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WAS IST DIE SEELE EINES MENSCHEN?

»Ich habe die Bibel oft aufgeschlagen,
immer wieder versucht, sie richtig zu lesen.
Doch über ihren Sinn kann ich nur sagen:
Nichts als brennendes Licht ist sie mir gewesen.«

Blind Willie McTell

Verzweifelt versuchte Tony, das Bilder-Wirrwarr zu verarbeiten, aber er fühlte sich gefangen in einer emotionalen Achterbahnfahrt auf einem kosmischen Jahrmarkt.

Die Frau beugte sich vor und schaute ihn an, nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. »Cabby, du musst mir versprechen, nicht Verstecken zu spielen, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Besonders wenn wir Lindsay im Krankenhaus besuchen, okay?«

Sie klang streng, aber liebevoll, und Tony merkte, wie er mit Cabby nickte, wer immer das war. Kurz darauf glitt er durch Klinikflure, in einen Aufzug und dann zu einem Parkhaus, wo sie in einen verbeulten alten Chevy Caprice stiegen.

»Arme-Leute-Auto«, dachte Tony, und auf sein abfälliges Urteil folgte ein Anflug von schlechtem Gewissen. Es war eine Gewohnheit, die er nicht so schnell würde ablegen können.

Als sie einen Hügel hinabfuhren, erkannte Tony endlich, wo er sich befand – auf der sich windenden Straße in dem Wald zwischen der OHSU, der Oregon Health Sciences University, und der City. Es war fast, als würde diese Frau zu seiner Eigentumswohnung fahren. Doch auf der Macadam fuhren sie an den Häusern vorbei, die ihm gehörten. Auf der Sellwood Bridge überquerten sie den Willamette. Dann ging es weiter zum McLoughlin Boulevard und in die Seitenstraßen bei der Milwaukie High School.

Inzwischen hatte Tony sich zusammengereimt, dass er sich »drinnen« im Kopf einer anderen Person befand. Diese Person hieß Cabby, und es handelte sich vermutlich um den Sohn der Frau, die das Auto steuerte.

Er war sich nicht sicher, wer ihn hören konnte, wenn er etwas sagte, also flüsterte er leise: »Cabby?«

Der Kopf machte eine ruckartige Bewegung. »Was?«

»Ich hab nichts gesagt, Liebling«, sagte die Frau hinter dem Lenkrad. »Wir sind gleich zu Hause. Maggie-Kumpel macht heute das Abendessen. Und ich habe Kräuterlimonade und Nille zum Nachtisch für dich. Gefällt dir das?«

»Cool!«

»Danach ist es Zeit für’s Bett, okay? Es war ein langer Tag, und morgen muss ich wieder zu Lindsay ins Krankenhaus.«

»Cool. Cabby will mitkommen.«

»Morgen nicht, mein Liebling. Du hast morgen Schule, und nachmittags nimmt dich Maggie mit in die Kirche. Gefällt dir das? Zur Kirche gehen und Freunde treffen?«

»Cool.«

Jetzt wusste Tony also, dass er sich im Kopf eines Jungen befand, der nicht gerade ein Kommunikationsgenie war. Und obwohl er nun die Welt durch Cabbys Augen sah, fühlte es sich eher an, als blicke er durch ein Fenster. Es war ein eigenartiges Gefühl, den eigenen visuellen Fokus aufrechtzuerhalten, solange Cabby die Augen geöffnet hatte, aber unabhängig davon, was der Junge gerade anschaute. An die kurze Dunkelheit, wenn Cabbys Augenlider zwinkerten, hatte Tony sich bereits gewöhnt und bemerkte sie kaum noch.

Tony versuchte, im Rückspiegel einen kurzen Blick auf Cabbys Gesicht zu erhaschen, aber der Spiegel lag nicht weit genug in dessen Sichtfeld.

»Cabby, wie alt bist du?«, fragte Tony.

»Cabby ist sechzehn«, antwortete er sofort und blickte suchend umher, um festzustellen, woher die Stimme kam.

