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VON ANGESICHT ZU ANGESICHT

»Was hinter uns liegt und was vor uns liegt,
ist unbedeutend im Vergleich zu dem, was in uns liegt.«

Ralph Waldo Emerson

Maggie?«

»Oh, nett, dass du mir wieder Gesellschaft leistest. Wo warst du überhaupt? Na, ist ja auch egal! Eigentlich will ich es gar nicht wissen.«

»Du würdest es mir sowieso nicht glauben, wenn ich versuchen würde, es dir zu erklären. Eigentlich ergibt nichts, was zurzeit in meinem Leben passiert, einen Sinn, aber auf mysteriöse Weise erscheint es dann doch sinnvoll.« Tony hielt inne und schaute durch Maggies Augen. »Aha, ich sehe, wir fahren in die Klinik.« Sie fuhren auf der Terwilliger an den Aussichtspunkten oberhalb des Willamette River entlang. Dann bogen sie rechts ab und fuhren hinauf zu dem, was für Tony immer wie ein Legoland für Schlaumeier ausgeschaut hatte, einem riesigen Gebäudekomplex, der einige der größten Koryphäen auf dem Gebiet der Medizin und ihre fleißigen Studenten beherbergte.

Als sie sich der Canyon Garage näherten, fragte Maggie schließlich: »Tony, warum tun wir das? Warum willst du dir hier anschauen, wie du im Koma liegst?«

»Ich bin mir nicht sicher«, wich er aus. »Ist halt eine dieser Sachen, die ich tun muss.«

»Hmm«, brummte Maggie, »ich muss keine Körpersprache lesen, um zu merken, wenn jemand mir nicht die Wahrheit sagt, jedenfalls nicht die ganze Wahrheit. Na, was immer es ist, ich hoffe, es ist es wert.«

Tony antwortete nicht, und Maggie bohrte nicht weiter nach. Schließlich brach er das Schweigen. »Maggie, kann ich dir eine medizinische Frage stellen?«

»Klar. Ich werde mir alle Mühe geben, sie richtig zu beantworten.«

»Bluten tote Menschen?«

»Das ist wirklich eine einfache Frage. Tote bluten nicht. Man blutet nur, solange das Herz schlägt. Warum fragst du?«

»Reine Neugierde«, entgegnete Tony. »Etwas, was jemand vor einer Weile zu mir gesagt hat. Jetzt, wo du’s mir beantwortet hast, erscheint es offensichtlich.«

»Wenn man etwas nicht weiß, ist es nicht offensichtlich«, sagte Maggie, während sie den Wagen in eine Parklücke manövrierte. Sie nahm einen Parkschein aus dem Handschuhfach und steckte ihn in die Handtasche.

»Was, keine eigene Parkerlaubnis?«, fragte Tony.

»Nein, es gibt eine Warteliste. Manchmal dauert es Jahre, also kann ich nicht darauf hoffen, in nächster Zeit einen reservierten Parkplatz zu erhalten.«

»Und ich dachte, Krankenschwestern würden existieren, um uns vor den Ärzten zu beschützen.« Er lachte.

Maggie stieg aus und ging auf das nächstgelegene Gebäude zu, einen riesigen weißen Komplex, der durch eine lange, verglaste Fußgängerbrücke mit dem gelbbraunen Hauptgebäude der Universitätsklinik verbunden war.

Als sie an dem Monument mit der Ewigen Flamme und am Namensschild der Klinik vorbeigingen, fragte Tony: »Warum nehmen wir eigentlich diesen Umweg?«

»Weil ich noch bei Lindsay vorbeischauen möchte«, sagte Maggie möglichst leise, damit niemand ihr scheinbares Selbstgespräch bemerkte.

Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihr zu diskutieren. Sie war seine Hausherrin, und er konnte nichts tun ohne sie.

Zwei Statuen bewachten den Vordereingang der Doernbecher-Kinderklinik: ein Hund, der Steine balancierte, und eine andere, die aussah wie eine Katze und ein Affe, die auf dem Kopf einer Ziege saßen – ein Anflug von Humor zur Begrüßung an einem Ort, der unter Umständen sehr düstere Erfahrungen bereithalten konnte.

»Ob du es glaubst oder nicht, Tony«, flüsterte Maggie, »so hart es hier manchmal sein kann, ist das doch eines der inspirierendsten, wunderbarsten Krankenhäuser, in dem ich je gearbeitet habe. Mein bislang bester Job.«

»Wenn du es sagst«, lautete sein Kommentar. Es überraschte ihn, wie offen und luftig die Eingangshalle war, gut beleuchtet und sauber. Zur Linken gab es Spielhäuser für Kinder und sogar ein Starbucks mit der üblichen Schlange Kaffeesüchtiger. Maggie betrat einen vollen Aufzug und drückte die Taste für den zehnten Stock.

»10 Süd, pediatrische Onkologie«, erklärte sie Tony laut. Zu spät merkte sie, wie befremdlich das auf die anderen Leute im Aufzug wirken musste. Auf ein paar Blicke und Lächeln in ihre Richtung folgte während der restlichen Fahrt ein unangenehmes Schweigen. Die Mitfahrer schienen so schnell wie möglich auszusteigen.

Maggie verließ beim »Seepferdchen« den Aufzug. Jede Etage und Abteilung trug einen Tier- oder Märchennamen. Sie kamen an der nicht onkologischen Normalpflegestation vorbei, von dort ging es über die »Sanddollar« genannte Klinikzone weiter zum »Seestern«, der Hämatologie/Onkologie. Bevor sie eintrat, flüsterte Maggie: »Das sind meine Freunde. Also benimm dich, bitte.«

»Aye, aye«, antwortete Tony. »Maggie«, sein Tonfall veränderte sich, »ich danke dir!«

»Gern geschehen.« Maggie schob die Tür auf.

