Kapitel 14

Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 10. 2005 – 30. 10. 2005
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 152 093,29

SEIT ER ERWACHSEN war, hatte sich Shep immer die größte Mühe gegeben, anderen Menschen nichts nachzutragen. Menschen, die er kannte; Menschen im Allgemeinen. Doch allmählich gingen ihm die Vorwände aus – für ihren Freundeskreis, von dem er arglos angenommen hatte, er sei anständig, großzügig und rücksichtsvoll; für die halbherzige Spezies Mensch. Auch wenn es kein toller Abend gewesen war, waren Jackson und Carol immerhin endlich aufgetaucht. Was Shep von allen anderen nicht behaupten konnte. Streng genommen entpuppten sich die meisten Menschen in Glynis’ Leben als so rundheraus enttäuschend, dass ihn manchmal spätnachts eine erstickende Misanthropie überkam wie der Gestank aus einem kaputten Gully.

Damals im März war Deb entschlossen gewesen, dass Glynis erlöst werden müsse, bevor es zu spät war. Ruby hatte sich der Idee verschrieben, alte Rivalitäten beizulegen und mit ihrer älteren Schwester in einen »Zustand der Gnade« zu treten. Insofern hatte Shep schon damals gefürchtet, dass seine Toleranz gegenüber seinen Schwägerinnen vielleicht, nach wiederholten Besuchen über viele Monate hinweg, noch einer harten Prüfung unterzogen werden könnte. Er war davon ausgegangen, dass Deb niemals aufhören würde, seine weltliche Familie zum Gebet aufstellen zu wollen und den introvertierten Zach zu bedrängen, gemeinsam Gott zu danken für jeden Tag, der seiner kranken Mutter noch vergönnt war. Er hatte vorab bereits seine leichte Verärgerung darüber gespürt, dass Ruby jeden Abend joggen gehen musste, während sich alle anderen zu einer Mahlzeit zusammenfanden, die zuzubereiten er wieder mal sein abendliches Fitnesstraining geopfert hatte.

Im Fall gleichzeitiger Besuche war er es vorauseilend schon leid gewesen, wie Glynis und Ruby ihre mollige jüngere Schwester vorführten, indem sie sich nur eine magere Hähnchenkeule nahmen, wenn Deb zwei aß. Bei Debs anhaltendem Verdruss über die Appetitlosigkeit seiner Frau sah sich Shep schon, wie er irgendwann die Geduld verlor und Glynis anherrschte, dass ihre elend kleinen Portionen kein Zeichen von Überlegenheit, sondern eine unzureichende Zufuhr von Kalorien darstellten, die auch Verhungern genannt wurde und mit der sie sich über kurz oder lang umbringen werde, sofern der Krebs ihr nicht zuvorkomme. Insgesamt gesehen hatte er sich ein wenig Sorgen gemacht, dass ihm seine Schwägerinnen nach immer längeren Aufenthalten auf die Nerven gehen würden.

Niemals in einer Million Jahren hätte er damit gerechnet, dass er sich mit dem umgekehrten Problem würde herumschlagen müssen: dass nach dem anfänglichen Run an die postoperative Bettkante keine der beiden Schwestern noch einmal zu Besuch käme.

Gut, beide Geschwister riefen immer noch an, aber immer seltener, und die Frequenz dieser gelegentlichen Telefonate war genau an jenem Punkt endgültig abgestürzt, als sich der Zustand ihrer Schwester nach der kurzlebigen »Genesung« erneut verschlechterte. Unterdessen rief immerhin Hetty nach wie vor jeden Tag an, und zwar so zuverlässig zur gespenstisch frühen Stunde um neun Uhr morgens, dass man die Uhr nach dem Telefon hätte stellen können.

Nachdem Ende September eines dieser Telefonate eine Viertelstunde lang dahingehumpelt war und sich Glynis noch kryptischer und mürrischer zeigte als gewöhlich, hatte sie Shep den Hörer weitergereicht. »Meine Mutter will dich sprechen. Nur zu.«

»Sheppy?«, sagte Hetty, und er zuckte zusammen. Seine Schwiegermutter hatte diesen beleidigten Tonfall, den Glynis hasste, da er weniger an eine zweiundsiebzigjährige pensionierte Lehrerin als an einen ihrer Erstklässler erinnerte, dem man den Lutscher weggenommen hatte. In Person neigte sie dazu, sich an seinen Arm zu klammern, und diese weinerliche Intonation war die akustische Entsprechung. Indem sie »Sheppy«, den idealen Schwiegersohn (also diesen wunderbaren Mann, der alles bezahlte), vergötterte, hatte sie schon lange einen Keil zwischen ihn und Glynis getrieben.

»Ich tue wirklich alles, um Glynis wissen zu lassen, dass ich in diesen schicksalsschweren Tagen für sie da bin. Aber sie kann ja so … schnippisch sein! Ich weiß, sie ist sehr krank, und ich versuche immer Rücksicht darauf zu nehmen, aber …« Hetty begann zu schniefen. »Gerade eben war sie furchtbar unfreundlich!«

»Sie hat’s nicht so gemeint, Hetty, das weißt du doch.« Natürlich hatte Glynis es so gemeint. Sie meinte immer mehr von dem, was sie sagte..

»Entschuldige bitte die Frage …« Er hörte, wie sie sich in eines der vielen zerfetzten Papiertaschentücher schnäuzte, die sich in den Taschen ihrer Hausmäntel angesammelt hatten. »Aber will Glynis überhaupt, dass ich sie anrufe? Will sie überhaupt mit mir reden? Davon ist nämlich wenig zu merken! Wenn meine Kontaktaufnahme nicht erwünscht ist, will ich mich bestimmt nicht aufdrängen.«

Nachdem er das Gespräch mit seiner Schwiegermutter beendet hatte, war Glynis ausgerastet, und den Text kannte er inzwischen auswendig. »Ständig will sie was von mir, und ich kann’s ihr einfach nicht geben! Ich hab’s nie gekonnt und gerade jetzt erst recht nicht! Sie ruft nicht meinetwegen an, sie ruft ihretwegen an! Immer und immer wieder soll ich ihr bestätigen, was für eine wunderbare Mutter sie war, aber so war es einfach nicht, und ich kann’s nicht sagen und ich werde es nicht sagen. Ich soll sie unterhalten und trösten und mir was einfallen lassen, um Tag für Tag diese tote Luft zu füllen, eine Zumutung ist das! Herrgott noch mal, sie ist wie ein schwarzes Loch! Jetzt, wo ich vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben tatsächlich eine Mutter gebrauchen könnte! Nicht noch eine Abhängige, noch ein Problem, noch mehr Ansprüche, noch ein Energiefresser, sondern eine richtige Mutter!«

Zum Glück war Glynis nach ihrem Wutanfall so erschöpft gewesen, dass sie auf dem Küchensofa zusammenklappte und endlich etwas schlief. Er war froh, dass sie nicht nachgebohrt hatte, was Hetty von ihm hatte wissen wollen, denn darauf hätte er nur ungern geantwortet.

Er hatte das Telefon auf die hintere Veranda mitgenommen und Hetty inständig gebeten, weiterhin anzurufen. Jeden Tag. Sich nicht entmutigen zu lassen, die anhaltenden Attacken ihrer Tochter der Krankheit anzulasten, die Beleidigungen und wütenden Bemerkungen an sich abprallen zu lassen und einfach nicht darauf zu reagieren. Implizit bat er sie um eine Reife, die an den Tag zu legen sie nicht die geringste Chance haben würde, wenn sie mit zweiundsiebzig noch immer derart sensibel war. Wer in dieser umkämpften Beziehung nun gerade wen am meisten brauchte, darüber konnte man trefflich streiten. Die einfachste Antwort lautete wohl, dass sie sich gegenseitig brauchten. Glynis hasste diese Telefonate und fürchtete sie ganz aufrichtig. Sollte es jedoch neun Uhr werden, und der Anruf ihrer Mutter bliebe aus, wäre sie am Boden zerstört.

Und weiter? Hetty mochte für ihre Tochter »da« sein, bloß war sie für ihre Tochter nicht hier. Seit jener ersten Reise im März war selbst Glynis’ eigene Mutter nicht wieder nach Elmsford gekommen. Kein einziges Mal. Shep konnte es kaum glauben. Zudem bezog sich der systematische Rückzug vor seiner Frau und ihrem ekligen Krebs längst nicht auf die unmittelbare Familie. Er war universell.

Glynis’ Cousinen, Nichten und Neffen, die Nachbarn (bis auf die unermüdliche Nancy) und schockierenderweise ihre sämtlichen Freunde hatten immer seltener angerufen und die Gespräche immer kürzer ausfallen lassen. Sie alle hatten größere Abstände zwischen ihre Besuche gelegt und hielten die Gesellschaft seiner Frau immer weniger lange aus.

Shep kannte sämtliche Standardausreden. Dass man sie nicht überstrapazieren, stören oder wecken wolle. Dass man nie genau wisse, ob sie gerade im Krankenhaus liege, Chemotherapie bekomme oder immer noch k.o. sei von der letzten Dosis. Nachdem sie gewarnt worden waren, dass Glynis keinen Infektionen ausgesetzt werden dürfe, sagten einige Freunde unter dem Vorwand hartnäckiger Erkältungen mehrere Besuche in Folge ab. Sie wollten ja nur Rücksicht nehmen. Andere Ausreden waren so umständlich, dass es weitaus weniger Mühe erfordert hätte, Shep nach Monaten des Schweigens mit den undurchsichtigen Erklärungen zu verschonen und die arme Frau einfach selbst kurz anzurufen.

Nach Zachs Informationen waren die Eigers – die Eltern von einem von Zachs engeren Kumpels, mit denen sie seit vielen Jahren am vierten Juli gegrillt und Vorweihnachten gefeiert hatten – so sehr damit beschäftigt, mit ihrem ältesten Sohn für den Hochschul-Zulassungstest zu lernen, dass die anstrengende Fahrt aus dem sechs Meilen entfernten Irvington nicht infrage kam, wobei das eine Distanz war, die Zach regelmäßig per Fahrrad zurücklegte. Es verstand sich von selbst – zumindest schienen es alle so zu verstehen –, dass diese strikten Nachhilfesitzungen durch beide Eltern zu jeder zur Verfügung stehenden Tageszeit eine so zeitaufwendige und kräftezehrende Geste wie ein Telefonat ausschlossen.