»Ja, das bist du, Cabby. Sechzehn. Du bist mein großer Junge. Wer liebt dich, Cabby?«, kamen die leisen Worte vom Fahrersitz, Worte, die angenehm und beruhigend klangen. Tony konnte spüren, wie Cabby sich entspannte.

»Mami!«

»So ist es! Und sie wird dich immer lieben, Cabby. Mami wird dich immer lieben. Du bist mein Sonnenschein!«

Er nickte und blickte weiter auf dem Rücksitz umher, um herauszufinden, wer sich dort versteckte und mit ihm sprach.

Das Auto hielt vor einem bescheidenen Vier-Zimmer-Haus in einer bescheidenen Wohngegend. Eine etwas neuere Limousine mit einer ziemlich großen Beule hinten auf der Fahrerseite parkte an der Straße. Sie betraten das Haus durch eine kleine Diele, wo Cabby die Routine offensichtlich gut kannte. Er hängte seine Jacke an einen der zahlreichen Haken. Dann zog er seine hohen Schuhe aus und stellte sie ordentlich an ihren Platz, wobei er ein anderes Schuhpaar sorgfältig zurechtrückte. Er folgte seiner Mutter in die Küche, wo eine andere Frau sich über einen dampfenden Kochtopf beugte, dem wundervolle Düfte entströmten.

»Maggie-Kumpel!«, rief Cabby und fiel ihr um den Hals. Sie war eine stattliche, gut aussehende Schwarze mit einer Küchenschürze über ihrem Schwesternkittel.

»Na, wer ist denn dieser hübsche junge Mann?«, strahlte sie und betrachtete ihn auf Armeslänge.

»Cabby!«, verkündete er, und Tony konnte die ungebremste Zuneigung spüren, die der Junge für sie empfand. Er sah nicht nur durch Cabbys Augen, er konnte auch die Emotionen spüren, die die Innenwelt des Jungen durchströmten. Seine Seele, alles in ihm, war erfüllt von tiefem Vertrauen gegenüber dieser Frau.

»Na, wenn das nicht Cabby ist, mein herzallerliebster Carsten Oliver Perkins! Wie wär’s mit einem Super-Knuddeln für deine Maggie?«

Sie drückten einander heftig. Cabby warf den Kopf zurück und lachte. »Hunger!«, rief er.

»Das kann ich mir denken – nach so einem Tag voll harter Arbeit. Wie wär’s, wenn du dich wäschst, während ich dir einen Teller mit deiner Lieblings-Pilz-und-Erbsen-Resteverwertungs-Nudelsuppe auftue?«

»Cool!« Cabby stürzte ins Badezimmer, wo er die Seife nahm und den Wasserhahn aufdrehte. Tony schaute in den Spiegel, und zum ersten Mal sah er den jungen Mann, in dessen Bewusstsein er eingedrungen war. Ein Blick genügte, und Tony erkannte, dass es sich um einen Jungen mit Down-Syndrom handelte. Das erklärte seine zurückgebliebene Art der Kommunikation und sein Verhalten gegenüber den Menschen in seiner Umgebung. Cabby beugte sich vor und lächelte Tony an, als könnte er ihn sehen. Es war ein wunderschönes Lächeln, das diesen Jungen innen und außen aufleuchten ließ.

Tony hatte noch nie nähere Bekanntschaft mit einem »Behinderten« gemacht. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob diese Bezeichnung heute noch gebräuchlich war. Vielleicht sprach man inzwischen von »mentaler Beeinträchtigung« oder dergleichen. Tonys Ansichten zu nicht geschäftlichen Themen beruhten zumeist nicht auf Beweisen oder eigenen Erfahrungen, aber er war sich ihrer dennoch sicher. Personen wie Cabby stellten eine unproduktive Belastung für die Gesellschaft dar. Sie waren bestenfalls für ihre Familien von Wichtigkeit. Er glaubte, dass man sie nur aus linksliberaler Sentimentalität heraus tolerierte, nicht weil solche Menschen einen Wert an sich hatten. Tony erinnerte sich nur zu gut, dass er bei Cocktailpartys solche Meinungen ohne die geringsten Gewissensbisse herausposaunt hatte. Es ist so einfach, Menschen in Schubladen einzusortieren, sie als »behindert« oder »schwachsinnig« zu klassifizieren und dann Urteile über die Gruppe insgesamt zu fällen. Er fragte sich, ob das nicht der Kern aller Vorurteile war. Es war viel leichter, als sie als individuelle Menschen zu sehen, die geliebt wurden und liebten.