»Maggie!«

»Hallo, Misty!«

Am Empfangstisch wurde Maggie von einer Brünetten umarmt, die deutlich größer war als sie. Maggie verkniff sich gerade noch den sonst üblichen Wangenkuss. Die Dinge waren auch so kompliziert genug.

»Hast du heute Dienst?«

»Nein. Ich wollte nur kurz bei Lindsay vorbeischauen.«

Verschiedene Kolleginnen und Kollegen, die gerade telefonierten oder anderweitig beschäftigt waren, begrüßten Maggie lächelnd und freundlich winkend.

»Sprich doch mit Heidi. Sie war erst vor ein paar Minuten bei ihr. Ich war vollauf mit der Regelung des Besucherverkehrs beschäftigt, wie immer. Ah, da kommt sie ja.«

Maggie drehte sich um und wurde von einer kessen, sympathisch lächelnden Blondine umarmt. »Hey, Maggs. Willst du Lindsay besuchen?«

Maggie nickte, und Heidi fuhrt fort: »Sie hat heute ein paar Stunden gespielt, und jetzt ist sie rechtschaffen müde. Vielleicht schläft sie schon, wenn du auf ihr Zimmer kommst. Sie ist eine Kämpferin und so bezaubernd. Ich würde sie mit zu mir nach Hause nehmen, wenn ich dürfte.«

»Ich würde sie auch gerne nach Hause holen«, stimmte Maggie zu. Tony konnte das Ziehen in ihrem Herzen spüren. »Ich schaue nur kurz herein und setze mich ein paar Minuten zu ihr. Eigentlich bin ich unterwegs in die Neuro.«

Heidi hob die Augenbraue. »Ist da etwas, weswegen ich mir Sorgen machen muss?«, fragte sie.

»Bist du etwa krank?«, fragte Misty.

»Oh nein, aber dort liegt ein … Freund.«

»Ich muss weiter. Es geht hier mal wieder rund«, sagte Heidi und umarmte Maggie wieder. »Viele von uns hier beten für Lindsay, Maggie.«

»Danke«, antwortete Maggie. »Das ist das beste Geschenk, das ihr uns im Moment machen könnt.«

Tony schwieg. Die Emotionen und der fürsorgliche Umgang der Kolleginnen miteinander berührten ihn. Maggie kannte den Weg über den Flur zu Zimmer 9.

»Deine Freundinnen sind lieb«, sagte Tony, »und echt süß.«

»Hah!« Maggie kicherte leise. »Die Leute hier sind einfach super. Aber unterschätze die beiden nicht! Die Ananas-Prinzessin, also Misty, ist der Wachhund der Station. Wenn du versuchst, etwas an ihr vorbeizuschmuggeln, wird sie dir den Kopf abreißen und ihn erst wieder herausrücken, wenn du das Krankenhaus verlässt. Und mit Heidi, der Kammerzofe, solltest du es dir besser auch nicht verscherzen. Sie ist hier als das blonde Dynamit bekannt, denn sobald du Ärger machst, wird sie ziemlich explosiv.« Sie lachte wieder still in sich hinein, ehe sie fortfuhr: »Und komm bloß nicht auf die Idee, meinen Freundinnen nachzustellen, wenn du wieder gesund bist! Ich habe dich gegoogelt. Du hast ja einen wirklich schlechten Ruf, was Frauen angeht.«

Leise öffnete Maggie die Tür zu dem Krankenzimmer. Ein fragil aussehendes Mädchen lag dort im Bett und schlief fest. Ihr kahler Kopf verstärkte noch die Aura kindlicher Schönheit und Unschuld, die es umgab. Sie hielt einen Plüschdinosaurier im Arm. Nach den Stachelschuppen auf seinem Rücken zu urteilen, handelte es sich wohl um einen Stegosaurus. Lindsay lag nur halb unter der Decke. Ein jugendlich schlaksiges Bein baumelte über die Bettkante. Der sanfte und doch auch mühsam klingende Rhythmus von Lindsays Atem erfüllte das Zimmer.

Fast hätte Tony es nicht ertragen können. Viele Jahre waren vergangen, seit er zuletzt ein Zimmer in einer Kinderklinik betreten hatte. Er fühlte, wie er sich innerlich zurückzog, und kämpfte dagegen an. Zusammen mit seinen eigenen Gefühlen bestürmte ihn Maggies tiefe und heftige Zuneigung für diesen Teenager, was Tonys inneren Kampf noch mehr verstärkte. Und Maggie siegte. Er schaute wieder hin, schaute Lindsay an. Er lauschte auf ihren Atem, spürte die Atmosphäre in dem Krankenzimmer, alles so schrecklich vertraut für ihn.

»Es ist nicht fair.« Er flüsterte es leise, obwohl doch nur Maggie ihn hören konnte.

»Das ist wahr«, sagte sie ganz leise, um das schlafende Mädchen nicht aufzuwecken.

Er wollte etwas fragen, zögerte aber, weil er wusste, dass er in einen Interessenkonflikt geraten würde, je mehr er über dieses Mädchen wusste, je mehr persönliche Verbundenheit zu ihr entstand.

»Was sagtest du … welche Krankheit hat sie?«

»AML, akute myeolische Leukämie.«

»Das kann man doch behandeln, oder nicht?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Fast alles lässt sich behandeln. Leider hat sie das Philadelphia-Chromosom.«

»Was ist denn das?«

»Dabei wird ein Teil des einen Chromosoms zum Teil eines anderen. Ich will versuchen, es dir zu erklären: Lindsay schläft hier in Zimmer 9. Am Philadelphia-Chromosom ist das Chromosom 9 beteiligt. Es ist, als würden Möbel aus Zimmer 22, dem Chromosom 22, in Zimmer 9 gestopft und nur ein Teil von Chromosom 9 wird in Zimmer 22 untergebracht. So ist dann letztlich nichts da, wo es hingehört. Und jetzt kommt die Ironie: Hätte Lindsay das Down-Syndrom wie Cabby, stünden ihre Chancen viel besser. Manche Dinge in diesem Leben ergeben einfach keinen Sinn. Je mehr man über sie nachgrübelt, desto weniger Sinn ergeben sie.«

»Und die Prognose?«, fragte er schließlich, obwohl er es eigentlich nicht wirklich wissen wollte. Wissen kann eine große Last sein, aber wenn die Last auf mehr Schultern verteilt wurde, wurde es vielleicht für alle leichter.

