich laut, und manchen seiner Anekdoten fehlte die witzige Pointe. Aber die Männer sprachen dem Alkohol alle kräftig zu, und auch einige der Frauen, außer Freddie und der Schwangeren. Vielleicht, überlegte Freddie, sollte sie auch noch ein Glas trinken, das würde sie animieren und Lewis könnte ihr hinterher nicht vorwerfen, sie habe sich keine Mühe gegeben. Sie trank also ziemlich schnell noch ein Glas Wein, merkte, wie sie lockerer wurde und spritziger im Gespräch. Sie flirtete sogar ein wenig mit den Männern und brachte die Frauen zum Lachen.
Es war nach Mitternacht, als sie aufbrachen. Lewis legte ihr den Arm um die Schultern und küsste sie. »War ich annehmbar?«, fragte sie, und er sagte: »Du warst phantastisch. Hinreißend. Danke dir, Darling.«
Als sie in ihre Straße einbogen, konnten sie im Licht des Vollmonds erkennen, dass vor ihrem Haus ein Auto parkte. Es dauerte einen Moment, bevor ihnen klar wurde, dass es ein Wagen der Polizei war.
»He, was ist da los?«, brummte Lewis. Er begann schneller zu gehen und dann zu laufen.
Freddie mit ihren hohen Absätzen kam nicht mit. Als sie sich endlich dem Haus näherte, sah sie, dass der Fahrer aus dem Wagen gestiegen war und mit Lewis sprach. Sofort stellte sie sich die schlimmsten Dinge vor – vielleicht hatte man in einer der zahllosen kleinen Schilfbuchten an der Küste Jerry Colvins Leiche gefunden …
Lewis sah verstört aus, als er sich ihr zuwandte.
»Es ist die Werft«, sagte er. »Es hat einen Brand gegeben. Das ganze verdammte Ding ist in Flammen aufgegangen.«
Von der Werft war nichts übrig. Die letzten zwei Wochen hatten sie trockenes Wetter gehabt, und die Holzbauten waren innerhalb von Stunden niedergebrannt. Hätten sie bei den Renwicks aus dem Fenster geschaut, so hätten sie vielleicht den Feuerschein über dem Wasser bemerkt.
Am nächsten Morgen ging sie mit Lewis zur Werft hinunter. Mit bleichem Gesicht starrte Lewis auf das Durcheinander bis zur Unkenntlichkeit verbrannter Gegenstände, die aus dem Haufen von Asche und verkohltem Holz herausragten. In der Luft lag ein beißender Geruch, und wenn man durch das Trümmerfeld ging, stiegen staubige Rauchwolken auf. Freddie musste an den Londoner Blitz denken. Schwarze Papierfetzen schwammen auf dem braunen Wasser des Meeresarms. Eine Handvoll kleiner Jungen hatte sich am Kai eingefunden und warf mit Steinen danach.
Lewis wurde von der Polizei und der Feuerwehr befragt. Es wurde telefoniert, Briefe an die Versicherung wurden geschrieben, Formulare ausgefüllt. Der Schadenregulierer, ein schmächtiger, kleiner Mann namens Simpson, kam zu ihnen nach Hause. Er saß den ganzen Vormittag mit Lewis im Wohnzimmer. Freddie, die in der Küche das Mittagessen machte, ertappte sich dabei, dass sie krampfhaft zu hören versuchte, was sie redeten. Als die Wohnzimmertür geöffnet wurde, fuhr sie zusammen.
Mr. Simpson wolle auch noch mit ihr sprechen, sagte Lewis. Ob sie etwas dagegen habe?
Nein, natürlich nicht, versicherte sie, obwohl sie aus irgendeinem Grund erschrak. Mr. Simpson räusperte sich und blickte auf seine Notizen. Mr. Coryton habe ihm gesagt, dass er am Samstagnachmittag gegen vier Uhr nach Hause gekommen sei. Sein Tonfall machte aus der Feststellung eine Frage.
Ja, antwortete sie.
Vielleicht könne Mrs. Coryton ihm kurz schildern, wie der Rest des Tages verlaufen sei.
Freddie zählte die banalen Einzelheiten auf: die gemeinsame Tasse Tee, das Bügeln, die Lampenreparatur. Um zwanzig vor acht seien sie dann zu den Renwicks losgegangen, sagte sie.
Ein neuerliches Räuspern.
»Und Ihr Gatte war die ganze Zeit mit Ihnen zusammen, Mrs. Coryton?«
»Wie lange soll das noch so weitergehen?«, unterbrach Lewis aufgebracht. »Sehen Sie nicht, wie sehr die Sache meine Frau mitgenommen hat?«
»Es ist schon gut«, sagte Freddie schnell. »Lewis war einmal draußen im Geräteschuppen, um einen Schraubenzieher für die Lampe zu holen, sonst waren wir die ganze Zeit zusammen, ja.«
Mr. Simpson dankte ihr. Lewis brachte ihn zur Tür. In der Küche schnitt Freddie die Kartoffeln auf und kippte sie in die Pfanne, und da fiel es ihr wieder ein.
Als Lewis zu ihr in die Küche kam, drehte sie sich um und sagte: »Die Briefe. Hast du ihm das mit den Briefen gesagt?«
»Was für Briefe?« Er hob einen Deckel und schaute in den Topf.
»Meine Briefe. Du hast sie doch zum Kasten gebracht.«
»Keine Sorge. Ich habe diesem widerlichen Schnüffler schon alles gesagt.« Er fasste sie um die Taille und küsste ihren Nacken. »Ich hab ein umfassendes Geständnis abgelegt, Frau Wachtmeisterin.«
»Und du hast ihm auch gesagt –«
»Was, Freddie?«
»Na ja, dass die Werft in finanziellen Schwierigkeiten steckt.«
»Natürlich nicht.« Sein Blick wurde kühl, und er ließ sie los. »Das hätte nur Ärger gegeben. Außerdem sind die Geschäftsbücher alle verbrannt. Ich sehe nicht ein, warum ich die Dinge noch komplizierter machen soll.«
»Aber wenn sie es herausfinden – das würde doch wahrscheinlich nicht gut aussehen.«
»Dann wollen wir hoffen, dass sie es nicht herausbekommen.« Er holte sich ein Glas aus dem Schrank. »Weißt du was, Schatz, lass uns übers Wochenende wegfahren, den Schlamassel hier eine Weile vergessen. Wir sind seit Monaten nicht mehr in London gewesen.«
Sie sah schweigend zu, wie er die Whiskyflasche aus dem Schrank unter dem Spülbecken nahm und aufschraubte. Dann sagte sie: »Ich finde, du solltest es ihnen sagen.«
Er fuhr herum. Seine Augen funkelten wütend. »Halt endlich den Mund, Freddie. Du hast doch keine Ahnung.«
Sie wich zurück wie vor einem Schlag. Konnte von seiner Liebe noch irgendetwas übrig sein, wenn er so mit ihr sprach?
Schweigen trat ein. Lewis schien um Beherrschung zu ringen. Er sagte: »Es kommt alles in Ordnung, verstehst du?« Er goss sich einen Fingerbreit Whisky ins Glas. »Es kommt alles in Ordnung.«
Dann lachte er. »Sie haben mir einen Haufen Fragen über Jerry gestellt. Ich musste ihnen sagen, dass er verschwunden ist. Ich glaube, sie halten ihn für den Brandstifter. Lächerlich – ich meine, kannst du dir vorstellen, dass der gute alte Jerry zu so etwas fähig wäre? Es war bestimmt irgendein achtloser Idiot, der da unten eine brennende Kippe weggeworfen hat. Diese Holzbauten brennen doch wie Zunder.«
Am nächsten Tag fuhren sie mit der Bahn nach London. Sie nahmen ein Zimmer im West-End-Hotel – das könnten sie sich von dem Versicherungsgeld gut leisten, sagte Lewis. Im Zimmer gab er dem Pagen ein Trinkgeld, und sobald dieser gegangen war, nahm er seine Krawatte ab, knöpfte den Hemdkragen auf und ließ sich mit einem tiefen Seufzer aufs Bett fallen. Minuten später war er eingeschlafen.
