Kapitel 3
Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 12. 2004 – 31. 12. 2004
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 731 778,56
AUF DER FAHRT zum Phelps Memorial Hospital in Sleepy Hollow hatte Shep eine Hand am Lenkrad, und in der anderen hielt er die seiner Frau. Sie hatten ihre Finger ineinander verschränkt; Glynis’ Handfläche war trocken. Beide starrten geradeaus.
»Du hättest die Diagnostik nicht allein durchstehen müssen«, sagte er.
»Du warst ja in deine kleine Welt abgetaucht«, sagte sie. »Also bin ich in meine abgetaucht.«
»Du musst dich einsam gefühlt haben.«
»Ja«, sagte sie. »Aber schon seit Längerem.«
Bei der nächsten Ausfahrt fügte sie hinzu: »Du bist ein Planer, Shep. Du schaust immer hin, bevor du springst. Eigentlich springst du sogar, bevor du springst. Im Kopf hast du doch schon vor Monaten diesen Flieger nach Tansania genommen.«
Er war erleichtert, dass sie überhaupt mit ihm redete. Er war ja bereit, Kritik dafür einzustecken, er war sogar froh darüber.
Zu seinem Entsetzen hatte sich Glynis bereits mehrmals den Unterleib röntgen lassen und sich einer Computertomografie sowie einer Magnetresonanztomografie unterziehen müssen. Zweimal morgens im Dezember hatte sie nicht nur ihr Frühstück verweigert, sondern sogar den Kaffee, was bei Glynis noch nie vorgekommen war. An ihren Vorwand konnte er sich nicht mehr erinnern, aber er war wohl nicht sehr überzeugend gewesen, denn vor allem der verschmähte Kaffee hatte ihn gekränkt; sie hatte eines der heiligen Rituale ihres gemeinsamen Tages mit Füßen getreten. An zwei Abenden war sie immer wieder aufgestanden, um sich ein Glas Wasser zu holen. Also hatte sie nicht einfach einen besonders großen Durst gehabt, sondern sich das Kontrastmittel aus den Adern gespült. Ebenso fügte sich nun eine seltsame, schwebende Erinnerung zu einer sinnfälligen Geschichte: Als er einmal ins Bad kam, ehe sie hatte abziehen können, hatte er gesehen, dass der Inhalt der Toilettenschüssel rot war. Es war noch extrem früh in ihrem Zyklus gewesen, aber sie war fünfzig, vielleicht war er inzwischen nicht mehr regelmäßig. Jetzt wurde ihm klar: Es war gar nicht ihre Regel gewesen. Ebenso fiel ihm auf, dass sie angefangen hatte, ein Nachthemd zu tragen, angeblich, weil ihr kalt sei; in Wirklichkeit aber hatte sie die Narbe von ihrer Bauchspiegelung verstecken wollen, die er inzwischen zu Gesicht bekommen hatte. Sie war zwar nur zweieinhalb Zentimeter lang, hatte ihn aber dennoch beunruhigt: Es war eine erste Verletzung, und es würde nicht die letzte sein. Auch das Nachthemd hatte ihn gekränkt. Sechsundzwanzig Jahre lang hatten sie Haut an Haut geschlafen.
Seit jenem denkwürdigen Freitagabend vor einer Woche hatte sie ihm nur bruchstückhaft von den Tests erzählt. Insofern war eine Einzelheit, von der sie gesprochen hatte, aufgefallen. Vor der MRT, für die der Schmuck abgelegt werden musste, hatte man ein zusätzliches Röntgenbild gemacht, ehe seine Frau in die Röhre geschoben wurde. »Und zwar, nachdem sie erfahren hatten, dass ich Silberschmiedin bin«, sagte sie. »Das Bild wird ja durch ein Magnetfeld erzeugt. Metall macht das Bild kaputt. Man darf keine Feilspäne am Körper haben.«
Er hätte darauf kommen müssen, weshalb sie ihm das erzählte: aus Stolz. Er hätte nicht fragen dürfen: »Und, haben sie welche gefunden?« Sie antwortete erst gar nicht auf seine Frage, was ein effektiver, aber höchst ärgerlicher Schachzug war, auf den sie immer öfter zurückgriff. Nein, man hatte keine Metall- oder Feilspäne gefunden. In den letzten Monaten hatte sie so selten in ihrem Atelier gearbeitet, dass sie sich wie jeder andere der MRT auch so hätte unterziehen können. Selbst in einem so kritischen Moment hatte er noch Salz in die Wunde streuen müssen.
Deine eigene kleine Welt. Ohne seine Achtlosigkeit wäre sie mit ihrer Heimlichtuerei niemals durchgekommen. Wenn er bemerkt hatte, dass sie trotz der Fülle um die Bauchgegend dünner geworden war, hatte er der Beobachtung wenig Bedeutung beigemessen, was ungefähr so war, als hätte er sie gar nicht gemacht. Ich hatte ja keine Ahnung, dachte er, dass unsere Ehe in einem so desolaten Zustand ist, und dann fiel ihm wieder ein, dass er noch bis letzten Freitagabend die Absicht gehabt hatte, sie zu verlassen.
»An dem Abend neulich«, sagte er. »Du hättest mich nicht ewig weiterreden lassen dürfen, wegen Pemba. Du hättest mich doch unterbrechen können.«
»Ich war interessiert.«
»Das war nicht nett.«
»Ich habe mich in letzter Zeit auch nicht nett gefühlt.«
»Wie fühlst du dich denn?« Shep schämte sich. In der letzten Woche war er besorgt um sie gewesen, vielleicht übertrieben besorgt. Aber wann er sie in den Monaten zuvor zum letzten Mal nach ihrem Befinden gefragt hatte, wusste er nicht mehr.
Sie brauchte einen Moment. »Ich habe Angst. Aus irgendeinem Grund war es einfacher, als du es noch nicht wusstest.«
»Weil du’s dir jetzt erlauben kannst, Angst zu haben.« Er drückte ihr sanft die Hand. »Ich werde für dich da sein.« Es war ein großes Versprechen, das er nicht würde halten können. Doch beim Scheitern würde er tapfer sein, und das war sein Versprechen an sich selbst.
DR. EDWARD KNOX reichte Shep die Hand, sein Händedruck war fest und großzügig. Der Onkologe roch streng nach Desinfektionsmittel, als gehörte er zu den wenigen Ärzten, die sich tatsächlich die Hände wuschen. Es war ein Geruch, den Shep mit Beklommenheit assoziierte. »Mr Knacker, ich freue mich sehr, dass Sie es endlich geschafft haben, mit uns hier zu sein.«
Aus dieser Formulierung hörte Shep Kritik heraus und eine empörend falsche Darstellung vonseiten seiner Frau. Unter anderen Umständen hätte er sie anschließend ins Gebet genommen. Ihn beschlich die Ahnung, dass er sie jetzt nie wieder wegen irgendetwas ins Gebet nehmen würde.