»Mit Knochenmarktransplantation, Chemo und so weiter liegt sie bei etwa fünfzig Prozent, aber die Sache mit dem Philadelphia-Chromosom reduziert die Heilungschancen noch einmal beträchtlich. Obendrein ist Lindsays Vater Mischling, was die Suche nach einem geeigneten Knochenmarkspender schwieriger macht, und der Vater selbst ist unauffindbar. Im Moment wird über eine Transplantation von Nabelschnurblut nachgedacht, aber auch dabei gibt es diverse Probleme. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir brauchen ein Wunder.«

Schweigend saßen sie am Krankenbett. Maggie wachte über das Kind, als wäre es ihr eigenes, und betete still, während Tony mit dem Dilemma rang, vor dem er stand. In diesem Krankenhaus gab es viele Lindsays, und jedes dieser Kinder stand im Mittelpunkt der Liebe und Hoffnung einer mitleidenden Familie. War es nicht undenkbar, nur ein einziges von ihnen für die Heilung auszuwählen? War es da nicht besser, wenn er sich selbst heilte? Er hatte Beziehungen und Geld, er konnte eine Menge in der Welt bewirken, vielen Menschen Gutes tun. So viel hatte sich in ihm verändert. Würde Großmutter böse sein, wenn er diese Wahl traf? Sie würde ihn verstehen.

Es war ein Tauziehen. Immer wenn er sich fast entschieden hatte, sich selbst zu heilen, sah er wieder diesen kleinen Menschen, ein ganzes Leben voller möglicher Erfahrungen, das der Krieg, der in Lindsays Körper tobte, auszulöschen drohte. Es stand außer Frage, was er für seinen eigenen Sohn getan hätte, aber … das hier war nicht sein Kind.

»Können wir gehen?«, flüsterte er.

»Ja.« Maggie klang müde und resigniert. Sie stand auf, beugte sich über das Mädchen und legte ihm ihre Hände auf die Stirn. »Lieber Jesus, ich habe nicht die Macht, Lindsay zu heilen, darum bitte ich dich wieder um ein Wunder. Bitte heile sie! Ich vertraue dir, sogar wenn du dich dafür entscheidest, sie zu heilen, indem du sie zu dir nach Hause holst.« Sie wollte Lindsay küssen.

»Nicht!«, warnte Tony. Maggie hielt inne und legte stattdessen ihre Wange leicht wie eine Feder an Lindsays kahlen und wunderschönen Kopf.

Sie verließen die Hämatologie/Onkologie und gingen über die verglaste Fußgängerbrücke, die im neunten Stock die Kinderklinik mit dem Hauptgebäude der OHSU und dem Veteranenhospital verband. Von dort oben sahen sie die spinnwebenartige Struktur der Seilbahn, die täglich Personal, Patienten und Besucher zwischen der OHSU und der Macadam Avenue unten am Fluss hin- und herbeförderte.

Im OHSU-Gebäudekomplex ging Maggie zu den Aufzügen und drückte auf die Abwärtstaste. »Danke, Tony«, murmelte sie, kaum hörbar, aber für ihn klar und deutlich. »Ich musste sie heute einfach sehen.«

»Kein Problem«, antwortete er. »Sie ist wirklich ein Schatz.«

»Du kennst sie ja fast nicht«, flüsterte Maggie. Das stimmte, aber er hatte trotzdem ein Gefühl dafür bekommen.

Sie stiegen im siebten Stock aus dem Aufzug, gingen an der Trauma-Intensivstation vorbei, durch den Wartebereich und bogen nach links in Richtung neurologische Intensivstation ab. Maggie nahm den Hörer der Sprechanlage und informierte die junge Frau, die hinter den verschlossenen Türen an der Anmeldung saß, dass sie Anthony Spencer besuchen wollte. Die Türen öffneten sich.

»Mein Name ist Maggie Saunders.«

»Kennen wir uns nicht?«, lächelte die junge Frau.

»Oh, gut möglich, dass wir uns schon begegnet sind. Ich arbeite drüben im Doernbecher auf der Hämatologie/Onkologie.«

»Ja, das wird es sein.« Sie nickte und schaute auf ihren Computerbildschirm. »Mal sehen. Ja, Sie stehen auf der Liste. Sie sind nicht mit ihm verwandt, richtig?«

»Woran haben Sie das bloß gesehen?« Beide grinsten. »Aber ich bin eine gute Bekannte.« Beinahe wäre ihr herausgerutscht: »Seit er im Koma liegt.« Stattdessen sagte sie: »Sein Bruder hat mich auf die Liste gesetzt.«

»Jacob Spencer?« Maggie nickte, und sie fuhr fort: »Sie wissen, dass immer nur zwei Personen gleichzeitig ins Zimmer dürfen?«

»Natürlich«, antwortete Maggie, »aber ich nehme an, dass die Besucher nicht gerade Schlange stehen, oder?« Das klang ziemlich sarkastisch, aber sie war nervös. Die Dame von der Anmeldung schaute wieder auf ihren Monitor.

»Na ja, Sie sind heute Nummer vier auf der Liste«, sagte sie und lächelte wieder.

»Nummer vier?«, fragte Tony überrascht. »Wer sind denn die anderen?«

»Die anderen sind dann wohl Mitglieder der Familie?«, fragte Maggie.

»Ja, hier auf der Liste stehen noch Jacob Spencer, Loree Spencer und Angela Spencer. Aber im Moment ist niemand von ihnen bei ihm. Er liegt auf Zimmer 7. Sie können jetzt gleich zu ihm, wenn Sie möchten.«

»Danke«, sagte Maggie erleichtert.

