Kapitel 13

Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 08. 2005 – 31. 08. 2005
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 274 530,68

DEN GANZEN TAG hatte sich Shep durch seine To-do-Liste gearbeitet. Lebensmittel einkaufen. Grillkohle besorgen. Gemüse schneiden – das am Ende ohnehin wieder keiner essen würde. Einen Dip zusammenrühren – für den er trotz seines Widerwillens Nancys Dosenananas benutzt hatte, weil ihm nichts anderes eingefallen war. Kartoffeln in Alufolie wickeln. Den Tisch decken – wobei er zu seinem Leidwesen feststellte, dass Glynis’ Fischmesser bei der Speisefolge nicht zu gebrauchen sein würde.

Doch die Gäste verspäteten sich. Alle Punkte auf der Liste waren durchgestrichen. Shep hatte nichts zu tun. Er verlieh damit der Skepsis seiner Frau gegenüber seinem idyllischen, müßigen Leben im Jenseits zwar einige Glaubwürdigkeit, aber das, was Shep dieser Tage nicht ertragen konnte, war das Fehlen eines Plans. Auf irgendeine seltsame mikrokosmische Weise deutete diese Kluft der Untätigkeit nach der Essensvorbereitung auf noch erschreckendere Abgründe. Das Muster des heutigen Abends von hektischer Betriebsamkeit zum freien Fall würde sich ständig wiederholen. Fieberhaft würde Shep jedem Bedürfnis nachkommen – jedes Arztrezept einreichen, Transport und Gesellschaft für jeden Termin arrangieren, Getränke holen, Kopfkissen aufschütteln und Füße hochlagern. Dann, plötzlich, würde nichts mehr – nichts mehr – überhaupt nichts mehr zu tun sein.

Er kontrollierte erneut, ob Glynis es bequem hatte auf der hinteren, verglasten Veranda. Etwas zu bequem; sie war in sich zusammengesackt und schlief. Das Zurechtmachen für den Abend hatte sie erschöpft. Er hätte ihr die Geselligkeit nicht aufzwingen dürfen. Das Timing war fürchterlich. Aber es hatte zweieinhalb Monate gedauert, bis ihre Freunde zum Essen herüberkamen. Er hatte nicht die Absicht, die Einladung zurückzuziehen und erneut mit Jackson umständlich ihre Terminkalender durchzugehen. Er rührte die Grillkohle um. Er hatte zu früh Feuer gemacht, es würde zu heiß werden für die Steaks. Achtzehn Dollar pro Pfund hatte er bezahlt. Es spielte keine Rolle. Wenn es allerdings keine Rolle spielte, ob sie verkohlten oder nicht, hätte er sich die Rumpsteaks ja gleich sparen können. Allmählich begann ihm der Grund zu entgleiten, warum sie die beiden zum Essen eingeladen hatten. Es entglitt ihm, warum sich Leute überhaupt zum Essen einluden. Was Leute groß miteinander zu reden hatten. Oder vielleicht war er vor allem unsicher, was er und Jackson noch zu reden hatten.

Schließlich nahm sich Shep den Wasserschlauch, ging im Garten umher und füllte seine verrückten Springbrunnen auf: den feierlich-kinetischen mit den Windrädern, Paddeln und der überfließenden Snoopy-Lunchbox aus Plastik, ein Geburtstagsgeschenk, das den neunjährigen Zach damals nicht begeistert hatte; der eher konstruktivistische zum Thema »Heimwerker«, bei dem das Wasser über Wasserräder und Spachtel und durch Rohrstücke floss. Die reine Willkür der Springbrunnen hatte ihn immer erheitert, doch in letzter Zeit erschienen ihm die Dinger nur noch albern, und er war dazu übergegangen, sie verächtlich und sarkastisch als seine »Wasseranlagen« zu bezeichnen. In einem Leben, das bestimmt wurde durch bittere Notwendigkeit, war Willkür verzichtbar.

Fast eine Stunde später als vereinbart stieg Jackson mit einem Armvoll alkoholischer Getränke aus dem Auto – nicht nur Wein und Bier, sondern auch Zutaten für Margaritas, als hätten sie verabredet, sich heute Abend die Kante zu geben. Vielleicht hätte Shep vorher anrufen und sie warnen sollen, dass die Umstände sich geändert hatten.

