Kapitel 17
Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 01. 2006 – 31. 01. 2006
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 3 492,57
UNTERWEGS IN NÖRDLICHER Richtung auf dem West Side Highway, dachte Shep darüber nach, dass er sich öfter feuern lassen sollte. Tagsüber war so viel weniger Verkehr.
Seine Nachbarin beim Autofahren vom Handy aus anzurufen war eigentlich rechtswidrig. Aber irgendetwas in ihm lief gerade aus dem Ruder. Jeder andere New Yorker ignorierte dieses Verbot, und Shep hatte keine Lust auf die Rolle der einzigen Ausnahme, die sich für die einzige Ausnahme hielt.
Mit Nancy zu telefonieren war für ihn meist ein Horror. Sein ganzes Leben lang war er der Mann gewesen, den andere um Hilfe gebeten hatten, und als Bittsteller fühlte er sich unwohl. Auch wenn sie ihm immer gern einen Gefallen tat, war es eine Erleichterung, die arme Frau zu kontaktieren und sie ausnahmsweise vom Haken zu lassen. Mal wieder vollgepumpt mit Antibiotika, durfte Glynis jetzt nach Hause, und er konnte sie auf dem Heimweg nach Elmsford abholen. Nancy war so dankbar dafür, ihre Hilfe anbieten zu können, dass sie regelrecht enttäuscht klang, heute nicht zur Columbia-Presbyterian-Klinik fahren zu müssen. Solche Menschen waren heutzutage rar gesät. Herrgott, im Gegenzug hatte er nicht mal etwas bei Amway bestellt.
Er hatte schon beschlossen, Glynis von seiner Kündigung nichts zu erzählen. Nancy hatte sich über seine plötzliche Freiheit mitten in der Woche gewundert. Glynis aber war so gleichgültig geworden gegenüber der Tatsache, dass er nebenbei noch einen Job hatte, dass er sich vielleicht gar nicht würde verstellen müssen.
Denn Glynis hatte sich einer so vollendeten Selbstsucht überlassen, dass Beryl dagegen aussah wie die Ehrenvorsitzende von »Save the Children«. Sie kommandierte ihn herum, und er ließ sich von ihr herumkommandieren. Seltsam, was für eine Macht von der Krankheit ausging, die sich Glynis inzwischen nicht nur mit imperialer Überheblichkeit, sondern auch einem Hauch von Niedertracht zunutze machte. Es war anscheinend eine Art Rache, wobei seine totgeborene Unabhängigkeitserklärung namens Pemba nur ein Punkt auf ihrer langen Beschwerdeliste war. Auch früher schon hatte Shep das Gefühl gehabt, ein wenig unter ihrem Pantoffel zu stehen. Glynis hatte immer das Sagen gehabt, hatte immer ihren Willen bekommen, von den Vorhängen bis hin zu Zachs Schule. Auch wenn sie es selbst wahrscheinlich nie so gesehen hatte. Er gab sich alle Mühe, die Dinge aus der Sicht seiner Frau zu betrachten: Als geniale, aber unterschätzte Kunsthandwerkerin, die in einer konventionellen, paternalistischen Ehe gefangen war, hatte sie sich abgerackert, um Kinder großzuziehen und stilvolle Abendessen zuzubereiten, während sie eigentlich Museumsstücke hätte schmieden sollen. (Abgesehen davon, dass sie nie irgendwas von ihrer Kunst abgehalten hatte; abgesehen davon, dass ihr Mann sich abgerackert hatte, um anderer Leute größtenteils deprimierende und geschmacklos eingerichtete Häuser zu reparieren, damit sie die Freiheit haben würde, zu schaffen, was und wann immer sie schaffen wollte. Sich in seiner eigenen Perspektive zu ergehen war jedoch nicht Sinn dieser geistigen Übung.) Also schien es nur gerecht, dass ihr Mann zum Knecht geworden war, der das Einkaufen, Kochen und den Gang zur Apotheke erledigte.
Glynis war erst einundfünfzig, das alles hätte nicht sein dürfen, ihr war Unrecht widerfahren, und man schuldete ihr etwas. Wer nun genau die astronomischen Summen zahlen musste, war vermutlich nicht von Belang.
Er nahm die Ausfahrt 96th Street in den Riverside Drive. Schwaches Winterlicht tastete sich durch die nackten Äste des Parks, flackerte und stach erneut zu wie eine ungewollte Erinnerung. Die Szene, auf die er vor zwei Tagen gestoßen war, wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen.
Als er abends von der Arbeit nach Hause kam, brannte im ganzen Haus das Licht. Er schlenderte nach oben, aber Glynis lag nicht wie üblich in ihrem Nest aus verknäulten Decken. Er klopfte an Zachs Zimmertür und fragte seinen Sohn, ob er wisse, wo seine Mutter sei. Begleitet von Gewehrsalven, rief der Junge, keine Ahnung, aber sie müsse irgendwo im Haus sein. Shep suchte erneut im Erdgeschoss und im Obergeschoss, ehe er in den Keller ging. Sie war weder mit der Wäsche zugange, noch kramte sie in seiner Werkstatt herum. Er ging sogar mit einer Taschenlampe durch Vorgarten und Garten. Bevor er die Polizei rief, wollte er ganz gründlich sein und stieg auf den Dachboden. Da war nur Glynis’ Atelier, und seines Wissens war seit Monaten niemand mehr oben gewesen.
Er fand sie zusammengesackt über ihrer Werkbank, und die Tischlampe tauchte die Szene in das goldene Licht eines Rembrandt: Stillleben mit Krebs und Silber. Sie hatte es geschafft, ein Sägeblatt in ihre Metallsäge zu spannen. Durch die nötige Spannung brachen die zarten Sägeblätter leicht entzwei; und dieses war zerbrochen. Es steckte in einem dünnen quadratischen Stück Sterlingsilber, das in ihrem Schraubstock lag. Eine einzige wacklige Schnittlinie zog sich etwa zweieinhalb Zentimeter ins Silber hinein. Dann war das zerbrochene Sägeblatt hängen geblieben, die Säge selbst baumelte in der Schnittlinie. Neben der schlaffen Hand seiner Frau lag ein Zettel mit undeutlichen Skizzen und wütenden Pfeilen. Er konnte nicht sagen, ob sie schlief oder bewusstlos war, und für einen Augenblick fürchtete er, dass sie – schlimmer noch als bewusstlos war. Als er ihre Stirn berührte, stellte er erleichtert fest, dass sie stattdessen hohes Fieber hatte. Bevor er sie nach unten trug, schob er sanft ihren Arm beiseite und zog das zerbrochene Sägeblatt aus dem Metall. Das quadratische Stück Metall mit dem minimalen Einschnitt würde, wie er annahm, ihre letzte Arbeit sein.
WIE ER VORAUSGESEHEN hatte, wirkte Glynis nicht überrascht, als sie vom Krankenhausbett zu ihm hochsah. Auch Shep war nicht überrascht, seine Frau in so zerbrechlichem Zustand zu sehen; die Halssehnen stachen hervor, als hätte sie Sägeblätter verschluckt. Da er sich an ihren Verfall gewöhnt hatte, lief er in letzter Zeit Gefahr, zu glauben, dass seine Frau tatsächlich so aussah. Nur Fotos rissen ihn zurück in die Erinnerung an jene Frau, die er siebenundzwanig Jahre lang begehrt hatte, insofern konnte er nachvollziehen, weshalb sie sich jetzt jedes Fotografieren verbat. Ohne visuelle Aufzeichnungen würde dieses Bild ihrer Krankheit verblassen und rasch in den Schatten gestellt werden durch die majestätische Frau, die er geheiratet hatte, mit ihren zupackenden Händen, den langen, eleganten Beinen und dem Zauberwald dazwischen.
Er half ihr beim Anziehen. Als er Schwierigkeiten hatte, ihre Arme in die Ärmel der kirschroten Fleecejacke von Carol zu stecken, fuhr sie ihn an: »Lass mich. Dann kann ich’s ja gleich selber machen!« Die Schwester brachte ein neues Rezept; auf dem Rückweg konnte er bei der Apotheke halten.
»Goldman will was Neues ausprobieren«, sagte Glynis im Auto, schloss die Augen und lehnte ihren Turban gegen die Kopfstütze. »Ein Versuchsmedikament gegen Darmkrebs hat in klinischen Studien großartige Ergebnisse erzielt. Damit könnten wir den Dreck in meinen Eingeweiden endgültig k. o. schlagen.« Sie hustete; sie hustete ständig. »Wobei ich sicher bin, dass auch wieder eine Wundertüte voller Spezialeffekte dabei ist.«
Er hätte zu gern gefragt, ob sich ein neues Medikament denn lohnte, aber er wusste es besser. Seit September kannte Glynis die Ergebnisse ihrer CTs nicht. »Das ist ja ziemlich aufregend« – es machte ihm Mühe, etwas Überschwang in seine Stimme zu legen –, »wenn das Zeug bei anderen Patienten so vielversprechende Ergebnisse zeigt.«
»Ach ja, und Goldman hat mir eine fabelhafte Geschichte erzählt! Irgendein Kollege hat zu seinem Mesotheliom-Patienten nach der Diagnose gesagt: ›Machen Sie mal keine Pläne für Weihnachten.‹ Drastischer geht’s ja wohl nicht, oder? Also hat der Patient mit dem Arzt um 100 Dollar gewettet, dass er zwei Jahre später noch quicklebendig sein würde. Der Arzt hat ihn verspottet und ihm eine 50:1-Quote angeboten. Und dieser Onkologe musste gerade 5000 Dollar lockermachen. Ist das nicht irre? Gott sei Dank habe ich nicht einen dieser zynischen Ärzte, die auf ihren ›Realitätssinn‹ auch noch stolz sind – da fehlt nicht viel, und sie reichen einem den Spaten, mit dem man sein eigenes Grab schaufeln soll.«
»Schade, dass Goldman nicht zynischer ist«, sagte Shep gezwungen lebhaft, doch insgeheim ärgerte er sich ein wenig darüber, dass ihr Internist solche fabelhaften Geschichten nicht für sich behalten konnte. »Bei 50:1 könnten wir uns richtig was dazuverdienen.«
Die Sonne über dem Hudson war so blass und wenig überzeugend wie diese Unterhaltung.
