12

DIE DINGE VERKOMPLIZIEREN SICH

»Wahre Freunde erstechen dich von vorn.«

Oscar Wilde

Oh, mein Gooott!« Tony schaute durch Maggies Augen, die durchs Küchenfenster schaute. Draußen vor dem Haus stiegen zwei Männer aus einem Lincoln Town Car.

»Maggie?«, mischte Tony sich ein. »Was ist los?«

»Tony?«, schrie Maggie, »dem Allmächtigen sei Dank, dass du da bist. Wo warst du denn? Na, egal. Wir haben eine Krise von gewaltigem Ausmaß! Siehst du, wer dort aus dem Auto steigt? Siehst du das?«

Tony spürte, wie ihre Aufregung ihn überflutete wie eine Welle am Strand, aber er konzentrierte sich auf die beiden Männer draußen, die miteinander redeten und zum Haus hinüberschauten. Plötzlich erkannte Tony einen von ihnen. »Der Kirchenvorsteher Clarence ist Polizist? Das hast du mir nicht gesagt.«

»Ja, Clarence ist Polizist. Warum hätte ich dir das sagen sollen? Hast du etwa Ärger mit der Polizei?«

»Nein«, sagte Tony, »aber es kommt unerwartet.«

»Na, hör mal!«, rief Maggie. »Ausgerechnet du beschwerst dich über Unerwartetes! Oh, mein Gooott, sie kommen hierher! Schnell, tu etwas!«

Tony hatte keine Ahnung, was sie damit meinte. In einer normalen Situation und nach dem Klang ihrer Stimme zu urteilen, hätte er sich eilig nach einem Versteck umgesehen. Doch angesichts der Umstände schien das absurd und lächerlich, und deshalb musste er unwillkürlich loskichern. Maggie stürzte in die Diele und trug in panischer Hast Lippenstift und Make-up auf. Tony, der sich das Lachen nicht verkneifen konnte, gab ihr Ratschläge, wo sie das Make-up anbringen sollte. Schließlich beruhigte er sich und unterdrückte seine Heiterkeit, so gut es ging. Maggie starrte wutentbrannt in den Spiegel. Wenn Blicke töten könnten, hätte nun ein toter weißer Witzbold in ihrem Kopf gelegen.

Es läutete an der Tür. »Warum bist du denn so aufgeregt?«, fragte Tony.

Maggie strich sich noch einmal die Haare zurecht und flüsterte: »Da draußen steht Clarence, der zweitletzte Mensch, den ich heute sehen möchte. Der letzte ist der andere Typ, der bei ihm ist.«

»Der ältere Weiße? Wer ist das?«

»Der Bursche mit der dicken Bibel ist Pastor Horace Skor. Wenn ich es nicht vergesse, erzähle ich dir später mehr über ihn«, fügte sie mit einem Grinsen hinzu. Tony war erleichtert, sie wieder etwas heiterer zu sehen.

Die Türklingel ertönte erneut. »Besser, du machst ihnen auf. Vermutlich haben sie dich am Küchenfenster gesehen. Außerdem parkt dein Wagen draußen. Woher stammt übrigens diese große Beule hinten rechts?«

»Nicht jetzt, Tony!«, zischte sie ärgerlich. »Grrrr, du kannst einem wirklich auf den Geist gehen!«

Sie strich sich noch einmal ihr Kleid glatt und ging zur Tür.

»Na, wenn das nicht Pastor Skor ist? Was für eine wundervolle Überraschung. Und Kirchenvorsteher Walker, wie schön, Sie so bald wiederzusehen … nach … hm, ich bin gerade auf dem Sprung.«

»Nun«, begann der ältere der beiden Männer. »Wir müssen mit Ihnen sprechen.«

»Ein paar Minuten Zeit habe ich schon noch. Darf ich Ihnen einen Kaffee oder Tee anbieten? Kommen Sie herein.«

Der Mann betrat das Haus, gefolgt von Clarence, der Maggie einen entschuldigenden Blick zuwarf, wobei aber ein amüsiertes Lächeln um seine Mundwinkel spielte. Maggie war spürbar nervös, lächelte aber, so gut es ging, und führte sie ins Wohnzimmer. Dort nahmen das Kirchenvorstandsmitglied und der Pastor Platz, Letzterer steif und aufrecht, der Polizist Clarence entspannt und bequem.