»Wisst ihr, was mich alle macht«, begann Jackson sogleich, vorausgesetzt, er hatte jemals aufgehört. »Dass mitten auf allen großen Kreuzungen in Brooklyn Verkehrspolizisten aufgestellt werden, die nichts anderes machen – wirklich nichts anderes – als vollkommen synchron mit den Ampeln den Verkehr zu regeln. Es sind menschliche Ampeln, mehr nicht. Brauchen wir wirklich irgendeinen aufgeplusterten Wichser, der nach links zeigt, wenn die Ampel auf Grün springt? Müssen wir dieses Arschloch dafür bezahlen, wie ’ne Vogelscheuche mitten in der Stadt rumzustehen, wenn die Ampel sogar ausnahmsweise funktioniert und sowieso leichter zu sehen ist? Man sieht nämlich nur dann mal keinen übereifrigen Staatsdiener, wenn die Ampel ausgefallen ist. Die Ampel fällt aus, die Hölle bricht los, und kein Cop weit und breit.«

Es versprach eine lange Nacht zu werden.

»Ach ja, und wisst ihr schon das Neueste aus dem Internet?«, fuhr er beim Limettenschneiden fort.

Jackson war genau wie die frisch aufgefüllten Springbrunnen im Garten, die den ganzen Abend durchblubberten und unermüdlich dieselben paar Liter Brauchwasser recycelten.

»Zum Beispiel unten in Downtown«, fuhr Jackson fort, »um die City Hall ist es ja total unmöglich, einen Parkplatz zu finden. Dafür gibt’s einen Grund, und es liegt nicht daran, weil wir in New York sind und die Plätze eben knapp sind. Es liegt an den Absahnern in der Regierung. Die Stadt hat 142 000 Parkerlaubnisse rausgegeben, auf denen steht, dass die jeweiligen Besitzer von den Parkregeln ausgenommen sind. Diese beschissenen Schmarotzer brauchen nur ihr kleines Kärtchen aufs Armaturenbrett zu stellen, und bingo, können sie ihren zufahrtsberechtigten Arsch sogar im Parkverbot abstellen. In Lower Manhattan haben sie mehr als 11 000 Gratisparkplätze zur Auswahl. Und wisst ihr, wie viele Parkplätze die armselige Allgemeinheit zur Auswahl hat? 665. Das, Freunde, ist keine Demokratie. Das ist Tyrannei. Wir zahlen für den Asphalt, den Bordstein, für die Reparatur von Schlaglöchern, für die Schilder, auf denen steht, dass wir uns verpissen sollen, und diese Leute parken, wo sie wollen, umsonst und so lange sie Bock haben.«

Shep hätte sich gehütet, jemals in Manhattan einen Parkplatz zu suchen. Das alles tangierte ihn nicht. Er tauschte mit Carol einen Blick aus, die peinlich berührt wirkte. »Das ist nur Jacksons Holzhammermethode, unsere Verspätung zu entschuldigen«, sagte sie. »Er musste unbedingt noch bei Astor Liquors auf der Lafayette Street anhalten, wo es den billigen Tequila gibt, und wir haben eine Dreiviertelstunde einen Parkplatz gesucht.«

Natürlich bot Carol ihre Hilfe an, während Jackson dazu überging, Limettensaft über sämtliche von Shep soeben sauber gewischten Arbeitsflächen zu spritzen. Und natürlich wollte sie Glynis begrüßen. Shep eilte auf die hintere Veranda, um sie zu wecken, obwohl es dieser Tage einen aufschlussreicheren Einblick in das Leben in Elmsford dargestellt hätte, wenn die Gäste seine Frau statt im ungestümen Begrüßungsmodus im katatonischen Kollaps vorgefunden hätten. Leider kam er nicht rechtzeitig, um ihr den Turban wieder um den Kopf zu wickeln, der zu Boden gerutscht war. Sie war immer stolz auf ihre äußere Erscheinung gewesen, wobei Shep vor dem Wort eitel zurückgeschreckt wäre, und stolz war sie noch immer.

Carol hatte mit Flicka alle Hände voll zu tun gehabt, die seit August eine hartnäckige Lungenentzündung hatte, also konnte Shep ihr nicht vorwerfen, seit gut sechs Wochen nicht mehr in Westchester vorbeigekommen zu sein. Sie gab sich alle Mühe, den Schock zu überspielen, aber er war ihr ins Gesicht geschrieben. Carols letzter Stand war, dass die wunderbare Nachricht der CT von Anfang Juli und die Heilung gefeiert werden sollten. Insofern hatte sie jeden Grund gehabt zu glauben, dass ihre Freundin wenn sie auch nicht wieder ganz bei Kräften sei, dann doch zumindest von menschenähnlicher Farbe und dreidimensionaler Form sein würde.