»Shepherd«, sagte sie seufzend, »zu sagen, dass ich mich wirklich darauf freue, wenn diese Sache endlich vorbei ist, wäre nicht ansatzweise … Ich weiß ja, wie’s einem Marathonläufer bei Kilometer zweiundvierzig geht. Man sollte meinen, sobald die Zielgerade in Sicht kommt, wird es einfacher. Ich dachte, die letzten paar Behandlungen wären ein Kinderspiel – du weißt schon, fast geschafft. Stattdessen wird es schwerer und schlimmer. Vorbei und fast vorbei scheinen fast dasselbe zu sein. Dabei sind es Gegensätze. Fast vorbei heißt, dass es immer noch weitergeht. Man will aufrunden und sagen, eigentlich war’s das. Aber das war’s noch nicht. Als hätte man noch eine Meile zu laufen, man erkennt, dass es keine Rolle spielt, wie viele Meilen man schon zurückgelegt hat, denn eine Meile ist immer noch ein langer Weg. Manchmal denke ich, ich halte es nicht mal mehr einen Tag aus. Einen ganzen Tag. Du hast keine Ahnung, wie lang einem das werden kann, ein ganzer Tag.«
»Ich weiß, es scheint wie eine Ewigkeit, als würde es nie vorbeigehen. Aber es geht vorbei«, sagte er mit fester Stimme und diesmal mit Gefühl.
Glynis wartete im Auto, während er schnell in die nächste Apotheke lief. Vermutlich war es eine feine Sache, wenn einem der Barmann ungefragt seinen Lieblingsdrink einschenkte, aber ein kumpelhaftes Verhältnis zu seinem Apotheker war alles andere als erhebend. Als er in ihre Auffahrt eingebogen war, hielt Shep ihr seinen Arm hin und stützte sie, und sie gingen die Verandatreppe langsam, Stufe für Stufe, hinauf. Allein auf dem Weg vom Auto ging ihr die Puste aus, und er setzte sie zum Verschnaufen ins Wohnzimmer, bevor sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer in Angriff nahmen. Außerdem musste er etwas mit ihr besprechen, und das etwas förmlichere Wohnzimmer schien dafür der passende Ort zu sein.
Er ließ sie dort sitzen, um ihr einen Cranberrysaft zu holen, den er in ein Weinglas einschenkte, wobei der biegbare Strohhalm darin nichts Erwachsenes hatte. Sie war so schwach, dass sie kaum allein in der Lage war, das Glas zu heben, einen Schluck zu trinken und das Glas wieder abzustellen, ohne den Saft zu verschütten. Die Couch war weiß, und es bestand immer die Möglichkeit, dass sie den nächsten Wutanfall bekam.
Er stellte das Glas neben ihrem Ellenbogen auf den Beistelltisch, drehte ihr den Strohhalm entgegen und schüttelte zwei Tabletten aus dem Röhrchen mit Antibiotika, bevor er ihr erst eine, dann die zweite auf die Zunge legte. Die ganze Zeit beschlich ihn das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Es war die Stille. Er blickte hinüber zum Hochzeitsbrunnen auf dem gläsernen Wohnzimmertisch. Zu seinem Leidwesen bemerkte er, dass das Silber der ineinander verschlungenen Schwanenhalsrinnen gelblich angelaufen war, das gleiche fahle Gelb wie die kränkliche Nachmittagssonne. Bei allem Elend hatte er bislang immer einen Moment gefunden, um das Silber zu polieren. Schlimmer noch, das gleichmäßige, beschwingte Tröpfeln, das den akustischen Hintergrund zu manch einem Feierabenddrink gebildet hatte, war versiegt. Mindestens seit einer Woche musste er vergessen haben, das Wasser nachzugießen.
In der Küche ließ Shep einen Krug mit Wasser volllaufen. Als er zurückkam, um das Becken aufzufüllen, saß das Wasser still im Becken. Da der Brunnen versiegt war, hatte sich vorhersehbarerweise die Pumpe heißgelaufen und den Geist aufgegeben. Das geschah nicht zum ersten Mal, und die bevorstehende kleine Reparatur war kein Grund zur Besorgnis. Dennoch kam es ihm vor wie ein Omen.
Es war eindeutig nicht der richtige Moment, aber er musste sich zusammenreißen, um den Brunnen nicht sofort zu reparieren; im Keller lagen ein paar Ersatzpumpen. Reparaturen waren das, womit er sich beschäftigte. Er verdiente sein Geld mit Reparaturen, zumindest hatte er das bis heute Vormittag noch getan. Er starrte in das stille Wasser, und der Stress, diese kleine Fehlfunktion nicht sofort zu beheben, spiegelte den größeren Stress des letzten Jahres wider: Er konnte die Dinge nicht reparieren.
Er ließ den Krug auf dem Boden stehen, rutschte behutsam neben seiner Frau aufs Sofa und nahm ihre Hand. »Ich bin nicht sicher, ob du das Datum noch im Kopf hast. Weißt du noch, dass du morgen früh deine Aussage wegen Forge Craft machen musst?«
Sie atmete rasselnd ein und hustete. »Ich weiß es noch.«
»Ich mache mir Sorgen, dass du’s vielleicht nicht schaffst.«
»Na ja, das Timing könnte besser sein. Das Fieber ist zwar überstanden, die Infektion ist aber immer noch … Also, ich denke, wir könnten’s noch mal …«
»Ich weiß, wir könnten den Termin verschieben, aber auch das macht mir Sorgen. Wir haben diesen Termin jetzt schon mehrmals verschoben. Langsam wird’s peinlich, und zu viele Verzögerungen könnten im Prozess gegen uns verwendet werden. Du weißt ja, dass ich nie ein großer Freund dieses Unterfangens war. Aber es ergibt keinen Sinn, diese Sache zu verfolgen, wenn wir verlieren. Ich wünschte, du hättest das alles hinter dich gebracht, als du noch die Kraft hattest. Es geht ja nicht nur darum, auf Video ein Statement abzugeben. Die Anwälte von Forge Craft werden da sein. Rick hat mich vorgewarnt, dass so was Stunden dauern kann, und das Kreuzverhör kann zermürbend sein. Aber ich werde jetzt nicht noch mal um einen neuen Termin bitten. Entweder ziehst du’s morgen durch, oder wir ziehen die Klage zurück.«
»Ich will die Klage nicht zurückziehen«, sagte sie beleidigt. »Irgendjemand muss büßen.«
»Dann musst du morgen aussagen.«
»Ich fühle mich schrecklich, Shepherd! Warum kannst du’s nicht noch mal verschieben? Wenigstens bis nächste Woche, bis dahin bin ich sicher –«
»Nein.« Es war ein seltsam belebendes Gefühl, das Heft in der Hand zu haben. Seit Monaten hatte sie von ihrem Mann keine Widerworte geduldet. »Wenn es dir so am Herzen liegt, dass jemand ›büßt‹, dann versteh ich nicht, warum du es immer weiter vor dir herschiebst. Bring die Aussage hinter dich. Morgen. Sonst sagen wir die ganze Sache ab.«
Glynis hatte sich aufgerichtet, die Handflächen auf den Oberschenkeln, die Augen geschlossen, und der Turban gab ihr lustigerweise etwas von einem Swami. In dieser gelassenen Haltung strahlte sie fast etwas Meditatives aus, wenn sie nicht angefangen hätte zu zittern. Als er ihre Hand berührte, bebte sie wie eine elektrische Zahnbürste.
»Glynis?«, sagte er sanft. »Wovor hast du Angst? Ich bin doch bei dir, und wir können jede Menge Pausen machen.«
Tief aus ihrem Zwerchfell kam ein Laut und drang hinauf in ihre Kehle, und sie versuchte, ihn wieder hinunterzuschlucken. Immer wieder durchfuhr sie ein Zittern, als würde ihr jemand mit einem Vorschlaghammer gegen die Brust schlagen.
»Gnu, was ist los? Wenn’s dir zu viel Stress ist, dann ziehen wir einfach die Klage zurück –«
Es war ein seismisches Beben, von dem sie erschüttert wurde, doch der einsame Vokal, der aus ihrem Mund entwich, glich eher einem ängstlichen Eh.
»Ist ja gut.« Er streichelte ihr die Hand. »Ganz ruhig, wir können auch noch später drüber reden.«
»Es ist …«, sagte sie jetzt deutlicher und rang um die Worte, sie rang in der Kehle mit ihnen, als wollten sie das Kommando übernehmen.
»Tief durchatmen, und versuch nicht zu reden.«
Doch als er sie in den Arm nehmen wollte, schob sie ihn mit einer Kraft, die er ihr gar nicht mehr zugetraut hätte, von sich. Auch wenn Shep inzwischen gut darin geworden war, nichts mehr von dem persönlich zu nehmen, was Glynis dieser Tage so tat, war die heftige körperliche Reaktion nun doch eine unerwartete Kränkung. Er zog sich auf die andere Seite des Sofas zurück und verschränkte die Arme.
»Es ist«, presste sie wieder hervor, und dann endlich schleuderte sie ihm die Worte entgegen, erbrach sie gleichsam mit Ekel und Erleichterung zugleich: »Es – ist – alles – meine – Schuld.«
»Was ist alles deine Schuld, Glynis?« Die Kälte in seiner Stimme war eine Gefälligkeit. »Ich kann mir nicht vorstellen, was deine Schuld sein soll.«
»Das hier!«, stieß sie hervor und fuhr mit der Hand über ihren eingesunkenen Unterbauch. »Das alles!«
»Was alles?«
»Der Krebs, die Chemo!«, brachte sie zwischen Schluchzern hervor. »Ich hab’s darauf angelegt. Ich hab mir das selbst eingebrockt!«
»Was redest du denn da. Du bist einfach nur erschöpft –«
»Halt den Mund!«, rief sie und schlug beide Hände auf die Oberschenkel. »Halt den Mund, halt den Mund, halt den Mund!«
Sie wartete, dass er wie üblich tat, was sie befahl. Stumm saß er da, ein Stück von ihr entfernt, während sie sich wieder halbwegs in den Griff zu bekommen schien.
»Auf der Kunstschule«, sagte sie. »Die Wickelpappeblöcke, die Handschuhe, die Beschichtung der Schmelztiegel – klar, in den Siebzigern war Asbest in solchen Produkten ja nicht verboten. Aber es war immerhin ein Thema. Ich wusste davon und meine Lehrer auch. Eine meiner Professorinnen war sogar richtig besorgt deswegen. Woher hätte ich denn sonst überhaupt gewusst, dass das alles Asbest enthält?«
Er wollte sagen, nur weil sie es gewusst habe, sei es noch lange nicht ihre Schuld, aber er merkte, dass das »Halt den Mund«Edikt noch in Kraft war.
