Kapitel 8

Jackson warf sich die Tylenols ein wie TicTacs, und allmählich fragte er sich, warum er von den Antibiotika überhaupt nichts merkte. Aber es war nicht die richtige Zeit, sich auf seine vergleichsweise kleinen medizinischen Probleme zu konzentrieren, und er war dankbar, dass er alles im richtigen Verhältnis sehen konnte. Glynis war jetzt schon die zweite Woche im Krankenhaus; sie war von der Intensivstation in ein Einbettzimmer verlegt worden, und sie empfing jetzt auch Besuch.

Wegen des Mitbringsels hatte er sich das Hirn zermartert. Shep sagte, ihr Darm habe seine Funktion wiederaufgenommen, und sie würde wieder kleine Mengen fester Nahrung zu sich nehmen. Dennoch, was sollte man jemandem mitbringen, der gerade dabei war, sich von einem großen Eingriff zu erholen, Vanillepudding? Zum Schutz vor Infektionen waren Blumen verboten. Als Carol am Vormittag hingefahren war, hatte sie Glynis eine warme Reißverschlussjacke aus Fleece mitgebracht, die sie im Bett anziehen konnte, in einem satten Rot, das ihr gut zu Gesicht stand – ein beneidenswert inspiriertes Geschenk. Endlich kam er auf den Gedanken, ihr einen Liter frischen Maracujasaft zu besorgen. Zumindest klang das nach etwas, das die Lebensgeister weckte, und zum ersten Mal war er froh, dass Park Slope so schnöselig, vornehm und lächerlich geworden war; gleich im ersten Feinkostladen auf der 7th Avenue war das Zeug zu haben gewesen. Niemand konnte sagen, wie viele Besuche noch bevorstanden, bis dieser Albtraum vorbei war, und schon jetzt fielen ihm keine Geschenke mehr ein. Dabei würde die Sache vermutlich in der Zukunft nur immer noch schwieriger werden, sie würde die Lebensmittel, Bücher, Kleidungsstücke und Musik immer weniger gebrauchen können, je mehr sie sie auch tatsächlich verdiente.

Glynis’ Zimmer war leicht zu finden; ein Damenkränzchen hatte sich vor ihrer Tür aufgebaut. Schlechtes Timing. Er ließ sich Zeit, um sich zu sammeln und den Sitz seiner Jeans zu justieren, indem er die Hände in die Hosentaschen schob. Es waren Jeans aus der Zeit, als er fünf Kilo mehr gewogen hatte, die geräumigsten, die er besaß. Er hatte sich angewöhnt, im Gehen unauffällig die Taschen von innen nach vorn zu schieben, damit der Stoff nichts berührte.

Er erkannte die alte Dame wieder, die mit den beiden jüngeren Frauen plauderte. Sie musste inzwischen weit über siebzig sein, und sie steckte in einer großblumigen Aufmachung mit zahlreichen Accessoires, die allesamt lauthals verkündeten: Ich bin zwar schon älter, habe aber keineswegs meine Selbstachtung verloren. Es war Hetty, die Mutter. Er war ihr schon mal begegnet, an einem Abend bei den Knackers, an dem Hetty beim Essen mit erschöpfendem Elan vor sich hin geschnattert hatte. Was ihn am meisten beeindruckt hatte, war ihre Geschäftigkeit. Ihre diversen Aktivitäten in Tuscon umfassten eine Kampagne für ein Führerscheinverbot für illegale Einwanderer und auch neutralere Belange wie die Aufarbeitung von Antikmöbeln oder Yoga für Senioren. Sie erinnerte ihn an jene verblüffende Spezies von Mitschülern, die jeden Tag ihre Freizeit mit »außerschulischen Aktivitäten« vollgepackt hatten; es war, als ginge Hetty zur Schulbandprobe oder als habe sie sich zur Vizepräsidentin des Debattierklubs aufstellen lassen. Schwer zu sagen, ob dieser wilde Aktionismus das war, was er zu sein vorgab – ein Entschluss, jeden Tag bis zur Neige auszuschöpfen –, oder genau das Gegenteil, nämlich eine Flucht. Auf jeden Fall war sie die Art von Dame, die noch auf dem Sterbebett Hindi lernen würde, ohne dass ihr dabei in den Sinn käme, dass sie es nicht mehr bis nach Delhi schaffen würde, um den Satz »Wie komme ich bitte zum Bahnhof?« auszuprobieren.

Es mochte lange her sein, doch der Abend war ihm noch gut in Erinnerung, weil Glynis so wütend geworden war. Hetty hatte zu Jackson eine relativ harmlose Bemerkung gemacht, die Glynis so aufgefasst hatte, dass ihre Mutter ihren Kurs im Körbeflechten mit Glynis’ Schmiedearbeit gleichsetzen wollte. Glynis hatte mit frostiger Stimme verkündet, sie habe zufällig an einer Kunstschule studiert. Anschließend hatte sie die beiden Museen genannt, die ihre Stücke in ihre ständige Sammlung aufgenommen hatten, und sämtliche Galerien aufgezählt, in denen ihre Arbeiten gezeigt worden waren, dazu noch in New York – mit anderen Worten, nicht irgendwo in der Pampa im amerikanischen Südwesten. Er erinnerte sich an das Unbehagen, das ihn damals beschlichen hatte. Glynis war alt genug, um über unbedachte Bemerkungen ihrer Mutter geflissentlich hinwegzuhören. Beim Aufzählen all dieser Galerien hatte sie sich in ein kleines Mädchen zurückverwandelt.

Er sah zwar ein, dass der zwanghafte Übereifer auf Dauer anstrengend sein konnte, dennoch war Hetty Pike für den unbeteiligten Beobachter ein ziemlich normaler Mensch. Jackson staunte immer, welch große Gefühle die handelsüblichen Defizite und kleingeistigen Schrullen der alltäglichsten Charaktere auslösen konnten, wenn es sich bei diesen x-beliebigen Personen zufällig um die eigenen Eltern handelte. Zugegeben, Glynis und ihre Mutter hätten unterschiedlicher nicht sein können. Glynis war Perfektionistin, reserviert, hyperkritisch und ganz und gar düster; Hetty war fröhlich, gefühlsbetont und nicht im Geringsten bekümmert, wenn die Vase, die sie in ihrem Töpferkurs zusammengestoppelt hatte, am Ende unförmig war und nicht dicht hielt. Sie sahen sich überhaupt nicht ähnlich; Hetty war klein, hatte ein rundes, strahlendes Gesicht und flauschiges, dauergewelltes graues Haar, wogegen Glynis’ markante und längliche Gesichtszüge an die Fotos ihres mageren, schlaksigen Vaters erinnerten. (Glynis hatte ihn verehrt. Wenn man so will, hätte sie ihrer Mutter vorhalten können, dass er und nicht Hetty vor gut zwanzig Jahren beim Klettern von einer Steilküste gestürzt war.)

