Kapitel 19

Shepherd Armstrong Knacker
Union Bancaire Privée Konto-Nr. 837-PO-4619
Kontoauszug Februar 2006
Haben: $ 771 398,022

DIE REISE SELBST hatte etwas von jenen Wohltätigkeitsveranstaltungen, bei der eine tüchtige Gruppe Schwerbehinderter gegen jede Wahrscheinlichkeit den Montblanc besteigt; hätten sie ein paar Sponsoren gefunden, hätte ihre bunte siebenköpfige Schar womöglich Tausende für einen guten Zweck sammeln können.

Im Anschluss an die neunzigminütige Fahrt zum Kennedy-Flughafen stellte Shep seinen Geländewagen auf dem Langzeitparkplatz ab, wobei er dachte: für sehr lange Zeit. (In ihrem Anschaffungswahn prellten sich die Amerikaner selbst um die Freuden der Entsorgung, die sich bislang als die viel größere Erleichterung entpuppt hatte. Mit jedem Multifunktionsdrucker, mit jeder flannellgefütterten Jeans, die er zurückließ, fühlte Shep sich so viel leichter, dass er, angekommen am Gate 3A, auch ohne Flugzeug nach Pemba hätte fliegen können.) Nach drei Stunden Warterei dauerte der Nachtflug nach London sieben Stunden, gefolgt von einem dreieinhalbstündigen Zwischenstopp in Heathrow, einem achteinhalbstündigen Flug mit Kenya Airlines nach Nairobi, einem weiteren zweistündigen Zwischenstopp, einer Stunde und vierzig Minuten Flug nach Sansibar, einem vierstündigen Zwischenstopp ohne Klimaanlage, was für Flicka bei achtunddreißig Grad fast verheerend gewesen wäre, einem wackligen halbstündigen Flug in einer Propellermaschine mit zwanzig Sitzplätzen, die ihrer ausgeblichenen Ausstattung nach etwa Baujahr 1960 sein musste, einer einstündigen Rumpelfahrt in einem Minitransporter sowie zwanzig Minuten mit dem Schnellboot. Ingesamt dauerte die Reise von Tür zu Tür – wobei ihr Zeltlager streng genommen gar keine hatte – dreiunddreißig Stunden.

Es mangelte nicht an Zerstreuungen: Shep konnte seinem Vater in einer engen Flugzeugtoilette assistieren; den Mitpassagieren böse Blicke zuwerfen, da diese so taten, als würden sie Flicka nicht anstarren, während die ihr Oberteil hochzog und mal wieder eine Miniflasche Mineralwasser durch ein Plastikloch in ihren Magen füllte; die eisigen Offerten der Flugbegleiterinnen abwehren, die eigentlich sagen wollten: »Wieso ausgerechnet ich, verdammt noch mal?« oder »Was haben diese Krüppel hier oben in der Luft zu suchen, und wehe, es stirbt mir einer weg, ausgerechnet auf meinem Flug«; Flickas tragbaren Sauerstofftank aus dem Weg schieben, wenn der Getränkewagen vorbeikam; Flicka abwechselnd mit Carol ans Schlucken erinnern; drei komplexe Medikamentepäckchen verteilen und akribisch nach Form und Farbe ordnen, nachdem bei einer Turbulenz eine Schoßladung zu Boden und unter diverse Sitze gerollt war; nach mehr Flugzeugdecken für Glynis bettelnd den Gang hinunterlaufen; in Sansibars heruntergekommenem Flughafen kikois kaufen, um sie in kaltes Wasser zu tauchen und Flicka damit zu kühlen, wobei es wirklich die Rettung war, dass Shep daran gedacht hatte, den kleinen tragbaren Ventilator mitzunehmen, den er in Randys überheiztem Büro auf seinem Computer stehen gehabt hatte – danke, Pogatchnik.

Der letzte Abschnitt in der ZanAir-Maschine war Übelkeit erregend, die Luftzirkulation war nicht besser als heißer Atem. Alle fächerten sich Luft zu mit den laminierten Notfallinstruktionen, die sie im Hinblick auf das Alter der Maschine besser hätten lesen sollen. Shep hielt seiner Frau die Hand und versuchte auf andere Gedanken zu kommen, indem er seine erste Lektion Suaheli lernte – Sicherheitsgurte befestigen: fungu mikanda; »Bitte nicht rauchen«: usivute sigara. Drei der Passagiere waren dem Tod ohnehin so nahe, dass sie nicht über die Gefahren für Leib und Leben ins Nachdenken gerieten. Doch als die Flugzeugmotoren ohrenbetäubend zu kreischen begannen, betete er zu Gott, den ersten Zeh auf Pemba aufsetzen zu dürfen, ohne vorher fünftausend Fuß im freien Fall zurückgelegt zu haben.

Schließlich flog die Propellermaschine ruckelnd über das Flachmeer vor Pemba dahin – einem breiten alabasternen Kräuseln aus Azurblau, Smaragdgrün und Aquamarin von einer Fülle, der man jenseits der Computeranimationen nur selten begegnete –, um dann an einem filigranen, leuchtend weißen Strand entlangzusegeln.

»Wow«, sagte Flicka und reckte über Heather hinweg den Hals, um aus dem Fenster zu sehen.

»Iiih, du sabberst mich schon wieder total voll!«, beklagte sich Heather, obwohl sie ohnehin schon mit ihrem Guave-Bananen-Joghurt bekleckert war.

Auch Glynis klebte an ihrem Fenster. »Shepherd, es ist wunderschön.« Sie seufzte. »Vielleicht hattest du recht.«

»Herrjemine«, sagte Gabe auf seinem Fensterplatz in der Reihe gegenüber. »Und ich dachte schon, ich würde den Rest meiner Tage damit zubringen, in der Morgentau-Residenz zu sitzen und auf einen billigen Druck von Thomas Hart Benton zu starren.«

»Die Aussicht hätte ich auf Google Earth auch haben können, nur ohne dreimal umsteigen zu müssen«, sagte missmutig Zach, der es vorgezogen hatte, allein zu sitzen.

»Ich hatte mir Afrika immer trocken vorgestellt«, staunte Carol. »Aber diese Insel sieht ja richtig üppig aus!«

Tatsächlich war Pemba dicht bewaldet und mit kleinen Hügeln überzogen, das dicke, breitblättrige Laub der Banyanbäume und Bananenpflanzen wechselte sich ab mit den sternförmigen Kronen der Palmen. Zwischen bescheidenen kleinen Äckern zogen sich rote Feldwege dahin, die ab sofort die West Side Highway ersetzen würden. Während sie über die Wellblechdächer hinwegflogen, blitzten sie silbern in der Sonne auf, als wollte die Bevölkerung Pembas im Morsealphabet einen Gruß an ihre neuesten Bewohner aussenden.

Sie landeten auf einem Flughafen, den Glynis »bezaubernd« nannte. Mit seinem kleinen sechseckigen, in Fantaorange und Hellblau gestreiften Wachtturm wirkte er wie ein Spielzeug. Das Flughafengebäude selbst hatte die Größe einer Einklassenschule. Nach der bedrückenden Ernsthaftigkeit des vergangenen Jahres konnte Shep eine Geisteshaltung, die das Beiwerk der westlichen Zivilisation zu verspielten legosteinartigen Anordnungen zusammenschrumpfte, nur begrüßen.

