8

 

Freddie ließ das Getümmel von Autos und Taxis vor dem Bahnhof hinter sich und suchte sich einen ruhigen Ort, wo sie ihren Koffer niederstellte, die Arme um sich schlang und tief Atem holte.  

Plötzlich schnappte sich jemand ihren Koffer, sagte in kultiviertem englischem Tonfall : »Darf ich Ihnen behilflich sein?«, und entfernte sich mit ihrem Koffer im Eiltempo. 

Sie rannte ihm nach. »Stellen Sie den Koffer hin.« 

Er warf einen raschen Blick über seine Schulter, aber nicht zu ihr, sondern zu jemandem, der sich offenbar hinter ihr befand. »Wie Sie wollen.« Er stellte den Koffer ab. Als sie ihn an sich nehmen wollte, riss er sie ungestüm an sich und küsste sie. 

Freddie konnte nur erstickte Schreie ausstoßen und stampfte protestierend mit dem Fuß. 

»Aua«, sagte er. »Das tut weh. Ich tue das einzig für König und Vaterland. Wo bleibt Ihr Patriotismus?« 

Er küsste sie noch einmal, fest auf den Mund, die Arme so eng um sie geschlossen, dass sie sich kaum rühren konnte. Er küsste sehr gut, so gut, dass sie ein, zwei Sekunden lang vergaß, dass da ein Wildfremder sie küsste. Als er sie losließ, war sie im ersten Moment sprachlos vor Schreck, dann wollte sie um Hilfe schreien, aber er sagte schnell und leise: »Bitte, schreien Sie nicht. Ich tue Ihnen nichts, ich verspreche es, aber hinter mir sind ein paar gar nicht nette Herren her, denen ich gern aus dem Weg gehen möchte.« Er ergriff wieder ihren Koffer, legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie energisch vom Bahnhof weg. »Sie suchen eine Person, nicht zwei. Mit ein bisschen Glück wird ihnen also ein Liebespaar, das gerade den Bahnhof verlässt, gar nicht auffallen, und wir können uns unbemerkt aus dem Staub machen.« 

Er schleppte sie über die Piazza Adua. »Ich will aber den Bahnhof nicht verlassen«, rief Freddie aufgebracht. »Ich muss zu meinem Zug.« 

»Die Gegend hier ist ungünstig für mich. Die carabinieri sind gleich da drüben –«, er zeigte es mit einer Kopfbewegung, »und werden bald überall hier herumwimmeln. Das Peinliche ist, dass ich blute wie ein angestochenes Schwein und wahrscheinlich eine deutliche Spur hinterlasse. Deshalb muss ich schleunigst weg, Miss –« 

»Nicolson«, sagte sie automatisch. 

»Ich bin Jack Ransome.« 

»Es ist mir gleich, wer Sie sind. Ich will nur zu meinem Zug.« Sie versuchte, ihm den Koffer zu entreißen, aber er ließ nicht los. 

»Ganz wie Sie wollen, Miss Nicolson. Ich dachte nur, ein Gespräch würde uns die Reise angenehmer machen.« 

Er zog sie mit sich die Via Fiume hinunter, zwischen hohen, imposant aussehenden Gebäuden hindurch. 

»Reise?« Ihre Stimme wurde schrill. »Was soll das heißen? Von was für einer Reise reden Sie?« 

»Sie müssen mich aus der Stadt hinausfahren. Ich bin angeschossen worden, verstehen Sie.« 

»Ach, scheren Sie sich doch zum Teufel«, schrie sie ihn an. »Ich habe keine Zeit für kindische Spielchen.« 

»Ich auch nicht. Ich kann nicht behaupten, dass ich den Krieg gern in einem italienischen Gefängnis verbringen möchte. Und das wäre noch die bessere Option.« Er nahm endlich den Arm von ihrer Schulter und zog sein Hosenbein hoch. Der Knöchel seines Fußes war dunkel von Blut. Freddie schnappte nach Luft. 

»Nicht so schlimm, nur eine Fleischwunde«, beruhigte er sie. »Aber, wie gesagt, ich hinterlasse eine Spur.« 

Freddie schaute hinter sich. Blutstropfen sprenkelten das Pflaster wie roter Regen. 

»Kommen Sie«, drängte er. 

»Nein.« 

Er sah sie an. Das Blau seiner Augen war klar und kühl. 

So fest, wie es ihr möglich war, sagte sie: »Es tut mir leid, dass Sie verletzt sind, aber ich weiß nicht, in was Sie da verwickelt sind, und ich möchte es auch gar nicht wissen. Wenn ich jetzt nicht zurücklaufe, verpasse ich meinen Zug. Bitte geben Sie mir meinen Koffer und lassen Sie mich gehen.« 

»Das kann ich nicht. Außerdem ist es jetzt zu spät. Wenn die OVRA uns erwischt, werden sie annehmen, dass Sie meine Komplizin sind, ganz gleich, was wir sagen.« 

Jetzt bekam sie Angst. Die OVRA war die faschistische italienische Geheimpolizei. Als sie die Gasse hinunterblickte, konnte sie drei Gestalten erkennen, die sich dunkel aus dem Licht hoben. Ihr Blick flog wieder zu Jack Ransome. Er konnte ein Verbrecher oder ein Verrückter sein. Vielleicht aber auch keins von beiden. 

Sie zog ihren Seidenschal vom Hals und gab ihn ihm. »Wickeln Sie sich den um den Fuß.« 

Sie bemerkte, wie er zusammenzuckte, als er die Wunde mit dem Schal verband. Sobald er fertig war, hakte er sich bei ihr ein und sie gingen weiter, die Via Nazionale hinauf. Er hinkte und zog bei jedem zweiten Schritt an ihrem Arm. Hinter sich meinte sie, Schritte zu hören. 

Sie bogen in eine enge Straße ein. Hohe Mauern mit vergitterten Fenstern erhoben sich zu beiden Seiten. Es roch nach frisch geröstetem Kaffee und kaum wahrnehmbar nach Kloake. Jack Ransome blickte über seine Schulter zurück; als Freddie sich ebenfalls umdrehte, sah sie, dass die drei Männer noch da waren. Das Geräusch ihrer Schritte hallte von den Mauern wider. 

»Verdammt«, knurrte Jack Ransome. »Ich hoffte, wir hätten sie abgeschüttelt.« Er nahm Freddie bei der Hand und begann zu laufen, im Zickzack um Radfahrer und einen Lastwagen herum, der Sandsäcke ablud, vorbei an zwei Priestern in ernsthaftem Gespräch. 

Sie gelangten auf einen Markt, wo Händler mit Warenkörben auf den Köpfen durch die Gänge zwischen den Ständen eilten. Überall waren Pyramiden aus saftigen roten Tomaten und große sahnige Käseräder aufgeschichtet. Dicke Kräuterbündel welkten in der Sonne. Kurzbeinige, vierschrötige Männer priesen lauthals ihre Waren an, und schwarz gekleidete Frauen saßen hinter Tischen, auf denen bestickte Tisch- und Bettwäsche ausgestellt war. 

Jack Ransome trat mit einem gewinnenden Lächeln auf eine Händlerin zu, eine Frau in einer Schürze aus grobem Rupfen, und sprach sie auf Italienisch an. Die Frau winkte sie hinter den Stand, zog ein Tuch zur Seite und bedeutete ihnen, unter den Bocktisch zu kriechen. 

Es war ein Fischstand; sie hockten neben einem offenen Fass mit eingesalzenem Kabeljau, der ölige Geruch zog Freddie in die Nase. 

»Was haben Sie zu ihr gesagt?«, flüsterte sie. 

»Ich habe an ihre romantische Ader appelliert. Wir sind unsterblich ineinander verliebt, und Ihr Vater und Ihre Onkel wollen unbedingt eine Heirat verhindern. Pscht.« Er legte einen Finger auf die Lippen. 

Freddie sah, nur wenige Schritte entfernt in dem Gang zwischen den Ständen, drei Paar hochglänzender schwarzer Schuhe und dunkelblauer Hosenaufschläge. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sollte sie rufen, darauf setzen, dass die Polizisten ihre Geschichte glauben und ihr erlauben würden, zu ihrem Zug zu laufen? 

Sie blieb still. Die Männer mit den schwarzen Schuhen gingen vorüber. 

Sie schloss die Augen und atmete tief auf. 

Jack Ransome murmelte: »Wir sollten verschwinden«, und sie krochen unter dem Tisch hervor. Er dankte der Händlerin, und dann hasteten sie weiter, weg vom Markt, durch eine Folge von Straßen, um Ecken, zwischen Menschenmengen hindurch, mussten warten bis ein Zug von Schulkindern in Zweierreihe an einer belebten Kreuzung die Straße überquert hatte. 

»Wir brauchen ein Auto«, sagte er. 

»Ein Auto?« Freddie starrte ihn verständnislos an. 

»Ja, ich habe Ihnen doch gesagt, Sie müssen mir helfen, aus der Stadt wegzukommen.« 

Er trug immer noch ihren Koffer, und mit der anderen Hand hielt er immer noch die ihre fest. 

Sie hätte davonlaufen sollen. Sie hätte die Polizisten auf dem Markt rufen sollen. Sie müssen mir helfen, aus der Stadt wegzukommen. Und dann? 

»Miss Nicolson«, sagte er scharf. »Wir müssen schnell machen.« 

Sie spürte die neugierigen Blicke der Vorüberkommenden. Sie passten nicht ins Bild: sein Hinken, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihre Hast – das alles musste sie auffällig machen. Sie ging weiter. Sie glaubte, die Schritte der Verfolger hören zu können, aber als sie sich umschaute, erkannte sie, dass der dumpf klopfende Rhythmus der ihres Herzschlags war. 