Die vertraute Art, mit der sie Platz nahm, deutete darauf hin, dass Glynis nicht zum ersten Mal in diesem Büro war. Diese beiden hatten eine gemeinsame Geschichte, und obwohl Shep nun »endlich« hier war, fühlte er sich ausgegrenzt. Er hatte den eigentümlichen Eindruck, dass Glynis dieses Büro als Zentrum ihrer Macht empfand.
Während der Doktor auf seinem Drehsessel Platz nahm, schätzte Shep den Onkologen auf Ende dreißig, wobei er mittlerweile immer schlechter sagen konnte, wie alt jemand war. Während er noch immer zwischen sechzig und fünfundsechzig unterscheiden konnte, waren alle Jüngeren in letzter Zeit in die undifferenzierte Kategorie »jünger als ich« getreten, was eigentümlich war, da er selbst schon das Alter durchlaufen hatte und wusste, wie der Lebensabschnitt sich anfühlte und wie man dabei im Spiegel aussah. Aus der Perspektive des höheren Alters stellte sich immer heraus, dass man währenddessen überhaupt nicht begriff, was es hieß, siebenunddreißig zu sein. Dummerweise angesichts der gegenwärtigen Umstände wirkten jüngere Menschen auf Shep jetzt immer unreif, und eine Sicherheit, wie sie Dr. Knox in pulsierenden Wellen ausströmte, wirkte hohl und aufgesetzt. Dennoch wollte Shep an diesen Mann glauben und konnte nur hoffen, dass er von Freunden »Edward« gerufen wurde und nicht »Ed«, was kapriziös und weniger zuverlässig klang. Fit und gepflegt, wie er war, wählte Knox wahrscheinlich in der Cafeteria zum Nachtisch Obst und stieg im Fitnessraum der Klinik regelmäßig aufs Laufband; er ließ seinen Worten Taten folgen. Shep selbst hatte immer eine Schwäche für Mediziner gehabt, die zwanzig überflüssige Pfunde mit sich herumschleppten und heimlich auf dem Dienstparkplatz rauchten. Die Heuchelei hatte etwas Beruhigendes. Von Ärzten hatte Shep immer weniger nach Sachkenntnis als nach Vergebung gesucht.
»Tut mir leid, dass wir so lange gebraucht haben, um zu einer positiven Diagnose zu gelangen«, begann Dr. Knox und wandte sich zu Shep. »Ein Mesotheliom ist notorisch schwierig zu identifizieren, und wir mussten erst alle möglichen anderen, geläufigeren Erklärungen dafür ausschließen, warum Ihre Frau zu Fieber, Druckempfindlichkeit, dem aufgeblähten Unterbauch und den gastrischen Motilitätsstörungen neigt.« Shep wusste nicht, was mit Motilitätsstörungen gemeint war, aber er fragte nicht nach, weil der Doktor dann wissen würde, dass es ein weiteres Symptom seiner Frau war, das ihm egal gewesen oder nicht aufgefallen war.
»Wie Sie sicherlich schon von Ihrer Frau wissen, ist das Peritonealmesotheliom äußerst selten«, fuhr Dr. Knox fort. »Und ich will Ihnen nichts vormachen. Es handelt sich um eine sehr ernste Erkrankung. Da das Peritoneum eine zarte Membran darstellt, die in etwa wie Frischhaltefolie die Organe umhüllt, kann sich die Krankheit in den Falten einnisten, an die man auf operative Weise nur schwer oder gar nicht herankommt.« Shep bewunderte die Formulierung des Arztes, mit der er zumindest so tat, als wüsste Shep über das Peritoneum Bescheid; Knox wollte keinesfalls unterstellen, dass der Ehemann seiner Patientin den gravierenden medizinischen Problemen seiner eigenen Frau so wenig Beachtung schenkte, dass er sich nicht die Mühe gemacht hätte, ihre Diagnose in einem Lexikon nachzuschlagen. »Und ich muss Ihnen leider sagen, dass die Mesotheliom-Symptome sich normalerweise erst dann bemerkbar machen, wenn der Krebs schon relativ weit fortgeschritten ist. Nichtsdestotrotz stehen uns eine Reihe von Therapien zur Verfügung. Ständig werden neue Behandlungen, neue Ansätze und neue Medikamente entwickelt. Die Überlebensrate steigt täglich an.«
Das alles wusste Shep schon aus dem Internet, aber er hatte das Gefühl, dass es unverschämt wirken würde, wenn er den Onkologen bei seiner formellen Einführung unterbrach. Shep hatte bereits genug gelesen, um zu wissen, dass die meisten Mittelchen aus Knox’ Wundertüte pures Gift waren. In Anbetracht der Tatsache, so wenig tun zu können, musste es für den Doktor also beruhigend sein, sich auf diskursive Weise nützlich zu machen. Durch seine systematische und doch liebenswürdige Art – er lächelte ermutigend und blickte Shep in die Augen – hatte Edward Knox bei Shep sofort Sympathie geweckt.
Doch auch wenn Ärzte liebenswürdig taten, lag es oft nicht in ihren Händen, wie liebenswürdig sie tatsächlich sein konnten. So behutsam ein Arzt sie auch formulieren mochte, war manch eine Botschaft, die er überbringen musste, doch grausam, und wenn er sie nicht grausam vortrug, war sie gelogen und somit noch grausamer. Shep persönlich konnte nicht verstehen, warum jemand Arzt werden wollte. Klar, einen Arterienstent zu legen und ein verstopftes Badewannenrohr zu reinigen waren technisch gesehen ähnliche Vorgänge. Aber ein Arzt war wie ein Handwerker, der relativ oft bei den Leuten an der Tür klopfen und sagen musste: Tut mir leid, ich kann Ihr Rohr nicht reinigen. Nur dazu war die Freundlichkeit gut: für diesen Moment des Bedauerns. Und dann ging er davon, vielleicht winkte er noch mal, und man stand da mit dem Schmutzwasser in seiner Badewanne. Warum sollte man so einen Job machen wollen?