Während er seine Frau, seinen Vater und den leidenden siebzehnjährigen Schützling aus dem Flugzeug in die drei Rollstühle hob, die Fundu Lagoon umsichtigerweise bereitgestellt hatte – sie waren alle so erschöpft, dass nicht mal Flicka Widerstand leistete –, plagte Shep die erste Spur von Enttäuschung. Als er die schwere, ansonsten duftgeschwängerte Luft schnupperte, die von der Rollbahn zurückstrahlte, konnte er eine vage blumige Süße ausmachen, vermischt mit den Flugzeugabgasen, aber – keine Nelken. Selbst dann, als ihre Gruppe von einem jovialen, muskulösen Fahrer in einen Minitransporter geladen wurde und der Wagen losfuhr, steckte Shep noch immer mit nicht zu unterdrückendem Trotz die Nase aus dem Fensterspalt. Es war nur ein Satz, den er im Internet gelesen hatte, aber aus irgendeinem Grund war es ihm furchtbar wichtig geworden, dass die ganze Insel Pemba nach Kürbistorte duften würde.

Die Fahrt war dennoch bezaubernd. Zwischen dem Flughafen Chake Chake und dem Hafen Mkoani fuhren sie auf einer der wenigen asphaltierten Straßen Pembas und kamen schnell voran, weshalb die Aussichten fast zu schnell vorüberzogen: mit Papayas schwer behangene Bäume, bei denen Shep mit Verdruss an die gealterten Hoden seines Vaters denken musste, unreife Mangos in Limabohnenform, Brotfruchtknollen, stachlig wie Seeminen. Es schien nicht viel Autoverkehr zu geben, denn als ihr Fahrzeug passierte, standen die örtlichen Frauen in ihren bunten kangas auf, um ihnen vom Schatten ihrer Veranda aus hinterherzustarren. Shep ließ seinen Blick über den Wohnbestand schweifen und überlegte, ob er Chez Knacker wie die neueren Häuser aus den weniger attraktiven Betonziegeln errichten oder es mit den Einheimischen halten und die traditionelle Bauweise mit auf Holzgittern getrockneten Lehmwänden und Strohdächern aus Kokosnusspalmen erlernen sollte. Letztere Häuser, so der Fahrer, hielten gut vierzig Jahre, und die Räume seien kühl.

Als sie sich jedoch dem Hafen näherten, wo das Schnellboot von Fundu auf sie wartete, säumten Strohmatten den Straßenrand, die mit dünnen grünlichen bis bräunlichen Krümeln übersät waren. Die Matten wurden immer mehr – in den Außenbezirken reihten sie sich dicht an dicht entlang der Straße bis hin auf den Asphalt –, und allmählich zog der Duft von Kürbistorte durch den Transporter. Es waren Nelken, die in der Sonne zum Trocknen auslagen. Shep inhalierte tief und setzte sich zufrieden zurück. Sie waren im Jenseits angekommen.

MIT 1250 DOLLAR pro Nacht war die »Superior Suite« von Fungu Lagoon – das allerhinterste und teuerste der Zelthäuser lag zehn Minuten zu Fuß vom Haupthaus entfernt und bot größtmögliche Privatsphäre – bestimmt nicht der Ort, an dem Shep Wurzeln zu schlagen gedachte. Bei diesen Kosten würde der Schadensersatz von Forge Craft kaum mehr als ein paar Jahre vorhalten. Und doch war der feudale Luxus genau das Richtige für diese Erholungspause: Das Essen wurde gebracht, die Handtücher waren groß wie Bettlaken und aus ägyptischer Baumwolle, und ihr Zelt an sich bot alles, was Shep vergessen haben könnte: Schlapphüte aus Stroh, Sandelholz-Shampoo, Bio-Hibiskus-Tee, Insektenspray, Moskitospiralen, Strohtaschen für die Strandwanderung sowie ein Buch namens Afrikanische Vogelkunde, und dann natürlich die geeiste Flasche Champagner und die gekühlten Gläser, mit denen man sie bei ihrer Ankunft empfing.

Ja, der Champagner war es, der ihn direkt zu einer Lösung in Bezug auf Flicka inspirierte, die in der Hitze unter extrem hohem Blutdruck litt. Da das kleine runde Tauchbecken auf der Terrasse im Prinzip nur ein besserer Champagnerkühler war, brauchte sich Flicka nur hineinzulegen und konnte den ganzen heißen Tag lang im kühlen Wasser vor sich hin dümpeln. Schnorchelausflüge zum Riff, Tauchunterricht und Schnellbootfahren im Morgengrauen durch sich tollende Delfinschulen würden Zach davon abhalten, sich zu beschweren, dass es nichts zu tun gebe; kaum hatte er seine Tasche in die Zeltanlage geworfen, steuerte der Junge schnurstracks auf den internetfähigen Computer im Entertainmentzelt zu; womöglich hatte er den Schweiß an seinem Haaransatz schon als erste Entzugserscheinung gedeutet. Auch Sheps Vater mochte unter Zeitungsentzug leiden, ging jedoch sofort dazu über, sich in Boxershorts auf einem Liegestuhl im Schatten eines großen Sonnenschirms einzurichten. Er schlürfte Champagner und blickte hinaus auf den menschenleeren Strand, wo die daos und mtumbwis träge über den Horizont glitten, und schien seine wundersame Rettung aus den leblosen vier Wänden der Morgentau-Residenz auch ohne die New York Times genießen zu können. Stattdessen zog er den ersten seiner Krimis von Ruth Rendell oder Walter Mosley hervor, die sein Sohn im Gepäck hatte – jene Prosa, die Gabriel Knacker auf der Treppe in der Mt. Forist Street zum Verhängnis geworden war. Nachdem sie Hauptzelt und Badezimmer erkundet, mit der Außendusche herumexperimentiert, sich im Obergeschoss des Nachbarzelts umgesehen sowie mit dem Perlenvorhang aus Mangrovenkernen gespielt hatte, quetschte sich Heather in ihren Badeanzug und trollte sich hinunter ans Wasser. Carol hatte ein Auge auf sie, doch es war Ebbe, und das Mädchen lief zehn Minuten hinaus, und das Wasser ging ihr noch immer erst über die Knie. Soweit Shep erkennen konnte, hatte Heather nach einer einzigen Stunde in Fungu mehr Bewegung bekommen als in den letzten zehn Jahren zusammen.

Er bettete Glynis auf die breite Matratze unter dem Baldachin. Auf seine Bitte hin tauchte prompt ein Hotelangestellter mit einem frischen Glas Maracujasaft mit Strohhalm auf, wobei er seiner Frau zudem einen kleinen Begrüßungsschluck Champagner einflößte. Vorsichtig befreite er sie aus ihrem Velouranzug – es war das einzige Kleidungsstück, das sie noch auf der Haut ertragen konnte – und zog ihr behutsam ein zartes Musselinkleid über, das er gleich bei der Ankunft im Souvenirladen erstanden hatte. Glynis fuhr mit der Hand über das gestärkte und gebügelte weiße Bettzeug und warf einen Blick nach oben auf das zusammengeraffte Moskitonetz.

»Das ist also mein Totenbett«, sagte sie schlicht.