Jacksons wiederholte faule Ausreden und Terminverschiebungen aber hatten diese Zusammenkunft bis Mitte September hinausgezögert. Nicht nur im jahreszeitlichen Sinne war die Stimmung herbstlich geworden. Shep hatte keinen Blick mehr dafür, doch als er Glynis mit Carols Augen betrachtete, erkannte er, dass sich seine Frau auf ähnliche Art verfärbt hatte wie das üppige Sommerlaub. Ihr bräunlicher Teint war grau geworden wie eine Urlaubsbräune, die zur traurigen Inlandsfarbe verblasst war und nur noch schmutzig wirkte; der fahle orangefarbene Unterton erinnerte an ranzigen Tee. Wegen der neuen Chemo mit Adriamycin (oder, wie Glynis sagte, »Adrian muss ziehen«, was dem Medikament etwas von einem Schachspiel gab) hatte sie den Großteil ihrer Haare verloren; nachdem ihr mit Alimta kaum Haare ausgefallen waren, hatte sie gehofft, zu den wenigen glücklichen Chemopatienten zu gehören, die davon verschont blieben. Ihr Schädel hatte etwas schrecklich Nacktes und schimmerte durch die letzten dunklen Strähnen umso deutlicher hervor. Weitaus schlimmer als etwa ein zu tiefer Ausschnitt waren diese nackten Stellen beunruhigend intim und wirkten wie etwas, das andere wahrhaftig nicht zu Gesicht bekommen sollten. Sie war natürlich wieder abgemagert und sah außerdem aus, als wäre sie geschrumpft.

Carols gezwungener Ausruf, »Glynis, das ist aber ein tolles Kleid!«, war immer noch besser als Glynis, du siehst ja grauenhaft aus!

Glynis wirkte groggy und schien sich verwirrt zu fragen, was diese Leute hier im Haus zu suchen hätten. Die Schale Tortillachips schien ihr auf die Sprünge zu helfen. »Ach, Carol, danke. Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich nicht extra aufstehe. Du siehst auch toll aus. Du arbeitest so hart, aber man sieht es dir einfach nicht an. Immer so frisch und voller Leben.«

Es war vielleicht wenig diplomatisch, aber auch Shep konnte nicht umhin zu bemerken, dass Carol wirklich bezaubernd aussah. Vielleicht aus Angst, die Gastgeberin auszustechen – so war Carol; darüber hatte sie sich bestimmt Gedanken gemacht –, hatte sie sich eindeutig für den Abend nicht groß zurechtgemacht und einfach irgendetwas übergezogen. Doch der Schuss war nach hinten losgegangen. Wer hätte es der armen Frau vorhalten können, dass sie im schlichtesten Outfit am besten aussah? Das meerblaue ärmellose Kleid betonte nur umso mehr ihre sehnige Figur und spannte augenfällig über dem Busen. Was natürlich bestimmt keine Absicht gewesen war. Schon möglich, dass sie das zarte Sommerkleidchen ganz hinten aus dem Schrank gefischt hatte – es hing in jenen anatomisch unlogischen Falten, die typisch dafür waren, wenn etwas monate- oder gar jahrelang auf einem Kleiderbügel vor sich hin gewelkt hatte, – und passte nicht sonderlich gut. Das aber hatte zur Folge, dass sich ihre Brustwarzen unter dem Material abzeichneten, und es war schwierig, nicht hinzustarren. Glynis hatte keine nennenswerten Brüste mehr. Der implizite Kontrast hätte einer einst nicht minder attraktiven Frau ein Gefühl der Verbitterung geben müssen. Wenn dem so war, schien seine Frau mit einigem Erfolg die Bitterkeit zu überspielen. Tatsächlich wusste niemand so gut wie Shep, wie sehr sich Glynis zusammennahm.

Lärmend kam Jackson mit einem Tablett herein, den Krug Margaritas übervoll, die Gläser mit zu viel Salz am Rand. Er hatte eine nachlässige Seite, derentwegen sich die Freunde damals, als Jackson in Sheps Firma noch als Handwerker jobbte, immer wieder in den Haaren gelegen hatten, und wahrscheinlich war es für alle einschließlich der Kunden das Beste, dass er in eine Führungsposition aufgerückt war. Alles, was Jackson in die Hand nahm, lief auf einen Exzess hinaus.