Freddie wusch sich Hände und Gesicht und legte frischen Lippenstift auf. Sie schlüpfte aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
Sie ging in den Green Park. Das Wetter war nicht sonderlich einladend, es war kalt und feucht, aber sie bemerkte es kaum. Sie musste nachdenken. Sie konnte nicht mehr klar denken, wenn Lewis dabei war. Sie musste sich beruhigen und aufhören, dauernd in Ängsten zu schweben. Nachdem sie eine Weile gelaufen war, setzte sie sich auf eine Bank. Lewis hatte ihr die Wahrheit gesagt, ganz bestimmt. Er hatte dem Sachverständigen erzählt, dass er kurz weg gewesen war, um die Briefe aufzugeben, das hatte er ihr selbst gesagt. Und eigentlich war es nur vernünftig von ihm gewesen, die schwierige finanzielle Lage der Firma nicht zu erwähnen. Wie er gesagt hatte, warum alles noch komplizierter machen?
Aber es half nichts, sie konnte das Unbehagen nicht abschütteln. Nicht nur der Brand oder selbst der Ton, in dem er mit ihr gesprochen hatte – Halt endlich den Mund, Freddie. Du hast doch keine Ahnung – hatten sie erschreckt. Viel schlimmer war, dass sie keine Zukunft mehr für sich sah. Sie und Lewis hatten so oft von vorn angefangen, die Verheißung eines weiteren Neuanfangs hatte nach all den Fehlschlägen nichts Verlockendes mehr, und das bittere Gefühl der Ernüchterung war längst Bestandteil ihrer Ehe. Lewis teilte sich ihr nicht mehr mit, und sie vertraute ihm nicht mehr. Sie wohnten unter einem Dach, aber jeder lebte sein eigenes Leben. Ihre Ziele waren nicht die gleichen und ebenso wenig, fürchtete sie seit einiger Zeit, ihre Moralvorstellungen. Es bedrückte sie so sehr, dass sie kaum atmen konnte. Und sie war so müde – sie war es so müde, ständig zu versuchen, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen, immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Als sie ins Hotel zurückkam, war Lewis nicht im Zimmer. Sie ging nach unten, um nach ihm zu schauen, und fand ihn schließlich in der Bar.
Er stand auf, als sie hereinkam. Er war sichtlich verärgert. »Wo bist du gewesen?«
»Spazieren.«
»Verdammt lange. Du hättest mir Bescheid sagen können.«
»Du hast geschlafen.«
»Dann hättest du mir eben einen Zettel hinlegen können.«
»Daran habe ich nicht gedacht. Ich brauchte ein bisschen Zeit für mich, das ist alles.«
Er sagte kalt: »Möchtest du etwas trinken?«
»Nein, danke. Ich nehme jetzt ein Bad.«
»Ich habe Marcelle angerufen.«
Sie sah ihn an. »Ach?«
»Ja, sie sagte, dass sie heute Abend ein paar Leute da hat, und hat uns dazu eingeladen.«
»Ich habe keine Lust.«
»Ich habe schon angenommen.« Er sah sie scharf an. »Mein Gott, ein paar Drinks. Streng dich doch ein bisschen an.«
Sie bemerkte, dass die anderen Gäste sie beobachteten, und sagte müde: »Meinetwegen, wenn es sein muss.«
Oben ließ sie sich ein Bad einlaufen, kippte etwas Badesalz hinein. Ihre Finger waren blau angelaufen; sie hatte gar nicht gemerkt, wie kalt ihr war. Sie streckte sich im Wasser aus und fühlte die Angst kommen und gehen, in Wellen über sich hinwegfluten. Hatte sie sich jemals so verlassen gefühlt? Nach dem Unfall vielleicht, als Tessa so schwer krank gewesen war. Aber die Verlassenheit damals war anders gewesen – bei allen Trennungen, und es waren manchmal lange Trennungen gewesen, bei all den Geheimnissen, die Tessa vor ihr gehabt hatte, hatten sie einander doch stets verstanden. Sie und Lewis verstanden einander nicht mehr: Sie wusste nicht mehr, was er für sie empfand. Und liebte sie selbst ihn überhaupt noch? Wohl doch, sonst könnte er sie nicht so tief verletzen. Im warmen duftenden Wasser schloss sie die Augen und wäre am liebsten eingeschlafen, um alle Ängste zu vergessen und nicht mehr denken zu müssen. Aber das Wasser kühlte ab, und schließlich stieg sie wohl oder übel aus der Wanne, wickelte sich in ein Badetuch und ging ins Schlafzimmer.
Etwas wie Trotz überkam sie, als sie den Schrank öffnete und die Kleider musterte, die darin hingen. Sie hatte ihr Lieblingskleid mitgenommen, schwarz-weiß gestreifte Seide, mit schmaler Taille und einem weiten wadenlangen Rock. Sie hatte es im Frühjahr gekauft, als sie Geld hatten – oder Geld zu haben schienen: Vielleicht war das auch nur ein Trugbild gewesen. Sie hielt den Granatschmuck vor das Kleid und bewunderte den tiefroten Glanz der Steine.
Als sie am Toilettentisch saß und sich schminkte, kam Lewis. Er nahm sich ein frisches Hemd heraus, Manschettenknöpfe, dann musterte er sie.
»Findest du das nicht ein bisschen viel für eine Cocktailparty?«
»Was?«
»Diese Kette.«
Wahrscheinlich hatte er recht. Freddie betrachtete sich im Spiegel. Die Steine waren übergroß und hatten in ihrem dunklen Feuer etwas Schwüles. Sie wirkten beinahe wie Talmi. Eine Mischung aus viktorianischer Prunksucht und Düsterkeit. Marcelle würde eine gediegene Perlenschnur tragen.
»Nein«, sagte sie kühl, »finde ich nicht.«
Im Taxi nach Chelsea sprachen sie kaum. Marcelles Haus hatte sich verändert, seit Freddie es das letzte Mal gesehen hatte, die Verwüstungen des Krieges waren beseitigt und übertüncht. Marcelle trug ein blassgrünes Kleid, eine Perlenkette und Perlenohrringe. Sie wurden mit großem Hallo und Küssen begrüßt. Eine Bedienung im schwarzen Kleid bot ihnen zu trinken an. Freddie sagte: »Sieh mal, Lewis, da ist Betty Douglas«, aber als sie sich nach ihm umdrehte, war er nicht mehr da. Sie beobachtete ihn, wie er von einer Gruppe zu anderen wechselte, lächelnd jetzt, die schlechte Laune vergessen, redend, lachend, voller Charme.
Stimmengewirr und Gelächter brachen sich an den hohen Zimmerdecken. Sie hatte hier früher schon Feste mitgefeiert, in den Tagen, als sie und Marcelle noch Freundinnen gewesen waren. Die Leute, in deren Kreis sie jetzt zufällig hineingeraten war, kannte sie nicht: ein Mann namens Alan Lockyear, der in Nordengland eine Landwirtschaft betrieb, eine Frau namens Pamela, der ein Modegeschäft gehörte, ihr Verlobter, Gus Morris, und schließlich George und Alexandra – den Nachnamen hatte Freddie wegen des Lärms nicht verstanden –, er groß, mit schütter werdendem Haar und rotem Gesicht und einem Hang zur Weitschweifigkeit, wenn man ihm nicht Einhalt gebot; sie schlank und attraktiv, mit heller sommersprossiger Haut und kastanienbraunem Haar, das am Hinterkopf in einer Rolle hochgesteckt war. Sie wirkte misslaunig, und ihr gelangweilter Blick schweifte unablässig durch den Raum.
Alan, Pamela und Gus verschwanden irgendwann, aber George erzählte ihr immer noch in allen Einzelheiten, was für Pläne er mit seinem Haus in Norfolk hatte. Es schien ein großes Haus zu sein – George erwähnte einen Ballsaal und Stallungen. Seine monotone Stimme hatte etwas Einschläferndes, und Freddie hörte bald nur noch mit halbem Ohr zu.
»Das Problem sind die Gesimse und der Stuck«, sagte George. »Heutzutage ist ja nirgends ein ordentlicher Handwerker aufzutreiben. Die Frage ist, ob wir gleich anfangen oder bis nach Roses Geburtstag warten. Marcia hat mir klipp und klar erklärt, dass wir zu ihrem einundzwanzigsten auf jeden Fall den Ballsaal brauchen.«
»Georgie«, unterbrach Alexandra gereizt, »Rose will ihren Geburtstag nicht feiern. Sie hat es mir selbst gesagt.«
»Sicher, Darling, sicher. Aber das tut hier nichts zur Sache.«
Rose, dachte Freddie, und hörte plötzlich wieder zu. Rose, Marcia, George und Alexandra. Und ein Haus in Norfolk.
