9

 

Jef sah sie fassungslos an.

„Geh jetzt vom Fenster weg“, befahl Jarjis Stimme. „Halte dich ein gutes Stück abseits der Linie zwischen ihm und mir.“

Ein dünner Schattenfinger erschien neben dem runden Schatten von Jarjis Kopf. Ein winziges Licht blitzte auf, und eine der Drahtschlingen in der unteren rechten Ecke des Netzes, das das Fenster bedeckte, glühte plötzlich weiß und verschwand in einem winzigen Schauer roter Funken. Darauf begann die nächste Drahtschlinge genau darüber zu glühen …

„Was tust du denn da?“ fragte Jef.

In der ganzen Zeit, seit Jarjis Stimme am Fenster ertönt war, hatte er stumm dagestanden, zu verblüfft über das unerwartete Ereignis, um mit Hoffnung oder einem anderen Gefühl auf das Auftauchen der Antilopenzüchterin reagieren zu können. Erst das Durchbrennen der Drähte brachte ihn wieder zum Empfinden und Denken zurück.

„Was ich tue? Ich schneide dies Gitter von deinem Fenster!“

„Ich sollte nicht fliehen“, wandte Jef ein. „Ich stehe unter Arrest … glaube ich.“

Die Worte sprudelten ungeplant aus ihm heraus, als ob eine andere Person in ihm sie geäußert hätte. Von der anderen Seite des nachtdunklen Fenstervierecks kam erst nichts als eine lange Sekunde des Schweigens und dann etwas, das sich ganz nach einem Schnauben anhörte.

„Dann entschuldige!“ knurrte Jarji. „Entschuldige, zum Teufel. Ich werde sogleich in meinen Wald hinabwandern und hoffen, du wirst so großzügig sein, es mir zu verzeihen, daß ich dich beinahe in Konflikt mit dem Gesetz des Unterlandes gebracht hätte.“

„Er ist der Planeten-Konnetabel – der hiesige Polizeichef“, wandte Jef ein.

„Sicher ist er das“, erwiderte Jarji. „Nun, dann bis später …“ Ihre Stimme entfernte sich.

„Warte!“ rief Jef in einem Flüsterton, der ihm die Kehle zerriß, und drängte sich gegen das Fenster. „Warte! Ich meine, komm zurück. Du hast recht. Ich will mit Mikey hier raus, ganz gleich, was das Gesetz dazu sagt.“

Von draußen kam keine Antwort.

„Komm zurück!“ rief Jef in einem verzweifelt gedämpften Aufschrei.

„Schon gut, schon gut, halt einen Augenblick den Mund!“ ertönte Jarjis Stimme direkt unter dem Fenster. „Tritt zurück.“

Jef trat zurück. Stränge von Draht glühten auf und zerstoben zu Funken.

„Jetzt drücken“, befahl Jarji. „Paß auf, es ist heiß.“

Jef zog seine Jacke aus, wickelte sie um seine Hände und drückte damit gegen den Maschendraht. Das Netz gab nach. Draußen war ein leiser Aufschlag zu hören.

„Jetzt klettere hinaus“, sagte Jarji.

„Bin schon dabei.“

Jef wand sich vorsichtig aus dem Fenster und kratzte sich nur ein bißchen dabei. Eine Sekunde später stand er keuchend auf dem Boden.

„Mikey …“ Er wandte sich wieder dem Fenster zu. Aber Mikey segelte bereits in einem wundervoll berechneten Sprung hinaus, ohne irgendwo anzustoßen.

„Gehen wir“, sagte Jarji. „Bleib dicht bei mir.“

Sie übernahm in der Dunkelheit die Führung. Am Himmel stand gegenwärtig kein Mond, aber in dieser geographischen Breite von Everon ballte sich im Westen ein Klumpen dichtstehender, heller Sterne, die Jefs Augen gerade genug Licht gaben, daß er ihr folgen konnte. Sie kamen an dem schwarzen Schatten vorbei, den das Luftfahrzeug bildete. Jef streckte die Hand aus und berührte Jarjis Schulter.

„Warum nehmen wir das nicht?“ flüsterte er.