»Scheiße!«, stieß Tony hervor. Seine Gedanken überschlugen sich.

»Sei still!«, zischte Maggie leise. »Wir können gleich darüber sprechen.«

Sie betraten ein hell erleuchtetes Zimmer, dessen Mittelpunkt ein Bett bildete. Der Mann, der darin lag, war an eine Vielzahl von Geräten angeschlossen. Das rhythmische Zischen eines Ventilators signalisierte seine künstliche Beatmung. Maggie ging zu dem Bett und stellte sich so, dass Tony sich selbst gut betrachten konnte.

»Ich sehe furchtbar aus!«, rief er.

»Na ja, du bist fast tot«, sagte Maggie, während sie die Werte von den Geräten ablas. »Und wie ich hier sehe, herrscht auch in deinem Oberstübchen nicht mehr allzu viel Aktivität.«

Tony beachtete sie nicht. Seine Gedanken rotierten immer noch. »Ich glaube einfach nicht, dass meine Ex und Angela hier sind!«

»Die Loree auf der Liste, ist das deine Exfrau? Wie lange wart ihr verheiratet? Und wer ist Angela?«

»Ja, Loree ist meine Exfrau. Wohnt an der Ostküste. Unsere Tochter Angela wohnt in ihrer Nähe, wohl vor allem, um möglichst weit von mir weg zu sein. Wie lange wir verheiratet waren? Hm, bei welcher Ehe?«

»Welche Ehe? Ihr wart mehr als einmal verheiratet?« Maggie konnte es nicht glauben und legte die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen. »Wieso hast du mir nie davon erzählt?«

»Na ja«, Tony wusste nicht recht, wie er antworten sollte, ohne eine neue Kette von Fragen auszulösen. »Es stimmt. Ich war in meinem Leben zweimal verheiratet, beide Male mit derselben Frau. Ich schäme mich dafür, wie ich sie behandelt habe, und … deshalb mag ich nicht darüber sprechen.«

»Und Angela? Deine Tochter?«

»Ich war ein schrecklicher Vater. Ein Mann kann physisch im Haus anwesend und doch als Vater völlig abwesend sein. Ihr ganzes Leben war ich häufig abwesend, und wenn ich doch mal da war, dann nicht für sie.«

»Weiß sie es?«

»Wer soll was wissen?«

»Deine Ex. Weiß sie, dass dir das alles leidtut?«

»Glaube ich nicht. Ich habe es ihr nie gesagt. Mir war gar nicht bewusst, was ich angerichtet habe und was für ein Arsch … Na ja, du hast bisher ja nur ein paar meiner schlechten Seiten kennengelernt … aber auch dafür möchte ich mich übrigens bei dir entschuldigen.«

»Tony«, erwiderte Maggie, »ich habe noch keinen Menschen getroffen, der nur schlechte Eigenschaften hatte. Ziemlich schlecht, ja, aber niemals nur schlecht. Jeder war mal Kind, und das gibt mir Hoffnung, für alle Menschen. Sie alle bringen letztlich zum Vorschein, was sie in sich tragen, und für alles, was sie tun, gibt es Gründe, auch wenn sie die oft selbst nicht kennen. Manchmal dauert es, bis man den Grund findet, aber nichts geschieht ohne Grund.«

»Ja, das lerne ich auch gerade«, sagte er. Maggie war so freundlich, nicht weiter nachzuhaken. Für eine Weile blieben sie in dem Zimmer, beobachteten, lauschten, jeder seinen persönlichen Gedanken nachhängend.

Maggie brach das Schweigen. »Dass sie alle da sind, ist also eine Überraschung für dich?«

»Es gibt im Moment für mich ziemlich viele Überraschungen«, stöhnte er. »Magst du etwa Überraschungen?«

»Hey, du solltest dankbar für sie sein. Sie erinnern dich daran, dass du nicht Gott bist.«

»Das ist echt lustig«, erwiderte er. »Erinnert mich an ein Gespräch, das ich hatte … ach, reden wir nicht davon.«

Sie wartete. Er fuhr fort: »Ja, du hast recht. Ich hatte keine Ahnung, dass Jake hier in die Gegend gezogen ist. Als ich zuletzt von ihm hörte, lebte er irgendwo in Colorado. Loree und Angela hassen mich wie die Pest. Dass sie hier sind, ergibt überhaupt keinen Sinn, es sei denn … sie alle glauben, ich sterbe, und wollen sich ihren Erbteil sichern.«

»Du denkst ja echt schlecht von ihnen! Klingt ziemlich paranoid. Könnte es nicht sein, dass sie einfach hier sind, weil du ihnen etwas bedeutest?«

Schweigen. Diese Möglichkeit hatte er gar nicht in Betracht gezogen.

»Tony? Mach dich bloß nicht aus dem Staub und lass mich hier allein!«

Das Gespräch verlief in eine Richtung, an die er während der jüngsten Ereignisse gar nicht mehr gedacht hatte. »Oh, mein Gott!«, rief er.

»Tony, pst!« Er war so laut, dass sie fürchtete, andere könnten ihn möglicherweise doch hören. »Was hast du denn?«

»Mein Testament!« Wäre er in der Lage gewesen, nervös auf und ab zu gehen, er hätte es getan. »Maggie, kurz bevor ich ins Koma fiel, habe ich mein Testament geändert. Ich hatte das total vergessen. Ist mir erst gerade wieder eingefallen. Ich kann es nicht glauben! Was habe ich nur getan?!«

»Langsam, Tony, beruhige dich. Du hast also dein Testament geändert. Was ist so schlimm daran?«

»Oh, Maggie, du verstehst nicht! Ich war so ein Trottel! Ich war paranoid und dachte, alle hätten es auf mich abgesehen. Außerdem hatte ich zu viel getrunken und …«

»Und was?«

»Maggie, verstehe bitte, dass ich total durch den Wind war. Ich war völlig außer mir.«

»Und wo bist du jetzt?« Sie hätte angesichts der Ironie beinahe laut aufgelacht, beherrschte sich aber Tony zuliebe. »Was hast du denn angestellt?«

»Ich habe mein ganzes Vermögen Katzen vererbt!«

»Du hast was?« Maggie konnte nicht glauben, was sie da in ihrem Kopf hörte.

