Kapitel 5

Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 01. 2005 – 31. 01. 2005
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 697 352,41

NACH DER ARBEIT war Shep mit Beryl verabredet; er hatte versprochen, dass er sie abholen würde. Anfang der Woche hatte sie angerufen, weil sie nach Elmsford kommen und »ein bisschen bei ihm abhängen«, mit anderen Worten: sich zum Essen einladen wollte. Einerseits war das Timing schlecht – so schlecht, wie das Timing für unabsehbare Zeit schlecht sein würde, egal für was –, und andererseits war es gut. Da Zach mal wieder im Kabelgewirr irgendeines ungelüfteten Jungenzimmers übernachten würde, konnte Shep sich mit Beryl schon mal darin üben, die Nachricht persönlich zu überbringen. Sie hatten beschlossen, morgen den Kindern Bescheid zu sagen, und er wollte sich über die Formulierung noch Gedanken machen. Er war sich immer noch unsicher, ob er ihnen von der Prognose erzählen sollte, wo er nicht mal mit Glynis darüber gesprochen hatte.

Seine Schwester in Chelsea abzuholen bedeutete, dass er sich im Berufsverkehr von Brooklyn nach Manhatten quälen musste. Die U-Bahn zu nehmen wäre ihr nie in den Sinn gekommen. (Im umgekehrten Fall hätte Beryl natürlich niemals angeboten, ihn abzuholen. Doch er hatte sich damit abgefunden, dass er der Gebende und seine Schwester die Nehmende war, als hätten sie einfach nur verschiedene Aufgaben. Es war Jackson, der sich darüber aufgeregt hatte, dass sein Freund ständig anderen Leuten Gefallen tat, die er selbst nicht mal in Millionen Jahren verlangen würde. Wenn sich Beryl also bereit erklärte, ihren zeitintensiven Terminplan zurückzustellen, um bei ihrem langweiligen Bruder Elendstourismus zu betreiben, konnte das nur bedeuten, dass sie irgendetwas von ihm wollte. Mehr als nur ein Abendessen.

Das Mesotheliom ließ ihn die Frustration über seine Schwester vergessen, außerdem vertrieb die Sorge um Glynis jede Form von Trauer um Pemba, die ihn andernfalls hätte befallen können. Er hatte Jackson nicht angelogen. Er dachte wirklich nicht daran. Glynis’ Krankheit bewirkte dieselbe Form von laserscharfer Fokussierung, die Zach bei seinen Computerspielen fand, und ersetzte ihm auf ideale Weise den Tunnelblick, dem er zuvor durch das Jenseits vergönnt gewesen war. Pemba ersatzlos zu streichen hätte ihn verloren, gebrochen, schwimmend und ausnahmsweise wirklich wütend zurückgelassen. Aber so, wie die Lage jetzt war, hatte er immer noch eine Hauptdirektive. Er würde alles tun, damit es Glynis gut ging und damit sie sich nicht überanstrengte. Er würde alles tun, um sie zu retten.

Da sich Beryl angekündigt hatte, war er am Vorabend bis drei Uhr nachts aufgewesen, um eine Lasagne zuzubereiten und Salat zu putzen. Er hatte nie viel gekocht und sich auch nie besonders dafür interessiert, doch seine Interessen spielten jetzt keine Rolle mehr. Er schlug Rezepte nach. Das passte zu einem Mann, der von Natur aus folgsam war; er kochte sie bis aufs i-Tüpfelchen nach.

Da es vorerst nichts zu überlegen gab, das der Hauptdirektive diente – er hatte bereits Dutzende von Internetseiten gelesen, um Glynis auf den Eingriff in zwei Wochen vorzubereiten –, erlaubte er sich im zäh fließenden Verkehr auf der Brooklyn Bridge, über Jackson und sein Buch nachzudenken. Nicht mal Jackson selbst glaubte, dass er es jemals schreiben würde. Er gehörte nun mal zu den Leuten, die im Gespräch bemerkenswerte Einsichten haben, sich vor der Tastatur aber verkrampfen. Schon komisch, wie mitteilsam und artikuliert manche Leute waren, während man plaudernd mit ihnen durch die Gegend spazierte, aber allein konnten sie ums Verrecken keinen vernünftigen Satz zu Papier bringen. Die Vernunft wurde spastisch, das Vokabular schrumpfte auf »Kuh« und »Haus«, und sie waren nicht mal in der Lage, den Gang zum Briefkasten zusammenhängend zu schildern. So jemand war Jackson. Titel waren das Einzige, was er konnte. DIE VOLLTROTTEL. Wie eine Bande Ganoven Amerika zu einem Land der Machtlosen, Mittellosen und Mundtoten gemacht hat, obwohl sichs hier früher mal verdammt gut leben ließ – wie gesagt, Titel, die konnte er eben.

Was die halbgaren Theorien seines Freundes anging, war sich Shep nie ganz sicher gewesen, ob er sie persönlich auch nur im Geringsten für bare Münze nahm. (Es war schwierig, diese Ansichten mit einer politischen Partei in Zusammenhang zu bringen, da Jacksons Meinung nach auch das Nichtwählen eine politische Partei darstellte.) Ihr zufolge teilte Amerika sich auf in Leute, die sich an die Spielregeln hielten, und in solche, die die Spielregeln bestimmten (oder ganz ignorierten). Aus Einfachheitsgründen sprach Jackson von einer »Hälfte«, die die andere schröpfte, wobei er einräumte, dass das Verhältnis vermutlich extremer sei; der Bruchteil der Bevölkerung, der von den gewiefteren Leuten geschröpft wurde, mochte wohl ein Drittel, wenn nicht nur ein Viertel darstellen. Über die Jahre hatte Jackson die beiden Gattungen mit diversen selbst gebastelten Kurzbezeichnungen versehen, an deren Kinderreimalliterationen sich Shep immer wieder gern erinnerte: Pfeifen und Parasiten. Nutznießer und Nichtswisser. Trittbrettfahrer und Treteimer. Sklaventreiber und Schleicher. Blutsauger und Blitzmerker. Ganoven und Gehirnamputierte. Seit drei oder vier Jahren sprach er von Absahnern und armen Säuen; vielleicht würde es dabei bleiben.

Jacksons Meinung nach setzten sich die Absahner vor allem aus der Regierung zusammen sowie aus allen, die der Regierung zuarbeiteten: Bauunternehmer, »Berater«, Think-Tanker und Lobbyisten. Seine besondere Verachtung galt den Buchhaltern und Anwälten, von denen beide auf hinterhältige Weise so taten, als wären sie auf der richtigen Seite, während sie in Wirklichkeit nur eine dubiose Verlängerung des Regierungsarms bildeten, und mit ihren Wucherpreisen die Steuern in die Höhe trieben. Weitere Absahner: Sozialhilfeempfänger natürlich, wobei Jackson beteuerte, dass sie noch das geringste Problem und ebenso Opfer wie Täter waren. Marathonläufer, die wegen eines verstauchten Daumens Berufsunfähigkeitsrente kassierten. Banker, die nichts von Wert produzierten und deren Geld-zu-Geld-Machen alchemistische Dimensionen hatte. Am anderen Ende des Spektrums: jeder Schlaumeier, der sich weigerte, ein nennenswertes Einkommen zu verdienen – wozu die Mühe, wenn einem sowieso die Hälfte wieder abgeknöpft wird? (Jackson empörte sich gern über die antikommunistische Propaganda seiner Jugend. Wer das halbe Jahr lang Vollzeit für die Regierung arbeitete, lebte verdammt noch mal im Kommunismus.) Die Erbengeneration, zu der auch Pogatchnik zählte. Illegale Einwanderer, die sich, wenn sie nur halbwegs bei Verstand waren, ewig ohne Papiere durchmogeln würden; denn die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen bedeutete nichts anderes, als dass man eine arme Sau mit Bankkarte wurde, eine lächerliche Ambition.