Die drei setzten sich an den kleinen Tisch und hielten sich bei der Hand. Molly schaute Cabby an.

»Cabby, wem sind wir heute dankbar?«

Nun folgte eine Aufzählung von Menschen, die, ob sie es wussten oder nicht, einen Platz in den dankbaren Herzen dieser drei gefunden hatten. Dazu gehörten sie selbst gegenseitig, Jesus, Lindsay, die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus, der Bauer, der das Gemüse angebaut hatte, das sich nun in der Suppe befand, die Leute, die die Kühe gemolken hatten für Butter, Milch und, vor allem, Eiscreme, Ted, Freunde in der Schule, Leute, die Kräuterlimonade herstellten, und noch etliche andere, die daran mitwirkten, Gottes Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Tony musste beinahe lachen, als Cabby während der Dankzeremonie ein Stück Brot stibitzte.

Während der Mahlzeit hörte er zu und erlebte ihre Gemeinschaft. Während Cabby aß, konnte Tony die Aromen der Suppe und des frischen Brotes deutlich spüren, und wie wohlig dem Jungen dabei zumute war, vor allem beim Verspeisen von »Nille« (Vanilleeis) und dem Genuss der Kräuterlimonade. Indem er durch Cabbys Augen die unausgesprochenen oder unvollständigen Sätze wahrnahm, die Maggie und die Mami, Molly, wechselten, erfuhr er, dass Lindsay Cabbys jüngere Schwester war und schwerkrank in der Doernbecher-Klinik lag, einem der beiden Kinderkrankenhäuser auf dem OHSU-Campus. Molly hatte bereits mit ihrem Arbeitgeber abgeklärt, dass sie sich morgen freinehmen würde, und Maggie, die dieses Haus gemeinsam mit ihr und ihren Kindern bewohnte, würde sich um Cabby kümmern, ihn von der Schule abholen und ihn wahrscheinlich am späten Nachmittag mit zur Kirche nehmen.

Als Cabby vor dem Zubettgehen pinkeln ging, schaute Tony peinlich berührt weg, aber er spürte die wohltuende Erleichterung dieser alltäglichen Verrichtung, die er sein Leben lang für selbstverständlich gehalten hatte. Diese kleinen Dinge, aus denen sich der Alltag zusammensetzt, finden wenig Beachtung und sind doch so wesentlich. Cabby zog seinen Spiderman-Schlafanzug an, putzte sich die Zähne und legte sich ins Bett.

»Fertig!«, rief er, und ein paar Augenblicke später kam Molly in sein Zimmer, schaltete die Nachttischlampe im Marienkäfer-Design ein und die Deckenlampe aus. Sie setzte sich zu ihm aufs Bett, und für einen Moment beugte sie sich vor, stützte das Gesicht in die Hände. Tony konnte spüren, wie Cabby sich ihr emotional zuwandte, ihr etwas mitteilen wollte. Das Beste, was er tun konnte, war, sie zu berühren. Er klopfte ihr sanft auf den Rücken.

»Okay, Mami! Okay?«

Sie holte tief Luft. »Ja, Cabby, ich bin okay. Ich habe dich und Lindsay und Maggie und Jesus. Aber es war ein langer Tag, und Mami ist müde, weiter nichts.«

Und dann beugte sie sich zur Seite und legte ihren Kopf auf Cabbys Brust. Leise sang sie etwas, was Tony nicht mehr gehört hatte seit … wann? Seit er ein kleiner Junge gewesen war. Doch nun sang diese Frau das Lied, das seine Mutter ihm oft vorgesungen hatte, und plötzlich überkam ihn eine tiefe Traurigkeit. Er fühlte, wie ihm Tränen übers Gesicht liefen, während diese Mutter sang: »Jesus loves me, this I know. Jesus liebt mich, das weiß ich.«

Cabby sang, stockend und monoton: »JE-SSUS LOV MME.« Tony versuchte zu singen, aber die Worte fielen ihm nicht ein. Ein emotionaler Sturzbach aus sehnsuchtsvollen Erinnerungen überflutete ihn.

