Kapitel 18

Shepherd Armstrong Knacker
Union Bancaire Privée Konto-Nr. 837-PO-4619
Datum: 21. Februar 2006
Geldtransfer: $ 800 000,00

Shep packte mit einer aus der Generalprobe geborenen Sicherheit. Anstatt willkürlich ein paar Geräte auszusuchen, würde er diesmal seinen ganzen getreuen Werkzeugkoffer mitnehmen, den er seit frühesten Allrounder-Tagen von Job zu Job getragen hatte. Die uralten Schraubenschlüssel, Ahlen und Zangen waren von einer Qualität, wie es sie heute nicht mehr zu kaufen gab. Er rollte das Werkzeug in eine unberührte New York Times ein und drückte die Bündel fest in die vertraute zweistöckige Kiste. Die ehemals leuchtend rote Farbe war größtenteils vom Metall abgesprungen wie bei einem heiß geliebten Kinderwägelchen. Er packte das Werkzeug dicht an dicht, damit es nicht klappern würde, ehe er die metallenen Haken schloss. Er wickelte die Kiste in eine der vielen Bettdecken, die er frohen Herzens zurückzulassen gedachte, und verschnürte sie mit Zwirn. Die Werkzeugkiste hatte dreißig Jahre unversehrt überstanden, und er wollte nicht, dass sie auf ihre alten Tage auf irgendeinem Gepäckband zerbeult wurde; es war die gleiche Sorge, wie er sie bald auf seine lebende Fracht würde verwenden müssen. Der Umstand, dass ihm die Werkzeugkiste wahrscheinlich als Übergepäck berechnet würde, war ihm herzlich egal.

Nachdem er eine neue Pumpe eingebaut hatte, wickelte er den Hochzeitsbrunnen ein und packte ihn in eine Kiste. Er holte Glynis’ Besteck aus der Küchenschublade – das Fischmesser mit der Einlegearbeit aus Bakelit, die gekrümmten Essstäbchen aus Sterlingsilber, die Eiszange aus Kupfer und Titan. Er hatte das Besteck für den Transfer schon vorab liebevoll in meergrüne Filzschichten eingeschlagen. Dann trabte er sogar noch hoch unters Dach, um den Bogen Silber mit dem nicht mal drei Zentimeter langen Einschnitt zu retten. Auch diesmal sollten der Stepper, die Salatschleuder und die ungeliebten Möbel zurückbleiben, doch jedem von Glynis’ Werken war ein Platz in der ZanAir-Arche gesichert.

Er hatte das Wetter recherchiert, ein paar leichte Kleidungsstücke würden für den Großteil des Jahres reichen, wobei er gestern noch für die Monsunzeit hochwertige Regenkleidung von Paragon erstanden hatte. Nachdem er mit der Geschäftsleitung von Fundu Lagoon gemailt hatte, war er nun auch in puncto Elektrik im Bilde. In Erwartung der europäischen 220 Volt packte er drei Adapter von Radio Shack ein, die sich auf britische Dreistiftstecker aufsetzen ließen. Nachdem er eine Handvoll Ersatzbürstenköpfe gegriffen hatte, schraubte er das Oral-B-Aufladegerät von der Badezimmerwand. Nur weil man in der Dritten Welt war, hieß das noch lange nicht, dass man seine Zahnhygiene vernachlässigen durfte; die elektrische Zahnbürste käme also mit.

Er war froh, diesmal nicht umherschleichen zu müssen und stattdessen laut über die knarzenden Dielen unter dem Teppich im Flur stampfen zu können, auf dem noch immer die Flecken von Glynis’ Nasenbluten im letzten Frühjahr zu sehen waren. Davon abgesehen war die Übung eine getreue Wiederholung, als würde er gewissenhaft eine Feuerübung veranstalten, während das Haus in Flammen stand: Klebeband; Schrauben, Muttern und Unterlegscheiben; Silikonspray; Dichtungsmittel; Gummibänder; eine kleine Rolle Draht. Eine Taschenlampe für Stromausfälle und ein Päckchen Batterien. Einen Vorrat Malarone-Tabletten und eine frische Tube Cortison für den Ausschlag an seinem Fußgelenk, der unter dem Stress des letzten Hiobsjahres schlimmer geworden war. Diesmal ein Päckchen Einläufe, Antibiotika bis zum Umfallen und, ehrerbietig zwischen eingerollten Socken verstaut, das flüssige Morphium.

Um seine Trockenübung vom letzten Jahr zu optimieren, hatte er anstelle der Redewendungen ein dickeres, seriöseres Suaheli – Englisch/Englisch – Suaheli-Wörterbuch gekauft. Er hatte aus allen Zeitungen des letzten Monats den Kunstteil herausgezogen und die Kreuzworträtsel ausgeschnitten; schon seit Jahren hatte er keine Muße mehr gehabt, diesem Laster zu frönen. Im Rätsellösen war Shep immer miserabel gewesen, und ohne Übung wäre er noch miserabler; bestens, denn so hatte er noch mehr davon.

Über die Lektüre hatte er sich diesmal sehr viel mehr Gedanken gemacht. Seine Erfahrung mit dem, was echte Waffen mit echten Menschen machen konnten, hatte ihn geheilt von jedwedem Wunsch nach leichtfertigen Pseudogewaltdarstellungen aus der Feder von Leuten, die keine Ahnung hatten, wovon sie sprachen – Thriller kamen also nicht infrage. Ebensowenig reizte ihn Panikmache zum Thema Klimawandel oder zur Zunahme des islamistischen Terrors; wenn die Prognosen stimmen, würde sich die Katastrophe von selbst einstellen, ohne dass er eigens darüber etwas lesen musste. Seriöse Romane waren nie seine Sache gewesen; dazu hatte ihm immer die Zeit gefehlt. Aber jetzt würde er ja Zeit gewinnen. Deswegen hatte er gestern auf einer Einkaufsfahrt nach Manhattan einen bebrillten Verkäufer bei Barnes and Noble angesprochen, der im Gegensatz zu den meisten Angestellten dort tatsächlich lesen gelernt hatte. Und so hatte er in einer Ecke seines Hartschalen-Samsonite vor ihm auf dem Bett vier dicke neue Taschenbücher verstaut: Wem die Stunde schlägt von Ernest Hemingway, dessen laut Klappentext tapferer, selbstloser Protagonist ihm beruhigend bekannt vorkam. Absalom, Absalom! von William Faulker, weil die große, anschwellende Traurigkeit der ersten Seiten, in die er vor dem Regal hineingelesen hatte, zu seiner momentanen Stimmung passte. Der Idiot von Fjodor Dostojewski, ein Titel, der Jackson Burdinas sämtliche verschachtelten Untertitel in nur zwei Wörtern zusammenzufassen schien. Außerdem hatte der junge Mann bei B&N erklärt, in dem Roman gehe es um Güte und wie man durch Güte den Hass anderer Menschen auf sich ziehen könne; auch das passte zu seiner Stimmung. Als Shep Afrika erwähnte, lenkte der Verkäufer sein Augenmerk auf Moskito-Küste von Paul Theroux. Ging man nach der Zusammenfassung, war der Roman ein guter Witz auf Sheps eigene Kosten. Diese Romane würden nicht ewig vorhalten, aber zum Glück war er ein langsamer Leser. Bestimmt würden die Touristen auf Pemba ihre ausgelesenen Taschenbücher dalassen, und wer weiß, vielleicht würde Amazon ja gegen Aufpreis auch nach Afrika liefern.

Natürlich war sein letzter Fluchtversuch still, heimlich und höchst konzentriert vor sich gegangen. Dadurch, dass das Haus inzwischen eine Mischung aus Hospiz und Flüchtlingslager darstellte, wurde die Wiederholung ständig von Heather unterbrochen, die lautstark nach einem zweiten Stück Streuselkuchen verlangte, oder von Zach, der sich beschwerte, dass man ihm ruhig früher hätte Bescheid sagen können, dann hätte er sich vor Donnerstag noch das neueste Mighty-Mordlock-Computerspiel von UPS liefern lassen können. Shep lauschte unwillkürlich nach Gesprächsfetzen, während er durchs Schlafzimmer lief, wo Glynis und Carol auf den Kissen hockten und sich leise unterhielten: Was war der wahre Grund für Jacksons Misere gewesen, hatte er aus Traurigkeit oder bösem Willen gehandelt? Shep war eifersüchtig. Jackson war sein bester Freund gewesen. Wenn es Antworten auf diese Fragen gab, wollte er sie hören. Verstärkt wurde seine Eifersucht, als die beiden Frauen mitten im Gespräch verstummten, als er den Raum betrat.

NACHDEM ER DAS Telefonat mit Rick Mystic am letzten Donnerstag beendet hatte, war ihm noch eine Stunde geblieben, um Vorbereitungen zu treffen für die Ankunft von Carol und den Mädchen, wobei es ihm dabei nicht um das Beziehen von Gästebetten gegangen war. Er konnte Carol nicht einladen und dann von ihr erwarten, dass sie Glynis verschwieg, was sie aus ihrem eigenen Haus getrieben hatte und warum ihr Mann offenkundig verschollen war. Echte Gastfreundschaft hieße, Glynis rechtzeitig aufzuklären. Er betrachtete sich gern als mutig. Aber ohne die Galgenfrist hätte er die Sache wahrscheinlich noch länger vor sich hergeschoben.