»Jedenfalls, diese Professorin, ich weiß sogar noch ihren Namen, Frieda Luten. Sie hatte ziemlich viel über das Thema gelesen. Zu Beginn meines ersten Semesters hatte sie die Blöcke und Handschuhe eingesammelt, wirklich alles, was eine ›Gefahr für Leib und Leben‹ hätte darstellen können, und in einen Vorratsschrank getan. Die Regale waren beschriftet mit ›Bitte nicht verwenden und nicht anfassen‹. Sie hatte Ersatzmaterialien bestellt, wollte aber das alte Zeug nicht wegwerfen. Die Verkaufsabteilung von Forge Craft hatte ihr gesagt, dass die Firma wahrscheinlich eine Rückrufaktion starten würde und die Schule die alten Vorräte dann gegen neue eintauschen könnte. Die Firma startete den Rückruf auch tatsächlich, aber erst ein Jahr später. Das ist die Rückrufaktion, von der Rick Mystic sagte, dass wir sie damit bei unserer Klage drankriegen.«
Er konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Du willst mir also damit sagen, dass du die Produkte nie benutzt hast? Aber wie ist es denn sonst möglich, dass –«
»Ich bin noch nicht fertig.«
Shep verstummte.
»Du musst verstehen«, sagte sie und richtete den stumpfen Blick auf den Hochzeitsbrunnen; defekt und trübe, wie er war, wirkte er plötzlich verstörend billig, wie irgendein Kitsch aus dem Trödelladen. »Oder dich erinnern. Wie es war, als man jung war. Das Gefühl zu haben, dass die neurotischen kleinen Sorgen der Älteren für einen nicht gelten. Diese Sache mit dem Asbest, das war was Abstraktes. Ich dachte, die Leute machen einen Riesenwirbel um nichts, so wie dieser Riesenwirbel um den roten Farbstoff Nr. 2, nachdem ich als Kind immer die Maraschinokirschen auf meinem Eisbecher gegessen hatte und auch nicht davon gestorben bin. Und wie du weißt, ändern sie ständig ihre Meinung über das, was gut für einen ist und was einen umbringt – wie dieser ganze Aufstand um Sacharin, und dann bringen sie Aspartam ins Spiel, was wahrscheinlich genauso schlimm ist … dies ist giftig und das ist giftig … na ja, irgendwann nimmt doch keiner mehr irgendwas ernst, oder? Und damals gab es ja noch kein Internet; ich konnte nicht einfach bei Google das Wort Asbest eingeben und 15 Millionen Einträge finden. Und ich war total pleite.«
Sie drehte sich zu ihm und blickte ihn wütend an. Er hatte das Gefühl, jetzt etwas sagen zu müssen. »Und …?«
»Ach, sei doch nicht so ein Idiot! Ich hab das Zeug gestohlen, Shepherd! Ich wusste, sobald ich meinen Abschluss hätte, würde ich mir ein eigenes Atelier einrichten müssen, und du weißt es doch am besten – Schmiedematerialien kosten ein Vermögen! Ich dachte mir, wenn diese Materialien nicht mehr in Gebrauch waren, würde sie auch keiner vermissen. Herrgott, was glaubst du denn, warum ich mich so haargenau an die Etiketten unter den Lötblöcken erinnere oder an das kleine lila Blümchenmuster auf den feuerfesten Handschuhen? Weil ich eine ganze Kiste davon aus dem Regal geklaut habe, auf dem ›Bitte nicht verwenden und nicht anfassen‹ stand, weil ich alles eingepackt und mit nach New York genommen habe und weil ich jahrelang in Brooklyn damit gearbeitet habe! Das ist genau so, als hätte ich jahrzehntelang zwei Päckchen Zigaretten am Tag geraucht, um dann total überrascht zu tun, wenn ich an Lungenkrebs erkranke, ich wusste ja, dass das Zeug giftig war, und habe es trotzdem benutzt, weil ich – zu verflucht geizig war!«
Ah. Seinetwillen war Shep erleichtert. Da der ursprüngliche Warnruf von der Verkaufsabteilung von Forge Craft selbst ausging, würden sie die Klage zurückziehen müssen. Auch wenn die aufrichtige Erklärung nicht verbrieft war, wäre es nicht richtig, aus opportunistischer Gewinnsucht die Klage weiter zu verfolgen. Um sie zu schützen, könnte er Mystic ja vielleicht erklären, dass sie nicht mehr die Kraft habe, um eine Aussage durchzustehen. Somit würde er um einen mühsamen Rechtsstreit herumkommen, dessentwegen er von Anfang an ein mulmiges Gefühl gehabt hatte.
Sie leistete keinen Widerstand, als er auf ihre Seite des Sofas rutschte und ihr den Arm um die Schultern legte. »Es ist wirklich paradox«, murmelte er. »Eine der Eigenschaften, die ich so reizvoll an dir fand, als wir uns kennenlernten, war deine Sparsamkeit. Für deine Werkbank in Brooklyn hast du knallhart verhandelt.« Er lachte in sich hinein. »Was du ausgeben wolltest, hat kaum die Materialkosten gedeckt. Ich habe für fast nichts gearbeitet – da wurde mir klar, diese Frau muss es mir total angetan haben. Für niemand anders hätte ich umsonst gearbeitet. Aber ich wollte dich ficken«, sagte er leise in ihr Ohr, und allein bei diesen Worten wurde er hart. »Ich wollte dich um jeden Preis ficken.«
»Ich versteh nicht, wie du dich dazu bringen kannst, noch immer mit mir zu reden«, sagte Glynis, die Stimme gedämpft durch sein Hemd. Sie hatte seine Erektion bemerkt und legte ihm behutsam die Hand in den Schritt. Sie streichelte ihn, während er zur gleichen Zeit ihre Schulter streichelte, als wäre er ein geliebtes älteres Haustier. »Nachdem ich dich beschuldigt habe. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, was mich dazu getrieben hat. Außer, dass es so schwer zu akzeptieren war … die Diagnose … was mit mir passieren würde, die Operation, die Behandlungen … Ich konnte einfach nicht auch noch mit der Schuld umgehen. Es war zu viel. Es war ja nicht so, als hätte ich vergessen, dass ich auf der Kunstschule diese Materialien aus dem Schrank geklaut hatte. Ich habe mich der Tatsache nur nicht … zugewandt. Aber mich gegen dich zu wenden, dir die Schuld zu geben – weil du eben da warst –, weil du stark warst und ich dachte, du könntest ertragen, was für mich unerträglich war – weil es eine bessere, plausiblere Geschichte ergab, die ich anderen Leuten besser erzählen konnte … das war nicht gerecht, und ich weiß nicht, ob du mir jemals verzeihen kannst.«
»Ich rede immer noch mit dir, viel mehr noch«, flüsterte er und küsste sie auf den glatten Schädel. »Irgendwann hast du ja woanders die Schuld gesucht, und das war schön. Danach war es leichter für mich, weil ich nicht mehr glauben musste, dass ich deine Krankheit verursacht habe, nur weil ich dich …« – es war tatsächlich schwer, den Satz auszusprechen, ohne dass ihm die Stimme versagte – »umarmt habe, wenn ich nach Hause kam.«
Shep haderte noch mit sich, ob er mit seinem Ständer etwas anfangen oder einfach nur den Zustand genießen sollte, dieses beharrliche, pumpende Zucken, das ihm wieder das Gefühl gab, jung zu sein und verheiratet – als das Telefon klingelte. Er hätte es ignorieren können, aber hin und wieder gehörte es sich eben, daran zu denken, dass er auch noch einen Sohn hatte, der eigentlich schon längst aus der Schule hätte zurück sein müssen. Da die Eltern des armen Jungen seit über einem Jahr in jedweder Hinsicht unansprechbar waren, konnten sie sich wenigstens herablassen, ans Telefon zu gehen.
Es war nicht Zach. Als er die Stimme am anderen Ende der Leitung erkannte, zog er entschuldigend eine Augenbraue hoch und hob den Zeigefinger. Sie wirkte auf einmal so erschöpft, dass ihr ein paar Minuten Ruhe vielleicht ganz recht wären. Er ging hinüber in die Diele. Während die Stimme weitersprach, hatte er Angst, dass das hysterische Weinen durch den Hörer und zu Glynis dringen könnte, und so ging er hinaus auf die vordere Veranda. Es war kalt draußen, doch es hatte sich eine solche Kälte in ihm ausgebreitet, dass sein Blut die Temperatur der Luft angenommen hatte, wie bei einem Reptil.
MAN KONNTE DURCHAUS behaupten, dass Shepherd Armstrong Knacker ein anderer Mensch war, als er ins Zimmer zurückkam. Um des wenigen willen, was von seinem Eheleben noch übrig war, hätte er sich gewünscht, dass sein sofortiger Entschluss, seine gebrochene Frau vor einer gewissen Nachricht zu schützen, im Mittelpunkt seiner Verwandlung gestanden hätte. Doch seit er im Internet ihre Prognose gelesen und die Information wie eine ganz eigene Krebserkrankung für sich behalten hatte, seit er auf ihren verwirrenden Wunsch hin die Ergebnisse der CTs vor ihr geheim gehalten hatte, war es ihm zur Gewohnheit geworden, Glynis vor wichtigen Informationen zu schützen. Durch das Nichterzählen war er, und zwar schon seit Langem, zu Hause zum Lügner geworden.
Doch in der Öffentlichkeit war er bis zu diesem Telefonat nie unehrlich gewesen. Seine Steuererklärung war immer akribisch gewesen, und er hatte selbst Zahlungen angegeben, die ihm mit einem Augenzwinkern in bar zugeschoben worden waren. Anders als seine tragisch langfingrige Frau hatte er Pogatchnik nicht um einen einzigen Schraubenzieher erleichtert. Er hatte mit der Morgentau-Residenz einen Vertrag unterschrieben; durch sein Wort gebunden, hatte er nie ernsthaft in Erwägung gezogen, die monatlichen Zahlungen einzustellen und der Einrichtung selbst oder dem Staat die unschöne Aufgabe zu überlassen, das Haus in Berlin gegen den Willen seiner Schwester zu verkaufen und mit dem Gewinn die ausstehenden Rechnungen zu begleichen.