»Besser als dieses Knäuel aus Bettdecken im Crescent Drive, meinst du nicht? Und hier müssen wir wenigstens nicht draufzahlen, um den Raum auf dreißig Grad aufzuheizen.«

Sie lächelte. »Aber was mache ich bloß ohne meine Kochsendungen?«

»Von dem, was ich so auf der Speisekarte im Internet gelesen habe – Wahoo vom Grill, thailändischer Rindersalat, Zitronenbaisertarte –, würde ich sagen, du bist hier in einer Kochsendung.«

»Jedenfalls haut’s mich ganz schön um, Shepherd. Auch wenn die Reise der Horror war.«

»Ich weiß. Ich wusste, es würde der Horror werden.«

»Das könnte ich nicht noch mal. Bloß gut, dass wir für mich nur die Hinreise gebucht haben.«

»Für mich gibt es auch nur die Hinreise.«

»Bist du sicher, dass du bleiben willst?« Dies war ihre erste vorsichtige Erkundigung im Hinblick auf Sheps bevorstehendes Jenseits: auf sein Leben ohne Glynis. »Wir sind doch erst seit ein paar Stunden hier.«

»Noch bevor die Flugzeugpropeller ausgegangen sind, war ich mir sicher. Und dann auf der Fahrt nach Mkoani … Man merkt es den Leuten an, dass sie hier hart arbeiten. Kann sein, dass inzwischen jeder ein Handy hat, aber trotzdem ist alles immer noch ganz schön primitiv. Es gibt mehr Fahrräder und Ochsenkarren als Autos. Wenn du einen Fisch willst, fängst du dir eben einen. Wenn du eine Banane willst, pflückst du dir eine. Mir passt das. Und hast du gesehen, die Männer am Straßenrand – da werden Schuhe neu besohlt, Kühlschränke auseinandergebaut. Ich hab’s so satt, in den Staaten ständig zu hören, ach, die Reparatur würde Sie mehr kosten, als er wert ist, also kaufen Sie sich einfach einen neuen. Auf Pemba sind importierte Waren teuer, Arbeitskräfte sind billig, und die Leute sind arm. Also reparieren sie ihre Sachen und halten die alten Geräte am Laufen. Das kommt mir persönlich mehr entgegen. Es ist ein Paradies für Handwerker. Ich glaube, ich könnte irgendwann dieses Leben hier verstehen. Das andere hab ich, glaube ich, nie verstanden.«

»Ich vielleicht auch nicht«, sagte sie traurig. »Ich habe mich so verstrickt in … du hast ja mit Kunst nichts am Hut, aber in meinem Feld können die Dinge anfangen, einen in Konflikte zu stürzen. Nicht nur mit dem Rest der Welt, sondern mit sich selber. Dieses Hadern mit sich, ob die Sachen, die man macht, irgendetwas taugen. Aber Ruby hat wahrscheinlich recht. Man stellt was her, und dann stellt man beim nächsten Mal wieder was her. Eigentlich wie ein Handwerker. Ganz normal. Hätte ich das bloß von Anfang an erkannt.«

»Dich wegen der Besteckstücke zu grämen, die du vollendet oder nicht vollendet hast – auch das kannst du jetzt loslassen. Sieh dich doch mal um. Spielt das alles noch irgendeine Rolle?«

Der Perlenvorhang aus Mangrovenkernen raschelte sanft in der Brise. Eine grüne Meerkatze wagte sich auf die Veranda und schnappte sich die Hälfte von Gabes gegrilltem Käsetoast. Die Sonne rückte näher an den Horizont und tauchte die Anlage in die sirupgoldene Farbe eines Spätrieslings.

»Eigentlich nicht«, sagte Glynis. »Diese Luft hier, die hat was, diese Trägheit. Schwer vorstellbar, dass hier überhaupt irgendetwas eine sonderlich große Rolle spielt.«

»Ich sag dir, was eine Rolle spielt«, sagte Shep wehmütig. »Wir hätten schon 1997 herziehen sollen.«

DIE TAGE DARAUF – eine gefühlt endlose Zeit, dabei war es nicht mal eine Woche – kam Glynis auf wundersame Weise zu Kräften, und Shep wagte zu hoffen, dass Philip Goldmans Prognose zu pessimistisch gewesen war. Sie unternahmen gemütliche Strandspaziergänge und sammelten Schneckenmuscheln. Sie beobachteten die Krebse, die zu ihren Löchern huschten, und wie die Vögel über den Banyanbäumen herabschossen und wie winzige silberne Fischschwärme vor dem Pier in die Luft sprangen und sich mit einem Platscher durch die sich kräuselnde Wasseroberfläche zurückfallen ließen. Als die unbarmherzige Hitze am späten Nachmittag nachließ, nahm er seine Frau an die Hand und führte sie ins seichte Meer, wo der Sand fein und sauber und das Wasser fast heiß war von der äquatorialen Sonne. In der geräumigen, mit Holzlamellen verhängten Duschkabine tupfte er ihr mit dem Schwamm das Salz von der Haut und spülte ihr die Sandkörner aus den Zehenzwischenräumen. Er prasste im Souvenirladen, kleidete sie fürs Abendessen in hauchdünne baumwollene Hemdkleider und wickelte ihr weiche indische Tücher um den Schädel. Wegen der Mücken tupfte er ihr Insektengel hinter die Ohren wie feines Parfum. Bei Sonnenuntergang saßen sie träge an der Bar am Fuß des Piers, wo Glynis komplizierte Wodka-Papaya-Cocktails bestellte, einfach nur zum Spaß. Sie trank zwar keinen davon aus, und zu den vielen Dingen, die nun keine Rolle mehr spielten, gehörte ihr Alkoholkonsum.

Ihr Appetit wurde ein wenig besser, und beim Abendessen knabberte sie an einem Stück Langustenquiche, spießte einen Calamaresring oder einen Bissen von Sheps gegriller Königsmakrele auf ihre Gabel. Sie schwelgten in Erinnerungen an frühere Recherchereisen; Glynis sagte, Pemba erinnere sie an die Bucht von Puerto Escondido an der mexikanischen Küste. (»Hilf mir auf die Sprünge«, sagte Shep. »Was war noch mal falsch an Puerto?« »Zu viele Amerikaner«, sagte Glynis.) Schließlich erkundigte sie sich nach seinen Plänen – was für eine Art Haus er bauen wolle und wo. An ihrem dritten Abend meinte sie sogar schelmisch: »Du bist ja nun nicht gerade zum Mönch geschaffen. Ich weiß, wovon ich rede. Gehen wir mal davon aus, dass sie bleibt … Findest du Carol eigentlich attraktiv?«

So dumm war Shep nicht, dass er geglaubt hätte, seine Frau wolle ihn allen Ernstes verkuppeln. Äußerst besitzergreifend und von Natur aus eifersüchtig, wie sie war, hatte sie bis vor knapp über einer Woche nicht mal zur Kenntnis genommen, dass ihr Mann sie überleben würde. Also besaß er die Klugheit, umstandslos zu behaupten: »Nicht im Geringsten.«

»Bist du sicher?«, fragte Glynis neckisch. »Sie hat die schönsten Titten in der ganzen nördlichen – und jetzt auch südlichen – Hemisphäre.«

»Kleine sind mir lieber.«

»Hattest ja auch keine Wahl.«

»Außerdem ist sie zu nett«, sagte er wegwerfend. »Nicht genug Abgründe.« Insgeheim glaubte er, dass sich spätestens nach dem letzten Besuch ihrer Küche in Windsor Terrace bei Carol allerhand »Abgründe« aufgetan haben mussten.

»Du hast doch selber keine nennenswerten Abgründe«, sagte Glynis.

»Genau. Deswegen brauche ich ja welche.«

Sheps war grenzenlos dankbar, dass er über seine Zukunft sprechen durfte. Unweigerlich hatte er darüber nachgedacht, aber immer mit schlechtem Gewissen und reichlich Aberglauben, als wünschte er ihren Tod herbei oder könne ihn mit dem Gedanken daran tatsächlich beschleunigen. Jetzt, wo das Thema nicht länger tabu war, hatte es verblüffenderweise sogar komische Seiten. »Du weißt, dass ich die Absicht habe, dich im Garten zu begraben«, scherzte er beim Nachtisch, »wie einen Hund.«

Als sie sich schlafen gelegt hatten, gingen das Gekeife zwischen Flicka und ihrer Schwester im Gesang der Zikaden und dem ausgelassenen Gackern der Buschbabys in den überhängenden Zweigen unter. Er las seiner Frau aus Hemingway vor. Er sang ihr Lieder vor, an die er sich aus seiner Kindheit erinnern konnte, als seine Mutter ihn und seine Schwester zu Bett gebracht hatte; seine Mutter hatte eine schöne, klare Stimme gehabt, und ihre Version des Zapfenstreichs tauchte das Zelt auf Pemba nun in die willkommene Illusion, dass sie geschützt waren: Day is done. Gone the sun. From the hills, from the lake from the skies … All is well. Safely rest. God ist nigh.