Zu den armen Säuen hingegen zählte sich Jackson frohen Mutes selbst. Arme Säue legten weder Findigkeit noch neue Ideen an den Tag, jene offenbar wesenhaften Züge des Nationalcharakters. Da sie in der Pubertät nie vernünftig rebelliert hatten, waren die armen Säue in ihrer Entwicklung zurückgeblieben und noch als Erwachsene im übertragenen Sinne damit beschäftigt, den Tisch zu decken und den Müll rauszutragen. Sie hatten vielleicht gelernt, im Beisein ihrer Väter »fuck« zu sagen, aber das Wort im Zusammenhang mit dem Finanzamt auszusprechen brachten sie nicht fertig. Bei der Steuererklärung tropfte der Angstschweiß, und sie rechneten ihre abgegriffenen Belege über 349 und 267 Dollar zusammen und standen kurz vor dem Nervenzusammenbruch, wenn die Kalkulation beim zweiten Durchgang nicht auf den Cent genau stimmte – obwohl die Empfänger ihrer fleißigen Buchhalterei mal locker 349 Millionen am obersten Rechnungshof vorbeischleusten oder 267 Milliarden in einen sinnlosen Krieg in irgendeiner Sandwüste versenkten. Diese armen Schlucker, die auf Zehenspitzen durch ihr Leben gingen und vor lauter Angst alles, für das sie je gearbeitet hatten, abtraten, waren schlicht und ergreifend Vollidioten.

Wobei das alles ja so nie gedacht gewesen war, wie Jackson beharrte. Heimlich, still und leise hatten die Absahner Schritt für Schritt ein System gekapert, das anfangs gar nicht so schlecht gewesen war. Was Thomas Jefferson und Konsorten eigentlich gewollt hatten, war ein Land, das einen in Ruhe ließ und einem die Freiheit zusicherte, zu machen, was man verdammt noch mal wollte, solange dabei niemand zu Schaden kam – kurz, ein Land »wo sich’s leben lässt«, und nicht »dieser ganze Scheiß hier«.

Shep wollte nicht glauben, dass er vom Staat nichts zurückbekam. Straßen, wie er hervorhob. Brücken. Laternen und öffentliche Parks. Zugegeben, es war genau das, was Jackson unter dem Oberbegriff »Bürgersteige« zusammenfasste: Das Mindestmaß an Infrastruktur, das erforderlich war, um ein normales Leben zu führen, wurde größtenteils von den Gemeinden finanziert, deren Stück vom großen Kuchen so klein war, dass es auf einem Teller umfallen würde. Wenn jeder Bürger, wie Jackson immer wieder feststellte, dieselbe Summe in den Topf werfen würde, könnten sie ihre sämtlichen primitiven kommunalen Bedürfnisse mit dem »Kleingeld« decken – und genau das hatte George Washington im Sinn gehabt, statt »irgendeinem beschissenen König die Füße zu küssen«.

Shep musste zugeben, dass die für ihn persönlich fühlbaren Gegenleistungen für seine Steuergelder erstaunlich schwer zu benennen waren. Dennoch hatte er das Gefühl, dass die sein Leben bestimmenden Instanzen sich zu einer gewissen Ordnung fügten. Selbst eine grobe, ungerechte Ordnung war unbezahlbar, im Gegensatz zum Chaos eines Rudels wilder Tiere.

Und selbst wenn er Jacksons comicartige Kategorien akzeptierte, wäre er immer noch lieber eine arme Sau als ein Absahner. Jemand, auf den sich andere verlassen konnten, ein Mann im besten Sinne des Wortes. Auch wenn er implizit an einen Gesellschaftsvertrag glaubte – man erklärte sich bereit, für andere zu sorgen, um sich dann, wenn es so weit war, von ihnen umsorgen lassen zu können –, hielt er nicht deswegen an seinen Pflichten fest, um irgendwann etwas einfordern zu können. Wenn es nach ihm ginge, würde er bis ans Ende seiner Tage eine Quelle bleiben und kein Abfluss, und sei es, weil es ein gutes Gefühl war, zuverlässig, eigenständig und kompetent zu sein. Nur dank einer Regelung Sheps beim Verkauf von Allrounder – die schriftliche Zusicherung Randy Pogatchniks, dass Jackson als Personalmanager ein sechsstelliges Gehalt inklusive Preisgleitklausel beziehen würde –, verdiente sein Freund überhaupt genug Geld, um sich über die Steuern, die er zahlen musste, zu ärgern, und manchmal fragte sich Shep, ob er dem Mann damit einen Gefallen getan hatte. Was war es nur in Jacksons Leben, das ihm so sehr das Gefühl gab, den Kürzeren gezogen zu haben?

WUNDERSAMERWEISE STAND BERYL schon in der Eingangshalle und spähte durchs Fenster, sodass er jetzt nicht x-mal um die 6th und 7th Avenue würde im Kreis fahren müssen, bis sie sich nach unten bequemte. Unter den genoppten Schichten eines Capes, diversen Pullovern und Tüchern und schwer behangen mit den Stein-plus-Feder-Klunkern, die Glynis nicht ausstehen konnte, warf sie sich in den Beifahrersitz. Beryls Pseudoschlabberlook stammte bestimmt nicht aus einem Secondhandladen – vermutlich zahlte sie Wucherpreise, um so zerknittert auszusehen –, und er war typisch für eine Generation, die die Sechziger um ein Haar verpasst hatte. Obwohl ihr älterer Bruder die Ära genauso wenig miterlebt hatte, hatte Shep genug von ihrem Endstück mitbekommen, um der Hippiezeit nicht nachtrauern zu müssen. Diese Typen gehörten mittlerweile allesamt zu den Absahnern. Sie borgten oder klauten sich andauernd Geld, wollten immer alles umsonst haben und ließen eine Menge antikapitalistisches Gewäsch vom Stapel, das sie sich gar nicht leisten konnten ohne ihre fleißigen Eltern, auf deren Kosten sie lebten. Es tat ihm leid um die Jungs, die in Vietnam umgekommen waren. Der Rest war Schwachsinn.

Beryl küsste ihm die Wange und rief: »Shepardo!«, sein Neorenaissance-Kosename aus der Kindheit, in dem noch immer eine gewisse Zuneigung mitschwang. »Mein Gott, ich hoffe, es sieht mich niemand in diesem SUV. Du erinnerst dich, ich hab diesen Film gemacht über die Aktivistengruppe, die als politisches Statement gegen die globale Erwärmung solche Kisten hier zertrümmert.«

Wäre Beryl wirklich um den Kohlenmonoxidausstoß besorgt gewesen, hätte sie den Zug genommen.