Jahrzehntelang hatte er sich von seinem besten Freund als »arme Sau« beschimpfen lassen – wahlweise auch als Dumpfbacke, Prügelknabe, Volltrottel, Sklave, Depp oder Lakai, je nachdem, welchen absurden Modebegriffs sich der Mann gerade bediente. Während Shep bisweilen zugab, dass seine Steuergelder nicht ausschließlich Zwecken zugeführt wurden, die er persönlich unterschrieben hätte, waren Jacksons Schimpfkanonaden über die wahre Trennung der Gesellschaft in Nehmende und Ausgenommene bei ihm stets auf taube Ohren gestoßen. Für Shep waren die Tiraden einfach nur erheiternd gewesen, eine amüsante Zerstreuung, um sich auf den Runden durch den Prospect Park die Zeit zu vertreiben.
Jetzt aber waren sie zum Erbe seines besten Freundes geworden. Abgesehen von einem kranken und einem verfetteten Kind sowie einer Frau mit übernatürlicher Selbstbeherrschung, die nun endlich gebrochen worden war, stellte die Erinnerung an diese Hetzreden seine einzige Hinterlassenschaft dar. Sie zu ehren bedeutete, nach ihnen zu handeln. Einmal in seinem Leben würde Shep Knacker dafür sorgen, dass Jackson stolz auf ihn war.
Glynis hatte sich am Ende der Couch zusammengerollt. Shep kniete sich vor sie hin und bog sie sanft auseinander, ähnlich wie man eine geschlossene Blüte öffnet, wenn man die Blätter nicht beschädigen will. »Gnu«, sagte er monoton und nahm ihre Hände. »Setz dich mal auf, ja? So. Ich möchte jetzt, dass du mir zuhörst. Schau mich an, ja? Es ist alles in Ordnung, ich bin dir nicht böse. Ich verstehe, wie schwer es war, dieses Geheimnis so lange mit dir herumzutragen. Aber ich trage auch ein paar Geheimnisse mit mir herum. Und die sind nicht viel leichter.«
Er wartete, bis sie seinem Blick begegnete.
»Du weißt, dass es uns ziemlich gut ging nach dem Verkauf der Firma und nachdem sich unsere Anlagen nach der Dotcom-Blase und 9/11 wieder erholt hatten. Nur deswegen konnte ich überhaupt verkünden, dass ich nach Pemba gehen würde, mit dir oder ohne dich. Wir hatten das Geld dafür. Gut, mein Timing war schlecht, und das ist noch untertrieben. Aber Glynis, deine Behandlungen waren sehr teuer. Diese beiden Spezialisten an der Columbia-Presbyterian sind nicht im Vertragsnetzwerk. Ich habe die ganze Zeit versucht, dir den Rücken freizuhalten, damit du dich auf deine Genesung konzentrieren kannst. Aber ich denke, allmählich solltest auch du Bescheid wissen. Wir sind so gut wie pleite, Glynis. Seit meinem achtzehnten Lebensjahr habe ich – haben Jackson und ich – sechzig Stunden die Woche gearbeitet, manchmal mehr, und wir haben aus dem Nichts diese Firma aufgebaut. Seit dem Verkauf war ich – waren Jackson und ich – die Handlanger eines fetten, nichtsnutzigen und komplexbeladenen Exmitarbeiters, der uns nicht ausstehen kann. Unterdessen haben wir beide nicht gerade in Saus und Braus gelebt, und jetzt tut es mir leid, dass ich dich nicht öfter zum Essen ausgeführt habe, als du noch Appetit hattest. Aber alles, was ich verdient habe, und alles, was wir zusammengespart haben, Glynis – ist weg. Mein Konto bei Merrill Lynch ist leer. Ich hab keine Ahnung, ob ich das Geld für die nächste Miete aufbringen geschweige denn noch eine Rechnung für eine Chemotherapie zahlen kann. Und noch was, was ich dir noch nicht erzählt habe: Ich bin heute entlassen worden, Glynis. Ich hab keinen Job mehr. Ich hab kein Gehalt mehr, das heißt, wir sind jetzt nicht mehr krankenversichert. Also geht die nächste Chemo zu hundert Prozent auf mich. Wir stehen vor dem Bankrott. Vielleicht denkst du, du hast eine ungefähre Ahnung, wie ich mich fühle. Du nimmst wahrscheinlich an, dass es mir peinlich ist. Aber es ist mir nicht peinlich. Ich bin wütend.«
Die finanzielle Misere schien auf Glynis wenig Eindruck zu machen, seine Wut hingegen schon. »Nicht wirklich«, staunte sie. »Na, das wird aber auch mal Zeit.«
»Jackson –«, Shep hielt inne, um sich zu berichtigen. Er wollte nicht weinen, oder doch, er wollte schon, aber er wollte nicht erklären müssen, warum. Es fiel ihm schwer, den Namen auszusprechen, wobei genau das wichtig zu sein schien. »Jackson lässt sich von der ganzen Ungerechtigkeit runterziehen. Es frisst ihn auf. Und das ist schade. Aber das, was er über die Welt denkt, ist nicht total verrückt. Wenn nur du dich an die Spielregeln hältst und die anderen nicht, bist du der Dumme. Wenn man sein Leben auf die Reihe kriegt, denken sich die Leute, dass man, wenn man schon dabei ist, auch gleich deren Leben mit auf die Reihe kriegen soll. Jackson hat uns bis zum Abwinken erklärt, dass Leute wie er und ich ausgenutzt werden. Wir werden bestraft. Allein für den Verkauf vom Allrounder habe ich 280 000 Dollar Kapitalgewinnsteuer an den Staat abgedrückt. Zähl mal dazu, was ich diesen Wichsern seit der Highschool ausgehändigt habe, dann sind das zwischen einer und zwei Millionen Dollar. Und das ist derselbe Staat, der meiner Frau, wenn sie an Krebs erkrankt, nicht mal eine einzige Paracetamol bezahlt. Genauso weigert er sich, für meinen alten Vater zu sorgen, obwohl auch der sein ganzes Leben lang in das System eingezahlt hat – nur weil er, genau wie ich, ein verantwortungsbewusstes Leben geführt hat und nicht mittellos ist. Jackson hat recht. Es ist nicht fair. Und ich glaube, dass es ihm nicht recht ist, wenn wir das alles einfach hinnehmen. Vielleicht zollt man einem wirklich guten Freund am besten damit Tribut, dass man ihm ein Mal richtig zuhört, ihn … ein Mal ernst nimmt, anders als sonst, wie ich zu meiner Beschämung sagen muss.«
Sheps Verwendung der Gegenwartsform war ein Anachronismus, aber Jackson lässt und Jackson denkt ging ihm relativ leicht über die Lippen; die Verbform diente nicht allein zur Verschleierung. Es hatte Jahre gedauert, bis sein Vater aussprechen konnte, dass Sheps Mutter eine gute Köchin gewesen sei, dass sie unermüdlich für seine Gemeinde gearbeitet habe. Für die Lebenden, die von keinem anderen Zustand einen Begriff haben, war die Verwendung der Vergangenheitsform eine Disziplin, eine obendrein unnatürliche Grammatik, die man zunächst erlernen musste.
»Mein Vater würde natürlich sagen, es ist doch nur Geld«, fuhr Shep fort. »Vielleicht denkst du genauso, wo die einzige Währung in deinem Leben im Moment deine Gesundheit ist. Aber ohne Geld kann ich das Dach über deinem Kopf nicht behalten oder die Heizung im Februar auf zweiunddreißig Grad aufdrehen oder dich im Auto in die Klinik fahren. Außerdem will ich ja nicht ›zynisch‹ sein, aber – was ist mit dir? Ich muss danach weiterleben, und sei es, um für unseren Sohn zu sorgen. Ich habe auch immer versucht, für dich zu sorgen, so gut ich konnte, aber jetzt bitte ich dich um eine Gegenleistung.«
»Soll ich wieder anfangen, Gussformen für Schokohasen zu machen?«
Er lächelte. Es waren schon Pulitzer-Preise für geringere Leistungen vergeben worden, als in Zeiten wie diesen Humor zu beweisen. »Ja, so was Ähnliches«, sagte er. »Als du damals aus Bosheit diesen Halbzeitjob angenommen hast, hatte ich die Bemerkung gewagt, wie schade es sei, dass du nicht wenigstens einen kleinen Beitrag zu unserem Einkommen geleistet hast. Aber jetzt kannst du einen großen Beitrag dazu leisten. So gesehen kannst du alles wiedergutmachen. Du kannst uns eine goldene Nase verdienen.«
»Kapier ich nicht.«
»Ich hab’s verstanden, was du mir gerade erzählt hast. Dass du an der Kunstschule gewarnt worden bist wegen dieser Produkte, dass sie aus dem Verkehr gezogen wurden, noch bevor eure Kurse losgingen. Dass du genau wusstest, dass sie Asbest enthalten. Dass du trotz aller Warnungen deiner Professorin, die von Forge Crafts eigener Verkaufsabteilung über eine bevorstehende Rückrufaktion unterrichtet worden war, dieses Material geklaut hast. Ich glaube, du hast recht, wenn du das alles aussagen würdest, wären unsere Chancen auf einen fetten Schadensersatz gleich Null. Aber deine Kunstschule hat vor Jahren dichtgemacht. Selbst wenn sie danach noch woanders gelehrt haben sollte, ist Frieda Luten wahrscheinlich längst im Ruhestand, und wer weiß, wo. Keine deiner ehemaligen Kommilitonen ist in diesem Fall aufgetaucht. Petra könnte sich noch an dies und jenes erinnern, aber sie ist deine Freundin und wird den Mund halten. Nur wir beide wissen, was wirklich passiert ist. Also möchte ich, dass du morgen deine Aussage machst, und zwar mit vollem Einsatz. Und ich möchte, dass du lügst.«
PÜNKTLICH UM NEUN Uhr begann in einem sterilen Konferenzraum in Lower Manhattan die Aussage unter Eid. Shep setzte sich auf einen der Plätze an der Wand, während Glynis den heißen Stuhl am Kopf des ovalen Tisches einnahm; mehr als zugegen sein und gelegentlich auf eine Pause drängen konnte er zu ihrer Unterstützung nicht tun. Die Kamera zu ihrer Linken starrte von ihrem Dreibein hinunter und würde jedes Zögern, jedes Abwenden der Augen, jedes verräterische Kratzen an der Nase aufzeichnen. Forge Craft brachte ein Team von vier Anwälten mit, alles Männer, alle vorsätzlich arrogant. Nachdem Glynis damit fertig war, die Produkte aus der Erinnerung zu beschreiben und detailliert zu schildern, wie sie damals bei welchem Vorgang zur Verwendung gekommen waren, begann ihr Anwalt mit der Befragung.