An ihrem vierten Abend massierte er ihr bei Kerzenschein die Füße mit Zitronengrasöl, nachdem ihre Fußsohlen von den Strandspaziergängen wie glatt geschmirgelt waren. Er verteilte das Öl über die faltige Haut ihrer zurückgebildeten Waden. Er strich über die scharfe klassische Kurve ihrer Schienbeine, diese exquisite Form, der nicht mal der Krebs etwas hatte anhaben können. Er glättete die Haut ihrer Innenoberschenkel, die schlaff geworden war über dem wenigen Fleisch, das sie noch zu bedecken hatte. Er hielt inne, um sich noch eine kleine Menge Öl in die Handfläche zu gießen. Doch als er ihren Unterleib berühren wollte, hielt sie ihn am Handgelenk fest. Er glaubte, es ginge ihr um die Operationsnarbe. Dann aber schob sie seine Hand tiefer, drückte die Handvoll Zitronengrasöl in jenen Teil ihres Körpers, dessen zunehmende Nacktheit ihm wahrhaft in der Seele wehgetan hatte. Fragend zog er die Augenbrauen hoch.

»Dieses Moskitonetz«, sagte sie, »hat was von einem Hochzeitsbaldachin, findest du nicht?«

Und so war es.

DIE VORÜBERGEHENDE BESSERUNG war kostbar, und die wenigen Tage, an denen die sinkende afrikanische Sonne den Wangen seiner Frau wieder Farbe verlieh, rechtfertigten allein die qualvolle Anreise. Für den Rest der Welt konnte Shep sich kaum verbürgen, für ihn aber waren diese wenigen Tagen auf Pemba zwei Millionen Dollar wert. Doch die Ruhe war nicht von Dauer. Eines Morgens wachte er auf und sah, dass das Bettzeug rot war. Schon vor Monaten hatten Glynis aufgehört zu menstruieren. Das Blut kam aus ihrem After.

Das war das Ende der Strandspaziergänge, denn sie konnte nun nicht mehr weiter gehen als bis zur Toilette, und das nur mit Unterstützung. Sie hatte Schmerzen, und zum ersten Mal holte Shep das flüssige Morphium hervor.

Shep war mit Glynis in Marokko gewesen, als seine Mutter den Schlaganfall erlitten hatte, von dem sie sich dann nicht mehr erholte. Jackson hatte einen denkbar abrupten Abgang gemacht, und alle anderen Zeitgenossen waren immer gesund gewesen. Zu seiner Bestürzung beschränkte sich seine Erfahrung mit dem unmittelbaren Tod auf Kino und Fernsehen. Auf der Mattscheibe lagen die Figuren mit tödlichen Krankheiten immer ruhig in ihren Krankenhausbetten und murmelten etwas Anrührendes, ehe sie den Kopf auf die Brust fallen ließen. Es dauerte nie lange, und der Tod selbst war so sauber, als hätte man einen Lichtschalter betätigt.

Für Filmemacher war der Tod ein Augenblick; für Glynis war der Tod eine Aufgabe.

Über zwei lange Tage und Nächte hinweg stellten die Organe seiner Frau allmählich ihre Funktion ein. Weit entfernt von der Verstopfung durch die Chemotherapie, konnte sie überhaupt nichts mehr bei sich behalten, und aus jeder Körperöffnung begann es herauszusickern. In ihrem Erbrochenen war Blut. In ihrem Durchfall war Blut. In ihrem Urin war Blut. Vielleicht half es, dass er die Ferienanlage vorgewarnt hatte, denn die Mitarbeiter waren zuvorkommend und wechselten zweimal täglich das Bettzeug, nachdem Shep zuvor seine Frau in einen Liegestuhl gelegt hatte. Die Afrikaner wirkten gelassen. Er hatte das Gefühl, dass sie so etwas nicht zum ersten Mal sahen – und dass auch ihre eigene Version des Todes mit einem Lichtschalter wenig gemein hatte.

»Wollen Sie, dass wir den Doktor holen?«, fragte einer der älteren Portiers, indem er Shep zur Seite nahm. Als Shep den Kopf schüttelte, erklärte der Portier: »Nein, keinen Doktor vom Krankenhaus in Mkoani. Uganga. Sehr mächtig in Pemba. Eine große Kraftader läuft direkt unter Ihrem Zelt entlang.«

»Uganga?« Shep hatte das Wort gelernt. »Nein, danke. Wir haben unserer eigenen schwarzen Magie den Rücken gekehrt. Wir haben nicht vor, uns an irgendwelche Hexenmeister zu wenden, das wäre dasselbe in Grün.«

Shep und die anderen fünf hielten Wache. Wenn sie wach war, sich wälzte und aufschrie, setzte er sich aufs Bett und hielt sie im Arm oder zog ihren Kopf auf seinen Schoß. Er legte ihr auf ihrem tragbaren CD-Player ihre Lieblings-CDs ein: Jeff Buckley, Keith Jarrett, Pat Metheny. Nach Ansicht seines Vaters war das, was Glynis am meisten brauchte, Körperkontakt: Berührungen. Das gleichmäßige Schnarren einer menschlichen Stimme, wobei es nicht die geringste Rolle spielte, was derjenige sagte. Um sie also zu beruhigen, erzählte er ihr alles von Pemba, was er von den Portiers, Zimmermädchen und Kellnerinnen wusste, die sich ihrerseits über sein Interesse für ihre Insel gefreut hatten.

»Nelken«, betonte er und achtete dabei auf eine ruhige und tiefe Stimme. »Früher war diese Insel dafür die weltgrößte Quelle. Wir denken selten über Nelken nach, außer im Zusammenhang mit Pfirsichen oder Torten. Aber sie waren mal unglaublich wichtig als Konservierungsmittel und als Betäubungsmittel. Wusstest du, dass Nelken mal mehr wert waren als ihr Gewicht in Gold? Der Staat hier hat die Ernte heute rigoros unter seiner Kontrolle, und die Bauern müssen ihre sämtlichen Nelken an die Regierung verkaufen – zu einem sehr schlechten Preis, wie es heißt. Also gibt es Nelkenschmuggler, unglaublich, oder? Die bringen die Schmuggelware säckeweise in Booten nach Mombasa, wo sie mehr Geld dafür bekommen. Es ist sehr gefährlich, und wer erwischt wird, landet im Gefängnis. Aber das Schlimme ist, dass der Nelkenmarkt eingebrochen ein. Für medizinische Zwecke werden sie kaum noch benutzt. Weil es Kühlschränke gibt, werden sie nicht mehr als Konservierungsmittel gebraucht. Der größte Markt ist der Nahe Osten, wo man damit parfümierte Zigaretten herstellt.«

Sie regte sich. »Wenn es keinen Markt gibt …«, murmelte sie, »warum dann das Gefängnis riskieren?«

Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass sie ihm zuhörte, und er war stolz auf sie; stolz, dass sie sich noch immer Mühe gab, präsent zu bleiben, seiner Begeisterung gegenüber nachsichtig zu sein; stolz, dass sie noch immer ein Gespräch führen wollte. Sie hatte sich immer gern mit anderen unterhalten – es gehörte zu den vielen Freuden, über die man nicht nachdachte, bis sie einem entzogen wurden. Unterhaltungen, sinnierte er, gehörten zu den größten Wonnen des Lebens. Sich mit ihr zu unterhalten würde ihm außerordentlich fehlen.