»Der gute Harry scheint mir ein bisschen aufgeblasen!«, kommentierte Tony. Maggie räusperte sich, was wohl vor allem als Warnung an Tony gedacht war.

»Verzeihen Sie, wo sind meine Manieren? Kann ich den Herren eine Tasse Kaffee oder Tee anbieten?«

»Für mich nicht, danke«, sagte der Pastor steif.

»Könnte ich ein Glas Wasser bekommen, Maggie? Wenn das nicht zu viel Umstände macht.« Der Pastor warf Clarence einen Seitenblick zu, als wollte er signalisieren, dass es sich um einen formellen Anlass handelte, bei dem ein persönlicher Umgangston unpassend war.

»Aber keineswegs. Einen Moment bitte.« Maggie drehte sich um und ging in die Küche. »Tony, du musst unbedingt still sein! Das lenkt mich viel zu sehr ab. Und der Mann heißt Horace. Pastor Skor für dich!«

»Aber er ist ein …«

»Schschsch! Ich will kein Wort hören, hast du verstanden?«

»Ja, Ma’am. Laut und deutlich. Tony meldet sich ab.«

»Na endlich! Vielen Dank.«

Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo sie in eine geflüsterte Unterhaltung hineinplatzte. Sie gab dem Kirchenvorsteher Clarence das Glas. Er bedankte sich mit einem Kopfnicken. Sie setzte sich den beiden Männern gegenüber hin, die ihr ein wenig wie Inquisitoren vorkamen.

»Mrs. Saunders«, begann der Pastor.

»Eigentlich Ms. Saunders«, korrigierte ihn Maggie. »Ich bin nicht verheiratet.« Sie konnte es sich nicht verkneifen, dabei Clarence anzulächeln, und hätte sich hinterher am liebsten deswegen geohrfeigt.

»Natürlich, Ms. Saunders. Wie Sie wissen, bin ich Pastor Skor, einer der leitenden Pastoren der Kirche, die Sie nun wie lange besuchen? Sechs, sieben Monate?«

»Zweieinhalb Jahre«, antwortete Maggie.

»Oh, tatsächlich? Wie die Zeit vergeht«, sagte der Pastor. »Nun, ich bedaure, dass wir uns bisher nicht persönlich kennengelernt haben, oder unter angenehmeren Umständen, aber nach dem … hm … Vorfall gestern Abend, nun …«

»Oh, was das betrifft …« Maggie beugte sich vor und fing an, dem Pastor beruhigend aufs Knie zu klopfen. Sofort versteifte er sich und rückte von ihr weg, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. »Das war ein riesiges Missverständnis. Sehen Sie, ich stand in letzter Zeit enorm unter Stress. Sie wissen ja, wie es um Lindsay steht. Gestern Abend brach das alles irgendwie aus mir heraus. Es tut mir wirklich schrecklich leid …« Sie merkte, dass sie krampfhaft eine Entschuldigung plapperte, aber konnte nicht an sich halten, bis der Pastor die Hand hob. Sie verstummte mitten im Satz.

»Lindsay ist Ihre Tochter?«, fragte er und klang dabei richtig besorgt.

»Meine Tochter? Nein!« Maggie war ein wenig schockiert und warf Clarence einen Blick zu, der ihr mit einem leichten Kopfschütteln offenbar signalisieren wollte, dieses Thema nicht anzuschneiden. Sie wandte sich wieder dem Pastor zu. »Sie wissen nicht, wer Lindsay ist, richtig?«

»Nein, leider nicht. Aber wie dem auch sei, Sie müssen verstehen, dass ich in unserer Kirche dafür zuständig bin, das spirituelle Leben zu beaufsichtigen, das spirituelle Leben unserer Gemeindemitglieder.«

»Iah! Iah!«, plärrte Tony dazwischen.

Maggie schlug sich aufs Bein und juckte sich dann, als sei sie von einer Mücke gestochen worden, in der Hoffnung, Tony dadurch zum Schweigen zu bringen, ohne Fragen zu provozieren. Sie lächelte, was der Pastor als Ermutigung deutete, mit seiner Rede fortzufahren.