»Haben Sie einen Bruder, der Jack heißt?«, fragte sie.
George zog die Brauen hoch. »Ja, habe ich. Er muss hier irgendwo sein. Kennen Sie ihn?«
Jack war hier. Ja, sie kenne ihn, sagte Freddie, die plötzlich große Sehnsucht hatte, ihn zu sehen. Sie bemerkte, dass Lewis sich mit Denzil Beckford unterhielt, ließ ihren Blick weiterwandern und erkannte ihn am hellen Haar.
Mit einer Entschuldigung zu George und Alexandra drängte sie sich durch das Gewühl. »Jack«, sagte sie.
Er drehte sich um. »Freddie!« Sie erinnerte sich an dieses Lächeln, amüsiert und mit einem Anflug von Übermut. Und an die blauen Augen und die Spur von Eitelkeit, die der gut sitzende Anzug und die italienische Seidenkrawatte verrieten. Sie konnte den Blick nicht von ihm wenden, registrierte alles, was sich verändert hatte und was nicht.
»Das ist wirklich eine Freude«, sagte er. »Wie geht es Ihnen, Freddie? Sie sehen wunderbar aus. Kann ich Sie nicht doch noch überreden, mit mir durchzubrennen?«
Zu ihrem Entsetzen sprangen ihr unversehens Tränen in die Augen. Sprachlos, mühsam blinzelnd stand sie da und brachte kein Wort heraus.
»O Gott«, sagte Jack. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und sah sie an. »Es tut mir so leid, Freddie. Kommen Sie, ich hole Ihnen noch etwas zu trinken.«
Als er zurückkam, hatte sie sich wieder im Griff. Er sagte: »Was bin ich für ein taktloser Idiot. Da quassle ich von Italien los … Sie haben an Ihre Schwester gedacht, nicht wahr? Hier, trinken Sie einen Schluck.«
Sie trank von dem Gin und ließ ihn in dem Glauben, sie hätte wegen Tessa geweint, obwohl es nicht so war – sie hatte geweint, dachte sie, weil ihr plötzlich bewusst geworden war, wie heil und sicher und frei von Komplikationen ihr die Vergangenheit und diese außergewöhnliche Reise mit Jack Ransome im Vergleich zu den bedrückenden Wirrungen ihrer Ehe erschien.
»Marcelle hat mir von Tessa erzählt«, sagte er. »Es hat mir so leid getan, Freddie.«
Marcelle Scott, dachte sie, die Quelle allen Klatschs. Aber es rührte sie, dass Jack sich an Tessas Namen erinnerte. »Danke.« Sie wechselte schnell das Thema. »Ich habe mich eben mit Ihrem Bruder George unterhalten. Er hat mir von seinen Stuckdecken erzählt.«
Jack lachte schallend. »Na, wenn man sich dabei nicht zu Tode langweilt.« Er sah sie forschend an. »Geht es denn?«
»Ja, ja. Ich bin nur ein bisschen müde.«
»Kommen Sie, suchen wir uns einen ruhigeren Ort.«
Jack führte sie in einen kleinen Salon im hinteren Teil des Hauses. Ein dicker Mann mit roter Nase schlief, die Weste aufgeknöpft, in einem Ohrensessel. Ein junges Mädchen von vielleicht zwölf lag auf einem Teppich und las in einem Buch.
»Hallo, Peggy«, sagte Jack. Das Mädchen lächelte ihn kurz an und vertiefte sich wieder in sein Buch.
Sie setzten sich ans Fenster. »Ist Lewis auch hier?«, fragte Jack.
»Ja, irgendwo. Er hat sich vorhin mit Denny unterhalten.«
»Und wo wohnen Sie jetzt?«
»An der Südküste, in Lymington.«
»Und – gefällt es Ihnen?«
Die nächste Entdeckung: Sie wollte nicht nach Lymington zurück. Sie hatte Angst vor der Rückkehr.
»Sehr«, antwortete sie. »Es ist schön, endlich ein eigenes Haus zu haben. Wir sind gern an der See.«
»Was treibt Lewis so?«
»Er hatte eine Bootswerft.«
Jack runzelte die Stirn. »Hatte?«
»Wir hatten vor zehn Tagen einen Brand.«
»Ist der Schaden groß?«
»Es ist alles abgebrannt. Das Büro, die Helling, alles.«
»Das ist ja furchtbar. Der arme Lewis, was für ein Schlag.«
»Ja.«
»Aber er hat doch sicher eine Versicherung?«
»O ja.« Sie dachte an Mr. Simpsons Besuch, an den Verdacht der Versicherungsgesellschaft gegen Jerry Colvin. War es möglich? Konnte wirklich Jerry die Werft angesteckt haben?
Sie lächelte ihn an. »Und Sie, Jack? Was treiben Sie? Ich könnte mir vorstellen, dass es heutzutage für Ihre Talente nicht mehr die ganz großen Entfaltungsmöglichkeiten gibt.«
»Oh, Sie würden sich wundern. Bei aller Freundschaft möchte doch jeder Staat immer gern wissen, was der andere tut. Nach dem Krieg war ich zwei Jahre im diplomatischen Dienst. Danach, ich weiß auch nicht, ich hatte auf einmal genug. Es bekam langsam einen kleinen – na ja, Beigeschmack. Dieser ständige Lug und Trug. Im Krieg war das sicher notwendig, aber jetzt lässt sich das nicht mehr so leicht rechtfertigen. Es fängt an, das eigene Denken zu beeinflussen. Man sieht die Leute an und fragt sich, wie sie wirklich sind, was hinter der Fassade vorgeht. Kurz und gut, ich habe dann gekündigt und bin nach Italien zurückgegangen.«
»Nach Rom?«
»Ja, da habe ich ja während des Krieges gelebt, wie Sie wissen, und ich wollte die Menschen wiedersehen, die mir damals geholfen haben. Ach, und außerdem habe ich ein Buch geschrieben.«
»Ein Buch? Wirklich?«
»Jetzt tun Sie nicht so erstaunt. Ich bin durchaus fähig, ein paar logische Sätze aneinanderzureihen. Man könnte es vielleicht als eine Art Reisememoiren bezeichnen, obwohl das entsetzlich bombastisch klingt.«
»Du meine Güte, Jack, wie beeindruckend. Und sonst – sind Sie verheiratet? Kinder?«
»Leider nichts dergleichen, nein.«
»Sie konnten also Gabriella nicht überreden, Sie zu heiraten?«
»Dazu ist Gaby viel zu vernünftig. Außerdem habe ich auf Sie gewartet, Freddie. Als ich hörte, dass Sie Lewis Coryton geheiratet haben, war ich am Boden zerstört.«
Sie sprachen über Jacks Familie, sein Leben in Rom und über gemeinsame Freunde. Dann fuhr der Mann in der Weste mit einem lauten Schnarcher aus dem Schlaf, setzte sich auf, sagte: »Um Gottes willen, wie spät ist es? Ich sollte doch die Schwiegerleute kennenlernen«, und verschwand in Windeseile.
Freddie sah auf die Kaminuhr. Es war halb neun. »Ich sollte jetzt auch besser gehen. Mal sehen, was Lewis macht«, sagte sie. »Es war schön, mit Ihnen zu reden, Jack. Und wirklich eine Freude, Sie wiederzusehen.«
Sie küsste ihn auf die Wange und kehrte in den großen Salon zurück. Die Gesellschaft hatte sich gelichtet; es war nur noch ungefähr ein Dutzend Gäste da, und ein kurzer Blick genügte ihr, um zu sehen, dass Lewis sich nicht unter ihnen befand. Sie begann, ihn in den verschiedenen Räumen des Erdgeschosses zu suchen, ging dann ins Souterrain hinunter, wo in der Küche eine ältere Frau mit aufgerollten Ärmeln die Gläser spülte. Sie lief wieder nach oben, sah sich noch einmal um, entdeckte ihn nirgends.
Ein Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen, überkam sie, als sie erkannte, dass er einfach gegangen war, ohne ihr Bescheid zu sagen. Unmöglich, sagte sie sich immer wieder, sie musste sich irren, so etwas würde er nie tun, gleich würde er erscheinen, auf die Uhr sehen, ungeduldig, zur nächsten Party weiterzuziehen. Aber er erschien nicht, und sie stand unschlüssig im Wohnzimmer und fingerte an den Steinen ihrer Halskette.