„Weil sie es einen halben Tag, nachdem wir es verlassen hätten, finden und somit wissen würden, daß wir nur einen halben Tagesmarsch von dieser Stelle entfernt sein können“, flüsterte Jarji zurück. „Zu Fuß legen wir die Entfernung von einem ganzen Nachtmarsch zwischen uns und ihnen, und über die Richtung können sie sich die Köpfe zerbrechen.“

Sie gingen weiter, und die tiefere Dunkelheit des Waldes schloß sich um sie. Aber es war nicht so schlimm, wie Jef befürchtet hatte. Seine Augen gewöhnten sich nach und nach an die Finsternis – und das um so leichter, als er vorher für mehrere Stunden in einem schlechtbeleuchteten Raum eingeschlossen gewesen war. Und bald darauf wurde das Licht von oben stärker.

„Mondaufgang“, bemerkte Jarji. Jetzt, wo sie ein gutes Stück vom Posten weg waren, sprach sie laut, mit normaler Stimme. „Ich vermute, du hast gedacht, wir hätten nicht einmal einen Mond.“

„Natürlich weiß ich, daß ihr einen Mond habt“, verwahrte sich Jef. „Ich habe gelesen, daß …“

„Wir haben sogar zwei. Zwei natürliche Satelliten, nur kann man den kleineren in dieser Breite außer im Sommer nicht sehen. Man kann auch den größeren, der eben aufgegangen ist, nur bis etwa Mitternacht sehen. Die Bäume verbergen ihn, wenn er nicht direkt über einem steht.“

„Es ist schön, Licht zu haben“, meinte Jef friedlich.

Das war es auch. Als das Licht, das der unsichtbare Mond auf sie herabwarf, sich verstärkte, begann der Waldboden zu leuchten, bis er, besonderes im Gegensatz zu der früheren Dunkelheit, heller schien als alles, an das Jef sich in einer Vollmondnacht auf der Erde erinnern konnte. Es war beinahe so hell, dachte Jef, wie an einem stark wolkenverhangenen Tag. Dabei fiel ihm ein, daß er sich nicht erinnern konnte, Wolken am Himmel von Everon gesehen zu haben, ausgenommen bei dem Hagelsturm. Aber, so mußte er sich zu seiner eigenen Überraschung klarmachen, er befand sich kaum länger als vier Tage auf der Oberfläche dieser Welt. Dabei hatte er das Gefühl, es seien schon Wochen.

Die Nachtluft schien Mikey zu berauschen. Das Mondlicht konnte es schwerlich sein, da die Augen des jungen Maolots wie immer fest geschlossen waren. Aber Mikey rannte Jef wieder voraus, wie er es auf dem Marsch zum Posten Fünfzig getan hatte. Jetzt preschte er zwanzig oder dreißig Meter hinein in den Wald, während sie dem Weg folgten, auf dem Jarji sie führte. Dabei fiel Jef ein …

„Wohin gehen wir?“ fragte er das Mädchen.

„So nahe wie möglich an die Stelle, wo Beau leCourboisier früher seine Wild-Ranch hatte“, antwortete Jarji. „Jemand will dich dort treffen.“

„Jemand? Woher weißt du das?“

„Du bist etwas, das man den Glockenvögeln erzählen muß“, behauptete Jarji. „Das bist du wirklich. Wie hast du es auf der Erde geschafft, so lange am Leben zu bleiben?“

„Was habe ich getan?“ fragte Jef bestürzt. „Ich habe doch nur gefragt, ob …“

„Frage nicht“, wies Jarji ihn ab.

„Ich soll nicht fragen?“

„So ist es.“

Jef ließ langsam den angehaltenen Atem entweichen. Sein Jähzorn mochte tief in ihm vergraben sein, aber diese Wild-Rancherin im Taschenformat schien eine besondere Begabung dafür zu haben, so tief zu bohren, daß sie ihn beinahe wieder ausbuddelte. Nicht, daß er seine übliche traurige Bitterkeit empfunden hätte. Es war nur so, daß er … irgendwie gereizt war.

„Die Nachricht ist weitergegeben worden“, bemerkte Jarji. „Mehr brauchst du nicht zu wissen. Ich habe es gehört und meinte, ich sollte es dir mitteilen. Das ist alles.“

„Das weiß ich natürlich zu schätzen“, entgegnete Jef. „Ich danke dir ehrlich für alles, was du für mich getan hast – einschließlich dafür, daß du Mikey und mich aus dem Raum geholt hast, in dem wir eingeschlossen waren. Aber hast du jetzt vor, mich zu diesem Menschen zu bringen, der mich sehen will? Das verstehe ich nicht. Du hast keinen Anlaß, für mich solche Mühen auf dich zu nehmen.“

„Hier auf Everon nennen wir das Nachbarschaftshilfe“, erklärte Jarji.