»Katzen! Ich habe ein neues Testament aufgesetzt und alles einer Wohltätigkeitsorganisation vermacht, die sich um Katzen kümmert. Ich habe einfach danach gegoogelt und die erste genommen, die ich fand.«

»Katzen?«, wiederholte Maggie kopfschüttelnd. »Warum Katzen?«

»Dumme Gründe. Ich hatte immer schon eine Affinität zu Katzen. Sie sind glänzende Manipulatoren, und deshalb fühlte ich mich ihnen verwandt. Aber der Hauptgrund war schiere Bosheit. Loree hasst Katzen. So wollte ich allen noch aus dem Grab heraus den Stinkefinger zeigen. Zwar glaubte ich nicht an ein Leben nach dem Tod, aber ich dachte, dass ich dann wenigstens mit einem Gefühl der Befriedigung sterben würde.«

»Tony, ich mag Katzen, aber das ist trotzdem das Dümmste, was ich je gehört habe! Und außerdem ist es auch noch fies und gemein.«

»Ja, das weiß ich inzwischen, glaub mir. Ich bin nicht mehr der, der ich war.« Er stöhnte. »Aber was habe ich nur alles angerichtet!«

»Na gut, Tony …« Maggie widerstand ihrem Instinkt, diesen Menschen zu beschimpfen. »Warum sind wir heute wirklich hier? Doch nicht, weil du einfach dein hübsches Gesicht sehen wolltest, oder?«

Tony war sich nicht mehr sicher, ob er wirklich sich selbst heilen wollte. Eigentlich wollte er diese Fähigkeit gar nicht, entscheiden zu können, welcher Kranke weiterleben durfte. Wer war er, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen, selbst wenn er selbst der Nutznießer sein sollte? Jetzt wurde ihm klar, dass er die Sache nicht genügend durchdacht hatte. Jesus und Großmutter hatten ihm gesagt, dass er jede beliebige Person heilen konnte, aber eben nur eine einzige. Das war eine Gabe, die allmählich anfing, sich wie ein Fluch anzufühlen. Er fühlte sich mit der Entscheidung überfordert, jetzt, wo sie unmittelbar bevorstand. Und wie genau machte man das überhaupt, jemanden heilen? Er hatte vergessen, danach zu fragen. Bilder von den Heilungsshows der Fernsehprediger oder von Jahrmarkt-Schaustellern kamen ihm in den Sinn.

»Tony!«, fragte Maggie nun lauter und drängender.

»Entschuldige, Maggie. Ich versuche, mir über etwas klar zu werden. Würdest du bitte deine Hand auf meine Stirn legen?«

»Auf deine Stirn? Wie wäre es, wenn ich dich einfach küsse und dich dorthin zurückschicke, woher du gekommen bist?«, drohte sie.

»Das habe ich vermutlich nicht anders verdient. Aber würdest du das trotzdem für mich tun?«

Ohne zu zögern, streckte Maggie den Arm aus und legte ihre Hand auf Tonys Stirn. Dann wartete sie.

»Jesus!«, rief er. Er wusste einfach nicht, was er tun sollte. Die Entscheidung schien richtig und naheliegend. Er musste weiterleben. Er hatte ein paar Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, nicht zuletzt sein Testament.

»Ist das ein Gebet oder ein verzweifelter Ausruf?«, fragte Maggie.

»Vermutlich ein bisschen von beidem«, gestand Tony. Er beschloss, das zu tun, was ihm besonders schwerfiel: sich zu öffnen und Maggie einzuweihen. »Maggie, ich stehe vor einem Dilemma, und ich weiß einfach nicht, wie ich mich entscheiden soll.«

»Hm. Na, dann lass mal hören.«

»Maggie, Gott hat mir gesagt, dass ich einen Menschen, einen einzigen Menschen heilen kann, und ich bin hierhergekommen, um mich zu heilen. Aber ich bin nicht sicher, ob das die richtige Entschei…«

»Was?!!« Maggie nahm ruckartig die Hand von Tonys Stirn, als hätte sie ein Insekt gestochen.

»Ich weiß, ich weiß«, begann Tony und suchte nach Worten.

Es klopfte an der Tür. Eine Krankenschwester öffnete sie leise und blickte umher, als erwarte sie, mehr als einen Besucher zu sehen. Maggie war immer noch schockstarr, ihre Hand schwebte über Tonys Kopf, ein Anblick, der gewiss nicht zur Beruhigung der Schwester beitrug.

»Ist alles«, die Schwester hob fragend eine Augenbraue, »… in Ordnung?«

Maggie senkte ihre Hand so ruhig und natürlich wie möglich.

»Aber natürlich!« Maggie lächelte, so gut es ging, und trat einen Schritt vom Bett zurück. »Wir …« Sie räusperte sich. »Ich habe meinen guten Freund hier besucht. Und wahrscheinlich haben Sie mich … hm … für ihn beten hören?«

»Wir sind jetzt ›gute‹ Freunde?« Tony konnte es gar nicht fassen.

Die Schwester ließ noch einmal prüfend den Blick durchs Zimmer schweifen. Als alles in Ordnung schien, lächelte sie, professionell, aber durchaus mitfühlend, und nickte. »Brauchen Sie denn noch lange? Draußen warten noch andere Besucher, und ich würde ihnen gerne sagen, wie lange es dauert.«

»Oh«, seufzte Maggie erleichtert. »Ich bin hier fertig!«

»Nein, sind wir noch nicht!«, widersprach Tony.