Doch anstatt das Missverhältnis zu ignorieren, ließ sich Glynis von der Ungleichheit zwischen ihr und ihrer Mutter in den Wahnsinn treiben. Selbst in ihren mittleren Jahren wollte sie der guten Frau noch immer etwas beweisen, und Jackson hatte gegen den Impuls ankämpfen müssen, sie beim Abendessen damals zur Seite zu nehmen und ihr »vergiss es« ins Ohr zu flüstern. Hetty war eine ganz normale, minderbemittelte Frau, die wahrscheinlich eine so gute Mutter gewesen war, wie sie es eben hatte sein können – also genauso beschissen wie jede andere. Und wenn schon. Es war zu spät, um etwas daran zu ändern. Was immer es war, wonach Glynis dürstete – banale Abstraktionen wie Wertschätzung, Anerkennung und Akzeptanz konnten den Mangel wohl kaum angemessen umschreiben –, dergleichen zu spenden lag letztlich und grundsätzlich nicht in der Macht der Eltern. Man konnte nicht dasitzen und warten, bis jemand einem etwas schenkte; man ging los und nahm es sich selbst. Das war Selbstermächtigung, das verlieh einem Selbstachtung.

»Jackson Burdina!« Hetty winkte und stellte ihre dekorative Dose auf dem Fußboden ab, um besser mit beiden Händen Jacksons eine Hand umschließen zu können. Ein gutes Namensgedächtnis war wohl zu erwarten bei einer pensionierten Grundschullehrerin, das heißt, sein Name prangte auf einer Liste zusammen mit Tausenden von Sechsjährigen. »Ich freue mich so, Sie zu sehen, auch wenn der Anlass natürlich furchtbar ist. Sie haben doch auch Kinder, Sie können das bestimmt nachvollziehen …« Tränen traten ihr in die Augen. »Etwas Schlimmeres kann einer Mutter nicht passieren.«

»Ja, ist ’ne ganz üble Sache«, pflichtete er ihr bei und wünschte, sie würde seine Hand loslassen.

Stattdessen zog sie ihn hinüber zu den beiden Frauen, die etwas abseits standen. Genau so wurde wohl ein Erstklässler mit seinen neuen Mitschülern bekannt gemacht. »Meine beiden anderen Töchter kennen Sie noch gar nicht, nicht wahr? Ruby? Deb? Das hier ist Jackson. Er und seine Frau bedeuten eurer Schwester sehr viel.«

Er reichte den beiden die Hand und staunte, dass Ruby, die mittlere Schwester, Glynis so unglaublich ähnlich sehen und dabei so unglaublich weniger hübsch sein konnte. Glynis war schlank; Ruby war mager. Glynis war stattlich; Ruby war schlaksig. Derselbe Satz annähernd identischer Gesichtszüge war in Rubys Gesicht auf subtile Weise neu angeordnet, zum Nachteil der Jüngeren, und während man die Älteste nicht gerade als üppig bezeichnet hätte, hatte Glynis doch immerhin einen Busen. Glynis kleidete sich mit schlichter Eleganz; Rubys ausgewaschene schwarze Jeans und das schlabbrige graue Sweatshirt waren schlichtweg schäbig. Den größten Unterschied aber bildete wohl das Verhalten. Glynis hatte eine verschlagene Unnahbarkeit, die ihr etwas Geheimnisvolles, fast Majestätisches gab. Auch Ruby hielt auf Distanz, wirkte dabei aber angespannt und knauserig; allzu häufig warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und lief hin und her, als könnte sich die Krankheit ihrer Schwester ruhig ein bisschen beeilen, weil sie nämlich ein paar dringende Termine hatte. Und siehe da, kaum hatten sie die Begrüßungsfloskeln ausgetauscht, klingelte auch schon ihr Handy. Mit gerunzelter Stirn warf sie einen Blick auf ihr Display und sprach das Credo der zeitgenössischen Arbeitsbiene: »Tut mir leid, aber da muss ich jetzt rangehen.«

In der Klinik waren Handys verboten, angeblich, weil das Signal die empfindlichen Geräte störte. (Totaler Quatsch, wie Jackson bei seinen Internetrecherchen wegen Flicka herausfand. Sie wollten einfach nur den Wucherpreis für die Haustelefone kassieren. Aber er hatte nie den Mut aufgebracht,um einer Krankenhausleitung die Ergebisse seiner Recherche vor die Nase zu knallen. Dieses unmännliche, duckmäuserische Verhalten musste er dringend ändern.) Also ging Ruby hinunter, um von der Straße aus zurückzurufen, und ließ ihn mit Deb allein, einer pummeligen Frau, die nutzlos guten Willen verströmte. Mit ihrem knallengen orangefarbenen Rollkragenpullover und dem matronenhaften langen Wickelrock tat sie sich keinen Gefallen. »Seit ich es weiß, bete ich für Glynis«, sagte sie. »Unsere ganze Kirche in Tuscon betet für sie. Sie wissen ja, es gibt Studien dazu. Es funktioniert wirklich.«

»Hören Sie, Jackson, wir haben schon besprochen, wie wir’s am besten machen«, sagte Hetty und legte ihm die Hand auf den Arm. »Glynis wird sehr müde sein, und sie soll sich auf keinen Fall überanstrengen. Ich denke, wir sollten hintereinander reingehen und nicht allzu lange bei ihr drinbleiben. Shep ist gerade bei ihr, und wenn Sie noch etwas Zeit haben, Jackson, haben wir gedacht, dass Deb als Nächstes reingeht, dann Ruby, und dann kann ich ihr ihre Lieblingskekse bringen.« Es war, als würde sie ihre Schulklasse vor einem Trinkbrunnen in Reih und Glied aufstellen.

Shep schlüpfte aus der Tür und begegnete Jacksons Blick mit einem vertraulichen Augenverdreher. Es gibt wenig Befremdlicheres als anderer Leute Familien, und seinen alten Freund Jackson hier zu sehen erfüllte Shep in diesem Moment mit einem Gefühl der Sicherheit und Dankbarkeit, ähnlich wie wenn man um die Ecke biegt und sein eigenes Haus erblickt. »Ihr seid dran«, sagte Shep zu Deb und Hetty, und damit zog er Jackson hinter sich den Flur entlang.

»Junge, das war nicht leicht«, murmelte er. »Glynis dazu zu überreden, ihre Familie zu empfangen, die sich extra aus Arizona hat einfliegen lassen. Fast hätte ich sie unverrichteter Dinge nach Elmsford zurückchauffieren müssen. Sie fühlt sich elend und sieht nicht ein, warum sie sich jetzt anstrengen muss, damit sich andere besser fühlen. Diese Besucherei … Dass du da bist, wird sie freuen, da bin ich mir sicher. Aber die Familie ist für Glynis eine Zumutung. Sie ist total genervt.«

»Aber wie würde sie sich denn fühlen, wenn niemand käme, um sie zu besuchen?«

Shep lächelte. »Total genervt.«

»Wenn sie sich nicht unmöglich benehmen würde«, sagte Jackson, »dann müsstest du dir Sorgen machen.«

»Stimmt. Aber ich mach mir trotzdem Sorgen.«

Sie schlenderten in Richtung Krankenzimmer zurück, wo die Tür halb offen stand, und die Versuchung zu lauschen war unwiderstehlich. Ruby war zwar wieder da, doch auch sie und ihre Mutter unterhielten sich nur halbherzig. Niemand wollte die Show verpassen.