Shep hatte mit sich gehadert. An einem Tag hatte er zwei völlig widersprüchliche Ratschläge bekommen. Du musst es ihr sagen, hatte Carol ihn beschworen. Nur weil sie krank ist, heißt das nicht, dass sie blöd oder ein kleines Kind ist. Keine zwei Stunden später hatte Goldman gekontert: Ich würde Ihnen eher dazu raten, meine Prognose für sich zu behalten um die Qualität ihrer restlichen Lebenszeit zu erhalten. Dafür zu sorgen, dass sie optimistisch bleibt.

Es war eine abgedroschene Formulierung, aber es ging wohl nicht um Originalität: »Ich habe eine gute Nachricht und eine schlechte Nachricht«, hatte er sachlich verkündet, nachdem er ihr das Abendessen ins Schlafzimmer gebracht hatte, Erbsensuppe aus der Dose – zu mehr hatte es in fünf Minuten nicht gereicht. »Welche willst du zuerst hören?«

Glynis pustete auf ihre Suppe und blickte ihn skeptisch wie ein Gladiator über ihren Löffel hinweg an. »Da wir in diesem Haus so wenig gute Nachrichten zu hören bekommen, solltest du vielleicht besser damit anfangen.«

»Forge Craft will zahlen. Sie bieten uns 1,2 Millionen.«

Wenn man bedenkt, dass das Angebot eine Würdigung ihrer herausragenden Darbietung an jenem Vormittag war, hätte er von ihr zumindest einen müden High-Five erwartet. Doch ihre Reaktion war verblüffend unaufgeregt. »Das ist ja schön«, sagte sie und aß noch einen Löffel Suppe.

»Willst du’s annehmem?«

»Wenn ich mich recht entsinne, gab es da ein kleines Problem mit der Miete«, sagte sie und tupfte ihre Mundwinkel mit der Serviette sauber. »Also würde ich sagen: Ja.«

Nach ihrer Reaktion, die er unter »einigermaßen zufrieden« verbucht hätte, graute es ihm davor, zum zweiten Teil der Nachricht überzugehen. Trotz der scheinbaren Ausgewogenheit des Klischees von der guten und der schlechten Nachricht überwog die schlechte bei Weitem. In Wirklichkeit hatte es eigentlich nur eine gute Nachricht gegeben, die nun vertan und nicht besonders gut angekommen war. Hin- und hergerissen zwischen Carols Aufrichtigkeit und dem Rat des Arztes, schlafende Krebspatienten nicht zu wecken, würde er als beste Strategie zunächst den goldenen Mittelweg nehmen.

»Die schlechte Nachricht«, sagte er zögerlich, »ist sehr schlecht.«

Sie ging mit den Augen auf ihn los. »Bist du sicher, dass du’s mir sagen willst?«

»Natürlich würde ich’s dir lieber nicht sagen. Aber ich muss.«

»Du musst

»Wenn ich’s dir nicht sagen würde, würde sich überhaupt nichts ändern, es würde die Sache – nicht ungeschehen machen.«

Langsam legte sie den Löffel hin. Sie strich über den Rand des Tabletts, begradigte es wie ein Lastwagenfahrer sein Lenkrad, während er weiter aufs Gaspedal tritt. Wäre das Bett ein Sattelschlepper gewesen, hätte sie ihren Mann überfahren.

»Jackson hat sich erschossen.«

Offenbar war das so weit entfernt von allem, was sie erwartet hatte, das sie ihn fast nicht gehört hätte. Ihre Frage machte wenig Sinn.

»Und geht’s ihm – wieder gut?«

Shep ließ ihr einen Moment Zeit. »Nein.«

»Ach so.« Sie ließ die Hände fallen. Komplexe Gedanken standen ihr ins Gesicht geschrieben, und es dauerte einen Augenblick, bis ihre tief empfundene und echte Trauer – »Arme Carol!« – über ihre schuldbewusste Erleichterung die Oberhand gewann.

JETZT, SECHS ABENDE später, würde er nicht so weit gehen und die groteske Behauptung aufstellen, dass der Selbstmord eines ihrer ältesten und engsten Freunde seine Frau aufgeheitert hätte. Nichtsdestotrotz wirkte Glynis merklich dankbar, sich einem Leiden hingeben zu können, das nicht ihr eigenes war. Seit Ankunft der Burdinas hatten Carol und sie nur aufgehört zu reden, um sich in den Arm zu nehmen. Endlich das Gefühl zu haben, nützlich zu sein, und wenn auch nur als Carols Vertraute, schien Glynis’ Lebensgeister zu wecken. Das Timing war günstig. Er hatte vor, sich ihrer ganzen Kraft zu bedienen für eine anstrengende Reise, die morgen Nachmittag beginnen und mehr als einen ganzen Tag dauern würde.

Andererseits könnte es keine schlimmere Reise mehr geben als die weitaus kürzere, die er am Freitagmorgen nach der Ankunft von Carol und den Mädchen hatte machen müssen. Der Gerechtigkeit halber sei gesagt, dass ihm Carol reichlich Gelegenheit gab, sich davor zu drücken – sie könne sich neue Sachen kaufen und neue Rezepte holen, sagte sie –, aber er hatte es ihr versprochen.

Mit einer detaillierten Liste der lebenswichtigen Habseligkeiten der Burdinas nebst deren Standort hatte Shep an jenem Vormittag geschlagene zwanzig Minuten hinter dem Steuer seines Wagens gesessen, ohne den Motor anzulassen. Er war eigentlich kein Mensch, der lange zauderte. Aber er wollte nicht. Für den Großteil der zwanzig Minuten hatte sich das Nichtwollen in ein Nichtkönnen verwandelt: in ein Nichtfahren. Er war außerstande, den Motor zu starten. Stimmt schon, in allen anderen Dingen hatte er sein Pflichtbewusstsein aufgegeben: gegenüber seiner Firma, gegenüber seinem Land und sogar – indem er einen Firmenvorstand betrogen hatte, der, was immer seine Vorgänger vor dreißig Jahren fabriziert hatten, eigentlich unschuldig war – gegenüber seinem eigenen Gewissen. Seine Freunde jedoch waren die Ausnahme. Er glaubte inzwischen nur noch an wenig, aber daran hielt er fest. Wenn er diese belastende Aufgabe in winzige, machbare Einheiten teilte – Rückwärtsgang rein, Auffahrt runter, rechts den Blinker sitzen, einmal um den Golfplatz herum, rauf auf die 287 –, wäre es bald geschafft, und in diesem mechanistischen Sinne ließ er den Wagen an.

An der Haustür in der Windsor Terrace donnerte Sheps Herz gegen sein Trommelfell, und ein Adrenalinstoß löste Schwindel und leichte Übelkeit aus. Trotz seines Beruhigungsmantras wollten ihm seine Organe nicht glauben, dass es nichts gab, wovor er Angst haben musste. Er kam sich vor wie in einem Horrorfilm auf der falschen Seite des Bildschirms. Nachdem er die Tür der verglasten vorderen Veranda aufgeschlossen hatte, stand er mit dem Seesack zur Plünderung bereit und starrte mit wildem Blick zu Boden. Neben seinem Schuh prangte der schmale Fußabdruck eines Frauenschuhs auf dem blauen Linoleum. Der Abdruck war rostbraun. Es gab kein Entrinnen vor dem, was sich hier abgespielt hatte, nicht mal, indem man zu Boden starrte.

Er hob den Blick und betrat das Wohnzimmer. Gegenüber war der Kücheneingang mit gelbem Polizeiband behelfsmäßig abgesperrt. Die Treppe zu den Schlafzimmern und zum Arbeitszimmer, wo die meisten der Sachen auf Carols Liste zu finden waren, befand sich zu seiner Linken. Also bräuchte er die Küche weder zu betreten noch einen Blick hineinzuwerfen. Einen Moment lang blinzelte er und kniff die Augen zusammen, sodass die gegenüberliegende Küche verschwommen blieb. Angst machte einem aber nur das, was man noch nicht hinter sich gebracht hat. Er würde befreiter zu Werke gehen, wenn er sich dem Anblick der Küche stellte. Allein schon aus Loyalität war es geboten, sich mit dem Unglück seines Freundes in seiner ganzen Wucht zu konfrontieren.

Er trat vor das Absperrband. Sonnenlicht strömte höhnisch durch die Fenster und sorgte dafür, dass ihm nur ja nichts entging: Ein Haufen Spachtel, Kellen und Metallspieße lag auf merkwürdige Weise über das Linoleum verteilt, das Jackson vor zehn Jahren zu verlegen geholfen hatte. Auch eine Schublade lag auf dem Boden; eine zweite stand offen. Ein Messerschleifer und ein schweres Sabatier-Hackmesser auf dem Küchentisch, beides so rotbraun eingetrocknet wie der Fußabdruck auf dem Boden – als wäre es dort liegen gelassen worden, um vor sich hin zu rosten, obwohl Jackson Burdina trotz seiner schlampigen Seite immer Respekt vor Werkzeugen gehabt hatte. Ein dickes hölzernes Schneidebrett, das normalerweise auf der Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank lehnte, jetzt aber auf dem Tisch lag und in dieselbe unerfreuliche Farbe getaucht war. Carol musste ihm irgendetwas verschwiegen haben.