»Cabby, Liebling, warum weinst du denn?« Molly wischte ihrem Sohn Tränen aus dem Gesicht.

»Traurig!« Cabby klopfte mit den Fingern auf sein Herz. »Traurig!«

Tony erwachte mit Tränen in den Augen. Er setzte sich auf und atmete tief durch. Großmutter klopfte ihm auf die Brust, um ihn aufzuwecken. Dann gab sie ihm eine Tasse mit einem Getränk, das wie Kaffee aussah, aber wie Tee roch.

»Hier, putz dir die Nase!«, wies sie ihn an und reichte ihm ein sauberes Tuch. »Wir sollten dir einen guten indianischen Namen geben: Weint-Viel.«

»Meinetwegen.« Mehr darauf zu sagen fiel ihm nicht ein. Die unerwarteten Gefühle hatten ihn noch im Griff, schwanden nur allmählich.

Schließlich hatte er seinen Verstand wieder genügend beisammen, um zu fragen: »Wie konnte denn das alles geschehen?«

Sie grinste. »Quantenfeuer – das ist ein ziemlich machtvolles Zeugs. Man muss sich mal klarmachen, wer diese Frage stellt. Ein Typ, der in Portland, Oregon, im Koma liegt, fragt eine Lakota-Frau in seiner eigenen Seele, wie es passieren konnte, dass er vorübergehend hinter den Augen eines ganz besonderen Jungen in Portland, Oregon, landete. Mir scheint« – sie kicherte – »das ist alles selbsterklärend.«

»Natürlich ist es das.« Jetzt war es Tony, der grinsen musste. Aber dann wurde er wieder ernst. »Dann geschieht das alles wirklich? Lindsay ist wirklich krank, und Cabby, seine Mutter und Maggie existieren ganz real?«

»Jawohl. Passiert alles in der Realzeit«, antwortete Großmutter.

»Und das hier ist nicht die Realzeit?«, fragte Tony.

»Eine andere Realzeit. Eine Zwischenzeit«, antwortete sie einsilbig. »Frag nicht, trink das hier.«

Er trank, vorsichtig zunächst, doch seine Furcht, es könnte sich um eine übel schmeckende Arznei handeln, erwies sich als unbegründet. Die Aromen des Getränks breiteten sich wärmend in seiner Brust aus. Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit durchströmte ihn.

»Auch das werde ich nicht beantworten«, kam sie seiner Frage zuvor. »Vertraue mir. Du würdest es nicht wirklich wissen wollen. Und erzähl mir nicht, dass ich einen Haufen Geld verdienen könnte, wenn ich dieses Getränk verkaufe.«

Er warf ihr einen schiefen Blick zu, verfolgte die Sache aber nicht weiter. Stattdessen fragte er: »Warum war ich denn dort und warum bin ich jetzt wieder hier?«

»Es gibt eine Menge Gründe dafür, dass du hier bist«, begann sie. »Papa tut niemals etwas aus nur einem Grund, und die meisten seiner Gründe wirst du niemals verstehen oder erkennen können. Das ist alles Teil des Schöpfungsgewebes.«

»Kannst du mir wenigstens einen dieser Gründe nennen?«

»Ein Grund, mein Liebling, war, dass du hören konntest, wie deine Mutter dir etwas vorsingt. Allein das war schon Grund genug.« Sie legte einen neuen Scheit ins Feuer und schob das Holz etwas hin und her, bis sie zufrieden war. Ihre Antwort setzte Tony zu, und die Gefühle überwältigten ihn wieder so stark, dass er für eine Weile keinen Ton herausbrachte.