Marion Lott, die Chocolatière, mit der Glynis bei ihrem albernen Job viel getratscht und sich recht gut angefreundet hatte, war eine Zeit lang aufmerksam gewesen. Mit der Entschuldigung, dass Glynis selbst mit Schokolade wahrscheinlich wenig anfangen könne, stand Marion anfangs mit einer Tüte formloser Trüffel für Shep und Zach nebst Früchtekorb für die Patientin vor der Tür. Doch die Carepakete sowie die Besuche waren seit Mai ausgeblieben. Als Shep Anfang Oktober Marion vor der Apotheke über den Weg lief – er war mal wieder auf der Suche nach Einlauftabletten für Glynis –, hatte die Schokoladenfabrikantin nervös drauflosgeplaudert, wie viel gerade im Laden los sei und dass sie aus dem fernen Chicago Bestellungen zu bearbeiten habe, und dann sei eine ihrer Mitarbeiterinnen schwanger geworden und leide schrecklich unter morgendlicher Übelkeit, und er wisse ja, wie unangenehm das sei, den ganzen Tag dieser Schokoladenduft, und so habe es an Arbeitskraft gefehlt … Ach ja, und Shep sollte wissen, dass die neue Gussformfrau sich als weitaus weniger geschickt entpuppt habe als Glynis, sie habe auch nicht ihr Händchen für Linienführung oder ihren Sinn für Humor, und er solle seiner wunderbaren Frau doch bitte ausrichten, wie sehr sie ihr fehle … Er hätte ja Mitleid mit der Frau haben können, hätte versuchen können, sie zu bremsen … Mit bewusstem Sadismus ließ er sie jedoch bestimmt fünf Minuten reden. Es war eine ganz bestimmte Art von übertrieben wortreicher Ausrede, die meist von Leuten bevorzugt wurde, die schlechte Lügner waren. Wobei sie mit ihrer verbalen Inkontinenz zumindest durchblicken ließen, dass sie ein schlechtes Gewissen hatten.

Die Vinzanos dagegen entschieden sich für die große, saubere, allumfassende Ausrede, die immerhin effizient war. Glynis kannte Eileen Vinzano noch aus der Zeit, als sie beide an der Parsons Kunst unterrichtet hatten, somit ging ihre Freundschaft mit Eileen und deren Mann Paul über zwanzig Jahre zurück. Aber seit er ihnen am Telefon von der Operation erzählt hatte, konnte sich Shep nicht erinnern, wann er zuletzt von den beiden gehört hatte. Kurz nachdem er Marion über den Weg gelaufen war, rief Eileen an und behauptete atemlos, dass sie und Paul seit Juni außer Landes gewesen seien. In beklommenem Tonfall erkundigte sie sich nach Glynis’ Gesundheitszustand. Sie hatte Angst, dass sie mit ihrem Anruf schon zu spät war. Offenkundig hatte sie mit einer zartfühlenden Formulierung gerechnet, etwa: »Tut mir so leid, dass ich dir das sagen muss, Eileen, aber Glynis ist im September von uns gegangen.« (Von uns gegangen, das war die Wendung, die sie erwartet hätte. Als wäre seine Frau nicht unter Qualen gestorben, sondern einfach aus der Tür spaziert.) Stattdessen erzählte er, dass Glynis noch immer durchhalte und dass sie nun schon beim dritten Chemococktail seien. Doch als er ihr anbot, Glynis selbst ans Telefon zu holen, geriet Eileen in Panik. »Nein, nein, lass sie bloß liegen!«, sagte sie fast entsetzt. »Sag ihr einfach nur alles Gute.«

Spätabends in der Halloweennacht schaltete er seinen Computer schließlich ein, um die Liste der »engen Freunde« zu kopieren und in die Liste »weniger enge Freunde« einzufügen. Die Datei »enge Freunde« löschte er.

In seiner gutmütigen Tagesinkarnation räumte Shep ein, dass mehr oder minder alle bereits ein gefühlvolles Zeugnis abgelegt hatten, wie viel Glynis ihnen bedeutet habe. Wie außerordentlich sie ihre Arbeit bewunderten. Wie sehr ihr ganzes Leben von Eleganz und Stilsicherheit geprägt gewesen sei. Wie gern sie sich an dieses oder jenes Ereignis zurückerinnerten … Indem sie passionierte, hochtrabende Reden schwangen, die, wie Glynis mit Empörung bemerkte, ebenso gut als Grabreden funktioniert hätten, manövrierten sich die Besucher von vornherein in eine ganz bestimmte Ecke. Es war dramaturgisch unmöglich, von großen Liebes- und Bewunderungserklärungen zu nichtigem Geplauder überzugehen und zu sagen, wie’s aussieht, wird die Walnut Street doch endlich neu asphaltiert. Mit zehn multipliziert, ähnelte die anschließende Unbeholfenheit der schlechten Dramaturgie, mit der man nach einer Dinnerparty blumige Abschiedsworte aussprach – überladene, stilvolle Worte von der Art, zu denen man sich im Auto noch mal selbst beglückwünschte –, nur um dann festzustellen, dass man seinen Pullover vergessen hatte. Man musste dann beschämt an der Tür klingeln, während die Gastgeber gerade die Geschirrspülmaschine einräumten.

Und voilà, die ganze Eleganz, der Schalk und die überbordende Dankbarkeit des ursprünglichen Abschieds waren dahin, die Gastgeber schlurfen betretenen Schrittes über den Flur und wischten sich die fettigen Hände an einem Geschirrtuch ab, um sich auf die Suche nach dem Kleidungsstück zu machen. Vermutlich war es immer schwierig bei todkranken Menschen, die Sache so hinzudrehen, dass die Beziehung einen heiteren Ausklang nahm. Um einen bewegenden und gut getimeten Abschied zu garantieren, gab es nur den einen Trick, eine zartfühlende, tränenreiche, gut einstudierte kleine Rede zu halten und dann nie wieder aufzutauchen.

Außerdem, was sagte man zu Glynis, wenn die medizinischen Fragen ausgeschöpft waren? Sie wollte nichts davon hören, dass man selbst ein tolles Leben führte, den Klagen der anderen gegenüber war sie äußerst intolerant. Die Ereignisse ihres eigenen Lebens hatten sich auf die Ereignisse ihres Körpers beschränkt: die Entzündungen an den Armen, wo die Chemo aus der Kanüle sickerte und ihr die Haut versengte; die Thoraxdrainage, um die Lungenflüssigkeit aufzusaugen, die ihr Atembeschwerden verursachten; die Müdigkeit, die etwas besser oder lähmend schlimm wurde, aber nie ganz wegging; die Ausschläge und Schwellungen und die sonderbaren Striche in ihren verfärbten Nägeln. Dies waren die Geschichten, die sie erzählen konnte, und sogar für Glynis selbst waren sie deprimierend und monoton.

Glynis zeigte keinerlei Bewusstsein für die Welt jenseits der Grenzen ihres bescheidenen Heims. Denn schließlich bezogen die durchschnittlichen heutigen Probleme ihre Dringlichkeit aus dem Umstand, dass sie in Wirklichkeit Probleme von morgen waren: der Klimawandel, die Verschlechterung der amerikanischen Infrastruktur, das wachsende Finanzdefizit. Solche Dinge kümmerten einen nur, wenn einen ebenfalls kümmerte, dass San Francisco eines Tages in den Pazifik rutschen könnte, Dutzende von Autos demnächst von einer maroden Brücke auf der I-95 zu stürzen drohten oder das ganze Land vielleicht bald in chinesischer Hand wäre. Doch die Dinge, die da kamen, kümmerten Glynis nicht. Die ersten beiden kamen ihr lustig vor. Und was Letzteres anging, den Ausverkauf der Gesamt-USA, konnten ihretwegen die Chinesen das Land ruhig haben.

Der deutlichste Hinweis dafür, dass sie die Augen doch nicht so sehr vor der Wahrheit verschloss, wie es den Anschein machte, war Glynis’ Desinteresse an der Zukunft. (Die einzige Ausnahme zu Glynis’ allumfassender Teilnahmslosigkeit stellte alles dar, was ihre laufende Klage gegen Forge Craft anging. Der Rechtsstreit weckte einen Blick in ihren Augen, den Shep aus Natursendungen kannte – wenn ein Panther mit geöffnetem Fang und starrem Blick auf seine Beute lauert. Doch Shep versuchte das Thema zu vermeiden. Die treibende Kraft seiner Frau war ihm nicht ganz geheuer: Rache, und zwar von der wahllosesten Sorte.)

Zu guter Letzt, um fair zu sein – Shep hatte keine Lust, fair zu sein, aber die Dinge aus einer anderen Warte zu betrachten war eine lebenslange Gewohnheit –, war Glynis ganz einfach ein schwieriger Mensch. Eine Vielzahl von Themen kamen im Gespräch mit ihr nicht infrage. Vor allem ein Thema war mit dicken roten Strichen abgegrenzt, und an jedem Zugang prangte ein Betreten-verboten-Schild. Das Problem war, dass dies unter den gegebenen Umständen ein großes, möglicherweise das wichtigste oder gar das einzige Thema darstellte. Wie er am Ende jenes verunglückten Abendessens mit Carol und Jackson festgestellt hatte, konnte man immer dann, wenn man über ein bestimmtes Thema nicht reden durfte, auch über sonst nichts reden. Insofern schienen diese Besuche sich in vorgegebenen Bahnen zu bewegen; sie wirkten nicht real; sie hatten etwas Verlogenes, an dem allein Glynis schuld war.

Aber weiter reichte sein Mitgefühl nicht. War es einmal so weit gedehnt worden, sprang es wie ein Bungeeseil zurück an den Punkt des traurigen Eindrucks, dass seine Frau die bekanntermaßen kurze Aufmerksamkeitsspanne ihrer Landsleute mit ihrer Krankheitsdauer schlichtweg überfordert hatte. Nachdem das Mesotheliom seinen Neuheitswert verloren hatte, war sie zu einem personifizierten Allmählich-Reicht’s geworden. So wie die meisten von ihnen keine zwei Runden um ein Footballfeld geschafft hätten, ohne vor der Tribüne erschöpft zusammenzubrechen, zeigten Freunde wie Familie wenig emotionales Durchhaltevermögen.

Shep war Eingeborener eines Landes, zu dessen kulturellen Errungenschaften das Telefon, die Flugmaschine, das Fließband, das Fernstraßennetz, die Klimaanlage und das Glasfaserkabel zählten. Sein Volk war brillant, wenn es um das Unbeseelte ging – Ionen und Prionen, Titan und Uran und tausendjähriges Plastik. Was sensiblere Zusammenhänge anging – von der Art, dass es einfach auffiel, wenn ein Vertrauer plötzlich von der Landkarte verschwand, sobald eine Freundschaft unbequem, unangenehm, anspruchsvoll, übrigens auch endlich mal zu etwas nutze wurde –, waren seine Landsleute nicht zu gebrauchen. Es war, als wäre noch nie zuvor jemand krank geworden. Als hätte noch nie jemand dem Unaussprechlichen ins Auge sehen müssen. Als wäre Sterblichkeit ein Ammenmärchen, ähnlich wie die Überzeugung, dass man unbedingt acht Gläser Wasser pro Tag trinken müsse, eine These, die am vergangenen Dienstag auf der Gesundheitsseite der Science Times widerlegt worden war.

Es gab kein Protokoll. Schon möglich, dass die meisten von ihrer Mutter gelernt hatten, beim Essen die Ellbogen nicht auf dem Tisch aufzustützen oder mit offenem Mund zu kauen. Aber es hatte sich nie ein Elternteil mit ihnen hingesetzt und ihnen erklärt, dass man dies zu tun und jenes zu sagen habe, wenn jemand, der einem zumindest angeblich am Herzen lag, todkrank war. Es war ein bitterer Trost, dass vielen dieser schäbigen Exemplare der Spezies Mensch im Krankheitsfall irgendwann einmal ein ähnliches Hoppla-jetzt-muss-ich-aber-ganz-dringend-Weg widerfahren würde.