»Ich fass es nicht, dass ich hier nach einer schweren Operation im Krankenhaus liege und du die Situation ausnutzt, um mich zu missionieren.« Glynis’ Stimme war etwas undeutlich selbst von der geringeren Dosis Morphium, doch Jackson war erleichtert, dass ihre gewohnte Schroffheit herauszuhören war. »Mir geht es wirklich schlecht genug.«

»Und wenn ich doch recht habe?«, fragte Deb inständig. »Glyn, es ist doch alles ganz logisch. Wenn du recht hast und uns nicht mehr erwartet als ein großes schwarzes Nichts, dann spielt es doch keine Rolle, an was man glaubt. Aber wenn ich recht habe – wenn Jesus recht hat –, musst du ihn als deinen Erlöser annehmen, um in den Himmel zu kommen. Es ist doch sinnvoll, sich rückzuversichern, meinst du nicht auch? Es ist so ähnlich wie Mathematik, verstehst du? Auf deine Weise bekommst du am Ende definitiv nichts, auf meine Weise hat man die Chance auf ewiges Leben. Wenn die Lotterie schon nichts kostet, warum dann nicht ein Gratislos ziehen? Deine Lehrer haben doch immer alle gesagt, du wärst so intelligent.«

»Darauf werd ich mich nicht einlassen«, krächzte Glynis. »Und ich schätze es überhaupt nicht, dass du extra nach New York gekommen bist, um mich abzuschreiben. Ich will nicht in den Himmel. Ich will nach Hause.«

»Es ist nie zu früh, um dich auf ein Wiedersehen mit Gott vorzubereiten und Jesus in dein Herz zu lassen.«

»Heutzutage gibt’s so eine Heilige in jeder Familie«, flüsterte Shep. »Meist ist es die Kleinste.«

»Klein ist hier wohl kaum das richtige Wort«, murmelte Jackson.

»Nein, ich meine, es sprach nie besonders viel für sie. Kein Beruf, Hausfrau, fünf Kinder. Diese Christennummer gibt ihr Oberwasser.«

»Ist doch einfach nur geschummelt«, sagte Jackson.

»Wenn’s aber doch funktioniert. Wenn du zwei erfolgreiche Schwestern hast, die du nach deren Spielregeln nicht besiegen kannst, dann änderst du eben die Spielregeln. Und plötzlich, bingo, hat sie die spirituelle Überlegenheit und kann endlich auf all den Leuten rumhacken, die den größten Teil ihres Lebens auf ihr rumgehackt haben.«

»Fliegt ihr wie die Geier durch die Lande und stürzt euch auf alle, die zu schwach sind, um sich zu wehren?«, fragte Glynis gerade. »Du bist genau wie diese Anwälte, die jedem Krankenwagen hinterherhetzen und den großen Reibach wittern. Großer Gott, Nancy hat doch auch nicht gleich versucht, mir was von Amway anzudrehen.«

»Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen«, sagte Deb. »Viele Leute, die angeblich nicht an Gott glauben, rufen ständig Herrgott noch mal und Großer Gott, genau wie du. Unser Pastor hat mal eine ganze Predigt darüber gehalten. Er hat gesagt, es wäre ein unbewusster Hilferuf nach Gottes Liebe und Erlösung. Irgendetwas in dir weiß, dass seine gnadenreiche Hand ganz nahe ist.«

»Deb, ich will verdammt sein, wenn an diesen letzten drei Monaten auch nur irgendetwas ›gnadenreich‹ war.«

»Da, siehst du, schon wieder: ›Ich will verdammt sein.‹ Du wirst verdammt sein, wenn du Gott nicht in dein Herz lässt. Wer weiß, vielleicht ist diese Krankheit ja Gottes Weg, um dich zu seinem Licht zu führen.«

»Also werde ich jetzt für mein Heidentum bestraft, ja? Du willst mir doch nicht erzählen, dass deine gehirnamputierten Wiedergeborenenfreunde niemals Krebs bekommen.«

»… zumindest bist du schön schlank geworden«, sagte Deb wehmütig.

»Genau, die Mesotheliom-Diät. Das Buch ist noch nicht raus, aber du kannst ja schon mal anfangen, an ein bisschen altem Dämmstoff zu knabbern.«

»Shep meinte, dass es irgendetwas mit Asbest zu tun hat?«

»Auf der Saguaro-Kunstschule bin ich wahrscheinlich damit in Berührung gekommen. Ich wünsche augenblicklich jedem Aktionär der Künstlerbedarfsfirma ein peritoneales Mesotheliom an den Hals. Verklagen ist das Mindeste.«

»Du solltest keine so bösen Gedanken haben.«

»Ich habe nichts anderes als böse Gedanken.«

»Ich hätte eher gedacht«, sagte Deb vorsichtig, »eine tödliche Krankheit … dass diese Situation automatisch Güte und Freundlichkeit und Dankbarkeit in einem hervorkehren würde.« Deb klang trotzig.

»Was diese Situation bei mir automatisch hervorkehrt, sind Verbitterung und Wut. Wenn man Krebs hat, kann man endlich machen, was man will.«

»Aber du kannst doch jetzt endlich einmal sehen, wie sehr du von deinen Freunden und der Familie geliebt wirst. Shep sagt, es sei total mühsam, deine Besucher zu organisieren, weil dich so viele Leute sehen wollen. Du solltest diese Zeit als Segen empfinden.«

»Sie ist aber ein Fluch. Und zwar dank solcher mieser Moralpredigten von Leuten wie dir, die keine Ahnung haben, was sie da sagen.«

Aus unerfindlichen Gründen fing Deb nun zu schnaufen an.

»Ich will aber trotzdem, dass du weißt, dass ich dich immer dafür bewundert habe, dass du …« Schnauf-schnauf. »Du warst eine liebende Ehefrau, du hast zwei … zwei … zwei wunderbare Kinder aufgezogen. Denk immer daran, dass …« Schnauf-schnauf-schnauf, »… dass ich stolz war, dich als Schwester gehabt zu haben!«

»Pass mit deiner verdammten Zeitform auf«, warf Glynis ihrer Schwester hinterher wie einen wütend vom Nachttisch gegriffenen Schuh, während sich Deb mit einem Inhalationsgerät in der Hand aus der Tür flüchtete.

»Das ist ja wie beim Hahnenkampf«, sagte Ruby, als Hetty ihre schluchzende Jüngste an sich drückte und ihr den Rücken tätschelte. »Der Bantamchampion aus Zimmer 833 macht alle zu Hackfleisch. Wünsch mir Glück.«

»Mach’s kurz«, sagte Shep.