»Ist doch bloß ein Mini«, sagte er. »Der verbraucht nichts im Vergleich zu anderen Wagen.«

Sie fragte oberflächlich nach seinem Befinden. Shep war froh, dass sie gar nicht bemerkte, wie ausweichend er reagierte.

»Und, woran arbeitest du gerade?«, fragte er. Es war am sichersten, auf das Thema Beryl zurückzukommen. Sie erkundigte sich nie, was bei Randy los war; sie ging davon aus, dass dort ohnehin nie etwas los sei.

»Einen Film über Paare, die sich entschließen, kinderlos zu bleiben. Mit besonderem Fokus auf Leute so um die Mitte vierzig, die genau an dem Punkt sind, dass sie keine Wahl mehr haben. Ob sie zufrieden sind mit ihrem Leben, ob sie glauben, irgendwas zu verpassen, und was sie davon abgehalten hat, eine Familie zu gründen.«

Wie immer gab Shep sich Mühe, Interesse zu zeigen, aber es fiel ihm schwerer als sonst. »Und, sind die meisten still resignativ, oder bereuen sie’s so richtig?«

»Weder noch, jedenfalls die meisten. Sie sind vollkommen zufrieden!«

Während sie ins Detail ging, dachte Shep darüber nach, dass die Arbeit seiner Schwester von außen inkohärent wirken mochte. Der eine Dokumentarfilm, für den sie bekannt war, wenn sie denn bekannt war, war eine Lobeshymne auf Berlin, New Hampshire – Bör-lin ausgesprochen, eine provinzielle Verballhornung der europäischen Wurzeln, die von einer patriotischen Abspaltung von Deutschland während des Ersten Weltkriegs herrührte und die er immer als eigentümlich liebenswert empfunden hatte. Anhand von Interviews mit den schwindenden Einwohnern, von denen viele in den Papiermühlen gearbeitet hatten, die inzwischen fast alle geschlossen waren, hatte Beryls Film Kampf dem Papier das Archetypische einer untergehenden postindustriellen Kleinstadt in Neuengland eingefangen. Ihr Stil erinnerte an Michael Moore, nur ohne die Häme. Es war ein warmherziger Film, und er hatte ihm gefallen. Er hatte sich aufrichtig für sie gefreut, als sie mit ihrer einstündigen Eloge zum New York Film Festival eingeladen wurde. Außerdem hatte sie eine schrullige Dokumentation über Menschen ohne Geruchssinn gedreht und eine ernstere über Universitätsabsolventen, die sich durch ihre Studienfinanzierung verschuldet hatten.

Ihre Themen wirkten allerdings nur, als wären sie querbeet ausgewählt. Irgendwann ging einem auf, dass Beryls damaliger Freund in jener Gruppe aktiv war, die die Windschutzscheiben der SUVs zerschlug, und dass Beryl einen Groll gegen Autos aller Art hegte, weil sie sich selbst keins leisten konnte. Beryl war Mitte vierzig, und Beryl hatte keine Kinder. Genau wie Shep war Beryl in Berlin, New Hampshire, aufgewachsen. Beryl war ohne Geruchssinn zur Welt gekommen – was für ein echtes Begreifen ihres Leib- und Magenthemas eher hinderlich war, da Berlin über seine Kindheit und Jugend hinweg gestunken hatte – und Beryl hatte ihren Ausbildungskredit noch immer nicht zurückgezahlt. Das Selbstreferenzielle an der Arbeit seiner Schwester erreichte seinen Kulminationspunkt, als sie letztes Jahr einen Independent-Dokumentarfilm über Independent-Dokumentarfilmer drehte, ein Projekt mit einem deutlich selbstmitleidigen Unterton, in dem fast alle ihre Freunde vorkamen.

Im Allgemeinen war die quirlige, beherzte, durch Inspiration motivierte Zielstrebigkeit ihrer Jugend zu einer verbitterten, betrübten, durch Gehässigkeit motivierten Entschlossenheit gereift. Sie würde es »den Leuten schon noch zeigen«, welchen Leuten auch immer. Wenn Beryl sich mal wieder mit ein paar Cents ein Filmprojekt aus den Rippen leierte, hatte es weniger mit Berufung als mit Gewohnheit zu tun. Inzwischen war Beryl zu alt, um als aufstrebende Filmemacherin zu gelten, hatte sich aber nicht genug etabliert, um etwas anderes zu sein. Doch, doch, die Geruchsdoku hatte sie auf PBS untergebracht, und sie hatte das ein oder andere Stipendium des ein oder anderen Künstlergremiums gewonnen. Doch der Coup mit dem New York Film Festival war Jahre her. Der technische Fortschritt bei den Kompaktkameras, in dessen Folge sie mit minimaler Förderung weiterhin Filme drehen konnte, hatte auch dazu geführt, dass sich alle möglichen anderen Aspiranten die gleiche Kamera kaufen konnten, und die Konkurrenz war größer denn je. Vielleicht dachte Shep da zu konventionell, aber ihr Leben von der Hand in den Mund sah allmählich weniger nach einer begabten Frau aus, die für ihre Arbeit Opfer brachte, als nach Scheitern. Beryl kam in die mittleren Jahre.

»Könntest du dir immer noch vorstellen, bei einer Doku mitzumachen über Leute, die vom Aussteigen träumen?«, fragte sie, als sie auf der West Side Highway im Stau standen. »Ich hab sogar schon überlegt, den Film Der Glaube ans Jenseits zu nennen, oder so was in der Art.«

Er bereute es, dass er sie an seinem Privatjargon hatte teilhaben lassen. »Eigentlich nicht.«

»Du würdest dich wundern. Die Fluchtphantasie ist ziemlich weit verbreitet.«

»Danke.«

»Ich will nur sagen, du bist damit nicht allein. Ihr seid eine Art Klub. Wobei ich mich bisher ein bisschen schwergetan habe, Leute zu finden, die tatsächlich ausgestiegen sind. Bei den zwei Fällen, die ich aufgetrieben habe, sind beide zurückgekommen. Ein Paar ist nach Südamerika gegangen, und die Frau wär’ da fast gestorben; ein anderer Typ hat alles verkauft, was er hatte, und ist auf eine griechische Insel gezogen, wo ihm die Decke auf den Kopf gefallen ist, und er konnte auch kein Griechisch. Sie haben’s beide nur ein Jahr ausgehalten.«

Shep wollte sich auf keinen Fall in eines ihrer Projekte verwickeln lassen. Nachdem Beryl ihr eigenes Leben zum größten Teil ausgeschlachtet hatte, drohte ihre Arbeit nun auf die Verwandtschaft überzuspringen. Gott sei Dank hatte er ihr die bevorstehende Abreise nach Pemba nicht auf die Nase gebunden.

»Aber natürlich sind alle, die du hier antriffst, wieder zurückgekommen«, bemerkte er, »Die Leute, die für immer weg sind, sind nicht mehr hier.« Für ihn selbst war das Jenseits nur noch eine Theorie, doch in diesem quälenden, zäh fließenden Verkehr wollte er das Jenseits zumindest für andere als Möglichkeit beibehalten.