»Shep sagt, man hätte dir einen neuen Cocktail verordnet«, sagte er und schenkte Glynis reichlich ein. »In diesem Sinne.«

Glynis schien die Anspielung nicht zu begreifen. (Mit Enttäuschung hatte Shep einmal festgestellt, dass in darwinschen Kategorien die Natur einen Sinn für Humor als verzichtbar betrachtete.) Während Jackson der restlichen Runde einschenkte, besah sie das Glas in ihrer Hand wie ein Foto aus besseren Zeiten. Auf »Adrian muss ziehen« sollte Glynis möglichst wenig Alkohol trinken, was Jackson hätte wissen können, wenn er denn gefragt hätte. Das Glas war zwar ein fröhliches Requisit, doch im Grunde trug es lediglich dazu bei, das Bühnenhafte des ganzen Ereignisses zu unterstreichen. Sie würden sich an die Bühnenanweisungen für das Stück Ein weiteres heiteres Essen mit Jackson und Carol halten, denn niemand hatte das Skript geliefert hinsichtlich der Frage, was die Veranstaltung sonst darstellen sollte.

»Habt ihr beiden diesen Schlamassel mit Katrina verfolgt?«, sagte Jackson zur Einführung.

Ausnahmsweise war Shep froh über aktuelle Ereignisse, ein offizielles Thema, das sie über die Tortillachips hinwegretten würde.

»Klar, bei uns läuft so ziemlich den ganzen Tag CNN«, sagte Glynis.

Sie hätte hinzufügen können, dass sie sich diebisch gefreut hatte über Katrina. Glynis hatte schon immer eine boshafte, dunkle Seite gehabt, aber jetzt war es nicht mehr bloß eine Seite. Sie sah sich mit Begeisterung Bilder der Verheerungen an – wie die großen geräumigen Häuser bis ins Obergeschoss mit galligem, öligem Wasser vollliefen. Wie schwarze Matriarchinnen vergebens von ihren Häuserdächern aus nach Rettung winkten und jetzt wussten, dass sie allein waren auf der Welt und dass es niemanden kümmerte. Tja, spürte er Glynis kühl antworten, willkommen im Klub. Es machte ihr nicht das Geringste aus, andere Menschen leiden zu sehen. Glynis ging es ja nicht besser. Die Aussicht auf eine ganze Stadt, die nicht länger leben würde als sie selbst, schien ihr eine gewisse Genugtuung zu schaffen. Wenn es nach ihr ginge, würde sie gern auch noch andere Städte packen, darunter vor allem New York, und mit sich in den Abgrund ziehen. Mit schwungvollem Befreiungsschlag hatte Glynis ihre Empathie aufgegeben und spiegelte trotzig genau jene Teilnahmslosigkeit gegenüber ihrem eigenen Schicksal wider, die sie zunehmend hinter den vermeintlich guten Wünschen der anderen Leute wahrnahm. So pflichtschuldig sich einige wenige Freunde noch an ihrer Bettkante einfanden, sah Glynis nämlich sehr wohl, wie erleichtert sie waren, wenn sie gingen.

»Es ist kaum mitanzusehen, wie diese ganzen Menschen in New Orleans alles verlieren«, sagte Carol mit löblichem, aber langweiligem Mitgefühl. »Es sprengt zwar ein bisschen unser Budget, aber ich musste einfach einen Scheck ans Rote Kreuz schicken.«

»Ist nicht dein Ernst«, sagte Jackson barsch.

»Sieh es als Geld von meinem Einkommen«, sagte Carol. »Ich musste etwas tun, sonst hätte ich nicht damit leben können.«

»Aber wir haben doch schon gezahlt, wir tun schon ›etwas‹!«, rief ihr Mann.

»Das genau ist doch die Aufgabe eines Landes, oder etwa nicht? Solidarisch zu sein, anderen in schweren Zeiten zu helfen.«

»Eine Regierung hat genau die Aufgabe, den Leuten in schweren Zeiten zu helfen!«, sagte Jackson, der seine erste Margarita schon intus hatte. »Dafür sollten die Steuern verwendet werden. Bürgersteige. Und Hurrikane!«

»Und die Krankenversicherung«, sagte Shep. »Für jemanden, der behauptet, nicht viel von Regierungen im Allgemeinen zu halten, erwartest du aber ganz schön viel.«