»Ich muss zugeben«, sagte er schließlich, »dass es ein guter Grund war, allerdings sehr schmerzhaft.«

»Gern geschehen, Anthony.«

Eine Zeit lang schwiegen sie. Tony blickte ins Feuer. Großmutter rückte mit ihrem Stuhl näher heran, bis sie Tony schließlich berührte.

»Und warum bin ich jetzt hier und nicht dort?«

»Cabby schläft, und er möchte nicht, dass du in seine Träume hineinschaust«, sagte sie, als wäre das eine perfekt logische Erklärung.

»Er möchte es nicht?« Tony schaute Großmutter an. »Was meinst du damit? Wusste er denn, dass ich da war?«

»Sein Geist wusste es.«

Tony sagte nichts, hatte aber die Brauen gehoben, an die Frage denkend, von der er wusste, dass sie wusste, dass er sie stellen würde.

»Der Versuch, ein menschliches Wesen zu erklären«, sagte sie, »ein Wesen, das eine Einheit ist und sich doch aus Geist, Seele und Körper zusammensetzt, ist, als wollte man Gott erklären: Geist, Vater und Sohn. Verstehen kann man es nur durch Erfahrung und Beziehung.«

Er wartete und wusste nicht einmal, wie er die nächsten Fragen formulieren sollte.

Sie fuhr fort: »Cabby ist, wie du, ein Geist, der eine Seele durchdringt, die einen Körper durchdringt. Aber es ist nicht einfach eine Durchdringung. Es ist ein Tanz, ein gemeinschaftliches Zusammenwirken.«

»Danke.« Er lehnte sich zurück und nahm noch einen Schluck von dem Getränk, ließ es langsam die Kehle hinuntergleiten, um die wohltuende Wirkung zu genießen. »Wirklich hilfreich, Großmutter.«

»Auch Sarkasmus hat seinen Ursprung in Gott. Kleiner Hinweis am Rande!«

Tony lächelte. Großmutter verzog keine Miene. Offenkundig wollte sie ihn beeindrucken, und das gelang ihr auch. »Okay, probieren wir es noch einmal. Du sagst, er möchte es nicht?«

»Anthony, wie bei dir ist auch Cabbys Körper beschädigt und seine Seele schwer belastet, aber dennoch ist sein Geist lebendig und wohlauf. Doch obwohl er lebendig und wohlauf ist, steht Cabbys Geist in Beziehung zu den geschädigten und belasteten Teilen seiner Person, seiner Seele und seines Körpers. Solche Dinge kann man mit Worten manchmal nur sehr unzureichend kommunizieren. Wenn ich von ›seinem Körper‹ oder ›seiner Seele‹ oder ›seinem Geist‹ spreche, klingt das, als handele es sich dabei um Einzelteile, die euch gehören. Viel besser ist es, wenn du dir vorstellst, dass du dein Körper ›bist‹, deine Seele ›bist‹, dein Geist ›bist‹. Du bist ein durchdrungenes und durchdringendes Ganzes, eine Einheit in Vielfalt, aber vom Wesen her ein Einssein.«

»So richtig schlau werde ich aus alledem nicht. Ich glaube dir, aber ich habe im Grunde keine Ahnung, was ich da eigentlich glaube. Ich spüre das, was du sagst, mehr, als dass ich es begreife.« Nach einer kurzen Pause fügte Tony hinzu: »Er tut mir einfach nur leid.«

»Cabby? Das Gleiche hat er über dich gesagt.«

Tony war überrascht.

»Ja. Aber du brauchst ihn nicht zu bemitleiden. Seine Beschädigung ist lediglich offensichtlicher als deine. Er trägt sie außen, für alle sofort erkennbar, während du deine vor der Welt verborgen hast, so gut es ging. Cabbys Sensibilität und Einfühlungsvermögen sind viel höher entwickelt als bei dir. Er kann Dinge sehen, für die du blind bist, kann das Gute in anderen Menschen, aber auch mögliche Gefahren, die von ihnen ausgehen, schneller erkennen als du. Seine Wahrnehmung ist viel schärfer. Sie ist nur in einem Körper und einer Seele eingeschlossen, deren kommunikative Fähigkeiten stark eingeschränkt sind und in deren Beschädigung und Behinderung sich eine beschädigte Welt widerspiegelt.