Ansonsten entsprach der Anblick dem, worauf er seelisch vorbereitet gewesen war, wobei es Dinge gab, auf die man sich nicht vorbereiten konnte. Wie hätte er beim Verlegen des Linoleums ahnen können, dass Jacksons Wahl eines Bodens in der Farbe »Blauer Mond« mal einen so atemberaubenden Kontrast zu den festgetretenen Spritzern und Lachen abgeben würde. Auch Carol hatte beim Nähen der cremefarbenen, mit blassen Kornblumen gesprenkelten Gardinen nicht ahnen können, dass sie einmal als Leinwand für das Rorschachbild der Verzweiflung ihres Mannes würden herhalten müssen. Denn es war überall – als hätte jemand einen blubbernden und zischenden Topf Tomatensauce auf dem Herd vergessen. Unter dem Tisch war es zu einer trüben Pfütze erstarrt, und ein einsames getrocknetes Rinnsal zog sich schlängelnd unter den Kühlschrank, dorthin, wo der Boden unmöglich zu reinigen war. Die Spritzer und Lachen waren stumpf und nachgedunkelt; ein leuchtenderer, glänzenderer Anblick hatte Carol vermutlich beim Betreten des Hauses begrüßt. Noch in der Tür, sagte sie, habe sie sich buchstäblich auf Flicka gestürzt und das Mädchen auf die Veranda gezerrt, aber zu spät.

Es war eine Pilgerfahrt. Er konnte hier nichts erfahren bis auf das, was nun mal passiert war, aber es war eine Information, die Shep hatte verinnerlichen müssen.

Er ging mit dem Seesack nach oben, um ihn mit Schulbüchern und Kleidungsstücken zu füllen. Er sah den Aktenschrank in Carols Arbeitszimmer durch, fand die Testamente und Versicherungspolicen, um die sie ihn gebeten hatte; mit einem Instinkt, der ihn im Nachhinein selbst beeindruckte, hatte er außerdem eine kleine Mappe gegriffen: die Reisepässe der Familie. Auch aus Flickas Handysammlung steckte er ein paar ausgewählte Exemplare ein, obwohl auch sie darum nicht gebeten hatte. Fortwährend fühlte er sich verfolgt, von hinten beäugt, und er schrak zusammen, als ein Kleiderbügel von der Stange fiel und ihm kurz darauf das Netzteil von Carols Computer auf die Dielen knallte. Als er endlich wieder an der Haustür war, drehte er den Schlüssel im Schloss nicht etwa deshalb herum, um Einbrecher auszusperren, sondern um irgendetwas im Haus einzusperren. Die beißende weiße Februarluft hatte etwas Reinigendes, und er nahm tiefe Atemzüge, trank gewissermaßen durstig die Luft.

Als heilsame Geste verzichtete Shep auf die mautfreie Brooklyn Bridge und nahm den weniger verstopften Battery Tunnel. Nach seiner nächsten Besorgung würde er sich die Maut ohnehin leisten können. Durch die Straßen von Lower Manhattan zu fahren rief unweigerlich die Erinnerung an Jackson und seine Tirade gegen die großflächige Vereinnahmung der Parkplätze durch die Oberherren des Stadtteils wach. Um ihm Tribut zu zollen, stellte er sein Auto eigens im Parkverbot ab, um ein Strafticket zu riskieren. Auch das konnte er sich jetzt leisten.

In Rick Mystics Büro am Exchange Place unterschrieb er den Geheimhaltungsvertrag. Unglaublicherweise versprach Mystic, dass er Forge Craft tatsächlich dazu bewegen könne, bis Montag den Scheck auszustellen. Diese Leute hatten es so eilig, dass es fast den Eindruck machte, als hätten sie das niederschmetternde Gespräch mit Philip Goldman gestern belauscht. Passenderweise wurde Shep in diesem Moment bewusst, dass es ihm unmöglich sein würde, auch nur vierundzwanzig Stunden länger »noch ein« Geheimnis vor Glynis zu haben. Die Prognose ihrer verbliebenen Lebenserwartung saß ihm in den Eingeweiden wie ein Nierenstein.

Erstmals gekommen war ihm die Idee am Vorabend während des Telefonats mit Mystic, als der ihm das Zahlungsangebot unterbreitete: Sein Notgroschen für das Jenseits war auf wundersame Weise wiederhergestellt. Mit jeder zähen Meile heimwärts durch den grauenerregenden Freitagabendverkehr hatte sich ein spontaner Einfall endgültiger in einen festen Schlachtplan verwandelt.

BEI DER SZENE, auf die er traf, den Seesack über die Schulter geschlungen, tat ihm Carols Familie leid, dass sie keinen privaten Ort hatte, um ihre Wunden lecken – oder aufreißen – zu können, ohne dass ihr eine andere Familie dabei zusah. Dennoch wäre es albern gewesen, in der Diele auf dem Absatz kehrtzumachen; er war hier zu Hause.

Schon lange war Flicka mit Carol ungeduldig gewesen und hatte die mütterliche Fürsorge als Belastung empfunden, aber seit ihrer Ankunft hier war das Mädchen regelrecht kaltschnäuzig geworden. Bis auf diese oder jene logistische Bitte hatte sie kein Wort mit ihrer Mutter gewechselt, was Carol eigentlich hätte glücklich stimmen müssen angesichts dessen, was sie sagte, wenn sie dann doch etwas sagte.

»Er wollte nur ein bisschen Anerkennung«, sagte Flicka mit wütendem nasalem Knurren. Sie hockte in der Ecke der Wohnzimmercouch, während Carol steif im entferntesten Sessel saß. »Er hat sich so viel Mühe gegeben, Sachen zu lernen und über Sachen nachzudenken und nicht einfach nur irgendein lahmarschiger Handwerker zu sein. Er hat doch gesagt, er hat das Wort immer gehasst, und du hast es trotzdem ständig benutzt: Handwerker, Handwerker, Handwerker!«

»Liebling, ich freue mich, dass du stolz bist auf deinen Vater, und das sollst du auch sein«, sagte Carol mit unbeugsamer Selbstbeherrschung. »Aber wenn ich ihn hin und wieder ›Handwerker‹ genannt habe, dann lag das daran, dass es kein anderes Wort für das gibt, was er nun einmal war. Wobei das kein Grund zur Beschämung ist.«

»Du hast ihn nie beachtet! Er wollte irgendwas, und du hast ihn einfach ausgeschaltet. Meinst du, er hätte das nicht gemerkt? Wenn das Radio läuft, hörst du genauer zu. Sogar bei der Werbung!«

»Dein Vater hat manchmal geredet, anstatt etwas zu sagen. Ich garantiere dir, wenn er etwas Wichtiges mit mir zu besprechen hatte, habe ich ihm zugehört. Sehr genau sogar.«

»Du meinst, was dir wichtig war. Und nichts, was ihm wichtig war, war dir wichtig! Kein Wunder, dass Papa sich umgebracht hat! Jeden Tag hast du ihm das Gefühl gegeben, nutzlos zu sein und langweilig und blöd

Stumm ließ Carol den Kopf sinken, bis ihr die Tränen übers Kinn rannen und auf die Hände tropften – jene Art langsames, beständiges Tröpfeln, mit dem ein Handwerker seine liebe Mühe gehabt hätte.

»Süße«, sagte sie schließlich und sah wieder zu Flicka hoch. »du bist nicht die Einzige, die ihren Vater verloren hat. Du bist nicht die Einzige, der es nicht gut geht. Ja, du hast eine genetische Krankheit. Aber das heißt noch lange nicht, dass du sagen kannst, was du willst – wenn es keinem nützt, nichts bringt und einfach nur wehtut. Es tut mir leid, dass du FD hast. Du musst aber trotzdem Rücksicht nehmen.«

Es war jene elterliche Strenge, der Flicka aus Angst vor der Notaufnahme allzu lange beraubt worden war. Flicka schloss sich ihrer wortlos weinenden Mutter an und begann zu schluchzen, wenn auch ohne Tränen. Wenn sie Gefühle zeigte, weinten ihre Augen nicht; sie entzündeten sich.

»Es ist nicht deine Schuld, sondern meine«, presste das Mädchen zitternd hervor. »Ich hab doch immer wieder gesagt, es lohnt sich nicht, weiterzumachen. Ich hab doch immer gesagt, es ist gar nicht so toll, hier zu sein. Ich glaube, er hatte das von mir.«

Carol ging hinüber zum Sofa und schloss Flicka in die Arme. »Schh. So etwas denken wir alle hin und wieder. Du bist da nicht die Erste. Aber so viel lass dir gesagt sein, meine Süße: Ich glaube, eine der Hauptgründe, warum er uns verlassen hat, ist folgender. Er hatte Angst, dass dir etwas passiert, und die Vorstellung konnte er nicht ertragen. Diese Welt ohne dich hätte er nicht ertragen können. Er hat dich so geliebt, Schätzchen, mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst, und es war nicht sehr mutig von ihm, nicht mal sehr nett. Aber wenn jemand etwas aus Liebe tut, muss man nachsichtiger sein. Denn ich glaube, er konnte nicht mit ansehen, wie sich dein Zustand verschlechtert. Ich glaube, er wollte der Erste sein, der geht.«

AM NÄCHSTEN SAMSTAGMORGEN warf Shep ein paar Decken auf seinen Rücksitz. Er gab Glynis in Carols Obhut und machte sich auf den Weg nach Berlin.