»Und ich habe gute Nachrichten«, fuhr Knox fort. »Erstens, wie ich Ihnen letzte Woche schon versichert habe, Mrs Knacker, waren auf der MRT keine Anomalien im Pleura – in den Lungen – zu erkennen. Wichtiger noch, ich habe jetzt das Ergebnis der Laboruntersuchung vorliegen. Das Mesotheliom kommt, wenn Sie so wollen, in zwei Geschmacksrichtungen vor – in zwei Arten von malignen Zellen. Die epitheloiden Zellen sind weniger aggressiv, die sarkomatoiden Zellen sind sehr viel aggressiver. In den entnommenen Proben wurden ausschließlich epitheloide Zellen entdeckt. Dadurch fällt die Prognose um Einiges optimistischer aus.«
Glynis nickte schulmädchenhaft, als hätte sie etwas richtig gemacht. Shep wollte schon fragen: Und welche Prognose wäre das? Er öffnete den Mund, und er war trocken. Er schloss ihn wieder und schluckte. Da er dankbar sein, seine Rolle spielen, mitmachen und zupacken wollte, wie es hier offenbar erwartet wurde, sagte er stattdessen: »Ja. Das klingt nach einer sehr guten Nachricht.«
Mit einem Mal musste er unwillkürlich darüber nachdenken, dass gerade mal vor einer Woche eine »gute Nachricht« sein Merrill-Lynch-Portfolio gewesen war, das sich um 23 400 Dollar gefüllt hatte, ohne dass er einen Finger gerührt hatte. Dass ihr Sohn im zweiten Highschool-Jahr endlich eine anständige Note in Algebra nach Hause gebracht hatte. Dass Randy Pogatchnik geschwänzt hatte und irgendwo Golf spielte, sodass die Arbeit bei Allrounder drei Tage lang zwar nicht wie in alten Zeiten Spaß machte, aber doch immerhin kollegial war. Dass Glynis ausnahmsweise in einer verspielten und trägen Laune war – an die er sich jetzt kaum noch erinnern konnte – und Lust hatte, eine alte Folge Sopranos mit ihm zu gucken. Jetzt sollte er innerhalb von Sekunden in eine Welt eintauchen, wo eine »gute Nachricht« so aussah, dass sich im Bauchraum seiner Frau lauter bösartige »epitheloide« Zellen tummelten anstatt der noch bösartigeren »sarkomatoiden«, und diese Information sollte ihn auch noch aufheitern.
»Zur Frage, wie es jetzt weitergeht«, sagte der Doktor. »Vielleicht wollen Sie noch eine Zweitmeinung hinzuziehen. Es ist immer denkbar, dass andere Spezialisten einen alternativen Weg vorschlagen, aber ich dachte, ich würde Sie schon mal mit dem Standardverlauf zur Behandlung des epitheloiden Mesothelioms vertraut machen. Sofern die Diagnose bestätigt wird, Mrs Knacker, werden wir Sie so bald wie möglich einem Debulking-Eingriff unterziehen. Dabei soll so viel wie möglich von dem erreichbaren Krebs entfernt werden. Wir haben im Peritoneum drei Stellen mit befallenem Gewebe lokalisiert. Leider sind die Chirurgen, die ich konsultiert habe, übereingekommen, dass eine dieser Stellen unzugänglich ist. Sowohl um dieses unerreichbare kleine Stück zu schrumpfen als auch um bösartiges Zellwachstum weiter zu verhindern, wird sich höchstwahrscheinlich eine Chemotherapie anschließen, sobald Sie sich von dem Eingriff erholt haben. Zu diesem Zweck wird Ihnen ein Thoraxchirurg im Bauchraum zwei künstliche Ausgänge legen. Auf diese Weise können wir intraperitoneale Infusionen vornehmen und erhitztes Cisplatin einführen, das Ihre inneren Organe überspülen wird, anstatt die Chemotherapie durch die Blutbahn zu verabreichen. Bei dieser direkten Anwendung sollten unangenehme Nebenwirkungen deutlich geringer sein.«
»Heißt das, mir werden die Haare nicht ausfallen?«, fragte Glynis und berührte reflexhaft ihren Scheitel.
Dem Onkologen huschte ein Schatten übers Gesicht, eine Traurigkeit, ein Bedauern, dem Shep entnahm, dass eine so kleine Verletzung der Eitelkeit seiner Patientin das geringste Problem darstellen würde. »Jeder Patient reagiert auf die Behandlungen anders«, sagte er behutsam. »Man kann es nie wissen.«
»Außerdem wachsen sie ja wieder nach, oder?«, sagte Shep. Das war sein Part. Er sollte Optimismus verbreiten.
Ein zweiter Schatten zog über das Gesicht des Arztes, und zwar diesmal einer, den Shep nicht zu deuten wusste. »Ja, wenn die Behandlungen abgeschlossen sind, mit Sicherheit«, sagte Dr. Knox, der sich einen Ruck zu geben schien. »Manche Patienten stellen sogar fest, dass das Haar dicker nachwächst.«
Shep hatte plötzlich den Eindruck, dass dieser Besuch, ja das gesamte Programm von Röntgen über Kernspin bis hin zu all den Skalpellen und künstlichen Magenausgängen und abscheulichen Medikamenten, die da kommen würden, eine Posse, eine makabre Schmierenkomödie war. So hilfreich und beruhigend dieser Doktor sich gab, so deutlich hatte Shep das Gefühl, einfach nur bei Laune gehalten zu werden. Dann wiederum fühlte er sich vereinnahmt und zur Komplizenschaft mit dem Doktor genötigt, um gemeinsam seine Frau bei Laune zu halten. Glynis war die Angeschmierte bei dieser Komödie. Und es war eine schlechte Komödie, eine verabscheuungswürdige Komödie, für die sie mit jeder Faser ihres Daseins bezahlen würde. Er wollte keinen Anteil daran haben. Er würde Anteil daran haben müssen.
»Aber bevor wir den nächsten Schritt tun …«, fuhr der Onkologe fort. »Da es sich um eine so seltene Krebsform handelt, habe ich selbst mit der Krankheit nur begrenzte Erfahrung. Hier am Phelps Memorial haben wir in den letzten zwanzig Jahren nur zwei vergleichbare Fälle gehabt. Aber an der Columbia-Presbyterian-Klinik gibt es einen Spezialisten für innere Medizin, der im Tandem mit einem hervorragenden Chirurgen arbeitet. Beide haben weitreichende klinische Erfahrung mit dem Mesotheliom, und sie haben einen hervorragenden Ruf.«
»Sie wollen uns wohl loswerden«, sagte Shep mit angespanntem Lächeln.
Dr. Knox lächelte zurück. »Das könnte man so sagen. Mesotheliom-Patienten kommen aus der ganzen Welt zu Philip Goldman. Sie haben Glück, bei Ihnen wohnt er praktisch um die Ecke. Ich kann Ihnen gleich sagen, er ist nicht billig. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er nicht zum Vertragsnetzwerk Ihrer Krankenversicherung gehört. Sie müssten sich mit Ihrer Versicherung absprechen, wenn die vollen Kosten für einen Arzt außerhalb des Vertragsnetzwerks übernommen werden sollen, aber Sie haben ja einen triftigen Grund. Und selbst wenn Ihr Träger ablehnt, würde ich Ihnen unbedingt empfehlen, Dr. Goldman zu konsultieren. Ihre Versicherung würde immer noch den Großteil der Kosten übernehmen; ich kenne die Einzelheiten nicht, aber möglicherweise werden Sie einfach einen höheren Prozentsatz bei der Selbstbeteiligung zahlen müssen. Und wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht … Nun, ich vermute, dass Geld da keine Rolle spielt.«
»Natürlich nicht«, hörte Shep sich sagen. »Wir werden zahlen, was immer nötig ist, damit Glynis wieder gesund wird.« In Anbetracht des Taschengeldes, das seine Frau bei ihrem Chocolatier verdiente, war das wir eher eine Farce. Dass das wieder gesund werden ebenfalls die Kriterien einer Farce erfüllte, wollte Shep noch nicht in Betracht ziehen.