Rick Mystic, das Ergebnis einer halbherzigen Internetsuche nach dem passendem Rechtsbeistand, war erst Mitte dreißig, und Shep hatte gelernt, seine Besorgnis darüber abzulegen, dass er noch ein halbes Kind war; wenn er jedem misstraute, der jünger war als er selbst, könnte er bald niemandem mehr trauen. Mystic hatte das wohlproportionierte, kantig gute Aussehen, das durchaus fernsehtauglich gewesen wäre; eine Hauptdarstellerin in flachen Schuhen hätte darüber hinweggetäuscht, dass er klein war. Angeblich hatte er einen Lieblingsonkel, der an Asbestose gestorben war, und so hatte sein Spezialgebiet etwas von einer persönlichen Mission. Auch wenn Philanthropie allein nicht die treibende Kraft des jungen Mannes in seinem edlen Anzug sein konnte, dachte sich Shep, dass sie Rick Mystics Geldgier ähnlich wie Philip Goldmans Ego für ihre Zwecke nutzen konnten. Altruismus befand sich schließlich eher ganz unten auf der Liste menschlicher Triebfedern.
Von allgemeinen Vorurteilen abgesehen, waren Sheps hauptsächliche Bedenken gegen ihren Anwalt lächerlich dekorativ: Mystics verwendete die Füllwörter »sozusagen« und »ziemlich« zwei- bis dreimal pro Satz. Klar, der sprachliche Tick war weit verbreitet, doch diese zeitgenössische Neigung zur unablässigen Qualifizierung verlieh allen Behauptungen eine ärgerliche Verschwommenheit, etwas Ausweichendes, eine verdächtige Unbehaglichkeit, sich festlegen zu lassen. Der Tisch da wäre niemals »braun«; er wäre »sozusagen« braun, und was sollte das bitte für eine Farbe sein? Und dann hatte der Tick bei einem Anwalt eine dem Berufsstand widersprechende Ungenauigkeit und lief außerdem im Fall von Glynis’ Aussage auf eine surreale Untertreibung hinaus: Ob sie seit ihrer Krankheit nicht »sozusagen arbeitsunfähig« gewesen sei?
»Nein, ich kann nicht arbeiten«, entgegnete Glynis. Ihre Sätze waren stichhaltig, wobei jeder zweite von einem Husten und einer rasselnden Verschnaufpause begleitet war. »Und ich habe es versucht. Ich kann mich nicht mal auf eine einzige Folge von Alle lieben Raymond konzentrieren. Also gucke ich Kochsendungen. Meine Aufmerksamkeitsspanne entspricht in etwa einem Rezept für Ziegenkäsebruschetta.«
»Und würden Sie sagen«, fragte Mystic, »dass Sie ziemlich kontinuierlich Schmerzen haben?«
»Mir ist oft schlecht«, sagte sie, »ich kriege kaum Luft. Ganz ehrlich, mir nur ein Glas Wasser zu holen fällt mir heute schwerer, als früher im Fitnessstudio eine Stunde Step-Aerobic zu machen. Und ich habe im wahrsten Sinne des Wortes kein Privatleben mehr. Ständig bekomme ich Spritzen in den Arm, Röhrchen in den Hals und Kapseln in den Darm geschoben. Mein Leben ist eine einzige große Vergewaltigung. Früher, da habe ich meinen Körper geliebt. Vor einem Jahr noch, mit fünfzig, war ich immer noch schön. Jetzt hasse ich meinen Körper. Er ist ein einziges Horrorkabinett. Eigentlich hätte ich eine Lebenserwartung von achtzig Jahren gehabt. Inzwischen glaube ich, dass diese Zahl … erheblich kleiner geworden ist.«
Von allen Versammelten erkannte allein Shep, was das für ein Zugeständnis war.
Danach versuchten die verteidigenden Anwälte abwechselnd, ihre Aussage infrage zu stellen. Sie zählten jede Menge alltäglicher Materialien auf, mit denen sie seit der Kunstschule in Berührung hätte kommen können, aber sie schlug die Fragen zurück wie bei ein Baseballspieler: Ob sie so aussehe, als würde sie sich zu Hause ihre Wärmedämmung selbst einbauen?
Indem er dieselbe Faserntheorie anführte wie ihr erster Onkologe, brachte einer der Anwälte die Handwerkerfirma ihres Mannes ins Spiel, wo er doch sicherlich mit, sagen wir, Asbest angereichertem Zement gearbeitet haben musste. Abgesehen davon, dass in den Jahren ihrer Ehe Shep hauptsächlich in leitender Position gewesen sei, behauptete Glynis schelmisch, dass sie während der vorhergehenden Zeit seiner Hausbesuche keine Lust gehabt habe, ihren Mann zu umarmen, »bevor er nicht geduscht« hatte. Zudem sei der Kontaminationsweg viel zu umständlich. »Die einfachste Erklärung ist meist die beste. Ich hab’s sogar noch mal im Internet recherchiert.« Glynis las von ihren Notizen ab. »Steht man vor der Wahl mehrerer Erklärungen, die sich alle auf dasselbe Phänomen beziehen, soll man diejenige bevorzugen, die mit den einfachsten bzw. der geringsten Anzahl an Annahmen auskommt. Also ist es gar nicht nötig, ein aufwendiges Szenario zu konstruieren, dem zufolge mein Mann – der sich ja im Übrigen keine mit Asbest zusammenhängende Krebserkrankung zugezogen hat – mit Asbest gearbeitet, Asbest an der Kleidung gehabt, mich umarmt und die Fasern auf meinen Sachen hinterlassen hat, damit ich sie logischerweise einatme, wo ich einfach selbst mit Asbest gearbeitet habe!«
Sicherlich, sagte ein anderer Anwalt spöttisch, läge ihre Ausbildung doch so lange zurück, dass sie sich unmöglich an die einzelnen Produkte erinnern könne, mit denen sie gearbeitet habe, und an deren Hersteller.
»Im Gegenteil«, sagte Glynis und nahm jene majestätische Haltung ein, mit der sie ihren Mann oft gleichzeitig in Rage gebracht und betört hatte. »Ich hatte gerade angefangen, mein Handwerk zu lernen, mir die ersten Inspirationen zu holen. Es war eine anregende Zeit in meinem Leben damals« – sie hielt inne und musste wieder husten – »im Gegensatz zu dieser, leider. Also habe ich noch sehr genaue Erinnerungen daran, so wie Sie sich vielleicht noch mit ungewöhnlicher Klarheit erinnern, wie es war, als Sie sich das erste Mal verliebt haben. Und ich hatte mich verliebt. Es waren die Jahre, in denen ich mich ins Metall verliebt hatte.«
Mehr als ein Mal war Shep dem oberflächlichen Sinnspruch begegnet, dass man immer genau das töte, was man liebt; die Umkehrung dessen war ihm bislang jedoch noch nicht untergekommen; dass man vom dem, was man liebt, getötet wurde.
»Und dann«, fuhr Glynis fort, »lagen im Atelier, bei den Lehrbüchern und Fachzeitschriften auf dem Regal neben der Standbohrmaschine, immer Kataloge von Forge Craft. Ich habe immer in den Katalogen geblättert, weil ich mir nach dem Abschluss ja ein eigenes Atelier einzurichten hoffte. Ich weiß noch, wie erschrocken ich war über die Preise. Wie besorgt ich war, ob ich mir jemals eine eigene Poliermaschine, einen eigenen Satz Hammer, einen eigenen Schleudergussapparat würde leisten können. Damals hatte Forge Craft landesweit ja praktisch das Monopol auf den Verkauf von Schmiedematerialien. Deswegen konnte die Firma unbesorgt astronomische Preise für ihre Produkte verlangen. Von wem hätte Saguaro also sonst Werkzeug und Materialien beziehen sollen, wenn nicht von Forge Craft, die Konkurrenz war ja ausgeschaltet. Vielleicht sind Sie jetzt Ihrem eigenen Erfolg zum Opfer gefallen.«
Was Shep am meisten beeindruckte, war ihre Gelassenheit angesichts einer Reihe von Fragen, die das Unmögliche vollbringen und ein menschliches Leben mit einem Preisschild versehen wollten. Zu diesem Zweck nahmen sie sie in die Mangel: Wie hoch genau ihre Jahreseinkünfte aus der Kunstschmiedearbeit seien, und Glynis konnte ohne offensichtliche Beschämung die magere Ziffer angeben. Noch beleidigender war, dass sie wissen wollten, ob sie vor ihrer Krankheit eingekauft, welchen Anteil der elterlichen Pflichten sie bei Zach übernommen, wie viele Mahlzeiten sie durchschnittlich in der Woche zubereitet und sogar wie oft sie Wäsche gewaschen habe. Sie bemaßen den Wert des Lebens seiner Frau in Waschladungen mit heller und dunkler Wäsche. Einem jahrzehntealten Reflex folgend ertappte sich Shep bei dem Gedanken: Von diesem Zirkus muss ich unbedingt Jackson erzählen.
Glynis war einfach umwerfend. Sie ließ sich kein einziges Mal aus der Fassung bringen und blickte ihren Peinigern immer direkt ins Gesicht. Mystics Rat folgend hatte sie kein Make-up aufgelegt, und die vorwurfsvollen, gespenstisch eingefallenen Wangen, die mattgrün schimmernden Lippen, der nackte Schädel, der unter dem verrutschten Turban hervorschaute, lieferten eine eindringlichere Anklage gegen die Firmenprodukte aus den Siebzigerjahren als alles, was sie hätte sagen können.
Erst als sich das Verfahren formal dem Ende zuneigte und die Verteidiger der Gegenseite das Feld geräumt hatten, fiel Glynis in sich zusammen und rutschte von dem glatt polierten Tisch wie ein Schluck verschütteter Tee. Sie war so erschöpft, dass Shep sie regelrecht zum Auto tragen musste.
»Du warst ganz groß«, flüsterte er, und es hätte ihn gern mehr Mühe gekostet, fast ihr ganzes Gewicht zu stemmen.
