
20
JETZT
»Alles, was wir sehen, ist ein
Schatten,
der von dem geworfen
wird, was wir nicht sehen.«
Martin Luther King, Jr.
Die drei standen auf dem Hügel über dem Tal. Es war sein Grund und Boden, aber er erkannte das Land kaum wieder. Der Fluss, der den Tempel zerstört hatte, hatte auch den größten Teil der Mauern weggerissen. Dort, wo der Boden zuvor verdorrt und kahl gewesen war, spross neues Leben hervor.
»Das ist besser! Viel besser!«, sagte Großmutter.
»Es ist gut!«, sagte Jesus.
Für Tony zählte in diesem Augenblick nur, hier zu sein, in der Beziehung mit diesen beiden. Eine heitere Ruhe erfüllte seine Seele, eine freudige Erwartung, die einherging mit tiefem innerem Frieden.
»Hey«, fragte er sich laut, »wo sind eigentlich eure Behausungen geblieben? Ich sehe kein Ranchhaus mehr, und auch nicht diese, nun ja …«
»Lehmhütte. Nenne es ruhig beim Namen«, sagte Großmutter. »Die haben wir nie wirklich gebraucht. Das Ganze hier ist jetzt ein Habitat, kein bruchstückhaftes Ödland mehr. Und mit weniger würden wir uns auch niemals zufriedengeben.«
»Es ist Zeit«, lächelte Jesus und streckte seine Hände in die Luft.
»Zeit?«, fragte Tony neugierig. »Du meinst, es ist Zeit, dass ich deinen Vater treffe, Papa-Gott?«
»Nein, das nicht. Außerdem hast du ihn bereits getroffen.«
»Habe ich? Wann denn das?«
Jesus lachte und legte Tony den Arm um die Schulter. Er beugte sich nahe zu ihm und flüsterte: »Talitha kumi!«
»Was?«, rief Tony aus. »Machst du Witze? Das kleine Mädchen im blau-grünen Kleid?«
»Durch Bilder«, sagte Großmutter, »lässt sich Gott niemals ausreichend definieren, aber es ist unsere Absicht, dass ihr uns erkennt, und jedes Flüstern und Atmen eines Bildes ist ein kleines Fenster zu einer Facette unseres Wesens. Cool, nicht wahr?«
Tony nickte. »Obercool. Wofür ist also jetzt Zeit? Wird Papa-Gott dort sein?«
»Es ist Zeit zu feiern, Zeit für das Jenseits, das Leben danach, das Zusammenkommen und Sprechen«, antwortete Jesus, »und damit das klar ist: Papa ist niemals nicht da gewesen.«
»Was also geschieht jetzt?«
»Jetzt«, sagte Großmutter triumphierend, »kommt das Beste!«