»Worauf du dich verlassen kannst«, sagte Ruby. »Ich werde fliehen, solange ich meine Schwanzfedern noch vollzählig beisammen habe.«

Vielleicht aus Rücksicht auf die Tatsache, dass es auf dem Flur so langweilig war, ließ Ruby die Tür sperrangelweit offen. Da Shep von Begrüßungsküsschen abgeraten hatte, drückte Ruby ihrer Schwester nur den linken Fuß, ehe sie einen Stuhl heranzog und ihre langen, dürren Beine auf das Seitenteil des Bettes aufstützte. »Musstest du Deb so in den Boden rammen? Das ist doch kein Gegner für dich.«

»Für stärkere Gegner fehlt mir die Kraft. Außerdem ist es empörend, das hier als Anlass zu nehmen, um mich mal wieder bekehren zu wollen.«

»Sie wollte dich nur trösten. Die Jesusnummer ist doch alles, was sie hat.«

»Die ist total gebrainwashed. Ich komm mir vor, als hätte ich Besuch von einem Killerzombie gehabt.«

Ruby warf einen Blick in Richtung der Familie und sagte leise: »Sie kann uns hören.«

»Ist mir doch egal.«

»Aber sie glaubt ja wirklich dran. Dass wir das nicht tun, heißt doch nicht, dass sie es nicht ehrlich meint.«

»Ich hasse Ehrlichkeit.«

»Toll. Dann will ich mal versuchen, so oberflächlich und falsch wie möglich zu sein.«

»Das wäre super.«

»Und – wie gehts dir?«, fragte Ruby. Diese aufdringliche, emphatische Ansprache, dieses Sich-in-die-Wörter-Lehnen war bei Krankenhausbesuchen gewiss gang und gäbe und ging vermutlich jedes Mal nach hinten los.

Glynis seufzte. »Was soll ich sagen? Mir tut alles weh. Ich kann nachts nicht schlafen. Fünf Minuten hier im Dunkeln gehen so schnell vorbei wie das Paläozoikum. Tagsüber bin ich entsprechend groggy. Ich muss ständig mit Leuten wie dir Konversation betreiben, wo es überhaupt nichts zu reden gibt. Denn was ist schon passiert? Der Fernseher ist winzig und empfängt nur analoges Fernsehen mit Schnee. Nachmittags fällt die Sonne auf den Bildschirm, und man kann nichts erkennen. Und bei den ganzen Schmerzmitteln kann ich mich ohnehin nicht mal auf die Reklame für die neuen Lidschattenfarben der Frühlingskollektion konzentrieren. Ich grusel mich vor dem Infusionsschlauch in meiner Hand. Ich habe ständig Angst, dass das Pflaster abgeht und die Nadel aus der Ader gerissen wird. Ich habe inzwischen gelernt, nicht hinzugucken.«

Jackson wusste, was sie damit meinte, wobei er selbst zwischen Nichthingucken und obsessivem Begutachten schwankte.

»Vom Essen wird mir schlecht«, fuhr Glynis nach einem Schluck Wasser fort. »Wenn ich etwas bei mir behalten kann, bekomme ich Verstopfung, und dann bekomme ich einen Schlauch in den Hintern geschoben. Wenn Shepherd nicht da ist, um mit mir zur Toilette zu gehen, hören die Schwestern mein Klingeln oft nicht. Also brech ich mir einen mit der Bettpfanne ab. Ich pinkel mir das Bettzeug und die Beine voll. Wolltest du das wirklich alles wissen?«

»Klar.«

»Du lügst. Bald werden mich die Leute fragen: ›Und, wie gehts dir?‹, und ich werde sagen: ›Gut.‹ Und alle sind glücklich.«

»Und wann kommst du hier raus?«

Bestimmt hatte sie die Frage schon einige Male beantwortet. »In einer knappen Woche«, stieß sie undeutlich und gelangweilt hervor.

»Mama und Deb bleiben noch. Aber ich muss wahrscheinlich noch vor deiner Entlassung wieder zurückfliegen.«

»Du bist doch gerade erst angekommen, und das Erste, was ich von dir höre, ist, dass du schon wieder abreisen musst.« Das war dick aufgetragen, wenn man bedachte, dass Glynis ihre Familie überhaupt nicht hatte sehen wollen, aber vielleicht war es ein gutes Zeichen, dass sie ihre Krankheit auf diese Weise instrumentalisierte. Es bedeutete, dass sie immer noch sie selbst war.

»Das war nicht das Erste, was du von mir gehört hast. Aber das 4th-Avenue-Straßenfest fängt diese Woche an, und wir haben da einen Stand. Es muss jemand in der Galerie sein, um auf den Laden aufzupassen.«

»Klar, noch mehr Geldscheffeln ist natürlich wichtiger als eine Schwester, die Krebs hat.«

»Glynis. Das Leben geht weiter.«

»Für manche schon.«

»Ja, Glyn, für manche schon«, sagte Ruby. »Und dafür kann ich nichts.«

»Ich dachte, deine Galerie läuft wie geschmiert. Du hast Geld wie Heu.«

»Es geht«, sagte Ruby bescheiden.

»Was natürlich für einige Kunstschmiede hier eine echte Gelegenheit wäre, eine Schwester, die es in der Branche geschafft hat. Pech für mich.«

Draußen im Flur stöhnte Shep. »Nicht das schon wieder.«

Ruby fasste sich an die Schläfe. »Du hattest nicht genug Arbeiten für eine Einzelausstellung.«

»Genau, weil ich so faul bin. Weil ich die ganze Zeit in meinem schönen Haus sitze und Bonbons lutsche.«

»Weil du dich mit allem so quälst, Glynis. Ich hab nie verstanden, warum.«

»Würdest du ohnehin nicht.«

»Das Leben ist zu kurz für deine ständigen Selbstzweifel. Vielleicht lernst du das jetzt. Die anderen Künstler, die ich ausstelle, machen einfach ihre Sachen. Und dann machen sie wieder neue Sachen. Da ist nicht jedes Stück eine so unendlich schwere Geburt.«

»Ja. Jedes Stück ist nun mal eine schwere Geburt. Und darf ich dich erinnern, wie du mir aufs Brot geschmiert hast, wie mondän und weltgewandt Tuscon geworden sei und wie dein Laden nicht irgendein unbedeutender Laden, sondern eine wegweisende Institution in einer Kunstmetropole sei. Und wie ich dir angeboten habe, ein oder zwei Arbeiten von mir beizusteuern, und du trotzdem abgelehnt hast?«

»Über all das haben wir doch schon geredet! Da hatten wir längst den Namen zu ›Navajo & Co.‹ geändert und uns auf die Kunst der Navajo und Pueblo spezialisiert und nebenbei andere Stücke ausgestellt, hauptsächlich von Künstlern aus dem Südwesten mit entsprechenden Einflüssen. Deine Arbeiten hätten total rausgestochen, sie hätten nicht gepasst. Sie sind viel zu … streng, zu … zeitgenössisch.«

»Gott, wie ich diese Ethnoscheiße hasse«, grummelte Glynis.

Ruby stellte ihre Füße auf den Boden und klatschte sich auf die Schenkel. »Warum müssen wir das alles wieder durchkauen? Ist dieser Kleinkrieg jetzt nicht trivial? Ist das jetzt nicht total idiotisch?«

»Worüber willst du dich denn sonst unterhalten? Über den Irak? Über Terri Schiavo?«

»Vielleicht darüber, dass wir uns immer noch lieb haben, oder so.«

»Gut. Wir haben uns immer noch lieb«, sagte Glynis. »Abgehakt. Weiter.«

Es folgte ein beklommenes Schweigen; offenbar wussten beide nicht weiter.