Die vollmundigen Hilfsangebote, mit denen Freunde und Familie der schlechten Kunde am Anfang begegnet waren, stießen Shep sauer auf. Die Eigers hatten ihn gedrängt, sie unbedingt wissen zu lassen, was ihn entlasten würde, doch von ihnen aus war nie auch nur die kleinste Geste gekommen; es musste ihnen doch klar gewesen sein, dass er sie niemals darum bitten würde, Glynis zur Chemotherapie zu begleiten und stundenlang neben ihrem Polstersessel zu sitzen. Eileen Vinzano hatte lang und breit erklärt, dass sie Shep beim Hausputz helfen könnte. Keine Arbeit sei zu nieder, schwor sie, nicht mal Toilettenputzen. Aber das war, bevor die Vinzanos »außer Landes« verschwunden waren. Inzwischen hatte er ein spanisches Mädchen anheuern müssen, das ein Mal die Woche vorbeikam und seinen Putzrückstand aufholte. Eine ehemalige Nachbarin aus Brooklyn, Barbara Richmond, hatte vorgeschlagen, regelmäßig vorgekochte Mahlzeiten vorbeizubringen, die man nur noch hätte in die Mikrowelle schieben müssen, einen Vollzeit-Cateringservice sozusagen, der am Ende auf eine einzige Torte hinausgelaufen war. Glynis’ Cousine Lavinia hatte erklärt, dass sie gern für ein paar Wochen einziehen würde! Damit jemand da wäre, um Besorgungen zu machen und Glynis Gesellschaft zu leisten. Natürlich hatte sie sich nie in Amelias Zimmer einquartiert und war seit April verschollen. Erinnerten sich diese Leute überhaupt noch an ihre extravaganten Angebote im Zuge ihres überstürzten ersten Mitgefühls? Und wenn ja, glaubten sie etwa, Shep habe sie vergessen? Er war von Natur aus nicht nachtragend, aber vergessen hatte er nichts.

WAS ENTTÄUSCHUNGEN ANGING, schoss Beryl natürlich den Vogel ab.

Die zusätzlichen 8300 Dollar pro Monat für das Pflegeheim seines Vaters beschleunigte die Plünderung von Sheps Kapital. Selbst wenn er hartherzig genug gewesen wäre, eine solche Aussicht in Betracht zu ziehen, war das Merrill Lynch Konto zu leer, um den alleinigen Rückzug nach Pemba oder sonst wohin zu finanzieren. Alles drehte sich jetzt um Zusatzzahlungen, Zusatzversicherungen und Rezepte für Glynis’ Behandlung, Punkt. Also wagte er bei einem Telefonat mit Beryl Anfang November einzuwerfen, dass sie eventuell darüber nachdenken müssten, ihren Vater aus der Morgentau-Residenz zu holen und in ein öffentliches Pflegeheim zu geben. Genauso gut hätte er vorschlagen können, den Mann nach Auschwitz zu schicken.

»Diese öffentlichen Heime sind die reinsten Kloaken!«, kreischte Beryl. »Die lassen einen tagelang in der eigenen Scheiße liegen. Öffentliche Pflegeheime haben immer zu wenig Personal, und die Schwestern sind alle Sadisten. Das Essen ist schrecklich, wenn man denn Glück hat und überhaupt welches bekommt; manche dieser alten Leutchen werden so vernachlässigt, dass sie verhungern. So eine Ausstattung wie in der Morgentau-Residenz kannst du vergessen – keine Fitnessräume, keine Krankengymnastik. Es gibt auch keine Veranstaltungen – keine Kurse, keine Singgruppen. Vielleicht ein paar Zeitschriften, das war’s dann aber auch.«

»Na ja, neben einem ständigen Vorrat von Krimis braucht Papa eigentlich nichts weiter als einen Stapel Zeitungen und eine Schere.«

»Aber diese öffentlichen Läden sind wie Müllhalden für die Alten! Alte Frauen hängen mit offenem Mund in ihren Rollstühlen in den Fluren, sabbern sich das Nachthemd voll und brabbeln vor sich hin, dass sie heute Abend mit Danny auf den Schulball gehen, weil sie denken, es ist 1943. Das willst du deinem eigenen Vater antun? Das wird er dir niemals verzeihen, und ich auch nicht.«

Shep vermutete, dass der Unterschied zwischen privater und öffentlicher Pflege überbewertet wurde. Auch in der Morgentau-Residenz hatte er jede Menge Demenzkranke gesehen und jede Menge Gesabber. Gabriel Knacker hatte zwar mit seiner Gemeinde Kirchenlieder gesungen, doch nicht mal in der appetitlichsten Einrichtung würde er sich jemals an einer »Singgruppe« beteiligen. Dennoch war Beryls deprimierendes Bild weit verbreitet. Es hätte Shep nichts ausgemacht, wenn sie dieses Klischee aus Angst heraufbeschworen hätte, dass ihr Vater leiden könnte. Ebenso wenig hätte ihm Beryls standhaftes Beharren auf privater Pflege etwas ausgemacht, wenn sie sie mitfinanziert hätte.

Es machte ihm aber sehr wohl etwas aus, dass ihre selbstgerechte Verteidigung des väterlichen Komforts ganz andere Gründe hatte. Der einzige Sinn und Zweck des von ihm vorgeschlagenen Umzugs war es, seine finanzielle Belastung auf die Öffentlichkeit zu übertragen. Er war selbst schuld, dass sie wusste, was dieses moderne finanzielle Wunder bewirken würde, weil er sie damals im Juli darüber informiert hatte. Damit ihr Vater Medicaid beziehen könnte, würden sie zunächst das Haus verkaufen müssen. Oder ihr Haus, wie sie sicherlich sagte, wenn er außer Hörweite war. (Jacksons Idee war vielleicht technisch machbar: sich einfach zu weigern, die Morgenröte-Residenz zu bezahlen und die bürokratische Mühle mahlen zu lassen, bis der Besitz vom Staat gepfändet wurde. Zu seiner stillen Verblüffung waren er und Beryl gesetzlich nicht verpflichtet, ihren Vater zu pflegen oder seine Rechnungen zu bezahlen. Doch das war nicht die Art und Weise, wie Shepherd Knacker seine Angelegenheiten regelte. Seine Pflichten zu vernachlässigen und darauf zu hoffen, dass irgendjemand hinter ihm herräumen würde, erschien ihm schlampig und unverantwortlich. Er war nun mal, wer er war, dachte Shep ironisch.) Der Erlös von Haus und Grundstück würde dann in das Pflegeheim fließen, bis ihr Vater offiziell mittellos war. Adieu, freie Unterkunft, adieu, Erbe – und das war die Quelle der Empörung, die ihm durchs Telefon entgegenschlug.

Dennoch hatte Shep nicht die Kraft, sich gegen Beryl aufzulehnen. Er hatte ja selbst seine Bedenken gegenüber den öffentlichen Pflegeanstalten und einen ausgeprägten Sinn für seine Pflicht als Sohn. Die Morgenröte-Residenz war wahrscheinlich die schönere Alternative. Die Begeisterung seines Vaters hielt sich zwar in Grenzen, aber zumindest hatte er sich eingewöhnt. Wenn Shep weiterhin 99 600 Dollar pro Jahr ausspucken musste, käme er zudem rasch an den Punkt, an dem er nicht deswegen die Morgenröte-Residenz nicht mehr bezahlen würde, weil er ein schlechter Sohn war, sondern weil er das Geld nicht mehr hatte. Und es wäre offensichtlich hirnrissig und verschwenderisch gewesen, wenn er alles bis auf den letzten Cent ausgegeben hätte, nur um wieder an demselben Punkt zu landen, an dem er seinen Vater würde aus der Morgenröte-Residenz nehmen, die Rentenversicherung auflösen und das Haus verkaufen müssen. Jackson hatte schon recht, dass man in einem Land, das einem nahezu sein halbes Einkommen abknöpfte und jedes Mal ein extra Schmiergeld verlangte, wenn man nur irgendetwas tun wollte, einen Schraubenzieher kaufen oder angeln gehen zum Beispiel, nicht wirklich von Freiheit sprechen konnte. In diesem speziellen Fall und in Bezug auf seine Schwester hatte es allerdings etwas wahrhaft Befreiendes, bankrott zu sein.

Inzwischen versuchte Shep, etwa zwei Mal die Woche mit seinem Vater zu telefonieren. Der gebrochene Oberschenkel schien langsam zu verheilen. Dann klingelte der Apparat plötzlich die ganze erste Novemberhälfte auf seinem Nachttisch vor sich hin, ohne dass sein Vater abnahm. Statt direkt mit dem Heimpersonal zu sprechen, beging Shep den Fehler, sich bei Beryl auf den neusten medizinischen Stand bringen zu lassen. Sie sagte nur, dass er offenbar Gewicht verloren habe. Zumindest war es das, was die Pflegerinnen gesagt haben mussten, denn in selbigem Telefonat hatte Beryl verkündet, dass sie »streike«.

»Du kannst doch von mir nicht verlangen, dass ich ihn andauernd besuche. Das ist nicht fair. Nur weil ich in der Nähe bin, muss ich doch nicht die ganze Last auf mich nehmen. Wirklich, Shep. Ich komme mir allmählich ausgenutzt vor. Ich kann das nicht. Diese Besuche sind so deprimierend. Ich muss meinen Film schneiden, und ich muss meinen, na, du weißt schon, mein Qi beschützen.«

»Was verstehst du unter ›andauernd besuchen‹?«

»Das ist einfach nicht mein Ding, Shepardo. Und wenn ich dann doch hingehe, kriege ich nur die ganze Zeit zu hören, warum ich mich so lange nicht hätte blicken lassen, obwohl es mir so vorkommt, als hätte ich ihn gerade erst besucht, ungefähr noch am selben Morgen. Wenn du glaubst, dass ihm die ständige Zuwendung seiner Familie so wichtig sei, wirst du dich hin und wieder schon selber hierher bewegen müssen.«

Shep seufzte. »Hast du irgendeine Ahnung, was ich hier alles am Hals habe?«

»Wir haben beide Sachen am Hals. Und er ist auch dein Vater.«

Widerwillig versprach er, sich Mühe zu geben und demnächst mal wieder nach New Hampshire zu kommen. Gegen Ende des Telefonats warf Beryl noch ein: »Ach ja, und wie läuft das jetzt mit der Heizung? Ich hab da einen Brief bekommen, ich weiß nicht, so eine Art Zwangsräumungsklage von der Gasgesellschaft.«

»Ich hab die Rechnung auf deinen Namen übertragen lassen. Hatte ich ganz bestimmt schon erwähnt.«

»Auf meinen Namen, okay, aber du erwartest doch nicht, dass ich die Rechnung auch noch zahle?«

Er atmete tief durch. »Doch, das tu ich.«

»Weißt du eigentlich, was es kostet, dieses Haus im Winter zu beheizen?«

»Natürlich weiß ich das. Schließlich komme ich seit Jahren für die Heizkosten auf.«

»Pass auf, ich hüte hier das Haus. Von jemandem, der das Haus hütet, kann man nicht auch noch verlangen, dass er die Betriebskosten übernimmt. Manche werden fürs Haushüten sogar bezahlt

»Du willst, dass ich dich auf meine Gehaltsliste setze?«, fragte Shep ungläubig. Geschickt hatte Beryl ihre Vereinnahmung des elterlichen Hauses in einen großen Gefallen umgewandelt. Es war genau die Art von genialem Schachzug, die ihn bei seiner Schwester immer in Erstaunen versetzt hatte.