»Doch, das sind wir!«, gab Maggie zurück. Dann berichtigte sie sich gegenüber der Krankenschwester. »Ich meine, wir, also Gott und ich … wir haben getan, wozu er mich hergeschickt hat. Außerdem kann man ja überall beten. Wenn also andere warten, dann gehe ich jetzt gerne und komme ein anderes Mal wieder.«

Die Schwester zögerte einen Moment, schien zu überlegen, ob das seine Richtigkeit hatte, aber dann hielt sie Maggie die Tür auf und ließ sie vorbei.

Als Maggie draußen auf dem Flur stand, flüsterte sie zwischen zusammengepressten Zähnen: »Gott, vergib mir bitte. Ich habe gerade gelogen, was das Beten betrifft.«

»Ma’am?« Das war Schwester Adlerohr, und sie ging leise hinter Maggie her, offenbar um alle anderen vor dieser merkwürdigen Frau zu beschützen.

Maggie verdrehte die Augen, wandte sich um und lächelte die Schwester erneut an. »Ich … habe schon wieder gebetet«, flüsterte sie ihr zu. »Die Macht der Gewohnheit. Na, jedenfalls danke für Ihre Hilfe. Ich gehe jetzt.«

Sie steuerte auf den Ausgang der Intensivabteilung zu, wo die Frau von der Anmeldung gerade mit einem Mann und einer Frau sprach. Sie war eine attraktive Frau in einem perfekt sitzenden Anzug, während er das übliche Outfit des Nordwestens trug: Jeans, Fleecepulli und eine Windjacke, die er sich über den Arm gehängt hatte. Maggie selbst war offenbar der Gegenstand des Gesprächs, denn sie deuteten in ihre Richtung.

»Das gibt’s doch nicht!«, stöhnte Tony äußerst besorgt. »Das ist Loree, und Jake ist bei ihr. Ich habe die beiden seit Jahren nicht gesehen. Was sollen wir jetzt tun?«

»Maggie? Sind Sie Maggie?« Jake kam zu ihr und umarmte sie herzlich. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Er lächelte.

Es war ein authentisches, sympathisches Lächeln, und Maggie reagierte erfreut. »Jake, schön Sie zu treffen.« Sie wandte sich der beeindruckend schönen Frau zu, die sich zu ihnen gesellt hatte. »Und Sie müssen Loree sein. Ich muss sagen … wüsste Tony, dass Sie ihn besuchen kommen, wäre das eine große … eine wundervolle Überraschung für ihn.«

»Oh nein«, ächzte Tony.

Loree nahm Maggies Hand in ihre beiden Hände und schüttelte sie sanft, offenbar voll Dankbarkeit.

Maggie fand die beiden auf Anhieb sympathisch, das spürte Tony deutlich. »Das ist mein Untergang«, grummelte er. Maggie ignorierte ihn.

»Damit, dass es eine große Überraschung wäre, haben Sie wohl recht«, sagte Loree und lachte. Maggie fand sie lebhaft, mit einer angenehmen Ausstrahlung. »In den letzten Jahren haben wir ausschließlich über unsere Anwälte kommuniziert, was zumindest bewirkte, dass der Dialog in zivilisierten Bahnen verlief. Bestimmt hat er Ihnen einige Horrorgeschichten über mich erzählt.«

»Nein, das hat er nicht«, sagte Maggie. »Er spricht wenig über seine Familie oder persönliche Dinge.« Sie bemerkte, wie Jake den Blick senkte, und fügte rasch hinzu: »Ich weiß, dass er in letzter Zeit damit begonnen hatte, sich zu ändern. Er erzählte mir, was für ein schrecklicher Mensch er früher gewesen war. Dass er alle, die ihn mochten, von sich gestoßen hat, und wie schlecht er die Leute behandelte …«

»Okay«, flötete Tony dazwischen, »ich glaube, du musst nicht noch mehr ins Detail gehen …«

Maggie fuhr fort: »Wenn ich darüber nachdenke, kann ich mir durchaus vorstellen, dass der Gehirntumor wenigstens zum Teil für dieses dumme, unmögliche Verhalten verantwortlich war. Ich bin Krankenschwester von Beruf und verstehe ein wenig davon. So ein Tumor kann sonderbare Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung eines Menschen haben.«

Loree lächelte, aber mit einem traurigen Zug um die Augen. »Wenn das zuträfe, dann müsste er diesen Tumor schon viele Jahre gehabt haben. Nein, ich glaube, das Ganze hatte viel mehr mit Gabriels Tod zu tun.«

»Gabriel?«, fragte Maggie.

Für einen Moment huschten Verwirrung und Sorge über Lorees Gesicht, gefolgt von einem Schatten der Resignation. »Oh, Tony hat Ihnen nichts von Gabe erzählt. Das sollte mich eigentlich nicht überraschen. Dieses Thema war stets tabu.«

»Das tut mir leid.« Maggie legte sanft die Hand auf Lorees Arm. »Nein, ich weiß nichts über ihn, und wenn es etwas Persönliches ist, habe ich volles Verständnis, wenn Sie es lieber für sich behalten möchten.«

»Nein, Sie können es ruhig wissen. Es war die schwerste Zeit meines, unseres Lebens. Mit der Zeit ist es für mich zu etwas Kostbarem geworden, einer wertvollen Erfahrung, aber ich glaube, für Tony war es ein Abgrund, aus dem er nie wieder herausfand.«

Eine einzelne Träne lief ihr über die Wange. Sie wischte sie rasch weg. »Gabe war unser erstes Kind, und er war das Licht in Tonys Leben. Gabe klagte über Magenschmerzen und musste sich übergeben. Deshalb gingen wir am Tag nach seinem fünften Geburtstag mit ihm zum Arzt. Er ließ Gabe röntgen, und dabei wurden Tumore in seiner Leber entdeckt. Es stellte sich heraus, dass es sich um das Hepatoblastom handelte, eine seltene Form von Leberkrebs. Es hatten sich bereits Metastasen gebildet, sodass die Ärzte nicht mehr viel für ihn tun konnten. Uns blieb nur, zu warten und zuzusehen, wie die Krankheit ihn aufzehrte. Es war furchtbar, aber als Krankenschwester wissen Sie ja, wie das ist.«

