Jef hielt sich rund fünfzehn Meter von der Grenze des Waldes entfernt unter den Bäumen und war schon ein ganzes Stück gewandert, als es ihm dämmerte, daß er bei der Trennung von Jarji eine Kleinigkeit übersehen hatte. Auch nachdem es ihm eingefallen war, ging er immer noch weiter. Er richtete sich nach dem Verlauf des Graslandes, das er hin und wieder durch die Bäume schimmern sah, und hoffte, ihm werde noch eine andere Lösung als die offenbar einzig mögliche einfallen. Bei ihm dauerte es lange, bis er sich reizen ließ, doch ebenso langsam kühlte er sich wieder ab. Aber endlich erreichte er wieder eine Temperatur, bei der vernünftiges Überlegen möglich war, und er war bereit, sich einzugestehen, daß er sich noch lächerlicher machte, wenn er stur blieb, als wenn er zugab, daß er ohne Überlegung aufgebraust war. Trotzdem war die Empfindung, mißhandelt worden zu sein, noch so stark in ihm, daß es ihm schwerfiel, den ersten Schritt zu tun.
Schließlich machte er an einer geeigneten offenen Stelle halt, wo es einen Felsblock gab, auf den er sich setzen konnte. Er setzte sich, nahm seinen Rucksack ab und begann, für sich und Mikey Rationen zu öffnen. Nach einer Weile hörte er Jarjis Stimme hinter sich.
„Du hattest vergessen, daß ich den Marschcomputer habe, nicht wahr?“
„Ja“, antwortete er.
Sie ging um ihn herum, setzte sich mit gekreuzten Beinen ihm gegenüber auf den Boden und sah ihn stirnrunzelnd an.
„Dann bist du einverstanden, wenn wir jetzt gemeinsam weitergehen?“
„Ja, das bin ich.“
Jarjis Gesicht blieb finster.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagte sie. „Das habe ich nicht gemeint. Es ist nur so, daß du überhaupt keine Ahnung hast, in was du dich hier einmischst.“
Er grinste sie an. Jetzt, wo sie wieder miteinander sprachen, wunderte er sich selbst darüber, wieviel leichter es ihm fiel, sich über ihre Art, die Dinge auszudrücken, nicht zu ärgern.
„Gehe ich recht in der Annahme, daß das deine Version einer Entschuldigung ist?“ fragte er.
„Einer Entschuldigung?“ Sie machte eine Bewegung, als wolle sie hochspringen. „Ich rette dein verdammtes Leben, und du willst eine Entschuldigung …“
Sie unterbrach sich, ließ sich wieder nieder und maß ihn mit einem langen Blick.
„Schon gut“, meinte sie dann. „Ich glaube, du kannst einfach nicht anders. Hör mir zu, Robini – und versuche zu verstehen, was ich dir erzähle. Das hier ist nicht dein Land. Dieses Land gehört nicht dir. Es gehört niemandem als uns, die wir hier leben und uns hier auskennen. Nun spricht etwas für dich. Ich weiß nicht, was es ist. Anfangs glaubte ich, es sei nur der Maolot, und nur seinetwegen müsse man dir das Vorrecht des Zweifels zubilligen, aber es ist mehr als das. Zwischen dir und diesem Land spielt sich etwas ab, das mehr ist, als dir von Rechts wegen zustehen sollte. Trotzdem …“
Sie beugte sich vor und wies mit dem Zeigefinger auf ihn.
„Das hat nichts mit dem zu tun, was ich dir jetzt sagen will. Gott allein weiß, warum ich mir deinetwegen überhaupt Kopfschmerzen mache. Bei jeder Streitfrage, in die du hier hineintappen kannst, gibt es auf beiden Seiten ein paar harte Burschen. Und die Streitfragen – darunter eine ganz besonders – sind von der Art, daß jeder klug daran täte, einen weiten Bogen um sie zu machen. Du hast eine Menge zu tun mit deinem Maolot und mit der Suche nach dem Grab, wenn es das ist, was du wirklich willst. Hör einfach damit auf, dir Gedanken zu machen, ob Antilopen vergiftet werden oder was dir sonst noch einfallen könnte. Du kommst in Beaus Lager, du fragst ihn nach deinem Bruder, hörst dir höflich an, was er dir zu sagen hat, und gehst wieder. Sieh nicht zurück und stelle keine Fragen mehr. Verstehst du mich?“
„Nein“, sagte Jef.
Jarji holte verzweifelt Atem.
„Was willst du eigentlich? Deine Forschungsarbeit durchführen oder dich in unsere lokalen Kriege einmischen?“
„Natürlich meine Forschungsarbeit durchführen.“
„Dann tu, was ich dir sage.“
Es lag ein Gutteil Vernunft in ihrem Rat, dachte Jef. Er hatte wirklich nicht den Wunsch, sich in lokale Streitigkeiten hineinziehen zu lassen. Hatte er sich, als er Armages Haus verließ, nicht im stillen gratuliert, daß es ihm gelungen war, sich aus allem herauszuhalten, was zwischen dem Konnetabel, Martin und anderen vor sich gehen mochte?
„Du hast recht“, gestand er.
„Und ob ich recht habe!“ Noch ein paar Sekunden lang betrachtete sie ihn forschend, als wolle sie sichergehen, daß sie ihn wirklich überzeugt hatte. Dann glättete sich ihr Gesicht. „Willst du eigentlich den ganzen Tag hier sitzenbleiben und dir den Bauch vollschlagen?“
„Ich bin in einer Minute fertig.“
Das war er auch. Er stand auf, stäubte sich die Hände ab und steckte die Arme von neuem durch die Riemen seines Rucksacks. Als sie sich, jetzt gemeinsam, wieder in Marsch setzten, drehte Jarji sich plötzlich zu ihm um und drückte ihm den Marschcomputer in die Hand.