Er hatte Angst, auf Widerstand zu stoßen. Er war es nicht gewohnt, seinem Vater Anweisungen zu geben, und ältere Menschen hatten ja bekanntlich gegen jedwede Veränderung etwas einzuwenden. Auf der Fahrt nach Norden musste sich Shep vor Augen halten, dass ein Pflegeheim kein Gefängnis war. Wobei er bestimmt gegen irgendein hausinternes Gesetz verstieß, wenn er sich ohne einen Stapel Papierkram mit einem der Schutzbefohlenen davonmachte. Egal, in welchem Maße er gegen die Vorschriften verstieß, allmählich fand er Gefallen daran.

Am Empfang informierte er die Schwester, dass er seinen Vater auf eine »Exkursion« mitnehmen werde. Sie runzelte die Stirn. »Er ist ziemlich geschwächt. Und es ist eklig da draußen. Sieht nach Schnee aus.«

»Keine Sorge«, sagte Shep. »Da, wo ich meinen Vater hinbringe, ist es sehr, sehr warm.«

Der kläglich abgezehrte Patriarch lag im Bett und döste. Shep tröstete sich, dass ein so magerer Mann zumindest leicht zu tragen sein würde. Er flüsterte seinem Vater ins Ohr: »Hey, Papa, wach auf.«

Als der alte Mann die Augen aufschlug, wurden sie noch größer, und mit der gleichen verblüffenden Kraft, mit der Glynis ihn vor drei Tagen von sich gestoßen hatte, schlang er die Arme um seinen Sohn. »Shepherd!«, krächzte er. »Ich hatte schon Angst, ich würde dich nie wiedersehen!«

Sanft befreite sich Shep aus der Umklammerung seines Vaters. »Schh. Jetzt hör zu. Wir müssen den Ball flach halten. Soweit die Schwestern wissen, mache ich mit dir nur einen kleinen Ausflug, okay? Aber ich möchte jetzt, dass du dir genau überlegst, was du dabeihaben musst. Du wirst nämlich gleich entführt.«

»Du meinst … wir kommen nicht zurück?«

»Nein. Kannst du damit leben?«

»Damit leben?« Gabe umarmte ihn erneut. »Mein Junge! Vielleicht gibt es ja doch einen Gott!«

Während er leise ein paar Kleidungsstücke zusammenpackte und die Pillenfläschchen vom Schreibtisch einsammelte, murmelte Shep, dass sie »vorher« zurück nach Elmsford fahren müssten.

Sein Vater wollte gerade seine dünnen Beine über die Bettkante schieben, doch er hielt inne. »Aber was ist mit Glynis? Die zehn biblischen Plagen sind nichts gegen deinen Vater. Das hast du doch selbst gesagt. Ich darf meiner Schwiegertochter nicht zu nahe kommen. Du hast mich gewarnt, dass ich sie umbringen könnte.«

»CDiff? Wenn wir hier schon biblisch werden, dann ist Glynis inzwischen bei der Offenbarung angelangt. Mit ihr geht es zu Ende. Ein paar biologische Waffen mehr oder weniger spielen jetzt auch keine Rolle mehr.«

»Bist du sicher?«

»Ich … ich hab so was ja noch nie gemacht. Du hast es unzählige Male in deiner Gemeinde erlebt. Wir könnten deine Gesellschaft gut gebrauchen. Ich könnte deinen Rat gebrauchen.«

»Meinen Rat? In welcher Sache?«

Shep holte Luft. »Wie ich meiner Frau beim Sterben helfe.«

ALS SHEP AUF der langen Fahrt zurück nach New York seinen Vater über die bevorstehende gemeinsame Afrikareise in Kenntnis setzte, blieb der alte Mann gelassen – und bemerkte nur mit dem typischen Knacker’schen Pragmatismus, dass leider sein Reisepass abgelaufen sei. (Shep erklärte, dass die Firma It’s Easy, Inc., in Midtown für einen gewissen Obolus einen Antrag auch über Nacht bearbeiten könne, und als sein Vater nach der Summe fragte, sagte Shep mit seligem Lächeln: »Das ist mir völlig egal.«) Der Sommer in Kenia damals hatte dem »dunklen Kontinent« wohl seinen Schrecken genommen. Insofern schien Sheps Vater die anstehende Reise nicht im Geringsten zu bekümmern; Hauptsache nicht zurück ins Pflegeheim. Die Singgruppe hatte ihn offenbar nicht überzeugt.

Shep fragte sich, ob er sich von Beryl hätte verabschieden müssen. Der Vorschlag, ihren Vater in ein wenige Meilen entfernt liegendes öffentliches Heim einweisen zu lassen, hatte ihren Zorn erregt; dass ihr Vater nach Afrika entführt werden sollte, hätte sie zur Weißglut gebracht. Außerdem hatte sie ihm nur allzu deutlich zu verstehen gegeben, was sie von den Ambitionen ihren Bruders in puncto »Jenseits« hielt. Da nun immerhin das Pflegeheim die Finanzen der Familie nicht mehr nekroseartig aufzufressen drohte, konnte sie das Haus behalten. Wenn das nach einer großzügigen Belohnung für wenig großzügiges Verhalten aussah, war nach Sheps Erfahrung das Haus seiner Kindheit mehr Fluch als Segen. Und selbst wenn die Erinnerung an Vergangenes nicht ihren üblichen lähmenden Einfluss geltend machte, würde Beryl die drei hohen Etagen in der Mt. Forist Street spätestens dann weitaus weniger als Jackpot empfinden, wenn sie die Heizkosten selbst zahlen musste.

Mehr als einmal musste die Fahrt für Toilettenpausen unterbrochen werden. Nachdem er seinen Vater zur Männertoilette einer Tankstelle halb getragen hatte, stützte Shep ihn mit einem Arm und zog ihm mit der anderen Hand die Schlafanzughose über den Hintern – worin er durch die ähnlich uneigenständigen Phasen seiner Frau zum Experten geworden war. Er ließ seinen Vater bei geschlossener Kabinentür sein Geschäft verrichten, wobei die vermeintliche Privatsphäre nicht von Dauer war. Die Zusicherung seines Vaters, das Abwischen selbst erledigen zu können, entpuppte sich als Übertreibung, und natürlich bedurfte es einer erneuten Hilfe, die Pyjamahose wieder hochzuziehen. Im Nahen Osten galt es als ultimative Demütigung, die Genitalien seines Vaters zu sehen, doch für Shep war auch das nur wieder eine Übung darin, sich mit der Realität abzufinden. Also hatten sie beide einen Penis, na und?

Natürlich mussten auf dem letzten spätabendlichen Abschnitt durch das nördliche Connecticut viele Tankstellen und Raststätten geschlossen haben. Sein Vater schaffte es nicht. Ein stechender brauner Geruch breitete sich im Auto aus, und Gabe begann zu weinen.

»Papa«, sagte Shep. »Seit Monaten stecke ich bis zu den Ellenbogen in Scheiße, und das meine ich nicht im übertragenen Sinne. Ich bin mit sämtlichen Ausflüssen und Auswürfen meiner Frau aufs Engste vertraut, und ich liebe sie noch immer. Jetzt werde ich dich pflegen, und statt irgendeinen wildfremden Menschen anzuheuern, um dir den Hintern abzuwischen, wisch ich ihn dir selbst ab. Du musst dich deswegen nicht schämen. Die Einzigen, die sich schämen sollten, sind Beryl und ich, weil wir das Abwischen bisher immer anderen überlassen haben.«

Um ein Uhr morgens waren sie zurück in Elmsford. Nach der fünfzehnstündigen Autofahrt hätte Shep todmüde sein müssen. Aber seitdem Pemba vom traurigen Luftschloss zum festen Reiseziel wiederauferstanden war, befand er sich in einem eigentümlichen Rauschzustand. Sein Gang hatte noch immer etwas Federndes, während er seinen Vater sauber machte und im Fernsehzimmer auf die Couch bettete, unmittelbar neben der unteren Toilette.