»Jedenfalls kann mir der Irak jetzt den Buckel runterrutschen«, murmelte Glynis. »Genau wie Terri Schiavo. Sollen sie doch alle draufgehen. Globale Erwärmung, atomare Aufrüstung, Wasserknappheit, meinetwegen gern. Erdbeben, Fluten und Vogelgrippe, sehr gern. Wenn der weltweite Ölvorrat bis 2007 aufgebraucht ist, breche ich in Jubelgeschrei aus. Wenn der ganze Laden nach einem Asteroideneinschlag in Flammen aufgeht – nichts wäre mir lieber.«

»Mein Gott, Glyn. Krank zu sein scheint wohl nicht in jedem das Beste hervorzukehren.«

»Vielleicht ja doch«, sagte Glynis und setzte sich mühsam in den Kissen auf. »Aber vielleicht ist für mich das Beste in mir nicht gleich für dich das Beste in mir. Vielleicht ist Gehässigkeit, Rachsucht und Missgunst für mich ja das Beste. Ja, ganz genau so sieht’s aus: Ich wünschte mir, dass alle anderen so krank wären wie ich.«

»Ich soll aufpassen, dass du dich nicht überanstrengst«, sagte Ruby, wobei sie diejenige war, die sich anhörte, als wäre sie fix und fertig. »Vielleicht bis morgen?«

»Toll. Dann reden wir noch mal eine halbe Stunde darüber, wie lieb wir uns alle haben.«

»Wie du willst, Glynis.«

»Nein, nein, ich versteh schon. Es geht nicht darum, was ich will. Offensichtlich gibt es hier irgendein Drehbuch, an das ich mich halten soll.«

ALS RUBY AUS dem Zimmer trat, schlug Shep vor, zu viert in das dominikanische Café auf der anderen Straßenseite zu gehen, während Hetty, wie ihr Schwiegersohn betonte, nur mal eben bei Glynis reinschaute. Mit nur einem Teil von Glynis’ Clan zu plaudern hatte seinen Reiz; wenn ganze Familien zusammenkommen, kann keiner hinter dem Rücken des anderen lästern, und man hat sich nichts zu sagen.

Sie nahmen in einer Sitzecke Platz. Jackson war etwas flau, und er spürte ein heißes Pulsieren, über das er lieber nicht nachdenken wollte. Es war nicht der richtige Moment, um seine eigenen Probleme zu wälzen; im Prinzip hatte er ja nicht mal ein Problem. Es war die Lösung eines Problems, und die Heilung dauerte einfach nur ein bisschen länger. Dieses seltsam  Verklumpte, die Wölbung … Es war nur eine Schwellung, eine ganz normale Schwellung, und die würde abklingen. Er kämpfte gegen den Drang, die Herrentoilette aufzusuchen und erneut einen Blick daraufzuwerfen, wobei er nirgends eine entdecken konnte; öffentliche Toiletten in dieser zweifelhaften Gegend zogen bloß die Obdachlosen an. Also setzte er sich mit gespreizten Beinen hin, um Luft dranzulassen. Mit einem Knie stieß er dabei gegen Sheps Bein, und als Jackson das Bein nicht wieder wegzog, warf ihm sein Freund einen fragenden Blick zu.

»Also ehrlich, so viel böses Blut, weil ich ihre Sachen nicht in meiner Galerie ausstelle«, sagte Ruby gerade zu Shep. »Warum kann sie nicht endlich Ruhe geben?«

»Früher oder später kriegt ihr beide euch doch immer über Navajo & Co. in die Haare«, sagte Shep.

»Irgendwann demnächst gibt es vielleicht kein ›später‹ mehr. Das ist es ja gerade. Es wird Zeit, die Sache zu begraben. Könnte sie unter den Umständen nicht auch Deb gegenüber ein bisschen nachsichtig sein? Wenigstens etwas sagen wie: Ich habe eben meine eigene Form der Spiritualität, und die unterscheidet sich vielleicht viel weniger von deiner, als du denkst. Du weißt schon, ihr ein bisschen entgegenkommen.«

»Und, ist Glynis dir jemals ›entgegengekommen‹, Deb?«, fragte Shep.

»Sie hatte immer nur Verachtung übrig für meinen Glauben«, sagte Deb.

Shep lehnte sich zurück und schob die Speisekarte über die beschichtete Oberfläche. »Ihr wollt jetzt, dass alles anders ist. Dass alle wunden Punkte verheilen. Ich kämpfe gegen denselben Impuls an. Wir wollen alle dafür sorgen, dass unsere Beziehung zu Glynis in einen, wie mein Vater sagen würde, Zustand der Gnade eintritt. Damit wir ruhig schlafen können, wenn’s zum Äußersten kommt. Aber vielleicht muss man es andersrum sehen, und Glynis will gar nicht, dass alles anders ist.«

»Warum sollte Glynis nicht wollen, dass unsere Beziehung zu ihr in einen, wie du sagst, ›Zustand der Gnade‹ kommt?«, fragte Ruby. »Es ist doch auch in ihrem Interesse.«

»Auf einer Ebene – einer viel tieferen, als ihr euch alle vorstellen könnt – ist sich Glynis darüber im Klaren, dass sie vielleicht bald überhaupt keine Interessen mehr haben wird. Also ist ihr einziges momentanes Interesse das Hier und Jetzt.«

»Versteh ich nicht«, sagte Ruby.

»Habt ihr drei euch denn nicht schon immer gezankt?«

»Ja! Doch jetzt sollten wir einen Schlussstrich ziehen, es dabei bewenden lassen!«

»Glynis versucht doch nur, sich an dem festzuhalten, was sie hat. Und die Beziehung ist nun mal so – wie sie ist.«

Jackson lachte schallend. »Das aus deinem Mund!« Unerschöpflichen Unterhaltungswert bot Randy Pogatchniks Liebe zur Tautologie (»Es ist, was es ist, Mann!« oder »Die Leute sind nun mal so, wie sie sind«), wobei er der Illusion aufsaß, jeweils tatsächlich etwas Tiefgründiges von sich zu geben.

»Stimmt, ich muss wohl müde sein«, sagte Shep.

»Aber ich weiß schon, was du meinst«, sagte Jackson. »Sie hält sich an Inhalten fest. Auch ein beschissener Inhalt ist immerhin noch ein Inhalt. Würde sie zu einer kitschigen Grußkarte verkommen, wäre es nicht mehr Glynis, wie sich Glynis selbst wahrnimmt. Das wär fast, als würde sie früher als geplant sterben.«

»Ich wünschte mir trotzdem, sie würde auch an uns denken«, sagte Deb. »Nach allem, was du über diese Zellen erzählt hast, Shep.« Wieder traten ihr die Tränen in die Augen. »Diese … sarmakoiden Zellen, oder wie sie heißen. Wer weiß … jedes Mal, wenn wir sie besuchen, könnte es das letzte Mal sein … dann wäre da aber eine Menge Galle und Missmut, an die wir uns erinnern müssten!«

»Tja«, sagte Shep lächelnd. »Das heißt doch nur, dass ihr euch an eure Schwester erinnern müsstet, wie sie wirklich war.«

»Und, meinst du, dass ihr die Kekse schmecken?«, fragte Ruby, als ihr Kaffee kam.

Shep blickte über den Rand seiner Tasse und zog die Augenbraue hoch. »Wird schwierig.«

»Ich hatte schon etwas Bedenken wegen der Paranüsse und Schokolade … Ganz schön mächtig, wenn die Verdauung nicht richtig funktioniert.«

»Das könnte man so sagen«, sagte Shep.