„Hier. Nimm ihn. Ich brauche ihn sowieso nicht.“
„Danke“, sagte er.
Er hakte das Kästchen wieder an seinem Gürtel fest.
Jarji führte sie nun in einem Winkel vom Waldrand fort. Es war ein sehr spitzer Winkel. Jef hatte nicht geglaubt, seit der Trennung von ihr so weit gewandert zu sein, daß er bereits ein solches Stück von der auf der Karte vorgegebenen Route abgekommen war. Aber als er den Marschcomputer wieder zur Hand nahm und nachsah, wich die rote Linie, die die tatsächlich zurückgelegte Strecke darstellte, schon seit geraumer Zeit von der schwarz markierten, geplanten Route ab. Der Punkt lag tatsächlich so weit zurück, daß er anzunehmen geneigt war, daß sie den richtigen Weg schon früher verlassen hatten als zu dem Zeitpunkt, als Mikey seine letzte Antilope gefunden hatte.
Der kleine Haken am Ende der weiterwachsenden roten Linie zeigte jedoch, daß sie unter Beibehaltung der jetzigen Richtung wieder auf die eingegebene schwarze Linie stoßen würden. Beaus Lager, so schätzte Jef, müßten sie in ungefähr drei Stunden erreichen – nicht viel später als am Nachmittag des Everon-Tages.
In Wirklichkeit brauchten sie beinahe vier Stunden. Und in den letzten anderthalb Stunden begann der Wald, den sie durchquerten, ein anderes Aussehen zu zeigen als die Teile, die bereits hinter ihnen lagen. Nach und nach, während sie in höhergelegene Gebiete aufstiegen, wurden die Variformen der irdischen Vegetation seltener und die einheimischen Spezies häufiger. Als sie ihrem Bestimmungsort nahe gekommen waren, befanden sie sich in einer Gegend, wo überhaupt keine von der Erde stammenden Pflanzen wuchsen, und neben den Everon-Pflanzen, die Jef anfangs identifiziert hatte, gab es eine Anzahl anderer, von denen er nicht einmal den Namen wußte.
Hand in Hand mit diesem Wechsel ging eine Änderung der Topographie. Das Land war allmählich offener und felsiger geworden und sah mehr nach einem nördlichen Hochland aus. Zwar waren sie die ganze Zeit bergauf gestiegen – was Jefs Beinmuskeln bezeugen konnten –, aber trotzdem war die Änderung krasser, als es sich aus dem Höhenunterschied erklären ließ. Es war beinahe so, als seien sie in ein Bergland geraten, ohne es zu merken. Sogar die Luft schien kühler und dünner zu sein.
Einen weiteren Unterschied gab es, den Jef einigermaßen besorgt zur Kenntnis nahm. Als es Nachmittag wurde, hörten sie gelegentlich aus der Ferne das Brüllen erwachsener Maolots. Sie schienen ein gutes Stück von ihnen entfernt zu sein, und Jarji ignorierte sie. Aber zu Jefs Unbehagen tat Mikey das nicht. Statt sich gegen Jef zu drücken, wenn ein Ruf aufklang, blieb Mikey nun stehen und hob seinen blinden Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war, als wolle er jeden Augenblick zurückbrüllen. Der Gedanke, Mikey könne antworten, beunruhigte Jef so sehr, daß er den Maolot schließlich deswegen ansprach.
„Nun stell mir bloß keine Dummheiten an“, warnte er, als die Stimme eines Maolots näher als bisher ertönte und Mikey den Kopf hob. „Du bist größer, als du bis vor kurzem warst, aber die da draußen werden noch viel größer sein als du.“
„Laß ihn nur“, riet Jarji. „Er hat mehr Verstand als du.“
Jef streifte sie mit einem Blick. „Du vergißt, daß ich Mikey viel besser kenne, als du es tust.“
„Willst du wetten?“ gab sie zurück.
Er ging nicht auf die Herausforderung ein. Es hatte keinen Sinn, sagte er zu sich selbst, an einen lächerlichen Streit Atem zu verschwenden.
Aber als sie weitergingen, wurden die Rufe häufiger. Allerdings kamen sie nicht näher als der letzte, der Jef zu seiner Warnung an den Maolot veranlaßt hatte. Bei jedem Brüllen wurde Mikey widerspenstiger. Schließlich löste er sich jedes Mal von Jefs Seite und rannte mehrere Schritte in die Richtung, aus der ein Brüllen gekommen war, und er tat das sogar dann, wenn Jef ihm einen scharfen Befehl gab, dazubleiben, und – vergeblich – in sein Nackenfell faßte und ihn zurückzuhalten versuchte. Die unbewußte Plötzlichkeit, mit der er sich aus Jefs Griff losriß, ließ einen kleinen Kälteschauer zwischen Jefs Schulterblättern hindurchrieseln. Schon auf der Erde, bevor sie nach Everon gekommen waren, war Mikey für seine Größe ungewöhnlich stark gewesen. Aber hier und jetzt, wo er beinahe voll ausgewachsen war, wurde seine Kraft unheimlich. Jef machte sich Sorgen und sprach streng mit ihm. Mikey entschuldigte sich jedes Mal, wenn er zu Jef zurückkehrte, stieß seinen Kopf gegen Jefs Schulterblätter und warf ihn beinahe über den Haufen, aber an dieser vertrauten Geste war jetzt beinahe etwas Zerstreutes und beinahe Flüchtiges – als sei der Maolot in Gedanken anderswo.