Immer wieder kamen sie an geparkten Autos vorbei. Von einem glänzenden Mercedes sagte Jack: »Nein, zu auffallend«. Bei einem verbeulten kleinen Lieferwagen in einer Ladenstraße schüttelte er den Kopf. »Zu viele Leute hier. Ein, zwei Minuten werde ich schon brauchen.« 

Für König und Vaterland – ich bin angeschossen worden – die Geheimpolizei. Es war alles absurd und wahrscheinlich nichts als ein Haufen Lügen. Gutes Aussehen und eine kultivierte Sprache waren keine Garantie für Ehrlichkeit; er konnte alles mögliche sein – ein Hochstapler, ein Dieb, ein Mörder. Freddie dachte mit Sehnsucht an ihren Zug und ihre so sorgfältig organisierte Reise, die Bücher, die sie hatte lesen, die Briefe, die sie hatte schreiben wollen. 

Sie waren jetzt auf der Piazza San Marco. Überall standen geparkte Autos. Sie gingen um den Platz herum, und Jack Ransome musterte jeden Wagen mit prüfendem Blick. Ein rostiger schwarzer Fiat stand in einer stillen Ecke des Platzes. Jack Ransome schaute nach links und rechts, dann versuchte er, die Türen des Autos zu öffnen. Sie waren abgeschlossen. 

»Könnten Sie mir eine Haarnadel leihen, Miss Nicolson?« 

Wütend zog sie eine Nadel aus ihrem Hut. 

»Danke. Seien Sie bitte so nett und passen Sie auf, ja?« 

Es war heiß. Sie ging über die Straße in den Schatten. Sie zog die Jacke aus und merkte, dass sie sie wie zum Schutz krampfhaft an die Brust drückte. Ihr Mund war trocken, und ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie ein Polizeiauto, das die Straße herunterkam. Auch Jack Ransome hatte es bemerkt, seine Hand am Türgriff des Fiats erstarrte. Aber der Polizeiwagen fuhr weiter, und Jack kauerte wieder neben dem Türschloss nieder. 

Jetzt könnte sie flüchten, ihren Koffer zurücklassen, einfach loslaufen. Sie hatte immer noch ihre Handtasche mit ihrer Geldbörse, dem Pass und der inzwischen nutzlosen Eisenbahnfahrkarte. Aber neben ihren Kleidern und Toilettensachen war in ihrem Koffer, im Futter versteckt, ein Briefumschlag mit englischem Geld, ihre Notfallreserve. Und außerdem – würde sie es überhaupt zum Bahnhof schaffen? Oder würde er sie aufhalten? 

Sie hielt es für wahrscheinlich. Er hatte einen entschlossenen Zug im Gesicht; es war besser, ihn nicht zu provozieren. Und wenn er mit Leuten zu tun hatte, die um sich schossen, konnte er dann nicht auch eine Schusswaffe besitzen? 

Groß und schmal, aber sportlich wirkend, war er immer noch über die Tür des Wagens gebeugt und konzentrierte sich mit angespannter Miene auf seine Arbeit. Das dunkelblonde Haar hing ihm feucht in die Stirn. Er war gut gekleidet; mit Kleidung kannte Freddie sich aus, sie war bei Tessa in die Schule gegangen, und die Sachen, die er anhatte, waren, wenn auch verschmutzt und zerrissen, von bester Qualität. Sie musste plötzlich an den Kuss denken, schüttelte die Erinnerung aber sofort ab. Sagte er ihr die Wahrheit? Wer war er? Und was hatte er mit ihr vor? 

Sie hörte ihn gedämpft rufen. »Miss Nicolson.« 

Er hielt die Tür auf der Fahrerseite des Fiats auf. Sie lief über die Straße. Er gab ihr die Nadel zurück, und sie steckte sie in ihren Hut. »Ich fahre Sie nach Bologna«, erklärte sie mit fester Stimme. »Dann können Sie irgendeinen Zug nehmen, und ich reise nach Hause.« 

»Keine Züge. Auf den Straßen ist es sicherer.« Er zog die Autotür noch ein Stück weiter auf. 

Sie schüttelte den Kopf. »Ich steige nicht ein, solange Sie mir nicht sagen, wohin wir fahren.« 

»Das weiß ich noch nicht. Fürs Erste nach Norden.« Er sah sie scharf an. »Sie haben doch keine Angst?« 

»Natürlich nicht«, antwortete sie kalt. 

»Gut. Sie sehen nicht aus wie ein Zittergras. Deshalb habe ich Sie ausgesucht.« 

»Mich ausgesucht 

»Ich wusste, dass Sie Engländerin sind. Ich hatte Ihr Kofferschild gelesen. Und Sie sahen aus, als hätten Sie einen kühlen Kopf. Nicht hysterisch. Sie können Auto fahren, nehme ich an?« 

Sie warf ihm nur einen bösen Blick zu, dann stieg sie ein. Er legte ihren Koffer auf den Rücksitz, während sie ungeschickt die Knöpfe und Hebel prüfte. 

Der Wagen tat einen Satz, und Jack hielt sich am Armaturenbrett fest. Sie trat aufs Gaspedal, und sie schossen los, schlingernd die Straße hinauf. Freddie hielt den Blick starr geradeaus gerichtet, einzig darauf konzentriert, heil an geparkten Autos und einem Karren mit einer Ladung Milchkübel vorbeizukommen. Sie war seit mehr als einem Jahr nicht mehr gefahren, und der schwere Fiat lag ganz anders auf der Straße als Tessas leichter MG.  

An der Kreuzung sagte Jack Ransome, sie solle links abbiegen. Sie waren vielleicht fünf Minuten unterwegs, als er fragte: »Schalten Sie nicht gern?« 

Der Motor heulte. »Nicht besonders«, gestand sie. 

»Ich übernehme den Schalthebel, Sie die Pedale.« 

Er hantierte mit dem Schalthebel, blaffte Befehle, und Freddie gab Zwischengas. »Nicht, dass uns das Getriebe um die Ohren fliegt«, sagte er. 

Ihr fiel auf, wie mühsam er sich aufrecht hielt, und sie blickte nach unten. Durch den Schal um seinen Fuß sickerte Blut. Es wäre unangenehm, dachte sie, wenn er ihr jetzt unter den Händen wegstürbe.  

»Sobald wir eine ruhige Stelle finden«, sagte sie, »halte ich an und sehe, ob ich Ihr Bein richtig verbinden kann.« 

Sie fuhren in nördlicher Richtung aus Florenz hinaus. Freddie sah einen Wegweiser nach Fiesole und dachte mit Wehmut an den Ausflug, den sie erst vor zwei Tagen mit Tessa zusammen dorthin unternommen hatte. 

Bald hatten sie die Häuser hinter sich gelassen und fuhren durch offenes Land. Freddie merkte, wie etwas von ihrer Angst sich legte, obwohl sie nicht verstand, warum: Hier draußen konnte er sie mit Leichtigkeit umbringen und irgendwo im Wald verscharren. Nach einer Weile bemerkte sie weiter vorn einen Seitenweg, der in einen Wald führte. Sie bog ein, fuhr noch ein kurzes Stück, bis sie sicher war, dass der Wagen von der Straße aus nicht zu sehen war, und hielt an. Der schmale grasbewachsene Weg war von dichten Bäumen umgeben. 

Jack stieg aus dem Auto und setzte sich an den Wegrand, um seinen Schuh zu öffnen. Freddie fiel auf, dass er sehr blass war. Wenn er jetzt bewusstlos wurde, konnte sie den Wagen vielleicht rückwärts zur Straße hinausfahren. Oder zu Fuß zur nächsten Kreuzung marschieren und versuchen, ein Auto anzuhalten. Und dann nach Hause fahren. 

Aber als sie sah, wie er nach Luft schnappte, als er den Schuh auszog, tat er ihr leid, so wütend sie auf ihn war. Sie holte ihren Koffer aus dem Auto, legte ihn neben ihm ins Gras und klappte den Deckel hoch. 

»In meiner Handtasche ist Aspirin«, sagte sie. »Bedienen Sie sich. Warten Sie, ich helfe Ihnen, die Socke auszuziehen – oh, Entschuldigung, ich versuche, Ihnen nicht wehzutun. Erzählen Sie mir, was hier eigentlich los ist. Das befriedigt meine Neugier und lenkt Sie ein bisschen ab. Außerdem ist es das Mindeste, was Sie tun können, wenn ich schon ein Kleidungsstück opfere, um Ihren Fuß zu verbinden.« 

»In Ordnung.« Er runzelte die Stirn. »Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll.« 

»Mit dem Üblichen – Alter, Herkunft, Geburtsort, Familie, Beruf.« Sie streifte vorsichtig die Socke ab. »Ach, und wieso Sie mit einer Schusswunde im Bein in Florenz herumrennen.« 

Er hatte Schweiß auf der Stirn, und in seinem Bein, unmittelbar über dem Knöchel, klaffte eine tiefe Wunde. Hatte sie etwas da, um sie zu reinigen? Sie wühlte in ihrem Koffer und fand ein kleines Handtuch und eine Tube Wundsalbe. 

»Okay«, sagte er. »Zweiundzwanzig Jahre alt. In Norfolk geboren. Eltern leben nach letzten Meldungen noch. Zwei Schwestern und ein Bruder – Marcia und Rose sind prima, Bruder George ist ein alter Langweiler. Beruf – nichts zu vermelden eigentlich. Ich bin ein bisschen gereist. Ich mag Italien.« 

Freddie tupfte mit einem Handtuch an der Wunde herum. »Sie sprechen sehr gut Italienisch.« 

»Danke. Ich habe eine ganze Weile hier gelebt.« 

»Wenn wir Wasser hätten, könnte ich das hier richtig säubern. Ich versuche jetzt einfach nur, das Blut wegzuwischen.« 

»Ah, ehemalige Pfadfinderin, Miss Nicolson?« 

»Stimmt«, sagte sie kurz. »Erzählen Sie weiter.« 

»Na ja, ich kenne da ein paar Leute im Außenministerium. Und vor zwei Jahren meinten sie, sie hätten ganz gern eine Ahnung davon, wie Italien sich verhalten wird, wenn es Krieg gibt.« 

»›Wenn‹«, wiederholte sie zu ihm hinaufblickend. »Nicht ›falls‹?« 

»Nein, ›wenn‹. Tut mir leid.« 

Oh, Tessa, dachte sie. 