»Ich hab kein Geld für die Gasrechnung, Punkt. Du wirst denen einen Scheck schicken müssen, es sei denn, du möchtest, dass ich hier mit Eiszapfen an der Nase sitze und die Möbel verbrenne, um nicht zu krepieren.«

Schon vor Jahren hatte Beryl die wahrhaftige Freiheit des persönlichen Bankrotts entdeckt. Er war neidisch.

AM THANKSGIVING-WOCHENENDE machte sich Shep auf den Weg nach Berlin. Der Rückreiseverkehr versprach fürchterlich zu werden, doch ein abendlicher Besuch und ein Sonntagmorgen in dieser Zeit traditioneller Familienzusammenkünfte würden seinem Vater vielleicht wenigstens vorübergehend das Gefühl der Verlassenheit nehmen.

Ein Country Club war die Morgenröte-Residenz nicht gerade, aber es wirkte alles sauber: Vielleicht war der Hauch von Fäkalien, der den beißenden Desinfektionsmittelgeruch durchdrang, in Einrichtungen zur Pflege der Alten und Kranken unvermeidlich. Ähnlich wie bei dem schwarz angelaufenen viktorianischen Krankenhaus seiner Kindheit hätten dem Heim ein paar Schmutzstreifen nicht geschadet, um dem schlichten quadratischen Bau ein wenig Charakter zu verleihen. So hatte man die Morgenröte-Residenz einer architektonischen Gehirnamputation unterzogen. Shep war ziemlich beeindruckt. Gewiss stellte ein so vollendeter Mangel an Identität in der Welt der Baukunst und Inneneinrichtung eine ebensolche Errungenschaft dar, als ob es jemandem in der gesellschaftlichen Sphäre gelungen wäre, überhaupt keine Persönlichkeit zu generieren. Die Eingangshalle und Flure waren hell und beige. Die Privatzimmer waren mit hellem poliertem Ahornholz ausgestattet. Der Effekt war der einer Traumlandschaft. Die Morgenröte-Residenz war so ein Nicht-Ort, an dem das Hirn vergessenswerte Abenteuer zweiten Ranges registrierte: sinn- und logikfreie Fabulierungen, Zerrbilder vorbeiziehender Bekannter, die einem gleichgültig sind, die frustrierende Suche nach einer Toilette.

Als Shep vom Flur aus seinen Vater entdeckte, war der alte Mann zumindest nicht katatonisch oder brabbelte etwas von einem bevorstehenden Schulball, vielmehr saß er aufrecht in seinem Bett, hatte die Lesebrille auf der Nase und unterstrich mit konzentrierter Miene einen Absatz in der New York Times. Großartig: also alles wie gehabt. Doch als Shep eintrat und seinem Vater die Wange küsste, erschrak er. Mit einer so drastischen Gewichtsabnahme hatte er nicht gerechnet. Shep hatte genug davon, im fettesten Land der Welt zu leben und gleichzeitig mitansehen zu müssen, wie sich die Menschen, die ihm am meisten bedeuteten, in Luft auflösten.

»Worum geht’s in dem Artikel?«, fragte Shep und zog einen Stuhl ans Bett. Wie erwartet, war der Nachttisch mit Zeitungsausschnitten übersät.

»Darum, wie viel Geld diese verflixten Manager verdienen. Millionen, zehn Millionen im Jahr! Das ist doch pervers! Während der Rest der Welt verhungert.« Anders als sein Sohn hatte Gabe Knacker immer frohgemut an seinem New-Hampshire-Dialekt festgehalten.

»Na ja, falls du dich wunderst, ich hab mir keine zehn Millionen bezahlt, als ich der Chef vom Allrounder war.« Das war schon die äußerste Anspielung auf den Kostenpunkt der Morgenröte-Residenz, über den sich sein Vater nie erkundigt hatte. Der Pastor schien praktischerweise der Illusion zu erliegen, dass nach wie vor der Staat die Rechnung übernahm.

»In meinen Augen«, nörgelte sein Vater, »kann kein einzelner Mensch so verflixt wichtig sein, dass er zehn Millionen Dollar im Jahr wert ist. Kein Mensch, nicht mal der Präsident. Vor allem nicht dieser Präsident.«

»Aber wenn du der Ansicht bist, es müsse eine Obergrenze geben für das, was man einer einzigen Person als Gehalt zahlen darf«, spekulierte Shep, »gibt es dann auch eine Obergrenze für das, was man zahlen sollte, um einen Menschen am Leben zu erhalten?«

Sein Vater grunzte. Die Furchen in seiner faltenreichen Stirn waren tiefer und zahlreicher als im Juli.

Shep lachte. »Tut mir leid. Ich meinte das ganz allgemein. Es ist nicht so, dass Beryl und ich gerade versuchen, über die Kostengünstigkeit deines Daseins zu entscheiden.«

»Ich habe es nicht persönlich genommen. Es ist nur eine gute Frage, das ist alles. Was ist ein Leben wert, in Dollar? Wenn die Mittel nicht endlos sind, und das sind sie ja nie. Wenn das Geld, das für eine Person gezahlt wird, nicht einer anderen zukommt.«

»So überschaubar ist die Sache nicht«, sagte Shep. »Wenn die Morgenröte-Residenz zum Beispiel fünf Dollar einspart, indem sie dir Ibuprofen statt Advil gibt, landet das Geld ja nicht in einem Krankenhaus in Nairobi. Aber … die Frage beschäftigt mich trotzdem.«

»Glynis.«

»Ja.«

»Du hast keine Wahl. Du musst alles tun, was in deiner Macht steht, um deiner Frau zu helfen.«

»Das ist die … Erwartung.«

»Aber rein theoretisch«, sagte sein Vater, setzte sich auf und legte einen Schwung an den Tag, von dem Shep nur hoffen konnte, dass er nicht gespielt war, »wie käme man auf eine Zahl? Darf man 10 000 Dollar für ein einzelnes Leben ausgeben, aber keine 10 001 Dollar?« (Die geringe Summe, die der Pastor nannte, löste bei seinem Sohn ein müdes Lächeln aus.) »Und die Reichen werden immer in der Lage sein, sich über finanzielle Schranken hinwegzusetzen. Deckelt man die Kosten für das Gesundheitswesen, deckelt man es eigentlich nur für die Armen.«

Sein Vater war noch immer hellwach im Kopf, und Shep dachte, diese Gespräche werde ich vermissen, wenn er mal nicht mehr da ist.

»Wichtiger noch«, fügte Gabriel hinzu, »wie geht es Glynis?«

»Die Chemo macht ihr schwer zu schaffen. Sie ist dauernd wütend, was an diesem Punkt ein gutes Zeichen ist. Dass sie aufhören könnte, wütend zu sein, ist das, was mir Angst macht.«

»Es gibt nichts zu fürchten. Sie wird ihren Frieden schließen müssen: mit sich, mit dir und mit all ihren Freunden und ihrer Familie. Ich weiß, wie schwierig es ist, den Spieß umzudrehen, aber eine schwere Krankheit ist auch eine Chance. Eine Chance, die man nicht hat, wenn man von einem Bus überfahren wird. Sie hat die Chance zu reflektieren. Die Chance, sich Gott zuzuwenden, auch wenn ich in ihrem Fall nicht unbedingt damit rechnen würde. Sicherlich die Chance, alles zu sagen, was sie nicht ungesagt lassen möchte, bevor sie weg ist. Auf seltsame Weise hat sie Glück. Ich hoffe für euch beide, dass ihr euch in dieser Zeit sehr nahe seid.«

»Ich bezweifle, dass Glynis ihren Krebs als ›Chance‹ sieht. Wobei ich beim besten Willen nicht weiß, was sie denkt. Sie redet nicht darüber, Papa. Soweit ich weiß, glaubt sie immer noch, dass sie sich der Chemo unterzieht, um wieder gesund zu werden. Von den anderen Dingen – noch mal alles sagen, was gesagt werden soll – ist nichts zu merken. Ist das normal?«

»In diesem Zusammenhang gibt es nichts Normales. Und was würde es für eine Rolle spielen, selbst wenn sie anormal wäre? Dann wäre es eben so. Die Menschen klammern sich so blindwütig an ihr Leben, man kann es sich kaum vorstellen. Oder vielleicht kannst du es dir ja inzwischen vorstellen.«

»Sie ist immer so ehrlich gewesen. Anstrengend ehrlich. Erschreckend ehrlich. Und jetzt, wo ihre Ehrlichkeit am meisten gefragt wäre …«

»Denk dran: du weißt nicht, wie es ist. Ich habe mir vielleicht das Bein gebrochen und bin mit dem Schrecken davongekommen, aber auch ich weiß noch immer nicht, wie es ist. Keiner von uns wird es wissen, bevor es uns trifft. Man hat keine Ahnung, wie man reagieren wird. Vielleicht ganz genauso. Man möge sich eines Urteils enthalten.« Ein wenig parodierte Gabriel den Tonfall seiner eigenen Predigten, und Shep war froh über seine Neigung, sich eines Urteils zu enthalten, jene Eigenschaft, derentwegen sein Vater ihn immer getadelt hatte.

»Eine Sache noch«, sagte Shep. »Als du Pastor warst, hattest du doch ständig mit Leuten zu tun, die krank waren. Sind die Leute damals … gut damit umgegangen? Aufmerksam? Haben sie zueinander gehalten? Und ich meine, bis zum Ende? Bis zum bitteren, hässlichen Ende?«

»Es gab solche und solche. Es war immer meine Aufgabe, zu ihnen zu halten. Das ist eine Sache, für die das Pfarramt gut ist – auch wenn du nie davon überzeugt warst.« Der Tadel war fast willkommen. Sein Vater klang so, wie er immer geklungen hatte, und in diesen vier Wänden war das eine Erleichterung. »Wieso fragst du?«

»Die Leute … ihre Freunde, selbst die engste Familie. Sie haben Glynis … viele haben sie im Stich gelassen. Ich schäme mich für die Leute. Und dieses allgemeine Sich-in-Luft-Auflösen, na ja, es setzt ihr zu, auch wenn sie so tut, als wäre sie froh, ihre Ruhe zu haben. Es zieht einen ganz schön runter. Ich frag mich, ob die Menschen immer schon so waren, so schwach. Illoyal. Ohne Rückgrat.«

»Als Christen haben wir die Pflicht, für die Kranken zu sorgen. Die meisten Menschen in meiner Gemeinde haben diese Pflicht immer ernst genommen. Deine weltlichen Freunde haben nur ihr eigenes Gewissen als Antriebsfeder, und das reicht eben nicht immer. Es gibt keinen Ersatz für einen tiefen Glauben, mein Sohn. Der Glaube kehrt das Beste in einem hervor. Einen kranken Menschen zu pflegen ist harte Arbeit, und es ist nicht immer schön; das brauche ich dir nicht zu erzählen. Wenn man sich auf die schwache Idee verlässt, dass es von freundlicher Aufmerksamkeit zeugen würde, einen Auflauf vorbeizubringen« – hier zuckte das Gesicht des alten Mannes seltsam besorgt, und er schloss für einen Moment die Augen –, »wird dieser Thunfischauflauf es vielleicht nicht … bis in den Ofen schaffen.«

»Papa, ist alles in Ordnung?«

Sein Vater griff nach einem Summer und sagte: »Tut mir leid, mein Sohn, ich weiß, du bist gerade erst gekommen. Aber du wirst mich einen Moment mit der Pflegerin allein lassen müssen.«

Einige unbehagliche Minuten verstrichen, während sich sein Vater mit großer Konzentration zusammenkauerte und nicht sprechen konnte. Mit einer Bettpfanne in der Hand betrat eine Philippinerin geschäftig den Raum, deren weiße Tracht für ihre Aufgabe wenig geeignet war. Shep wartete im Flur. Irgendwann kam sie mit einem Knäuel Bettzeug aus dem Zimmer. Ein wässrig-brauner Fleck verriet, dass sie nicht rechtzeitig gekommen war.