„Ich habe dir doch gesagt, du sollst ihn in Ruhe lassen!“ fauchte Jarji endlich. „Er hat seine eigenen Gründe für das, was er tut. Und davon abhalten könntest du ihn sowieso nicht.“
„Mir gefällt das nicht“, erwiderte Jef. „Wie weit sind wir jetzt noch von leCourboisiers Lager entfernt?“
„Nur noch Minuten, nehme ich an“, sagte Jarji. „Ich bin selbst noch nie in dieser Gegend gewesen, aber ich habe davon gehört. Wenn Beau da ist, wo ich ihn vermute, werden wir wahrscheinlich …“
Das tiefkehlige Brüllen eines erwachsenen Maolots unterbrach sie – diesmal ganz nahebei. Instinktiv blieben Jarji und Jef stehen. Jarji griff nach ihrer Armbrust, die Aufzugfeder schwirrte, und die Waffe spannte sich. Aber Mikey riß sich von Jefs Händen los und galoppierte in die Richtung davon, aus der das Brüllen gekommen war. Diesmal verschwand er unter den Willybäumen und kam nicht zurück.
„Mikey!“ schrie Jef. „Mikey, hierher!“
Er setzte sich in Trab, um hinter dem Maolot herzulaufen. Aber er hatte noch keine drei Schritte getan, als ein kleiner, entschlossener Anker seinen linken Arm ergriff und ihn beinahe von den Füßen riß.
„Laß das, du Knallkopf!“ fuhr Jarji ihn an. „Glaubst du, du kannst ihn zu Fuß einholen? Er ist jetzt schon einen halben Kilometer weg! Was? Du willst es trotzdem versuchen?“
Jef stolperte plötzlich über Jarjis ausgestrecktes Bein und fiel auf das Gesicht. Er rollte sich auf den Rücken. Jarji stand zu seinen Füßen und funkelte ihn an.
„Wenn du aufstehst, benimmst du dich lieber vernünftig“, drohte sie, „oder ich schicke dich auf eine Weise zu Boden, die dir Zeit gibt, dich abzukühlen, bevor du ein zweites Mal aufstehst. Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Er ist weg! Dein Maolot ist weg. Ich weiß nicht warum, ebensowenig wie du. Aber ich weiß, daß du ihn nicht wiederbekommst, bis er selbst zurückkehren will. Kannst du das nicht in deinen Kopf bekommen?“
Jef hakte die Spitze eines Stiefels hinter Jarjis linken Knöchel, placierte die Sohle des anderen Stiefels gegen die Vorderseite des gleichen Beins und warf sie auf den Rücken. Bis sie sich in eine sitzende Position hochgerappelt hatte, war er selbst längst wieder aufgestanden und sah auf sie hinab.
„Ja“, sagte er, „ich kann es in meinen Kopf bekommen. Und nein, ich will nicht mit dir kämpfen, weder geistig noch körperlich. Vielleicht kannst du mich ohne Schwierigkeiten besiegen. Aber ich kenne ein paar Tricks, und einige davon beherrsche ich gut, und wenn du mich dazu zwingst, wende ich sie an. Ich sehe jedoch keinen Sinn darin, daß wir uns gegenseitig auffressen. Also, warum lassen wir es nicht gleich bleiben?“
Sie maß ihn mit einem recht eigentümlichen Blick. Jef blieb auf der Hut, denn er konnte nicht entscheiden, ob sie sich auf ihn stürzen wollte oder nicht. Aber sie stellte sich auf die Füße, nahm ihre Armbrust auf und ging in Richtung ihres Ziels davon. Er sah ihr einen Augenblick lang nach und legte dann einen Schritt zu, um sie einzuholen. Als er sie erreicht hatte, bemerkte er auf ihrem Gesicht den gleichen gedankenverlorenen Ausdruck, den sie zuvor schon gehabt hatte.
Weitere zehn Minuten schritten sie schweigend dahin, und plötzlich wurde der Wald lichter. Vor ihnen ging es leicht bergab zu einem kleinen Plateau aus kahlem Fels, das sich über die Baumwipfel an seinem hinteren Ende erhob. Jenseits und über den Felsen gab es nichts zu sehen als das Blau des Spätnachmittaghimmels und ein paar zerfetzte Streifen von Zirruswolken.
Unterhalb des Felsens in der Lichtung zu beiden Seiten des Baches standen vier Blockhäuser, jedes ungefähr von der Größe des Handelspostens, den Jef gesehen hatte. Zwischen den Gebäuden bewegte sich nichts, aber Jarji ging ohne Zögern direkt auf sie zu. Jef folgte ihr. Alle Häuser, bemerkte er, hatten spitze Schindeldächer wie das Hauptgebäude vom Posten Fünfzig, um Schutz vor dem Schnee zu bieten. Viel besser als im Posten Fünfzig konnte Jef sich hier vorstellen – obwohl ringsum nichts als Sommer war –, wie das Oberland in sieben Monaten unter zwei bis drei Metern Schnee und Eis liegen würde. Dann mußten die Antilopen in Waldlichtungen zusammengehalten werden, und die Wisente draußen auf den Ebenen drängten sich auf den Nordwesthängen kleiner Bodenerhebungen, wo der Wind die Schneedecke von dem gefrorenen Moosgras wegtrieb, das sie zum Überleben brauchten.
Jef und Jarji waren nun dicht an die Häuser herangekommen und hatten noch kein Zeichen der Bewohner gesehen. Aber als sie sich weniger als zehn Meter von der nächsten Tür des langgestreckten Gebäudes befanden, öffnete sich diese Tür. Ein großer Mann stieg die fünf Stufen herab, die zum Boden führten.