»Ich hab’s für dich getan«, sagte sie undeutlich. »Und das Lügen? Hat mir Spaß gemacht.«
Als sie zu Hause waren, hatte sie von der stundenlangen würdevollen Haltung etwas zurückbehalten und weigerte sich, sich von ihm nach oben tragen zu lassen. Stattdessen kroch sie auf allen vieren die Treppe hoch. Mit je einer Verschnaufpause auf den beiden Treppenabsätzen brauchte sie für die fünfzehn Stufen eine halbe Stunde.
IN DEN PAUSEN während der Aussage hatte Shep immer wieder eine Nachricht auf Carols Mailbox hinterlassen; sie ging nicht ans Telefon. Als Glynis oben eingeschlafen war, versuchte er es erneut, und endlich ging sie ran. Bei ihrem ersten Anruf am Vorabend war sie noch hysterisch gewesen, jetzt war sie katatonisch. Die totale Monotonie ermöglichte immerhin den Austausch von Informationen. Sie war mit Flicka in die Küche gekommen. »Das werde ich ihm niemals verzeihen«, fügte Carol tonlos hinzu. »Das war Kindesmissbrauch. Und diesen Begriff verwende ich nicht einfach leichtfertig.« Wenig überraschend, war das Mädchen sofort in eine dysautonome Krise verfallen; »diese griesgrämige, flapsige Nummer von ihr«, sagte Carol, »ist alles nur gespielt. Kompensation. Sie kann mit Stress nicht umgehen. Jeder noch so unwichtige Test in der Schule, und sie ist nicht zu gebrauchen. Also kannst du dir ja vorstellen … Ich geb’s ungern zu, aber Flicka zu umsorgen, der Blutdruck, das Würgen – und da hätte ich fast mitgemacht –, na ja, es war eine Erleichterung. Mich auf die unmittelbaren medizinischen Bedürfnisse meiner Tochter zu konzentrieren, die noch fordernder waren als das, was Jackson getan hatte. Wahrscheinlich haben wir sie immer nur ausgenutzt … Anfangs als verbindendes Element, als gemeinsames Projekt, und später dann zur Ablenkung … Wir haben uns auf Flicka konzentriert, um uns nicht miteinander beschäftigen zu müssen.«
Während sie Flicka in aller Eile in die New-York-Methodist-Klinik fuhr, hatte Carol Heather angerufen, die noch in der Schule war. Sie hatte das jüngere Mädchen direkt in die Klinik bestellt, wo sie zu dritt die Nacht verbracht hatten. Flickas Zustand hatte sich stabilisiert, sie sollte wahrscheinlich am Abend entlassen werden. Carol hatte vor, mit den Mädchen zu einer Nachbarin zu ziehen. Den Berichten der Nachbarin zufolge waren unterdessen Polizei und Rettungswagen eingetroffen. Kaum verwunderlich, dass Carol das Haus auf keinen Fall noch mal betreten wollte. Shep versprach, bei nächster Gelegenheit hinzufahren und alles an notwendiger Kleidung, Flickas Medikamente und vielleicht Carols Computer zu holen. Von den vielen Gefallen, die er in den letzten Jahren seinen Freunden angeboten hatte, schien dieser der größte zu sein.
Als sie zugab, dass das Angebot der Nachbarin gut gemeint gewesen sei, dass sie aber nicht sonderlich eng befreundet seien – das Verhältnis beschränkte sich eher auf den Austausch von Torten und den freundlichen Hinweis, dass das Auto mal wieder auf die andere Straßenseite umgeparkt werden müsste –, bat er sie inständig, ihre verbleibende Familie doch stattdessen nach Elmsford zu bringen. Amelias Zimmer stand frei, und unten gab es noch die Couch. Er gab zu, Glynis noch nicht von Jacksons Tod erzählt zu haben. Aber sie werde das schon wegstecken, sagte er, auch wenn er noch nicht genau wisse, wie.
»Es geht wohl eher darum, dass du es selbst wegstecken musst«, sagte Carol mit aschfarbener Stimme. »Sie ist krank, aber sie ist immer noch bei uns. Nur weil sie krank ist, heißt das nicht, dass sie blöd oder ein kleines Kind ist. Frag Flicka. Glynis war mit Jackson befreundet, und sie hat das Recht, zu erfahren, was los ist. Wenn ich es einer Zwölfjährigen sagen kann«, die Pause war gewichtig, »dann kannst du es auch deiner Frau sagen.«
»Es ihr zu sagen«, sagte er, »macht es wohl auch für mich realer.«
»Es war real«, sagte Carol erschöpft. »Es war sehr, sehr real.«
»Jackson und ich haben gestern einen langen Spaziergang gemacht. Ich hätte was merken müssen. Aber ich war zu sehr mit meinen eigenen Problemen beschäftigt. Das Einzige, was mir auffiel, war, dass er ungewöhnlich im Reinen war mit sich. Philosophisch. Im Prinzip war es das einzige Mal, an das ich mich in letzter Zeit erinnern kann, wo er mal nicht total verärgert war. Vielleicht hätte ich stutzig werden müssen, wenn ich nur besser aufgepasst hätte.«
»So macht man das dann«, sagte Carol. »Die Vergangenheit durchkämmen, die Schuld auf sich nehmen. Aber Jackson hatte es ja ständig mit dem Thema Eigenverantwortung. Wenn, dann ist es Jacksons eigene Schuld. Seine und …« Sie seufzte. »Ich will nicht schon wieder damit anfangen, aber auch meine.«
»Jetzt machst du genau das Gleiche.«
»Sag ich doch. Es ist zwanghaft.«
Er beschwor sie noch einmal, nach Elmsford zu kommen, und sie gab nach. Sie machten aus, dass sie am Abend gegen neun mit den Mädchen vorbeikommen würde. Unterdessen hatte Shep sich einen Termin bei Philip Goldman geben lassen, mit dem es, ohne das Beisein seiner großartigen, aber doch wahnhaften Frau, zu sprechen höchste Zeit wurde.
»WIE SOLL MAN das jetzt verstehen«, fragte Shep in Goldmans Büro, »mit diesem Versuchsmedikament?«
Normalerweise strahlte der Internist Ausgelassenheit aus; er sprengte gewissermaßen den Rahmen seines kleinen Zimmers, er pflegte den Fuß auf den Schreibtischrand aufzustützen, federnd seinen Stuhl zurückzuschieben und aufzuspringen, um Skizzen irgendeines medizinischen Vorgangs auf kleine Zettelchen zu machen, seine Argumente mit ausladenden Gesten seiner großen Hände zu unterstreichen. Aber diesmal hatte seine unbändige Energie etwas Verkrampftes, und seine Unruhe beschränkte sich auf ein Zappeln. Die winzig kleinen, kreisenden Bewegungen mit der Bleistiftspitze und das Wackeln mit dem Knie beraubten den Arzt jener großen kinetischen Show, auf welcher seine Illusion von Attraktivität beruhte. Dass er zu nah zusammenstehende Augen und einen Bauch hatte, trat deutlicher hervor. Als Verlierer war Philip Goldman längst nicht mehr so gut aussehend.
»Es heißt Peritoxamil«, sagte Goldman, »auch unter dem Namen –«
»Cortomalaphrin bekannt«, sagte Shep bitter.
»Wie bitte?«
»Tut nichts zur Sache. Ein privater Witz.«
»Es ist jetzt in der dritten Versuchsphase und sehr vielversprechend. Nicht bei Mesotheliom, aber es könnte einen Crossover-Effekt mit der Darmkrebstherapie geben. Nun, wie ich fürchte, ist Ihre Frau – zur Zeit nicht die passende Kandidatin, um an der klinischen Studie teilzunehmen, aber –«
»Sie meinen, sie ist zu krank«, fuhr ihm Shep erneut ins Wort. »Da sie’s ohnehin nicht mehr lange macht, würde sie die schöne Statistik kaputt machen.«
»Das ist hart ausgedrückt, aber –«
»Ich drücke mich gern hart aus. Lassen Sie uns doch einfach bei der harten Ausdrucksweise bleiben.«
Goldman warf dem Ehemann seiner Patientin einen nervösen Seitenblick zu. Shep Knacker war immer so fügsam gewesen, so kooperativ. Doch der Arzt hatte sicherlich sämtliche Reaktionen auf extreme medizinische Umstände schon erlebt, und vielleicht war Streitlust auch nur eine Standardvariation.