»Ich vermute, dass selbst ein Bruchteil der Ernte, die keiner wirklich haben will, für hiesige Verhältnisse viel Geld einbringt. Das war doch immer der Grundgedanke des Jenseits, oder? Jedenfalls, das Lustige daran ist, die Wapemba verwenden Nelken gar nicht zum Kochen. Sie halten sie für ein Aphrodisiakum. Oder wie ich von unserem Fahrer erfuhr: ›Gut für häusliche Dinge‹.«

Sie lachte in sich hinein, musste aber husten. Er hielt ihr ein Taschentuch vor den Mund und wischte ihr den rosafarbenen Schleim von den Lippen.

»Pemba sehen und sterben«, sagte sie mit listigem kleinem Lächeln, nachdem sie aufgehört hatte zu husten.

Der Satz klang wie ein Zitat, und Shep wusste nicht, was sie damit sagen wollte. Es überkam ihn ein seltenes Gefühl des Bedauerns, dass er nie studiert hatte.

DOCH, ACH, AM zweiten Tag war es vorbei mit den Unterhaltungen. Zumindest in dem Sinne, wie sie Shep fehlen würden.

»Tut weh«, sagte sie, worauf er ihr wieder zwei Tropfen Morphium auf die Zunge träufelte. »Nein«, sagte sie, aber nicht als Antwort auf irgendeine Frage. »Scheiße«, sagte sie. »Oh Gott«, sagte sie und ballte die Bettdecke so fest in der Faust zusammen, dass beim Loslassen ein Abdruck zurückblieb. »Heiß«, sagte sie, oder »kalt«. Eiswürfel in den Mund schieben, den Deckenventilator höher schalten oder die Bettdecke hoch- oder wegziehen – das musste genügen für das absurde Ideal ihres Wohlergehens.

Carol hatte sich gefragt, ob sie die Kinder von ihr fernhalten sollte. Doch Gabe drängte sie, das Gegenteil zu tun. Ihren Tod zu bezeugen, sagte er, sollte einen Teil, ja sollte vielleicht endlich den Beginn ihrer Entwicklung darstellen. Es könnte Heather helfen, mit dem Schicksal ihres Vaters besser umzugehen, statt bis zum Umfallen den Werbespot seines abscheulichen Arbeitgebers nachzusingen und beim Frühstück Schokocroissants in sich hineinzustopfen. Des Weiteren könnte es Flicka lehren, nicht immer wieder mit dem Holzhammer auf ihren eigenen Tod hinzuweisen, und Zach, nun – Glynis war seine Mutter. Also bezogen sie die Kinder mit ein, die ihr reihum mit einem feuchten Tuch die Stirn kühlten, mit einem Africa Geographic-Magazin Luft zufächelten und ihre Kissen aufschüttelten.

Nach einer großzügigen Dosis Morphium gab es jedoch Phasen, in denen Glynis in einen Dämmerschlaf sank, und zwei Tage und zwei schlaflose Nächte waren eine lange Zeit für eine Wache. Zu lange, um betroffen zu sein, um fortgesetzt Trübsal zu blasen. Als Carol ihre Kinder also zum ersten Mal ermahnen musste, weil sie gekichert hatten, sagte Shep zu ihr, nein, schon gut; lachen sei sogar völlig in Ordnung. In Wahrheit hatten sie streckenweise bei der Totenwache sogar richtig Spaß. In der ersten Nacht leerten Carol, Shep und sein Vater zusammen eine Flasche Bourbon, und von da an floss ein steter Strom von Cabernet, Kilimandscharo-Bier und noch mehr Champagner. Die Küche von Fundu lieferte dem Zelt zu jeder Mahlzeit ein sich biegendes Tablett mit Bergen von Mangos, Ananas und Papayas; gegrillten Hummerschwänzen, Garnelencurrys und gekochtem Maniok; Schokobrötchen, Eclairs und ganzen Kokosnusstorten. Er forderte die Kinder auf, schwimmen zu gehen oder sich in der Nachmittagshitze zu Flicka ins Tauchbecken zu setzen. Er bewunderte ihre Beute von den Strandspaziergängen, ungewöhnliche Muscheln, die sie als Opfergabe um das Bett herum arrangierten.

Seine eigene Opfergabe bestand aus Glynis selbst. Nachdem am Ende des zweiten Tages die Sonne untergegangen war, steckte er rings um das Zelt ein Dutzend Fackeln an. Er rollte das Besteckbündel aus, das er im Crescent Drive eingepackt hatte. Er ordnete die Stücke entlang den Regalen an, stützte das Salatbesteck gegen Heathers Muscheln, sodass die rote Einlegearbeit das Kerzenlicht reflektierte. Er steckte die silbernen Essstäbchen in die Korallen vom Strand, bis sie so selbstbewusst aufragten, wie sie es auch im Cooper-Hewitt-Museum getan hätten. Er lehnte ihre Eiswürfelzange gegen den Champagnerkühler, der vom Kühlen einer weiteren Flasche schwitzte; er richtete die Zange so aus, dass das Leuchten der Kupfer-Titan-Einlegearbeit genau vom mittleren Kissen aus zu sehen war. Er stellte das Fischmesser in den richtigen Winkel, damit es in der flackernden Flamme zuckte, silbrig glänzend wie die Fischschwärme, die vor dem Pier von Fundu aus dem Wasser sprangen.

Er hatte Glynis gegenüber zwar beteuert, dass die Menge ihrer Arbeiten nicht von Belang sei, doch für sich selbst wünschte er, es hätte mehr davon gegeben. Sie hatte sich clevererweise in einem Material verewigt, das weitaus haltbarer war als Fleisch und längst nicht so launisch. Das Besteck würde sie um Generationen überleben.

Das Moskitonetz schimmerte gelblich im Kerzenlicht und hüllte mit sanftem Faltenwurf das Bett ein. Das Meer schwappte keine hundert Meter vom Zelt vor sich hin, und der Abend war gnädigerweise kühler geworden. Zikaden surrten in derselben Frequenz wie der Deckenventilator. Er betrachtete die Szenerie und dachte: Ich habe mein Bestes getan. Er hatte zwar seine Zweifel, ob Fundu auf seiner Website damit werben wollte, aber es war ein herrlicher Ort, um zu sterben.

Doch die Nacht war lang, schon die zweite ohne Schlaf. Carol und sein Vater lösten ihn zwar ab und hielten Glynis die Hand, die sich unruhig hin und her warf, doch er hatte Angst, den Augenblick zu verpassen, und ließ die beiden nicht länger als ein paar Minuten ans Ruder.

Gegen zwei Uhr morgens sagte sie undeutlich und trunken: »Ich halt’s nicht mehr aus«, und sie begann zu weinen. »Ich halt’s nicht …«

»Du musst es nicht mehr aushalten, Gnu«, sagte er und neigte ihren Kopf zurück, um ihr noch ein paar Tropfen Morphium zu verabreichen.

Auch Shep hielt es nicht mehr aus, wobei er es natürlich aushalten musste. Zu seiner eigenen Beschämung wurde ihm manchmal langweilig, und es drängte ihn, die Sache über die Bühne zu bringen. Denn ihr gemeinsames Leben, wie sie es verstanden hatten, war eigentlich schon in dem Moment vorbei gewesen, als Glynis verkündete, dass sie Krebs habe.

Während er einst überzeugt war, dass es besser wäre, die Liebeserklärungen zu rationieren, hatte er in diesen letzten beiden Tagen so oft »Ich liebe dich, Gnu« gesagt, dass der Refrain Gefahr lief, mit seinem fortgeführten Gemurmel zum Thema Nelken zu verschmelzen. Doch er musste an die Zigarrenkiste mit dem ausländischen Geld auf seinem Nachttisch in Elmsford denken, in der er portugiesische Scheine im Wert von gut hundert Dollar gebunkert hatte. Jetzt, wo die EU auf den Euro umgestellt hatte, waren die Scheine keine gültige Währung mehr und nur noch ein Souvenir. Ebenso wie er im Duty-free-Shop von Lissabon diese restlichen Escudos hätte ausgeben sollen, schöpfte er jetzt aus dem Vollen, solange er noch die Chance hatte.