»Fünfzehn Mal pro Tag geht das so«, nörgelte Gabriel, der einen frischen Pyjama trug, als Shep wieder ins Zimmer trat. »Wenn du glaubst, der Körper gewöhnt sich an so was, denk noch mal nach. Es ist erniedrigend.«

Shep rührte sich beklommen und rückte den Stuhl ein paar Zentimeter vom Bett weg. »Hast du dir irgendeine Grippe eingefangen?«

»Könnte man so sagen. Ein Bakterium von der Größe eines Schoßhündchens. Clostridium difficile. Oder CDiff, wie man hier liebevoll sagt.«

»Was ist das?«

»Eine dieser Infektionskrankheiten, die auf ganze Krankenhäuser übergreifen. Die Hälfte der Patienten in dieser Einrichtung leiden daran. Die Schwestern waschen ihre Hände wie Macbeth, aber soweit ich feststellen kann, macht es nicht den geringsten Unterschied. Ist dir nichts aufgefallen, im Flur? Es stinkt. Ich werde mit Antibiotika vollgepumpt, aber bisher ist es, als würde man mit einer Spielzeugpistole auf Elefanten schießen. Und ich muss unbedingt wieder gesund werden, sonst lassen sie mich nie wieder nach Hause

Ein weiteres Problem wäre dann Beryl, aber Shep hatte plötzlich andere Sorgen. Er stand auf, spreizte die Finger, hielt die Arme vom Körper weg und versuchte sich genau zu erinnern, welche Oberflächen er seit Betreten des Hauses berührt hatte.

In der Herrentoilette im Flur seifte sich Shep minutenlang Hände und Unterarme ein und drehte die Hähne mithilfe eines Papiertuchs vom Spender zu, dessen Kurbel er mit dem Hemdzipfel bedient hatte. Mit demselben Zipfel öffnete er die Tür der Toilette.

»DU HAST MICH GEBETEN – oder soll ich sagen, mir befohlen –, herzukommen und Papa zu besuchen«, fuhr er Beryl zu Hause nach einer zwanzigminütigen Dusche an. »Warum hast du mir vorher kein Wort davon gesagt, dass er sich eine dieser Krankenhausinfektionen eingefangen hat?«

»Was spielt das denn für eine Rolle?«

»Diese Superbazillus-Stämme sind resistent gegen Antibiotika. Ich darf mit so was auf keinen Fall in Berührung kommen!«

Beryl wirkte verdutzt. »Du bist doch eigentlich gesund. Es sind doch meist alte Leute, die zur Risikogruppe gehören. Ich kann ja nachvollziehen, dass du dir um Papa Sorgen machst, aber dass du dir deinetwegen Sorgen machst, versteh ich nicht. Es ist doch nur ein kleines Risiko, das du deinem Vater zuliebe eingehst.«

»Selbst wenn die Krankheit bei mir nicht ausbricht, könnte ich ja Träger werden!«

»Das wär nicht so toll, aber, na und …?«

»Glynis. Hallo? Meine Frau. Glynis hat ein total lädiertes Immunsystem. Eine Sache wie CDiff könnte sie das Leben kosten.«

»Herrje, du bist aber melodramatisch.«

»Ich zeig dir, was melodramatisch ist«, sagte Shep und stelzte hinaus zu seinem Auto.

SONNTAG UM FÜNF Uhr morgens kam er zu Hause an und stellte sich als Erstes noch mal unter die Dusche. Er warf seine Kleidung in die Waschmaschine und wählte den heißesten Waschgang. Er hatte ein schlechtes Gewissen, jede Spur seines Vaters so auslöschen zu müssen, aber für Sentimentalitäten war jetzt keine Zeit. Er nahm die Packung Reserveantibiotika, die Glynis für Notfallinfektionen im Haus hatte, und warf sich zwei Tabletten ein, bevor er sich unten auf der Couch zusammenrollte, um ein paar Stunden zu schlafen. Er haderte mit sich. Er hatte keinen Durchfall; eher Verstopfung, und das teigige Fastfood auf der Fahrt von New Hampshire würde die Sache nicht besser machen. Die Vorstellung, sich körperlich von Glynis fernhalten zu müssen, war ihm unerträglich. Aber wenn auch nur die geringste Gefahr von ihm ausging …

Dass seine Frau Angst vor ihm hatte, konnte er sich nicht leisten; er war es, der sie in erster Linie pflegte. Als Glynis also wach wurde und staunte, dass er schon wieder zu Hause war, erklärte er ihr, dass er sich nach einem langen, fruchtbaren, aber für seinen Vater erschöpfenden Besuch gestern Abend wieder auf den Weg gemacht habe, um nicht in den Feiertagsverkehr zu kommen. Dass er sie weder küsste noch berührte, schien sie zu übersehen, wobei sie unbewusst seine Distanziertheit bemerkt haben könnte. Insofern freute er sich besonders für sie, weil sie ausnahmsweise am Nachmittag Besuch erwartete.

Petra Carson hatte mit größerer Regelmäßigkeit vorbeigeschaut als die meisten Freundinnen seiner Frau, obwohl die alte Rivalin von der Saguaro-Kunstschule kein Auto besaß und von der Grand Central Station mit dem Zug kommen musste. Sie bestand auch jedes Mal darauf, ein Taxi vom Bahnhof und zurück zu nehmen, um Shep bloß keine Umstände zu machen.

Er wollte bestimmt nicht lauschen, aber wegen Thanksgiving war Isabel am Donnerstag nicht da gewesen, um das Haus seiner allwöchentlichen Reinigung zu unterziehen. Nachdem er Petra also ins Schlafzimmer geführt hatte, wo Glynis im Bett lag, machte er sich wieder daran, das Badezimmer am Ende des Flurs zu putzen. (Glynis’ letzter Einlauf hatte seine Spuren hinterlassen.) Petra muss die Schlafzimmertür offen gelassen haben, da ihr Gespräch selbst den Fernseher übertönte, den Glynis inzwischen den ganzen Tag lang leise laufen ließ.

Shep hatte Petra immer gemocht. Es mochte sein, dass Glynis die Arbeit ihrer Kollegin oberflächlich und konventionell fand, aber die Frau selbst verkörperte eine Ernsthaftigkeit und Rebellion gegen gesellschaftliche Normen, die er nur bewundern konnte. (Mit ihren siebenundvierzig Jahren war sie in zweiter Ehe mit einem Fünfundzwanzigjährigen verheiratet.) Insofern war Petra kein Mensch, der die impliziten »Betreten verboten«-Schilder ihrer Freundin selbstverständlich achtete; sind doch nur Schilder, würde sie möglicherweise mit einem Achselzucken sagen. Bei Petra musste Shep immer an Jed denken, den verwegenen Nachbarsjungen aus seiner Kindheit. Eines Nachmittags waren sie durch die Gegend gestreift und an eine eingezäunte Wiese mit diversen »Betreten verboten«-Schildern gekommen. »Da dürfen wir nicht rauf«, hatte Shep gesagt, und Jed hatte gesagt: »Wieso denn nicht?« – »Steht doch da, ›Betreten verboten‹«, sagte Shep, und Jed sagte: »Na und?« Und er hatte den Draht hochgezogen. Dieser kurze Augenblick war eine Offenbarung gewesen: als Shep sich unter dem Draht hindurchbückte und nichts geschah. Offenbar halten Vorschriften genau so viel Macht, wie man ihnen einräumt. Und Petra gehörte jedenfalls zu den Drahthochziehern. Nachdem sie sich der No-go-Grenze ihrer Freundin genähert hatte, tauchte sie unter dem Draht hinweg.

»Wie ist es denn?« hörte er sie Glynis fragen. »Wie fühlt es sich an? Was hast du dabei für Gedanken?«

»Wie ist was?« Glynis zeigte wenig Entgegenkommen.

»Ich weiß nicht … Sich dem Unvermeidlichen zu stellen, denke ich.«

»Dem Unvermeidlichen«, wiederholte Glynis säuerlich. »Stellst du dich nicht auch dem Unvermeidlichen?«

»In abstraktem Sinne, ja.«

»Es ist aber nichts Abstraktes.«

»Natürlich nicht. Und natürlich sitzen wir wohl alle im selben lecken Boot.«

»Dann sag du mir doch, wie es ist

»Du machst es einem nicht leicht.«

»Es fällt mir nicht leicht«, sagte Glynis schroff. »Warum sollte ich’s dir leichtmachen?«

»Ich finde einfach, wir sollten diese Zeit – diese knappe Zeit – nicht damit verbringen, uns über silberne Nieten zu unterhalten.«

»So haben wir aber immer unsere Zeit verbracht: mit silbernen Nieten. Es war dieselbe Zeit – unsere Zeit, unsere ›knappe Zeit‹, alles, was wir an Zeit hatten. Wenn das jetzt Verschwendung ist, dann war es das damals genauso. Also, wenn’s nach dir ginge, hätten wir uns an all den Nachmittagen besser über den Tod unterhalten sollen.«

»Das wäre vielleicht auch wieder Verschwendung gewesen, nur anders.«

»Also, bitte sehr. Wenn’s das ist, was du willst. Reden wir über den Tod. Ich bin ganz Ohr.«

»Ich … entschuldige. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Petra klang beschämt.

»Hab ich mir gedacht. Und wieso sollte ich dann wissen, was man dazu sagen soll?«

Als Glynis die Lautstärke des Fernsehers aufdrehte, konnte Shep das Gespräch nicht länger verfolgen. Vermutlich wurden viele der verbleibenden Besucher mit dieser alles durchdringenden Streitlust und zeitweise offenen Feindseligkeit konfrontiert, und offensichtlich hatten sich einige dadurch unwiderbringlich in die Flucht schlagen lassen.

Als Petra zwanzig Minuten später wieder auftauchte, bot er ihr unten noch eine Tasse Kaffee an. Den Kaffee lehnte sie ab, aber wie sie sagte, könne sie definitiv eine »Nachbesprechung« gebrauchen, und ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen. Er war froh, dass sie nicht sofort ein Taxi wollte. Jackson war so düster, mal schweigsam und dann wieder aufbrausend gewesen, dass Shep seit jenem Abendessen einen großen Bogen um ihn gemacht hatte. Er hatte nicht viele Leute, mit denen er reden konnte.