»Sie baten mich, die Ohren offen zu halten, solange ich hier sei. Rauszukriegen, aus welcher Richtung der Wind weht. Das habe ich brav getan. So ging’s dann weiter und mit der Zeit ist es ein bisschen ausgeufert. Fragen Sie ein bisschen herum, reden Sie mit diesen oder jenen Leuten, versuchen Sie herauszufinden, ob Mussolini schon kriegsbereit ist und auf wessen Seite er sich voraussichtlich schlagen wird. Versuchen Sie, an Informationen zu kommen, wie es mit der Rüstung steht und dergleichen mehr.« 

Ihr Herz klopfte unangenehm heftig. »Sie sind ein Spion«, stellte sie fest. 

»Ja, so kann man wohl sagen.« Er zuckte zusammen. »Aua!« 

Sie warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. »Stellen Sie sich nicht an.« 

»Wir Briten buhlen seit Jahren um Italien. Das Falscheste, was wir tun konnten.« Es klang ärgerlich. 

»Wieso?« 

»Weil wir in dieser Zeit lieber alles hätten daran setzen sollen, uns mit der Sowjetunion zu einigen. Aber das haben wir natürlich nicht getan, weil wir solche Angst vor dem Kommunismus haben. Die Regierung war offensichtlich nicht fähig zu erkennen, dass der Faschismus die weit größere Bedrohung ist. Erst jetzt scheint ihnen langsam ein Licht aufzugehen, aber ich habe das üble Gefühl, dass es schon zu spät ist.« 

Max hatte Ähnliches gesagt. Freddie hatte die Wunde gesäubert, so gut es ging. Sie musterte sie mit skeptischem Blick. »Sie sollten zu einem Arzt gehen. Vielleicht steckt noch eine Kugel drin.« 

»Das glaube ich nicht. Ich bin sicher, dass es nur ein Streifschuss war.« Er lächelte. »Außerdem habe ich uneingeschränktes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten, Miss Nicolson.« 

»Bei den Pfadfinderinnen lernt man nicht, Schusswunden zu nähen.« 

Er lachte laut. »Nein. Verdammt schade.« 

»Sie haben mir noch nicht erklärt –« 

»Die ersten Male ging alles gut. Ich gab meine tiefschürfenden Erkenntnisse weiter, sie tätschelten mir den Kopf und schickten mich nach Italien zurück. Aber diesmal muss ich’s vermasselt haben, denn als ich gestern Abend in meine Wohnung zurückkam, warteten dort zwei finstere Kerle auf mich. Ich konnte gerade noch abhauen. Ich habe dann den ersten Zug aus Rom hinaus genommen –« 

»Rom?« 

»Ja, da lebe ich. Ich bin nur bis Arezzo gekommen, aber heute Morgen in aller Frühe hat mich dann zum Glück ein Auto bis nach Florenz mitgenommen. Ich dachte, ich hätte sie abgeschüttelt, aber als ich zum Bahnhof kam, haben sie mich schon erwartet. Sie wollten mich schnappen, und einer hat mir das Ding am Bein verpasst.« 

Sie bat ihn, das gefaltete Handtuch auf die Wunde zu drücken, während sie einen Baumwollrock in Streifen riss. Sie hatte den Rock immer gern getragen – schon zwei Sachen waren jetzt hin, der Rock und der Schal. Ausgerechnet sie, die sich immer bemühte, die Grenzen der Vernunft einzuhalten, dachte sie erbittert, musste in dieses gruslige Abenteuer hineingeraten. 

Während sie Baumwollstreifen um sein Bein wickelte, sagte er: »Jetzt sind Sie dran.« 

»Ich?« 

»Geburtsort?« 

»Italien.« 

Er zog die Brauen hoch. »Und wohin wollten Sie vorhin den Zug nehmen?« 

»Ich wollte nach England. Da lebe ich seit meinem zwölften Lebensjahr.« 

»Eltern?« 

»Beide tot. Ich habe eine Schwester, die in Florenz lebt.« 

»Beruf?« 

Sie steckte den provisorischen Verband mit einer Sicherheitsnadel fest. »Ich arbeite für eine Frau namens Parrish, schreibe Briefe, mache die Ablage und dergleichen.« 

Na bitte. Ihr Leben in wenigen klaren Sätzen zusammengefasst. Irgendwie ziemlich mager. Jack war beängstigend blass – wenn er das Bewusstsein verlor, wäre sie dann wirklich fähig, ihn hier im Stich zu lassen, wo er womöglich verblutete oder, vielleicht genau so schlimm, von der italienischen Polizei gefasst werden würde? Nein, wohl nicht; es wäre unmenschlich, und außerdem setzte er sich ja anscheinend für sein Land ein – für ihrer beider Land. Und das hieß, dass sie an ihn gefesselt war, ob es ihr passte oder nicht, bis sie Italien verlassen konnten. Aber wie würden sie das anstellen? 

Während sie ihre Sachen wieder in den Koffer packte, sagte sie nachdenklich: »Sie haben gesagt, in den Zügen sei man nicht sicher. Aber wenn wir über die Grenze fahren, wird doch bestimmt das Auto kontrolliert. Und dann werden Sie vielleicht erkannt.« 

Er lachte sie an. »Wir fahren nicht dem Auto.« 

»Sondern?« 

»Wir nehmen ein Boot«, sagte er. 

Jack Ransome hatte einen Freund, der an der ligurischen Küste lebte, nicht weit von Rapallo. Und dieser Freund, meinte er, würde bestimmt jemanden auftreiben, der sie auf dem Seeweg nach Frankreich bringen konnte. In der Ecke da oben schmuggelten die Fischer dauernd irgendetwas von einem Land ins andere, warum nicht zur Abwechslung mal zwei verirrte Engländer an einem verlassenen Strand an der Côte d’Azur absetzen? 

Sie hätten keine zweihundert Kilometer mehr vor sich. Er wisse ungefähr, wie sie fahren müssten, er kenne sich an der italienischen Nordwestküste ganz gut aus. Sie würden sich zuerst westlich halten, Richtung Pistoia und Montecatini Terme, und dann die Küstenstraße nach Rapallo nehmen – obwohl es vielleicht gescheiter wäre, fügte er im Nachsatz hinzu, La Spezia mit seinem wichtigen Marinestützpunkt abseits liegen zu lassen. Sie würden locker geschätzt ein, zwei Tage brauchen, und wenn sie Glück hatten, würden sie irgendwo ein annehmbares Nachtquartier finden. 

Die Straße führte sie durch die Vorberge der Apenninen. In der Ferne konnte Freddie Gipfel erkennen, die selbst jetzt, Ende Mai, schneebedeckt waren. Einmal hielten sie an, um einen Jungen mit einer Gänseschar nach dem Weg zu fragen, dann noch einmal, als sie eine schwarz gekleidete Frau mit einem Bündel Reisig am Straßenrand sahen. Freddie fand allmählich ihren Fahrrhythmus, schaltete routiniert und ohne Schnitzer, während der Wagen Kilometer um Kilometer fraß. Es werde schon alles gut gehen, sagte sie sich. Sie würde bis Rapallo fahren, und wenn Jack von dort aus zu Schiff weiter wollte, wäre das seine Sache, sie würde ihm auf keinen Fall folgen. Sie hatte nicht das geringste Verlangen, auf einem kleinen Boot im Ligurischen Meer Leib und Leben zu riskieren; sie würde mit dem Zug nach Hause fahren. 

In Prato kauften sie Brot, Käse und mehrere Flaschen Wasser und Wein. Sie aßen auf einer Wiese außerhalb des Orts – genauer gesagt, Freddie aß und Jack Ransome trank etwas von dem Wein. Dann fuhren sie weiter, umrundeten Pistoia auf kleinen Nebenstraßen. Die Sonne stand hoch, und nach einer Weile schlief Jack ein, den Kopf an die Seitenwand des Wagens gelehnt. Sein Gesicht wirkte grau. Freddie dachte an die klaffende Wunde, an seine Weigerung, etwas zu essen, wie schnell er den Wein hinuntergekippt hatte. 

Gegen Mitte des Nachmittags folgte Freddie den Schildern nach Montecatini Terme bis zum Stadtrand. Jack schlief weiter, während sie tankte und sich nach der nächsten Apotheke erkundigte. Bevor sie das Geschäft auf der anderen Seite des Platzes betrat, schlug sie in ihrem Taschenlexikon die Wörter ›Mullbinde‹ und ›Verband‹ nach. Aber ihre Aussprache ließ offenbar zu wünschen übrig, denn der Apotheker, ein untersetzter Mann mit saurem Gesicht, zog die Mundwinkel herab und zuckte verständnislos mit den Schultern. Nachdem sie die Wörter ein paar Mal wiederholt und mit den Händen das Wickeln eines Verbands angedeutet hatte, setzte er sich träge in Bewegung und warf zwei Päckchen auf die Theke. Dann fiel ihr ein, dass sie noch Aspirin, das zum Glück auf Italienisch nicht viel anders hieß, und ein Desinfektionsmittel brauchte. Als sie eine Flasche entdeckte, von der sie vermutete, sie könne das Gesuchte enthalten, begann sie von Neuem zu gestikulieren, und der Apotheker füllte ihr schließlich ein kleines Fläschchen ab. Dann machte er eine Bemerkung, von der Freddie nur das Wort ›dottore‹ verstand, und sie schüttelte lachend den Kopf. Nein, nein, sie brauche keinen Arzt, wirklich nicht. 

Der Apotheker machte die Rechnung. Sie fühlte seinen unfreundlichen Blick auf sich, als sie in ihrer Geldbörse nach Münzen suchte. »Inglese?«, fragte er plötzlich, und sie legte hastig das Geld auf die Theke, raffte ihre Einkäufe zusammen und verließ den Laden. Auf dem Weg über die Piazza zum Wagen sah sie sich um. Er stand an der offenen Tür und schaute ihr nach. Dann spuckte er aufs Pflaster. Sie blickte wieder nach vorn und ging weiter, bemüht, keine Eile zu zeigen.  