AM SONNTAGMORGEN, ALS Glynis noch schlief, nahm Shep die Sache mit Zach in Angriff. Nachdem sein Sohn ihm widerwillig den Zutritt in sein Heiligtum gewährt hatte, setzte er sich schwungvoll auf das Bett des Jungen und verkündete: »Wir ziehen nach Afrika.«

Zach drehte sich von seinem Computerbildschirm weg und sah seinen Vater mit nachgiebig ausdrucksloser Miene an. Er glaubte genauso wenig an das durchgedrehte Jenseits des guten Mannes wie Beryl. »Ach echt. Und wann.«

»Ich muss noch mal auf die Website von British Airways, aber hoffentlich noch vor Ende dieser Woche.«

Zach nahm seinen Vater genau in Augenschein. Shep blickte freundlich zurück und stellte mit Genugtuung fest, dass die Gesichtszüge seines Sohnes wie erwartet an Kontur gewannen, und mit sechzehn war der junge Mann fast gut aussehend. »Ohne Scheiß jetzt.«

»Ja. Du solltest also anfangen, ein paar Sachen zu packen. Leichtes Gepäck. Selbst wenn wir auf Pemba nicht alles bekommen, was wir brauchen, gibt es auf Sansibar wohl alles, und wir sind nur eine halbe Flugstunde von Stone Town entfernt.«

»Und für wie lange ›ziehen wir nach Afrika‹?«

»Ich, für immer. Du? Das ist deine Entscheidung. Sobald du achtzehn bist, steht’s dir frei. Auf deiner neuen Schule gefällt’s dir doch sowieso nicht.«

»Ich dachte immer …« Zach leckte sich die Lippen. »Ich dachte immer, dass die Kinder plötzlich irgendwelche verrückten Ideen haben. Und dass es dann die Eltern sind, die auf sie einreden und sie zwingen, na ja, realistisch zu sein.«

»Ich bin jetzt neunundvierzig Jahre lang realistisch gewesen, Kumpel. Und wenn man etwas in die Realität umsetzt, dann ist das realistisch. Übrigens, auf Pemba gibt’s auch Internet. Ich wusste, das würde dich überzeugen.«

»Und wenn ich nicht will?«

»Mh … du könntest bei deiner Tante Beryl wohnen, in Opas Haus in Berlin – wobei das ein ziemliches Nest ist, wie du weißt. Du wärst also immer noch am Arsch der Welt, nur ohne Kokospalmen und Korallenriffe. Es wird auch ziemlich kalt da oben. Und in Opas Haus wird’s demnächst noch viel kälter werden, wenn ich mich nicht täusche. Oder aber du ziehst zu deiner Tante Deb, wobei du dich jetzt schon darauf einstellen kannst, dass du da jede Menge Babysitting machen und zumindest so tun musst, als würdest du dich zum wiedergeborenen Christentum bekehren lassen. Tante Ruby wäre auch noch da, aber sie ist Workaholic und hat nicht mal Zeit für einen Freund, geschweige denn für einen Neffen bei sich zu Hause. Deine Oma in Tuscon würde dich mit Kusshand nehmen, allerdings hast du dich immer beschwert, dass sie dich wie ein sechsjähriges Kind behandelt. Sie ist dreiundsiebzig. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie’s sich jetzt noch abgewöhnt.«

»Du hast echt vor, mich bei der Verwandtschaft zu parken?«

»Nein, ich habe echt vor, mit dir an einen faszinierenden Flecken Erde zu fahren, wo du lernen kannst, von einem mtumbwi aus, also von einem Holzkanu aus, Fische zu fangen. Zu tauchen. Suaheli zu sprechen. Wo du die besten Ananas und Mangos deines Lebens essen kannst. Und mir helfen kannst, ein Haus zu bauen.«

»Du bist echt komisch drauf. Hast du irgendwas genommen? Bist du sicher, dass du dir nicht von Mamas Pillen was abgezweigt hast?«

»Wenn du wirklich nicht mitwillst, kannst du dich ja auch vertrauensvoll an einen Sozialarbeiter wenden, weil dein Vater drogensüchtig geworden ist.«

»Z« hatte nie sonderlich gern mit seinem Vater geflachst, und er wirkte auch jetzt angestrengt. »Wie lange hab ich Bedenkzeit?«

»Bei mir ist der Entschluss auf der Fahrt zwischen Lower Manhattan und Westchester gereift. Aber das war ein Freitag, und es war viel los auf den Straßen. Also geb ich dir die Hälfte der Zeit.«

»Ich soll mich heute entscheiden, ob ich mein ganzes Leben auf den Kopf stelle und ›nach Afrika ziehe‹?«

»Entscheidungen werden in Bruchteilen von Sekunden gefällt. Das Nichtentscheiden ist es, was so lange dauert.«

»Aber was ist mit Mama? Sieht ja wohl gerade nicht so rosig aus mit ihr. In Afrika … Was ist mit Ärzten?«

»Ärzte haben wir jetzt genug gehabt.«

»Aber ich meine, wie geht’s ihr? Ist das okay für sie?«

»Das«, sagte Shep und erhob sich, »wird sich gleich herausstellen.«

GLYNIS WAR GERADE aufgewacht, und er setzte sich behutsam aufs Bett und zog ihren Kopf auf seinen Schoß. Sie schmiegte sich an ihn. »Und, wie geht’s deinem Vater?«, murmelte sie.

»Frag ihn selbst. Er ist unten.«

»Du hast ihn mit hierher gebracht?«, fragte sie schläfrig. »Wozu? Ist das ratsam?«

»Es ist ratsam. Er ist mein Vater. Ich will ihn mitnehmen.«

»Mitnehmen?«, murmelte sie und seufzte. Ihre Hand auf seinem Oberschenkel war köstlich wie immer. »Wohin mitnehmen?«

»Gnu?« Er strich ihr über die Wange. »Weißt du noch, letztes Jahr, als ich dich gefragt habe, ob du mit nach Pemba kommst? Also, ich frage dich jetzt noch mal. Und diesmal ist der Krebs keine Entschuldigung.«

»Mmm?« Sie bettete ihren Kopf neu. Im Beisein anderer hielt sie ihn stets bedeckt; er aber hatte die ausgeprägte Form und Glätte ihres haarlosen Scheitels zu bewundern gelernt.

»Es ist warm«, stimmte er an. »Die Strände sind weiß. Die Bäume sind hoch. Der Fisch ist frisch. Und die Brise duftet nach Nelken.«

»Moment«, sagte sie und schlug die Augen auf. »Ich träum doch jetzt nicht.«

»Ich auch nicht und hab’s auch nie getan. Ich will mit dir nach Pemba. Ich will, dass wir noch diese Woche fahren.«

Sie setzte sich auf. »Shepherd, bist du wahnsinnig? Das ist wohl jetzt kaum die richtige Zeit, um wieder mit Afrika anzufangen.«

»Das ist die einzige Zeit, um wieder mit Afrika anzufangen. Und die einzige Zeit zu fahren.«

»Selbst wenn ich nicht mit diesem Versuchsmedikament anfange, habe ich noch fünf Mal Chemo vor mir! Ich bin fast durch, nur eben noch nicht ganz.«

»Nein.« Er legte ihr die Hand auf die Wange. »Du bist durch.« Er hatte gemeint, »durch« mit allen weiteren Behandlungen, doch die Formulierung klang krasser als beabsichtigt.

Sie wand sich aus seinem Griff. »Das heißt, du hast mich jetzt auch schon abgeschrieben?«

»Gnu. Was ist los mit dir? Was glaubst du denn, was mit dir passiert?«

»Ich bin schwer krank, wie man sieht, aber die letzten Tage ging es mir schon viel besser –«

»Du kannst kaum noch essen. Du kannst kaum noch scheißen, du kommst kaum noch die Treppe hoch. Was glaubst du denn, was mit dir passiert?«

»Hör auf! Du bist grausam! Es ist wichtig, positiv zu denken, immer wieder einen neuen Versuch zu machen –!«

»Ich glaube, es ist grausam, immer wieder neue Versuche zu machen!«

Sie begann zu weinen. »Ich sag dir, ich kann diese Krankheit besiegen!«

»Siehst du? Es ist nicht deine Schuld«, sagte er. »Du hast einen so starken Willen. Und dann dieses ganze Gerede, in der Klinik, von wegen ›bekämpfen‹, ›besiegen‹ und ›gewinnen‹. Natürlich wärst du dem gewachsen. Wenn das ein Wettbewerb wäre, würdest du mit Bestnoten abschließen. Aber es ist kein Wettbewerb. Krebs ist keine ›Schlacht‹. Dass man allmählich abbaut, ist kein Zeichen von Schwäche. Und sterben« – er sprach das Wort leise, aber deutlich aus – »ist keine Niederlage.«

Naturgemäß nährte sich Glynis von ihren Feinden und war nur allzu gern bereit, das Augenmerk vom Bösewicht Krebs auf ihren Mann zu richten. »Was verstehst du denn schon davon?«, knurrte sie.

»Was ich davon verstehe?« Er nahm sich einen Augenblick Zeit und dachte über die Frage nach. Seit Donnerstagabend musste er dem Drang widerstehen, Carol ins Vertrauen zu ziehen. Gestern hatte er sich trotz der langen Autofahrt zurückhalten müssen, um seinem Vater nicht sein Herz auszuschütten, und auch vorhin bei seinem Sohn hatte er sich zurückgehalten, statt ihn aufzuklären. Er hatte keines der Telefonate gemacht, die der Doktor ihm empfohlen hatte. Ausnahmsweise rührte seine Zurückhaltung nicht – wie bei der Nachricht über Jacksons Tod – von seiner Angst vor der Realität. Shep empfand es als Beleidigung, auch nur eine einzige Menschenseele zu informieren, bevor Glynis nicht selbst Bescheid wusste.

»Goldman wollte nicht, dass ich es dir sage«, fuhr Shep beherzt fort. »Genau genommen wollte er, dass ich es allen anderen sage, nur dir nicht. Damit deine Mutter und deine Schwestern sofort nach New York kommen. Deine Freunde wären plötzlich alle auf einmal hier aufgetaucht, um wieder ihre kleinen Reden zu schwingen, die dir so verhasst sind, und du hättest nicht verstanden, was das alles soll. Goldman wollte, dass alle Bescheid wissen und du im Dunkeln bleibst. Aber weißt du was? Mir ist es lieber, die anderen bleiben im Dunkeln. Zur Hölle mit den Leuten. Es dir aber nicht zu sagen ist respektlos. Und ich respektiere dich. Vermutlich hab ich mich in den letzten Monaten nicht so verhalten, aber ich respektiere dich.«

Sie hockte auf allen Vieren und war kurz davor, ihm die Augen auszukratzen. »Mir was sagen?«

»Goldman gibt dir noch drei Wochen.«

Sie knickte ein, aber er wollte diese Sache zu Ende bringen. Er war des Redens noch nicht müde.