»Gott, ist das warm hier drin«, sagte Petra und zupfte an ihrer Bluse. »Da ist ein Kaffee jetzt das Letzte, was ich brauche. Was sind das, achtundzwanzig Grad? Dreißig?«

»Glynis friert die ganze Zeit. Wie wär’s stattdessen mit einem Bier?«

»Das wär genau das Richtige, danke. Aber mein Gott, dieses ganze Haus zu beheizen muss dich doch ein Vermögen kosten!«

»Stimmt.« Er staunte jedes Mal, wenn jemand diese eigentlich selbstverständliche Seite des Albtraums zur Kenntnis nahm.

Er holte für jeden eine Flasche Brooklyn Brown Ale. Petra sah nicht schlecht aus für eine Frau über fünfzig, obwohl sie ein Button-down-Hemd mit Säurelöchern und weite Jeans mit Lötpasteflecken trug: ihre Atelierklamotten. Wie so viele Kunstschmiede, die Schmuck herstellen, trug sie selbst keinen. Ihre Haare waren ungekämmt, die Nägel rissig und schwarz. Ihre Handflächen waren überzogen mit roten Striemen vom Pariser Rot, dem Poliermittel – das war ihre Art von Make-up. Petra gehörte zu den Leuten, die sich offenbar keine Gedanken um ihre äußere Erscheinung machten, oder mehr noch: die sich nicht bewusst waren, dass sie von anderen wahrgenommen wurden. Eine seltene und erfrischende Eigenschaft.

»Und – kann sie mich hier unten hören?«, fragte Petra leise.

»Nein. Durch die Chemo ist ihr Gehör nicht mehr so toll.«

»Sie sieht nicht gut aus, Shep.«

»Langsam wird’s eng«, gab er zu.

»Ich wollte mich eigentlich entschuldigen. Ich sollte mich eher bei Glynis entschuldigen, aber ich glaube, sie würde mich gar nicht lassen. Eigentlich kann ich mit ihr über gar nichts mehr reden, und wenn ich’s versuche, wird sie wütend.«

»Das liegt nicht an dir. Und wenn du das für wütend hältst, versuch’s mal mit dem Thema Forge Craft.«

»Wie läuft’s denn überhaupt mit eurer Asbestklage?«

»Wie zu erwarten, setzt Forge Craft erst mal auf eine Verzögerungstaktik. Aber wer den Fall gerade wirklich ausbremst, ist Glynis selbst. Sie muss unter Eid aussagen, und dann muss sie sich von den Anwälten der Firma ins Kreuzverhör nehmen lassen. Der Termin musste schon ein paarmal verschoben werden, weil er zeitlich zu nah an der Chemo lag und Glynis sich zu krank fühlte. Aber einige Male fühlte sie sich gesund genug – was man so gesund nennt –, wollte die Aussage aber trotzdem unbedingt verschieben.«

»Das versteh ich. Es gibt bestimmt Unterhaltsameres. Der ganze Druck, der auf ihr lastet, sich an alles genau zu erinnern, bloß nichts durcheinanderzubringen, wo das alles doch dreißig Jahre zurückliegt. Schon komisch, wie genau sie sich offenbar an diese Produkte erinnern kann, mit denen wir gearbeitet haben. Immerhin saßen wir in denselben Kursen. Ich jedenfalls hab das Werkzeug und die Materialien nur noch verschwommen vor Augen. An kleine lila Blümchen mit grünen Stängeln, die auf den feuerfesten Handschuhen gewesen sein sollen, kann ich mich ums Verrecken nicht erinnern, so viel ist sicher.«

»Ich will dir nicht den Tag verderben, aber theoretisch könntest auch du auf der Kunstschule mit Asbest in Berührung gekommen sein.«

»Ja, das ist mir auch schon in den Sinn gekommen. Nur dass ich diese seltsame Erinnerung habe …«

»Woran?«

»Ach, egal. Es kann eigentlich nicht stimmen. Glynis hat anscheinend eine genauere Wahrnehmung als ich.« Petra nahm einen großen Schluck Bier und schob die Flasche vor dem Hochzeitsbrunnen auf den Tisch. Ein paar gedehnte, peinliche Takte lang erfüllte nur sein Plätschern die stickige, überheizte Luft.

»Hör zu«, begann sie. »Ich … wie gesagt, ich wollte mich entschuldigen. Dass ich nicht öfter hier vorbeigekommen bin. Dass ich nicht enger in Kontakt geblieben bin.«

Er wappnete sich für die üblichen Rechtfertigungen: Sie habe furchtbar viel zu tun gehabt in der Zeit, sie habe diese anspruchsvollen Aufträge, und Termindruck …

»Ich habe keine Entschuldigung«, sagte sie stattdessen. »Dieses Jahr war nicht viel los. Ich teile mir meine Zeit ein. Ich könnte jederzeit vorbeischauen, auch ständig. Und es wäre überhaupt kein Ding, immer wieder anzurufen. Ich tu’s einfach nur nicht.«

»Du hast mehr Kontakt gehalten als viele ihrer Freundinnen.«

»Das tut mir leid. Das wundert mich. Sie hat doch immer eine so große Loyalität ausgelöst. Sie ist schon ein komischer Vogel, deine Frau, aber diese Schärfe, diese Boshaftigkeit und dieser erbitterte Trotz – den sie immer noch hat, auch wenn sie einen damit jetzt wahnsinning nervt –, na ja, viele Leute vergöttern sie deswegen. Die Leute ernähren sich geradezu davon.«

»Eine Zeit lang«, sagte Shep, »als die Besuche immer weniger wurden, hat sie noch relativ viele E-Mails bekommen. Wir drücken dir die Daumen, wir denken an dich, solche Sachen. Ich persönlich halte das Internet für ein Medium für Feiglinge. Aber diese Zweizeiler waren immer noch besser als gar nichts. Jetzt sehe ich ihre E-Mails durch, und es ist nur noch Spam. Bis auf den täglichen Anruf ihrer Mutter klingelt das Telefon manchmal tagelang nicht.«

Petra fasste sich an die Stirn. »Ich habe einen gelben Zettel oben auf meinem Computer kleben. Darauf steht: ›GLYNIS ANRUFEN‹, in Großbuchstaben. Seit Februar klebt er da. Ein paar Monate später habe ich noch ein paar Ausrufezeichen dazu gemalt. Hat auch nichts genützt. Inzwischen habe ich mich an den Zettel gewöhnt. Erst war er gelb, aber jetzt ist er verblichen und ein bisschen verstaubt. Ein Teil der Landschaft. Ich weiß ja, was draufsteht, ich weiß, warum er da ist, und die ganze Zeit denke ich daran, dass ich Glynis anrufen muss, aber ich tu’s nicht. Stattdessen fühle ich mich schrecklich, dass ich nicht anrufe, als würde ich Glynis irgendeinen Gefallen tun, indem ich mich schrecklich fühle. Klar«, fuhr sie fort, nachdem sie das halbe Bier geleert hatte, »ab und zu komme ich vorbei, und ich rufe hin und wieder an, aber ich muss mir dazu schon die Pistole auf die Brust setzen, und ich versteh’s gar nicht. Sie ist ja manchmal ziemlich barsch zu mir gewesen … du weißt ja, sie hat einfach nicht viel produziert, was ich mir auch nicht erklären kann, weil sie so irrsinnig talentiert ist. Wahrscheinlich hätte ich es ihr einfach mal ins Gesicht sagen müssen, aber sie ist eine hochgradig originelle Designerin und eigentlich besser in der Ausführung als ich – das heißt, sogar besser, denn so schlampig bin ich auch wieder nicht –, sie ist eben Perfektionistin. Ich weiß, sie missgönnt mir meine Verkäufe, und ich weiß auch, dass sie meine Sachen für Mist hält. Ich halte meine Sachen nicht für Mist, ist schon okay. Meine Sachen sind Mainstream, deswegen verkaufen sie sich ja auch. Deshalb unser angespanntes Verhältnis. Aber was soll’s, ich fand unser angespanntes Verhältnis gut. Wir hatten eine gemeinsame Energie. Ich fand’s immer toll, mich mit ihr zu streiten, über die ganze Handwerk-versus-Kunst-Frage, oder sogar, was weiß ich, ob gegrillter Radicchio eklig ist, und er ist wirklich eklig; er nimmt eine ganz schlimme bräunlich-lila Farbe an. Ich habe mich sonst nie vor ihrer Gesellschaft gedrückt. Warum bin ich keine bessere Freundin? Jetzt, wo sie mich mehr braucht als je zuvor? Ich sollte hier jede Woche auf der Matte stehen, oder fast jeden Tag! Sie stirbt doch, oder nicht?«

Ruckartig setzte sich Shep zurück. Er war es nicht gewohnt, diese Frage so direkt gestellt zu bekommen. »Vermutlich. Sag Glynis nichts davon.«

»Sie muss es wissen. Sie muss es besser wissen als alle anderen.«

»Das mit dem ›Wissen‹ ist eine seltsame Sache. Sie verweigert sich dem Wissen. Muss man etwas erst wissen, um sich dem Wissen zu verweigern? Oder kann man etwas auch wieder entwissen? Sie redet nie darüber.«

»Nicht mal mit dir? Das kann ich gar nicht glauben.«

»Vielleicht gibt es nichts zu sagen.«

»Ach, Quatsch. Fragt sie sich nicht, wie du ohne sie zurechtkommen wirst? Ob du in Westchester bleiben wirst, wenn Zach erst mal aus dem Haus ist? Ich weiß, du findest es schrecklich hier. Oder wie du darüber denkst, noch mal zu heiraten? Wie sie darüber denkt? Will sie eine Beerdigung, und wie soll die Beerdigung sein? Will sie begraben oder eingeäschert werden? Gibt es irgendwelche Formalitäten, die sie erledigen muss, während sie noch die Chance hat, ihren Kram in Ordnung zu bringen? Möchte sie jemandem ihre Arbeiten überlassen, oder will sie, dass ich versuche, ihr Werk – was eben da ist – in einer Galerie oder in einem Museum unterzubringen?«

»Das sieht Glynis nicht als ihr Problem an. Und was die Formalitäten anbelangt, glaube ich, dass es ihr lieber wäre, alles in einem großen Chaos zurückzulassen. Als Rache. Sie ist böse, das weißt du doch. Ist ja auch eigentlich ganz charmant. Vielleicht versteht sie den Tod ja doch besser, als wir alle denken. Wenn sie nicht hier ist, bin ich nicht hier. Ist Westchester nicht hier. Wenn Glynis stirbt, stirbt alles andere mit. Was kümmert es sie, ob ich wegziehe oder noch mal heirate, wenn ich ohnehin nicht mehr existiere?«

»Aber sie liebt dich.«

»Auch die Liebe stirbt. Manchmal denke ich, es ist gar nicht so, dass sie die Augen vor der Realität verschließt oder sich selbst belügt oder in einer Phantasiewelt lebt. Manchmal denke ich, sie ist ein spirituelles Genie.«

Petra lachte. »Du bist ein sehr großzügiger Mensch.«

»Mhm. Noch was, was Glynis an mir nie ausstehen konnte.«

»Wie lautet denn nun die Prognose?«

»Ihr Arzt glaubt angeblich nicht an Prognosen. Aber meinen Internetrecherchen zufolge … Tja, ich vermute, sie ist genau in der Zeit.«

»Das heißt?«

»Dass du recht hast. Dass du wahrscheinlich versuchen solltest, öfter vorbeizukommen.«

WÄHREND ER AM Abend darauf für Glynis die nächste Vollfettmahlzeit in der wie üblich optimistischen Menge zubereitete, wobei er darauf achtete, sich vorab die Hände zu waschen, dachte Shep über Amelia nach. Auf der langen Liste der Nebenfiguren in diesem Drama war ihre eigene Tochter vielleicht die enttäuschendste. Es kam nur selten vor, dass Glynis nachsichtiger war als Shep, doch es fiel ihm schwer, über Amelias Verhalten hinwegzusehen, das für Glynis nachvollziehbar und für Shep erschreckend war.