»Mama nimmt keine Rücksicht auf das, was Glynis wirklich will, oder?«

»Ganz genau.« Sheps Augen leuchteten. »Ich denke, genau das ist der Punkt.«

»Mama war schon immer so«, sagte Deb. »Sie sagt, man soll immer das schenken, was man selbst gern hätte.«

»Daher also die Trockenblumengestecke und karierten Schürzen«, sagte Shep. »Die haben Glynis auch nie allzu sehr gefallen. Und die Topflappensets zum Selbermachen waren eine Katastrophe.«

»Mama wollte Glynis gar keine Kekse schenken; sie wollte sie nur backen«, sagte Ruby. »Und der ganze Stress tut mir wirklich leid.« Sie wandte sich zu Jackson und erklärte: »Nachdem sie sich dieses Projekt in den Kopf gesetzt hatte, mussten wir in den Supermarkt schicken, und dann noch ein zweites Mal, weil sie die Paranüsse vergessen hatte. Beim A&P gab’s keine Paranüsse, also mussten wir extra in den Bioladen nach Scarsdale fahren. Sie musste wegen jeder Schüssel und jedes Löffels nachfragen, und wie der Ofen funktioniert, und dann hat sie den Springbrunnen über der Spüle demoliert. Sie kann nicht mit einem Handmixer umgehen, und überall klebte Teig – auf den Küchengeräten, auf dem Boden, an den Wänden. Und das alles, weil sie sich nützlich machen will.«

»Mama will nützlich erscheinen«, sagte Deb. »Sie will Anerkennung. Schon gemerkt, dass sie nur abwäscht, wenn Shep in der Küche ist? Wenn er im Büro ist, dürfen wir spülen.«

»Wenn sie eurer Schwester wirklich eine Freude machen wollte«, sagte Shep, »würde sie ihr aus der Steinesammlung eures Vaters ein paar Exemplare mitbringen. Auf die ist Glynis schon seit Langem scharf. Sie hatte immer gehofft, irgendwann mal was daraus schmieden zu können.«

»Wie soll denn das jetzt gehen?«, fragte Ruby leise.

Shep schob seinen Milchkaffee von sich. »Erst kommt die Chemo … wir wissen es nicht. Vielleicht schlägt sie ja an. Warum würde die Therapie sonst überhaupt gemacht werden?«

Das leuchtete ein.

DIE GRUPPE STAPFTE zurück in Richtung Klinik. Vor der Ampel fragte Deb, ob sie zu Hause in Elmsford an Sheps Computer dürfe. Sie war Mitglied in einer landesweiten Bibelgruppe, die eine Online-Totenwache für Terri Schiavo abhielt – die sich ohne Beatmungsmaschine soeben noch am Leben hielt. »Die haben einfach den Stecker rausgezogen, wie bei einem Toaster!«, sagte Deb verzweifelt.

»Dieser Plan, den du immer hattest«, sagte Ruby, die neben Shep herging, »ins Ausland zu ziehen … den musst du dann wohl jetzt auf Eis legen.«

»Na ja, deine Familie fand die Idee ja von Anfang an hirnrissig«, sagte Shep.

»Vermutlich haben wir sie nie so richtig verstanden«, sagte Ruby vorsichtig.

»Ich hab nicht gesagt, ihr habt sie nicht verstanden. Ich hab gesagt, ihr fandet sie hirnrissig

»Exzentrisch vielleicht. Obwohl, diese Vorstellung, dass es irgendein Land gibt oder die perfekte Ehe oder endlich eine Schwangerschaft, irgendwas, das eine Antwort liefert … ich sehe schon den Reiz, aber ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt eine Antwort gibt. Letzten Monat habe ich Tschechows Drei Schwestern gesehen. Diese Frauen in der tiefsten Provinz, die sich grämen: Oh, wenn sie doch nur in Moskau wären. Und das Publikum weiß ganz genau, dass sich in Moskau für sie überhaupt nichts ändern würde. Also sind sie irgendwie auch froh, nicht zu fahren. Vielleicht ist es bei dir genauso. Du darfst die Illusion behalten, dass es irgendwo eine Lösung gibt, eine Zuflucht.«

»Im Grunde ist ja die Klinik so ein Land, in dem alles anders ist«, bemerkte Shep liebenswürdig, während sie durch die Schwingtüren traten. »Wisst ihr, dass man in manchen Wirtschaftsnationen einen ganzen Monat von dem leben kann, was man im Westen für eine Schachtel Büroklammern zahlt? Im Krankenhaus ist es umgekehrt: Man muss einen Monat arbeiten, um sich hier eine Schachtel Büroklammern leisten zu können.«

Shep war Jackson im Café zuvorgekommen und hatte die Runde bezahlt, und auch wenn die Summe gering war, stand die Geste symbolisch dafür, dass alle Rechnungen zu Shepherd Armstrong Knacker führten wie einst alle Wege nach Rom. Jackson wusste sicher, dass Shep seiner Schwiegermutter die Reise finanziert hatte, da Hetty als Lehrerin eine ziemlich magere Rente bezog und eine Frau ihres Alters es mit einer Tochter, die sie möglicherweise überleben würde, ohnehin schon »schwer genug« hatte. Auch Deb hatte er den Flug bezahlt. Als wiedergeborene Christin unterrichtete sie ihre vielen Kinder zu Hause, und ihr Mann arbeitete Vollzeit bei Raytheon Missile Systems – war das etwa christlich? –, weshalb sie also jemanden bezahlen musste, der auf die Kinder aufpasste, während sie an der Ostküste war; das Flugticket war »das Mindeste«, was er habe tun können. Seit die ganze Bande im Haus war, konnte man darauf wetten, dass er für Lebensmittel, Benzin und den Alkohol aufkommen musste, den die Leute bei solchen Anlässen ja wie Limo in sich hineinzuschütten pflegten. Sobald Glynis nach Hause kam, hatte er vor, die Verwandtschaft ins Hotel zu verfrachten (nachdem er die Krankenbesuche der Familie belauscht hatte, wusste Jackson inzwischen auch, warum). Da er mit Glynis alle Hände voll zu tun hatte, war Shep nicht in der Lage gewesen, Beryl zu helfen, ihren Kram aus der spottbilligen Wohnung in der West 19th Street zu schleppen, also hatte er ihr stattdessen die nötigen paar Tausender gegeben – inzwischen tat nicht einmal mehr Beryl so, als handelte es sich bei dem Geld ihres Bruders um ein Darlehen –, um das Zeug mit einer professionellen Umzugsfirma nach Berlin zu schaffen. Noch immer unterstützte er Amelia, sonst hätte sie sich den Job bei ihrer Zehn-Leser-Zeitschrift nicht leisten können, und Zachs Schulgeld war genauso hoch, als hätten sie ihn auf ein Privatcollege geschickt. Sheps Vater hatte keine Ahnung, wie hoch seine winterlichen Heizungskosten waren, denn er hatte seit Jahren keinen Cent mehr selbst bezahlt. Und nichts von alldem ließ sich von der Steuer absetzen.

Wenn also dem armen Kerl obendrein auch noch vierzig Prozent von jeder dreihundert Dollar teuren Aspirintablette in Rechnung gestellt wurde bei diesem gottesherrlichen Gesundheitssystem, musste jenes einst unangetastete Merrill Lynch Konto, dachte Jackson, wohl schon um einiges schlanker geworden sein.