»Inzwischen eher zweieinhalb. Vielleicht täusche ich mich, und du willst es wirklich gar nicht wissen, aber ich finde, das ist mir gegenüber nicht gerecht. Alles, was ich für mich behalten musste – die CTs. Sie sind schrecklich gewesen, Glynis. Darf ich mir das auch mal von der Seele reden? Die Stellen werden immer größer. Ach, und rate mal, wie lange du von Anfang an eigentlich zu leben hattest? Ein Jahr. Ein Jahr ab der Diagnose, das ist der Durchschnitt bei Mesotheliom. Richtig, mit ausschließlich epitheloiden Zellen hättest du vielleicht bis zu drei Jahren gehabt, allenfalls, mit Chemo. Aber in dem Moment, als Hartness diese scheißbiphasischen Zellen entdeckt hat, sank deine Lebenserwartung auf zwölf Monate. Du hast fast zwei Monate mehr geschafft, und wir sollten alle dankbar sein. Aber ich habe mit diesem einjährigen Todesurteil ganz allein leben müssen; du hast bei Knox im Büro ja deutlich gemacht, dass dich deine Lebenserwartung nicht interessiert. Dann bringt sich Jackson um, und mein erster Gedanke ist: Ich kann es meiner Frau nicht erzählen. Weil ich dich mit allem verschonen soll. Aber das macht einsam. Ich will im Moment nicht allein sein. Ich habe weniger als drei Wochen, dann kann ich für den Rest meines Lebens allein sein. Und wir haben weniger als drei Wochen, um zu tun, was wir tun werden, überhaupt, was immer es ist, und deswegen will ich nach Pemba. Jetzt.«

Er hatte ihr nun also gesagt, dass es kein Kampf war. Dass es nie ein Kampf gewesen war. Dass es ohne Kämpfen auch kein Verlieren gab. Er hatte sie vom Haken gelassen. Sie konnte jetzt aufhören zu kämpfen. Glynis lag auf der Seite wie eine Jagdtrophäe – wie ein Gnu mit Bauchschuss, noch keuchend – und murmelte ins Bettzeug: »Okay, ich kapituliere.«

Doch als sie nach ihrer offiziellen Kapitulation den Kopf hob, wirkte sie angenehm überrascht, immer noch am Leben zu sein, als hätte sie seit Monaten nur ihre Entschlossenheit davon abgehalten, auf der Stelle umzukippen. »Also gut«, sagte sie munter. »Lass uns nach Pemba fahren.«

Während sie in seine Arme kroch, hatte Shep den verblüffenden Eindruck, dass es ihr ernst war. Er drückte sie an sich.

»Ich wollte noch so viel machen, Shepherd«, sagte sie. »So viele Sachen, und die stecken jetzt für immer in meinem Kopf fest.«

»Das spielt keine Rolle.« Er verzichtete auf den Proformatribut, wie exquisit die wenigen Arbeiten seien, die es in die Dreidimensionalität geschafft hatten. Die Zeit war knapp, und Komplimente würden sie nur langweilen. »Ich bin nicht wortgewandt genug, um zu erklären, was ich meine, aber ich weiß, dass es keine Rolle spielt. Denn vielleicht … wenn du einen Schritt zurückgehst … weil du und alle und alles irgendwann stirbt und die ganze Welt … auf so seltsame Weise …«

Sie machte eine wegwerfende Geste mit kräuselnden Fingern. »Pff.«

»Ja, alles ist pff. Dann ist ja vielleicht alles, was du nur in deinem Kopf gemacht hast, genauso wichtig und genauso real und genauso schön wie das, was du da oben aus Metall geschmiedet hast.«

Sie küsste ihn. »Danke.«

»Weißt du, diese Filme …« Er suchte nach Worten. »Weißt du, wie manchmal, mittendrin, ein Film sich ewig hinzuziehen scheint? Ich werd dann immer unruhig, geh pinkeln oder hol mir Popcorn. Aber manchmal, im letzten Teil, wird’s noch mal richtig spannend, und dann, direkt vor dem Abspann, kriegt einer von uns beiden Tränen in die Augen – und dann vergisst man, wie mies der mittlere Teil war. Es ist einem egal, ob er nicht in die Gänge kam oder ob es dazwischen eine Wendung gab, die nicht aufging. Weil der Film einen am Ende doch noch gerührt hat, weil er den Bogen noch geschlagen hat, denkt man beim Rausgehen, dass es ein guter Film war, und man ist froh, dass man ihn gesehen hat. Verstehst du, Gnu«, sagte er zuversichtlich, »wir können immer noch für ein gutes Ende sorgen.«

ALS ER AUS dem Schlafzimmer schlüpfte, lachten sie sogar, wobei schwer zu sagen war, ob Glynis’ erneuerter Sinn für Humor von ihrer Befreiung aus der Realitätsverweigerung oder deren sofortiger Wiederherstellung herrührte.

Bevor er nach unten ging, um für sieben Leute ein Frühstück auf die Beine zu stellen, klopfte er bei Zach an die Tür. Aus dem argwöhnischen Gesicht im Türspalt sprach die drängende Hoffnung, die Wirkung jener bewusstseinsverändernden Droge im Blutkreislauf seines Vaters, egal was es sei, möge nachgelassen haben.

»Deine Mutter ist dabei. Und wie sieht’s mit dir aus?«, fragte Shep. »Ja oder nein?«

»Das war gerade mal eine Stunde!«

»Na und? Nach dem Frühstück muss ich die Tickets kaufen.«

»Du spinnst doch total. Aber … diese vegetarische Pampe, die Tante Beryl immer kocht, kann ich nicht ausstehen. Ich hab keine Lust, Jesus in mein Herz zu lassen, und Oma drückt mich immer in ihre Titten, voll peinlich. Und ich will … ich will Mama nicht im Stich lassen. Also muss ich wohl. Aber stimmt schon, wenn ich einem Sozialarbeiter von deinem bescheuerten Plan erzählen würde, ich wette, die würden dich verhaften.«

»Deswegen müssen wir uns beeilen«, sagte Shep leichthin. »Wir absentieren uns.« Absentieren war so ein Wort, von dem Jackson begeistert gewesen wäre.

»Musst du denn gar nicht bei mir in der Schule Bescheid sagen und den ganzen Scheiß?«, fragte Zach. »Mir ’ne Befreiung holen?«

»Wahrscheinlich schon«, sagte Shep. »Mach ich aber nicht.«

»Aber du kannst doch nicht einfach so gehen

»Das macht man so als Absahner.« Bei Sheps seligem Grinsen war jede weitere Frage überflüssig.

Zach gestikulierte in Richtung Erdgeschoss, wo Heather gerade einen neuen Streuselkuchenanfall hatte. »Und was ist mit denen da? Was willst du mit denen machen, sie hier im Haus lassen? Ich glaub nämlich kaum, dass sie so bald zurück nach Windsor Terrace gehen.«

Sein Sohn war der Einzige, den die Neuigkeiten über Jackson nicht schockiert hatten. Vermutlich galt Selbstmord in seiner hikikomori-Clique nachvollziehbarerweise als eine vollkommen vernünftige Alternative zu einem Leben von unbestimmter Dauer in einem kleinen Zimmer. Zachs lässige Erklärung, dass er und seine Freunde sich so selbstverständlich über das »Ausklinken« unterhielten, wie Jugendliche zu Zeiten seines Vaters in die Leihbücherei gegangen waren, war für Shep ein weiterer Beweggrund, den Jungen aus dem Land zu schaffen.

»Damit hab ich mich wohl noch nicht befasst«, musste Shep zugeben. Die Möbel zurückzulassen bereitete ihm das größte Vergnügen. Die Hausbesitzer würden das Zeug entsorgen müssen, aber Shep hatte gerade erst entdeckt, dass man zur Abwechslung auch den anderen mal etwas aufbürden konnte. Die Burdinas im Stich zu lassen war allerdings etwas anderes.

Nachdem er allerdings nun hinter das Geheimnis der schnellen Entscheidungen gekommen war, hatte Shep zwischen der ersten Treppenstufe im Obergeschoss und seiner Ankunft im Erdgeschoss das Problem gelöst.

HEATHER HATTE DEN Wasserhahn über der Spüle nur aufgedreht, um den kinetischen Springbrunnen anzustellen. Sie stocherte unaufhörlich an dem rotierenden Schneebesen und hatte den ganzen Fußboden nass gemacht. (Seit das Mädchen hier war, war sie nicht niedergeschlagen, sondern manisch. Allein ihre Hyperaktivität und die ständigen Fressattacken deuteten darauf hin, dass sie mitbekommen hatte, dass ihr Papa nicht mehr da war. Shep fragte sich, ob Antidepressiva auch etwas zu wirksam sein konnten.) Im Moment schmetterte Heather mit schiefer Stimme das Erkennungslied aus Pogatchniks Werbespot, »The handyman can, oh, the handyman can«, und drehte den Wasserhahn im Takt auf und zu. Es war nervtötend – schlimmer noch, es war nicht auszuhalten –, aber er brachte es nicht übers Herz, ihr irgendetwas zu verbieten, ebenso wenig wie er ihr ein weiteres Stück Streuselkuchen verwehren konnte.