Während Knox ihnen die Kontaktdaten dieses ungemein kostspieligen Schamanen aufschrieb, dachte Shep dennoch über die Summe nach, die nun offiziell »keine Rolle spielte«. Natürlich hatte sie an sich keinen Wert. Geld war ein Mittel. Ein Mittel zu einem Zweck aber, von dem man nicht einfach so behaupten konnte, er »spiele keine Rolle«. Essen, ein Dach über dem Kopf, Kleidung. Sicherheit, sofern möglich, und damit auch die Aussicht auf Rettung. Leistungsfähigkeit, Macht, Einfluss. Leichtigkeit, Freiheit, freie Auswahl. Großzügigkeit, Nächstenliebe; wenn nicht gar Liebe überhaupt, für seine Kinder, seine Frau, seine Schwester und seinen Vater, fühlbare Liebe. Bildung; Weisheit vielleicht und deren Voraussetzung: akkurate Informationen. Wenn nicht sogar Glück, Luxus, der im Notfall auch für Glück gehalten werden konnte. Flugtickets – Erfahrung, Schönheit, Flucht. Aber auch das nackte Überleben. Ihr vermeintlicher Erlöser an der Columbia-Presbyterian; sie würden angesichts der virulenten Krebserkrankung seinen Anweisungen folgen und ihre gesamte Willenskraft mobilisieren; und nicht nur das: sie würden sich das Leben selbst erkaufen. Sie würden sich Glynis’ Leben erkaufen, jeden Tag aufs Neue für teures Geld, und am Ende würde sich jeder einzelne Tag mit einem Preisschild versehen lassen.
»Haben Sie beide bis hierhin irgendwelche Fragen?«, fragte Dr. Knox.
»Die Nebenwirkungen …«, sagte Glynis. Natürlich hatten die Wirkungen nichts Nebensächliches. Es waren Wirkungen – groß, grausam und alles andere als untergeordnet.
»Jedes Medikament und jeder Patient ist anders. Man wird Sie auf alles vorbereiten, womit Sie rechnen müssen, das verspreche ich Ihnen. Lassen Sie uns erst die Operation hinter uns bringen. Nicht vorpreschen.«
In der anschließenden Stille sah Shep erst hinüber zu seiner Frau, dann zum Onkologen, und Panik stieg in ihm auf. Er wollte jetzt keinen Händedruck und dann im Auto sitzen und merken, wie das Fehlende, das Ungesagte, die feigen Ausflüchte wie giftige Auspuffabgase das Wageninnere füllen würden. Aber ebenso wenig konnte er verstehen, warum ausgerechnet er die Frage stellen musste. Glynis hatte das Problem vielleicht schon mal zur Sprache gebracht, dann aber von der Quintessenz nichts durchblicken lassen, was eigentlich unmöglich war.
Bei seinem Versuch, sich im Eiltempo über eine Krankheit zu informieren, von der er vor vergangenem Freitag noch nie etwas gehört hatte, hatte Shep am Wochenende stundenlang vor dem Computer gesessen. Man müsse den Feind kennen, hatte er sich gesagt. Auf einer medizinischen Website, lange nach der geduldigen, überfürsorglichen Erklärung eines jeden Tests und einer jeden Behandlung, mit der ein Mesotheliom-Patient zu rechnen hatte, war er auf einen Abschnitt mit der Überschrift »Überlebensrate« gestoßen. Nachdem er ewig draufgestarrt hatte, konnte er den ersten Absatz fast auswendig:
Auf der folgenden Seite finden Sie detaillierte Informationen über die Überlebensrate bei verschiedenen Stadien des Mesotheliom, die wir hier auf vielfachen Leserwunsch zur Verfügung stellen. Nicht jeder Krebspatient möchte sich diesen Informationen aussetzen. Sollten Sie sich in dieser Hinsicht gegenwärtig nicht sicher sein, überspringen Sie diese Seite. Sie können zurückkehren.
Sein erster Eindruck war, dass die Autoren des Textes den Leser bevormunden wollten. Sein erster Impuls war, nach unten zu scrollen. Er hatte seinen Problemen bislang immer ins Auge gesehen. Aber in diesem Fall war es anders, wenn auch nur, weil er nicht persönlich betroffen war. In manchen Punkten würde ihn der Krankheitsverlauf vermeintlich betreffen, aber das musste er im Hinterkopf behalten. Während dieser Absatz auf dem Bildschirm flimmerte, war das, was in seinen Eingeweiden gedieh, zweifellos das schiere Entsetzen. Er griff nach der Maus. Er zog seine Hand von der Maus zurück. Er scrollte nicht nach unten. Er folgte dem Rat, die Seite zu überspringen, und kehrte drei Mal an dieselbe Stelle zurück. Er scrollte kein Mal nach unten. Er war noch nicht so weit. Hier in dieser Praxis aber, mit diesem Arzt, der all diese zwecklose Freundlichkeit in seine Stimme legte, war es Zeit, nach unten zu scrollen.
»Wie stehen ihre Chancen«, sagte Shep so bleiern, dass er nicht in der Lage war, die Stimme anzuheben, um den Satz als Frage zu kennzeichnen. »Wie lange.« Unklarheiten konnte man an diesem kritischen Punkt nicht gebrauchen. Er bildete den vollständigen Satz: »Wie lange hat meine Frau noch zu leben.«
Doch es war Glynis, die sprach. »Das kann man so nicht sagen. Jeder Patient ist anders, du hast doch gehört, was der Doktor gesagt hat. Jeder Patient reagiert anders, und wie er gerade sagte, kommen ständig neue Medikamente auf den Markt.«
Dr. Knox blickte hastig zwischen beiden hin und her; er schien das Paar genau zu taxieren. »Es ist wichtig, immer optimistisch zu bleiben. Ich bin schon oft zu einer spezifischen Prognose gedrängt worden, und selbst wenn ich nachgegeben habe, kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich schon unrecht hatte. Wie oft habe ich vorhergesagt, dass ein Patient noch soundso viel Zeit haben würde, und dann stellte sich heraus, dass er Jahre nach dem Tag, an dem ich Blumen ans Grab schicken wollte, seinen besten Freund im Squash an die Wand spielt.«
»Und es hilft doch auch, meinten Sie«, sagte Glynis, »dass ich von vornherein bei sehr guter Gesundheit bin. Ich bin nicht übergewichtig, meine Cholesterinwerte sind gut, ich mache Sport, ich habe keine erschwerenden Leiden, und ich bin gerade mal fünfzig.«
»Absolut richtig«, pflichtete Dr. Knox ihr bei. »Sich auf ein bestimmtes verhängnisvolles Datum einzustellen ist, wie in den Krieg zu ziehen und schon im Vorhinein festzulegen, an welchem Tag die Niederlage stattfinden soll. Mit der Medizin ist es wie mit dem Militär: Es ist die positive Einstellung, mit der man Resultate erzielt.«
Shep kannte dieses Gerede von Krankheit als bewaffnetem Konflikt: Der »Kampf« gegen den Krebs, bei dem die Patienten als »echte Kämpfernaturen« bezeichnet wurden, denen ein »Arsenal« an Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stand, um bei einer »Invasion« von bösartigen Zellen »die Oberhand zu gewinnen«. Doch die Analogie fühlte sich falsch an. Seiner geringen Erfahrung nach glich das Gefühl im Zusammenhang mit der Erkrankung eher der allgemein gedrückten Stimmung bei schlechtem Wetter. Und so war es, als hätte der Doktor verkündet, dass sie gegen einen Schneesturm oder gegen Windböen »in den Krieg ziehen« würden.