ALS SIE ZURÜCK in den achten Stock kamen, stand Hetty im Flur. Noch immer hatte sie die Keksdose in der Hand. Sie sah verheult aus und wirkte verwirrt.

Mit der freien Hand packte Hetty ihren Schwiegersohn am Arm. »Sheppy, du lieber Mensch, Gott sei Dank seid ihr wieder da. Ehrlich, ich weiß ja, dass es ihr nicht gut geht und sie nicht sie selbst ist. Aber diese Schoko-Paranuss-Kekse haben mich Stunden gekostet. Immer wieder die Bleche rein und raus aus dem Ofen, ständig aufpassen, dass nichts anbrennt, und dann zum Abkühlen auf den Rost, und wieder neu einfetten … damit meine Tochter was Selbstgebackenes bekommt, eine kleine Erinnerung auf dem Nachttisch, dass ihre Mutter sie liebt und sich um sie sorgt. Ich kann ja verstehen, dass sie vielleicht gerade in dem Moment keinen essen wollte. Aber warum wird sie so wütend auf mich? Was habe ich denn nur falsch gemacht? Es fällt mir so schwer, Kraft für sie aufzubringen, wo sie so furchtbar dünn ist und so furchtbar blass, ich möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und weinen …«

Shep legte ihr den Arm um die Schulter und drückte sie an sich. »Glaub mir. Glynis hat mehr Freude daran gehabt, ein Problem mit deinen Keksen zu haben, als sie beim Essen jemals gehabt hätte.«

»Autsch«, sagte Jackson.

»Hör zu«, sagte Shep. »Ich werd mit den Leutchen hier was essen gehen.« (Und sie wieder einladen, dachte Jackson reflexhaft.) »Willst du Glynis hallo sagen? Und mach nicht so –«

»Keine Sorge.«

IN JACKSONS KOPF lärmten die Ermahnungen: Bitte sie nicht, alle Einzelheiten der Operation zu wiederholen, wenn du ohnehin schon alles weißt. Sag nichts von den biphasischen Zellen, die sie entdeckt haben, es sei denn, sie kommt von allein auf das Thema. Starre sie nach Möglichkeit nicht an, weil sie aussieht wie der Tod, aber schau auch nicht an ihr vorbei, weil sie aussieht wie der Tod. Die Sturzflut der Verbote wirkte lähmend. Als er ins Zimmer trat, fiel ihm wieder ein, dass sogar ihre Schwestern merkwürdigerweise einen kleinen Abstand zu ihr gehalten hatten; nichts Drastisches, aber beide hatten sich einen Tick zu weit weggesetzt. Auch wenn Krebs bekanntlich nicht ansteckend war, ging der Mensch aus einer tief verwurzelten biologischen Angst heraus jeder Krankheit aus dem Weg. Jackson nahm die Angst bei sich wahr und wehrte sich dagegen, er ließ den Stuhl beiseite und setzte sich neben ihre Knie auf die Bettkante. Er erwartete nichts von ihr. Da seine eigenen Schmerztabletten in etwa so wirksam anschlugen wie eine Handvoll Pfefferminzpastillen, wusste er besser als die anderen Besucher, wie sehr die Schmerzen einen von allem anderen ablenken konnten.

»Na?« Dass sie gleich die Augen schloss und vielleicht zu müde für das alles war, beunruhigte, wobei es auch ein Kompliment sein konnte; sie fühlte sich in seiner Gegenwart wohl genug, um sich gehen lassen zu können. Raschelnd holte er den Maracujasaft aus seinem Rucksack und stellte den Karton auf ihren Nachttisch. Er entschied sich dagegen, sie darauf aufmerksam zu machen; er wollte nicht wie Hetty wirken. Es ging doch darum, ihr etwas zu schenken, woran sie Freude hätte, und nicht darum, den Dank dafür zu kassieren.

Drei bis vier Minuten lang verharrten sie so. Jackson war von Natur so manisch, dass es ihm vermutlich guttat, ihr schweigend Gesellschaft zu leisten. Er nahm sich die Zeit, den selbst gebastelten Zimmerspringbrunnen auf ihrem Nachttisch zu betrachten; vom Flur aus hatte er gedankenlos und irrtümlich das unaufhörliche Tröpfeln für das Geräusch einer Life-Support-Maschine gehalten.

Der Brunnen war krude, aber drollig. Das Becken bestand aus einer Bettpfanne. Eine Pumpe beförderte das Wasser durch einen braunen Gummischlauch in eine aufrecht stehende Spritzkanüle (darum also hatte ihn Shep um eine alte Spritze aus Flickas PEG-Zubehör gebeten), aus der wiederum eine kleine Fontäne hervorsprudelte. Um die Bettpfanne herum hatte er mit Pappe ausgestopfte Latexhandschuhe geklebt; die Pappe war gebogen, und die Hände umrahmten schützend den Rand des Brunnens, wodurch er irgendwie Sicherheit, Zärtlichkeit und Zuflucht suggerierte.

Glynis öffnete die Augen einen Spalt. »Ich trau mich gar nicht, ihm zu sagen, dass ich davon ständig das Gefühl habe, ich muss pinkeln.«

»Es ist so … typisch Shep.«

Sie lächelte und schloss wieder die Augen. »Typischer geht’s nicht.«

Wenn man nicht wusste, wie man jemandem eine Freude machen konnte, war es manchmal das Beste, einfach nachzufragen. »Was möchtest du gern, Glynis? Ich sitz auch einfach nur so mit dir da. Du musst nicht reden. Oder wenn du genug hast und ich lieber abhauen soll, lass ich dich auch in Ruhe.«

»Nein, bleib ruhig ein bisschen.« Sie ließ den Kopf zur Seite fallen und sagte verträumt: »Schimpf mir doch was vor.«

»Schimpfen?«

»Ja, schimpfen. Du weißt schon, wie immer. Egal worüber. Irgendetwas, das dich aufregt. Das wäre Musik in meinen Ohren. Wie ein Lieblingslied.«

Ausnahmsweise war Jackson gerade nicht sonderlich zornig, und er war ähnlich aufgeregt, wie wenn er und Carol ins Bett gingen und sie Lust hatte und er nicht, was selten genug vorgekommen war. Prüfungsangst, sozusagen. »Na ja«, sagte er zögerlich. »Ich hab mir einen neuen Titel ausgedacht.«

»Schieß los.«

»KLATSCHNASS: Wie wir Fußabtreter in die Mangel genommen werden und warum wirs wahrscheinlich nicht besser verdient haben. Ich hatte gerade für Carol eine Ladung Wäsche aufgesetzt, also lag das Thema nahe.«

»Mhm. Nicht schlecht für den Anfang. Weiter.«

»Und … gestern hab ich ein Ticket fürs Falschparken bekommen.«

Glynis schnalzte mit der Zunge. »Das kannst du aber besser.«

»Es war aber nicht einfach nur, weil ich zu spät zum Auto gekommen bin. Ich wollte bei Key Food um die Ecke von Allrounder für Heather eine Packung Häagen-Dasz holen. Flicka darf ja kein Eis essen – keine Flüssigkeiten, und Eis schmilzt ja bekanntlich –, also schmatzt ihr Heather natürlich liebend gern was vor. Trotzdem erlauben wir ihr das, damit Heather weiß, dass wir uns auch ihretwegen Umstände machen.«

Jackson stand vom Bett auf. Dass er gestikulierend im Raum auf und ab ging, war eigentlich vergebene Liebesmühe, denn Glynis hatte die Augen geschlossen, es handelte sich aber um ein Gesamtpaket: Kapriolen gehörten zur Show.