»Nein, das stimmt nicht. Zum Beispiel erwarte ich nicht, dass sie drei Milliarden Dollar pro Woche im Nahen Osten in den Sand setzt oder dass ich die Hälfte aller verdammten Nichtstuer in meinem eigenen Land mitfinanzieren soll. Aber, stimmt, wenn mir schon vom Staat das Geld aus der Tasche gezogen wird, kann ich wenigstens ein paar kümmerliche Dienstleistungen dafür verlangen. Ich will nicht, dass meine Frau einen Job macht, den sie hasst, nur damit mein Kind im Krankenhaus auch behandelt wird. Und wenn eine ganze Stadt nur wegen der inkompetenten Verwaltung ihrer Deiche im Wasser versinkt, dann erwarte ich, dass irgendeiner aus Washington, D.C., den armen Schweinen ’ne Flasche Mineralwasser und ’ne Handvoll Cracker besorgt und sie aufs Trockene schafft. Dieses Monstrum von einer Regierung macht sich nicht mal die Mühe, den Leuten ein trockenes Handtuch zu reichen.«

Bei Jacksons Mitgefühl für seine glücklosen Landsleute in Louisiana hätte Shep eigentlich das Herz aufgehen müssen, hätte ihn die kaum verhohlene Freude an der eigenen Tirade nicht an Glynis erinnert. Ihr Freund war allzu dankbar für jede noch so schlimme Wendung der Ereignisse, wenn sie nur seinem geliebten Konstrukt dienten von den einfältigen und charakterschwachen armen Säuen, die sich von den gewieften und geldgeilen Absahnern schröpfen ließen. Vielleicht war es ganz normal, eher Genugtuung als Trauer zu empfinden, wenn anderer Leute Unglück die eigene Weltsicht bestätigte. Jacksons Schwäche mochte gang und gäbe sein, aber dennoch war sie eine Schwäche: eine Selbstverherrlichung auf Kosten der ungezählten Menschen, deren Glück geopfert worden war.

»Es ist deshalb, weil sie schwarz sind«, sagte Carol. »Das sind Demokraten, wenn sie denn überhaupt wählen gehen.«

»Klar, ich weiß, dass du das denkst und dass alle das denken«, sagte Jackson. Er tauchte einen Selleriestreifen in den dubiosen Dip, biss ab und schob den angebissenen Selleriestreifen auf den Tisch. »Aber ich glaube, es ist einfacher als das und gruseliger. Du hast eine Regierung, die eigentlich nur ein Riesenunternehmen ist und deren treibende Kraft daraus besteht, sich selbst zu befördern und endlos zu vergrößern. Es fällt ihr also gar nicht erst ein, anderen zu helfen. Es ist nicht ihre Aufgabe, anderen zu helfen. Es ist ihre Aufgabe, sich selbst und ihren kleinen Freunden, den Vertragsfirmen, zu helfen, Punkt. Die kleine Säuberungsaktion in New Orleans wird am Ende vor allem den mitmauschelnden Vertragsfirmen in die Kasse spielen, und wenn alles vorbei ist, sind die Vertragsfirmen reich, und die Gegend sieht immer noch aus wie ein Wattenmeer. Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar später werden diese armen Wichser immer noch mit ihren kaputten Tiefkühltruhen voller vergammelter Shrimps leben müssen. Mann, Thomas Jefferson würde sich im Grabe umdrehen. Dieses Land ist die reinste Parodie seiner selbst. Eine Farce.«

»Gibt es denn ein Land, das deiner Meinung nach besser ist?«, fragte Shep.

»Nein«, sagte Jackson bereitwillig. »Natürlich nicht. Sie sind alle gleich. So ist der Mensch, Kumpel. Wenn man jemandem die Macht gibt, anderen Leuten ihr Geld abzunehmen, glaubst du etwa, dass das dann nicht tatsächlich auch ausgenutzt wird?«

Carol verdrehte die Augen. »Klar. Deswegen wär’s besser, wenn wir gar keine Regierung hätten. Und auch keine Armee, um uns und unsere Landesgrenzen zu verteidigen.«

Als Ehefrau dieses Mannes hätte es Carol eigentlich besser wissen müssen.