»Na ja, ich wollte nicht pessimistisch klingen, und es gibt bestimmt alle möglichen Ausprägungen …« Pflichtschuldig machte Shep seinen Rückzieher. Dennoch staunte er. Angesichts ihrer Erbitterung, ihrer Trotzhaltung, ihrer Düsternis – eigentlich war er doch derjenige von beiden, der zu dem von Knox propagierten Optimismus neigte –, hätte er Glynis eher zum Nach-unten-Scroll-Typus gezählt. Zweifellos gab es einiges, was er im Verlauf dieser Krankheit noch über sie herausfinden würde. Vielleicht lernte man einen Menschen erst dann wirklich kennen, wenn er dem Tod geweiht war.
Da er nicht »vorpreschen« durfte, ruderte Shep also zurück.
»Asbest«, sagte er. Es kam ihm eigenartig vor, dass sie schon so lange dieses Gespräch führten, ohne dass das Wort gefallen war. »Mesotheliom wird fast ausschließlich mit Asbest in Verbindung gebracht. Wie kann meine Frau mit Asbest in Berührung gekommen sein?«
»Ihre Frau und ich haben uns darüber schon unterhalten, und ich fürchte, wir haben das Rätsel nicht gelöst. Sie sagte, ihres Wissens nach habe sie nie mit dem Material gearbeitet. Und ich gehe nicht davon aus, dass Sie sich zu Hause eine neue Wärmedämmung haben einbauen lassen. Aber früher war es so weit verbreitet … und es reicht schon, eine einzige Faser einzuatmen oder zu verschlucken … Mesotheliom hat eine Latenzzeit von zwanzig bis fünfzig Jahren. Dadurch wird es unglaublich schwierig, ein bestimmtes Produkt als Ursache der Krankheit zu identifizieren. Aber spielt das denn überhaupt eine Rolle?«
»Für mich schon«, sagte Glynis hitzig. Bislang hatte sie sich so duldsam gegeben; in ihrer aufkeimenden Wut klang sie endlich wieder wie sie selbst. »Wenn Ihnen irgendein wildfremder Mensch auf der Straße ein Messer in den Bauch rammt, würden Sie dann nicht wissen wollen, wer es war?«
»Vielleicht …«, sagte Dr. Knox. »Aber wichtiger wäre mir, schnell ins nächste Krankenhaus zu fahren und mich wieder zusammenflicken zu lassen. Wenn das Unglück durch die Faktoren ›falsche Zeit, falscher Ort‹ ausgelöst wurde, wäre die Frage nach dem Schuldigen – oder in diesem Falle nach dem, was schuld ist – eher müßig.«
»An meiner Frage ist überhaupt nichts müßig«, sagte Glynis. »Da ich erst wie ein Fisch aufgeschlitzt und ausgenommen und dann mit Medikamenten vollgepumpt werden soll, von denen mir kotzübel wird und ich eine Glatze kriege und den ganzen Tag schlafen muss – wenn ich Glück habe –, würde ich schon ganz gerne wissen, wer mir das angetan hat.«
Der Onkologe kaute an seinem Wangenfleisch. Ohnmächtige Wut war in dieser Praxis gewiss nichts Neues. »Vielleicht hätte ich schon früher fragen sollen. Was machen Sie beruflich, Mr Knacker?«
»Ich leite – ich arbeite in einer Firma für Handwerksservice. Das heißt, wir stellen die Handwerker zur Verfügung. Und das Material …«
Der Arzt verengte die Augen. »Haben Sie solche Arbeiten auch selber ausgeführt oder führen sie noch immer selber aus?«
Handwerker klang billig – für seinen Vater hatte das Wort immer den Beiklang von Arbeiterklasse gehabt, und Jackson beispielsweise hatte alle möglichen protzigen Euphemismen erfunden, um es zu vermeiden – doch Shep war nicht bereit, sich seines Berufes zu schämen. Auch wenn Glynis auf Dinnerpartys eher seine Managerfunktion hevorhob, hatte körperliche Arbeit für ihn nichts Ehrenrühriges. Ehrenrührig war für ihn eher, jahrelang hinter einem Schreibtisch vor sich hin zu gammeln. »Sicher, natürlich.«
»Und haben Sie da mit Dämmmaterial oder Zementprodukten gearbeitet … Feuerschutzmitteln, Schallschutzmitteln, Dachmaterialien … Gullys, Regenrinnen … Vinylböden, Gips … Wassertanks?«
Shep wurde ein klein wenig stutzig, er ahnte, dass dies der Punkt war, an dem gewiefte Kriminelle vor der Polizei die Aussage verweigern. Die Unschuldigen hingegen glaubten, nichts zu verbergen zu haben, und schütteten idiotischerweise ihr Herz aus. »Mit allem, zum einen oder anderen Zeitpunkt. Wieso? Ich hab Glynis nie zur Arbeit mitgenommen. Wenn irgendeines dieser Materialien Asbest enthalten haben sollte, wäre dann nicht eher ich krank geworden?«
»Möglich wäre, dass Sie Fasern an der Kleidung nach Hause mitgebracht haben. Vor Kurzem bin ich tatsächlich auf eine Geschichte gestoßen, da verklagt eine Mesotheliompatientin in Großbritannien das Verteidigungsministerium. Ihr Vater war auf einer Marinewerft Ingenieur für Dämmtechnik gewesen, und sie ist überzeugt, dass sie als Kind mit Asbest in Berührung gekommen sein musste, als sie ihren Vater umarmte.«
Shep wurde selten rot, aber jetzt brannten ihm die Wangen. »Das scheint mir aber ziemlich an den Haaren herbeigezogen.«
»Mmm«, sagte Dr. Knox. »Eine einzige Faser, an der Hand, zum Mund geführt? Unglückselig, aber nicht an den Haaren herbeigezogen.«
Auf die Hitzewelle folgte eine Kältewelle, als sich Glynis mit vorwurfsvoller Miene zu ihm drehte. Erst ist er so gefangen von seiner »eigenen kleinen Welt«, dass seine Frau ihm nichts von ihrer tödlichen Krankheit erzählt, und jetzt hat sie sie auch noch von ihm.