„Niemand sonst, den ich hier kennengelernt habe, scheint seinen Nachbarn helfen zu wollen“, sagte Jef. „Der Konnetabel … der Verwalter von Posten Fünfzig …“

Jarji schnaubte. Diesmal gab es keinen Zweifel daran, daß es ein Schnauben war.

„Spare deinen Atem“, riet sie. „Wir haben noch einen ziemlichen Weg vor uns.“

Das machte der Unterhaltung für die nächsten Stunden mehr oder weniger den Garaus.

Sie marschierten schweigend weiter. Jefs Gedanken wanderten zurück zu seiner letzten Konfrontation mit Armage. Er hatte bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken. Aber auf dieser stummen nächtlichen Wanderung fand er wenigstens die Zeit, sich einiges zu überlegen. Warum hatte die Begegnung damit geendet, daß er das bestimmte Gefühl empfand, er habe über den Konnetabel die Oberhand gewonnen, auch wenn Armage nach außen hin den Vorteil auf seiner Seite hatte?

Warum? Jefs Hang, sich abzuschließen, und das Leben, das hinter ihm lag, hatten ihn zu einem Experten darin gemacht, Dialoge in seinem Kopf zu wiederholen. Wenn er unvermittelt gefragt worden wäre, wie Armages erste Worte gelautet hatten, als er die Kammer betrat, dann wäre es ihm ebenso schwergefallen wie jedem anderen, sie sich auf der Stelle ins Gedächtnis zurückzurufen. Doch wenn er, wie er es jetzt tat, sich im Geist in die Zeit zurückversetzte, als er sich in dem Raum befunden hatte, und wenn er sich vorstellte, wie Armage hereingekommen war, dann spielte sich der ganze Vorfall noch einmal in seinem Kopf ab wie eine Aufzeichnung mit eingebauten Geräuschen und Gerüchen.

Er verweilte bei dieser speziellen persönlichen Erinnerung und versuchte, den Augenblick festzuhalten, in dem er aufgehört hatte, sich Armage gegenüber hilflos zu fühlen, und ihn statt dessen die Empfindung überkam, Herr der Situation zu sein. Erst als er das Gespräch beinahe bis zu seinem Ende abgespult hatte, entdeckte er den Punkt, an dem es zu einem Umschwung seiner Gefühle gekommen war. Armage hatte gedroht, Jef werde ihm schon noch sagen, was er wissen wolle, und Jef hatte entgegnet, der Konnetabel habe kein Recht, auf diese Weise vorzugehen. Jef fiel wieder ein, wie er dem Konnetabel mit einer Klage gegen ihn und den Verwalter des Postens gedroht hatte. Armage hatte erwidert, er werde eine Möglichkeit finden, Jef zum Sprechen zu bringen, und dann vorgeschlagen, Jef solle die Sache überschlafen.

Hätte man den Dialog schriftlich festgehalten, dann hätte Armages Bemerkung außerordentlich gefährlich gewirkt. Aber Jef hatte in der Erinnerung wiederum den bestimmten Eindruck, daß der Konnetabel nur eine leere Drohung aussprach. Dagegen hatte seine eigene Ankündigung, er werde sich an das Gericht wenden, eine Stelle getroffen, an der Armage verwundbar war. Es gab nichts Handgreifliches, keinen bestimmten Hinweis, daß es so war. Es war nichts als ein Gefühl – doch es war ein sehr bestimmtes Gefühl.

Armage hatte geblufft, und er, Jef, hatte die richtige Antwort darauf gefunden.

Wenn nun Armage geblufft hatte, dann war er nicht in dem Maß Herr der Situation, wie er sich den Anschein zu geben versuchte. Dann war er nur in die Kammer gekommen, um Jef Angst einzujagen und dadurch Informationen aus ihm herauszulocken. Wenn er nun, so überlegte Jef, dem Konnetabel mitgeteilt hätte, was dieser in Erfahrung bringen wollte, dann hätte Armage davongehen und die Tür offenlassen können, und Jef hätte es freigestanden, gleichfalls davonzuspazieren. Hinterher konnte Jef gut behaupten, er sei gefangengehalten und verhört worden. Aber wenn der Konnetabel und alle anderen vom Posten Fünfzig es abstritten, wer würde ihm dann zuhören – besonders wenn Jef keinen Beweis hatte und ihm offensichtlich kein Schaden zugefügt worden war?