»Und«, sagte sie. »Mal wieder ein paar Brunnen gebaut in letzter Zeit?«

Ein sichereres Thema. Im Gegensatz zu seiner eigenen Familie fand Beryl seine Zimmerspringbrunnen bezaubernd.

BEIM EINBIEGEN IN den Crescent Drive ging Shep auf, dass er seine Schwester auch auf der Fahrt schon hätte einweihen können und dass das vielleicht netter gewesen wäre. Doch er konnte inzwischen nachvollziehen, was Glynis gemeint hatte mit ihrem Satz: »Ich habe mich in letzter Zeit nicht sehr nett gefühlt.« Aus irgendeinem Grund hatte er Lust, Beryl die Sache so schwer wie möglich zu machen.

Seine Frau und seine Schwester begrüßten sich kühl in der Küche. Da die theatralische, mitleidige Umarmung ausblieb, wusste Glynis, dass er im Auto noch nichts von ihrer Diagnose erzählt hatte; ihr Blick bestätigte ihm, dass es ihr recht war. Sie hatten ein Geheimnis, und es war ihre Sache, wann sie es anderen mitteilen würden. Im Verlauf des – vor allem für Beryl – nicht eben gemütlichen Abends begann er zu verstehen, warum seine Frau, die Tests und Termine zunächst für sich behalten hatte. In der vorenthaltenen Information lag eine gewisse Macht. Es war, als würde man mit einer geladenen Waffe durchs Haus laufen.

Glynis hatte umständlich eine Lage Alufolie über die Lasagne gespannt. Shep tadelte sie deswegen und sagte, das Essen sei doch seine Sache. Beryl war zu unaufmerksam, um sich darüber zu wundern, wo doch früher das Kochen immer in den Zuständigkeitsbereich ihrer Schwägerin gefallen war. Ebensowenig schien ihr aufzufallen, wie behutsam er seine Frau zu einem Sessel im Wohnzimmer führte und sie mit einem Drink versorgte. In zwei Wochen würde Glynis keinen Wein mehr trinken können, und er konnte nur hoffen, dass sie daran dachte, ihn jetzt entsprechend zu genießen. Beryl hatte nichts zu trinken mitgebracht. Das hatte sie noch nie getan.

Während sie warteten, bis die Hauptspeise aufgewärmt war, nahm Beryl einen großen Schluck Wein und begann sich durch die Oliven zu knabbern, wobei sie das eigens bereitgestellte Glasschälchen ignorierte und die Steine neben den Hochzeitsbrunnen auf den Glastisch legte. Sie wirkte nervös, was Shep im Gegenzug eine gewisse Behaglichkeit verlieh.

»Und, Glynis«, sagte sie. »Mal wieder was geschmiedet in letzter Zeit? Ich würd’s mir total gerne anschauen.« Davon abgesehen, dass sie gerade allzu offensichtlich Small Talk betrieb, setzte Beryl darauf, dass ihre Schwägerin seit Monaten nicht in ihrem Atelier gewesen war. Glynis und Beryl konnten sich auf den Tod nicht ausstehen.

Normalerweise hätte sich alles in Glynis gesträubt, aber heute Abend ging ein selbstzufriedenes Schnurren von ihr aus. »Seit deiner letzten Nachfrage nicht mehr«, sagte sie. »Ich war etwas abgelenkt.«

»Der Haushalt und der ganze Scheiß?«

»Eine Art Haushalt«, sagte Glynis. »Und Scheiß. Ganz viel Scheiß.«

»Machst du immer noch diese Gussformen für das Schokoladengeschäft?«

»Ehrlich gesagt bin ich gerade in Rente gegangen. Aber wenn du eigentlich nur wissen willst, ob wir immer noch eine Schachtel Ausschussware im Haus haben, ja. Etwas unförmig, aber frisch. Nimm dir von den Trüffeln so viele mit, wie du möchtest.«

»So war das gar nicht gemeint …« War es doch. »Aber wenn du meinst … Klar. Wäre super.«

Zur Erinnerung stellte Shep die Schachtel von »Living in Sin« neben die Tür. Glynis hatte zugeben müssen, dass ihr die lächerliche Halbtagsstelle mehr fehlte, als sie gedacht hatte. Nachdem selbst sie eingesehen hatte, dass die Qualität der Formen für Himbeersahnepralinen in Kükengestalt nicht die Geschicke der Welt lenkten, hatte ihr die Arbeit zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine angstfreie kreative Betätigung geboten. Traurig, aber hätte sie in ihrem Dachatelier auf die gleiche befreite und spielerische Art gearbeitet, hätte sie es als Kunstschmiedin wirklich zu etwas bringen können.

Er schenkte seiner Schwester nach. Den Hauptprogrammpunkt des Abends noch unter Verschluss zu halten mochte auf grausame Weise befriedigend sein, aber wenn sie länger warten würden, wäre der Zug allmählich abgefahren.

»Übrigens, letzte Woche hab ich mich in den Bus gesetzt und Papa besucht«, sagte Beryl, die sich selten nach New Hampshire aufmachte, es sei denn, sie wurde von ihrem Bruder im Auto mitgenommen. »Ich mach mir ein bisschen Sorgen um ihn. Ich glaub nicht, dass er noch sehr lange alleine zurechtkommt.«

»Ging doch eigentlich ganz gut bisher. Und sein Verstand ist – ich möchte fast sagen, leider – so scharf wie eh und je.«

»Er ist fast achtzig! Er schläft fast jede Nacht in diesem Sessel in seinem Fernsehzimmer, um keine Treppen steigen zu müssen. Er isst immer nur überbackenen Toast. Seine ehemaligen Gemeindemitglieder kaufen zwar manchmal für ihn ein, aber die meisten sind inzwischen selber ziemlich alt. Und ich glaube, er ist einsam.«

Da Shep regelmäßig und dreimal häufiger als seine Schwester nach Berlin fuhr, wusste er über den Sessel Bescheid, der eher eine Frage von Nachlässigkeit als von Invalidität darstellte. Papa schlief über seinen Krimis ein – dankenswerterweise nicht über der Bibel –, und er aß nun mal gern überbackenen Toast. Wobei sich Shep eigentlich hätte freuen sollen, dass sich seine Schwester so besorgt zeigte. »Was schlägst du vor?«

»Wir sollten vielleicht darüber nachdenken, ihn in eine dieser Pflegeeinrichtungen zu geben.« Seine Schwester hatte eine seltsame Art, mit Personalpronomen umzugehen.

»Du weißt, dass Medicare die Kosten nicht übernimmt.«

»Und warum nicht?«

»Es spielt doch keine Rolle, warum nicht«, sagte Glynis entnervt. Beryl hatte die Vorstellung, dass man nur feststellen musste, warum etwas anders sein sollte, und schon führte man eine Veränderung herbei.