Aber du solltest aufhören, dich mit anderen zu vergleichen und dich schlecht zu fühlen«, fuhr Großmutter fort. »Du und Cabby, ihr befindet euch auf unterschiedlichen Reisen. Jeder von euch ist eine eigenständige, einzigartige Person. Das Leben war nie dazu gedacht, dass ihr euch vergleichen und miteinander konkurrieren sollt.«

Tony holte tief Luft. »Und was genau ist dann eine Seele?«, fragte er.

»Ah, das ist eine tiefschürfende Frage! Auf die es keine exakte Antwort gibt. Wie ich schon sagte, ist sie nichts, was man besitzt. Sie ist etwas Lebendiges. Sie ist der Cabby, der sich erinnert, der Cabby, der sich Dinge vorstellt, der Cabby, der kreativ ist, träumt, Gefühle durchlebt, will, liebt, denkt. Aber Cabby als Seele wohnt innerhalb der Dimensionen, die durch das begrenzt sind, was Cabby als beschädigter Körper ist.«

»Das ist aber doch nicht gerecht!«

»Gerecht?«, murmelte Großmutter. »Na, du bist gut! Anthony, in einer beschädigten Welt voller beschädigter Menschen gibt es keine Gerechtigkeit. Eure Justiz versucht, gerecht zu sein, aber versagt dabei immer wieder. Gnade oder Vergebung sind niemals gerecht oder fair. Durch Bestrafung kann man die Gerechtigkeit nicht wiederherstellen. Geständnisse sorgen nicht für Gerechtigkeit. Im Leben geht es nicht darum, für die richtige Leistung einen fairen Lohn zu empfangen. Verträge, Anwälte, Krankheit, Macht – nichts davon schert sich um Gerechtigkeit. Es ist besser, wenn ihr tote Begriffe aus euren Sprachen entfernt. Vielleicht solltet ihr euch auf lebendige Worte konzentrieren wie Erbarmen, Güte, Vergebung und Gnade. Ihr solltet damit aufhören, euch so viele Gedanken über eure Rechte zu machen und über das, was ihr für fair haltet.« Sie unterbrach ihre Standpauke und blickte auf. »Kleiner Hinweis am Rande!«

Sie schwiegen für eine Weile und schauten wieder dem Feuer beim Herunterbrennen zu.

»Und warum bringst du seinen Körper und seine Seele nicht in Ordnung?«, fragte Tony leise. »Bestimmt könntest du doch alles reparieren, was beschädigt ist.«

Großmutters Antwort kam genauso leise. »Anthony, Cabby ist kein kaputtes Spielzeug. Er ist ein Mensch, ein lebendiges Wesen, das ewig existieren wird. Als Molly und Teddy sich dafür entschieden, ein Kind zu bekommen …«

»Teddy?«, unterbrach Tony sie.

»Ja, Teddy, Ted, Theodore, Mollys Exfreund, Cabbys Vater, und ja: Er hat Molly und seinen eigenen Sohn im Stich gelassen.«

Tony schaute Großmutter an, und seine schmalen Lippen signalisierten deutlich, wie sehr er Teddys Verhalten missbilligte und verurteilte.

»Anthony, du weiß fast nichts über diesen Mann außer einem Gesprächsfetzen, den du aufgeschnappt hast. Wo du Mistkerl denkst, denke ich verlorenes Schaf, verlorener Sohn oder …« – sie deutete mit einem Kopfnicken auf Tony – »verlorener Enkel.«

Sie überließ ihn seinen Wertungen. Er rang mit seiner Tendenz, alles und jeden zu bewerten und zu beurteilen. Er fühlte sich innerlich ganz krank deswegen. Er musste sich einer weiteren massiven inneren Dunkelheit stellen, die er lange Zeit für überaus wertvoll gehalten hatte und die wuchs, je mehr er versuchte, sich rational vor sich selbst zu rechtfertigen. Welche mentalen Verrenkungen er auch anstellte oder wie er auch versuchte, es zu maskieren, seine Neigung, Urteile zu fällen, erschien ihm dadurch nur umso abscheulicher und erschreckender, eine Bedrohung, die alles in ihm zerstören konnte, was ihm jemals gut erschienen war.