»Im Licht der … hm … Vorgänge des gestrigen Abends sehe ich es als meine Pflicht an, unseren Gemeindemitgliedern geistlichen Beistand auf einem Gebiet zu geben, mit dem wir lange Zeit sehr nachlässig umgegangen sind, wofür ich die volle Verantwortung übernehme. Gott hat mich für diese Nachlässigkeit gestraft, indem er mir eine schlaflose Nacht bereitete, in der ich aufrichtig bereute, welch sündige und gleichgültige Einstellung ich gegenüber Seinem Wort entwickelt hatte, gegenüber zentralen Kirchenlehren und unserer innerkirchlichen Ordnung bezüglich des Verhaltens unserer Gemeindemitglieder. Ms. Saunders, ich stehe tief in Ihrer Schuld. Sie haben unserer Gemeinde und mir persönlich einen großen Dienst erwiesen, dadurch, dass Sie ein Licht auf unseren sündigen Zustand geworfen haben. Ich bin also heute hierhergekommen, um Ihnen zu danken!«

Damit lehnte er sich zurück. Maggie und Clarence waren sichtlich verblüfft, der Pastor hingegen wirkte zufrieden.

»Also, nichts zu danken, ich meine, gern geschehen«, stammelte Maggie unsicher.

»Das ist ein Trick!« Tony konnte nicht an sich halten. »Irgendwas ist hier faul. Einer dieser beiden Herren ist garantiert korrupt.«

Maggie schlug sich wieder aufs Bein und wollte gerade aufstehen, als der Pastor sich vorbeugte.

»Ms. Saunders, wir haben eine gesunde und vitale Kirchengemeinde. Wir sind offen für das Wirken des Heiligen Geistes. Wir lassen Frauen zur vollen Teilnahme am Gottesdienst zu. Sie dürfen sogar gelegentlich vor der Gemeinde prophetische Worte sprechen – natürlich nur, wenn die Kirchenleitung diese Worte zuvor angehört und freigegeben hat. Frauen unterrichten unsere Kinder, und es gibt auf der Welt keine größere Verantwortung als die Erziehung und Ausbildung unserer Jungen und Mädchen. Sie sind die Zukunft unserer Kirche. Wir sind der Wahrheit verpflichtet, dass Mann und Frau vor Gott gleich sind …«

»Aber?«, flüsterte Tony. »Ich höre ein ›Aber‹ kommen …«

Maggie schlug sich aufs Bein und juckte sich.

»Frauen sind ebenso wie Männer fähig, die Gaben des Heiligen Geistes zum Ausdruck zu bringen, und Männer und Frauen sind gleichermaßen wichtig für das Leben und die Entwicklung der Kirche …«

»Warte, gleich kommt es …« Diesmal schlug sich Maggie fester und auffälliger aufs Bein, doch der Pastor beachtete es nicht.

»… und wir bejahen das göttliche Wort, wonach es nicht länger männlich und weiblich gibt, aber …« Nun wurde er noch ernster, beugte sich weiter vor und schaute ihr tief in die Augen.

»Voilà!« Tony freute sich hämisch. »Dieser aufgeblasene Depp klingt erstaunlich … nach mir.«

»Aber im Wort Gottes ist davon die Rede, wie Gott uns sieht, nicht davon, was unsere Aufgaben und Pflichten in der Kirche sind. Wir dürfen niemals vergessen, dass Gott ein Gott der Ordnung ist. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass jeder Mensch seine Rolle spielt, und solange wir innerhalb der Rollen bleiben, die Gott uns zugewiesen hat, funktioniert die Kirche so, wie sie gedacht ist, und die Gesundheit der Gemeinde ist gewährleistet und wird sogar mit Recht gefeiert.

Ms. Saunders, ich möchte Ihnen nun eine Passage in meiner Bibel zeigen.« Er schlug eine sichtlich viel benutzte King-James-Bibel an einer durch ein Lesezeichen markierten Stelle auf. Clarence beugte sich im Sessel vor, sichtlich gefesselt von dem Pastor und dessen Bibel.