Jack erwachte, als sie in den Wagen stieg und die Tür zuschlug. Sie zitterte am ganzen Körper. 

»Ich glaube, ich habe eben einen Fehler gemacht«, sagte sie. 

Er war sofort hellwach. »Was denn?« 

»Ich war in einer Apotheke, um Verbandzeug für Ihr Bein zu besorgen. Ich glaube, der Apotheker war misstrauisch. Ich weiß es nicht genau, ich bin mir nicht sicher. Er hat mich so komisch angesehen und dann gefragt, ob ich Engländerin bin. Tut mir leid.« 

»Da können Sie doch nichts dafür.« Er richtete sich auf. »Es ist wahrscheinlich nichts, aber fahren wir lieber weiter.« Er sah sie mit einem aufmunternden Lächeln an. »Wenn wir aus der Stadt hinaus sind, verbinde ich mein Bein, und dann übernehme ich das Steuer. Mir geht es nach dem Nickerchen viel besser.« 

Als sie Montecatini einige Kilometer hinter sich gelassen hatten, bogen sie wieder auf einen Feldweg ab. Jack stieg aus, um die Wunde zu desinfizieren und neu zu verbinden, Freddie blieb sitzen. 

Sie fühlte sich wie ausgelaugt, der kleine Zwischenfall in der Apotheke schien ihr die letzten Reserven geraubt zu haben. Jedes Geräusch – das ferne Aufheulen eines Motors, das Bellen eines Hundes – ließ sie auffahren. 

Jack kam zum Wagen zurück. »So, jetzt ist es besser. Danke, dass Sie mir das Zeug von der Apotheke geholt haben. Rutschen Sie rüber, jetzt fahre ich.« 

Sie tauschten die Plätze, Jack ließ den Motor an, und sie waren wieder unterwegs. Freddie versuchte zu schlafen.  

Als sie später aufwachte, rieb sie sich die Augen. »Wie spät ist es?« 

»So gegen sieben.« 

»Und wo sind wir?« 

»Die Küste kann nicht mehr weit sein.« 

Der Gedanke munterte sie auf. Sie stellte sich vor, dass sie sich ein kleines Hotel suchen und dort übernachten würden. Sie stellte sich ein richtiges Abendessen vor, ein Bad, ein Bett. Normalität eben. 

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Ich sollte mich dafür entschuldigen, dass ich Sie einfach so mitgeschleppt habe.« 

»Ich hatte mich auf eine schöne, ruhige Zugfahrt nach Hause gefreut, ja. Ich fahre gern Zug. Man kann sich so angenehm beschäftigen.« 

»Waren Sie bei Ihrer Schwester zu Besuch?« 

»Ja.« Sie schaute zum Seitenfenster hinaus. Das Licht begann zu schwinden. Das tiefe Himmelsblau des Nachmittags war den Aprikosen- und Lavendeltönen der Abenddämmerung gewichen. Es schien ihr unendlich lange her, dass sie Tessa das letzte Mal gesehen hatte. Sie seufzte. »Ich bin nach Italien gekommen, weil ich Tessa überreden wollte, mit mir nach Hause zu fahren.« 

»Und sie wollte nicht?« 

Freddie schüttelte den Kopf. »Aber ich musste es versuchen. Was glauben denn Ihre Freunde im Außenministerium, was passieren wird, wenn es Krieg gibt?« 

Er schaltete geschickt einen Gang herunter. »Sie glauben – sie hoffen –, dass Mussolini wenigstens neutral bleiben wird.« 

»Hoffentlich behalten sie recht.« 

»Wenn ja, können Sie wegen Ihrer Schwester ganz beruhigt sein.« 

Sie war ihm dankbar, obwohl sie den Verdacht hatte, dass er sich nicht ganz an die Wahrheit hielt und sie nur trösten wollte. 

»Ich werde jetzt wohl eine Weile nicht nach Italien zurückkönnen«, sagte er nachdenklich. 

»Was haben Sie vor? Wieder nach Norfolk?« 

»Um Gottes willen, nein. Lebendig begraben. Nein, ich gehe vielleicht zum Militär. Bruder George wird aus allen Wolken fallen – Jack tut endlich mal was Nützliches.« 

»Sind Sie der Älteste?« 

»Der Dritte von vieren. Erst George, dann Marcia, dann ich und zuletzt Rose.« 

»Sind die anderen verheiratet?« 

»George und Marcia, ja. Marcia hat zwei kleine Söhne. Ich vermute, George und Alexandra – das ist seine Frau – werden auch irgendwann mal mit ihrem ewigen Gezänk aufhören, um einen Erben zu produzieren. Rose ist erst sieben, also noch nicht im heiratsfähigen Alter.« 

»Wie schön, so eine kleine Schwester zu haben.« 

»Ja, Rose ist wirklich süß. Verrückt nach Hunden und Pferden.« 

»Was macht Ihr Bein?« 

»Ganz in Ordnung.« 

Aber sie bemerkte, wie er jedes Mal die Zähne zusammenbiss, wenn er Gas gab, und sagte: »Ich bin ziemlich hungrig. Können wir irgendwo anhalten und etwas essen?« 

»Mal sehen, ob ich ein Plätzchen finde.« 

Er fuhr noch ein paar Kilometer weiter. Als vor ihnen ein grasbewachsener Hang mit vereinzelten Silberbirken auftauchte, lenkte er den Wagen an den Straßenrand und fuhr ein Stück den Hang hinauf. Die Bäume warfen lange, schmale Schatten, und am Himmel war der Mond herausgekommen. Goldgelb und rund hing er tief über ihnen. Im Licht der Scheinwerfer setzten sie sich ins Gras, Freddie riss das restliche Brot in zwei Hälften, und Jack teilte mit seinem Taschenmesser den Käse. 

»Ich möchte mir den Verband noch einmal ansehen«, sagte er und stieg den Hang hinauf, wo die Bäume dichter standen. Freddie gähnte, streckte sich und begann, die Reste ihres Mahls aufzuräumen. Es war jetzt fast dunkel, und sie glaubte, den Schrei einer Eule zu hören, aber immer wenn sie lauschte, schien er zu verklingen und sich im Rascheln der Bäume zu verlieren. 

Dann hörte sie plötzlich etwas anderes, das tiefe Brummen eines Fahrzeugs irgendwo auf der Straße, die sie gerade gekommen waren. Sie lief zum Auto und schaltete den Motor und mit ihm die Scheinwerfer des Fiats aus. Das Motorengeräusch wurde lauter. Freddie stand reglos, als unten auf der Straße, nur wenige Meter entfernt, ein großer schwarzer Wagen vorbeifuhr, in dem vier Männer saßen. Sie glaubte, gesehen zu haben, dass zwei von ihnen Uniform trugen, war sich aber nicht sicher. 

Als der Wagen verschwunden war, drehte sie sich um und sah Jack aus den Bäumen kommen. »Glauben Sie, die haben uns gesucht?«, fragte sie. 

»Keine Ahnung. Es hat wahrscheinlich nichts mit uns zu tun.« Er schob das übrige Verbandszeug in seine Jackentasche. »Aber warten wir vorsichtshalber fünf Minuten ab.« 

Sie gingen zum Wagen. Er war ein Spion, sagte sich Freddie, und sie hatte ihm geholfen, vor der Polizei zu fliehen. Sie war in einem gestohlenen Auto in einem fremden Land auf der Flucht. Sie steckte, wenn auch gegen ihre Absicht, tief in der Geschichte drin, und wenn sie gefasst wurden, würde sie der Strafe nicht entkommen. Wurden Spione nicht erschossen? Ihr wurde flau bei dem Gedanken. 

Sie warteten schweigend. Dann sagte Jack: »Am besten halten wir uns von der Küstenstraße fern. Ich suche uns einen Weg durchs Hinterland.« Freddie ließ den Motor an.  

Sie nächtigten im Auto. Nachdem sie zwei Stunden auf schmalen Straßen über Berg und Tal gefahren waren, parkten sie an einem Bach, der unter Tannen dahinfloss. Jetzt würden sie erst einmal ein paar Stunden schlafen, sagte Jack, dann verschränkte er die Arme auf der Brust und lehnte sich mit geschlossenen Augen in seinem Sitz zurück. 

Freddie war todmüde, aber ihre Gedanken gönnten ihr keine Ruhe. Was für ein langer, ungewöhnlicher und aufwühlender Tag. Einzelne Szenen und Bilder hatten sich ihrem Gedächtnis aufgedrückt wie Muster auf einen Stoff. Tessa, wie sie sich in ihrem grünen Kleid von ihr entfernte. Der Kuss: Ich tue das für König und Vaterland. Der Apotheker in Montecatini, das große schwarze Auto auf der Küstenstraße. 

Sie erwachte bei Morgengrauen aus unruhigem Schlaf. Jack schlief noch. Während sie ihn betrachtete, ertappte sie sich dabei, dass sie versuchte, sich sein Profil einzuprägen: gut geschnittenes Kinn, die Nase fast gerade mit einem kaum wahrnehmbaren kleinen Buckel, ein klar modellierter Mund, und das strohblonde Haar, das ihm in die Stirn fiel. Ein schönes Gesicht. Sie hatte ihn geküsst und jetzt schlief sie in gewisser Weise mit ihm. Es traf sie wie ein Schock, als sie merkte, dass sie ihn trotz des Ärgers über die herrische Art, wie er sich ihr aufgezwungen hatte, anziehend fand. Das konnte nur eine sehr vorübergehende Verirrung sein, den bizarren Umständen ihrer Reise geschuldet. Als sie sah, dass er wach wurde, nahm sie eilig ihren Koffer und ging an den Bach, um sich im eiskalten Wasser das Gesicht zu waschen. 