Zugegeben, im August war Amelia endlich mal wieder nach Hause gekommen, den Rücksitz ihres Kleinwagens voller Lebensmittel. Fast einen Tag lang war sie zwar körperlich im Haus anwesend gewesen, hatte aber die meiste Zeit damit zugebracht, eine aufwendige Mahlzeit zu kochen – Cannelloni (mit selbst gemachtem Nudelteig), einen edlen italienischen Brotsalat, der jede Menge Gemüseschneiden erforderte, und Zabaione-Halbgeforenes in einzelnen kleinen Gläsern. Ein kompliziertes Abendessen ganz ohne Fertigprodukte wirkte wie eine großzügige Geste. Doch kurz zuvor hatte Glynis mit Adriamycin begonnen gehabt, und ihre Medikamente gegen Übelkeit waren nur bedingt wirksam. Also brachte sie kaum einen Bissen herunter. Das Timing war schlecht; sie war die halbe Nacht wach gewesen, und die Vorbereitungen dauerten so lange, dass Glynis kaum noch die Augen offenhalten konnte, als sie sich endlich an den Tisch setzten. Schlimmer noch, die ausgiebige Kochübung lenkte von allem anderen ab. Stunde um Stunde rührte und schnippelte Amelia vor sich hin, während Glynis auf dem Zweiersofa saß, immer wieder wegnickte und sich dann dafür entschuldigte, dass sie keine große Hilfe sei. Bestimmt hätte seine Frau sich mehr gefreut, wenn Amelia mit einem Tiefkühlhähnchen aus dem Supermarkt aufgetaucht wäre, sich ans andere Ende des Sofas gesetzt und den ganzen Tag lang mit ihrer Mutter geplaudert hätte.

Zach dagegen hatte sich ohne weitere Aufforderung vonseiten seines Vater angewöhnt, nach der Schule im Elternschlafzimmer vorbeizuschauen und sich neben seiner Mutter auf dem Bett auszustrecken. Shep glaubte nicht, dass sie sich großartig unterhielten. Glynis guckte wahrscheinlich eine Kochsendung, die Zach unendlich langweilte. Dennoch fand er die beiden wieder mal so vor, als er an diesem Abend von der Arbeit nach Hause kam: Zachs ruhiger Blick war auf ein Rezept für »Bagels mit allem und Krautsalat« gerichtet, während er seiner Mutter behutsam die Hand hielt. Shep war sehr stolz auf seinen Sohn.

Als Zach in die Küche schlenderte, um sich ein Sandwich zu machen, fragte Shep: »Und, wie war’s in der Schule?«, wobei er sich schämte, eine Frage zu stellen, die er selbst als Kind gehasst hatte.

»Beschissen«, sagte Zach und wich dem Blick seines Vaters aus. »Gestern war’s beschissen, morgen wird’s auch wieder beschissen sein, du brauchst mir diese Frage also nicht mehr zu stellen.«

Kurz vor Schulbeginn im Herbst war Shep widerwillig ins Zimmer seines Sohnes gegangen, um ihm zu sagen, dass sie ihn von seiner Privatschule nehmen mussten. Ein plötzlicher Schulwechsel im vorletzten Highschooljahr bedeutete die Trennung von seinen Freunden, weniger Wahlfächer, größere Klassen und eine weniger luxuriöse Schulumgebung. Um gleich mit der ganzen Wahrheit herauszurücken, fügte Shep hinzu, dass sie auch nicht mehr in der Lage sein würden, irgendein Elitecollege zu finanzieren; der Junge sollte über eine staatliche Universität nachdenken, und selbst dafür würde er Studienbeihilfe beantragen müssen. Zach hatte sich bisher nur eine einzige Entgleisung erlaubt: Als sein Vater erklärte, dass ihr restliches Geld für die Arztrechnungen seiner Mutter reserviert werden müsse, platzte dem Jungen der Kragen: »Wozu soll das gut sein? Sie stirbt ja doch. Bei einer Ausbildung hat man wenigstens was von seinem Geld.«

Ihr sechzehnjähriger Sohn hatte nicht herzlos sein wollen. Er war seines Vaters Sohn. Sein Argument war absolut vernünftig.

»Übrigens«, sagte Zach und nickte in Richtung der Hähnchenkeulen mit Rosmarin, die Shep gerade aus dem Tischbackofen gezogen hatte, »Mama hat gesagt, kein Hähnchen mehr. Sie kann’s nicht mehr sehen.«

Shep holte tief Luft. Er hatte nicht genug geschlafen, nachdem er gestern Morgen nach seiner fünfzehnstündigen Autofahrt nur etwas gedöst hatte. Er war müde. Doch unter den vielen Dingen, die er seit Januar aufgegeben hatte, war das Recht auf Müdigkeit.

Er stellte das Hähnchen zum Abkühlen zur Seite. Was Glynis noch sehen und nicht mehr sehen konnte, änderte sich von einer Minute zur anderen, und morgen hätte sie vielleicht schon wieder Appetit auf Hähnchen. In der Tiefkühltruhe fand er ein paar Rinderrücken-Burger und taute sie vorsichtig in der Mikrowelle auf, indem er sie alle sechzig Sekunden umdrehte. Er briet das Fleisch. Sie mochte es blutig.

Er arrangierte alles auf Glynis’ Tablett. Um die Mahlzeit ansprechender zu machen, pflückte er ein paar Zweige Efeu von der Veranda und stellte sie in einer handbemalten Kristallvase von ihrer Bulgarienreise in etwas Wasser. Er brachte ihr das Tablett, dann holte er seinen eigenen Teller, um auf dem Stuhl neben ihr zu essen. Er sinnierte darüber, ob Petra nicht recht hatte und er sich mehr Gedanken machen müsste, dass seine Frau nie nach seinen Plänen für danach fragte – und dann hielt er inne. Wonach? Wie hätten sie über das »Danach« sprechen können, ohne jemals zum eigentlichen »Was« gekommen zu sein?

Wie immer starrte Glynis wie gebannt auf den Bildschirm, wo eine Kochsendung lief. Sie sah sich kaum noch etwas anderes an. Ihre Fixierung auf Kochsendungen hätte ihm Mut gemacht, wenn die Menge an Essen, die sie sich im Fernsehen ansah, sich nicht umgekehrt proportional zu dem verhalten hätte, was sie tatsächlich zu sich nahm.

»Weißt du, was mich total fertigmacht«, sagte sie, ohne ihr Essen angerührt zu haben, »die Leute erwarten von mir, dass ich eine Antwort haben soll. Als hätte ich das Geheimnis des Universums gelüftet. Neben Chemotherapie, Lungendrainagen und MRTs soll ich für den Rest der Welt auch noch das Wasser teilen! Was soll das, verdammte Scheiße? Das ist doch aberwitzig! Was soll man denn noch alles auf sich nehmen, wo man sich sowieso schon wie ausgekotzt fühlt? Was ist der Sinn des Lebens? Wie hast du dich verändert? Wie siehst du jetzt die Welt? Jetzt, wo du das Licht gesehen hast, sag uns, was ist wirklich wichtig? Herrgott, ich betreibe doch kein Ashram, ich bin krank. Alle wollen was von mir, genau wie meine Mutter. Und wenn ich’s dann nicht bringe, bin ich die große Enttäuschung. Man gibt mir das Gefühl der Unzulänglichkeit, nur weil ich’s nicht schaffe, ins Badezimmer zu kriechen, mir einen Einlauf zu machen, mir pro Stunde fünfzig Pillen einzuwerfen und gleichzeitig die Gutenberg-Bibel runterzubeten.«

Es war immerhin eine Annäherung an das Gespräch, das sie mit Petra geführt hatte. »Ich verstehe ja, dass du das als Zumutung empfindest«, sagte er. »Aber ich verstehe auch, wie die Leute darauf kommen, dass du ihnen vielleicht etwas sagen könntest. Wie es ist, mit etwas konfrontiert zu sein … mit dem sie noch nicht konfrontiert waren.«

»Die sollen sich ihre verfluchte Erlösung woanders suchen. Die Glynis-Knacker-Kirche ist wegen Renovierung geschlossen.« Endlich nahm sie einen Bissen. »Was hast du denn mit dem Reis gemacht?«, fragte sie mürrisch, während ein munteres Mädchen im Fernsehen ein rohes Ei über einem Teller Tatar aufschlug und über Salmonellen scherzte.

»In Hühnerbrühe gekocht«, sagte er. »Ich dachte, das macht ihn nahrhafter.« Brühe statt Wasser zu nehmen war eine Idee, die er aus dem Fernsehen hatte.

»Schmeckt ja scheußlich. Mag ich nicht.« Sie schob den Teller an den Rand des Tabletts. »Ich will lieber normalen Reis.«

»Also gut«, sagte er geduldig und nahm das Tablett. »Dann mach ich dir normalen.«

Er ließ sein eigenes Essen stehen. Unten löffelte er den unliebsamen Reis zurück in den Topf. Er kochte einen neuen Topf Reis. Als der Reis fertig war, ließ er ihn etwas quellen, wie er es in The Joy of Cooking gelesen hatte. Er bedeckte ihn mit Butterflöckchen – mindestens fünfzig Gramm –, ehe er ihn mit einer Gabel auflockerte. Er erhitzte ihren Teller in der Mikrowelle, bei 20 Prozent, um das Fleisch nicht zu verkochen, und ging wieder hoch ins Schlafzimmer.

Sie nahm einen Bissen von dem neuen Reis und kaute lange daran herum. Mehr würde sie von dem Reis nicht essen. So lief es meistens. In letzter Zeit neigte sie dazu, um sehr spezifische und manchmal abwegige Speisen zu bitten, auf die sie Lust hatte, und zwar nur auf diese und keine anderen. Er kam ihren Wünschen stets nach. Zuletzt hatte sie um chinesische Sesamnudeln gebeten, die unbedingt von Empire Szechuan in Manhattan sein mussten. Es hatte ihn zwei Stunden im Feierabendverkehr gekostet, um auf dem Nachhauseweg vom Büro das Essen abzuholen. Auch davon hatte sie nur einen einzigen Bissen gegessen. Er glaubte, den Grund zu verstehen. Essen in der Vorstellung wurde immer reizvoller, während Essen in der Realität immer abstoßender wurde.