»Streng genommen sind es keine medizinischen Einrichtungen«, sagte Shep geduldig. »Ich hab mich da erkundigt. So ein Laden kostet jährlich seine 75 000 bis 100 000 Dollar. Papa hat keine Ersparnisse, da er alles, was er hatte, verschenkt hat, und seine Rente kannst du vergessen.«

»Immer dasselbe mit dir, Shepardo! Ich spreche von der zunehmenden Gebrechlichkeit unseres Vaters, und du denkst wieder nur ans Geld.«

»Das liegt daran, dass man für das, was du vorschlägst, einen dicken Batzen davon braucht.«

»Einen dicken Batzen von unserem Geld, wenn man’s genau nimmt«, sagte Glynis. Dass Shep seiner Schwester Zehntausende Dollar geliehen hatte, hatte seine Frau immer empört. Glynis’ minimale Einkünfte machten sie nur umso besitzergreifender, wenn es um seine ging. »Oder hattest du vor, etwas dazu beizusteuern? Schließlich ist er auch dein Vater.«

Beryl warf die Arme in die Luft und rief: »Woher nehmen, wenn nicht stehlen! Meinst du, ich hätte im Lotto gewonnen, und du hast an dem Tag nur keine Zeitung gelesen? Die Filmförderung für das Kinderlosigkeitsprojekt ist schon aufgebraucht, und ich muss den Film aus eigener Tasche zu Ende drehen – von dem bisschen, was ich habe. Ist ja nicht so, dass ich ein Arschloch wäre. Ich bin einfach nur total blank.«

Arm zu sein war gewiss anstrengend, doch einen Augenblick lang beneidete Shep seine Schwester um die entspannende Seite der Armut. Geldnot nahm seiner Schwester in vielen Dingen die Last der Verantwortung ab, von der Instandhaltung der Williamsburg Bridge bis hin zur Pflege seines Vaters. Doch selbst wenn Beryl das war, was Juristen als »unpfändbar« bezeichnen, befreite es sie nicht von anders gearteten Urteilen, und in diesem Moment schien es wichtig, sich dezidiert auf die Seite seiner Frau zu schlagen. »Es ist deine Idee, Papa in ein Seniorenheim zu geben, du erwartest aber, dass wir die Rechnung übernehmen.«

»Hast du Allrounder nicht für ungefähr eine Million Dollar verkauft? Großer Gott, Shep!«

In seinem nächsten Leben würde er die Klappe halten. »Meine Quellen sind nicht unerschöpflich. Ich hab da noch gewisse andere … Verpflichtungen. Und wenn Papa die nächsten fünf bis zehn Jahre einigermaßen bei Gesundheit bleibt, könnte dein Vorschlag dazu führen, dass irgendwann wir total blank sind.«

Beryls Augen funkelten vor Wut; unter anderen Verpflichtungen stellte sie sich offenbar den Kauf eines iPod für Zach vor. »Na ja … und wenn Papa hier einziehen würde? Ihr habt doch Amelias altes Kinderzimmer.«

»Nein«, sagte Shep rundheraus und ärgerte sich über sich selbst, denn ein Großteil dieses Gesprächs hätte sich vermeiden lassen können, wenn er schon im Auto mit den Neuigkeiten herausgerückt wäre. »Nicht jetzt.«

»Und was ist mit deiner Wohnung?«, fragte Glynis. »Für Manhattaner Verhältnisse ist sie der reinste Palast. Und wenn du finanziell schon nichts beisteuern kannst …«

»Das ist wahr«, sagte Shep und spielte mit. »Und ich könnte dir mit den Nebenkosten aushelfen.«

Natürlich würde die frisch gefälschte kindliche Sorge seiner Schwester niemals so weit gehen, selbst Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, und er glaubte, dass sie Beryl nun ausreichend in die Enge getrieben hatten. Jetzt spiegelte sich Zorn anstelle von Missmut in ihrem Blick.

»Sorry, aber ist nicht«, sagte Beryl knapp, siegesgewiss. »Das gehört zu den Dingen, die ich mit dir besprechen wollte.«

Es war das Ding, vermutete Shep, das sie mit ihm besprechen wollte. Sie zogen in die Küche, wo die Lasagne schon leicht angebrannt war.

VIELE JAHRE LANG hatte Beryl auf der West 19th Street in einem Haus ohne Fahrstuhl in einer immens großen Wohnung mit hohen Decken und sämtlichen Originaleinbauten gewohnt und lächerlich wenig dafür gezahlt. Bei ihren vielen unbeständigen Romanzen hatte ihr der Besitz dieser Dreizimmerwohnung eine unverhältnismäßige Machtposition zugesichert. Sie konnte ihren Partnern immer damit drohen, sie hinauszuwerfen aus einer Bleibe, deren Speisekammer größer war als jede Wohnung, die sie sich selbst hätten leisten können. Dass ihre Kerle sie für ihre Mietwohnung liebten, hätte Shep nun auch wieder nicht behaupten wollen, aber wenn sie sich in Beryl verliebten, verliebten sie sich zunächst einmal in ihre Wohnung.

Das Gebäude gehörte zur schwindenden Zahl von Häusern, die noch durch das nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführte anachronistische System der Mietpreisbindung gedeckt waren. Die Besitzer dieser geschützten Häuser waren derart verzweifelt bemüht, ihre Mieter loszuwerden und die Wohnungen wieder auf den freien Markt zu werfen, dass in den Statuten ausdrücklich geregelt wurde, was geschah, wenn die Hausbesitzer in ihren eigenen Gebäuden Feuer legten.

»Jedes Mal, wenn ein Mieter gestorben ist«, erzählte Beryl und spießte ein Salatblatt auf ihre Gabel, »und ich meine, die Leiche ist noch warm – wusch, kommen auch schon die Arbeiter und fangen an zu renovieren. Und dass die ganzen grandiosen Gesimse und Kerzenleuchter entfernt werden, versteht sich natürlich von selbst! Die Wohnungen werden total ausgeweidet. Der Hausbesitzer hat die Eingangshalle komplett neu machen lassen, obwohl sie noch in einem super Zustand war, und den ganzen Keller hat er zu ekligen kleinen Studios umfunktioniert, also haben wir jetzt keinen Waschmaschinenraum mehr. Irgendwann hat er endlich die Wohnung meines Nachbarn auf meinem Stockwerk zwischen die Finger bekommen – AIDS –, und das war’s. Fünfundsiebzig Prozent des Hauses ist jetzt offiziell ruiniert, das nennt sich dann ›Grundsanierung‹. Das war’s dann mit der Mietpreisbindung. Ich hab keine Ahnung, was ich machen soll!«

»Du meinst, er kann dir jetzt abnehmen, was deine Wohnung tatsächlich wert ist?«, fragte Glynis.