Aber wenn Armage tatsächlich nicht Herr der Situation gewesen war, dann mußte es etwas geben, das ihm Sorge bereitete – etwas, wovor er sich vielleicht sogar fürchtete.

Martin Curragh?

Und wenn es Martin war, warum war es dann Martin?

Bis dahin hatte Jef mit seinen Überlegungen große Fortschritte gemacht. Aber angesichts des Rätsels, wovor der Konnetabel sich fürchten mochte, geriet er in völlige Verwirrung. Die Antwort konnte in einer Unzahl von Gründen verborgen liegen. Und es gab keinen Weg, die wahrscheinlichste darunter auszuwählen. Während er, Jarji und Mikey weiter in den dunklen Wald eindrangen, kämpfte Jef mit dem Problem, fand aber keine Lösung. Nach einer Weile wurde das Licht heller, weil der größere Mond am Everon-Himmel sichtbar wurde. Er machte die Nacht zweimal so hell wie der Vollmond auf der Erde. Nachdem sie einen kleinen Bach durchwatet hatten, ließ Jarji endlich anhalten.

„Wir sind jetzt weit genug vom Posten entfernt“, sagte sie. „Da sollte es ungefährlich sein, eine kleine Pause zu machen und zu essen. Bei so hellem natürlichen Licht könnten wir es wagen, ein kleines Lagerfeuer anzuzünden, auch wenn sie bereits ein Luftfahrzeug oben hätten, das nach einem Zeichen von uns Ausschau hält – was ich aber nicht glaube.“

Sie nahmen ihre Rucksäcke ab. Jarji zündete ein kleines Feuer an, füllte ein zusammenlegbares Gefäß mit dem klaren Bachwasser und setzte es auf das Feuer. Sie und Jef holten gefriergetrocknete Stew-Portionen aus den Rucksäcken hervor und ließen die korkenleichten Stücke ins Wasser fallen, wo sie sowohl Flüssigkeit als auch Hitze aufsogen.

Jarji sah in den Topf. „Wir brauchen noch etwas Wasser. Wußte nicht, daß du so hungrig sein würdest.“

„Ich habe eine doppelte Portion hineingetan – die Hälfte ist für Mikey“, sagte Jef. „Er bekommt längst nicht soviel, wie er haben müßte. Er hat alles gegessen, was ich ihm geben konnte, und jetzt habe ich nichts mehr. Ich dachte, im Posten Fünfzig könnte ich mich mit neuen Vorräten für uns beide eindecken, aber natürlich … Ich hole noch Wasser.“

Er goß den Inhalt seiner Feldflasche in den Topf und ging dann an den Bach, um die Feldflasche neu zu füllen. Als er zurückkam, saß Jarji in der Hocke und rührte das kochende Essen um. Sie kehrte ihm den Rücken zu, und ihre Armbrust lag neben ihr auf dem Gras. Abgesehen von der schweren Waffe, dachte Jef, sah sie wie irgendwer bei einem Picknick aus. Ihr Aussehen und ihr Verhalten lagen, so schien es, Welten auseinander. Jef war versucht, ihr darüber Fragen zu stellen, damit er versuchen konnte, aus ihren Antworten einigen Sinn herauszulesen. Aber bisher hatte es jedes Mal, wenn er angefangen hatte, ihr Fragen zu stellen, damit geendet, daß sie sehr nahe an einen Streit gerieten.

Er entschloß sich, nichts zu sagen. Sie aßen, löschten das Feuer, packten ihre Sachen zusammen und marschierten weiter. Es war einige Stunden später, und das Licht des Mondes war deutlich schwächer geworden, als der Wald vor ihnen plötzlich lichter wurde. Sie kamen an den Rand eines offenen Feldes, auf dem sich die hohe Art des Moosgrases als beinahe zwei Meter dicker Teppich über der baumlosen Erde erhob. Sie blieben stehen und betrachteten es.

„Sieh dir das an …“ begann Jef. Die See grasähnlicher Halme erstreckte sich, soweit das Auge reichte, im Licht des niedrigstehenden Mondes, und der Nachtwind, der über die Oberfläche dieser See strich, rief Wellen wie bei einem wirklichen Meer hervor. Aber ehe er den Satz beenden konnte, wurde er unterbrochen.