BEIM AUFSCHLIESSEN DES Wagens in der Parkgarage auf der Fort Washington Avenue brach Shep endlich das Schweigen. »Ich hab immer gedacht, Asbest wäre längst verboten.«
»Es ist immer noch nicht verboten«, sagte Glynis und warf sich wütend in den Beifahrersitz. »1989 hat die EPA das verdammte Zeug endlich verboten, aber 1991 hat die Industrie das Verbot vor Gericht wieder aufheben lassen. Man darf es jetzt nur nicht mehr zur Wärmedämmung benutzen oder wenn man was Neues baut, das ist alles.«
Shep merkte sofort, dass Glynis ihre Hausaufgaben gemacht hatte – unmöglich, dass der historische Hintergrund ihrem Allgemeinwissen entstammte –, wohingegen sie sich auffallend darin zurückgehalten hatte, sich ausführlich über ihre Krankheit zu informieren. Über die Nebenwirkungen der Medikamente, deren Namen und Nachteile auf diversen Websites akribisch aufgelistet waren, hatte sie nur eine vage Vorstellung; sie weigerte sich, nach unten zu scrollen. Ihre Suche am PC hatte sich offenbar nicht auf das gerichtet, was mit ihr los war oder was als Nächstes passieren würde, sondern auf die Frage nach dem Schuldigen. Diese Art fehlgeleiteter Energie war leider typisch für sie.
»Aber wie hätte ich das denn wissen sollen?« Er ließ den Motor nicht an, starrte aber durch die Windschutzscheibe, als wäre er schon losgefahren. »Die Materialien, mit denen ich gearbeitet habe, waren dieselben, mit denen alle gearbeitet haben. Professionelle Klempner, Dachdecker … ich hab nie am falschen Ende gespart oder Materialien benutzt, von denen ich wusste, dass sie bei anderen Handwerkern in Verruf waren.«
»Du hättest es ohne Weiteres wissen können und wissen müssen! Seit 1918 sind die Gefahren durch Asbest nachgewiesen. In den Dreißigerjahren sind immer mehr Beweise zusammengekommen, die Forschungsergebnisse sind lediglich von der Industrie verdunkelt worden. Schon 1964 wurde eine direkte Verbindung zwischen Asbest und Mesotheliom gezogen. Da hattest du Allrounder noch nicht mal gegründet! In den Siebzigern wusste jeder, dass Asbest lebensgefährlich ist. Ich bin mit diesen Geschichten aufgewachsen und du auch!«
»Glynis, versuch doch mal zurückzudenken«, sagte Shep ruhig, besonnen, leise. »In den ersten Jahren hab ich zwölf, manchmal vierzehn Stunden am Tag gearbeitet, um Allrounder aufzubauen. Ich hatte keine Zeit, die Zeitung von vorne bis hinten durchzulesen. Und noch viel weniger hatte ich Zeit, mich jedes Mal, wenn ich eine Dose aufgemacht hab, in die Auflistung der einzelnden Inhaltsstoffe zu vertiefen.«
»Es geht hier nicht darum, dass du jede kleinste Wendung der Friedensverhandlungen im Nahen Osten hättest mitverfolgen sollen. Es wäre aber deine Pflicht gewesen, dich auf dem Laufenden zu halten über die Gesundheits- und Sicherheitsrisiken im Zusammenhang mit deiner eigenen Arbeit. Und die nötigen Recherchen anzustellen und sichere Produkte zu wählen und keine tödlichen. Nicht nur deinetwegen – sondern, übrigens, deiner Frau und Kinder wegen. Und was ist mit deinen Angestellten?«
»Ich hab keine Angestellten mehr«, sagte er leise. »Glynis, was soll das? Ist das die Rache für Pemba?«
Sie fuhr unbeirrt fort. »Diese Firmen werden alle seit Jahrzehnten bis zum Gehtnichtmehr verklagt, und was machst du? Steckst den Kopf in den Sand und willst davon nichts wissen!«
Shep war nie ein Mann für ideologische Kämpfe gewesen. Es lag in seiner Natur, die Dinge immer von zwei Seiten zu betrachten; schlimmer noch, von möglichst vielen Seiten, sodass seine Bekannten oft fälschlicherweise glaubten, er habe überhaupt keine Meinung. Dabei hatte er nichts gegen Ideologen; Jackson hatte für ihn etwas durchaus Unterhaltsames. Er war froh, dass seine Frau wählen durfte und dass die Schwarzen nicht länger separate Trinkbrunnen benutzen mussten. Es war bestimmt auch eine sehr gute Sache, dass ein paar Draufgänger für die Dämonisierung von Asbest gesorgt hatten, weshalb seine eigenen Mitarbeiter nun keine potenziell tödlichen Wärmedämmungen mehr verlegen mussten und dafür von ihren Ehefrauen in die schreckliche Rolle des Kontaminators gesteckt wurden.
Doch er hatte zudem ein Unternehmen gegründet, und hatte damit eine gewisse Vorstellung von dem, was ein Unternehmen war: weder Ungeheuer noch Abstraktion. Ein Unternehmen war eine Ansammlung von Menschen – einschließlich des einen oder anderen schlampigen Angestellten oder gnadenlos geldgeilen Eiferers, der im Alleingang jahrzehntelang die kollektive Sorgfalt untergrub. Und doch war ein Unternehmen auch eine Einheit, die von jemandem geliebt wurde. Nicht, dass er schlechte Praktiken entschuldigen wollte, aber ein Firmenvergehen war sowohl eine vielschichtige als auch zutiefst persönliche Sache. Angesichts dieser komplizierten Lage konnte er nicht nachvollziehen, was man davon haben könnte, mit dem Finger auf »eine Firma« zu zeigen, noch viel weniger auf »die Industrie«. Siehe Glynis. Statt auf »die Industrie« zu schimpfen, verschaffte es ihr offenbar weitaus mehr Genugtuung, einen konkreten Schuldigen zwischen die Finger zu bekommen.
Er fragte sich, ob Edward Knox irgendeine Vorstellung davon hatte, wie quälend der Hinweis war, dass sich Glynis ihren Krebs bei einer Umarmung zugezogen haben könnte.
Aber wenn es ihr half, wenn sie danach hungerte, sich selbst eine Geschichte zu erzählen, konnte Shep ihr den Dienst erweisen und sich in die Rolle des Bösewichts fügen.