»Eine Million Mexikaner und Zentralamerikaner, die pro Jahr durch den Rio Grande waten, und du bist der Meinung, dass unsere Landesgrenzen verteidigt werden, ja?«, rief Jackson. »Und unsere großartige Armee und diese ganze Supermachtnummer machen uns zur Zielscheibe. Zwei Typen, die in Riad durch die Straße gehen, einer aus den Staaten und einer aus Litauen. Wer wird entführt? Der Amerikaner! Welches Hotel in den Philippinen sucht sich der Selbstmordattentäter aus? Das für die Einheimischen, das, wo hauptsächlich Chinesen absteigen, oder das, wo die Amerikaner wohnen? Die Japaner haben seit dem Zweiten Weltkrieg keine Armee mehr, und die könnten nicht sicherer sein.«

Shep wollte einwenden: »Aber nur deshalb, weil sie immer die USA im Rücken hatten.« Aber er hielt sich zurück. Er wollte dieses Gespräch nicht noch mehr anheizen. Er küsste seiner Frau die Stirn und nutzte die Gelegenheit, ihren Turban zurechtzurücken – sie warf ihm einen dankbaren Blick zu –, ehe er davonschlüpfte, um die Kartoffeln zu wenden und die Steaks auf den Grill zu legen.

Die Einsamkeit des Gartens tat gut, das Plätschern der Springbrunnen gab der schlichten Rasenlandschaft die Ruhe eines Steingartens. Es hatte wenig Sinn, Freunde einzuladen, nur um ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu entfliehen. Dennoch hatte Jacksons Wüten gegen den Himmel eine neue Qualität. Es war noch immer der gleiche Text, aber er war nicht mehr genüsslich oder spielerisch aufsässig; Jackson war nur noch zornig. Nichts von dieser Flachserei hatte auch nur den geringsten Einfluss auf die Welt, und wenn sie dann nicht einmal mehr unterhaltsam war, dann war sie im Grunde sinnlos.

Als Shep zur Veranda zurückgeschlendert kam, um einen Blick hineinzuwerfen und zu fragen, wie die anderen gern ihr Steak hätten, hatte Jackson einen Ausdruck aus der Tasche gekramt, was immer ein schlechtes Zeichen war. »Vor einhundert Jahren waren wir das florierendste Land der Erde, stimmt’s? Wir hatten die größte Mittelschicht der Welt, stimmt’s? Und wir hatte keine Staatsschulden. Wir hatten auch keine der folgenden Steuern.«

Jackson strich seinen Zettel glatt, der zerknittert und abgegriffen war, als wäre er damit schon öfter aufgetreten. Jedes Mal beim Wort Steuern schlug er mit der Hand auf den Tisch, und der Vortrag wirkte wie ein Mittelding zwischen Dichterlesung und HipHop-Konzert. »Baugenehmigungssteuer, Berufskraftfahrer-Führerscheinsteuer, Benzinsteuer, Debitorensteuer, Erbschaftssteuer und natürlich unsere Lieblingssteuer, die Einkommenssteuer –«

Als Jackson innehielt, um Luft zu holen, bemerkte Shep, dass die Liste alphabetisch geordnet war und sie gerade erst beim E waren.

»Grundstückssteuer, Gewerbesteuer, Hundesteuer, Jagdsteuer, Körperschaftssteuer –«

»Schatz, das reicht jetzt«, sagte Carol.

»Luxussteuer, Medicare-Steuer –«

»Wenn du nicht sofort die Klappe hältst –!«

»Schulsteuer, Straßenbenutzungssteuer –«

»Dann schwöre ich dir, ich fahr auf der Stelle wieder nach Hause und lass dich hier sitzen.«

»Pass auf, Süße, nur noch ganz kurz, ja? Telefonzusatzgebühr-Steuer –«

Diesmal war es Carol, die auf den Tisch schlug, nämlich mit der vollen Handfläche, und es war laut. »Was macht dich eigentlich so wütend, Jackson? Sag’s mir! Was ist so schrecklich an deinem Leben?«

»Wohnmobilsteuer, Umsatzsteuer«, murmelte Jackson hastig, aber ohne den dramatischen Zorn.

»Schluss!« Carol stand auf.

»Halt, halt, setz dich wieder. Den Rest können wir überspringen. Ich bin fertig.«

»Das will ich dir auch geraten haben«, sagte sie und blieb stehen, hoch aufragend über ihrem rundschultrigen Ehemann. »Dann kannst du mir ja meine Frage beantworten. Du hast ein anständiges Haus. Deine Tochter hat eine genetische Krankheit, aber immerhin ist sie noch am Leben, oder? Du isst gut« – sie nickte in Richtung der Bauchgegend ihres Mannes –, »ein bisschen zu gut. Was willst du, was du nicht hast? Warum fühlst du dich so entwürdigt, so benachteiligt, so schwach und weinerlich und verbittert? Warum hast du nie das Gefühl, die Kontrolle zu haben, warum fühlst du dich immer so unterlegen und ohnmächtig? Und erwartest du von mir, als deiner Frau, dass ich das attraktiv finde? Warum fühlst du dich nicht wie ein Mann, Jackson? Warum fühlst du dich so – klein

Jackson starrte zornig vor sich hin. Er schenkte sich schwungvoll eine weitere Margarita ein und spülte dabei den Großteil vom restlichen Salz gleich mit ins Glas. Peinlich berührt wandten Glynis und Shep den Blick ab. Es kam schon mal vor, dass sich Carol ins politische Gefecht stürzte, aber meist war sie die Stimme der Vernunft, der Güte sowieso, sie gab allenfalls energische Widerworte. Dass sie vor Freunden schmutzige Gefühlswäsche wusch, war noch nie vorgekommen.