»Ja!«, sagte Beryl zornig. »Bingo, meine Miete könnte von ein paar Hundert Dollar auf ein paar Tausend raufgehen! Tausende und Tausende!«

»Das wundert mich«, sagte Shep. »Normalerweise werden die Mieter bei uns doch geschützt wie eine bedrohte Tierart.«

»Wir sind ja auch eine bedrohte Tierart. Mir wäre nichts passiert, aber genau in dem Moment, als der Hausbesitzer diese 75-Prozent-Marke erreichte, hat er sich ein paar Schläger angeheuert und eine Hexenjagd nach illegalen Untermietern veranstaltet. Der Typ, der einfach nur pro forma in meinem Mietvertrag steht und vor ungefähr fünf Mietparteien da gewohnt hat, also irgendwann in der Steinzeit, ist nach New Jersey gezogen. Und ich hab dem auch noch ein Vermögen an Abstand gezahlt. Aber der Vollidiot hat sich umgemeldet, und sie haben’s rausgekriegt.«

»Das heißt, du stehst nicht im Mietvertrag?«

»Moralisch gesehen steh ich natürlich drin! Ich wohne da seit siebzehn Jahren!«

Trotz seiner Ahnung, dass Beryls Ärger sehr bald ihn betreffen würde, verschaffte es Shep eine perfide Genugtuung, dass die Wohnhilfesituation seiner Schwester nun ein Ende hatte. »Auf dem freien Markt«, bemerkte er, »würde die Wohnung fünf- bis sechstausend Dollar im Monat kosten.«

Glynis sah nicht nur aus, als empfände sie eine perfide Genugtuung. Sie wirkte geradezu entzückt. Seit der Diagnose schien sie an anderer Leute Unglück ihre helle Freude zu haben; umso mehr, wenn Beryl die Leidtragende war. »Und wie ist der Plan? Jetzt erzähl mir nicht, du willst in Amelias Zimmer einziehen.«

»Ich will ihn verklagen

»Wen? Und für was?«, fragte Shep.

»Den Typen, der sich seit Jahren einen zurechtmauschelt, um diese 75-Prozent-Marke zu erreichen, wo praktisch keine einzige dieser Renovierungen wirklich nötig war.«

»Es ist sein Haus.«

»Es ist meine Wohnung!«

»Nur wenn du dir die Miete leisten kannst. Hör zu«, sagte Shep und trennte mit der Gabel den schwarz verbrannten Rand von einer Nudel, »du solltest hier vielleicht eher ›das Glas ist halb voll‹ denken. Überleg mal, wie viel Schwein du gehabt hast. Wie toll du’s all die Jahre gehabt hast. Okay, das ist jetzt vorbei –« Ihm stockte die Stimme. Wie toll dus all die Jahre gehabt hast. Okay, das ist jetzt vorbei. Die Rede hätte er genauso gut sich selbst halten können.

»Niemand ist glücklich«, sagte Beryl, »wenn das Glück gerade zur Neige gegangen ist.«

»Das kann man wohl sagen«, sagte Glynis.

Shep gab allen noch einen Nachschlag. Eigens für die Mahlzeit hatte er Glynis’ berühmtes Fischmesser aus Sterlingsilber hervorgeholt, wobei es ein wenig unhandlich war für eine Lasagne und zugegebenermaßen nicht ganz zu der zerbeulten Aluminiumkasserolle passte. Aber er wollte seiner Frau das Gefühl geben, etwas geleistet zu haben, er wollte die seltene Gelegenheit nutzen und mit ihr angeben. Als sie sich zu Beginn hingesetzt hatten, war seine Schwester verpflichtet gewesen, die schlanke silberne Linienführung, die ozeangrüne und aquamarinfarbene Einlegearbeit aus Bakelit, jene Arbeit also, deren Herstellung sie Glynis eigentlich gar nicht zutraute, zu loben. Beryls sichtlich unaufrichtige Komplimente hatten seiner Frau eine gewisse boshafte Freude bereitet.

Glynis lehnte den Nachschlag ab. Bitte, flüsterte er. Bitte. Er legte ihr trotzdem ein kleines Quadrat auf den Teller und murmelte: Versteh doch. Es geht hier nicht mehr ums Essen. Beryl war zu beschäftigt mit dem Verlust ihres stabilen Mietpreises, um Rückschlüsse auf den vorhergegangenen Dialog zu ziehen. Ohne die geringste Ahnung, wie er jetzt noch auf das eigentliche Thema des Abends zu sprechen kommen sollte, versuchte er, sich schrittweise anzunähern.

»Apropos Schwein gehabt«, sagte Shep scheinbar nebensächlich, »hast du eigentlich eine Krankenversicherung?«

»Ich würde mein Erstgeborenes dafür hergeben, nur hab ich leider keins.«

»Aber was wäre, wenn du einen Unfall hättest oder krank würdest?«

»Keine Ahnung.« Beryl war trotzig. »Die Notaufnahme muss einen doch behandeln, oder nicht?«

»Nur für die Notfallversorgung. Und dann schicken sie dir die Rechnung.«

»Die sie sich sonstwo hinschieben können.«

»Das könnte deine Kreditfähigkeit ruinieren«, sagte er und zuckte innerlich zusammen; genau solchen Begriffen wie Kreditfähigkeit hatte er in Pemba sehnlichst zu entfliehen gewünscht.

»Das ist deine Welt, großer Bruder. Hier draußen in meiner, da scheiß ich auf so was.« Offensichtlich war ihr Zorn über die bevorstehende Zwangsräumung auf ihren biederen Bruder, sein konventionelles Haus in Westchester, seinen Benzinfresser und seine verwöhnte Dilettantin von einer Frau übergegangen.

»Aber wenn dir irgendwas Schlimmes passieren würde …«, sagte Shep. »Tja, wer tatsächlich am Ende für dich aufkommen würde, wäre doch wohl ich, oder? Wer sonst, wo Papa nur seine Rente hat. Genau aus dem Grund zahl ich ja auch Amelias Krankenschutz.«

»Wenn du mich krankenversichern willst, tu dir keinen Zwang an. Wie ich heraushöre, machst du dir eigentlich keine Sorgen um mich, sondern um dich.«

»Eine Versicherung in deinem Alter könnte auf einen Tausender im Monat hinauslaufen.«

»Sag ich ja«, sagte Beryl. »Manchmal verdiene ich netto nicht mehr als einen Tausender pro Monat. Da müsste ich mir dann mein Essen aus Mülltonnen zusammenklauben, aber dafür hätte ich die beste Krankenversicherung, die man kriegen kann!«

»Ohne Versicherung«, sagte Glynis, »stellen dir die Krankenhäuser das Doppelte in Rechnung.«

»Sehr sinnvoll«, schäumte Beryl. »Doppelte Kosten für die Leute, die sich’s am wenigsten leisten können.«

»Ich hab das System nicht erfunden« sagte Shep leise. »Aber man wird älter, es passieren Sachen, und du solltest vielleicht doch allmählich mal darüber nachdenken.«

»Pass auf! Zum Glück bin ich nicht kurz davor, tot umzufallen, ich hab nämlich im Moment andere Probleme, verstehst du? Wenn du dir wirklich Sorgen um mich machst, dann, ja, kannst du mir helfen. Angenommen, ich wehre mich nicht gegen diese Geschichte – kann ich mir ja auch gar nicht leisten –, dann werde ich umziehen müssen. Ich hab mir gedacht, erst mal könnte ich ja mein Zeug nach Berlin schaffen; für Papa wär’s okay. Vielleicht sogar eine Weile da wohnen, um Kosten zu sparen. Aber um in New York wieder an einen Mietvertrag zu kommen, bräuchte ich Hilfe mit der Kaution. Also drei Monatsmieten. Und du weißt ja, was in Manhattan los ist – ein Apartment von der Größe eines Dixi-Klos kostet dreitausend im Monat. Also pass auf, ich mach das nur ungern, aber … wäre es für mich nicht sinnvoller, zu kaufen? Statt die ganze Miete in irgendeine Bruchbude zu stecken? Wenn du einfach nur, ich weiß nicht, vielleicht hunderttausend für die Anzahlung hättest, so in etwa? … Denk’s dir einfach als Investition.«

»Du willst, dass ich dir hunderttausend Dollar gebe. So in etwa.«

»Ich will einfach nie wieder, dass mich irgendein Wichser einfach aus meinen eigenen vier Wänden schmeißen kann. Das ist ein Notfall, Shepardo. Ich flehe dich an.«

Unter dem Tisch griff Shep nach Glynis’ Hand. Schon einige Male waren zwischen ihnen aufgrund von Beryls Darlehen die Fetzen geflogen; mit einem Blick versicherte er ihr, dass er seiner Schwester nicht heimlich einen Scheck zuschieben würde.