Links von ihnen war ein Schlagen und Rascheln zwischen dem hohen Moosgras am Waldrand zu hören. Jef und Jarji drehten sich mit einem Ruck in diese Richtung um, und Jarjis rechte Hand riß die Armbrust schußbereit hoch. Die Aufzugfeder schwirrte, als die Drahtsehne der Waffe zurückgezogen wurde. Ohne Warnung raste Mikey plötzlich blindlings weg von Jef in die Richtung des Geräusches und gab dabei verschiedenartige Laute von sich.

Ohne nachzudenken, rannte Jef hinter ihm her.

„Bleib hier!“ hörte er Jarji rufen, aber Mikey dachte offensichtlich nicht daran zu bleiben, und Jef konnte es nicht. Er rannte weiter.

Gleich darauf hatte Jef den Maolot eingeholt. Mikey hielt einen langen Körper auf der Erde fest, seine breite Schnauze an dessen Kehle, und als Jef dazukam, schlug der Körper noch ein letztes Mal krampfhaft um sich und lag dann still.

„Mikey!“ schrie Jef und riß den Maolot am Nackenfell zurück. Er stellte sich vor Mikey und beugte sich über die Beute.

Es war eine junge Antilopenkuh. Sie war tot; der Kopf hing verdreht vom Körper herab. Mikeys mächtige Kiefer hatten ihr das Genick gebrochen.

„Mikey …“ begann Jef und brach ab. Er hatte gehofft, der Jagdinstinkt werde in Mikey wieder erwachen, nicht nur, weil der Maolot ihn brauchte, wenn er am Ende zu einem normalen Leben in seiner normalen Umgebung zurückkehrte, sondern auch, weil Mikey jetzt einen Anspruch auf Nahrungsmengen entwickelt hatte, der sich mit dem gefriergetrockneten Fleisch aus dem Rucksack unmöglich befriedigen ließ. Doch gleichzeitig war es ein elendes Gefühl, die schlanke Antilope tot vor sich liegen zu sehen. Mikey ließ den Kadaver fallen und stieß seinen Kopf stolz gegen Jefs Brust und Schulter. Dabei gab er die Laute von sich, mit denen er nach Lob und Anerkennung verlangte. Unlogischerweise – in Anbetracht seiner gefühlsmäßigen Reaktion auf den Anblick der getöteten Antilope – streichelte Jef den Maolot, obwohl er sich instinktiv von Mikeys blutigen Kiefern zurückziehen wollte.

„Schon gut, Mikey“, hörte er sich sagen, „schon gut.“

„Sieht so aus, als sei die Antilope schon beinahe tot gewesen, als dein Tier sie schlug“, bemerkte Jarji trocken neben Jef. „Sieh dir ihren aufgetriebenen Bauch und ihre Schnauze an. Sie ist bestimmt vergiftet worden.“

Jef sah genauer hin. Jarji hatte vollkommen recht. Um die Schnauze der Antilope stand ein gelblicher Schaum, und ihr Magen war geschwollen und hart wie eine Trommel. Jef sah es und zog Mikey ein zweites Mal von dem Kadaver weg.

„Nein, Mikey!“ befahl er scharf. Er wandte sich an Jarji. „Hast du das gemeint, als du etwas darüber sagtest, daß die Wisent-Rancher die Antilopen auf Beau leCourboisiers Wild-Ranch vergifteten, weil sie den Wald für ihre eigenen Herden roden wollten?“

„Richtig“, antwortete Jarji. „Suchen wir uns einen Platz zum Lagern. Wir sind da.“

„Da?“ echote Jef. Für eine Sekunde hatte er, in Gedanken bei der Antilope und Mikey, ganz vergessen, wohin sie unterwegs waren.

„Am Rand des Gebietes, wo Beau leCourboisier früher seine Antilopen hatte.“ Jarji wies über die windbewegte See des Moosgrases hin. „Das da war sein Wald.“

Sie drehte dem offenen Land den Rücken zu.

„Wie dem auch sei, wir müssen einen Lagerplatz finden. In ein paar Stunden wird es Tag, und es wird dir nicht ganz leicht fallen einzuschlafen, wenn dir die Sonne in die Augen scheint.“

Sie ging in den Wald zurück. Jef folgte ihr, aber er mußte Mikey gewaltsam von der toten Antilope wegzerren.