Unterdessen saß Flicka auf dem Küchenhocker wie eine ausgediente Gliederpuppe. Sein Vater war – wo sonst – auf der Toilette. Carol tat, als würde sie Frühstück machen. Sonst die Effizienz in Person, hatte sie jetzt nur eine Schachtel Cornflakes auf den Tisch gestellt, aber weder Schälchen noch Löffel. Statt der Milch hatte sie eine Flasche Tonic aus dem Kühlschrank geholt. Als er in die Küche kam, stand sie wie angewurzelt im Raum, als wäre ihr entfallen, was sie gerade noch hatte tun wollen. Wie bei seiner Digitalkamera war offensichtlich Carols Speicherkarte beschädigt.

Er führte sie zum Tisch und setzte sie auf einen Stuhl; sie wehrte sich nicht. Da Speicherkarten immer nur an einzelnen Stellen kaputtgehen, fuhr ihr Gehirn wieder hoch und formulierte genau das, was Carol Burdina eigentlich hätte sagen sollen. »Vielen Dank für deine Gastfreundschaft in den letzten Tagen. Aber wir können dir hier nicht länger zur Last fallen … Vielleicht sollten wir in ein Hotel ziehen … Die Mädchen … Eigentlich müssen sie ja wieder zur Schule …« Aber sie war nicht bei der Sache, sie klang wie ein Roboter.

Also ging er darüber hinweg. »Glynis, Zach, mein Vater und ich fliegen nach Pemba, und zwar mit dem nächsten Flieger, den ich buchen kann. Ihr solltet mitkommen, du und die Mädchen.«

Wenn sie mit etwas gerechnet hatte – in etwa wie nein, nein, nein, fühlt euch hier wie zu Hause, bleibt ruhig, so lange ihr wollt –, damit jedenfalls hatte sie nicht gerechnet. Sie neigte ein wenig den Kopf und gab ihm zu verstehen, dass er ihre volle Aufmerksamkeit hatte. Auch Flicka blickte hoffnungsvoll.

Carols Lachen hatte etwas von einem Schluckauf. »Ihr geht nach Afrika.«

Der hirnverbrannte Zwischenruf »The handyman can …« ließ die vorgeschlagene Reise noch absurder erscheinen.

»Richtig. Jackson meinte ja mal« – Shep hatte sich fest vorgenommen, den Namen seines Freundes ruhig auszusprechen –, »du glaubtest, ich würde nie fahren.«

»Tja, dann, viel Spaß«, sagte sie ausdruckslos.

»Ihr kommt mit.«

So mutlos sie auch sein mochte, letztlich schlug dann doch ihre berühmte praktische Veranlagung durch. »Geht nicht wegen Flicka.«

»Ich weiß, ihre Krankheit wird eine Herausforderung sein, aber das kriegen wir schon hin.«

»Heiß«, sagte Carol.

»Kühlende Handtücher, Ventilatoren. Wann immer und wo möglich: Klimaanlage.«

»Flugreise. Luftdruck.«

»Alles, was sie tun muss, ist schlucken. Das hat sie doch gelernt.«

»Medikamente.«

»Internet.«

Es war wie ein Badmintonspiel. Der lange Ballwechsel endete mit einem sauberen Schmetterball vom Küchenhocker aus: »Ich fahre nach Pemba.«

Carol wandte sich zu Flicka um und seufzte. »Du kannst nicht nach Afrika fahren.«

Flicka ließ sich von ihrem Hocker gleiten und hangelte sich im Zickzack durch die Küche, indem sie erst einen Stuhl, dann den Tisch und schließlich die Vorratskörbe mit dem Obst packte; in letzter Zeit erinnerte Flickas agiles Seitwärtskraxeln an Jeff Goldblum in der Neuverfilmung von Die Fliege. Sie schob Heather von der Küchenspüle weg, füllte ihre Flasche auf, drehte den Wasserhahn zu, wischte sich in einer einzigen Bewegung mit ihrem Frotteeschweißband ein Rinnsal Speichel vom Kinn und machte sich daran, für ihre stündliche Rehydrierung die Spritze ihrer PEG-Sonde zu füllen. Es war eine Darbietung ihrer Selbstständigkeit, womit sie sagen wollte: Seht ihr? Wieso sollte diese ermüdende Prozedur nicht auch in Afrika möglich sein?

Shep hatte keinen Zweifel, dass Carol vor jenem verhängnisvollen Mittwochabend geschickter darin gewesen wäre, unwiderlegbare Gründe zu finden, warum sich ein behindertes siebzehnjähriges Mädchen nicht auf einer Insel auf der anderen Seite der Welt niederlassen sollte, auf der es nur ein einziges, mangelhaft ausgestattetes, von chinesischen Ärzten betriebenes Krankenhaus gab und wo niemand wissen würde, wie man eine rein jüdische degenerative Erbkrankheit wie die familiäre Dysautonomie zu behandeln hatte. Doch an die Stelle dieser systematischen, energischen Mutter zweier Kinder war eine fast noch liebenswertere Frau getreten, die komplett von der Rolle war. Vermutlich drängte sie das, was sie gerade durchgemacht hatte, zur Flucht. Und vielleicht deshalb ließ sie ihre vernünftigen medizinischen Gründe beiseite und beging einen taktischen Fehler.

»Geld«, sagte sie. »Wir haben keins.«

»Ihr habt sogar weniger als keins«, pflichtete er ihr bei. »Ich hab einen Blick auf einige der Kreditkartenrechnungen geworfen, die Jackson bei euch zu Hause vor seinem Computer liegen hatte. Umso mehr ein Grund, das Weite zu suchen. MasterCard wird euch nicht bis an die Küste von Sansibar folgen. Außerdem habe ich Geld. Genug, wenn wir sparsam sind, um auf unabsehbare Zeit in Tansania bleiben zu können. Die Wapemba leben von ein paar Dollar am Tag. Bei unserem Budget sind mindestens fünf Dollar drin.«

Ihre Augen wanderten zu der Cornflakesschachtel und flackerten angesichts der Dutzend, vielleicht sogar Hundert weiteren handfesten Gründe, weshalb dieser groteske Plan niemals in die Tat umgesetzt werden könnte.

»Papa würde wollen, dass wir fahren«, sagte Flicka.

»Sie hat recht«, sagte Shep zustimmend. »Sollen Jacksons Eltern doch die Gedenkfeier organisieren, wenn sie sich dann besser fühlen. Aber ich verspreche euch, und ich hab den Kerl fast genauso gut gekannt wie ihr: Es gäbe keine passendere Gedenkfeier für deinen Mann, als von hier abzuhauen. Wenn es wirklich ein Jenseits gibt, wäre er begeistert, wenn er wüsste, dass du deine Kinder eingepackt und nach Pemba geschafft hast.«

»Aber es läuft doch noch die polizeiliche Untersuchung.«

Noch ein Grund mehr, das Land zu verlassen. Er fragte: »Bestehen für dich irgendwelche Zweifel über das, was passiert ist?« Betrübt schüttelte sie den Kopf. »Warum sich dann über eine Untersuchung den Kopf zerbrechen?«

»Ich fahre mit, Mama«, verkündete Flicka entschlossen, stützte sich gegen die Arbeitsplatte und füllte sich den letzten Schluck Wasser in ihre Kanüle, »ob du und Heather mitkommen oder nicht.«

Als begabte Manipulatorin anderer Leute Kummer hatte Flicka ihre Eltern jahrelang nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Jetzt konnte sie ihre Kunst mit weitaus größerer Wirkung anwenden, als sich nur vor den Mathehausaufgaben zu drücken.

EINE LETZTE EINLADUNG blieb auszusprechen – auch wenn es nur eine Geste war, wie man sie Leuten gegenüber ausspricht, von denen man ohnehin schon weiß, dass sie zur Party nicht kommen können. Und siehe da, als Shep Amelia die Sache mit Pemba auseinandersetzte und dass sie natürlich willkommen sei, erklärte Amelia, dass sie nicht bereit sei, alles aufzugeben: ihre Freunde, ihren Job, ihren Freund. Aber sie klang ein wenig verdutzt, also drückte er sich noch einmal bewusst kristallklar aus: »Deine Mutter stirbt, mein Schatz, und endlich weiß sie es auch selbst. Du hast jetzt noch die Chance, dich von ihr zu verabschieden. Und vielleicht kriegt ihr’s diesmal etwas besser hin, als, na du weißt schon, grob gestampft oder cremig

Als Amelia das letzte Mal in Elmsford gewesen war, hatte sie ihren neuen Freund dabeigehabt – bestimmt war der Junge ganz in Ordnung, aber angesichts der Umstände fehl am Platz. Die geschwächte Mutter der Freundin hatte nicht mehr die Kraft, die beflissenen Fragen eines normalen Kennenlerngesprächs zu stellen: Und, wo arbeiten Sie? Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Woher kommen Ihre Eltern? Natürlich lief gerade eine Kochsendung, was vermutlich der Grund war, weshalb sie sich schließlich den ganzen Besuch hinweg über Kartoffeln unterhalten hatten.