„Bleibt stehen“, sagte er, „und wir werden feststellen, wer ihr seid, ehe ihr einen Schritt weitergeht.“
Seine Stimme klang weich, tönte aber in einem tiefen Baß und hatte eine merkwürdige Resonanz wie der Wind im Wald, als verfüge seine Brust über einen viel größeren Hohlraum, als die eines gewöhnlichen Mannes. Als Stimme genommen war sie eher angenehm als einschüchternd, aber die Waffe in seiner Hand verlieh den Worten Nachdruck. Es war keine Armbrust, sondern eine Laser-Handwaffe, nicht so schwer und kompliziert wie die Militärwaffe, die Jef in Armages Besitz gesehen hatte, aber trotzdem ein Ding, das einen menschlichen Körper in einer Sekunde in zwei Hälften schneiden konnte.
„Hebt die Hände, wenn es euch gefällig ist“, sagte er. „Dann werde ich euch durchsuchen.“
Jef hob die Hand, und aus dem Augenwinkel sah er, daß Jarji das gleiche tat. Der Mann mit der Handwaffe kam auf sie zu.
McDermott war glattrasiert gewesen, aber dieses Individuum trug einen grauweißen Vollbart. Er war eine lange Bohnenstange von Mann, schmal in der Mitte und breitschultrig. Seine jugendliche Schlankheit entsprach nicht seinem Bart, und er bewegte sich, als sei er halb so alt, wie er aussah.
Er trat zuerst zu Jef und strich mit seiner freien Hand leicht über Jefs Seite und Hüften. Dann öffnete er Jefs Rucksack und suchte darin herum.
„Sauber“, bemerkte er. „Aber das hatte ich mir gedacht.“ Überraschenderweise zwinkerte er Jef zu. Dann ging er weiter zu Jarji.
Jef drehte den Kopf und sah, daß er Jarji die Armbrust abgenommen hatte und sie untersuchte – aber bei ihr wandte er mehr Zeit und beträchtlich mehr Sorgfalt auf. Endlich trat er zurück. Er hielt eine kleinere Ausgabe seines eigenen Lasers in der Hand.
„Niedlich“, meinte er und wog ihn in der Hand. „Woher hast du ihn, Hillegas?“
„Glaubst du, du bist der einzige, der weiß, wie man diese Stadtaffen bestechen kann?“ gab sie zurück.
Der bärtige Mann nickte. Er steckte Jarjis Laser in seinen Gürtel.
„Ich bin Bill Eschak“, stellte er sich vor, trat zurück und ließ seine eigene Handwaffe im Holster verschwinden. Er sah Jef an. „Du wirst Jef Aram Robini sein?“
„Sie vermuten richtig“, antwortete Jef. „Mein Bruder war William Robini. Wie ich hörte, war Beau leCourboisier ein Freund von ihm.“
„Rede mich nicht mit ,Sie’ an. Ich bin schließlich kein Unterland-Typ“, sagte Bill. Er wandte sich Jarji zu. „Welche Hillegas bist du?“
„Jarji“, antwortete Jarji.
„Aha. Nummer sechs.“ Er nickte. „Ich habe dich damals in der Wiege gesehen.“
„Ist Herr leCourboisier drinnen?“ erkundigte sich Jef.
„Beau ist im Augenblick nicht da.“ Die weiche Baßstimme Bill Eschaks schien in Jefs Ohren weiterzusummen. „Aber wir haben dich erwartet. Ich bringe euch in die Unterkunft des Hauptgebäudes. Beau wird mit euch beiden sprechen, sobald er morgen zurückkommt.“
Er machte kehrt und stieg die Stufen zu der Tür hinauf, aus der er gekommen war.
„Hier entlang“, forderte er sie auf.
Sie folgten ihm und gelangten durch die Tür in einen langen Korridor, nicht unähnlich demjenigen, durch die der Verwalter von Posten Fünfzig Jef und Mikey in die Kammer geführt hatte, in der sie eingesperrt worden waren. Der wesentliche Unterschied war, daß es in diesem Gebäude nicht roch – oder zumindest nicht stank. Die Gerüche, die man hier wahrnahm, waren die von Kiefernholz, Leder und frischen – nicht abgestandenen – Küchendüften.
Der Korridor endete vor einer größeren Tür, und hinter dieser lag ein Raum, der mit einer Anzahl hölzerner Sessel und einem Sofa wie ein großes Wohnzimmer aussah. Die mit Lederriemen befestigten Sitze waren mit Kissen bedeckt, hergestellt aus schwerem Tuch in unterschiedlichen Farben.
„Zu den Schlafzimmern geht es hier durch.“ Bill wies auf eine der anderen Türen in den Wänden des Zimmers. „Zum Badezimmer auf demselben Weg. Wir haben Strom und W.C. Aber ihr werdet Türen finden, die verschlossen sind. Laßt sie zu. Bis Beau nach Hause kommt, müssen wir euch in diesem Teil des Hauses sozusagen unter Verschluß halten. – Habt ihr Hunger? Abendessen gibt es in einer halben Stunde.“
„Gut“, antwortete Jef automatisch. Gefriergetrocknete Camping-Lebensmittel waren in Ordnung, aber wenn die Diät mehrere Tage lang allein aus ihnen bestanden hatte, langte es einem für eine Weile.
„Dann kommt mit“, forderte Bill sie auf.
Er führte sie quer durch den Raum zu einer anderen Tür. Sie kamen durch ein weiteres Zimmer, an dessen Wände wie in einer Bibliothek Regale für Buchspulen standen, verließen es durch die nächste Tür und gelangten in einen Flur. Von dort aus ging es in den größten Raum, den sie hier bisher gesehen hatten. Es stellte sich heraus, daß dies eine Kombination von Speisesaal und Aufenthaltsraum war.