»Tut mir leid«, sagte er. »Ich hatte keine Ahnung, dass Asbest so tödlich sein kann. Oder dass es in all den Materialien enthalten ist, die dein Doktor aufgezählt hat. Aber du hast recht. Ich hätte die Zeitungsartikel lesen sollen. Vor der Arbeit mit irgendeinem Produkt hätte ich mir die Inhaltsstoffe ansehen müssen. Es war unverantwortlich.« Letzteres Adjektiv blieb ihm ein wenig im Halse stecken, da es zuvor nie auf ihn gepasst hatte, weder in seinen Augen noch in denen anderer. »Und jetzt musst du dafür büßen. Das ist nicht fair. Eigentlich hätte ich krank werden müssen. Ich wünschte, ich könnte dir die Last abnehmen.«
Er wusste nicht genau, ob er das wirklich wollte. Doch vermutlich würde es über kurz oder lang so sein, und das sollte genügen.
ALS SIE WIEDER zu Hause waren, verkündete Glynis, dass sie nicht sehr hungrig sei, aber Shep drängte darauf, dass sie etwas essen müsse, um bei Kräften zu bleiben. Obwohl er wusste, dass es ihr zeit ihres Lebens ein Gräuel war, wagte er sogar den Vorschlag, dass sie vor dem Eingriff versuchen sollte, ein wenig zuzunehmen. Nach der gewaltsamen Szene in der Fort-Washington-Parkgarage – niemand hatte die Hand gegen den anderen erhoben, dennoch war es Gewalt gewesen – waren sie still, gingen sich mit übertriebener Rücksicht aus dem Weg. Shep erklärte sich freiwillig bereit, das Abendessen zu kochen, was nicht zu seinen üblichen Pflichten gehörte. Er wollte damit nicht andeuten, dass er Buße tat; er wollte damit andeuten, dass die Zubereitung einer einzigen Mahlzeit nur der Beginn einer sehr langen Bußezeit war, die von noch mehr Gesten und Opfern und noch sehr viel mehr Mahlzeiten geprägt sein würde. Sie hatte keine Lust zu streiten und eigentlich auch keine Lust zu kochen und überließ ihm das Feld.
»Papa kocht?«, fragte Zach und schlurfte in die Küche. Ob nun alters- oder charakterbedingt, ihr fünfzehnjähriger Sohn war in einer Phase, in der er nach Unsichtbarkeit strebte. Er wandte sich zu seinem Vater, der Kartoffeln schälte. »Was hast du denn angestellt?«
Die treffsichere Intuition, die Kinder gelegentlich an den Tag legen, beeindruckte Shep jedes Mal aufs Neue und machte ihn nervös. »Womit soll ich anfangen?«
Sie hatten beschlossen, den Kindern von der Krankheit erst dann zu erzählen, wenn sie genauer wüssten, was sie erwartete, und die Diagnose außerdem durch eine Zweitmeinung bestätigt wurde. Oder zumindest war das der Vorwand; zweifellos wollten sie die scheußliche Szene auch einfach nur aufschieben. Zach aber ahnte, dass irgendwas im Busch war. Da er fast nie mehr zusammen mit seinen Eltern aß, glich sein Herumschleichen in der Küche einer Spionagemission, und sein Blick in den Kühlschrank hatte eher Alibifunktion.
Shep war dankbar für einen Dritten, der die angespannte Atmosphäre auflockerte und das Bild einer ganz normalen Familie etablieren half – ein hungriger Teenager auf Nahrungssuche und die beiden Eltern, die nach einem Brosamen aus der wohlbehüteten Speisekammer seines Privatlebens bettelten. Eine triviale Szene, die bald schon der Vergangenheit angehören würde. In den kommenden Monaten würde Zach lernen müssen, ein »guter Sohn« und somit ein künstlicher Sohn zu sein.
»Geht’s auf die Piste?«, fragte Shep.
»Nö«, sagte Zach – den seine Freunde nur »Z« nannten. Seine Eltern hatten ihn auf den Namen Zachary Knacker getauft, bevor sie den Jungen kannten. Die Tonfolge hatte ihnen gefallen, das dampflokartige Klackerklacker, das sich für den Träger anhörte »wie eine Figur aus einem Kinderbuch«. Der Name war zu auffällig für einen Jungen, der alles tat, um sich bedeckt zu halten, und so kauerte er jetzt in Form eines kryptischen Einzelbuchstabens am Ende des Alphabets.
»Aber heute ist doch Freitag!«, sagte Shep, obwohl er es besser wusste. Zach ging nie weg. Er blieb in seinem Zimmer. Seine seltenen Exkursionen beschränkten sich auf die Zimmer anderer Jungen. Sie lebten alle online und verbrachten Stunden mit Computerspielen, ein Zeitvertreib, der Shep anfangs fast zur Verzweiflung getrieben hatte, bis er erkannte, worum es dabei eigentlich ging. Weder Blut noch Eingeweide noch Aggressivität machten den Reiz aus. Damals, als er noch Freizeit hatte – wann konnte das gewesen sein? –, hatte Shep gern Kreuzworträtsel gelöst. Er war nie sehr gut darin gewesen, aber das war nur von Vorteil; so hatte er länger was davon gehabt. Lachhaft untechnisch im Vergleich, war der Reiz der Kreuzworträtsel jedoch der Gleiche gewesen. Der Lohn all dieser Spiele war die Konzentration, Fokus als Selbstzweck; auf was, spielte keine Rolle. Dagegen konnte man nichts sagen, und so hielt er sich zurück.
»Ist ’n Abend wie jeder andere«, sagte Zach und schob eine Pizzatasche in den Toaster. Er war schlaksig und konnte sich das Fett erlauben. Shep schälte die letzte Kartoffel und nahm seinen Sohn in Augenschein. Das Gesicht des Jungen wuchs wild in alle Richtungen, die Stirn war zu breit, die Lippen zu voll, das Kinn zu klein; alles war unproportioniert wie das Auto eines Bastlers. Wie gern hätte Shep seinen Jungen getröstet, dass sich diese Aspekte in zwei bis drei Jahren zu der starken eckigen Gesichtssymmetrie seines Vaters zusammenfügen würden. Aber er wusste nicht, wie, ohne sich scheinbar selbst zu loben, und indem er Zach versprach, dass er bald gut aussehen werde, würde er ihm außerdem suggerieren, dass er jetzt hässlich sei.