»Es ist ein Abschnitt aus dem 14. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther. Lassen Sie es mich Ihnen vorlesen, Ms. Saunders. Beginnend bei Vers 34 heißt es dort: ›Die Frauen sollen in der Versammlung schweigen, es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert. Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen, denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.‹«

Der Pastor klappte die Bibel zu, lehnte sich zurück und nickte sich selbst weihevoll zu. »Nun, Ms. Saunders, wie sich herausgestellt hat, sind Sie unverheiratet. Da Sie keinen Ehegatten haben, den Sie befragen können, muss in diesem Fall die männliche Kirchenleitung helfend einspringen und die Rolle Ihres Familienoberhauptes übernehmen. Wenn Sie also Fragen haben, stehe ich Ihnen persönlich zur Verfügung, um Sie in allen spirituellen Angelegenheiten zu beraten und zu ermutigen.«

Das Schweigen, das nach diesen Ausführungen des Pastors entstand, war nicht heilig. Es war peinlich. Sogar Tony hatte es die Sprache verschlagen. Maggie hatte keine Idee, was sie von diesem Angebot halten sollte oder was nun von ihr erwartet wurde.

»Das ist Sarkasmus pur!« Maggie und der Pastor schauten Clarence an, der in unmissverständlichem, festem Ton sprach.

»Wie bitte?« Skor war von dem Einwurf sichtlich überrascht, aber er reagierte mit professioneller Gelassenheit. »Vorsteher Walker, ich habe Sie gebeten, mich zu begleiten, weil Sie Ms. Saunders kennen und ich daher Ihre Anwesenheit für hilfreich hielt. Aber wie ich vorhin schon zu Ihnen sagte, Sie sind nicht hier, um selbst das Wort zu ergreifen, sondern als Zeuge.«

»Das ist Sarkasmus«, sagte Clarence wieder, deutlich und langsam. Wenn er verärgert war, verbarg er das völlig hinter einer steinernen, aber konzentrierten Miene.

»Wovon reden Sie da, Bruder Walker? Glauben Sie etwa, ich wäre sarkastisch?« Es lag ein scharfer Unterton in Skors Stimme.

»Nein, Sir, nicht Sie. Der Apostel Paulus. Ich glaube, der Apostel Paulus meinte es sarkastisch, als er diese Zeilen schrieb, die Sie uns vorgelesen haben.«

»Na schön, Clarence, ist mir etwa entgangen, dass Sie auf der Bibelschule waren oder zum Geistlichen ausgebildet wurden?« Skors Ton war nun offen herablassend. »Hat man Sie plötzlich zum Pastor ernannt, damit Sie uns die Mysterien erläutern? Glauben Sie nicht, dass der Heilige Geist uns den Weg zur Wahrheit weist?«

Das war eine ziemliche Kampfansage, aber Clarence ließ sich nicht darauf ein. »Sir, ich glaube sehr wohl, dass der Heilige Geist uns den Weg zur Wahrheit weist, aber manchmal sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht, und manchmal dauert es eine Weile, bis unsere Augen geheilt sind.«

Skor klappte mit heftiger Geste die Bibel erneut an der markierten Stelle auf und hielt sie Clarence hin. »Dann zeigen Sie es mir. Und denken Sie daran, dass ich die Bibelschule und das Seminar besucht habe und dass ich das Griechische ziemlich gut beherrsche.«

Clarence nahm die Bibel aus den Händen des älteren Mannes und hielt sie so, dass beide hineinschauen konnten. »Hier. Schauen Sie sich den nächsten Vers an. Da steht: ›Ist etwa das Gotteswort von euch ausgegangen?‹ Das ist die erste von zwei Fragen. Die zweite lautet: ›Ist es‹, also das Gotteswort, ›etwa nur zu euch gekommen?‹ Diese Fragen ergeben nur dann einen Sinn, wenn Paulus diese Stelle sarkastisch meint, wenn er also das genaue Gegenteil von dem meint, was Sie gerade zu Maggie gesagt haben. Er zitiert aus einem Brief, den diese Leute ihm geschickt haben, und er ist ganz und gar nicht einverstanden mit dem Inhalt dieses Briefes.«

»Das ist völliger Unsinn! Zeigen Sie mal her.« Er nahm seinem Kirchenvorsteher die Bibel aus der Hand. Es folgte ein Moment des Schweigens, während dessen der Pastor die Passage las und noch einmal las.

Maggie schaute mit großen Augen zu und wagte kaum zu atmen.

»Was ist mit dem Gesetz, das Paulus zitiert?«, fragte Skor herausfordernd.

»Zeigen Sie es mir«, erwiderte Clarence.