»Halt ich also vor einer Parkuhr und werf ein 25-Cent-Stück ein, reicht für ’ne halbe Stunde. Bei Key Foods steht keiner in der Expressschlange, und ich garantiere dir, dass ich fünf Minuten später wieder draußen war. Nur um festzustellen, dass einer unserer Staatsdiener schon dasteht und sich gerade mein Kennzeichen aufschreibt. Ich sage, hallo, ich bin hier, ich fahr ja schon weg, aber bringt natürlich nichts, weil dieser Scheiß mit dem Strafticket nichts damit zu tun hat, dass alle Autofahrer gleichberechtigt Zugang zu den kommunalen Ressourcen haben sollen. Es ist einfach nur eine lukratative … – also, ’ne Geldschneidemasche für den Staat, ’ne Art Raubüberfall. Also sag ich, passen Sie auf, vor exakt einer Viertelstunde hab ich hier ein 25-Cent-Stück reingeworfen. Da zeigt doch dieser selbstherrliche, pflichtversessene Fatzke auf das kleine Fenster von der Parkuhr, und er hat recht, da ist das rote Fähnchen. Ich bin so fassungslos, dass ich nochmal ein 25-Cent-Stück reinwerfe, um es zu testen, und siehe da, ich dreh an dem Griff, und das Fenster ist immer noch rot. Die verdammte Parkuhr ist kaputt. Aber jetzt kommt’s: Es sei noch meine eigene Schuld! Rechtlich gesehen ist es meine Schuld, dass ich an einer kaputten Parkuhr geparkt habe, obwohl ich inzwischen Geld für eine ganze Stunde reingeworfen und nicht mal zehn Minuten davon gebraucht habe. Der Wichser ist dann irgendwann fertig, meine Daten einzugeben, und reißt schwungvoll und mit künstlichem Lächeln das Ticket von seinem Computer, und dann kapier ich’s endlich. Der wusste ganz genau, dass die Parkuhr kaputt war! Wahrscheinlich ist sie schon seit Wochen kaputt. Der Typ hängt an dem Automaten rum und lauert auf irgendeine arme Sau wie mich, die’s eilig hat und nicht darauf achtet, ob das Ding funktioniert. Häagen-Dasz ist teuer, aber 65 Dollar für einen halben Liter sind echt happig. Und wo ist jetzt die Logik?« Jackson warf Glynis einen Blick zu, um sicherzugehen, dass sie noch immer diese gelassene Miene hatte; sie schien nachgerade zu schnurren. »Ich zahle Steuern, damit diese Parkuhren instandgehalten werden, da von uns ja erwartet wird – und das ist die ultimative Würdelosigkeit –, dass wir das Werkzeug unserer Unterdrückung selbst finanzieren. Aber wenn sie den Arsch nicht hochkriegen, wenn sie das Geld, das ich einbüße, nicht verwenden, um die Parkuhren in Betrieb zu halten, dann ist das meine Schuld, und ich muss draufzahlen. Der Staat dreht alles zu seinem Nutzen, und glaub nur nicht, dass da Gerechtigkeit oder auch nur gesunder Menschenverstand mit im Spiel wäre.«

Er hatte die Sache ganz gut zusammengefasst, fand er, aber nach einem kurzen Moment zuckten Glynis’ Lider, und sie schlug die Augen auf und zog ein Gesicht. »Du Faulenzer. Das ist doch erst der Anfang. Los. Gib Gas. Gib alles.«

»Geht klar«, sagte Jackson mit verständnislosem Achselzucken, und er vermutete, dass es nicht an ihm war, einer Todkranken zu sagen, was sie hören wollte. »Du weißt, dass ich mit Shep immer dieses Spiel spiele – Shep, der große Aufrechte, der Wir-müssen-alle-unsere-Rolle-spielen-Typ, der Obermitmacher –, er versucht dann immer, genau zu benennen, was wir persönlich von unseren Steuergeldern haben. Dieses Pseudomodell Geld-gegen-Dienstleistungen ist wohl nur dazu da, dass die Steuern nicht wie reiner Diebstahl rüberkommen, nach dem Motto: ›Warum lecken sich Hunde die Eier? Weil sie’s können.‹ Ich bin der Überzeugung, sie knöpfen uns unser Geld ab, weil sie’s können. Sie ziehen uns jedes Jahr noch mehr aus der Tasche, weil sie’s können. Wenn man mal drüber nachdenkt, die absolute Macht des Staates ist haarsträubend. Mit der Enteignung können sie einem das Haus wegnehmen. Sie können jedes beliebige Gesetz verabschieden, nichts hält sie davon ab, den Steuersatz morgen auf 99,9 Prozent anzuheben. Ist dir eigentlich klar, dass das Finanzamt wie die Hand Gottes zugreifen und dir einfach dein Bankkonto leerfegen kann? Und zwar nicht nur, ohne dich zu fragen, sondern ohne dich zu informieren. Letztes Jahr ist ein Kollege von Allrounder an einen Geldautomaten gegangen, und auf dem Bildschirm stand ›Konto unzureichend gedeckt‹. Dann hat er den Kontostand abgerufen, und statt ein paar Tausendern stand da ’ne Null. Er konnte sich nicht mal mehr ein Bier kaufen. Erst nach Tagen ist er dahintergekommen, dass es das Finanzamt war. Wie sich herausstellte, hatte seine Exfrau Steuerschulden. Vor ’ner halben Ewigkeit hatten sie ein einziges Jahr lang eine gemeinsame Steuererklärung abgegeben, und obwohl die beiden seit Jahren geschieden waren, sind sie direkt zu ihm gegangen, als sie das Geld nicht auftreiben konnte. Und sie haben’s ihm weggenommen, einfach alles weggenommen. Ist das noch zu fassen? Wo er den Arschlöchern nicht mal zehn Cents schuldete! Ich sag dir, der einzige Grund, warum sie uns nicht auch noch den letzten Cent aus der Tasche ziehen, ist, dass diese Wichser davon abhängig sind, dass wir als Sklaven immer weiter und weiter produzieren. Jedenfalls hat Shep vor langer Zeit mal alle vermeintlichen Vorteile aufgezählt, und was ihm mit als Erstes einfiel, war die Polizei. Die beschützt uns vor allen Drecksäcken, die sorgt dafür, dass uns nichts passiert. Aber klar doch. Der Verkehrspolizist neulich hat mir aufgelauert, um auf seine Strafticketquote zu kommen. Und hat mein Strafzettel jetzt dafür gesorgt, dass irgendjemandem nichts passiert

Jackson spähte hinüber zum Kopfkissen, und siehe da, sein Liedchen hatte sie sanft in den Schlaf gewiegt. Er zog ihr die Bettdecke bis unters Kinn. Die rote Fleecejacke stand ihr gut, aber er beneidete Carol nicht mehr um ihr Talent für Geschenke. Er wusste, was Glynis wollte und was er ihr bei vielen weiteren Besuchen würde schenken können: Wut.