»Du glaubst, dass ich das alles nicht richtig mache, stimmt’s?«, sagte Glynis, nachdem sie den Teller mit dem verschmähten Essen zum zweiten Mal an den Rand des Tabletts geschoben hatte.

»Was alles?«

»Na, du weißt schon«, krächzte sie. »Ich soll doch anmutig sein. Philosophisch. Gütig. Liebend, großherzig und tapfer. Meinst du, ich weiß nicht, wie so was laufen soll? Ich soll wie dieses kleine Mädchen in Onkel Toms Hütte sein. Wie hieß sie noch gleich? Nell. Selbstlos … was für ein billiger Scheiß.«

»Niemand verlangt von dir, dich auf eine bestimmte Art zu verhalten oder irgendwie zu sein.«

»Quatsch. Du glaubst, ich wüsste nicht Bescheid, dabei weiß ich sehr wohl, was du denkst. Was Petra denkt. Was alle denken, wenn sie überhaupt mal an mich denken«, sie hustete, »also so gut wie nie. Ich soll auch noch gut sein im Krebshaben.«

»Den Tag zu überstehen heißt doch schon, dass man gut ist im Krebshaben.«

»Ach, was für ein Schwachsinn. Das ist doch nur wieder eine dieser – verweichlichten – Floskeln. Ich kann’s nicht mehr hören. Ich komme mir vor wie in einem Top-Vierzig-Hit von den Carpenters. Guck dir Petra an. Sie hat ihren Kram immer verteidigt. Jetzt kommt sie her, und es ist, als bekäme ich Besuch von einem Vanillepudding. Ich kann alles sagen. Deine Arbeit ist das Letzte. Du bist ein Pfuscher. Sie nimmt es einfach hin. Wofür halten mich die Leute?«

»Für krank, nichts weiter. Das bedeutet, du brauchst nicht nett zu sein, alle anderen aber schon. Lieb. So wie du sagtest.«

»Lieb? Es ist aber nicht ›lieb‹, mich wie eine böse Königin zu behandeln, die dich köpfen lässt, wenn du ihr nicht ständig sagst, sie sei die Schönste im ganzen Land. Und du bist am schlimmsten von allen. Du wirst überhaupt nicht mehr wütend auf mich! Du hältst mir nichts mehr vor. Ich kann dich beschimpfen, wie ich will, ich kann dich mit grünem Schleim bespucken. Ich hör immer nur, das ist aber schöner grüner Schleim, Glynis, warte mal, ich wisch ihn dir eben weg, und dann schüttel ich dir deine Kissen auf. Immer und ewig bist du so verflucht nett. Immer diese Nettigkeit, die macht mich erst recht krank. Du hast schon immer alles mit dir machen lassen. Aber jetzt bist du auf dem besten Wege, dich vom Wurm zur Nacktschnecke zu entwickeln.«

Als sie beim Wort »Nacktschnecke« mit der Hand über das Tablett fuhr, stieß sie die Vase mit dem Efeu um. Der Hals der Vase knallte gegen den Teller. Das Wasser lief über das Essen und das Bettzeug. Shep stellte seinen eigenen Teller ab. Mit flinken Fingern pflückte er die Glassplitter von der Bettdecke und vom Teppich. »Ich bezieh dir das Bett neu«, versprach er.

»Guck dich an! Was ist denn mit dir los? Warum sagst du nicht: ›Glynis, du blöde Fotze‹, warum sagst du nicht: ›Glynis, mach’s selber weg‹. Ich habe dich gerade als Nacktschnecke beschimpft. Und was bekomme ich als Antwort? Ich hol dir neues Bettzeug. Du bist nicht mal eine Nacktschnecke! Eine Nacktschnecke hat noch mehr Mumm! Du bist zu irgendeiner Art Amöbe verkommen!«

Er stand auf und nahm das Tablett. »Glynis, du bist einfach nur müde.«

»Müde, ich bin immer müde. Na und?«

Reis lag auf dem Bettzeug. Obwohl das Bett vorgestern erst frisch bezogen worden war, würde es nicht genügen, das Bettzeug einfach nur trocknen zu lassen. Er würde es waschen müssen. »Ich weiß nicht, was du von mir willst.«

»Genau das meine ich! Es geht immer nur darum, was ich will. Willst du denn gar nichts mehr? Du bist – verschwunden! Du bist nicht mehr da. Du bist ein Dienstleister. Du könntest genauso gut von einem japanischen Roboter ersetzt werden.«

»Glynis. Warum willst du mich kränken?«

»Gott, da bin ich aber erleichtert. Ein zarter Schimmer von Selbstverteidigung. Nur ein Hauch. Eine Ahnung. Eine Messerspitze.« Mit Daumen und Zeigefinger schnipste sie gegen ein Reiskorn auf der Bettdecke, hatte aber nicht genug Kraft, und das Reiskorn blieb an ihrem Finger kleben. »Aber um deine Frage zu beantworten. Ich werde dich kränken, weil du der einzige Mensch bist, den ich zwischen die Finger bekomme. Und vielleicht um rauszufinden, ob du überhaupt Gefühle hast, die sich kränken lassen.«

»Ich habe jede Menge Gefühle, Glynis.« Doch er sprach mit stoischer Miene. Bei den vielen Themen, denen sie aus dem Weg ging – ihre Zukunft, um nicht zu sagen, ihre nicht vorhandene Zukunft –, hatte er oft das Gefühl gehabt, dass er der Dinge beraubt wurde, die sie ihm vorenthielt. Vielleicht erahnte auch sie alles das, was er ihr vorenthielt, und nahm es ihm übel.

»Du fragst mich also, was ich will«, knurrte sie. »Ich will jemanden, der selbst etwas will. Du fickst mich ja nicht mal mehr.«

Er war verblüfft. »Ich bin davon ausgegangen, dass du nicht mehr dafür zu haben bist.«

»Scheiß drauf, für was ich deiner Meinung nach zu haben bin! Du sollst selbst etwas wollen!«

»Gut«, sagte ich. »Ich werd mir Mühe geben.«

»Immer dasselbe. Diese Fügsamkeit. Also wirst du dir ›Mühe geben‹, mich zu vernaschen, so wie du dir ›Mühe geben‹ wirst, mir noch ein Glas Cranberrysaft zu holen. Immer diese Fügsamkeit, nichts als Fügsamkeit! Hältst du das etwa für sexy? Diese Gutmütigkeit, davon wird einem kotzübel. Das ist für mich ungefähr so sexy, wie es Jacksons weinerlicher Defätismus für Carol ist.«

Er wusste nicht genau, wie er reagieren sollte. Ihre Stimmungsschwankungen waren zur Zeit extrem. Er wollte nicht alles noch schlimmer machen. Aber wenn er sich zu viel Mühe gab, um nicht alles noch schlimmer zu machen, würde er mit seiner ganzen Vorsicht ins Fettnäpfchen treten und alles nur noch schlimmer machen. »Ich soll mich also schlecht fühlen, weil ich zu gut zu dir bin, ja?«

Obwohl der zaghafte Ton sie noch wütender hätte machen können, schüttelte sie nur mitleidig den Kopf samt Turban. »Hör zu, du bist unglaublich. Diese Unermüdlichkeit. Diese Geduld. Diese unaufhörliche Hingabe. Nie ein böses Wort. Nie eine Klage. Ich seh’s schon, in den nächsten Tagen ist dein Foto auf der Titelseite der Time. Aber ich will kein mustergültiges Vorbild, ich will einen Ehemann. Du fehlst mir. Ich weiß nicht, wo du hin bist. Ich glaube, du bist derselbe Mann, der vor knapp einem Jahr verkündet hat, dass er entweder mit mir oder ohne mich nach Ostafrika gehen will. Wo ist dieser Mann hin, Shepherd? Ich will einen Mann, der Grenzen hat! Jemand, der schlecht gelaunt ist, jemand, der mir auch mal was übelnimmt, der mir den Hals umdrehen könnte. Einen richtigen Mann, der zumindest auch mal sauer wird!«

Er dachte genau nach. »Ich war von Beryl ziemlich genervt.«

»Ja, zwanzig Jahre zu spät. Ich meine mich. Ich will, dass du von mir genervt bist! Ich nehm’s dir nicht ab, dass dich dieses ganze Schleppen und Holen und Bepuscheln nicht in den Wahnsinn treibt!«

»Also gut.« Noch immer stand er da, das Tablett in der Hand – dummerweise eine Geste der Dienstbarkeit. »Es gefiel mir nicht besonders gut …« Er würde noch mal von vorn anfangen müssen. Glynis hatte recht. Allein das Vokabular für ein solches Gespräch war ihm fast schon entglitten. »Ich war genervt, dass du anderen Reis haben wolltest.«

»Bravo«, sagte Glynis spöttisch.

Er konnte sich kaum noch erinnern, wie Leute Gespräche führten, gesunde Leute, Eheleute. Wie er früher mit Glynis geredet hatte. »Ich war genervt, weil ich wusste, wenn ich mir die Mühe mache, noch einen Topf Reis zu kochen, würdest du auch dann nicht mehr als einen Bissen davon essen.«

»Richtig.« Sie wirkte auf seltsame Weise befriedigt, und er hatte einfach nur sagen müssen, dass er sich geärgert hatte.

»Und der Reis, der in Brühe gekocht war – die Zubereitung hatte ich aus dem Fernsehen. Ich hatte extra daran gedacht, im Supermarkt die Brühe zu kaufen. Ich wollte den Reis doch nur ein bisschen interessanter machen und besser für dich. Statt mir zu danken, hast du mich bestraft. Du hast gesagt, der Reis in der Hühnerbrühe schmeckt dir nicht. Auch das hat mich genervt. Weil es in Wahrheit nur darum geht, dass dir gar nichts mehr schmeckt. Statt Reis hätte ich dir auch eine frische Portion Zement zusammenrühren können. Für dich schmeckt alles nach Zement, und dafür kann ich nichts. Es würde sehr viel helfen, wenn ich etwas mehr Anerkennung bekäme für meine Mühe, dass ich dafür sorge, dass du es gut hast und dass du … weiter am Leben bleibst.«

»Na also«, sagte Glynis. »War doch gar nicht so schwer, oder?«

Shep war über sich selbst überrascht. Er begann zu weinen. Seit dem Abend, an dem er im Internet die Prognose seiner Frau gelesen hatte, hatte er nicht mehr geweint.

Wahrscheinlich hatte er sich ohnehin nicht mit CDiff angesteckt, und manchmal wurde auch das Risiko, etwas zu tun, durch das Risiko, etwas nicht zu tun, übertroffen. Und so stellte er das Tablett auf dem Fußboden ab. Er kroch unter die Bettdecke und legte sich auf den nassen Fleck. Er bettete seinen Kopf auf die eingefallene Brust seiner Frau. Sie strich ihm über die Haare. Wahrscheinlich fühlte sie sich nicht gut – und das wäre wie immer noch stark untertrieben gewesen. Aber zum ersten Mal seit ihrem illusionären Essen bei City Crab hatte er den Eindruck, dass sie glücklich war. Erst jetzt ging ihm auf, dass eine Frau, für deren »Wohlergehen« den lieben langen Tag gesorgt wurde, vielleicht mit am meisten vermissen könnte, anderen Trost zu spenden.