Der Raum war bestimmt nicht klein. Etwa fünfzehn oder zwanzig Männer und ein halbes Dutzend Frauen hatten sich in ihm verteilt. Offensichtlich warteten sie auf das Abendessen. Die meisten hatten Tonkrüge mit einer schäumenden braunen Flüssigkeit, die Jef für eine Art von fermentiertem Getränk hielt. In dem zum Essen bestimmten Teil standen zwei lange Tische, hergestellt aus Planken, die über Böcke gelegt waren, mit Bänken. Ein Tisch war schon gedeckt, aber von dem Essen war noch nichts zu sehen. Der andere war leer, und vielleicht ein Drittel der anwesenden Männer saß an diesem leeren Tisch. Sie spielten Karten und Schach.
Bill Eschak führte Jef und Jarji im Raum herum und stellte sie vor. Aber die Namen wurden so schnell genannt, daß Jef sich, als die Prozedur vorüber war, nur noch an zwei oder drei erinnern konnte. Doch mittlerweile wurde das Essen auf den gedeckten Tisch gestellt. Bill steuerte Jef zu einem Platz ihm gegenüber, nahe dem unteren Ende des Tisches.
„Steak, Eier und Bratkartoffeln“, kündigte Bill an. „Wie klingt das in deinen Ohren?“
„Prima“, meinte Jef. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Er setzte sich auf den ihm bezeichneten Platz. Nach einer Weile kam ein Mann in einer weißen Schürze mit bereits gefüllten Tellern, die am Tisch weitergereicht wurden. Jef stellte den für ihn bestimmten Teller vor sich ab und begann reinzuhauen.
Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß man so hungrig sein könne. Aber ein paar Augenblicke später, nachdem er einen Teil des Steaks, die Eier und sogar einen Teil der Bratkartoffeln verschlungen hatte, wurde er langsamer. Jetzt merkte er auch, daß die Männer und Frauen in seiner Nachbarschaft ihn beobachteten. Sogar Jarji hatte die Augen auf ihn gerichtet.
„Stimmt etwas nicht, Jef?“ fragte Bill mit seiner tiefen Stimme über den Tisch weg. Jef sah zu ihm hinüber und meinte, in den hellblauen Augen über dem Bart eine gewisse Spannung zu erkennen.
„Was soll denn nicht stimmen?“ gab Jef zurück.
Aber natürlich stimmte etwas nicht. Das Steak war ein Steak, das war wohl richtig – aber zweifellos stammte es von einer Variform-Antilope, und zwar von einer, die ihr ganzes Leben lang Everon-Grünzeug gefressen hatte. Die Eier mochten Hühnereier sein oder auch nicht – aber wenn Hühner sie gelegt hatten, dann waren auch diese Vögel Variformen und hatten sich von Everon-Erzeugnissen ernährt. Selbst die Kartoffeln waren Variformen und ließen erkennen, daß sie in Everon-Boden gewachsen waren.
Kurz gesagt, für jemanden, dessen Geschmacksnerven auf der Erde geschult worden waren, schmeckte alles auf nicht näher zu bezeichnende Weise verkehrt. Nein, dachte Jef entschlossen, so durfte er nicht darüber denken. Das Essen schmeckte nicht verkehrt, es schmeckte anders. Im Haus des Konnetabels – wie auch auf dem Raumschiff – war das nicht der Fall gewesen. Daher stand fest, daß er und Martin und die Diner-Gäste im Haus des Konnetabels Lebensmittel gegessen hatten, die per Raumschiff – und zweifellos zu ungeheuerlichen Preisen – von der Erde gebracht worden waren. Die gefriergetrockneten Rationen, die er in seinem Rucksack mitgenommen hatte, stammten natürlich auch von der Erde. Er hatte sie als Teil seines zugelassenen Gepäcks selbst importiert, da er nicht gewußt hatte, ob sich etwas Derartiges auf Everon auftreiben ließ.
Nun geschah ihm also nicht mehr und nicht weniger, als daß er zum ersten Mal erfuhr, wie Everon-Essen schmeckte, und der Unterschied zu dem von der Erde war für ihn ein größerer Schock, als er sich vorgestellt hätte. Es machte ihm die Sache nicht leichter, daß es keine geeigneten Ausdrücke gab, um den Unterschied zu beschreiben. Am nächsten kam er noch heran, wenn er sich sagte, alles, was er aß, schmecke eigentümlich nach Holz und ein bißchen bitter.
Unbewußt hatte Jef, als er innehielt, um darüber nachzudenken, ganz mit dem Essen aufgehört. Doch nun fiel ihm noch etwas auf. Das Essen schmeckte immer noch seltsam, aber jetzt, wo er aufgehört hatte, es sich in den Mund zu stopfen, merkte er, daß er immer noch hungrig war. Und er hatte nicht nur Appetit – er hätte ein ganzes Pferd verschlingen können. Ja, so sagte er zu sich selbst, er hätte ein Everon-Pferd essen können, falls es ein solches gab.
Er lachte und hieb von neuem ein. Die Blicke der anderen ruhten immer noch auf ihm, aber als er unverdrossen fortfuhr zu essen, kamen sie zu dem Schluß, er spiele nicht nur Theater. Nach und nach wandten sie ihre Aufmerksamkeit von ihm ab. Jef langte weiter herzhaft zu, und das hatte ein merkwürdiges Ergebnis. Entweder wurde der Geschmack des Everon-Essens weniger bemerkbar, oder er gewöhnte sich allmählich daran.
„Ich glaube, ich hätte gern noch etwas“, vertraute Jef Bill an, als sein Teller leer war.
„Ich hole dir etwas“, erbot sich Bill.
Er nahm Jefs Teller und stand vom Tisch auf. Als er ein paar Augenblicke später mit dem neu gefüllten Teller zurückkam, waren die anderen, die mit ihnen angefangen hatten, bereits fertig und brachen auf. Und bis Jef seinen Teller ein zweites Mal geleert und – jetzt mit echtem Bedauern – eine Art Fruchtkuchen abgelehnt hatte, war der Tisch verlassen bis auf Bill, Jarji und ihn selbst.