»Es ist so«, sagte Goldman, »wir können die Freigabe des Medikaments für Compassionate Use beantragen. Wir können erklären, dass wir das uns zur Verfügung stehende traditionelle Arsenal aufgebraucht haben. Ich gebe zu, es ist nicht mehr als ein Versuch, aber es ist alles, was uns noch bleibt. Um ehrlich zu sein, an diesem Punkt haben wir nicht mehr viel zu verlieren. Einen kleinen Nachteil hat die Sache aber.«
»Es fällt einem dabei der Kopf ab.«
Goldmans halbes Lächeln war erzwungen. »Keine Nebenwirkung – außer für Sie. Da Perotoxamil von der Behörde nicht zugelassen ist, wird Ihre Versicherung die Kosten nicht übernehmen.«
»Ah ja. Und wie viel soll dieses neue Wunderöl kosten?«
»Für einen Durchgang? Um die 100 000 Dollar. Glücklicherweise wird es in Kapselform verabreicht, insofern müsste Mrs Knacker für die Behandlung nicht herkommen.«
»Hunderttausend. Es gibt also ›nicht viel zu verlieren‹? Ich glaube, ich bewege mich nicht in Ihrem Einkommensspektrum. Ich hab das Gefühl, ich kann hier eine ganze Menge verlieren.«
Goldman wirkte verdutzt. »Es geht hier um das Leben Ihrer Frau –«
»Jim!«
Der Doktor warf ihm einen besorgten Blick zu. »Ich gehe davon aus, dass das Thema Geld bei Ihnen zweitrangig ist, wenn es denn überhaupt ein Thema ist.«
»Wenn ich jetzt also sage, es ist ein Thema, dann bin ich grausam veranlagt, ja? Aber selbst wenn ich mitspiele und sage, in Gottes Namen, Doktor, tun Sie alles, was Sie können, bombardieren Sie den Krebs mit der Küchenspüle – einer vergoldeten Küchenspüle –, ich liebe meine Frau, und Geld spielt keine Rolle. Selbst dann: Wie kommen Sie darauf, dass ich 100 000 Dollar habe?«
»Oft kann man in solchen Fällen ein privates Darlehen aufnehmen. Mr Knacker, ich weiß, Sie stehen unter Stress, aber ihr aggressiver Tonfall macht mir Sorgen. Offenbar wissen Sie nicht zu würdigen, dass wir hier am selben Strang ziehen. Sie, Mrs Knacker und alle in dieser Klinik wollen schließlich nur dasselbe.«
»Ach ja? Und das wäre?«
»Selbstverständlich versuche ich das Leben Ihrer Frau so weit wie möglich zu verlängern.«
»Dann ziehen wir nicht am selben Strang.«
»Ach nein? Was ist Ihr Ziel?«
»Ihrem Leiden so bald wie möglich ein Ende zu machen.«
»Es ist wirklich Mrs Knackers Entscheidung, die Behandlung abzubrechen. Aber als ich ihr von Peritoxamil erzählte, klang sie, als wollte sie’s unbedingt ausprobieren. Selbstverständlich werden wir alles tun, damit es ihr gutgeht. Aber davon zu sprechen … nun, einfach zu planen, ein für allemal ihrem ›Leiden ein Ende zu machen‹, ist defätistisch.«
»Gut. Bin ich also ein Defätist«, verkündete Shep. »Ich gebe mich geschlagen. Ich gebe gern zu: Mesotheliom ist mir eine Nummer zu groß. Wenn das hier wirklich ein Kampf war«, gegen das Wetter, dachte er, »dann ist es jetzt vielleicht an der Zeit, die Waffen zu strecken. Und wenn es allein die Entscheidung meiner Frau wäre, ist mir auch klar, dass sie alles versuchen würde. Aber es ist nicht allein die Entscheidung meiner Frau, solange nicht sie es ist, die dafür zahlt.«
Goldman war deutlich verwirrt von diesen Worten. Immer wieder wandte er den Blick ab, verzog das Gesicht, zeigte unverhohlen seine Missbilligung und schlug gereizt gegen die Leertaste seiner Tastatur. Shep gewann den Eindruck, dass es befremdend und anstößig war, eine medizinische Entscheidung, egal von welcher Größenordnung, nach den Behandlungskosten zu treffen, anhand des Geldes, »nur des Geldes«, wie sein Vater sagen würde. »Ich möchte mich ganz klar ausdrücken, Mr Knacker. Dieses Medikament ist unsere letzte Hoffnung.«
»Ich bin gestern entlassen worden, Dr. Goldman. Ich habe gerade meinen Job verloren.«
Interessant war die subtile und doch merkliche Veränderung in der Haltung des Internisten, als ihm klar wurde, was dieser Umstand zur Folge hatte. »Das tut mir leid.«
»Das glaub ich Ihnen gern. Aber ich bin einfach zu oft zu spät zur Arbeit gekommen. Die Krankheit meiner Frau hat die Krankenversicherungsprämien meines Arbeitgebers beträchtlich in die Höhe getrieben. Als ehemaliger Leiter dieser Firma kann ich meine Entlassung aus der Belegschaft nur als clevere Geschäftsentscheidung loben.«
»Das ist aber eine furchtbar verständnisvolle Sicht auf Ihre missliche Lage.«
»Für mein Verständnis«, sagte Shep, »bin ich bekannt. Doch infolge meines Frührentnerstatus wird sich meine Krankenkasse nicht nur weigern, 100 000 Dollar für Pterodaktylus hinzublättern, oder wie das Zeug heißt. Sie wird auch Ihre Rechnungen nicht bezahlen.«
»Verstehe«, sagte Goldman. »Und ich nehme an, dass Ihre persönlichen Ressourcen einigermaßen erschöpft sind?«
»Einigermaßen? Das können Sie laut sagen.«
»Nach dem, was Sie mir gerade geschildert haben, kann ich verstehen, warum Sie vielleicht ein wenig wütend sind.«
»Nein, das können Sie nicht. Meine Entlassung war das Schönste, was mir seit über einem Jahr passiert ist. Aber Sie haben recht, dass ich ›ein wenig wütend‹ bin. Mir ist klar, dass Sie ganz normal Ihr Programm abgespult haben. Sie haben getan, was Leute wie Sie eben so machen. Sie pflügen sich immer weiter durch die Medikamente, arbeiten sich durch die Liste, sorgen dafür, dass keiner den Kopf hängen lässt, dass alle optimistisch bleiben und niemals das Wort sterben in den Mund nehmen. Meine Frau zum Beispiel nimmt nie das Wort ›sterben‹ in den Mund. Ehrlich, ich kann mich nicht erinnern, wann ich sie zuletzt das unaussprechliche Wort habe sagen hören. Niemand in diesem Gewerbe soll jemals die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen, das war’s, solange es noch die klitzekleinste Chance gibt, dass irgendeine neue Therapie noch ein paar Tage mehr rausschlägt. Sie haben sich nur an Ihr Drehbuch gehalten. Aber könnten wir einmal, wo Glynis nicht dabei ist, die Karten auf den Tisch legen? Dieses ›Versuchsmedikament‹ – Sie glauben doch nicht wirklich, dass es irgendeinen Unterschied machen wird.«
»Ich sagte ja, es ist nicht mehr als ein Versuch.«
»Wie stehen die Chancen? Fünfzig zu eins? Wären Sie bereit, ihr eigenes Geld darauf zu setzen?«
»Es ist schwierig, so etwas mit Zahlen zu belegen. Sagen wir einfach nur, es gibt eine entfernte Chance.«
»Wenn ich ein Spieler wäre, würde ich persönlich keine Hunderttausend auf eine ›entfernte Chance‹ setzen. Sie?«
Goldman antwortete nicht.
»Zweitens, verzichten wir doch einmal auf den Satz ›Ich glaube nicht daran, Prognosen aufzustellen‹. Sie wissen doch, wie’s läuft. Sie wissen mehr über Mesotheliom als sonst jemand in diesem Land, Sie sind der Experte. Also sagen Sie mir: Wie lange hat sie noch zu leben?«
Goldmans Miene erinnerte Shep daran, wie er sich als Junge in Berlin mit seinem besten Freund geprügelt und sich auf ihn gesetzt und ihn endlich dazu gebracht hatte, seine Niederlage einzugestehen.
»Vielleicht einen Monat? Möglicherweise eher drei Wochen.«
Shep zuckte zusammen, als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst.
»Das will niemand hören, das ist mir klar«, fuhr Goldman behutsam fort. »Und es tut mir sehr, sehr leid.«
Drei Wochen waren genau die Zeit, die Shep selbst vorhergesagt hätte, doch die nüchterne Einschätzung eines Arztes war noch mal etwas anderes. Es war nicht mehr möglich, kämpferisch, aggressiv und feindselig zu sein, wobei er beim Verlust dieser Stimmung merkte, wie sehr sie ihm noch fehlen würde. Abgesehen von diesem Termin bei Dr. Goldman beschränkte sich die Lebenszeit, die Shep Knacker damit zugebracht hatte, kämpferisch, aggressiv und feindselig zu sein, auf unter fünf Minuten.
Shep sammelte sich, und währenddessen füllte der Doktor das Schweigen. »Wenn ich an meine vielen Patienten denke, hat Ihre Frau vielleicht den überwältigendsten Kampfgeist gezeigt. Sie hat einen bemerkenswerten, einen wirklich bewundernswerten Widerstand geleistet.«
»Das ist nett von Ihnen, und ich verstehe, dass Sie ihr ein großes Kompliment machen wollen, aber … diese Art zu denken …«
Shep stand auf und lief auf dem kleinen Stück Teppich vor der Tür auf und ab. »Widerstand. Widrigkeiten überwinden. So wie die Leute in der Online-Selbsthilfegruppe, zu der Glynis neuerdings gehört, immer davon reden, die Ohren steif zu halten. Nicht loszulassen. Nicht aufzugeben. Die letzte Meile zu gehen. Man könnte meinen, da wird irgendein Schulsportfest organisiert. Dr. Goldman, meine Frau ist sehr ehrgeizig! Sie ist leistungsorientiert, eine Perfektionistin – und auch wenn es komisch klingt, ist das auch der Grund, warum sie professionell nicht so produktiv gewesen ist, wie sie es mit geringeren Ansprüchen gewesen wäre. Wie hätte sich ein so strebsamer Mensch dieser Sache anders stellen sollen? Und dann kommen Sie alle und legen noch einen drauf. Das hier ist kein Sackhüpfen, das hier ist Krieg. Der Kampf gegen den Krebs. Das Waffenarsenal, das uns zur Verfügung steht … Sie geben ihr das Gefühl, dass sie was tun muss, ein tapferer Soldat sein muss. Wenn sich ihr Zustand also dennoch verschlechtert, dann hat sie irgendwas nicht richtig gemacht: Sie hat unter Beschuss nicht genug Tapferkeit bewiesen. Ich weiß ja, Sie meinen es gut, aber nach dieser ganzen Kriegshetze setzen Sie das Sterben mit Unehre gleich. Mit Scheitern. Mit persönlichem Scheitern.« Zum ersten Mal hatte es Shep für sich ausformuliert.
»Die Militärsprache ist nur eine Metapher«, sagte Goldman. »Ein Weg, medizinische Sachverhalte so zu schildern, dass der Laie sie nachvollziehen kann. Sie soll den Patienten nicht für das Ergebnis einer Therapie verantwortlich machen.«
»Aber wenn Sie einerseits ihren Widerstand loben, glaubt Glynis, Sie gäben ihr in der Folge auch die Schuld, wenn die Therapie nichts bringt, verstehen Sie das nicht? Deshalb will sie ja auf keinen Fall aufhören. Deshalb können Glynis und ich über … im Grunde über gar nichts reden.«
»Ich sehe keinen Grund, warum sie ›aufhören‹ sollte. Glynis – Mrs Knacker – schöpft aus ihrer Beharrlichkeit Mut. Da ich sie inzwischen etwas kenne, würde ich Ihnen eher dazu raten, meine Prognose für sich zu behalten.«
»Ein Geheimnis mehr, was macht das schon aus?«, sagte Shep missmutig und ließ sich zurück auf seinen Stuhl plumpsen.