»Was soll ich Ihnen zeigen?«

»Das Gesetz, das Paulus zitiert.«

Clarence’ unerschrockenes Auftreten brachte Skor völlig aus dem Konzept, und wie es oft geschieht, wenn jemand in seinen eigenen Annahmen gefangen ist, verlagerte Skor den Streit auf eine persönliche Ebene. »Sie, junger Mann, wagen es, jahrhundertelanger Kirchengeschichte zu widersprechen, Theologen, die klüger waren als wir beide zusammen und die in dieser Frage eindeutig mit mir übereinstimmen? Diese Angelegenheit, bei der eine Frau einen Aufruhr auslöste, in dem sie in unheiliger Weise Aufmerksamkeit erregte, gewinnt dadurch ganz andere Ausmaße …«

»Wie bitte?« Maggie war sprachlos.

»Ich denke, Sie sollten Ihre Zunge im Zaum halten, Sir!«, warnte Clarence, aber der Pastor war längst außer sich.

»Als Amtsträger der Kirche, vor dem Sie sich zu verantworten haben, Clarence, fordere ich Sie auf, sich zu fügen und anzuerkennen, was in der Heiligen Schrift steht.«

»Entschuldigen Sie, Sir, aber ich muss mich Ihnen gegenüber nicht verantworten. Ich bin Beamter der Polizei von Portland. Ich muss mich vor Gott und den Menschen in unserer Stadt verantworten.«

»Na schön! Dann haben Sie offensichtlich entschieden, dass Ihr Platz an der Seite dieser … dieses Flittchens ist!« Skor bedauerte sofort, dass er sich zu dieser Bemerkung hatte hinreißen lassen, denn Maggie und Clarence sprangen beide auf. Clarence überragte den Pastor deutlich. »Ich rate Ihnen, sich zu entschuldigen, Sir! Das geht entschieden zu weit!«

»Sie haben recht.« Skor machte einen Rückzieher. »Ich habe die Beherrschung verloren und entschuldige mich hiermit dafür«, sagte er zu Maggie. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Clarence zu. Die Wut war ihm sichtlich über den Hemdkragen gestiegen, der gestärkt und steif seinen Hals umschloss. »Aber Sie, junger Mann, sind ebenso wie diese Frau in meiner Kirche nicht länger willkommen. Ich erwarte, dass Sie unverzüglich schriftlich Ihren Rücktritt aus dem Kirchenvorstand erklären.«

»Tun Sie, was Sie für erforderlich halten, Mr. Skor, aber ich weigere mich, Ihnen ein solches Schreiben zu schicken. Außerdem rate ich Ihnen, dieses Haus zu verlassen. Jetzt!« Sein Tonfall war ruhig und beherrscht, aber er strahlte dabei Autorität und Stärke aus.

»Na, das ist ein wirklich cooler Typ!«, rief Tony anerkennend, und Maggie, die nervös auf ihrer Lippe kaute, musste unwillkürlich lächeln.

Ohne ein weiteres Wort ging Pastor Skor rasch hinaus, stieg in seinen Wagen, schlug die Tür zu und fuhr davon.

»Gott, schütze uns vor denen, die nicht wissen, was sie tun«, seufzte Clarence, mehr zu sich selbst. Dann rief er auf der Polizeiwache an, ehe er sich wieder Maggie zuwandte. »Sie schicken einen Streifenwagen vorbei, der mich in ein paar Minuten abholt. Es tut mir leid, Maggie. Ich denke nicht, dass Horace ein schlechter Mensch ist, er weiß es nur nicht besser. Ich hatte keine Ahnung, was er vorhatte, und es ist mir sehr unangenehm, daran beteiligt gewesen zu sein.«

»Soll das ein Witz sein?«, meldete sich Tony in Maggies Kopf zu Wort. »Von gestern Abend abgesehen habe ich mich selten so königlich amüsiert!«

»Hm … was den gestrigen Abend angeht …«, begann Maggie, aber Clarence ließ sie nicht ausreden.

»Oh, fast hätte ich’s vergessen«, sagte er. Er zog einen kleinen Ziploc-Beutel aus der Jackentasche. »Der eigentliche Grund, warum ich Horace begleitet habe, ist, dass ich Ihnen das hier zurückgeben wollte. Ich glaube, es gehört Ihnen. Es passiert selten, dass ich den Ohrring einer Frau in meiner Kleidung finde.«

Maggie war mehr erleichtert als verlegen. »Oh, Clarence, vielen Dank! Er gehört zu einem Paar Ohrringe, das meine Mutter mir geschenkt hat und das mir sehr viel bedeutet. Wie schön, dass Sie ihn mir zurückbringen!«

Tony schrie: »Nicht küssen!« Doch da hatte sie ihren Helden bereits umarmt und ihm einen dicken Kuss auf die Wange gedrückt.