„War es das erste Mal, daß du Everon-Lebensmittel gegessen hast?“ wollte Bill wissen.
Jef nickte.
„Ich habe gemerkt, daß alle dachten, ich würde es nicht essen“, sagte er. „Warum ist es so interessant, daß mir der Geschmack anders als gewohnt vorkam?“
„Nun, du muß bedenken, daß es unser Essen ist und daß wir schwer dafür arbeiten“, erwiderte Bill. „Es ist ja nicht so, daß die Antilope, die Eier und die Kartoffeln aus dem Nichts erscheinen und uns fertiggekocht auf den Teller fallen. Wenn ein Außenweltler die Nase über unser Essen rümpft, ist es beinahe ebenso, als gelte sein Naserümpfen uns. Du solltest mal erleben, was manche Leute sagen oder tun, wenn sie das erste Mal in etwas beißen, das auf Everon gewachsen ist.“
„So bin ich nicht“, versicherte Jef. „Mein Bruder war hier acht Jahre lang Planeten-Ökologe für das Ökokorps. Er liebte alle neuen Welten, und er liebte Everon beinahe ebensosehr wie die Erde. Und ich tue es auch.“
„Aber du denkst nicht daran zu bleiben“, bemerkte Bill.
„Ich weiß es nicht. Der Konnetabel jagt mich …“ Mit einem Mal fiel Jef wieder ein, in welcher Situation er sich gegenwärtig auf Everon befand, und vorbei war es mit dem Wohlbehagen, das der volle Magen hervorgerufen hatte.
„Der Konnetabel ist nur ein einziger Mann“, meinte Bill. „Die Wisent-Rancher und die Stadtleute stellen nur einen Teil der Bevölkerung Everons dar. Du brauchst nicht zu befürchten, daß du nicht alles tun kannst, was du möchtest.“
Die tiefe, klingende Stimme des graubärtigen Mannes war auf merkwürdige Weise ermutigend. Jef ertappte sich bei dem Gedanken, wie sehr Bill Eschak sich doch von Jarji unterschied. Eine Unterhaltung mit ihr nahm stets den Charakter einer bewaffneten Auseinandersetzung an. Jef kam zu Bewußtsein, daß er sich wünschte, mit jemandem zu sprechen. Seit dem Tod seiner Eltern war er vom Verkehr mit anderen Menschen beinahe vollständig isoliert gewesen, bis er sich zu seiner eigenen Überraschung auf dem Raumschiff Martin offenbart hatte. Nach dieser ersten Unterhaltung hatte Martin jedoch anscheinend das Interesse an ihm verloren. Und Jarji war vom ersten Beginn ihrer Bekanntschaft stachlig wie ein Dornbusch gewesen. Aber mit Bill Eschak konnte man so angenehm reden wie mit einem gemütlichen Großvater.
„Weißt du“, sagte Jef zu Bill, „ich habe versucht, die Dinge hier auf Everon zu verstehen. Auf dem Weg hierher sah ich eine Menge Antilopen, die …“
„Hoppla!“ rief Jarji, und Jef sprang hastig von der Bank auf, denn der von Jarji verschüttete Kaffee ergoß sich über die Vorderseite seiner Hosen.
„Ich hole etwas, womit sich das aufwischen läßt“, sagte Bill.
Jef schoß Jarji noch wütende Blicke zu, als Bill schon wieder mit einem Tuch zurückkam, das wie ein Stück von einem sauberen, aber alten Hemd aussah. Jef öffnete den Mund, um ihr geradeheraus und ein für allemal Bescheid zu sagen.
„Gib mir den Lappen“, verlangte Jarji. Sie wies mit dem Kopf auf Jef. „Geh mir aus dem Weg, Robini. Und das nächste Mal stößt du meinen Ellenbogen nicht an.“
Die Ungeheuerlichkeit dieser Behauptung, die alle Schuld auf ihn schob, nahm Jef den Atem. Als er sich im Saal umsah, war er bereit zu schwören, daß jeder andere ihn amüsiert beobachtete, völlig überzeugt, daß es stimmte, was Jarji eben vorgebracht hatte. Was soll ich machen, dachte er müde. Die einzige Möglichkeit, mit ihr auszukommen, war, sie zu meiden. Bei der ersten Gelegenheit wollte er sich von ihr trennen und Obacht geben, daß er nie wieder mit ihr zusammentraf.
„Der Schaden ist schon wieder kuriert.“ Jarji gab Bill den Lappen zurück. „Danke.“
„Was ist mit dir, Robini?“ erkundigte sich Bill. „Hast du eine andere Hose dabei, oder soll ich dir eine leihen?“
„Ich habe eine zum Wechseln“, brummte Jef. Er gab den vergeblichen Versuch auf, die Nässe aus dem Stoff seiner Hosenbeine zu wringen.
„Dann komm mit.“ Bill warf das nasse Hemdstück auf den Tisch. „Ich zeige dir das Zimmer, in dem wir dich unterbringen werden, und du kannst dich dann umziehen.“
Er führte sie aus dem Speise- und Aufenthaltsraum und einen anderen Flur hinunter bis zu einer einfachen Tür, hinter der ein Zimmer von etwa fünf mal fünf Metern lag. Jef sah eine Koje und einen rustikalen hölzernen Armsessel, über dessen Sitz und Rückenlehne eine farbenfreudige Decke gebreitet war. Davor stand ein kleiner, einfacher Holztisch, der aussah, als habe man ihn kürzlich als Schreibtisch benutzt. Neben einer dicken grauen Kerze, die nicht angezündet war, standen ein paar Kohlestifte aufrecht in einem Fäßchen aus Willybaumrinde, und ein Block mit schwerem Papier lag auch dabei. Jefs und Jarjis Rucksäcke lagen auf dem Bett.