»Wieso schnarcht Glynis denn so?«, fragte Heather, die gegen fünf Uhr morgens aus ihrem Bett im angrenzenden Zelt gekrochen kam.

»Weil sie sehr, sehr müde ist«, flüsterte Carol. »Jetzt geh wieder schlafen.«

Doch dies wäre den Kindern nicht möglich gewesen. Der rasselnde Atem erschütterte die ganze Anlage und verscheuchte die Buschbabys. Shep hielt seine Frau im Arm und flüsterte noch einmal, dass sie vor nichts Angst zu haben brauchte, wobei er natürlich keine Ahnung hatte. Als der leuchtend rote Rand der Sonne über dem Meer auftauchte, schien sie etwas sagen zu wollen.

»Schhh … sch …«

Er hielt sein Ohr an ihre Lippen. Sie hauchte ihm ein wenig Wärme in den Gehörgang, die sie nicht wieder einsog.

Es gab keine letzte Botschaft. Kein Abschiedswort, keine weltbewegende Erkenntnis, bevor ihr Kopf zur Seite fiel. Das schien nur gerecht. Es stand zu vermuten, dass die meisten Trauernden auf ein letztes Wort verzichten mussten. Man musste vorliebnehmen mit den Jahren ihres Lebens, die einem die Toten stattdessen hinterließen.

ALS KNACKER WURDE früher derjenige bezeichnet, der erschöpfte und kranke Nutztiere oder deren Kadaver kaufte, um sie zu Futter oder Dünger zu verarbeiten. Was nach einer morbiden Bezeichnung klingt, war seinerzeit ein respektables Handwerk, und der Familienname Knacker entstammte der mittelalterlichen Tradition, einen Mann nach seinem Beruf zu nennen: Bäcker, Zimmermann, Müller. Zusammen mit dem behütenden Beiklang seines Vornamens hatte Shepherd Armstrong Knacker immer schon einen Bogen geschlagen um die Fürsorge, die Mühsal und jenes »zu Grabe tragen«, das für gewöhnlich im entsprechenden Lebensstadium der Mensch für seine Nächsten vornimmt und sie für ihn.

In den folgenden Jahren blieb Shep seinem Taufnamen treu. Es sollte niemanden seiner Bekannten wundern, dass sich der eingefleischte Handwerker nicht auf einer afrikanischen Insel zur Ruhe gesetzt hatte, um den lieben langen Tag unter einem Sonnenschirm zu liegen und tropische Cocktails zu schlürfen. Für seinen geschickten Umgang mit Schraubenschlüssel und Metallsäge war die Nachfrage auf Pemba groß, vor allem nachdem die Einheimischen erfahren hatten, dass er zu ihnen nach Hause kam und kein Geld verlangte. Mit Unterstützung einer arabischen Wohltätigkeitsorganisation nahm er das recht ambitionierte Projekt in Angriff, für die Gemeinde einen neuen Brunnen auszuheben; auf der Insel herrschte Frischwassermangel. Dafür lernte er von den Wapemba einige todsichere Methoden, um Königsmakrelen zu fangen, und die Spielregeln von bao, alles über die Komplikationen des Landerwerbs in Tansania und die optimale Bestechung, um etwa ein neues Päckchen künstlicher Tränen erfolgreich durch den Zoll zu schleusen. (Jackson hätte sich gefreut, dass sich sein Absahner-arme-Säue-Paradigma problemlos auf andere Kontinente übertragen ließ. In Tansania wurde so häufig Toa kitu kidogo verlangt – »Gib mir eine Kleinigkeit« –, dass der Satz mit TKK abgekürzt wurde.)

Sheps Verhältnis zu den Einheimischen war freundschaftlich, doch er stammte nun mal aus einer anderen Welt, und das leichte Geplauder und Geplänkel mit Jackson auf ihren Spaziergängen über den Rundweg vom Prospect Park würde sich in der Form nicht wiederholen. Dennoch war der Austausch mit den Nachbarn gut für seine ersten Gehversuche in Suaheli, und nur weil Shep ein bisschen anders war, ließ sich keine Seite davon abhalten, weniger herzlich zu sein. Erstaunlicherweise war Pemba der einzige Ort in Afrika, den er besucht hatte, an dem die Leute nicht ständig auf Geschäftemacherei aus waren – wo Kinder und msees gleichermaßen den auffälligen msungu auf der Straße erblickten und fröhlich »Jambo! Habari yako!« riefen, einfach, weil sie sich freuten, ihn zu sehen, und nicht, weil sie seine Armbanduhr haben wollten.

Die körperliche Arbeit sorgte bald dafür, dass das ganze von Glynis verschmähte sahnestrotzende Kartoffelpüree dahinschmolz. So beschäftigt er auch war, bekam Shep jedoch immer ausreichend Schlaf, denn Schlafen stand ganz oben auf der Liste der Wonnen, die das Mesotheliom mit seinen Verheerungen ihn täglich und bewusst zu genießen gelehrt hatte. Zum Schlafen hinzu kamen das Reden, Denken, Sehen und Sein – und was Letzteres anging, hin und wieder auch mal rein gar nichts tun und sich nicht im Geringsten dabei langweilen – und unverschämt langes Duschen und Nicht-auf-dem-West-Side-Highway-im-Stau-Stehen.

Nachdem er die äußerst komplizierten sozialistischen Grundstücksscharaden gemeistert hatte – die Beamten in Dar mussten für einen das Grundstück kaufen, bevor man es unter Beigabe von reichlich TKK der Regierung abkaufen durfte –, erwarb Shep für gerade mal 10 000 Dollar ein Küstengrundstück von ansehnlicher Größe gleich außerhalb von Mkoani. Das Aufenthaltsrecht für sich und die fünf Flüchtlinge in seiner Obhut zu sichern war ein kostspieliges Unterfangen, aber auch nur für tansanische Verhältnisse; zum Glück hatten die Diebe in Dar keine Ahnung, wie viel er für sein Bleiberecht noch draufgelegt hätte. Selbst nach dem Kauf eines Pick-up und eines kleinen Boots mit Außenbordmotor würden die Überweisungen aus Zürich an die People’s Bank of Zanzibar in Chake Chake seine finanziellen Reserven auf Jahrzehnte hin nicht erschöpfen. (Zum Leidwesen seines Bankers wurden die Gelder konservativ auf ein ganz schlichtes Sparkonto mit lächerlichem Zinssatz gelegt. Shep hatte sich nicht darauf eingelassen, dass er ein »Vermögen« verdienen könnte mit nur »etwas riskanteren« Papieren, denn es kümmerte ihn nicht die Bohne, ob er reich wurde oder nicht, zumal er nach den Maßstäben seiner Wahlheimat ohnehin schon unermesslich reich war. Insofern verschrieb er sich dem, wie er gern sagte, Prinzip-Prinzip: glücklich zu sein mit dem, was er hatte.) In dieser Hinsicht waren die Einheimischen so dankbar für die Mitfahrgelegenheiten in die Stadt, für die Reparatur ihrer Abflüsse und das Rücklöten ihrer klapprigen Kochherde, falls sie denn welche besaßen, und für die fröhliche Mithilfe seiner ganzen Familie beim Abpflücken der Stengel von den geernteten Nelken, dass sie auf dem Markt nur selten Geld von ihm verlangten, und es vergingen manchmal Wochen, in denen er allenfalls etwas ausgab, weil er die Schulgebühren eines der Nachbarkinder übernahm.