Bald danach fuhren sie weiter. In einem kleinen staubigen Dorf fanden sie einen Laden, wo sie zu essen und zu trinken einkauften. Jack sprach mit dem Inhaber, der ihnen daraufhin in kleinen angeschlagenen Tassen heißen Kaffee anbot, der bitter schmeckte und so stark war, dass es sie schüttelte. Obwohl sie den Kaffee dringend gebraucht hatte, war ihr unbehaglich. Das Dorf lag so abgeschieden am Fuß der Apenninen, dass hier gewiss nur selten Fremde gesehen wurden. Sie passten nicht in diese festgefügte bäuerliche Gemeinde, und sie fürchtete, dass ihr ungepflegtes Aussehen und das Fehlen aller Requisiten, die Touristen oder Wanderer auszeichneten – Fotoapparate, Rucksäcke, Wanderstiefel –, sie umso auffälliger machten. 

Und dann ging es wieder weiter. Freddie fuhr, Jack gab Anweisungen. Er hatte keine Karte, aber er schien beinahe instinktiv zu wissen, wie sie fahren mussten. Freddie taten die Schultern weh vom steifen Sitzen am Lenkrad, und es kam ihr vor, als hätte sie Sand in den Augen. Sie kamen jetzt langsamer voran, die Straßen waren hier kurvenreicher und schmaler, manche ungeteert. Sie konzentrierte sich krampfhaft, trotzdem überfiel sie immer wieder ein Gefühl von Unwirklichkeit. Jetzt müsste sie eigentlich in Paris sein, mit der Métro auf dem Weg zur Gare du Nord, zum Fährzug und nach Hause. Stattdessen gondelte sie hier auf wildfremden Straßen herum, von denen eine aussah wie die andere, im Schatten von Bergen, die ihr alle gleich hoch und durch Täler, die ihr alle gleich grün und saftig vorkamen. 

Am frühen Nachmittag mussten sie wieder in Richtung Küste fahren, weil sie eine Tankstelle brauchten. Unter den kleinen Häusern, die vereinzelt die Straße säumten, stießen sie schließlich auf eine Schmiede, vor der zwischen Haufen alter Autoreifen und vor sich hin rostender landwirtschaftlicher Geräte eine Zapfsäule stand. Ein Holzstoß lehnte an einem Steinhaus, in dessen dunklen Tiefen Feuerschein und orangefarbene Funken glommen. 

Freddie stieg aus, während Jack sich auf die Suche nach dem Betreiber der Zapfsäule machte. Sein Hinken hatte sich verschlimmert, und er bewegte sich steifgliedrig und unbeholfen. Die Tür des Hauses öffnete sich, ein Mann in einem schmutzigen Arbeitsanzug trat heraus. Jack sprach ihn an, der Schmied erwiderte etwas und warf dann einen stirnrunzelnden Blick auf den Wagen. Freddie ging auf und ab, um sich die Füße zu vertreten. Ein kleines Mädchen kam aus einem der Häuser gelaufen und starrte sie mit dem Daumen im Mund einen Moment an, bevor sie ins Haus zurückrannte. Kein Wunder, dachte Freddie – sie sah wahrscheinlich zum Fürchten aus. 

Jetzt ist es nicht mehr weit, tröstete sie sich. Jacks Schätzung nach mussten sie nur wenige Kilometer landeinwärts von La Spezia sein. Mit etwas Glück würden sie Rapallo am Abend erreichen. Nur noch ein paar Stunden, dann würde dieser Albtraum vorbei sein. Sie sah, dass Jack und der Schmied sich immer noch unterhielten. Jetzt war es Jack, der die Stirn runzelte, während der Schmied eifrig gestikulierte. Freddie trat näher, um zu hören, worum es ging, aber sie sprachen beide so schnell, dass sie kein Wort verstand. 

Dann hängte der Schmied den Schlauch wieder an die Zapfsäule und ging zurück in seine Werkstatt. 

Jack trat zu ihr. »Anscheinend war heute Morgen die Polizei hier.« 

»Die Polizei?«, fragte Freddie erschrocken. »Was wollten sie?« 

»Uns, wie es scheint. Sie haben alle möglichen Fragen gestellt – ob ihm ein schwarzer Fiat aufgefallen sei, ob Ausländer bei ihm vorbeigekommen seien.« Jack senkte die Stimme. »Aber der Mann ist Kommunist. Er hat weder für die Regierung noch für die Polizei viel übrig. Machen Sie sich keine Sorgen, es ist schon mehrere Stunden her.« 

»Mr. Ransome«, rief sie wutentbrannt. »Sie wissen von dem Auto. Sie suchen uns.« 

Er lächelte, wahrscheinlich sollte es beruhigend wirken. »In Italien gibt es Hunderte von schwarzen Fiats. Wir müssen nur vorsichtig sein, schön aufpassen. Es ist nicht mehr weit, ehrlich. Es ist alles in Ordnung, das verspreche ich Ihnen.« 

»In Ordnung?« Freddies Stimme überschlug sich beinahe. Sie blickte an sich hinunter. Ihre Sandalen waren zerkratzt und verdreckt, ihr Kleid sah aus, als wäre es nie gebügelt worden, und ihr war fast schwindlig vor Müdigkeit. »Das nennen Sie in Ordnung  

»Miss Nicolson, es tut mir leid, dass ich Sie da hineingezogen habe.« Wenigstens wirkte sein Bedauern jetzt echt. »Wenn Sie allein weiterreisen wollen, verstehe ich das vollkommen und werde nicht versuchen, Sie davon abzuhalten.« 

»Ich kann mir nicht vorstellen«, entgegnete sie sarkastisch, »dass hier stündlich Busse verkehren.« 

»Da haben Sie wahrscheinlich recht. Allenfalls Fuhrwerke, von denen eines Sie mitnimmt, wenn Sie Glück haben. Nein, im Ernst, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Der Mann hier hat mir angeboten, uns einen Weg zu zeigen, der um La Spezia herumführt. Er will uns sogar ein Stück lotsen.« 

»Und woher wissen wir, dass wir ihm trauen können?« 

»Das wissen wir leider nicht. Aber wir haben keine große Auswahl.« 

Einen Moment lang starrte sie ihn finster an, dann machte sie auf dem Absatz kehrt, ging zum Wagen, schlug krachend die Tür zu und ließ den Motor an. Der Schmied sprang in seinen kleinen Laster, und Freddie folgte ihm in die kleine Straße hinter dem Haus. Der Lastwagen führte sie landeinwärts, tiefer in die Berge hinein. Ich will nur nach Rapallo, dachte sie bei sich, dann kann ich abhauen. Sie konnte es kaum erwarten, ihn loszuwerden. 

Unwillkürlich stöhnte sie plötzlich laut auf. Jack sagte: »Was ist los? Geht es Ihnen nicht gut?« 

»Hat der Schmied etwas gesagt, ob die Polizei auch von mir weiß?« 

»Ja, leider. Eine junge Engländerin – helle Haut, dunkle Haare und dunkle Augen. Schien es eilig zu haben. Eine ziemlich treffende Beschreibung, finde ich.« 

Sie wusste, ohne hinzusehen, dass er wieder lächelte. Sie reagierte nicht, sie hielt den Blick unverwandt auf die Straße gerichtet, die immer weiter anstieg. Wenn die Polizei auch nach ihr suchte, konnte sie es nicht riskieren, die Grenze im Zug zu überqueren. Sie hatte keine andere Wahl, als in einem verflixten Fischerboot nach Frankreich zu schippern. Am liebsten hätte sie gleich noch einmal gestöhnt. 

Die Straße war voll tiefer Schlaglöcher, und der Fiat wurde fortwährend von heftigen Stößen erschüttert. »Sie müssen hochtourig fahren, kleiner Gang, viel Gas«, sagte Jack, der sich am Armaturenbrett festhielt. Sie sah, wie er das Gesicht verzog, wenn das Auto einen Satz machte.  

Sie waren dem Schmied mit seinem Laster mehrere Kilometer weit in die dicht bewaldeten Vorberge der Apenninen gefolgt und hatten noch eine genaue Beschreibung des weiteren Wegs mitbekommen, bevor er umgekehrt war. Als die Rücklichter seines Wagens verschwunden waren, schien die Landschaft noch einsamer zu werden. In den nächsten Stunden sprachen sie wenig. Jack gab Freddie Anweisungen und fragte hin und wieder, ob sie anhalten wolle. Jedes Mal schüttelte sie den Kopf. Sie fuhr, so schnell das Gelände es zuließ, gehetzt von dem Wissen, dass auf sie Jagd gemacht wurde. Immer wieder blickte sie in den Rückspiegel, aber auf diesen kleinen ruhigen Landstraßen gab es kaum andere Fahrzeuge. Einmal führte ihr Weg sie auf einem tief zerfurchten grünen Trampelpfad durch einen Wald an einem Lager mit bemalten Wohnwagen und Pferden vorbei. Eine Frau mit einem Säugling im Arm hockte neben einem Kessel, der über offenem Feuer aufgehängt war. Ihr Blick folgte dem vorüberrumpelnden Fiat. 

Aus dem Schutz der Bäume gelangten sie in freies Land. Ein Raubvogel kreiste, von einem Luftstrom getragen, über ihnen, und die Wiesen waren mit Blumen aller Farben gesprenkelt. Einen Moment lang vergaß Freddie ihre Angst, bezaubert von so viel ländlicher Schönheit. »Ich fürchte, da braut sich etwas zusammen«, bemerkte Jack und wies nach Osten. Über den scharf gemeißelten grauen Bergspitzen brodelten Wolkenmassen. 

Freddie hatte den Eindruck, dass sich während der Fahrt zum gewohnten Quietschen und Scheppern des Fiats ab und zu noch ein röchelndes Pfeifen gesellt hatte. Die Wolken holten sie ein, und Regentropfen so groß wie Pennys klatschten auf die Windschutzscheibe. Der Scheibenwischer war so abgenutzt, dass Freddie durch die schmutzigbraune Brühe auf dem Glas kaum etwas erkennen konnte. Sie beugte sich vor, um besser sehen zu können, und nahm den Fuß vom Gas. Das Fahren strengte sie so sehr an, dass sie sogar ihre Angst vergaß. 