»Scheiße!«, stöhnte Tony und glitt davon.

Als er wieder aus der Dunkelheit auftauchte, schaute er durch Augen, die Maggie anschauten. Wenn Güte und Zuneigung Farben mit daran geknüpften Gefühlen waren, wusste er, dass er genau das empfand, und im nächsten Moment erfasste ihn ein wohlvertrauter Adrenalinstoß.

Clarence zuckte zusammen und griff nach seiner Pistole. »Maggie«, flüsterte er, »ist ein Mann hier im Haus?«

»Upps«, sagte Tony. Clarence wirbelte herum und schaute, woher die Stimme kam.

Maggie wusste sofort, was passiert war.

»Clarence?« Er drehte sich wieder um, in höchster Alarmbereitschaft, und schaute an ihr vorbei in den Rest des Hauses hinein. »Clarence, sehen Sie mich an!«, forderte sie ihn auf.

»Was!«, flüsterte er. Als er weit und breit keine andere Person sah, richtete er schließlich den Blick auf Maggie.

»Wir müssen reden, und zwar schnell. Ihre Kollegen werden gleich da sein, und es gibt ein paar Dinge, die Sie bis dahin wissen sollten. Bitte setzen Sie sich.«

Clarence wählte einen Stuhl, auf dem er mit dem Rücken zur Wand saß. Er schaute immer noch wachsam umher. »Maggie, ich schwöre, ich habe einen Mann ›Scheiße‹ sagen hören.«

»Ich glaube Ihnen, dass Sie das gehört haben«, sagte Maggie. »Aber der Mann ist nicht in meinem Haus, er ist in Ihrem Kopf.«

»Was? Maggie, jetzt verstehe ich gar nichts mehr! Was soll das heißen: Er ist in meinem Kopf?«

Er wollte aufstehen, doch Maggie legte ihm die Hand auf die Schulter und schaute in seine Augen. »Tony! Sag etwas. Lass mich jetzt nicht hängen, verstanden?«

»Na gut. Hi, Clarence. Nette Uniform, die Sie da anhaben.«

Clarence’ Augen weiteten sich, und Maggie sah Furcht in seinen Augenwinkeln tanzen, etwas, das bei ihm bestimmt sehr selten vorkam.

»Clarence, hören Sie mir zu«, drängte Maggie. »Ich kann es Ihnen erklären.« Zwar hatte sie in Wahrheit keine Ahnung, wie sie es ihm erklären sollte, aber sie wusste, dass es jetzt vor allem darum ging, dass er sich wieder beruhigte.

»Maggie«, flüsterte Clarence, »geht es um Ihren Dämon, diesen Tony, den von gestern Abend? Sie meinen, dass er jetzt in meinem Kopf ist?«

»Ich bin kein Dämon!«, protestierte Tony.

»Er ist kein Dämon«, sagte Maggie.

»Wie kommt es dann, dass er mit mir redet … Oh!« Nun dämmerte ihm die Wahrheit. »Dann hat er gestern wirklich mit Ihnen gesprochen?« Clarence wusste nicht, ob er erleichtert sein oder vollends in Panik geraten sollte.

»Was? Sie haben mir nicht geglaubt?« In gewisser Weise genoss Maggie diesen Augenblick, aber sie war trotzdem verwundert. »Tony, warum hast du mir nicht gesagt, dass du überwechselst, wenn ich jemanden küsse?«

»Wen haben Sie denn geküsst?«, fragte Clarence mit plötzlicher Sorge.

»Oh, sie hat Cabby geküsst«, antwortete Tony.

»Ich habe Cabby geküsst«, bestätigte Maggie.

»Er sagt, es schien ihm in dem Moment nicht wichtig«, berichtete Clarence. »Er sagt, er befürchtete, Sie würden sich auf die Suche nach seiner Exfrau machen und diese küssen … und es tut ihm leid.« Clarence verdrehte die Augen. »Ich glaube einfach nicht, was hier passiert! Maggie«, flehte er, »erklären Sie mir bitte, was los ist!«

»Okay, passen Sie auf.« Sie beugte sich vor. »Tony ist ein älterer …«

»Er sagt, so alt wäre er noch nicht«, unterbrach Clarence sie.