Vor allem über Kartoffelpüree: ob das cremige mit viel Sahne oder das unkonventionelle klumpige mit Stücken und Pelle zu bevorzugen sei. Shep hatte dabeigesessen. Nach zwanzig Minuten Mikroanalyse der Kartoffelzubereitung erforderte es seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht aufzuspringen und herauszuplatzen: Pass auf, Teddy oder wie du heißt, ich bin sicher, du bist ein netter Kerl, aber ich fürchte, wir haben jetzt keine Zeit, dich kennenzulernen. Also raus hier; du gehörst hier nicht hin, und deine Freundin hat dich nur mitgeschleppt, um sich hinter dir zu verstecken. Und Amelia, wie du siehst, befindet sich deine Mutter in desolatem Zustand, das könnte also euer letztes Gespräch sein. Wenn du am Ende dasitzt und dir vorstellst, dass ihr eure letzten Minuten mit KARTOFFELN verschwendet habt, wirst du dir niemals verzeihen.

Da sie glücklicherweise die Chance hatte, diese fürchterliche Szene noch mal auf Zurück zu drehen, war Amelia immerhin innerhalb von einer Stunde in Elmsford. Sie kam gerade in dem Moment durch die Tür, als sich Shep aus der British-Airways-Website loggte. Er lief nach unten, um sie zu begrüßen, und erkannte mit Erleichterung, dass sie weder ihren Freund mitgebracht hatte noch ein glitzerndes Dekolleté trug oder getuschte Wimpern und Zöpfe. Blass, dünn und mit Pferdeschwanz, war Amelia in weiten Jeans und schlabbrigem Sweatshirt als das Mädchen wiederzuerkennen, mit dem er im Huckepack durch den Garten galoppiert war, und diese enterotisierte Version macht es ihm irgendwie einfacher, seine Tochter ohne Verlegenheit in die Arme zu schließen. Ihr erschöpftes, abgehärmtes Gesicht war reichlich erwachsen und zeugte davon, dass sie gegenüber dem prekären Zustand ihrer Mutter durchaus nicht blind gewesen war.

Glynis hatte sich auf Amelias Ankunft eingestellt. Sie hatte sich gezwungen aufzustehen und kam wankend nach unten, wobei sie den Kopf in Sheps Richtung schüttelte; dies war ein richtiger Auftritt, und sie wollte keine Hilfe. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie sich richtig angezogen, eine ihrer liebsten Abendkombinationen aus pechschwarzem Rayon. Über einer fließenden Bluse und der passenden Hose trug sie einen flatternden, bodenlangen, mit winzigen geschmackvollen Strasssteinen gesäumten Umhang. Sie hatte sich Augenbrauen gemalt. Shep ahnte, dass es keine Verkleidung sein sollte. Es war ein Gefallen, wie auch Amelias Kluft ein Gefallen war: Ihre Mutter sollte so gut wie möglich und die Tochter so unverfälscht wie möglich aussehen.

Während sie sich zu dritt ins Wohnzimmer setzten, schob sich Zach durch die Tür. Zumindest gab es weder fieberhaftes Kochen noch Freund noch Kartoffelpüree. »Tut mir leid, dass ich nicht öfter hier war«, sagte Amelia neben ihrer Mutter auf der Couch. »Es ist total schwer für mich, dich in diesem … Zustand zu sehen, Mama. Ich hab dich immer bewundert, wie schön du bist – wie eine Statue. Deine Haltung – wie du immer über allem gestanden hast, so distanziert. Dass du nicht mehr diese Nummer durchziehen kannst, dich nicht mehr aufführen kannst wie … ’ne Majestät, das kann ich kaum mit ansehen. Ich weiß, das ist keine Entschuldigung. Aber ich hab immer versucht, über Z auf dem Laufenden zu bleiben, wie’s dir geht.«

Die Eltern wandten sich fragend nach Zach um, der nickend in der Tür stand. »Stimmt, sie schickt mir ungefähr fünf Mal am Tag ’ne SMS. Was glaubt ihr denn? Schließlich sind wir Geschwister.«

»Warum hast du mir nicht gesimst?«, fragte Glynis.

»Na ja …« Amelia wandte den Blick ab. »Bei Z wusste ich, dass ich mich auf die Berichterstattung verlassen kann.« Sie wandte den Blick zurück zu ihrer Mutter. »Ich kann dieses Geheuchel nicht ertragen. Es ist so künstlich und ekelhaft, wie ’ne Vergewaltigung. Wir sollten alle die ganze Zeit so tun, als würde es dir besser gehen, und ich – ich wollte dich einfach so nicht in Erinnerung behalten.«

»Dann tut es mir leid«, sagte Glynis und nahm die Hände ihrer Tochter. »Aber jetzt ist Schluss mit dem Geheuchel, okay? Also, ich hab was für dich. Als Andenken.« Glynis griff nach einem Kästchen neben dem Sofa, das sie vor Amelias Ankunft dort hingestellt haben musste. Shep erkannte, dass es die Entsprechung zu seinem zerbeulten roten Werkzeugkoffer war.

»Ich möchte, dass du meinen alten Schmuck bekommst«, fuhr Glynis fort. »Die Sachen, die ich gemacht habe, bevor ich mit Besteck anfing. Manche dieser Arbeiten sind sehr dramatisch, und es gibt nicht viele Frauen, die so was tragen können oder, wie du sagst, ›diese Nummer durchziehen‹. Aber du schon. Du hast auch etwas von einer Statue, und du wirst diesen Sachen alle Ehre machen.«

»Oh!«, rief Amelia mit mädchenhafter Begeisterung, während sie sich eines der Schlangenarmbänder über ihren schlanken Arm streifte. Da waren sie, all die Artefakte, in die sich Shep zuerst verliebt hatte, auch die morbiden Vogelknochenbroschen. »Früher als Kind hab ich die Sachen manchmal anprobiert, wenn du nicht zu Hause warst. Heimlich. Ich hab’s dir nie gesagt, aber später hab ich angefangen, mir zum Wegggehen die Halsketten auszuleihen, und ich hatte solche Angst, dass du’s rauskriegst, denn du hättest mir den Kopf abgerissen. Ich hatte auch schreckliche Angst, irgendwie Kratzer reinzumachen. Aber alle waren immer total geplättet, wenn ich deinen Schmuck anhatte, und ich hab immer allen erzählt: Das hat meine Mutter gemacht. Die konnten’s gar nicht glauben. Also danke, danke! Ich hätte mir nichts sehnlicher wünschen können.«

Mutter und Tochter schwelgten in Erinnerungen und malten aus, was sie aneinander bewunderten; um nicht ganz abzuheben, gruben sie auch ein paar weniger schöne Erinnerungen aus. Zwischenzeitlich schwiegen sie und zerbrachen sich beide den Kopf, um sich später nicht vorwerfen zu müssen, irgendetwas vergessen zu haben. In abgehackten Sätzen schwang Amelia genau eine jener »Reden«, die ihre Mutter das letzte Jahr über zur Weißglut gebracht hatten. Doch zum ersten Mal war Glynis in der Lage, stillzusitzen und die Komplimente anzunehmen. Es hatte nichts Unsensibles, zu reden, als würde sie sterben, wenn das tatsächlich der Fall war.

Der Besuch war herzlich genug und gut genug, um nicht übermäßig lang sein zu müssen.

»Habt ganz viel Spaß in Afrika«, sagte Amelia, nachdem sie aufgestanden war. »Ich hoffe, ihr schafft es bis nach Pemba, bevor …«, sie zögerte, ehe sie in die neue Offenheit hineinfand, »… bevor du stirbst. Und ich hoffe, dass das Ende … nicht zu sehr wehtun wird. Wahrscheinlich haben sich die Dinge nicht ganz so entwickelt, wie du’s gern gehabt hättest, aber ich glaube trotzdem, dass du ein gutes Leben hattest, Mama.«

Shep hatte schon Angst, dass sich seine Frau mit irgendeinem Satz aus der Affäre ziehen würde, der einem Pogatchnik würdig wäre, etwa: »Tja, es war, wie es war.« Stattdessen warf sie ihrem Mann einen langen Blick zu, bevor sie sich wieder zu ihrer Tochter wandte. »Ja, mein Schatz«, sagte sie. »Ich glaube auch, dass ich ein gutes Leben hatte.«

Als die beiden Frauen an der Tür standen und einander ansahen, war es ein seltsamer Augenblick, aber seltsam einfach – ja sogar elegant. Sie umarmten sich. Keine der beiden weinte. Ihr Lebewohl war würdevoll: einer diese gelungenen Abschiede, bei dem keiner seinen Pullover vergaß und noch einmal zurückkommen musste.

»Mach’s gut, Mama«, sagte Amelia.

»Mach’s gut, Amelia.« Und dann fügte Glynis mit ironischem kleinen Lächeln hinzu: »War nett, dich kennengelernt zu haben.«

»Ja«, sagte Amelia, und ihr Lächeln war ebenso ironisch, und in ihrer Stimme schwang das gleiche trockene, stilvolle Understatement mit, und es bestand kein Zweifel: Die beiden mussten verwandt sein. »War ebenfalls nett, dich kennengelernt zu haben.«