„Nimm deinen Rucksack“, sagte Bill zu Jarji. „Dich stecken wir in die reguläre Unterkunft.“
„Das paßt mir gut“, antwortete Jarji. „Dieser Außenweltler schnarcht – kannst du dir das vorstellen? Aber jetzt geh für zwei Minuten hinaus, Eschak, wir haben etwas miteinander zu besprechen.“
Die Augenbrauen über Bills blauen Augen stiegen in die Höhe.
„Also, ich weiß nicht recht. Beau …“
„Schieb einfach den Riegel von außen vor“, meinte Jarji. „Diese Sache geht Beau überhaupt nichts an – und dich auch nichts.“
Bill lachte. Es war ein seltsames, beinahe geräuschloses Kichern, und es paßte nicht recht zu der Art Mann, für den Jef ihn hielt.
„Ich lasse euch so lange Zeit, wie er braucht, um die Hose zu wechseln.“ Damit ging Bill hinaus.
Jef öffnete den Mund. Jarji legte ihm schnell die Hand über die Lippen und ließ sie dort.
„Jetzt ziehst du die Hose aus“, sagte sie laut. Sie nahm die Hand von seinem Mund, hielt einen Finger an ihre Lippen, machte scheuchende Handbewegungen zu seinem Rucksack auf dem Bett hin und schlich zur Tür, um zu lauschen.
Jef war dies alles sehr peinlich. In größter Verlegenheit mühte er sich aus seiner Hose, die ihm vor Nässe an den Beinen klebte, und stieg in die saubere aus seinem Rucksack. Gerade schloß er den Gürtel der trockenen Hose, als Jarji von der Tür zurückkam.
„In Ordnung“, flüsterte sie, „niemand da, der uns belauscht. Wir können reden. Aber sprich leise.“
„Ich …“
„Du sollst flüstern, verdammt noch mal!“
„Schon gut“, hauchte Jef. „Wieso bist du so sicher, daß uns keiner belauscht?“
„Nimm einfach mein Wort dafür. Ich hatte mein Ohr an die Türfüllung gelegt. Wenn jemand in diesem Korridor atmen und ich ihn nicht hören kann, hat er keine größeren Lungen als eine vorbeikrabbelnde Schabe. Außerdem kann ich den alten Bill Eschak in einer dunklen Nacht auf fünf Meter Entfernung riechen.“
„Riechen?“ wunderte sich Jef.
„Kannst du das nicht? Na ja, du bist wie diese Stadtleute aus dem Unterland. Überhaupt keine Nase. Keine Ohren. Aber mach dir nichts daraus. Hör zu, du weißt doch, warum sie mich in die Unterkunft stecken?“
„Äh – nein“, antwortete Jef.
„Weil sie mir nicht trauen. Wenn ich dreißig, vierzig Waldleute um mich herum habe, gibt es nicht viel, was ich tun kann. Das bedeutet, du bist auf dich selbst gestellt.“
„Ja, vertrauen sie denn mir?“ flüsterte Jef.
„Dir vertrauen? Sie vertrauen dir nicht, sie wissen einfach, daß du allein nichts fertigbringst. Deshalb meinen sie, sie müßten sich deinetwegen keine Sorgen machen, wenn sie mich erst einmal von dir getrennt haben. Aber jetzt paß auf. Ich habe für dich alles getan, was ich konnte. Von nun an mußt du sehen, wie du allein fertig wirst, und wenn du so weitermachst, daß du über Dinge quasselst, die dich nichts angehen, wird in diesen Leuten der Verdacht auftauchen, daß du eine Menge mehr weißt, als es der Fall ist. Wenn du also noch nicht gelernt hast, deinen Mund zu halten, dann lernst du es am besten auf der Stelle, es sei denn, du willst, daß dir Bill Eschak die Kehle durchschneidet, bevor morgen die Sonne untergeht.“
„Komm, komm!“ protestierte Jef. „Du kannst mir nicht erzählen, er sei der Mann, der zu so etwas fähig ist.“
„Was glaubst du denn! Was meinst du, warum er Beaus erster Offizier ist? Diese Leute hier sind wie Federzüge. Old Bill hat seine Klinge schon mehr Menschen zu schmecken gegeben, als du Zähne im Mund hast. Das ist ein gefährlicher Haufen, Robini, vergiß das bloß nicht. Und jetzt…“ – sie kam plötzlich zum Ende – „… stehst du auf eigenen Füßen.“
Sie drehte sich um, ging schnell zur Tür und riß sie auf.
„Komm herein, Eschak“, sagte sie. „Nicht nötig, daß du versuchst, dich anzuschleichen. Ich bin jetzt bereit für meine eigene Koje.“
„Das ist gut.“ Bill erschien im Eingang. Er blickte an Jarji vorbei zu Jef hin. „Gerade kam die Nachricht, daß Beau morgen hiersein wird. Er wird mit dir beim Frühstück reden. Schlaf gut.“
Bill trat von der Tür zurück, und Jarji folgte ihm nach draußen. Die Tür schloß sich, und Jef hörte, wie ihre Schritte verklangen.
Er setzte sich auf das Bett. Vollkommene Stille umgab ihn. Jarji war selbst eine von den Wald-Ranchern. Sie sollte wissen, von was sie sprach. Andererseits war das, was sie ihm über Bill erzählt hatte, einfach unglaublich. Die Leute liefen nicht herum und stachen sich gegenseitig ab, nicht einmal auf den neubesiedelten Welten – ausgenommen gelegentlich eine psychotische oder schwer gestörte Person. Die menschliche Rasse war dazu heutzutage einfach zu zivilisiert – oder nicht?