»Freddie?«
Jack war zu ihr getreten.
»Wo ist Lewis?«, fragte er.
»Ich weiß es nicht.« Sie lachte ein wenig. Hatte sich Lewis darüber geärgert, dass sie sich so lange mit Jack unterhalten hatte? »Er ist anscheinend gegangen.«
»Er ist gegangen?«
»Es scheint so.« Mehr fiel ihr nicht ein. Sie hatte nicht mehr die Kraft, Theater zu spielen.
»Wo wohnen Sie?«
Sie nannte ihm das Hotel.
»Könnte er dort sein?«
»Das glaube ich nicht. Sie kennen doch Lewis, wenn er einmal unterwegs ist, geht er so schnell nicht nach Hause.« In letzter Zeit allerdings hatte sie immer mehr den Eindruck gewonnen, dass sie Lewis überhaupt nicht kannte.
Sie sagte: »Er hat sich mit Denny unterhalten. Vielleicht sind sie zusammen irgendwohin gegangen.«
»Denny wollte sich mit Leuten im Criterion treffen. Wollen wir es da zuerst mal versuchen?«
»Sie brauchen nicht mitzukommen, Jack. Ich kann ein Taxi nehmen und ins Hotel fahren.«
Der Blick, mit dem er sie ansah, bereitete ihr Unbehagen. Als könnte er in sie hineinsehen, erkennen, dass ihr Leben aus den Fugen zu geraten drohte.
»Ich würde Lewis gern sehen und ein bisschen mit ihm quatschen«, sagte er leichthin. »Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.«
Draußen winkte er einem Taxi. Auf der Fahrt zum Piccadilly versuchte Freddie, mit dem Schock und der Verletzung fertigzuwerden. Jack sprach über dies und jenes, und sie sagte ab und zu ja oder nein oder tatsächlich?, und die ganze Zeit dachte sie daran, dass Lewis einfach gegangen war, als bedeutete sie ihm nichts.
Im Restaurant Criterion, überall Gold und Mosaiken und geraffte Samtportieren, sprach Jack mit dem Ober und fragte nach Mr. Beckfords Tisch. Sie wurden zur Mitte des Raumes geführt. Und da saß Lewis mitten in einer Gruppe von Leuten, nicht weit von Denzil Beckford. Freddie war sprachlos, schwankte zwischen Zorn und Tränen und dem Verlangen, zu ihm hin zu laufen und irgendwie alles wieder gutzumachen. »Hallo, Freddie«, sagte Lewis, als wäre nichts geschehen, und dann: »Ach, sieh mal einer an, Jack Ransome.«
Zusätzliche Stühle wurden angeschleppt, Gedecke aufgelegt. Freddie beobachtete Lewis. Manchmal lächelte er, dann lachte er. Ihre Anspannung ließ nach. Sie erkannte, wie sehr sie in ihren Stimmungen von Lewis’ Launen abhängig geworden war. Sie hatte unter Hochspannung gestanden, seit der Schadenregulierer der Versicherung bei ihnen gewesen war – nein, vorher schon, seit dem Brand, oder seit Lewis ihr eröffnet hatte, dass die Firma vor dem Bankrott stand und Jerry verschwunden war.
Ein paar Gläser Wein, ein paar nette Gespräche, und ihre Stimmung hob sich, und wie durch ein Wunder wurde es einer jener Abende, an die man sich später mit den Worten erinnerte, Weißt du noch, als …? Alles würde gut werden, sagte sie sich. Sie sollte Lewis vertrauen und aufhören, Gespenster zu sehen. Es gab keinen Grund zur Sorge. Sobald das Geld von der Versicherung eintraf, konnten sie das Haus in Lymington verkaufen und wieder nach London ziehen. In London war Lewis immer glücklicher.
Ihre Gesellschaft verließ das Restaurant zuletzt. Es war Mitternacht, und als Lewis ihr in der Garderobe in den Mantel half, sagte er: »Ich habe Jack eingeladen, uns ein paar Tage zu besuchen. Er hat zugesagt. Das wird bestimmt nett, meinst du nicht auch, Freddie?«
Sie küsste ihn. »Ja, ganz bestimmt.«
Sie fuhren nach Lymington zurück. Das Haus wurde zum Verkauf angeboten, und Lewis schrieb an Freunde und Bekannte in London und hoffte, über einen von ihnen eine Anstellung zu finden.
Einige Tage nach ihrer Heimkehr kam Jack zu Besuch. Zu dritt unternahmen sie Wanderungen am Meer und durch die Heide bei Beaulieu. Jack hatte einen Wagen; einen Tag fuhren sie nach Bournemouth und bummelten Eis essend die Strandpromenade hinunter, während sich ein Gewitter zusammenbraute und sich am Horizont dunkelgraue Wolken türmten. Höher am Himmel schimmerten hellere Streifen. Die Wellen bäumten sich auf, bevor sie krachend auf den Sand schlugen. Abends kochte Freddie etwas zu essen, und später spielten sie eine Weile Karten, bevor die Männer ins Pub gingen. In Jacks Gesellschaft lockerten sich die Spannungen, die Stimmung im Haus wurde gelöster.
Von der Versicherungsgesellschaft kam ein Brief. Lewis riss den Umschlag auf. »Ist es ein Scheck?«, fragte Freddie.
»Nein, verdammt.« Er las mit finsterer Miene. »Ich soll in ihrer Niederlassung in Southampton vorbeikommen.«
»Aber warum denn, Lewis?« Sie bekam sofort wieder Angst.
»Nichts Wichtiges. Mein Gott, Freddie, schau mich nicht an wie der sterbende Schwan. Es geht bestimmt wieder nur um irgendwelche blöden Formulare, die ausgefüllt werden müssen.«
»Wann willst du fahren, Lewis?«
Jack stand an der Küchentür.
»Ich denke, heute noch.« Lewis sah auf seine Uhr. »Dann habe ich es hinter mir.«
»Ich kann dich hinbringen.«
»Nein, lass nur, ich nehme den Zug.« Lewis stopfte den Brief in seine Tasche. »Bleib du hier und leiste Freddie Gesellschaft. Es dauert sicher nicht länger als zwei, drei Stunden.«
Eine Stunde später machte er sich auf den Weg. Freddie räumte das Frühstücksgeschirr ab, während Jack ihn zum Bahnhof fuhr. Sie beobachtete die Bewegungen ihrer Hände, die Seifenwasser über Tellern und Schüsseln verteilten.
Als Jack zurückkam, schlug er einen Ausflug nach Hurst Beach vor. Er liebe Kiesstrände im Winter – vorausgesetzt natürlich, ihr sei es nicht zu kalt. Freddie zog ihren Duffelcoat an und band sich einen Schal um. Sie brauchte dringend frische Luft.
Sie fuhren nach Westen. Nachdem Jack am Anfang der kilometerweit in den Solent hinausragenden Kiesbank geparkt hatte, beschlossen sie, zur Festung am anderen Ende zu laufen. Bei strahlendem Wetter – der Winter hatte offenbar beschlossen, eine Auszeit zu nehmen – stapften sie durch den tiefen Kies, in dem die Schuhe versanken, zu beiden Seiten Wasser wie gekräuselte graugrüne Seide. Auf der weiten Fläche waren kaum Menschen unterwegs – ein Mann, der seinen Hund spazieren führte, ein Pärchen, das Muscheln sammelte –, und über das Wasser konnten sie die Isle of Wight erkennen. Manchmal, wenn sie mit Lewis hierhergekommen sei, bemerkte Freddie zu Jack, sei die Insel ganz im Meeresnebel verschwunden gewesen.
»Schlimm für Lewis«, sagte Jack, »diese Geschichte mit der Werft.«
»Ja.«
»Er hat mir gesagt, dass ihr das Haus verkaufen wollt.«
»Er will zurück nach London und dort etwas kaufen.«
»Und Sie, Freddie? Wollen Sie das auch?«
»Ja, wahrscheinlich.«
Sie hörte das Zischen des Salzwassers, das zwischen den Kieseln zurückströmte und kleinere Steine mit sich in die Wellen trug.
»Wovor haben Sie Angst, Freddie?«, fragte Jack.