»Ich denke nur daran, die Qualität ihrer restlichen Lebenszeit zu erhalten. Dafür zu sorgen, dass sie optimistisch bleibt.«
»Aber wird sie’s denn nicht ohnehin schon wissen? Was in ihrem Körper vor sich geht?«
»Sie würden sich wundern. Nicht unbedingt. Dennoch würde ich Ihnen empfehlen, ihre Familie und Freunde zu kontaktieren. Unterstreichen Sie, dass es hier nicht um Monate, sondern um Tage oder Wochen geht und dass sie den Besuch nicht zu lange hinauszögern sollten. Damit sie sich verabschieden können.«
»Was bringt es denn, sich zu verabschieden, wenn man sich nicht verabschieden kann?«
»Wie bitte?«
»Na ja, wenn wir Glynis nicht Bescheid sagen, kann sich doch niemand verabschieden. Nicht mal ich kann mich dann verabschieden.«
»Na ja, manchmal ist hasta la vista auch sehr herzlich, aber einfacher aufzunehmen. Und eigentlich sagen wir doch zu allen möglichen Leuten ›bis später‹, die wir nie wiedersehen werden.«
»Stimmt wahrscheinlich«, sagte Shep widerwillig. »Vielleicht haben Sie recht, und Glynis will die Wahrheit über Peritoxamil nicht hören. Sie hat nämlich auch sonst nichts hören wollen, so viel ist sicher.«
»Ich denke, ich verstehe, warum Sie auf Peritoxamil lieber verzichten würden. Aber Glynis war Feuer und Flamme. Wenn Sie dafür sorgen wollen, dass bei ihr alles im Lot bleibt, könnte ich auch ein Placebo aufschreiben.«
Was wirklich hieße, dass man Glynis wie eine Zwölfjährige auf »Cortomalaphrin« setzen würde. Dass die letzten Tage seiner Frau eine einzige Täuschung sein sollten, deprimierte Shep mehr, als er in Worte fassen konnte. »Vielleicht. Ich würde mich bei Ihnen melden.«
»Unterdessen halten Sie mich auf dem Laufenden, was ihren Zustand angeht, und setzen Sie sich mit mir in Verbindung, wenn Sie Rat brauchen.«
»Es gäbe da etwas, das Sie tun könnten«, sagte Shep und senkte den Blick auf seinen Schoß. »Ich will wirklich nicht, dass sie im Krankenhaus stirbt. Aber ich will auch nicht, dass sie mehr leiden muss, als unbedingt nötig. Ich hätte gern etwas – um ihr das Ende zu erleichtern.«
»Das Ende ist nie einfach. Es kann sehr unangenehm sein. In fachkundigen Händen hat sie bessere Chancen, dass für ihr Wohlergehen gesorgt ist.«
Nachdem die Floskel mindestens drei Mal wiederholt worden war, hatte Shep genug. Vermutlich war Wohlergehen aus dem Mund eines Mediziners ein sehr dehnbarer Begriff.
»Sind Sie sicher, dass Sie sich’s nicht noch mal überlegen wollen, mit dem Krankenhaus?«, drängte der Doktor. »Liegt Ihnen das wirklich so sehr am Herzen?«
»Das tut es. Und ich glaube ehrlich, wenn sich Glynis jemals der Sache stellt und erkennt, was mit ihr passiert, wird sie’s genauso sehen.«
»Schmerzmittel sind kontrollierte Substanzen. Die Behörde hat uns da genau im Blick. Aufgrund der Suchtgefahr kann ich nicht einfach nach Belieben Tabletten verteilen.«
»Der Staat hat Angst, dass meine sterbende Frau medikamentensüchtig wird?«
Goldman seufzte. »Logisch ist was anderes, das gebe ich zu …« Er biss sich auf die Unterlippe. »Es ist etwas riskant … Aber ich denke, ich kann Ihnen ein Rezept für flüssiges Morphium ausstellen. Es ist nichts Kompliziertes. Nur ein paar Tropfen auf die Zunge, wenn es ihr dem Anschein nach –«
»Nicht gut geht«, sagte Shep mit einer Spur seiner anfänglichen Bitterkeit. Er stand auf. »Danke. Und wegen vorhin, Sie wissen schon, mein ›Tonfall‹ – ich wollte Ihnen damit nicht zu verstehen geben, dass ich undankbar bin.«
»Ich weiß, dass Sie dankbar sind, Mr Knacker. Und es tut mir leid, dass ich nicht mehr für Ihre Frau tun konnte. Wir haben alles versucht, was in unserer Macht stand – wie Sie ja bereits festgestellt haben. Aber Mesotheliom ist eine absolut tödliche Krankheit. Nicht umsonst heißt »Asbest« auf griechisch ›unvergänglich‹. Und Sie als Handwerker werden verstehen: Man hat in seiner Werkzeugkiste immer nur eine bestimmte Anzahl Werkzeuge.«
Sie gaben sich die Hand, und Shep wollte gerade gehen, da wandte er sich noch einmal in der Tür um. »Eine Sache noch. Die Operationen, die vielen Chemotherapien. Die Bluttransfusionen, Lungendrainagen, Kernspintomografien. Nach meinen Berechnungen belaufen sich Glynis’ Rechnungen für all diese Behandlungen auf über zwei Millionen Dollar. Könnte das in etwa hinhauen?«
»Gut möglich«, räumte der Arzt ein.
In einem Augenblick perverser Muße hatte Shep ausgearbeitet, dass sie bislang mehr als 2700 Dollar pro Tag gezahlt hatten, und weiteren Schätzungen zufolge hätte Glynis gern genauso viel bezahlt, um einen dieser Tage zu überspringen. Natürlich konnte er sich nicht dafür verbürgen, wie schlimm die Krankheit gewesen wäre, wenn man sie sich selbst überlassen hätte, doch immerhin ließ sich trefflich darüber streiten, was schlimmer war, die Behandlung oder der Krebs selbst. »Was haben wir denn nun eigentlich gekauft? Wie viel Zeit?«
»Oh, ich wette, wir haben ihr Leben wahrscheinlich um gut drei Monate verlängert.«
»Nein, tut mir leid, Dr. Goldman«, sagte Shep auf dem Weg nach draußen. »Gute drei Monate waren das nicht.«
ZURÜCK IN ELMSFORD hatte Zach eine Nachricht von Rick Mystic, von dessen Privatnummer. Da er Carol und die Mädchen in knapp einer Stunde erwartete, zog Shep die Zimmertür seines Arbeitszimmers zu und rief direkt zurück.
Rick kam sofort zur Sache. »Sie wollen zahlen.«
Ausnahmsweise wollten sie nicht sozusagen zahlen. »Das ging aber schnell.«
»Fälle wie diese können sich jahrelang hinziehen, aber wenn sich doch was bewegt, kann sich das Leben an einem einzigen Nachmittag auf einen Schlag ändern. Ich wette, die Leute von Forge Craft waren ziemlich beeindruckt von der Aussage Ihrer Frau. Aber sie waren auch ziemlich beeindruckt von ihrer … Krankheit.«
»Sie meinen, die haben Angst, dass sie …«
»Genau. In dem Fall könnte die Schadensersatzzahlung sozusagen ins Astronomische steigen. Sie haben denen ziemlich Angst gemacht.«
»Und, was bieten sie?«
»Eins-komma-zwei Millionen.«
Da sich zwölf genau durch drei teilen ließ, bedurfte es nur der einfachsten Grundschulmathematik, um sich auszurechnen, was nach dem Drittel Erfolgshonorar des Anwalts übrig bliebe; Mystics Anteil beliefe sich auf einiges mehr als das Erfolgshonorar des US-amerikanischen Staats damals beim Verkauf des Allrounder. »Und, was würden Sie raten?«
»Tja, wenn Sie vor Gericht ziehen, vor allem erst, nachdem Sie einen – noch größeren Verlust erlitten haben, bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie die Summe verdoppeln könnten. Aber ich muss dazu sagen, ein Geschworenengericht kann hart werden. Das ist sozusagen kein Zuckerschlecken. Sobald ein Verschulden nachgewiesen ist, geht es darum, festzustellen, was Ihre Ehe wert war. In Dollar. Also liegt es sozusagen in deren Interesse, zu beweisen, dass Ihre Ehe sozusagen miserabel war. Eine sozusagen miserable Ehe verdient rechtlich gesehen längst keinen so hohen Ausgleich wie eine gute.«
»Was geht es diese Leute an, wie meine Ehe war?« Er hatte die Vergangenheitsform verwendet und war froh, dass er vorher die Tür zum Arbeitszimmer geschlossen hatte. »Das heißt, für jedes Mal, wenn Glynis und ich Streit hatten, werden uns 10 000 Dollar abgezogen?«
»Sie mögen es lächerlich finden, aber ja, so läuft das, sozusagen. Man wird sie in die Mangel nehmen und von Ihnen wissen wollen, wie oft Sie miteinander geschlafen haben. Man wird versuchen, jemanden aus Ihrem Freundeskreis aufzutreiben, der Ihre Ehe als sozusagen unglücklich bezeichnen würde oder als sozusagen problematisch. Ich hatte eine Klientin, die sozusagen auf der Beweisebene schon gewonnen hatte; ihr Mann hatte zwanzig Jahre lang mit gesprühtem Asbest im Bereich Flammschutzmittel gearbeitet. Aber man fand heraus, dass sie während ihrer Ehe eine sozusagen lesbische Affäre hatte. Sie wollte auf keinen Fall, dass die Familie davon erfährt, und zog die Klage zurück. Es war sozusagen Erpressung. Und in Ihrem Fall, das, was Sie mir erzählt haben, dass Sie sozusagen schon die Koffer gepackt hatten und nach Afrika ziehen wollten? Wenn nötig auch allein, kurz bevor Sie erfuhren, dass Glynis Krebs hat? Ich verspreche Ihnen, man wird jemanden auftreiben, der die Geschichte kennt, und das wird ziemlich schlecht aussehen.«
»Wenn ich mich auf die Zahlung einlassen würde, wie schnell hätte ich den Scheck?«
»Sie müssten einen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben. Aber dann hätten Sie Ihren Scheck innerhalb von kürzester Zeit. Zumal Glynis in keiner guten Verfassung ist. Sie würden sich, nun, ungern von den Ereignissen überholen lassen, wo Sie sich’s vielleicht anders überlegen könnten. Wenn es hart auf hart käme, könnte das für Sie ja ein Anreiz sein, erst recht zuzuschlagen.«
»Ich werde mit Glynis reden müssen. Aber wenn Sie uns dieses Geld so schnell wie möglich besorgen – und damit meine ich, in etwa bis Montag, nicht erst in ein paar Wochen, denn wir haben keine paar Wochen mehr –, dann, würde ich sagen, nehmen wir’s.«
Nachdem er aufgelegt hatte, dachte Shep erneut betrübt über Jackson nach. Dass sein bester Freund diese Wandlung von armer Sau zum Absahner nicht mehr erleben durfte, war eine Schande.