»Hey, Mama.« Zach sah seine Mutter von der Seite an, die in einem spitzeren Winkel als sonst am Frühstückstisch saß. »Bist du müde? Ist doch erst sieben.«
Sie lächelte schwach. »Deine Mutter wird alt.«
Shep merkte, dass dem Jungen die glückliche Familiennummer mit einem Mal zu viel wurde. Zach wusste nichts davon, dass sein Vater noch vor einer Woche drauf und dran gewesen war, sich an die afrikanische Ostküste abzusetzen, und er wusste nicht, dass man bei seiner Mutter gerade eine seltene und tödliche Krebsart diagnostiziert hatte, und noch viel weniger wusste er, dass seine Mutter seinem Vater die Schuld an der Krankheit gab. Diese bewusst unausgesprochenen Dinge aber wirkten wie die hochfrequenten Schallwellen, mit denen Lebensmittelmärkte vor ihren Ladenfenstern die Obdachlosen zu vertreiben suchten. Was abgestumpfte Erwachsenenohren nicht mehr wahrnahmen, war für Pubertierende unerträglich. Noch bevor sie heiß war, holte Zach seine Pizzatasche aus dem Toaster und nahm sein Abendessen zwischen einem Stück Küchenrolle mit nach oben, wobei er sich nicht einmal die Mühe machte, »bis dann« zu sagen.
Brathähnchen mit Salzkartoffeln und Bohnen. Glynis lobte sein Essen, stocherte aber nur darin herum. »Ich fühl mich dick«, gestand sie.
»Du bist untergewichtig. Das sind nur Wassereinlagerungen. Du musst aufhören, so zu denken.«
»Plötzlich soll ich ein anderer Mensch werden?«
»Du kannst derselbe Mensch bleiben, bloß dass du mehr isst.«
»Dein Hühnchen«, sagte sie, »ist wahrscheinlich nicht das, was mir den Appetit verdirbt.« Das war sicherlich wahr. Angesichts dessen, was mit der Nahrungsaufnahme bezweckt wurde, hatte der Appetit bei der Mahlzeit auch mit dem Appetit auf die Zukunft zu tun.
Genau in diesem Moment erfüllte Shep das sinnlose und dennoch überwältigende Gefühl, dass er das alles nicht wollte. Es war fast, als wenn es weggehen würde, wenn er sich der Sache nur hartnäckig genug verweigerte, ähnlich wie er hin und wieder Zach zur Rede stellen und ihm die Computerspiele verbieten musste, bis seine Noten besser wurden. Er stand hinter ihrem Stuhl und strich ihr über die Schultern, er beugte sich über sie, um sich wie ein zutrauliches Pferd mit seinem Kopf an ihre Schläfe zu schmiegen.
»Keine Frau«, sagte sie, »die auch nur einen Funken Selbstachtung hat, würde von ihrem Mann verlangen, dass er hierbleibt.«
»Ach, ich glaube nicht, dass ich hätte gehen können, unter den Umständen. Selbst ohne das alles jetzt.« Noch ein kleines Opfer – sein Selbstbild. Aber vielleicht wäre er ja wirklich am Ende gar nicht nach Pemba gefahren. Wie der perlende Hochzeitsbrunnen im Nebenzimmer gemahnte, war er schließlich ein Charakter aus Wasser.
»Und wenn ich es erst ein oder zwei Wochen später erfahren hätte?« Es war klar, dass sie im Gespräch nur Anspielungen machen und niemals spezifizieren würden, was es war, weswegen keine Frau wollte, dass ihr Mann bei ihr blieb, wohin er unter den Umständen hätte fahren sollen oder was sie ein oder zwei Wochen später hätte erfahren können, denn Zach hätte jederzeit wieder nach unten kommen können. Gespräche mit Auslassungen gingen meist nach hinten los, wie die meisten Eltern wussten. Lauschende Kinder füllten die Leerstellen mit ihren schlimmsten Ängsten. Aber was soll’s. Wobei sich Zach bei diesem Gespräch schon würde anstrengen müssen, um auf Schlimmeres zu schließen als die Fakten.
»Dann hättest du’s mir erzählt«, sagte er, »und ich wäre zurückgekommen.«
»Du hast doch gerade gesagt, du wärst sowieso nicht gefahren.«
»Es war rein hypothetisch von dir gemeint. Von mir auch. Bitte, belassen wir’s einfach dabei.«
Sein Vorschlag war lächerlich. Vor zehn Jahren hatte ihre Schwester Ruby ein Schreibset geschickt, und das Logo auf dem Sockel hatte verraten, dass es sich um ein Werbegeschenk von der Citibank handelte; danach war kein Geburtstag mehr vergangen, an dem Glynis die Kränkung nicht wieder aufwärmte. Kürzlich noch hatte Petra Carson, ihre beste Freundin von der Kunstschule, Glynis’ Bitte um Kritik dummerweise für bare Münze genommen und behutsam geäußert, dass das Fischmesser mit dem Bakelit »vielleicht etwas klobig geraten« sei; die Arme hatte es wiedergutmachen wollen, indem sie seitdem Glynis’ Bestecke über den grünen Klee lobte, aber es nützte alles nichts. Und wenn Glynis nicht in der Lage war, ihren Groll über die Zweitverwertung von Werbegeschenken und unliebsamen Bemerkungen bezüglich ihrer Schmiedearbeit aufzugeben, standen die Chancen, dass sie ihm seinen Fluchtversuch vergeben würde, eher schlecht.
Erschöpft beschloss Glynis, früh zu Bett zu gehen, und Shep versprach, bald nachzukommen. Als sie oben war, ging er hinaus auf die vordere Veranda. Der gegenüberliegende Golfplatz hatte im Dunkeln nichts mehr von seiner Gepflegtheit und hätte fast als Wildnis durchgehen können. Es war kalt und klar. Mantellos trotzte Shep der frostigen Luft, er folgte der Bahn eines Flugzeugs, das unter den Sternen vorbeizog, wartete, bis das ferne Dröhnen verebbte und die roten Lichter am Rumpf der Maschine aus dem Blick verschwanden. Dann ging er hinein, schloss für die Nacht ab und schlich auf leisen Sohlen in sein Arbeitszimmer. Unter Zachs Tür war noch Licht, also schloss er die Tür. Er nahm die e-Tickets aus der unteren Schreibtischschublade und faltete sie auseinander. Sie waren auf das heutige Datum ausgestellt. Eins nach dem anderen fütterte er mit ihnen den Reißwolf. Mit tiefem Grummeln wurden die Seiten gefressen; das Jenseits wurde zu Konfetti zermahlen und landete im Papierkorb. Den Reißwolf hatte er gekauft, um sich gegen geistigen Diebstahl zu schützen; dass die Maschine ihm nun seine eigene Identität stahl, war grotesk.
Schließlich setzte er sich an den Computer, drückte drei Mal auf die Tasten und klickte sich auf die Seite, die von der Suchmaschine aufgezeigt wurde. Als er zur Überschrift »Überlebensrate« kam, hielt er nicht mehr inne; der Sprung ins kalte Wasser war immer noch der beste Weg, schon damals als Junge beim Baden in den White Mountains. Er scrollte nach unten. Er las sich den ganzen Abschnitt einmal durch, dann las er ihn ein zweites Mal. Nachdem er den Computer ausgeschaltet hatte, weinte er möglichst leise, um seine Frau nicht zu wecken.