Die anderen drei dachten vielleicht, Shep sei aus der Fliegengittertür verschwunden, um nicht mitansehen zu müssen, wie sein bester Freund zusammengestaucht wurde. Doch in Wahrheit waren es genau die Leviten, die er Jackson selbst seit Jahren schon hatte lesen wollen, und Carols Fragen waren längst überfällig. Er hatte nie verstanden, was Jackson von innen antrieb, woher diese Hitze kam.

Nein, ihm war bloß der verwaiste Grill wieder eingefallen. Als er zu den Steaks kam, mit denen man jetzt eher die Terrasse neu hätte fliesen können, wurde er von Schuldgefühlen übermannt. Die Rumpsteaks hatten ihm vertraut. Als er die Platte mit dem geschrumpften Fleisch und den verkohlten Kartoffeln zurück zur Veranda brachte, nörgelte Jackson: »Niemand lässt sich gern veralbern. Sich für dumm verkaufen. Weißt du noch, als dieser Junge bei uns vor der Tür stand und für zwanzig Dollar die Fenster putzen wollte? Du hast ihm das Geld gegeben, und er ist aufs Fahrrad gestiegen, und weg war er. Du hast ihn nie wieder gesehen. Und du warst sauer. Es waren nicht die zwanzig Dollar, das hast du selbst zugegeben. Es war die Tatsache, betrogen worden zu sein.«

»Ich habe mich über mich selbst geärgert«, sagte Carol, die sich zumindest wieder hingesetzt hatte. »Es war meine Dummheit.«

»Und genau so fühle ich mich. Als würde ich ständig zum Narren gehalten.«

»Ich habe mich nicht zum Narren gehalten gefühlt. Ich war selbst der Narr. Ich hatte es verdient.«

»Vielleicht geht’s mir ja genauso.« Das Paar tauschte einen Blick aus.

Nachdem Shep den Salat aus dem Kühlschrank geholt und den Wein geöffnet hatte, verkündete Carol: »Jackson möchte sich entschuldigen.«

»Wofür?«, fragte ihr Mann.

»Schon gut, Carol«, sagte Glynis und richtete sich in ihrem Korbstuhl auf. »Wenn er nicht über Steuern schimpfen würde, würde er eben über was anderes schimpfen.«

»Aber wir wollten doch eigentlich feiern«, sagte Carol beharrlich. »Jackson scheint vergessen zu haben, warum wir hier sind. Aber ich nicht. Wir beide sind wahnsinnig erleichtert, Glynis, dass es dir wieder besser geht. Ich schwör’s, als Shep das mit der Computertomografie erzählt hatte, musste ich weinen. Also würde ich gern einen Toast aussprechen.« Carol hob das Glas. »Auf deine Genesung. Auf das Wunder der modernen Medizin. Darauf, dass wir uns wieder treffen werden, wenn Glynis ganz gesund ist, wir werden Steaks essen und Margaritas trinken, und dann darf Jackson vielleicht auch über Steuern schimpfen!«

Es war ein tapferer Versuch, die gereizte Stimmung in der Runde umzukehren, aber weder Glynis noch Shep hoben ihr Glas.

»Tut mir leid, Carol«, sagte Shep. »Wir werden wohl auf was Bescheideneres anstoßen müssen. Zum Beispiel auf die Hoffnung auf mehr weiße Blutkörperchen.«

Carol blickte von Shep zu Glynis und stellte ihr Glas wieder ab. »Was ist denn los?«

»Wir haben gestern das Ergebnis einer neuen Tomografie bekommen«, sagte Shep. »Das Mal davor hat uns Goldman in sein Büro gebeten. Also hätte ich wahrscheinlich ahnen können, dass die Nachricht …« – sowohl schlimm, ziemlich schlimm, wie auch lausig oder unbefriedigend lagen ihm auf der Zunge, bevor er schließlich sogar schlecht verwarf – »… dass die Nachricht diesmal weniger ermutigend sein würde, als er es vorzog, uns am Telefon zu informieren. Wahrscheinlich können wir von Glück reden, dass wir keine E-Mail bekommen haben.«

»In der was gestanden hätte?«, fragte Carol.