Er spürte eine Hand auf der Schulter, und das genügte, um ihn aus der Dunkelheit hervorzuholen. Großmutter presste ihr Gesicht an seines, und er spürte, wie er sich langsam wieder beruhigte.

»Das ist keine Zeit des Selbsthasses, Anthony«, sagte sie sanft. »Es ist wichtig für dich, zu erkennen, dass du dein Urteilsvermögen brauchtest, um als Kind zu überleben. Es half dir dabei, dich selbst und deinen Bruder zu beschützen. Dass du und er heute noch am Leben seid, verdankt ihr zum Teil der Tatsache, dass du früh eine scharfe Urteilsgabe entwickelt hast. Doch solche Werkzeuge oder Hilfsmittel werden irgendwann zu einer Beeinträchtigung und schaden dann mehr, als sie nützen.«

»Aber ich habe es gesehen. Es ist so hässlich. Wie kann ich damit aufhören?« Er flehte beinahe.

»Das wirst du, mein Liebling, wenn du etwas anderem mehr vertraust.«

Die dunkle Welle hatte sich zurückgezogen, aber er wusste, dass sie nicht verschwunden war, sondern wie ein lauerndes Ungeheuer auf eine andere Gelegenheit wartete. Für den Moment war sie durch die Gegenwart dieser Frau gebändigt. Das war nicht länger ein Spiel oder unbeschwertes Abenteuer. Das war Krieg, und offenbar befand sich das Schlachtfeld in Tonys eigenem Herzen und Bewusstsein – etwas Altes und Verletztes lag im Konflikt mit etwas Neuem, das nun zum Vorschein kam.

Großmutter gab ihm noch eine Tasse zu trinken. Diesmal schmeckte der Trank erdig und würzig. Tony spürte, wie er ihm durch die Kehle strömte und sich in seinem Körper ausbreitete, bis zu den Fingerspitzen und Zehen. Ein Kribbeln lief ihm an der Wirbelsäule hinauf und hinunter, und Großmutter lächelte zufrieden.

»Frag nicht. Ich verrate das Rezept nicht und verkaufe es nicht.«

Er lachte. »Haben wir nicht eigentlich über Cabby gesprochen?«

»Später«, erwiderte sie. »Jetzt ist es Zeit für dich, zurückzugehen.«

»Zurück? Wieder in Cabby hinein?«, fragte er, und sie nickte.

»Musst du denn nicht, nun ja, etwas tun?«

»Quantenfeuer?« Sie lächelte ihr breites, zahnloses Lächeln. »Das war Spielerei, bloß ein bisschen …« – sie schüttelte die Hüften – »… Showtanz! Oh nein, oh nein, ich muss überhaupt nichts. Noch etwas, Anthony: Falls du an einem schwierigen Ort landest, und du wirst merken, wenn das der Fall ist, drehe dich einfach um.«

»Mich umdrehen?«, fragte er verwirrt.

»Ja, umdrehen, du weißt schon …« Großmutter machte mit einem kleinen Luftsprung, wie beim Tanz, eine Vierteldrehung. »Wie bei diesem – wie nennt ihr das noch? – Line Dance, Tanzen in einer Formation?«

»Kannst du es mir noch mal vormachen, damit ich es mir auch ja richtig einpräge?« Jetzt neckte er sie.

Sie grinste. »Einmal muss genügen. Das wirst du von mir nicht noch mal zu sehen bekommen.«

Sie lachten beide.

»Jetzt aber los!« Es war fast ein Befehl.

Und schon war er weg.