Es stellte sich natürlich die Frage, ob Forge Crafts Schadensersatzzahlung versteuert werden müsse. Mystic zufolge wäre es davon abhängig, ob man durch die Zahlung »geheilt« worden sei – eine reichlich spirituelle Sorge für ein paar Beamte, mit anderen Worten: Es ging sie einen Dreck an. Die Vorstellung, dass ihn auch nur irgendeine Geldsumme zu »heilen« vermöchte – die Leere füllen, die eine so großartige Frau hinterlassen hatte –, war genauso beleidigend wie die Forge-Craft-Anwälte, die den Wert seiner Frau in Waschladungen hatten messen wollen. Insofern konnte er fast nur hoffen, dass es sich um steuerpflichtiges Einkommen handelte. Wenn die Beamten vier Flüge mit drei Zwischenstopps und einer Fahrt im Kleintransporter auf sich nehmen wollten, dann sollten sie ihn ruhig holen kommen.

Mit Zachs zunehmend fähiger Unterstützung baute sich Shep ein Haus, das für seine Verhältnisse bescheiden, für Pembaer Verhältnisse extravagant war. Die mit Betonziegeln verstärkten Außenwände verputzte er mit dem einheimischen roten Lehm, weil ihn die sonnengetrocknete Optik begeisterte – eine lässigere Version des spanischen Terrakotta. Die Fußböden waren aus polierter Mangrove – dunkel, launisch und angenehm unter den nackten Füßen. Flickas Zimmer war das Erste, das fertig wurde, damit sie aus dem Hotel in Mkoani umziehen konnte, das zwar einen Abstieg darstellte von Fundu Lagoon, aber immerhin Klimaanlage hatte. Da die Stromversorgung auf der Insel unzuverlässig war, importierte er aus Sansibar einen Generator, und bald schon wurde ihr Quartier von dem leise tuckernden Gerät gekühlt. Nach den frostigen Sommern bei Handy Randy hätte er selbst gut darauf verzichten können, doch für Flicka war die Klimaanlage kein Luxus, sondern lebensnotwendig.

Shep hätte seinen Sohn nie als sonderlich geschickt oder handwerklich begabt bezeichnet. Doch als der Junge erkannt hatte, dass er mit seinem Widerstand gegen Pemba auf verlorenem Posten war, stürzte er sich in eine Form von Technologie, die er nun tatsächlich nachvollziehen konnte. Wie sich herausstellte, waren Vater und Sohn ähnlich gestrickt, und Zach arbeitete erfolgreich mit den gleichen Materialien wie sein Vater als junger Erwachsener: Holz, Stein und Zement. Bald schon ein sachkundiger Zimmermann und Maurer, wurde er außerdem zu einem geschickten Möbelbauer mit dem einheimischen Mangrovenholz. Im Zuge eines weiteren Wachstumsschubs bekam der Junge breitere Schultern und ähnelte endlich immer mehr seinem Vater – auch wenn Shep mit Bedauern feststellte, dass die schmaleren Züge der Mutter zunehmend in den Hintergrund traten. Als das Haus schließlich fertig war, fand Zach kaum noch Gefallen am Faulenzen. Nachdem er von den Fundu-Leuten tauchen gelernt hatte, begann er für die Ferienanlage selbst als Tauchlehrer zu arbeiten. Leider brachte es der Job mit sich, dass der Junge mit dem Schnellboot in die Lagune fahren musste. Dennoch freute sich Shep: Sein einstmals blasser, in sich gekehrter hikikomori hatte sein Zimmer verlassen.

Unterdessen widmete sich Carol der Landschaftsgärtnerei, ihrer eigentlichen Berufung, die sie der Krankenversicherung wegen hatte aufgeben müssen, um zu IBM zu wechseln. Wachsblumen, Magnolien, Eukalyptus, Akazien, Jasmin und Palisander gediehen rasch im äquatorialen Klima. Natürlich musste sie um Sheps wunderliche Springbrunnen herumarbeiten; die abgefahrenen Konstruktionen aus Kokosnussschalen, Mangrovenwurzeln, Muschelhörnern, Taucherflossen und den in Afrika allgegenwärtigen Plastikschuhen waren angesichts der Wasserknappheit ein Luxus, aber er hatte sich einen eigenen Brunnen ausgehoben. Vor dem Haus pflanzte sie Obstbäume: Mangos, Bananen und Papayas zum Selberpflücken beförderten Sheps Versuche beim Brauen von gongo, auch »Löwentränen« genannt, dem tödlichen Selbstgebrannten des Archipels. Hinterm Haus baute sie ein Gemüsebeet mit Kochbananen, Maniok und Möhren an und war bald versiert im Weben von coir, den Fasern der Kokosnussschalen, die sie zu Matten und Körben verarbeitete. Von ihren Marktbesuchen in Chake Chake brachte sie phantastische Leinwände mit Flusspferden, Gazellen und Nashornvögeln im naiven tinga-tinga-Stil mit. Mit Behängen aus kangas, ständig frischen Blumen und Glynis’ frisch poliertem Besteck begann das Innere ihres kleinen Hauses zu erstrahlen.

Carol gab den Heimunterricht für Flicka auf, deren Protest gegen das Lösen von Gleichungen als Zeitverschwendung auf einer landwirtschaftlich geprägten Insel vor der Ostküste Afrikas mehr Gewicht bekam. Flicka machte ihren Unterrichtsboykott dadurch wieder wett, dass sie die Bücher verschlang, die Shep auf seinen Provisionsfahrten mit der Fähre nach Stone Town aus den Secondhandläden mitbrachte. (Sheps eigene literarische Ambitionen entpuppten sich als Totgeburt: Er beendete seine Tage so herrlich erschöpft, dass er nach ein bis zwei Seiten stets einschlief. Vielleicht war er einfach nicht für Romane geschaffen. Ihm war es lieber, eine gute Geschichte zu leben als zu lesen.) Heather dagegen entging ihrem Unterricht nicht ganz so leicht, doch in ihrer Freizeit entwickelte sie sich zu einer bemerkenswerten Schwimmerin. Sie gewöhnten ihr die Antidepressiva ab. Der Speiseplan aus Fisch und Obst sorgte dafür, dass sie groß und schlank wurde und – jetzt, außer Hörweite von Glynis, konnte Shep es ja zugeben – so schön zu werden versprach wie ihre Mutter.

Da sich Sheps Vater nicht immer wieder von Neuem beim Heimpersonal mit dem endemischen Bazillus anstecken konnte, besiegte er das Clostridium difficile, und zur Erleichterung aller Beteiligten benötigte er nicht mehr zehn Mal am Tag die Hilfe seines Sohnes beim Gang zur Toilette. Indem er fleißig seine Krankengymnastik aus dem Pflegeheim machte, kam der alte Mann nicht nur wieder zu Kräften, nein, er unternahm sogar jeden Tag einen strammen Marsch von mehreren Meilen den Strand entlang. Nachdem er seinen Stapel Kriminalromane ausgelesen hatte, begann er selbst handschriftlich einen Krimi zu verfassen. Mit einer Veröffentlichung rechne er zwar nicht, behauptete er, doch wenn sie schon ihr Haus selbst gebaut hätten und ihren Fisch selbst fingen und ihre Körbe selbst flochten, sehe er nicht, warum er im Zuge der allgemeinen Selbstversorgung nicht auch seine eigenen Bücher schreiben sollte.

Das Manuskript wurde nie beendet. Dennoch war Shep erleichtert, dass sein würdevoller, ehrfurchtgebietender Vater nicht dazu verdammt war, in einem Pflegeheim in Windeln zu liegen und sich zu Tode zu scheißen. Womöglich hatte er seine neu gewonnene Vitalität überschätzt, jedenfalls starb er beim Griff nach einer verlockend reifen Mango auf respektable Weise an den Nebenwirkungen eines, so die chinesischen Ärzte, größeren medizinischen Problems als Malaria oder AIDS: dem Sturz aus einem Baum.