»Beryl«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Wir werden dir keine Wohnung kaufen.«

Beryl sah ihren Bruder an wie eine Maschine, die bislang immer zuverlässig ihren Dienst getan hatte und auf einmal nicht mehr ansprang. Sie drückte noch einmal den Knopf. »Vielleicht denkst du ja noch mal drüber nach.«

»Ich muss nicht darüber nachdenken. Wir können’s nicht.«

»Aber wieso nicht?«

Und das war genau die Gesprächseröffnung, auf die Shep gewartet hatte. Erst mal holte er tief Luft, ein Atemzug, der lang genug war, um Beryls Zorn zu schüren. Sie schien zu registrieren, dass ein Nein in Gelddingen, anders als beim Sex, wirklich nein bedeutete, und die Empörung trieb sie zum Äußersten.

»Jetzt erzähl mir nicht«, sagte sie düster, »dass du meine Anzahlung irgendwo für dein Jenseits auf der hohen Kante hast. Du stopfst Millionen und Abermillionen in irgendeinen Sparstrumpf für ein Phantasie-Walhalla, während deine Schwester obdachlos wird. Wieso musstest du auch Jahr für Jahr unter dem Vorwand der ›Recherche‹ für teures Geld in Urlaub fahren! Jetzt mach mal die Augen auf! Wenn du dich jemals an einen Strand in der Dritten Welt hättest absetzen wollen, um den ganzen Tag Piña Colada zu schlürfen, wärst du doch längst weg, oder nicht? Du könntest mir jetzt in meinem Leben unglaublich helfen, aber nein! Wir alle müssen für deine Trugbilder zahlen, für diese überkandidelte Idee, dass du was Besseres bist und über allem drüberstehst, wo du doch in Wirklichkeit einfach nur genauso ein fest angestelltes Arbeitstier bist wie jeder andere in diesem Land. Ich versuche, was Interessantes aus meinem Leben zu machen und kritische und phantasievolle Filme zu drehen, die in der Erfahrungswelt der Leute was bewirken, und dass das wenig abwirft, ist nicht meine Schuld. Ich arbeite genauso hart wie du, und vielleicht härter, viel härter. Aber ich kann nichts vorweisen, und jetzt hab ich nicht mal mehr ein Dach überm Kopf – dank reicher Kapitalisten wie dir, die unbedingt immer reicher werden müssen. Unterdessen fährst du mit deinem dicken Auto durch die Gegend und wohnst in deinem dicken Vorstadthaus, und dein Bankkonto platzt aus allen Nähten – und für was? Du wirst nur ein Jenseits sehen, lieber Bruder, und da wird’s dir noch verdammt heiß werden, wenn du zu Lebzeiten nicht ein bisschen mehr Nächstenliebe gegenüber deiner eigenen Familie walten lässt!«

Als Beryl seiner Einschätzung nach fertig war, drückte er sanft die Hand seiner Frau, bevor er alle Finger auf dem Tisch verschränkte und sich seiner Schwester zuwandte.

»Du hast recht«, sagte Shep ruhig. »Auch wenn ich es lange gehofft hatte, werden wir jetzt wohl kein faszinierendes und entspanntes Leben in einem erschwinglicheren Land führen. Das tut mir leid. Aber noch mehr tut mir leid, aus welchem Grund das so ist.«

»Und der wäre?«, fragte Beryl höhnisch.

»Soeben haben wir erfahren, dass Glynis Krebs hat. Sie hat eine seltene und virulente Krankheit namens Mesotheliom. Möglicherweise hat sie sie sogar von mir, weil ich mit asbesthaltigen Produkten gearbeitet habe. Ich werde meine Kräfte und meine Ersparnisse zusammenhalten müssen. Da ich nun die Wahl habe, entweder für Glynis’ Gesundheit zu sorgen oder meiner Schwester auf dem aufgeblähtesten Immobilienmarkt des Landes eine Eigentumswohnung zu kaufen, werde ich mich doch eher dafür entscheiden, das Leben meiner Frau zu retten.«

Ein Lächeln wäre unangemessen gewesen, doch er musste sich beherrschen, damit sich einer seiner Mundwinkel nicht erkennbar hochzog. Am Nachmittag im Park hatte er Jackson erzählt, dass er die »ehrenvolle Aufgabe« übernehmen und seine Schwiegereltern über Glynis’ Krankheit aufklären wolle, da Glynis ihre Verwandten sicherlich ködern und zu einer garstigen Bemerkung verleiten würde, um ihnen dann ihre katastrophale Nachricht ins Herz zu rammen. Vielleicht waren sie beide gar nicht so unterschiedlich, wie Shep oft befürchtet hatte.

»ICH WEISS, DAS klingt jetzt pervers«, sagte Glynis und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, während er den Abwasch machte. »Aber ich habe mich heute Abend köstlich amüsiert. Mir war gar nicht klar, dass Krebs so viel Spaß machen kann.«

»Weißt du was, für sie war das immer schon klar. Dass Jenseits bloß ein ›Trugbild‹ ist.«

»Beryl ist die Kreative, und du bist der Langweiler. Die Leute hängen sehr an solchen Kategorien. Dass du auch mal was Mutiges oder Seltsames tun könntest, würde sie gar nicht wollen.«

Er drehte sich von der Spüle weg und sah sie an. »Würdest du’s denn wollen?«

»Vielleicht«, sagte sie. »Aber nicht ohne mich.«

»Sei ehrlich«, sagte er. »Ohne – das hier. Hättest du allen Ernstes darüber nachgedacht, alles zurückzulassen und mitzukommen?«

»Wenn ich dir glauben darf, wärst du doch überhaupt nie gefahren.«

»Das ist ja jetzt irrelevant.« Er ging erneut dazu über, die schwarze Kruste von der Lasagneform zu schrubben.

»Es ist aber nicht irrelevant«, sagte sie, »ob du mich liebst.«

Er hielt inne. Er spülte sich die Hände ab und trocknete sie mit einem Handtuch. Er kniete sich neben ihren Stuhl und nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Gnu. In den nächsten Monaten wirst du noch feststellen«, versprach er, »wie sehr ich dich liebe.« Er küsste sie und ließ seine Lippen auf ihren verweilen, bis er ihren Geist spüren konnte.