Das Pfeifen wurde immer durchdringender. Als sie einen steilen Hang hinunterfuhren, begann der Fiat zu schlingern. 

»Fahren Sie an die Seite«, sagte Jack scharf. »Da, unter die Bäume.« 

Sie hatte Mühe, den Wagen an den Straßenrand zu lenken, dann bremste sie ab. Jack stieg aus und ging neben dem Vorderrad auf seiner Seite in die Knie. 

»Verdammte Rostlaube.« 

»Was ist es?« 

»Die Radmuttern haben sich gelockert. Das müssen die Erschütterungen auf den schlechten Straßen gewesen sein. Ich muss sie festziehen, sonst verlieren wir womöglich das Rad.« 

Er ging zum Kofferraum, um nach Werkzeug zu suchen. Freddie stieg aus. 

»Kann ich etwas tun?« 

»Nein, danke. Erholen Sie sich, vertreten Sie sich ein bisschen die Füße.« 

Es goss. Sie holte ihren Regenmantel aus dem Koffer, zog ihn über und klappte die Kapuze hoch. Aus den schwindenden Vorräten nahm sie sich einen Apfel mit und aß ihn, während sie langsam hangabwärts ging. Die Straße wand sich hinab in ein nebliges graues Tal. Ob sie wohl das Meer hätte sehen können, wenn es klarer gewesen wäre? Ihr taten alle Glieder weh vor Müdigkeit und Anspannung. Sie hatte das Gefühl, schon ewig unterwegs zu sein; unter ihren Füßen meinte sie die Bewegung des Wagens zu spüren. Als sie sich einmal umdrehte, hockte Jack immer noch neben dem Fiat. Er würde den Wagen wieder flottmachen, sagte sie sich, dann würden sie noch die letzten Kilometer hinter sich bringen, und sie wäre in Sicherheit. 

Sie war der Straße um eine Biegung gefolgt, als sie die Lichter bemerkte. Mit einem Ruck blieb sie stehen, und während sie mit zusammengekniffenen Augen durch die Regenschleier spähte, versuchte sie zu verstehen, was sie da sah. 

Das Licht ging von mehreren Autoscheinwerfern aus, und die Autos – zwei oder drei, sie konnte es nicht genau erkennen – standen nebeneinander aufgereiht und versperrten die Straße. Sie warteten auf jemanden.  

Einen Moment war sie wie gelähmt, dann rannte sie zurück zum Wagen. Als sie fast da war, stand Jack auf. »Was ist los?« 

»Autos – Polizeiautos – auf der Straße. Gleich da unten.« 

»Mist.« 

»Wir müssen zurückfahren.« 

Er schüttelte den Kopf. »Geht nicht.« 

Sie starrte ihn an. »Warum nicht?« 

»Wir haben unterwegs eine Radmutter verloren und von den restlichen ist eine so verzogen, dass sie nicht mehr passt. Ein Ersatzrad gibt’s nicht. Und außerdem –«, er warf einen Schraubenschlüssel in den Kofferraum, »wenn sie hier eine Straßensperre errichtet haben, dann vielleicht auch noch an anderen Stellen. Es geht nicht anders, wir müssen zu Fuß weiter.« 

»Zu Fuß?« Ihre Stimme überschlug sich. 

»Es müssen ungefähr fünfzehn Kilometer bis zur Küste sein. Schaffen Sie das?« 

Sie nickte nur. 

Sie packten den Rest ihrer Lebensmittel in Freddies Koffer und schoben den armen, treuen Fiat in die Bäume, wo er in einen flachen Graben rutschte. Dann marschierten sie durch das Gras die der Straße abgewandte Flanke des Hügels hinunter. Jack mit dem Koffer voraus, Freddie hinterher. 

Es war schwieriges Gelände, teilweise buschiges Gras, das in massigen Buckeln wuchs, teilweise steile Hänge, die durch Geröllfelder umso unangenehmer waren. Beim kleinsten Geräusch fuhr Freddie zusammen. Ich habe keine Zeit für kindische Spielchen, hatte sie am Tag zuvor gesagt, doch wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass dieses Abenteuer seine spannenden Momente gehabt hatte. Der gleichmäßige Fluss der Straße unter den Rädern des Wagens, nachts das Mondlicht auf den Bergen – das hatte ihr gefallen. 

Aber an dieser Wanderung war nichts, was einem gefallen konnte. Der Regen drang durch ihren dünnen Mantel, ihre Strümpfe waren zerrissen, ihre Sandalen durchweicht. Sie war müde, nass bis auf die Haut, sie fror und sie hatte Angst. Diese Autos auf der Straße hatten sie zu Tode erschreckt. Das war kein Spiel mehr, und je deutlicher ihr die Misslichkeit ihrer Lage wurde, desto mehr bröckelte ihr Widerstand gegen die Angst. Wie leicht hätten sie ahnungslos in die Straßensperre hineinfahren können. Hätte das Rad sich nicht gelockert, hätten sie die Polizeiautos viel zu spät bemerkt. Sie hatten eine Spur hinterlassen, die ihre Verfolger von dem Apotheker in Montecatini Terme zu dem Ladeninhaber in dem kleinen Bergdorf und weiter zu dem Schmied und den Zigeunern im Wald geführt hatte. Es konnte nicht schwer zu erraten gewesen sein, dass sie zur Küste wollten. Bestimmt überwachte die Polizei alle Küstenstraßen. Vielleicht durchkämmten sie schon diese Berge. Vielleicht hatten sie Hunde – sie glaubte, etwas zu hören, ein Heulen, einen lauten Ruf, aber als sie zurückblickte, waren da nur der Regen und die Berge. 

Es schüttete immer weiter aus dem schwarzgrauen Himmel. Während die Stunden vergingen, tat Freddie das, was sie, wie ihr schien, nun schon seit Ewigkeiten tat: Sie setzte einen Fuß vor den anderen, den Blick unverwandt auf Jacks lange Gestalt gerichtet. Sie sollte ihm den Koffer abnehmen, dachte sie matt, er hatte Mühe genug mit seinem Bein, aber sie konnte sich nicht vorstellen, woher sie die Kraft nehmen sollte, auch noch den Koffer zu schleppen. Vielleicht sollte sie ihn auffordern, den Koffer einfach wegzuwerfen – ihre Sachen waren wahrscheinlich ohnehin ruiniert –, aber sie war selbst zum Sprechen zu müde. Ab und zu drehte er sich zu ihr um, lächelte aufmunternd und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie nickte jedes Mal. Sie sah auf ihre Uhr, stolperte dabei, stellte fest, dass es fast acht war. Sie waren seit Stunden unterwegs, und das Licht begann zu verblassen. In der zunehmenden Dunkelheit auf den Beinen zu bleiben, forderte ihre ganze Konzentration und Nervenkraft. 

Sie kamen zu einem Bach. Jack watete durch das Wasser. »Es ist nicht tief«, rief er ihr zu. »Schaffen Sie das?« 

Freddie trat in den Bach. Seichtes Wasser sprudelte über glatt geschliffene Steine und feinen Kies. Als sie sich noch einmal umschaute, sah sie auf halber Höhe des Hügelhangs Licht aufblitzen – vielleicht die Scheinwerfer eines Auto, vielleicht der Strahl einer Taschenlampe. Ihr Herz raste. Wie gejagt rannte sie durch das Wasser. 

Auf einem glitschigen Stein rutschte sie aus, fiel im eisigen Wasser auf die Knie und schrie auf. 

»Miss Nicolson.« Jack watete wieder in den Bach hinein und bot ihr die Hand. 

»Gehen Sie weg!«, schrie sie. »Lassen Sie mich.« 

Mit ausgebreiteten Armen, um das Gleichgewicht zu halten, kniete sie im Wasser, ohne sich zu rühren. Sie spürte, wie er die Hände unter ihre Arme schob und schrie wieder: »Fassen Sie mich nicht an.« Ohne darauf zu achten, zog er sie hoch und schleppte sie ans Ufer. 

Dort fiel sie gekrümmt zu Boden, die Hände vor dem Gesicht, und weinte. Sie fühlte seine Hand an ihrer Schulter und hörte ihn ruhig sagen: »Ich kenne mich hier aus. Ich war hier schon einmal. Gleich hinter dem Feld ist eine Schäferhütte. Wenn wir es dorthin schaffen, können wir uns ein bisschen aufwärmen. Es ist nicht weit. Können Sie laufen?« 

Sie glaubte nicht, dass sie je wieder auch nur einen einzigen Schritt gehen könnte, wäre am liebsten einfach liegen geblieben und gestorben, aber sie verbiss sich die Tränen, schniefte und nickte. Er half ihr auf und hielt sie fest bei der Hand, während sie über eine Sumpfwiese und dann über ein Feld stolperten. Er redete die ganze Zeit, erzählte von einem Sommer, in dem er hier auf einem Hof gearbeitet und die Berge erkundet hatte; sie hörte nicht genau zu, aber der Klang seiner Stimme tröstete sie und lenkte sie ein wenig von der Müdigkeit ab. 

»Da ist es«, sagte er, und Freddie konnte in der hintersten Ecke des nächsten Feldes eine kleine Steinhütte erkennen. 

Als sie die Hütte erreichten, stieß er die Tür auf, und sie traten ein. Die Schafe hatten ihren Geruch und an rostigen Nägeln in den Wänden und im Stroh, das auf dem Lehmboden verstreut lag, schmutzige Wollfetzen zurückgelassen.  

Freddie ließ sich in einer Ecke auf den Boden fallen, die Arme fest um die angezogenen Beine geschlungen. Sie schlotterte so stark, dass ihr Kinn immer wieder auf ihre Knie schlug. Jack machte Feuer – erst schichtete er ein paar Scheite aus dem Holzstoß an der Wand zur Pyramide auf, dann deckte er Reisig darüber und stopfte zum Schluss Schafwolle in die Ritzen, die dort hing wie Distelflaum. Sie hörte, wie er sein Feuerzeug anknipste, dann sprang eine Flamme auf. 