»Ignorieren Sie ihn … Tony, sei still! Na, jedenfalls ist er ein Geschäftsmann hier aus Portland, der nicht wirklich an Gott glaubt. Er hatte einen Unfall und landete in der OHSU, wo er nun im Koma liegt. Er hat Gott getroffen, der ihm sagte, er hätte eine Mission zu erfüllen, die aber bislang niemand richtig versteht. Cabby spielte Verstecken, und so landete er in Cabby. Dann habe ich gestern Abend Cabby geküsst und wurde infiziert. Als er mit mir sprach, dachte ich, es wäre ein Dämon. Und heute habe ich Sie geküsst, und jetzt ist er in Ihnen.«

»Und das ist wirklich wahr?«

Sie nickte.

Clarence wirkte geschockt. Das Ganze klang so bizarr, dass es möglicherweise tatsächlich stimmte. Ockhams Rasiermesser, dachte er, das Prinzip, dass bei mehreren möglichen Erklärungen die einfachste die beste ist. Nun, Maggies Erklärung schien einfach, aber war so etwas überhaupt möglich?

»Ich weiß nicht, ob ich Sie mit einem Weißen teilen möchte«, war das Einzige, was ihm zu sagen einfiel.

Maggie verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Schultern hoch. »Ich erzähle Ihnen diese unglaubliche Geschichte, und Ihnen fällt dazu nicht mehr ein, als sich über uns beide Gedanken zu machen?« Dann dämmerte ihr, was er da gerade gesagt hatte.

Sie lächelten sich an und nickten beide.

»Wie lautet denn sein voller Name?«, fragte Clarence schließlich.

»Oh, ich bin hier und kann für mich selbst antworten«, schaltete sich Tony ein.

»Tony … Anthony Spencer«, sagte Maggie.

»Tony?« Clarence fragte es laut, als befände sich Tony im Zimmer nebenan. »Warten Sie. Sind Sie etwa Anthony Sebastian Spencer?«

»Hm. Ja«, antwortete Tony. »Und Sie müssen nicht schreien … reden Sie ruhig ganz normal mit mir. Aber woher kennen Sie meinen zweiten Vornamen? Niemand kennt ihn.«

»Ich bin Polizist, schon vergessen? Wir haben wegen Ihnen ermittelt. Es sah alles ein bisschen verdächtig aus, also haben wir Ihre Wohnung durchsucht, die mit dem Blut am Türpfosten. Ihr Blut, nehme ich an?«

»Allerdings! Ich glaube, ich … war sehr krank. Deshalb bin ich dagegen gefallen … aber ich erinnere mich kaum. Wie sind Sie denn eigentlich in meine Wohnung hineingekommen?«

Clarence lächelte. »Sorry, aber ich habe die Tür eingetreten. Wir fanden niemanden mit dem Schlüsselcode. Also haben wir uns auf die gute alte Art Zutritt verschafft.«

In diesem Moment hielt draußen ein Streifenwagen, und der Fahrer drückte auf die Hupe. Clarence ging zur Tür und signalisierte mit der Hand, dass er noch fünf Minuten brauchte. Der Polizist im Wagen grinste und nickte mit erhobenem Daumen. »Super!«, dachte Clarence. »Wie soll ich ihnen das bloß erklären?«

Er drehte sich um, damit es von draußen nicht den Anschein hatte, er führe Selbstgespräche, und fragte: »Tony, wir haben bei Ihnen ziemlich viel Hightech-Überwachungsequipment gefunden. Was hat es damit auf sich?«

Tony antwortete: »Ich bin in letzter Zeit etwas paranoid geworden. Aber ich schwöre, dass es keine Kameras in den Schlafzimmern und Bädern gibt.« Plötzlich fühlte er sich schuldig. Vermutlich genügte die Anwesenheit eines Polizisten, um solche Gefühle auszulösen.