»Allerdings.« Maggie nahm sie in den Arm. »Ich arbeite in der pediatrischen Onkologie. Ich fühle mit Ihnen.«

Loree rang einen Moment um Fassung und wischte sich mit einem Papiertaschentuch die Tränen ab. »Ich glaube, Tony gab sich die Schuld, so verrückt das rückblickend erscheinen mag. Dann gab er mir die Schuld. Gabriel war mit Untergewicht geboren worden, was als möglicher Risikofaktor gilt, und das hielt er irgendwie für meine Schuld. Dann gab er den Ärzten die Schuld, und dann natürlich Gott. So ging es mir auch eine Zeit lang. Ich gab Gott die Schuld. Aber ich entdeckte, dass es dann, wenn du Gott die Schuld gibst, niemanden mehr gibt, dem du vertrauen kannst. Und so konnte ich nicht leben.«

»Oh ja.« Maggie nickte voller Verständnis. »Das habe ich auch herausgefunden. Du kannst nur jemandem vertrauen, von dem du glaubst, dass er dich liebt.«

Loree holte tief Luft. »Tony und ich hatten eine scheußliche Scheidung. Ehrlich gesagt, waren es sogar zwei. Aber trotz allem erinnere ich mich noch an den Mann, in den ich mich damals verliebte. Und deshalb sind Angela und ich sofort hergeflogen. Für sie ist es wirklich schwer, das können Sie sich bestimmt vorstellen.«

»Angela?«

»Ja. Ihr letztes Gespräch mit ihrem Vater war sehr hässlich und lautstark, und zum Abschluss sagte sie ihm, sie wünschte, er wäre tot. Das war ein Telefonat kurz vor seiner letzten Geschäftsreise in den Osten, unmittelbar vor seinem Zusammenbruch. Sie sitzt draußen im Wartezimmer. Als wir hier herauffuhren, wurde ihr plötzlich klar, dass sie es noch nicht schafft, ihn zu besuchen. Vielleicht später.«

»Das tut mir so leid«, sagte Maggie mitfühlend. »Wenn ich irgendetwas tun kann, lassen Sie es mich bitte wissen.« Sie wandte sich Jake zu, der schweigend dabeigestanden und zugehört hatte. Maggie merkte ihm an, dass sich unter seinem von einem schweren Leben gegerbten Äußeren ein sanftes Herz verbarg. »Jake, Sie haben meine Telefonnummer, richtig?«

»Leider nicht. Aber es wäre gut, sie zu bekommen.« Rasch tauschten sie ihre Nummern und Adressen aus. »Ich wohne im Moment in einem Resozialisierungszentrum, bis ich wieder sicher auf eigenen Füßen stehe. Bin seit ein paar Monaten dort, aber ich habe jetzt eine feste Arbeit und werde bald in meine eigene Wohnung ziehen. Loree hat mir ein Handy besorgt, damit ich besser erreichbar bin.«

»Danke, Jake. Ich weiß nicht viel über das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Bruder, aber ich weiß genug, um sicher zu sein, dass Sie ihm wirklich etwas bedeuten.«

Da lächelte er strahlend. »Danke, dass Sie mir das sagen, Maggie. Das ist sehr wichtig für mich. Tony war der Sieger, ich der Verlierer, und für eine Weile wurde die Distanz zwischen uns immer größer. Der Weg zurück in ein halbwegs normales Leben war lang und hart für mich, und ich wünschte …« Seine Augen wurden feucht. Er versuchte sichtlich, gegen die Tränen anzukämpfen, doch dann begannen sie doch zu fließen. »Ich wünschte, er könnte noch erfahren, wie sehr ich an mir gearbeitet habe. Ich glaube, er wäre stolz auf mich, wenigstens ein bisschen.« Er wischte sich mit der Windjacke die Tränen weg. »Entschuldigung.« Er grinste verlegen. »Passiert mir oft in letzter Zeit. Aber ich glaube, es ist ein Zeichen der Heilung.«

Maggie umarmte auch ihn, wobei ihr der Duft von Nikotin und billigem Kölnischwasser in die Nase stieg. Aber das war egal. Dieser Mann hatte Substanz.

»Maggie?«, fragte Jake. »Ich möchte Sie etwas fragen. Wir haben mit den Ärzten hier gesprochen. Wissen Sie, ob Tony eine Patientenverfügung unterzeichnet hat, die es ermöglicht, auf Wiederbelebungsmaßnahmen zu verzichten? Sie haben uns gesagt, dass bei ihnen nichts dergleichen registriert ist. Daher fragen wir uns, ob die Verfügung vielleicht in seinem Büro oder bei ihm zu Hause liegen könnte.«

»Das weiß ich leider nicht.« Rasch fügte sie hinzu: »Aber vielleicht kann ich es für Sie herausfinden. Es ist auch möglich, dass er für diesen Fall einem Anwalt entsprechende Vollmachten erteilt hat. Ich erkundige mich und geben Ihnen sofort Bescheid, okay?«

»Da wären wir Ihnen wirklich sehr dankbar. Die Ärzte haben uns gesagt, dass es gar nicht gut aussieht.«

»Am besten, Sie beide gehen jetzt zu ihm. Wir können alle noch für ein Wunder beten, bis eine endgültige Entscheidung getroffen werden muss.«

Loree und Jake bedankten sich bei ihr und gingen zu Tonys Zimmer.

»Gibt es etwas, was du sagen möchtest?«, fragte Maggie leise, aber schroff.