Sie schaute ihn an und lachte. »Angst? Ich habe keine Angst.«
Er zuckte die Achseln. »Gut, dann nennen Sie es Anspannung, wenn Ihnen das lieber ist. Ist es das Geld?«
»Ist es so offensichtlich?«
»Sie wären nicht allein damit. George musste einen Teil des Familiensilbers verhökern.«
»Lewis und ich besitzen kein Familiensilber, das wir verhökern könnten. Ich habe zwar den Granatschmuck« – wieder dieses gekünstelte Lachen –, »aber viktorianischer Schmuck ist zurzeit so total aus der Mode, dass er sicher kaum etwas einbringen würde.« Ohne es zu wollen, dachte sie an Lewis, der jetzt bei der Versicherungsgesellschaft saß. Was wollten sie von ihm wissen? Was hatte er ihnen erzählt?
Sie stapften weiter. Ihre Schritte knirschten im Kies. Das Vorwärtskommen war mühsam, und nach einer halben Stunde schienen sie der alten napoleonischen Festung am Ende der Landzunge nicht näher gekommen zu sein. Sie setzten sich auf eine Buhne aus halb verfaultem Holz.
»Ich glaube«, sagte Jack, »es ist kaum einem von uns leichtgefallen, nach dem Krieg wieder in ein normales Leben zurückzufinden.«
Sie warf ihm einen Blick zu. »Ihnen etwa auch nicht, Jack?«
»Man kann es natürlich so drehen, dass es gut klingt. Man geht ein paar Jahre in den diplomatischen Dienst, schreibt ein paar Bücher, macht ein bisschen in Journalismus und vertuscht damit, dass man manchmal ziemlich ins Schwimmen geraten ist.«
»Sie ins Schwimmen geraten? Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie haben doch immer für alles eine Lösung parat.«
»Wirklich? Na, da muss ich ja ein richtiger Tausendsassa sein. Kein Wunder, dass ich Ihnen auf die Nerven gehe.«
»Sie gehen mir nicht auf die Nerven –«
»Nein, ich bin nur nutzlos. So haben Sie mich genannt.« Er lächelte. »Und bei unserer ersten Begegnung sind Sie mir kräftig auf den Fuß getreten.«
Bei ihrer ersten Begegnung hatte er sie geküsst. Es schien ihr gefährlich, ihn in diesem Moment, da sie nebeneinander auf der Buhne saßen und ihre Körper sich ab und zu berührten, daran zu erinnern.
Er erzählte ihr von seinen Kriegserlebnissen in Italien. Er hatte als Verbindungsmann zu den Partisanengruppen gearbeitet, die sich in den Bergen und Wäldern versteckt hielten. Er hatte ihnen Kleidung und Ausrüstung geliefert und sie im Gebrauch ihrer Waffen geschult. Er war einmal verwundet worden, zweimal wurde er gefangen genommen und konnte entkommen, entging mit knapper Not der Erschießung wegen Spionage. Er hatte Dinge gesehen, von denen er wusste, dass er das Grauen darüber niemals vergessen würde – einmal war er in ein Dorf gekommen, wo Frauen und Kinder getötet und ihre Leichen auf den Straßen liegen gelassen worden waren, weil sie Partisanen Unterschlupf gewährt hatten –, aber auch andere Dinge, die seinen Glauben an das Gute im Menschen wiederhergestellt hatten. Er erzählte ihr von der Großherzigkeit der Italiener, die selbst so wenig besessen hatten.
Er fragte sie nach Tessa. Von Faustina wisse sie, sagte sie, dass Tessa während des Krieges die meiste Zeit auf Olivia Zanettis Landgut im Chianti gelebt hatte, wo sie zuerst die einheimischen Kinder und später auch Flüchtlingskinder an der Gutsschule unterrichtet hatte. Sie war bewundert und geliebt worden und ums Leben gekommen, als sie eine Gruppe Kinder in Sicherheit bringen wollte. Das Landgut war völlig zerstört worden, aber Faustina Zanetti, ihre Mutter und ihre beiden Brüder, Guido und Sandro, hatten den Krieg überlebt. Sandro allerdings hatte fast die ganzen letzten Kriegsjahre in einem Kriegsgefangenenlager zugebracht; Guido, der in Freiheit geblieben war, hatte sich bis zur Ankunft der Alliierten in der Toskana in den Bergen versteckt gehalten.
»Waren Sie inzwischen wieder einmal dort?«, fragte er.
»In Italien? Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil wir es uns gar nicht leisten konnten.« Sie beschloss, ihm die Wahrheit zu sagen. »Und weil ich nicht sicher bin, dass ich es ertragen könnte.«
»Aber vielleicht würde es helfen«, sagte er behutsam. »Denken Sie darüber nach. Falls Sie sich entschließen sollten, können Sie immer bei mir in Rom wohnen, ich habe ein Gästezimmer.«
»Danke, Jack.«
»Lewis ist natürlich auch jederzeit willkommen.«
»Natürlich.« Sie versuchte, sich eine Reise mit Lewis nach Rom vorzustellen, die Wiederbegegnung mit einst vertrauten Orten, aber es gelang ihr nicht.
Dann sagte er: »Was ist da eigentlich zwischen Ihnen und Lewis?«
»Nichts.« Sie blickte zum Meer hinaus. »Nichts ist da.«
»Freddie, ich habe gehört, wie er heute Morgen mit Ihnen geredet hat. Und bei Marcelle hat er Sie einfach sitzen gelassen.«
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Lewis macht sich nur Sorgen. Wegen der Werft.«
»Hat er denn Grund, sich Sorgen zu machen?«
»Nein, nein, überhaupt nicht. Er hasst nur die ewigen Verzögerungen, den Papierkrieg.«
»Ich bin hergekommen, weil ich um Sie besorgt war, Freddie. Ich wollte sehen, ob es Ihnen wirklich gut geht.«
Die winzigsten Steinchen, fiel ihr auf, glitzerten wie Edelsteine, wenn die kleinen Wellen sich zurückzogen. »Und wie Sie sehen, geht es mir prächtig, Jack.«
»Nein, das ist nicht wahr, Freddie. Etwas habe ich immer an Ihnen bewundert – Ihren Mut, Ihre Entschlossenheit, allen Schwierigkeiten ins Auge zu sehen –, und das ist jetzt weg. Oder Sie haben es zumindest irgendwo versteckt.« Sie zwang sich zur Ruhe. »Das ist doch Quatsch, Jack. Lewis und ich bekommen das schon hin. Und eigentlich geht es Sie ja auch gar nichts an.«
Jack stand auf, hob eine Handvoll Steine auf und ging zum Wasser.
Sie sah sein im Wind flatterndes helles Haar und die lässige Geschmeidigkeit seiner Bewegungen, als er die Steine flach über die Wellen tanzen ließ. Etwas in ihr schien zu bröckeln und einzustürzen, und sie stand auf und trat zu ihm.
»Ich fühle mich hier draußen nur manchmal so fürchterlich einsam.« Lange angestaut, brach es aus ihr hervor. »Manchmal hasse ich das alles. Alle reden immer davon, wie wunderbar es am Meer ist, und was für ein Glück wir haben, aber ich sehe das nicht, Jack.«
Er ließ die Steine fallen und nahm sie fest in den Arm. Er strich ihr über die Haare. Sie lehnte sich an ihn und fühlte sich endlich geborgen.
»Liebste Freddie«, sagte er, und sie meinte zu spüren, dass sein Mund ihr Haar berührte. Fragend blickte sie zu ihm auf. Da küsste er sie, und sie küsste ihn wieder, suchend und hungrig, während sie sich aneinanderdrängten, als wollten sie nie wieder loslassen und neben ihnen die Wellen zischend über die Steine strömten.
Sie löste sich als Erste. »Nein, Jack, das dürfen wir nicht«, sagte sie und wandte sich ab. Aber er hielt ihre Hand fest und zog sie erneut an sich. Sie küssten sich wieder, diesmal sanft und liebevoll, bis sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte und die Augen schloss.