»Ja, das ist uns aufgefallen. Wir haben versucht, das Signal der Überwachungsanlage zu verfolgen, aber ohne Ergebnis. Sie hat sich selbst heruntergefahren und ist jetzt für uns völlig unzugänglich. Werden die Aufnahmen irgendwo aufgezeichnet?«

Tony stöhnte innerlich, ließ sich aber nichts anmerken. Das Herunterfahren bedeutete, dass ein automatischer Reset aller Codes stattgefunden hatte. Nun hatte er ein Problem.

»In meinem Büro in der Firma«, sagte er. Das war eine Lüge, aber er hatte nicht die Absicht, sein Geheimversteck zu verraten.

»Hmm«, brummte Clarence und wandte sich Maggie zu.

»Also, Maggie, was sollen wir jetzt tun?«

»Ich hätte da eine Idee«, flötete Tony. Er versuchte, hilfsbereit zu klingen, während ihm in Wahrheit sehr daran gelegen war, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

»Tony sagt, er hat eine Idee, Maggie. Er sagt …« Clarence lächelte schelmisch. »Er sagt, dass ich Ihren Kuss erwidern soll.«

»Das hat er wirklich gesagt? Woher weiß ich, dass Sie nicht einfach die Gelegenheit ausnutzen, um ein bisschen Zucker zu stibitzen?«

»Das können Sie in der Tat nicht wissen«, pflichtete Clarence ihr bei. »Also, meiner Meinung nach ist sein Plan absolut vernünftig. Wir sollten es versuchen. Im Moment wäre es wirklich das Beste, wenn er zu Ihnen zurückkehrt.«

»Das Beste?« Maggie legte den Kopf schief und hob die Brauen.

»Von dem Kuss selbst jetzt einmal abgesehen, meine ich.« Clarence lachte leise.

Nun folgte kein kurzer Wangenkuss, sondern ein Ich-habe-schon- lange-auf-dich-gewartet-Kuss. Zum Glück spürte Tony, wie er wieder davonglitt, zurück hinter Maggies Augen, die den Mann anschauten, den sie liebte.

»Genug!«, rief Tony. »Irgendetwas an diesem Hinundher-Gehüpfe fühlt sich total falsch an und raubt mir den letzten Nerv!«

»Er ist zurück, Clarence«, lächelte Maggie. »Aber küss mich nicht noch einmal. Ich habe keine Ahnung, ob es wieder funktionieren würde, und glaub mir, du würdest es nicht mögen, wenn er sich in deine Polizeiarbeit einmischt.«

Clarence umarmte sie zärtlich. »Ich muss sagen, du bist die interessanteste und sonderbarste Frau, die mir je begegnet ist. Ist er, also Tony, die ganze Zeit über bei dir?«

»Nein. Er kommt und geht. Wie es scheint, habe ich keinerlei Kontrolle darüber. Da hat wohl Gott seine Hände im Spiel, so geheimnisvoll ist das Ganze. Ich rufe dich an, wenn ich kann … wenn er weg ist«, flüsterte sie.

»Ich hab’s gehört«, sagte Tony.

Plötzlich fiel Maggie etwas ein und sie fasste den Polizisten am Arm. »Hey, Clarence, bei euren Ermittlungen im Fall Sebastian …«

»Bitte, ich heiße Tony! Meinen zweiten Vornamen mochte ich noch nie.«

Sie fuhr fort: »… habt ihr da nahe Verwandte gefunden?«

»Ja, seinen Bruder. Jeffrey oder Jerald …«

»Jacob?« Tony war verblüfft. Maggie wiederholte seine Frage. »Jacob?«

»Genau, Jacob. Er wohnt hier in der Stadt. Warum fragst du?«

»Ich muss mit ihm reden. Könntest du mir das ermöglichen?«

Clarence zögerte, ehe er antwortete. »Ich will sehen, was ich tun kann. Die Sache ist ja sowieso schon unnormal genug.« Er schüttelte den Kopf.

Maggie konnte sich selbst gerade noch davon abhalten, Clarence einen Abschiedskuss zu geben. Stattdessen umarmte sie ihn noch einmal und sah zu, wie er zum Streifenwagen ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, ganz dienstlich. Sie konnte nicht sehen, wie schwer es ihm fiel, ein breites, glückliches Lächeln zu unterdrücken, das auf seine Kollegen möglicherweise doch sehr unprofessionell gewirkt hätte.

Tony war sprachlos. Erinnerungen und Gefühle überfluteten ihn so sehr, dass er zu versinken glaubte.