»Dass …« Shep hatte sich von Anfang an gegen Euphemismen gewehrt, doch unter diesen Umständen brachte er es nicht fertig, noch mal das Wort Krebs zu verwenden. »Dass die Situation fortgeschritten ist. Im Nachhinein tut es mir leid, dass wir’s nicht geschafft haben, die letzte CT zu begießen, als wir noch die Chance hatten. Diese … na ja, das Ergebnis ist einfach nicht so toll.«

»Es ist nur ein Rückschlag«, sagte Glynis standhaft.

»Ja«, sagte Shep. »Das meinte ich. Wir haben einen Rückschlag erlitten.«

»Es bedeutet einfach nur, dass ich ein bisschen länger Chemotherapie bekomme«, sagte Glynis.

»Ja«, wiederholte Shep. »Es könnte bedeuten, dass Glynis ein bisschen länger Chemotherapie bekommen muss.«

»Scheiße, das ist ja übel«, sagte Jackson.

»Das tut mir so leid, das ist aber …« Carol schien ebenfalls ihr inneres Synonymwörterbuch durchzublättern. »Das ist aber enttäuschend. Wie ent-, inwiefern denn weniger ermutigend

Shep suchte Carols Blick, aber sie hatte sich mit der Frage an Glynis gewandt.

»Nicht so gut, wie wir uns erhofft hatten, das ist alles«, sagte Glynis gereizt. »Aber Adrian – … Adriamycin scheine ich immer noch gut zu vertragen« – das Husten kam zu illustrativen Zwecken eher ungelegen –, »und es gibt eine ganze Menge anderer Medikamente, die wir noch nicht ausprobiert haben.« Sie begegnete Carols Blick mit einer Herausforderung, bis Carol den Blick senkte.

»Ja, es gibt heute die erstaunlichsten Therapien«, räumte Carol ein und sah hastig wieder auf ihren Teller. »In allem, was ich so lese, heißt es, dass bei allen Krebsarten die Überlebensrate von Tag zu Tag steigt. Dass Krebs immer mehr zu einer Krankheit wird, mit der man einfach umgehen muss wie mit so vielen anderen chronischen Krankheiten: Herpes, Rückenschmerzen. Ich … ich bin mir sicher, dass sie diese Sache in den Griff kriegen werden. Manchmal müssen sie einfach nur genau das richtige Medikament finden, oder? So lange rumprobieren, bis sie’s gefunden haben.« Sie blickte wieder hoch und brachte ein Lächeln zustande. Carol war sehr viel cleverer, als man auf den ersten Blick annahm. Zwei Minuten, und schon war sie auf den Zug mit aufgesprungen.

Aber immer wenn es etwas gab, über das man nicht reden sollte – Shep kam ums Verrecken nicht dahinter –, war es auf rätselhafte Weise unmöglich, ersatzweise über ein anderes Thema zu reden. Während sie sich durch ihre Schuhsohlen kauten – Glynis rührte ihr Rindfleisch nicht an –, war dem Vierergespann auch schon der Gesprächsstoff ausgegangen.

»Kannst du denn nicht wenigstens ein bisschen was essen, Glynis?«, fragte Carol vorsichtig nach wortlosem Besteckgeklimper. »Es ist doch bestimmt wichtig, dass du bei Kräften bleibst. Und das Rind ist zwar gut durch, aber eindeutig von bester Qualität.«

Glynis stocherte an ihrem Steak herum. »Ich will jetzt hier beim Essen nicht ins Detail gehen. Aber ich kann so was kaum ansehen, ohne mir vorzustellen, wie schwierig es sein wird, das Ganze … am anderen Ende wieder rauszubekommen.«

»Ah«, sagte Carol.

Die Steakmesser erzeugten ein unschönes Quietschen auf dem Porzellan. Inzwischen hatte Shep geradezu den Wunsch, dass Jackson etwas zweckmäßig Ärgerliches zur Sprache brächte wie die Alternativsteuer. Nach weiteren zehn Minuten, in denen Carol noch einen verzweifelten Versuch unternahm und lobend das Etikett des Salatdressings hervorhob, war er versucht, sogar selbst die Alternativsteuer ins Spiel zu bringen.