»Der reinste Richard Hannay«, sagte sie. »Es fehlen nur noch die 39 Stufen.« Ihre Stimme zitterte.  

»Finden Sie?« Er lachte. »Kommen Sie näher – gleich wird es richtig brennen.« 

Sie schüttelte den Kopf, keiner Bewegung fähig, gänzlich erschöpft.  

Er legte mehr Reisig aufs Feuer, dann drehte er sich zu ihr um. »Wir sind fast da.« 

»Fast wo?«, fragte sie, erneut dem Weinen nahe. »Irgendwo, wo ich nie hinwollte? Ich möchte heim – das ist alles Ihre Schuld – es kann leicht sein, dass sie auch noch Hunde haben.« 

»Hunde?« 

»Ja, Suchhunde.« Sie weinte jetzt. »Die Polizei … Ich hasse diese großen Hunde.« 

»Ich glaube nicht, dass bei Regen Hunde eingesetzt werden«, erwiderte er ernsthaft. »Ich glaube, da können sie keine Witterung aufnehmen.« 

Das Feuer brannte lichterloh. Er setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern. 

»Gehen Sie weg«, sagte sie. Ihre Zähne schlugen aufeinander. 

»Nein. Ihnen ist eiskalt, Sie müssen wieder warm werden. Das hier ist kein Annäherungsversuch, ich verspreche es Ihnen. Die Polarforscher in der Antarktis drängen sich beim Schlafen ganz eng zusammen. Es ist die beste Methode, um sich warm zu halten.« 

Einen Moment sagte sie nichts, dann fragte sie: »Ist das wahr, was Sie über die Hunde gesagt haben?« 

»Dass sie bei Regen keine Witterung aufnehmen können? Ja, absolut.« 

Mühsam schob sie sich etwas näher ans Feuer. Endlich schien die Wärme sie zu erreichen, und sie streckte die Hände den Flammen entgegen. Sie schämte sich in Grund und Boden, dass sie geweint hatte. »Tut mir leid, dass ich mich so angestellt habe«, murmelte sie. 

»Ich habe selten ein Mädchen erlebt, das sich so wenig anstellt wie Sie«, sagte er. 

Sie drückte fest die Augen zu. »Ich hasse – ich hasse Kuddelmuddel 

»O je.« Sie hörte das Lachen in seiner Stimme. »Dann werden wir nicht miteinander können. Wo ich hinlange, gibt’s immer Kuddelmuddel.« 

Sie musste an die Reisen ihrer Kindheit denken, endlose Fahrten in Bahnwagen dritter Klasse oder auf Schiffen mit schwarz qualmenden Schornsteinen kreuz und quer durch Europa im Gefolge ihres unsteten Vaters. 

»Als ich klein war«, sagte sie, »ist mein Vater ständig mit uns herumgereist. Wenn wir morgens aufwachten, hieß es plötzlich, los, macht euch fertig, wir fahren weg, und dann landeten wir irgendwo in einem Zug oder auf einem Schiff und einmal sogar auf einem Ochsenfuhrwerk, ja daran erinnere ich mich noch genau. Und meine Mutter war immer so erschöpft, und mein Vater wurde jedes Mal wütend, weil nichts so klappte, wie er es sich vorgestellt hatte.« Sie holte Atem. »Ich mag keine Abenteuer. Ich brauche sie nicht.« 

»Ich weiß.« Das klang reuig. »Es tut mir leid. Aber manches hat doch auch Spaß gemacht?« 

»Spaß?«, wiederholte sie. »Wenn das Ihre Vorstellung von Spaß ist, Jack, ist sie das genaue Gegenteil von meiner.« 

» Nur noch heute. Großes Ehrenwort.«  

»Aber das Boot –« 

»Das wird schon klappen.« 

»Nein, wird es nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es einfach. Ich möchte nur nach Hause.« 

»Miss Nicolson –« 

»Freddie. Ich heiße Freddie. Frederica.« 

»Freddie? Ich dachte an Anna oder Caroline, aber Freddie ist besser. Hören Sie mir zu, Freddie. Der Regen mag eine elende Plage sein, aber uns kommt er entgegen. Wenn wir Glück haben, hat die Polizei das Auto nicht gefunden. Es wird alles gut gehen.« 

»Das sagen Sie dauernd.« 

»Vertrauen Sie mir nicht?« 

»Nein. Nicht im Geringsten.« 

»Sind Sie hungrig?« 

Sie konnte sich nicht entsinnen, wann sie zuletzt gegessen hatte. »Ein bisschen.« 

Er machte ihren Koffer auf und nahm den Rest eines Brotes heraus, zwei Äpfel und eine Flasche Wein. »Da, essen Sie«, sagte er und riss ihr ein Stück von dem Brot ab. »Dann wird Ihnen wärmer.« Er zog den Korken aus der Weinflasche. 

»Ich glaube, Ihnen macht das alles ein Heidenvergnügen«, sagte sie. 

»Manches davon«, bekannte er. »An einem Schreibtisch wäre ich nicht zu gebrauchen. Ich ginge spätestens nach einem Tag die Wände hoch.« 

»Wie geht es Ihrem Bein?« 

»Es tut ein bisschen weh.« Er klappte den Hosenaufschlag hoch und betastete vorsichtig den Verband. »Ich habe mir einmal in Griechenland beim Klettern den Knöchel gebrochen. Da musste ich mehr oder weniger auf einem Bein in die Zivilisation zurückhüpfen. Es könnte also schlimmer sein.« 

»Ihre Mutter muss doch verzweifeln.« 

»Oh, ich glaube, das hat sie schon vor einiger Zeit aufgegeben. Hier, trinken Sie einen Schluck.« Er reichte ihr die Weinflasche. 

Freddie nahm einen tiefen Zug. Der herbe Rotwein erwärmte sie; ihr Kleider trockneten langsam, und sie hatte endlich aufgehört zu zittern. Sie hatte das Brot aufgegessen; noch ein paar Schluck Wein, dann legte sie sich hin und sah dem Spiel der Flammen zu. »Ich schlafe nicht«, sagte sie. »Ich ruhe mich nur aus.« Sie schloss die Lider und war augenblicklich eingeschlafen. 

Als sie in der Nacht einmal erwachte, lag Jack an sie gedrückt, einen Arm über ihrer Schulter. Ihre Körper passten gut zusammen. Sie hielt sich ganz still und überließ sich der regelmäßigen Bewegung seiner Atemzüge und der Wärme seiner Umarmung. Sie dachte an den Kuss vor dem Bahnhof und an den merkwürdigen Moment am vergangenen Morgen, als sie gemerkt hatte, dass sie ihn begehrte. Gefährliche Gedanken – vorsichtig, um ihn nicht zu stören, streckte sie den Arm aus und legte noch ein Scheit aufs Feuer, dann schloss sie die Augen und versuchte, wieder einzuschlafen. 

Am nächsten Morgen standen sie früh auf. Nach einem bescheidenen Frühstück ging es los. Das Gelände machte es ihnen jetzt leichter, führte sie über sanft gewellte Wiesen zu einem Bauernhof mit schnatternden Gänsen und ballspielenden Kindern. 

Gegen Mittag nahm die Zahl der Häuser zu, und bald wanderten sie nicht mehr über Wiesen, sondern auf gepflasterten Straßen. In einem kleinen Café, wo sie kurz anhielten, um einen Kaffee zu trinken, verschwand Freddie in der winzigen Toilette und starrte in einem schiefen Spiegel ihr ungepflegtes Abbild an, während sie sich die Haare durchkämmte. 

Noch mehr Häuser, Geschäfte, belebte Straßen. Weiter vorn, in einer Lücke zwischen den Gebäuden, schimmerte der Himmel silbrig. Gleich da, sagte Jack und deutete nach vorn, sei das Meer. Freddie roch das Salz in der Luft und hörte das Kreischen der Möwen. 

In einer Bar bestellte Jack zwei Kognaks und bat, telefonieren zu dürfen. Ein längeres Gespräch, in schmeichelnden Tönen von ihm geführt, folgte. Freddie setzte sich inzwischen an einen Tisch am Fenster und trank ihren Kognak.  

Als Jack wieder zu ihr kam, sagte er: »Sie holt uns mit dem Auto hier ab.« 

Sie, dachte Freddie. Der Freund war also eine Freundin. 

Eine halbe Stunde später sagte er mit einem Blick aus dem Fenster: »Da ist Gabriella. Kommen Sie.« 

Am Bordstein wartete ein Sportwagen. Eine junge Frau beugte sich heraus, einen gepunkteten Seidenschal um die Haare, das schöne Gesicht sorgfältig geschminkt. 

»Jack, du siehst fürchterlich aus.« 

»Danke, Gaby. Das tut gut.« 

Sie warf ihm einen frostigen Blick zu, bot ihm aber die Wange zum Kuss. 

»Gabriella d’Aurizia«, stellt er vor, »Freddie Nicolson.« 

»Ich mache das nur für deine Freundin, Jack, nicht für dich«, sagte Gabriella abweisend. »Schnell, steigt ein.« 

Freddie setzte sich in den engen Fond des Lancia, Jack stieg vorn ein, und Gabriella startete den Wagen. Freddie döste vor sich hin, wurde allerdings immer wieder von dem hitzigen Wortwechsel vorn im Auto und von Gabriellas rasanter Kurventechnik aus ihrem Dämmerschlaf gerissen. 