»Nein.« Tonys Stimme klang rau und brüchig. Da wurde ihr Herz ihm gegenüber weicher. Sie gingen hinaus und in das Wartezimmer. Maggie blieb stehen und ließ den Blick über die Besucher schweifen, die sich entweder unterhielten oder in Zeitschriften blätterten.

»Da ist sie«, sagte Tony sehr bedrückt. »Die schöne Brünette, die dort in der Ecke gerade eine SMS schreibt. Ich habe immer wieder vorgehabt, mich mit ihr zu versöhnen, aber wenn eine Gelegenheit für eine Aussprache zwischen uns gewesen wäre, war ich meistens zu betrunken und setzte es nie in die Tat um. Jetzt weiß ich nicht, was ich sagen soll …« Seine Stimme drohte zu brechen. »… was ich überhaupt noch zu ihr sagen soll.«

»Dann, Tony, sei jetzt einfach still und höre gut zu.«

Maggie ging zu der blühend schönen jungen Frau, die heftig in ihr Handy tippte. Sie hatte rotgeweinte Augen, und jetzt blickte sie auf, neigte den Kopf zur Seite. »Ja?«

»Hallo, mein Name ist Maggie Saunders. Ich arbeite als Krankenschwester hier in der OHSU. Sie sind Angela Spencer, nicht wahr?«

Die junge Frau nickte. »Also, Ms. Spencer, ich arbeite nicht nur hier, ich kenne Ihren Vater auch persönlich.«

»Ah!« Angela setzte sich auf und ließ das Handy in ihre Handtasche fallen. »Wie kommt es, dass Sie ihn kennen?«

Maggie überlegte fieberhaft, wie sie es ihr erklären sollte. »Wir sind uns in der Kirche begegnet.«

»Moment!« Angela war sichtlich überrascht. »Mein Vater? In der Kirche? Sind Sie sicher, dass wir von dem gleichen Mann sprechen?«

»Ja. Anthony Spencer ist doch Ihr Vater, oder nicht?«

Angela betrachtete Maggie prüfend. »Ja – aber Sie scheinen mir überhaupt nicht sein Typ zu sein.«

Maggie lachte. »Sie meinen: Ich bin nicht schlank, klein und fügsam.«

Angela erwiderte das Lachen. »Nein, entschuldigen Sie, ich meinte nur … es überrascht mich ganz einfach.«

Maggie kicherte leise und setzte sich neben Angela. »Nur damit Sie es wissen: Ihr Vater und ich sind kein Paar, sondern einfach so befreundet, und wir haben uns vor Kurzem in einer Kirche kennengelernt.«

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass mein Vater sich in eine Kirche verirrt haben soll. Er ist gar nicht gut auf die Religion zu sprechen, wissen Sie.«

»Vielleicht sind wir ja deswegen ins Gespräch gekommen. Ich habe ähnliche Probleme. Die Religion hat ihren Wert und Sinn, aber manchmal verliert man das zwischen all den Zwängen des Alltags aus den Augen.«

»Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen«, sagte Angela.

»Ms. Spencer«, begann Maggie.

»Bitte, nennen Sie mich Angela.« Sie lächelte.

»Und ich bin Maggie.« Sie schüttelten sich die Hand wie bei einer förmlichen Vorstellung. »Also, Angela, ich habe mit deiner Mutter gesprochen, und sie sagte mir, dass du und dein Vater euch zerstritten habt.«

Angela senkte den Blick, kämpfte sichtlich mit ihren Gefühlen. Dann schaute sie Maggie wieder in die Augen. »Hat sie dir erzählt, was ich ihm bei unserem letzten Telefonat gesagt habe? Ich habe ihn angeschrien. Ich habe ihm gesagt, dass ich wünschte, er wäre tot. Und ein paar Tage später erfahren wir, dass er im Koma liegt und vielleicht sterben wird. Und jetzt kann ich ihm nicht sagen, wie leid es mir tut und …«

Maggie legte ihr die Hand auf die Schulter und reichte ihr ein Papiertaschentuch, das sie aus ihrer Handtasche geholt hatte. Angela nahm es dankbar. »Jetzt hör mir gut zu, Angela: Du bist nicht schuld. Ich möchte, dass du dir das wirklich klarmachst. Für jeden kommt irgendwann die Zeit. Darüber haben wir keine Kontrolle. Du kannst es ihm immer noch sagen.«

Angela blickte wieder auf. »Wie meinst du das?«

»Ich bin Krankenschwester und habe schon viel erlebt. Ich weiß, dass Menschen oft sogar im Koma hören können, was um sie herum vorgeht. Du kannst ihm auch jetzt sagen, was du ihm gerne sagen möchtest, und ich glaube, er wird dich hören.«

»Das glaubst du wirklich?« Hoffnung schimmerte in Angelas Augen.

»Oh ja«, sagte Maggie nachdrücklich. »Und wenn du möchtest, dass dort an seinem Bett jemand bei dir ist – ich habe Jake meine Telefonnummer gegeben. Ruf mich an, dann begleite ich dich, und zwar jederzeit, am Tag oder in der Nacht.«

»Danke, Maggie.« Angela ließ ihren Tränen freien Lauf. »Ich bin so dankbar, dass du hier bist, obwohl wir uns kaum kennen! Es tut so gut, dass du mir das gesagt hast. Ich hatte solche Angst, dass …«

Maggie nahm Angela in die Arme, und in Maggie weinte Tony, das Gesicht gegen das Fenster des Lichts gepresst, durch das er sehen, aber nicht gesehen werden konnte. Mit den Händen versuchte er, seine weinende Tochter zu erreichen, die nah und doch so fern für ihn war. Er weinte wegen all der vielen Verluste, wegen all des Schadens, den er angerichtet hatte. Seine Reue war eine gewaltige Bürde, aber er nahm sie an, stellte sich ihr.

»Vergib mir.« Seine Stimme versagte, er brachte die Worte nur mit großer Anstrengung heraus. Und dann war er verschwunden.