Jef blickte die ihn umgebenden Wände aus Brettern und Baumstämmen an, aber sie gaben ihm keine Antwort. Im Zimmer wurde es dunkel, als das Abendrot vor dem einzigen Fenster erstarb. Jef suchte nach einer Möglichkeit, die Kerze anzuzünden, fand aber keine. Langsam, beinahe automatisch holte er sein Camping-Licht aus dem Rucksack und stellte es auf den Tisch neben seinem Bett. Er begann, sich auszuziehen. Er war müde genug, daß ihm der Gedanke an Schlaf trotz allem verlockend erschien.
Er nahm seine saubere Hose, verstaute sie wieder im Rucksack und breitete die kaffeedurchweichte auf dem Tisch zum Trocknen aus. Langsam stieg er zwischen die rauhen Decken des Bettes und löschte das Camping-Licht. Die verschiedenen Holzgerüche des Gebäudes stiegen ihm in die Nase, und die Geräusche irgendeines Nachttieres drangen durch das Fenster auf der anderen Seite des Zimmers an seine Ohren. Es war alles sehr angenehm.
Bilder von Jarji glitten ihm durch den Kopf. Ganz bestimmt war sie imstande, ihn mit einem einzigen Wort zu verärgern. Aber unlogischerweise war er gleichzeitig überzeugt, daß sie unter ihrem stachligen Äußeren warm und freundlich und ehrlich um ihn besorgt war – vielleicht stärker, als sie sich anmerken lassen wollte. Er seinerseits gab sich schon seit einiger Zeit Mühe, an sie nicht als ein weibliches und attraktives Wesen zu denken – seit dem Augenblick, als sie ihn aus Posten Fünfzig gerettet hatte. Aber die Anstrengung fing an, ein wenig lächerlich zu werden, als wolle er sich vormachen, in den von Tageslicht erhellten Stunden stehe keine Sonne am Himmel.
So seltsam es für jemanden war, der von Natur aus zum Einzelgängertum neigte wie Jef, schien seine Reaktion auf sie doch ein Teil der allgemeinen guten Gefühle zu sein, die ihn erfüllten, seit er aus dem Raumschiff getreten war. Diese Gefühle beeinflußten ihn fast ebenso stark wie ein Narkotikum. Sogar in diesem Augenblick brachte er es trotz Jarjis Warnung nicht fertig, etwas anderes zu empfinden als behagliche Zufriedenheit mit dem Universum. Es war ihm unmöglich, sich wegen Bill Eschak und der anderen Leute, unter die er geraten war, Sorgen zu machen.
Verstandesmäßig nahm er sich aufgrund Jarjis Warnung allerdings vor, gegenüber Beaus Leuten – und besonders Bill Eschak – auf der Hut zu sein. Zweifellos wußte Jarji über sie Bescheid. Zweifellos hatte sie recht. Aber gefühlsmäßig hatte die Warnung nicht die Macht, ihn zu beunruhigen.
Wahrscheinlich waren es diese allgemeinen guten Gefühle, die ihn einlullten. Wenn dem so war, brauchte er nach Gründen, warum er auf diese Weise empfand, nicht lange zu suchen. Erstens einmal hatte ihn eine gesunde Müdigkeit übermannt, nachdem er mehrere Tage lang durch die Wälder gewandert war. Sicher, er hatte viel Wert darauf gelegt, sich durch Training in Form zu bringen, bevor er die Erde verließ. Aber der Unterschied zwischen Übung und Realität war immer noch bedeutend. An keinem dieser Tage war er morgens steif aufgewacht, aber er hatte jede Nacht wie ein Klotz geschlafen. Sein Körper war auf natürliche Weise entspannt und das trug viel dazu bei.
Dazu kam, daß er endlich hier war und tat, was er sich in der Forschungsarbeit mit Mikey immer gewünscht hatte. Jetzt konnte er die Früchte der Arbeit und Mühen mehrerer Jahre genießen. Alles entwickelte sich gut, und die Dinge hatten einen Großteil der Dringlichkeit verloren, die ihn andernfalls hätte nervös machen können. Er war bemerkenswert sorglos, beispielsweise, was den Konnetabel betraf, trotz der Tatsache, daß er praktisch jetzt ein Flüchtling vor der planetarischen Justiz war. Sogar die Aufklärung von Wills Tod und sein lange gehegter Wunsch, Wills Grab zu finden, schienen ihm nicht mehr eilig zu sein. Der Schmerz und die Bitterkeit, die er immer empfunden hatte, wenn es um seinen toten Bruder ging, waren sehr verblaßt. Er brachte es nicht mehr fertig, sich deswegen aufzuregen. Das war seltsam … und auch sonst war alles ein wenig seltsam. Auch wenn man die körperliche Übung und den erzielten Erfolg in Rechnung stellte, blieb seine gegenwärtige Zufriedenheit immer noch zum großen Teil unerklärt.
Es mußte die Welt Everon selbst sein, das war der Grund. Diese Welt schien, seit sie bestand, auf ihn gewartet zu haben, damit er sich in sie verliebe. Jef fragte sich schläfrig, ob die Kolonisten ebenso wie er für diesen Planeten empfanden oder empfunden hatten. Er wußte es nicht. Vielleicht bewegten diese Gefühle nur einige von ihnen. Jarji vielleicht? Er mußte sie einmal danach fragen – in einem Augenblick, wo sie ihn gerade weder abkanzelte noch mit Kaffee begoß.
Seine Gedanken trieben dahin, zurück zu der Hose, die er auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Halb im Schlaf überlegte er, daß sie morgen früh trocken genug sein würde, um sie wieder anzuziehen. Eigentlich war es gar nicht der Mühe wert gewesen, die Reservehose auszupacken.