Er wandte sich wieder seiner Aufgabe zu. Es dauerte eine Weile, bis das Wasser im Spülbecken angekommen war. Als zum ersten Mal deutlich wurde, dass sie im erwachsenen Sinne des Wortes »vorübergehend« – also für immer – in ihr Elmsforder Mietshaus gezogen waren, hatte er sich damit getröstet, einen Zimmerspringbrunnen an der Küchenspüle zu installieren. Es war ein eigensinniges Gerät mit einem kulinarischen Grundthema: Das Wasser lief aus dem Wasserhahn durch einen Gummischlauch hoch in eine Pipette, deren Strahl einen runden Schneebesen aus Metall zum Rotieren brachte, woraufhin das Wasser über eine angeschlagene Delfter Teetasse, eine gebogene Suppenkelle, eine altmodische gläserne Zitronenpresse, ein Milchkännchen in Form einer Kuh und einen hölzernen Eislöffel, den er irgendwo auf einem Privatflohmarkt gekauft hatte und der bestimmt hundert Jahre alt war, herabstürzte und schließlich in einem Zinntrichter landete, der das Wasser zurück in die Spüle leitete. Angenehmerweise behielt das heiße Wasser seine Fließgeschwindigkeit und den Druck bei, auch wenn ihm auf seiner langen Reise ein paar Grad abhanden kamen. Der Mechanismus war skurril und verspielt und erinnerte an das Brettspiel »Maus reiß aus«, das er und Beryl als Kinder gespielt hatten. Seine Liebe zu der lustigen Bastelei hatte allerdings einen herben Rückschlag erfahren, als er und Glynis vor einigen Jahren aus Puerto Escondido zurückkamen. In der Abwesenheit ihrer Eltern hatten die Kinder den Schlauch abgenommen. Vermutlich pflegten sie den Quatsch über der Küchenspüle jedes Mal zu entfernen, sobald sie das Haus für sich hatten, um ihn rechtzeitig zur Rückkehr ihres Vaters wieder anzuschließen; zum ersten Mal hatten sie es vergessen. Er ließ gegenüber den Kindern nicht durchblicken, wie sehr sie ihn damit gekränkt hatten. Natürlich wäre es ihm lieb gewesen, sie hätten das Produkt seiner spielerischen Seite mehr zu schätzen gewusst. Doch er konnte seine Kinder schließlich nicht zwingen, das zu würdigen, was ihr Vater an sich selbst würdigte.

»Sag mal, hast du das alles verstanden, diese Sache mit Berlin?«, fragte Glynis, nachdem er den Kampf mit der Kasserolle wiederaufgenommen hatte. »Während du ihr eine neue Wohnung gekauft hättest, wollte sie ihren ganzen Kram zu eurem Vater schaffen. In der Zwischenzeit hättest du ihn in ein Pflegeheim stecken sollen, damit sie ohne seine lästige Anwesenheit hätte wohnen können.«

»Der Verlust ihres Mieterschutzes – sie kann gerade nicht klar denken, sie ist in Panik.«

»Du bist zu gutmütig.«

»Dein Glück.«

»Mein Gott, diese Entrüstung! Als gehörte die Mietpreisbindung zu den Menschenrechten. Und was sollte dieses Gerede von wegen, wie hart sie arbeitet und dass sie nichts dafür kann, dass sie kein Geld damit verdient? Sie hat ihre Entscheidungen getroffen. Wie man sich bettet, so liegt man. Das müsste sie langsam mal einsehen.«

»Uns geht es besser als ihr«, sagte er und fügte hinzu: »Noch. Sie ist neidisch.«

»Aber sie verachtet dich.«

»Nur damit sie sich selbst besser fühlt. Lass sie doch.«

»Aber was denkt sie sich! Hunderttausend Dollar! Und das wäre erst der Anfang, die Tilgungsraten würde sie ja genauso wenig bezahlen. Ich habe dich schon vor Langem gewarnt, wenn du bei kleineren Summen immer wieder nachgibst, wird es kontinuierlich mehr.«

»Es hat mir nichts ausgemacht, ihr ab und zu unter die Arme zu greifen.« Er fragte sich, ob er unter anderen Umständen für den Vorschlag seiner Schwester nicht offener gewesen wäre.

»Und dann noch das mit den ›Millionen und Abermillionen‹. Wie kommt sie nur darauf?«

»Beryl ist wie viele Leute, die kein Geld haben. Sie denkt, es gibt Leute wie sie, und alle anderen haben’s dicke. Sie hat keine Kinder, sie weiß nicht, was die Dinge kosten. Zachs Schulgeld. Die Autoversicherung in New York. Steuern …«

»Du kannst dir sicher sein, dass sie keine zahlt. Und Leute wie deine Schwester sind der Ansicht, dass Leute wie wir noch viel mehr zahlen sollten.«

»Wirklich, ich red schon genauso wie Jackson. Aber Beryl ist sich nicht im Geringsten bewusst, dass ihr Leben von vorne bis hinten subventioniert wird. Dass ihr Müll weggebracht wird, dass sie im Park spazieren gehen kann, dass eine Notaufnahme sie wirklich ohne Krankenversicherung behandeln wird, wenn sie eine blutende Wunde hat – das alles wird von anderen finanziert. Jede Wette, dass sie noch nie darüber nachgedacht hat.«

»Im Gegenteil«, stimmte Glynis zu. »Sie fühlt sich nicht als Nutznießer, sondern als Opfer. Sie hat Komplexe so groß wie ein Mammutbaum.«

Dass Glynis in diesem Punkt nicht anders war, behielt Shep für sich.

»Das Beste am heutigen Abend fand ich nicht mal deine Ansage«, fuhr sie fort. »Sondern die Krokodilstränen danach. Diese ganzen theatralischen Beschwörungen und die Verzweiflung. Total künstlich! Genau wie ihr Geschleime wegen des Fischmessers. Sie ist eine schreckliche Schauspielerin. Für sie ist das Schlimmste an meinem Krebs, dass sie jetzt nicht mehr nach Lust und Laune in deine Keksdose greifen kann.«

»Na ja, eigentlich wäre doch jetzt zu erwarten, dass in Anbetracht der schweren Krankheit die ganzen … Reibereien … zwischen dir und Beryl –«

»Reibereien?« Glynis lachte, und ihr Lachen klang wundervoll. »Sie verabscheut mich!«

»Okay, aber selbst das … sollte irgendwann weggehen. Sie kann jetzt nicht mehr so negativ über dich denken, aber sie tut es, und ihr ist nicht wohl dabei.«

»Es hat aber auch etwas Köstliches. Ich kann’s nicht ganz erklären, aber für mich war es ein Genuss, ihr bei ihrem so offensichtlich falschen Spiel zuzusehen. Ich habe das Gefühl, dieses Mesotheliom wird mir hier und da sogar ein bisschen Spaß machen.«

Während er liebevoll das Fischmesser abtrocknete, empfand er es als seltsam anrührend, dass Glynis sich aufraffte und von hinten ihre Arme um ihn schlang. Sie war so erschöpft, dass jede kleine Geste der Zuneigung sie außerordentlich viel Kraft kosten musste.

»Ach, und hast du gesehen?«, murmelte Glynis in sein Hemd und lachte noch einmal. »Die Pralinen hat sie trotzdem mitgenommen.«