»Freddie«, sagte er leise. »Ich wollte dir das schon viel früher sagen, aber dann habe ich jedes Mal gekniffen. Darum sage ich es dir jetzt. Ich weiß, es ist der dümmste Moment, du bist verheiratet, ich sollte den Mund halten, aber ich muss es dir sagen. Ich liebe dich. Ich glaube, ich habe dich von dem Moment an geliebt, als ich dich in Florenz vor dem Bahnhof stehen sah. Dieses ganze Gerede, ich hätte dich ausgesucht, weil du Engländerin warst und aussahst, als könntest du einen kühlen Kopf bewahren – nichts als Quatsch. Ich war vom ersten Moment an gefesselt – ich weiß nicht, ob es Sympathie war oder plötzliches Interesse. Aber ich glaube eher, es war Liebe auf den ersten Blick.«
»Jack«, flüsterte sie. »Bitte. Hör auf. Das geht nicht.«
Er fasste sie bei den Oberarmen und sah zu ihr hinunter. »Ich hätte kein Wort gesagt, wenn ich geglaubt hätte, du wärst glücklich. Aber ich habe dich die letzten Tage genau beobachtet, und du bist nicht glücklich, stimmt’s, Freddie?«
»Jack, bitte.« Sie hob abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf. »Ich möchte nicht darüber reden. Genießen wir einfach den Tag.« Sie fühlte sich zu Tode erschöpft, den Tränen nahe und doch zugleich glücklich erregt, so lebendig wie schon lange nicht mehr.
Arm in Arm gingen sie weiter auf die Festung zu, hielten einmal an, weil Freddie ein paar Muscheln aufsammeln wollte, und einmal, um die Schuhe auszuziehen und die kleinen Steinchen darin auszuleeren und dann ausgelassen, außer Rand und Band, zum Meer hinunterzulaufen und im eiskalten Wasser zu planschen. Als sie dann auf dem Kies saß und ihm zusah, wie er herumalberte, begann sie, sich Fragen zu stellen. Er hatte gesagt, er liebe sie. Warum war plötzlich alles so anders, so neu belebt? Hieß das, dass auch sie ihn liebte? War es möglich? Sie erinnerte sich, wie stark sie sich damals, bei jenem ersten Kuss vor dem Bahnhof in Florenz, zu ihm hingezogen gefühlt hatte; sie erinnerte sich, wie sie auf ihrer abenteuerlichen Reise neben ihm im Auto erwacht war und ihn begehrt hatte. Sie erinnerte sich an den Abschied in Frankreich, und wie sie, mehr als ein Jahr später, im Dorchester mit ihm getanzt hatte. Sie hatte jedes Wort im Kopf, das sie miteinander gesprochen hatten, und jede Berührung. Das alles war in ihrem Gedächtnis eingeritzt wie die Spur eines Diamanten auf Glas. Als ich hörte, dass Sie Lewis Coryton geheiratet haben, war ich am Boden zerstört … Und im Dorchester hatte sie zu ihm gesagt: Sie haben bestimmt kein einziges Mal an mich gedacht, und er hatte sie mit einem Ernst angesehen, der sie verblüfft hatte. Stimmt nicht, hatte er ihr zur Antwort gegeben.
Auf dem Weg zum Auto und während der Rückfahrt nach Lymington sprachen sie beide nicht viel. Einmal beugte sich Jack zu ihr hinüber und drückte ihre Hand, aber sie hatte den Eindruck, dass er mit den Gedanken woanders war.
Als sie vor dem Haus anhielten, kam Lewis heraus.
»Ich fahre morgen, Freddie«, sagte Jack. »Ich kann jetzt nicht mehr bleiben. Das wäre nicht in Ordnung. Ich werde dich vermissen.«
Lewis war in guter Stimmung aus Southampton zurückgekehrt. Die Leute von der Versicherung hatten ihn gebeten, die Schadenaufstellung durchzusehen und zu unterzeichnen. Dann hatten sie ihn noch einmal über Jerry ausgefragt. Er rechnete damit, dass der Scheck innerhalb der nächsten Woche eintreffen würde.
In den folgenden Tagen versuchte sie, nicht an Jack zu denken. Sie schämte sich dafür, dass sie ihn geküsst hatte. Sie war mit Lewis verheiratet; sie liebte Lewis.
Einer stillschweigenden Vereinbarung folgend, ließen sie die Waffen ruhen. Hoch oben trieben Wolkenfelder über den blassblauen Winterhimmel, und Lewis sprach von der Zukunft. Sie würden so bald wie möglich aus Lymington weggehen, sagte er. Für ihn sei diese Stadt nur mit unangenehmen Erinnerungen verbunden. Ich habe das Gefühl, dass ich immer nur warte, hatte er an dem Abend gesagt, als sie seinen Heiratsantrag angenommen hatte. Jetzt warteten sie wieder – darauf, dass die Zeit vergehen und sich alles in Wohlgefallen auflösen würde.
Wieder kam ein Brief von der Versicherungsgesellschaft. Lewis machte ihn auf, zog einen Scheck heraus und stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Auf einen neuen Anfang, sagte er und wedelte mit dem Scheck. Das war es, was er für ihn und sie bedeutete – ein neuer Anfang.
Am nächsten Tag fuhr er nach London, um schon mal die Lage zu sondieren, wie er zu Freddie sagte. Sie blieb in Lymington. Sie musste zu Renate, und am Wochenende hatte sich ein Ehepaar angesagt, um das Haus zu besichtigen. Das hieß, dass sie gründlich sauber machen musste.
Sie blieb zum Mittagessen bei Renate und machte auf dem Heimweg noch Einkäufe in der Stadt. Es war dunkel, als sie bei strömendem Regen zu Hause ankam. Sie frottierte sich das Haar und war gerade auf dem Weg vom Badezimmer nach unten, als sie das Klopfen an der Haustür hörte.
Sie öffnete. Auf der Vortreppe stand ein Mann mit einem dünnen schwarzen Schnurrbart, um die vierzig, untersetzt, khakifarbener Regenmantel, Filzhut. Hinter ihm am Straßenrand parkte ein großer schwarzer Wagen.
Sie vermutete, dass er sich verfahren hatte. »Ja?«, fragte sie. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«
»Mrs. Coryton?«
Also doch nicht verfahren. »Ja.«
»Ist Ihr Mann zu Hause?«
»Nein, leider. Er wollte morgen Abend zurück sein. Wenn Sie ihm eine Nachricht hinterlassen möchten, Mr. –«
»Kite. Frank Kite. Darf ich einen Moment eintreten?«
Er hatte etwas an sich, was ihr nicht gefiel. »Das passt jetzt schlecht«, sagte sie.
Frank Kite blickte die Straße hinauf und hinunter. »Ich glaube nicht, dass Sie dieses Gespräch gern zwischen Tür und Angel führen werden. Die Nachbarn könnten zuhören.« Die wässrigen grün-braunen Augen fixierten sie. »Der Herr Gemahl hat Dummheiten gemacht, Mrs. Coryton.«
Sie ließ ihn ins Haus. Ihr Herz hämmerte.
Mr. Kite trat in den Flur, schloss die Haustür hinter sich und wischte sich die Regentropfen vom glänzenden Stoff seines Mantels. »Lästig dieser Regen«, sagte er. »Eine Tasse Tee käme jetzt nicht ungelegen, Mrs. Coryton.«
Automatisch ging sie in die Küche und setzte Wasser auf. Ihre Hand zitterte, als sie den Schrank öffnete, Tasse und Untertasse schlugen klirrend aneinander. Der Herr Gemahl hat Dummheiten gemacht. Sie starrte aus dem Fenster. Am liebsten wäre sie zur Hintertür hinausgerannt und gelaufen und gelaufen, bis sie sich wieder sicher fühlte.
Hinter sich hörte sie ein Geräusch und drehte sich herum. Frank Kite stand an der offenen Tür. »Hübsch haben Sie es hier«, sagte er.
Sie stellte den Tee auf den Tisch neben ihn. Er nahm die Tasse und trank. Dass der Tee kochend heiß war, schien er gar nicht zu merken.
»Sie wollen das Haus verkaufen, hm? Ich hab das Schild draußen gesehen.«
Sie sagte nichts, stand nur mit zusammengepressten Lippen da und beobachtete ihn so misstrauisch, wie sie vielleicht einen wilden Hund beobachtet hätte.