Sie begruben Gabriel Knacker neben Glynis auf der Lichtung hinter dem Haus. Was Afrika betraf, war Shep seinem Vater manches schuldig, und die Grabstätte schien ihm angemessen zu sein. Nach der letzten Schaufel Erde sprach er ein paar innige Worte und war froh, keinen Text aus der Bibel vorlesen zu müssen. Gabe Knacker hatte seinen Glauben an Gott nicht wiedererlangt, aber den Glauben an seinen Sohn, und das war vermutlich wichtiger.

Gut, dass er auf der Lichtung noch Platz gelassen hatte. Genau wie Shep hatte sich Flicka auf den ersten Blick in Pemba verliebt und nie ein einziges nostalgisches Wort über Brooklyn fallengelassen. Nachdem sie gelernt hatte, ihre typischen Frotzeleien auch auf Suaheli zu machen, gehörte sie bald zum örtlichen Inventar. Unter den Wapemba waren Behinderungen, entstellende Krankheiten und genetische Abnormalitäten keine Seltenheiten, und ein Mädchen mit seltsamer Hakennase und vorstehendem Kinn, das als Sonnenschutz von Kopf bis Fuß in kangas gehüllt war und auf allen vieren über den Boden kroch, schien niemanden aus der Ruhe zu bringen. Doch für ein Kind mit FD war eine brütend heiße afrikanische Insel der schlimmste Ort der Welt, und jedes Mal, wenn Flicka anfing zu würgen und eine ihrer »Krisen« hatte, machte sich Shep Vorwürfe, dass es unverantwortlich gewesen war, sie hierherzubringen. Aber wer hätte sagen können, ob nicht genau am selben Abend zu Hause in New York das Gleiche passiert wäre? Nachdem sie sich die Zähne geputzt, sich die Augen benetzt und mit Vaseline eingeschmiert und mit Plastikfolie bedeckt hatte, legte sich Flicka an einem ganz normalen Abend unter ihrer surrenden privaten Klimaanlage ins Bett und wachte nicht wieder auf.

Was sie davon abhielt, ihren alten Schwur in die Tat umzusetzen und irgendwann einem Leben ein Ende zu setzen, das, wie sie immer wieder beteuert hatte, eine unverhältnismäßige Last war. Weder Shep noch Carol hatten sie in dieser Sache ernst genommen, bis sie betrübt die Besitztümer der jungen Frau zusammenpackten. Versteckt in einem kleinen Rucksack, den Flicka – übrigens – ständig bei sich getragen hatte, entdeckten sie einen Vorrat Pillen. Der Rucksack war eine Wundertüte voller Medikamente, die – übrigens – nach und nach auf mysteriöse Weise verschwunden waren: die Antidepressiva aus der Morgentau-Residenz, die sein Vater abgesetzt hatte, Heathers restliches Zoloft, Glynis’ Vorrat »Marzipan« und beunruhigenderweise auch der Rest flüssiges Morphium. Sie würden nicht mehr erfahren, ob sie tatsächlich vorgehabt hatte, Schluss zu machen, oder ob sie den Rucksack einfach nur mit sich herumgetragen hatte wie einen Talisman, eine Zauberlaterne mit einem letzten freien Wunsch. Jedenfalls hatte Flicka bestimmt ihre Freude am dauerhaften Zugang zu ihrer ganz privaten nuklearen Lösung gehabt, durch die jeder weitere Tag mit Medikamenten, Infektionen und Schluckenlernen zumindest nicht ausschließlich Strafe, sondern auch eine Entscheidung gewesen war.

Mit drei Opfergaben an die Erde jener Lichtung hatte Shepherd Knacker seinem Nachnamen alle Ehre gemacht.

Dass ihre Gruppe von sieben auf vier schrumpfen würde, war natürlich unvermeidbar gewesen. Da Zach immer mehr Zeit in Fundu Lagoon verbrachte, waren sie effektiv eine dreiköpfige Familie. Beryls Empörung über die »niederträchtige« Entführung ihres Vaters, der sie durch Sheps Mobiltelefon hindurch Ausdruck verlieh, war wohl der Grund, dass sich ihr Verhältnis nicht mehr wesentlich besserte. (Beryl ärgerte sich schwarz über ihren sozialen Abstieg. Ihr Bruder, der langweilige, gesellschaftskonforme Geschäftsmann, der »Philister«, dreht plötzlich durch und setzt sich auf eine obskure tropische Insel ab. Unterdessen hockt die wahre Künstlerin, die wahre Abenteurerin der Familie, in ihrem Elternhaus, eingemummelt in zwei Pullover und einen Pelzmantel aus dem Secondhandladen, und versucht, einen Dokumentarfilm zum Thema »Energiearmut« zu konzipieren.) Amelia dagegen war dank der vielen E-Mails von Zach, in denen er detailliert seine Tauchgänge, die Delfine und schimmernden Sonnenaufgänge schilderte, neidisch geworden. Da ihr Vater nicht mehr für sie aufkam und sie einen richtigen Job hatte annehmen müssen, bei dem sie »Derivate« verkaufte – was immer das sein mochte –, hatte sie versprochen, zu Besuch zu kommen, wenn nicht gar sich selbst davonzumachen. Shep war etwas mulmig zumute; die Vorliebe seiner Tochter für bauchfreie Tops und bis zum Schamhaar tief sitzende Jeans würde sich auf einer überwiegend muslimischen Insel weniger gut machen. Doch solange sich Amelia die Schultern bedeckte und knielange Röcke trug, sah er ein, dass eine Pilgerfahrt zu Glynis’ Grab sie vielleicht in ihrer Trauer beschwichtigen würde, jene unheimliche, feierliche Totenwache am Bettrand ihrer Mutter versäumt zu haben.

Nun ja, die drei waren nur im weitesten Sinn eine »Familie«, da sich Carol und Shep züchtig an separate Schlafzimmer hielten. Oder zumindest, bis Carol eine verblüffende Frage an ihn richtete, als sie eines Abends nach dem Essen noch am Tisch verweilten, und Heather zu einem Bad im Mondlicht aufgebrochen war.

»Hast du zufällig einen richtig großen Schwanz?«

Es sollte bis zum Morgen dauern, bis er, nach einem tränenreichen Geständnis, von dem er sich wünschte, sie hätte es sich viel eher von ihrer schönen Seele geredet, den Zusammenhang begriff. In dem Moment am Tisch aber lachte er nur und sagte, es gebe nur einen Weg, wie sie’s herausfinden könne.

Natürlich hatte Shep bei seiner »Fluchtphantasie« von Anfang an um die Fallgruben gewusst. Jahrelang hatten ihn die Leute gewarnt, dass eine Flucht nicht möglich sei. Jedes »Inselparadies« müsse irgendwann enttäuschen. Er werde sich langweilen. Er werde sich einsam fühlen. Er werde sich nach der Gesellschaft Gleichgesinnter sehnen. Er werde feststellen, dass er durch und durch Amerikaner sei und sich niemals in einem Land einleben könne, in dem die Einheimischen an Voodoo glaubten. Er werde das Kino vermissen, Nobelrestaurants und Kabelfernsehen. Beryl war überzeugt, dass er in kürzester Zeit mit eingekniffenem Schwanz nach Westchester zurückkehren werde. Denn von jeher hätte er bloß jenes sehr ungeschlachte Tier abstreifen wollen, das ihm überallhin mit schlurfenden Schritten folgen würde: sich selbst.

Die Leute redeten ja so viel Mist. Es war großartig.