Vor einer weißen Villa, die in einem großen Garten zurückgesetzt von der Küstenstraße stand, hielten sie an. Drinnen wurden sie eine Steintreppe hinaufgeführt und traten durch ein imposantes Portal in ein Marmorfoyer. Ein Mädchen nahm Freddies Regenmantel, ein Diener ihren Koffer. Ein anderes Mädchen ging ihr voraus eine breite Treppe hinauf zu einem eleganten weiß-goldenen Schlafzimmer und ließ ihr im anschließenden Badezimmer ein Bad einlaufen. Von dem angenehm warmen Wasser und duftendem Schaum eingehüllt, schloss Freddie die Augen und schob mit den Fingern sachte kleine Seifenblasen von einer Seite zur anderen. Als das Wasser kühl wurde, stieg sie aus der Wanne, trocknete sich ab und schlüpfte in den Bademantel, den das Mädchen ihr hingelegt hatte. Sie wischte den Dampf vom Spiegel. Ihr nasses dunkles Haar hing glatt herab, und ihre Haut war von der Wärme des Bads gerötet. Schönheit, so schien ihr, war schwer zu definieren; warum weckten manche Gesichter – Tessas zum Beispiel – in anderen das Verlangen, sie immer wieder anzusehen? Besaß auch ihr eigenes Gesicht diesen Zauber, diese Macht? 

Im Schlafzimmer lagen eine schwarze Hose und eine pfefferminzfarbene Seidenbluse – Gabriellas, vermutete Freddie – auf dem Bett für sie bereit. Sie zog sich an und ging nach unten.  

Der Streit war immer noch in vollem Gang. Freddie folgte den lauten Stimmen. 

»Ah, wie schön, Miss Nicolson.« Gabriella unterbrach sich in einer Schimpftirade und lächelte strahlend. »Sind Sie hungrig? Das dachte ich mir. Dann essen wir jetzt.« 

Sie nahmen das Mittagessen auf der Terrasse mit Blick auf den herrlichen Garten ein. Wenn Jack etwas sagte, konterte Gabriella unweigerlich mit einer sarkastischen Bemerkung. Dann meldete eine Hausangestellte Gabriella, dass der Arzt da sei. Gabriella entschuldigte sich bei Freddie und ging mit Jack ins Haus. 

Als Gabriella wieder herauskam, sagte sie abfällig zu Freddie: »Jack ist ein sehr dummer Mensch. Das habe ich ihm auch gesagt. Er hätte sterben können.« Sie schenkte Freddie noch ein Glas Wein ein. »Der Arzt kann sein Bein wieder flicken, aber was soll man mit so jemandem anfangen?« Freddie murmelte Zustimmung. 

Den Nachmittag verbrachte sie im Garten. Beinahe unfassbar dieser Gegensatz, die friedliche Ruhe des schönen Gartens nach der Angst und der Erschöpfung der vergangenen Tage. Beim Abendessen berichtete Gabriella ihnen, dass sie jemanden gefunden hatte, der sie am folgenden Morgen nach Frankreich bringen würde.  

In dieser Nacht schlief Freddie in weichen Kissen und seidenen Decken in dem weiß-goldenen Zimmer, in dem es still war bis auf das leise Zischen der Brandung, das durch ein offenes Fenster zu hören war. 

Am nächsten Morgen wurde sie in aller Frühe vom Mädchen geweckt, das die Vorhänge aufzog und das graue Morgenlicht hereinließ. Freddie sah auf ihre Uhr. Es war gerade fünf.  

Sie trank den Kaffee und aß das Brötchen und das Obst, die das Mädchen ihr auf einem Tablett brachte. Dann machte sie Toilette und kleidete sich an. Ihre Sachen waren wie durch Zauber frisch gewaschen und gebügelt wieder da. 

Gabriella und Jack standen im Flur, als sie nach unten kam, Jack in sportlicher Kleidung und mit Rucksack. Gabriella, in einem geblümten Seidenkleid und hohen Absätzen, sah Freddie lächelnd entgegen. »Miss Nicolson, ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.« 

»Sehr gut, danke.«  

»Wir müssen los, Freddie«, sagte Jack. »Das Boot wartet, und wir müssen mit der Flut auslaufen.« 

Gabriella fuhr sie die Küstenstraße hinunter bis zu einem kleinen Fischerdorf. Häuser klebten an den Berghängen, scharten sich um ein hufeisenförmiges Hafenbecken. Boote schaukelten auf tintenblauem Wasser, auf dem der Perlenglanz der Morgendämmerung lag. 

Mit klappernden Absätzen ging Gabriella ihnen voraus die Mole entlang. Zwei Männer waren dabei, ein Schiff namens Rondine mit Fischkörben zu beladen. Zum Abschied gab Gabriella Freddie beide Hände, küsste sie auf die Wangen und sagte, sie hoffe, sie würden sich einmal unter erfreulicheren Umständen wiedersehen. Jack gab sie einen ausgiebigen Kuss auf den Mund, dann winkte sie ihn und Freddie aufs Boot. 

Sie mussten in der Kajüte bleiben, bis sie draußen auf offener See waren. Freddie lauschte dem Tuckern des Benzinmotors und dem Schreien der Möwen. Die Rondine, erklärte ihr Jack, würde sie zu einer einsamen Stelle an der Côte d’Azur bringen. Jemand würde Freddie abholen und sie nach Nizza zum Bahnhof fahren, damit sie dort einen Zug nach Paris nehmen konnte. 

Dann sagte er: »Es hat sich etwas geändert. Ich reise nicht mit Ihnen nach England zurück. Ich habe gestern Abend noch telefoniert, und ich muss einen Umweg machen. Sie schaffen das doch auch allein?« 

»Natürlich. Ich bin froh, wenn ich Sie nicht mehr sehe.« 

»Das dachte ich mir.« Er sah sie neugierig an. »Was haben jetzt vor?« 

»Ich fahre zurück nach Hause zu meinen Freunden und meiner Arbeit und werde ein ruhiges und maßvolles Leben führen. Ich kann es gar nicht erwarten.« 

»Es wird vielleicht nicht mehr lange ruhig und maßvoll bleiben.« 

Sie blickte ihm in die Augen. »Ich habe gern das Gefühl, etwas Nützliches zu tun, Jack. Wenn es Krieg gibt, werde ich schon das Richtige finden.« 

»Das glaube ich gern.« Er schaute aus dem Kajütenfenster. »Wollen wir nach oben gehen?« Dann drehte er sich um und lächelte sie an. »Wir könnten natürlich die ganze Sache umgehen, wenn wir wollen.« 

»Was soll das heißen?« 

»Wir könnten zusammen verschwinden. Den Krieg in Südamerika aussitzen.« 

»So ein Quatsch.« 

Er zuckte mit den Schultern. »War nur so ein Gedanke. Sagen Sie hinterher nicht, ich hätte es nicht angeboten.« 

Freddie stülpte eine Mütze auf und schlüpfte in eine Strickjacke. Oben setzte sie sich ans Heck, und Jack ging den Fischern helfen. 

Langsam ging die Sonne auf, die ligurische Küste schrumpfte zu einer schmalen grauen Linie und die Möwen, die das Boot aus dem Hafen begleitet hatten, flogen zum Land zurück. Freddie dachte an ihre kleine Wohnung in South Kensington, die auf sie wartete. Sie schloss die Augen und hielt das Gesicht in die Sonne. 

Der Morgen verging in der blauen Eintönigkeit von Meer und Himmel, nur einmal durchbrochen von einer fernen Kutterflotte. Zu Mittag aßen und tranken sie, was Gabriella Jack als Proviant mitgegeben hatte, und Freddie schlief, vom Rotwein benommen, fest ein. Sie kam erst wieder zu sich, als Jack sie wachrüttelte. 

»Freddie, wir sind da.« 

Sie rieb sich die Augen und blickte sich um. Wellen brachen sich an den Felsen zu beiden Seiten einer kleinen sandigen Bucht. Die Fischer holten die Segel ein, und die Rondine glitt, von ihrem Außenbordmotor angetrieben, in die Bucht. 

»Sind wir jetzt in Frankreich?«, fragte sie. 

»Ja. Das Auto wartet schon.« 

Oben auf den Felsen funkelte Sonnenlicht auf der Windschutzscheibe eines Autos. »Sie bringen das Boot so weit rein wie es geht«, sagte Jack. »Das letzte Stück müssen Sie, fürchte ich, planschen. Oder ich nehme Sie Huckepack, wenn Ihnen das lieber ist.« 

Sie warf ihm nur einen vernichtenden Blick zu, dann zog sie ihre Sandalen aus. Einige Minuten später ließ Jack sich über die Bootsseite ins Wasser gleiten. »Kommen Sie«, sagte er und streckte ihr die Arme entgegen. 

Das Meerwasser war kühl und frisch an ihren Beinen, als sie, die Sandalen in der Hand, zum Strand watete. Jack trug ihren Koffer. Als sie beide auf dem Trockenen waren, hob er die Arme und winkte. »He, Auguste, ça va?« Als Freddie nach oben schaute, sah sie einen Mann den schmalen Klippenpfad zum Strand hinabeilen. 

»Hier«. Jack wandte sich Freddie zu und drückte ihr ein Bündel Francscheine in die Hand. 

»Nein, Jack, das kann ich nicht annehmen.« 

»Es ist für die Bahnfahrt und die Hotels. Sie sollen nicht meinetwegen Geld verlieren. Nehmen Sie es.« Er warf einen Blick zurück zum Boot. »Auguste kümmert sich um Sie, Freddie. Und – danke. Es war –« 

»– ein Erlebnis«, ergänzte sie trocken. »Eins, das sich hoffentlich nie wiederholen wird.« 

»So sehen Sie das?« Er lachte. »Mir hat’s gefallen. Auf Wiedersehen, Freddie. Bon voyage 

Sie wollte ihm die Hand geben, aber er umarmte sie stattdessen. Auguste, jung, schmächtig und dunkel, hatte sie erreicht. Ein kurzer schneller Austausch auf Französisch, Freddie und Auguste wurden miteinander bekannt gemacht, dann watete Jack zum Boot zurück. 

Auguste nahm ihren Koffer, und nebeneinander gingen sie über den Strand. Der Sand war warm und seidig unter ihren bloßen Füßen. Möwen kreisten am wolkenlosen Himmel. Am Fuß der Felsen schaute Freddie sich noch einmal um. Jack war auf der Rondine angekommen. Er hob grüßend den Arm, dann begann der Motor zu tuckern, und das Boot entfernte sich vom Land.