Er nahm noch einen Schluck Tee. »Richten Sie Lewis etwas von mir aus«, sagte er. »Sagen Sie ihm, er soll nicht vergessen, dass er Frank noch Geld schuldet. Ich hab nämlich Angst, er will mir abhauen. Das wäre sehr dumm von ihm, denn dann würde ich der Versicherung stecken, dass er den Brand unten an der Werft gelegt hat.«
Ihr stockte der Atem. »Das ist nicht wahr. Es war ein Unglücksfall.«
»Seien Sie nicht so naiv, Mrs. Coryton. Lewis hat einen Haufen Schulden, und der Laden war pleite.«
»Ich glaube Ihnen nicht.«
»Nein?« Er trat einen Schritt näher und streichelte ihr die Wange. »Das sollten Sie aber, Schätzchen. Es ist die Wahrheit.«
»Jerry –«, flüsterte sie.
»Der gute Jerry ist in St. Albans in der Klapsmühle. Schon seit drei Monaten. Hat einen Nervenzusammenbruch gehabt, der Arme.« Dann stellte er die Tasse ab, sagte »Geht doch nichts über eine gute Tasse Tee«, knöpfte seinen Regenmantel zu und ging.
Freddie setzte sich ins kalte Wohnzimmer, wo kein Feuer brannte, und rief sich den Abend des Brandes ins Gedächtnis. Die kaputte Lampe, die Briefe. Auf dem Weg zu den Renwicks waren sie an zwei Briefkästen vorbeigekommen; warum hatte Lewis ihre Briefe unbedingt noch vorher wegbringen müssen? Wie lange war er weg gewesen? Zehn Minuten – fünfzehn – länger? Sie konnte sich nicht erinnern. Sie hatte ein Bad genommen, sich die Haare gemacht. Ein Mann wie Lewis hätte in zwanzig Minuten zur Werft und wieder zurück laufen können. Mit ihrem Fahrrad wäre er in fünf Minuten dort gewesen. Mehr als genug Zeit, um ein Feuer zu legen. All diese Gedanken hatte sie seit dem Brand zurückgedrängt, aber sie waren da gewesen, heimlich im Hintergrund flüsternd, und hatten sie um ihre Ruhe gebracht, ihr Angst gemacht. Jetzt kehrte die Angst tausendfach zurück.
Sie suchte eine Taschenlampe heraus, zog ihren Regenmantel an und ging los, hinunter zur Flussmündung. Dort, wo einmal die Werftgebäude gestanden hatten, lagen nasse, verkohlte Bretter und Planken, und auf dem Boden des einstigen Büros hatten sich glitschige schwarze Pfützen gebildet.
Auf einmal wusste sie mit einer dumpfen Gewissheit, dass Lewis den Versicherungsleuten nichts von seinem vorgeblichen Gang zum Briefkasten gesagt hatte. Sie wusste, dass er sie belogen hatte. Wenn Frank Kite mit der Versicherungsgesellschaft sprach, wie er angedroht hatte, würde sie – Freddie – dann für Lewis lügen können?
Sie ließ den Strahl der Taschenlampe über das Wasser des Meeresarms zu den Salzwiesen wandern. Sie fühlte sich verloren in der Ungewissheit und Schlüpfrigkeit dieser Landschaft, die jeden Tag neu vom Meer verschlungen wurde. Der Wind sauste, und das Schilf schwankte mit wippenden gefiederten Köpfen. Abscheu und Furcht stiegen in ihr auf, und sie drehte sich um und rannte nach Hause.
Um sieben hörte sie Lewis’ Schlüssel in der Tür.
»Freddie?«, rief er. »Wo bist du? Ich bin wieder da.«
Sie ging in den Flur.
»Ah, da bist du ja«, sagte er. »Komm her.« Er küsste sie. Dann hob er die Nase in die Luft. »Ist das das Abendessen? Ich habe einen Bärenhunger.«
»Heute war ein Mann da, der dich sprechen wollte«, sagte sie. »Er heißt Frank Kite.«
Sie sah es in seinem Blick, als fiele eine Klappe herunter. Er hängte Hut und Mantel auf. »Er war hier?«, fragte er.
»Ja.«
»Wann?«
»Heute Nachmittag.«
Er drehte sich um und sagte aufgebracht: »Er hatte hier nichts zu suchen.«
»Er hat eine Nachricht für dich hinterlassen.«
Er wirkte plötzlich sehr wachsam. »Was für eine Nachricht?«
Sie beobachtete sein Gesicht, als sie sagte: »Er hat gesagt, dass du ihm Geld schuldest, Lewis. Und er hat gesagt, dass du den Brand an der Werft gelegt hast.«
Er stürmte an ihr vorbei ins Wohnzimmer und schenkte sich einen Whisky ein. »Er ist ein Gangster, Freddie.«
»Hast du das wirklich getan? Hast du die Werft in Brand gesetzt?«
Er lachte. »Nein, natürlich nicht.«
»Aber du schuldest ihm Geld.«
Sie sah, wie er sich die Lippen mit der Zunge befeuchtete. »Ja.«
»Wie viel?«
Er spülte einen Schluck Whisky hinunter. »Ungefähr fünfhundert Pfund.«
»Fünfhundert Pfund!« Sie setzte sich aufs Sofa. Ihr war übel. »Du hast gesagt, er ist ein Gangster. Warum lässt du dich mit einem Gangster ein?«
»Was glaubst du wohl, warum?« Er setzte sich neben sie. »Weil die Bank es abgelehnt hat, mir zu helfen. Wir hätten den Laden schon vor sechs Monaten dichtmachen müssen, wenn ich kein Geld beschafft hätte. Was sollte ich denn tun? Glaubst du, ich hätte mir bei einem Kerl wie Frank Kite Geld geliehen, wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte?«
»Du hättest wenigstens mit mir reden können –«
»Was denn? Damit ich dir hätte sagen müssen, dass alles vorbei ist? Damit ich mir dein ach so langmütiges Gesicht hätte anschauen müssen – der arme alte Lewis hat wieder mal alles in den Sand gesetzt?«
Sie sagte zornig: »Hast du die Werft abgebrannt, Lewis?«
»Hör auf, Freddie. Lass mich einfach in Ruhe.« Er zog eine Packung Senior Service aus der Tasche, schüttelte eine Zigarette heraus und steckte sie zwischen die Lippen.
»Du musst mir die Wahrheit sagen.« Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt. »Du musst es mir sagen. Wir müssen einander vertrauen können.«
»Vertrauen?« Er drehte den Kopf, um sie anzusehen. »Vertraust du mir denn, Freddie? Mal ganz ehrlich.«
Sie konnte ihm nicht antworten.
»Na bitte«, sagte er nur.
»Hast du den Leuten von der Versicherung gesagt, dass du an dem Abend noch mal weg warst? Lewis! Hast du es ihnen gesagt?«
Er zündete sich die Zigarette an. Dann schüttelte er leicht den Kopf.
»O Gott.« Sie drückte die Hände auf den Mund.
»Sie hätten nicht gezahlt, wenn ich es gesagt hätte.« Plötzlich war aller Zorn verflogen, und seine Stimme klang sehr müde.
»Sie waren misstrauisch. Bei der Bank hatten sie erfahren, dass ich fünfzig Pfund Schulden habe, und ich konnte nicht irgendwelche Boote erfinden, die gerade bei uns im Bau waren, das wäre zu leicht nachzuprüfen gewesen.«
»Du hast mich belogen«, sagte sie leise.
»Ja. Es tut mir leid. Ich hätte es nicht tun sollen. Aber mir ist nichts anderes mehr eingefallen. Ich hatte Angst, wir würden alles verlieren.« Er zog an seiner Zigarette. »Das Geschäft – das Haus – das hätte ich noch ertragen können, aber ich hätte es nicht ertragen, dich zu verlieren, Freddie.«
Sie dachte an Jack Ransome und fröstelte innerlich. »Lewis –«
»Oh, ich merke schon lange, dass du mir immer mehr entgleitest.« Er lächelte dünn.
»Nein, Lewis.«
»Du weißt, dass ich recht habe«, sagte er ruhig. »Ich sehe es in deinem Blick, Freddie. Ich wollte, es wäre anders gewesen, nicht dieser ewige Kampf, diese elende Strampelei, um sich irgendwie über Wasser zu halten, dieser Zwang, immer das Gesicht zu wahren.«
»Bei mir brauchst du das doch nicht zu tun.«
»Ach nein? Ich hatte genug von deiner Enttäuschung, ich wollte nicht als der ewige Versager dastehen. Ich hatte Angst, wenn du wüsstest, was los ist, würdest du mich verlassen. Davor habe ich immer noch Angst, Freddie. Ich habe Angst, dass du nach diesem Gespräch aufstehen und zur Tür hinausgehen wirst.«
»Das werde ich nicht tun«, sagte sie gepresst. »Bestimmt nicht, Lewis. Du kannst dich darauf verlassen.«
»Wir verlieren das Haus, Freddie.«
»Das Haus?«
»Kite verlangt Wucherzinsen. Die Schuld hat sich inzwischen verdoppelt. Das ganze Geld von der Versicherung und was immer uns nach dem Hausverkauf bleibt, wenn überhaupt etwas, wird für die Rückzahlung draufgehen.« Sein Gesicht war grau und eingefallen.
»Du musst mir die Wahrheit sagen, Lewis«, sagte sie noch einmal. »Ich muss wissen, wie das mit der Werft war.«
»Ich kann nicht, Freddie.« Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
»Hör mir zu.« Sie nahm seine Hände und hielt sie sehr fest. »Wir fangen noch einmal an. Diesmal wird es klappen, das weiß ich. Aber du musst mir sagen, was wirklich passiert ist.«
Nach einem kurzen Schweigen begann er zu sprechen. »Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm es wirklich stand, bis ich die Unterlagen aus Jerrys Haus holte. Ich wusste, dass wir das Haus verlieren würden, wenn ich es nicht schaffte, irgendwie Geld aufzutreiben. Als mir das erste Mal der Gedanke mit dem Feuer kam, dachte ich, was du jetzt denkst. Unmöglich, das ist kriminell. Aber nach einer Weile sagte ich mir, warum eigentlich nicht? Ich würde ja keinem schaden außer der verdammten Versicherungsgesellschaft, und diese Leute sind sowieso lauter Verbrecher. Den Mann, der bei uns war, Simpson, den habe ich mal gefragt, was er im Krieg gemacht hat. Er hat zu Hause gehockt und Formulare ausgefüllt. Das war’s. Wieso leben solche Leute wie die Made im Speck, während jemand wie ich eine Niederlage nach der anderen einstecken muss? Ich habe mich so bemüht, Freddie. Ich habe mich an die Regeln gehalten, ich habe fair gespielt, und es hat mir überhaupt nichts gebracht. Na ja, und da habe ich’s eben getan. Ich habe bis zum Nachmittag alles vorbereitet, sodass ich dann, bevor wir zu den Renwicks gingen, nur ein Streichholz dranhalten musste. Ich brauchte ein Alibi, verstehst du? Ich musste möglichst weit weg sein, wenn alles in Flammen aufging.« Lewis lächelte. »Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig wäre. Aber weißt du was, es war nicht halb so schlimm wie manches, was ich im Krieg tun musste. Ich meine, wenn ich zum Beispiel meine Freunde von oben bis unten mit Öl verschmiert und lichterloh in Flammen aus dem Atlantik ziehen musste. Das war schlimm.«
In den frühen Morgenstunden lag sie wach. Alles Mögliche ging ihr durch den Kopf. Sie war nicht wie Tessa, das wusste sie. Sie hatte es in dem Moment gewusst, als sie am Strand Jack Ransome geküsst hatte. Sie war seit Langem überzeugt, dass Tessas Liebhaber, Angelos Vater, ein verheirateter Mann gewesen sein musste. Manchmal passiert die Liebe einfach, hatte Tessa im Park der Villa Millefiore zu ihr gesagt. Sie hatte ihr damals nicht geglaubt. Aber vor einer Woche, am Hurst Strand, in diesen Momenten überwältigenden Glücks, hatte sie es selbst erlebt und wusste jetzt, was Tessa gemeint hatte. Doch es gab einen Unterschied: Tessa war ihrer Liebe gefolgt, hatte sich ihr mit Leib und Seele hingegeben. Und es war nichts als Tod und Zerstörung daraus gefolgt. Sie – Freddie – konnte nicht so handeln. Sie wusste nicht mehr, was besser oder schlechter war – Tessas Überzeugung, dass die Liebe wichtiger sei als alles andere, oder ihre eigene, dass sie an ihrer Ehe festhalten und dem Mann, den sie geheiratet hatte, trotz Verletzung und Täuschung treu bleiben musste. Aber sie hatte gar keine Wahl. Heimliche Treffen und gestohlene Stunden in einem Hotelzimmer, das war nichts für sie. Sie kannte sich zu gut, und deshalb würde sie aufgeben, wonach sie sich am meisten sehnte.
Die Telefonzelle war am Ende der Straße. Sie ließ sich mit Jacks Nummer in London verbinden. Während sie wartete, wünschte sie halb, er möge nicht zu Hause sein und sie könnte den Moment hinausschieben.
»Ihre Verbindung«, sagte die Frau von der Vermittlung, und dann hörte sie seine Stimme.
»Hallo?«
»Hallo, Jack.«
»Freddie. Wie schön, dich zu hören. Wie geht es dir?«
»Gut. Und dir?«
»Hervorragend.«
Doch in seinem Ton war etwas Fragendes, und sie machte sich hart und sagte: »Ich möchte nicht, dass du noch einmal hierherkommst, Jack. Bitte besuche uns nicht mehr.«
Stille, dann: »Wenn du mir böse bist wegen dem, was passiert ist –«
»Ich bin dir nicht böse. Aber es muss Schluss sein. Es gab ein paar Schwierigkeiten, und ich habe mich einsam gefühlt, aber mehr war es nicht. Es war nicht von Bedeutung.«
»Für mich schon.«
Sie stellte ihn sich in diesem Moment vor, verwirrt, mit einem ersten Gefühl von Schmerz und Verletzung, und sagte mit bewusster Kälte: »Es tut mir leid, wenn ich dir den falschen Eindruck vermittelt habe. Es war ein Irrtum, sonst nichts.«
»Ein Irrtum?«
»Ja.«
»Weißt du«, sagte er, und sie konnte beinahe sehen, wie er die Stirn runzelte, »ich habe in diesen paar Tagen viel darüber nachgedacht. Manchmal bin ich mir wie ein elender Schuft vorgekommen, der nicht davor zurückschreckt, die Frau eines Freundes zu küssen, aber immer wieder musste ich denken, dass du etwas Besseres verdienst, als eine missglückte Ehe.«
»Lewis und ich sind glücklich.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Das kann ich nicht ändern.« Sie war plötzlich zornig. »Was weißt du denn schon von uns? Was weißt du von mir? Du tauchst hin und wieder in meinem Leben auf, wenn es dir gerade passt, bringst alles durcheinander und gehst wieder. Ich weiß fast nichts von dir, Jack. Ich habe nie dein Zuhause gesehen – wenn du überhaupt ein Zuhause hast –, ich kenne die Menschen nicht, die dir am nächsten stehen. Ich habe einmal nachgerechnet, wie viel Zeit wir miteinander verbracht haben und bin auf ungefähr eine Woche gekommen. Glaubst du im Ernst, ich würde Lewis für jemanden verraten, den ich gerade mal eine Woche kenne?«
»Ich werde dir sagen, was ich glaube, Freddie.« Seine Stimme war ruhig und fest. »Ich glaube, dass es so nicht funktioniert. Man kann Liebe nicht auf eine mathematische Formel reduzieren. Manchmal weißt du nach einer Stunde, dass du jemanden liebst. Und manchmal bist du mit jemandem zehn Jahre zusammen und entdeckst eines Tages, dass es vorbei und nichts mehr übrig ist.«
»Das ist doch nichts als romantischer Quatsch«, entgegnete sie scharf. »Bilde dir ja nicht ein, du kannst dich so mir nichts, dir nichts in unser Leben drängen und alles kaputt machen, was Lewis und ich haben.«
Sie hörte ihn am anderen Ende der Leitung atmen. Er sagte kalt: »Das war nie meine Absicht. Es tut mir leid, wenn es so aussieht.«
»Tut es, ja.«
»Sag mir eines, Freddie: Liebst du Lewis?«
Sie starrte durch die Glasscheibe der Telefonzelle hinaus zu den Marschwiesen und zum Watt. »Ja«, sagte sie leise. Und dann lauter und fester: »Ja, ich liebe ihn.«
»Gut, wenn das wirklich dein Wille ist, werde ich dich nicht wieder behelligen. Auf Wiedersehen, Freddie.« Er legte auf.