Kapitel 4

BEIM RALLIGEN RANDY – nur einer der Spottnamen der Belegschaft – nahm Jackson zufrieden die jüngsten Entwicklungen zur Kenntnis. Sollten die Kollegen über Shep und seine armselige »Fluchtphantasie« so viel lästern, wie sie wollten. Über kurz oder lang würden sie dahinterkommen, warum sich der Exfirmenchef noch immer vor Pogatchnik in den Staub warf, und dann würden sie sich mies fühlen. Jackson freute sich schon jetzt darauf.

Zugegeben, in dieser Freundschaft hatte er lange Zeit immer nur die Rolle des Handlangers gespielt, aber seit dem vollendet idiotischen Verkauf von Allrounder, bei dem sich Shep vom Chef zum Mitkollegen heruntergestuft hatte, und jetzt mit der vollendeten Katastrophe mit Glynis und dem Scheitern von Pemba hatte sich die Dynamik auf subtile Weise umgekehrt. In letzter Zeit trat er als Sheps Beschützer auf. Die Rolle hatte ihren Preis. Er konnte ihn nicht mehr einfach um etwas bitten. Solange Shep der stoische Helfer gewesen war, hatte er sich auf ihn verlassen können. Jackson hatte nie dreist die Hand aufgehalten (wie alle anderen im Leben des armen Kerls). Aber mit Flicka, einem mal mehr und mal weniger ausgeprägten Hang zum Glücksspiel und einigen damit nicht ganz unzusammenhängenden Problemen mit seinem Dispokredit war immer er derjenige gewesen, der in Schwierigkeiten steckte und guten Rat brauchte. Jetzt musste er den Mund halten, und für Jackson war es unnatürlich, den Mund zu halten, überhaupt und egal worüber.

Es gab ein spezielles Thema, das er schon seit einiger Zeit versucht gewesen war anzuschneiden, und er war nun froh, einen besseren Grund zum Aufschub des Gesprächs zu haben als bloß seine übliche Feigheit. Es war kein Thema, über das man mit anderen Männern redete, auch wenn es eigentlich hätte so sein sollen, und mit Frauen erst recht nicht. Zudem sprach prinzipiell ja auch einiges für die Wiederherstellung der Intimsphäre in einem Land, in dem man an jeder Bushaltestellte von einer Fremden angesprochen und mit der Geschichte ihrer Abtreibung behelligt werden konnte. Der Termin stand fest, was hätte es also noch groß zu besprechen gegeben?

Als sie um dreizehn Uhr in ihre knauserige vierzigminütige Mittagspause aufbrachen, fragte Shep, ob sie nicht vielleicht lieber spazieren gehen wollten anstatt etwas zu essen; da es ihn nach der Arbeit sofort nach Hause zu Glynis zog, konnte er sich nicht mehr die Zeit nehmen, dreimal die Woche zum Eisenstemmen ins Fitnessstudio auf der 5th Avenue zu gehen. (Jackson war ein wenig erleichtert, dass er neuerdings um das gemeinsame Workout herumkam; neben Shep sah er immer ganz schön alt aus.) Auf sein Sandwich verzichten zu müssen verhagelte ihm zwar die Laune, aber es gab nur eine zuverlässige Antwort: kein Problem. Angesicht von Krebs, selbst von Krebs zweiten Grades, war man prinzipiell rechtlos.

»Weißt du, Glynis hätte ihr Geheimnis auf keinen Fall sehr viel länger für sich behalten können, selbst wenn sie es versucht hätte«, sagte Shep, als sie die 7th Avenue hinuntermarschierten; es war viel zu kalt für einen Spaziergang. »Die ersten Rechnungen sind schon gekommen.«

»Lass mich raten«, sagte Jackson. »Es ist nicht nur eine Rechnung, es sind Dutzende, stimmt’s? Fünfzehn Seiten lang, von jedem noch so kleinen Radiologen und jedem noch so kleinen Labor. Bei uns erledigt Carol den ganzen Papierkram, und ich bin ihr so dankbar, dass ich heulen könnte.«

»Was mich fertigmacht, ist, dass man nur schwer rausbekommt, was man eigentlich an wen zahlen muss. Bevor ich Leute dafür hatte, hab ich die Buchhaltung bei Allrounder immer selber gemacht, und eigentlich kenn ich mich damit aus. Aber ich hab Stunden gebraucht, um rauszufinden, was ich wohin schicken muss.«

»Verdammte Scheiße, man sollte meinen, sie würden’s einem leichter machen, ihnen sein letztes Geld zu schenken«, sagte Jackson. »Aber ich glaub ja, die machen das mit Absicht. Dieser Papierkrieg, die ganzen Ziffern und Codenummern. Das ist ’ne Nebelwand. Dahinter stellen sie einem für ein einziges Pflaster unbemerkt dreihundert Dollar in Rechnung.«

Jackson warf einen verzweifelten Blick die breite Straße hinunter. Ihm fehlte der alte Park Slope – ein paar ramponierte Pizzaläden, Coffeeshops, wo der Kaffee noch nicht vier Dollar kostete, Heimwerkerläden mit Schrauben, die in Fässern herumstanden und nicht wie heute in winzigen Plastikverpackungen angeboten werden. Die Gentrifizierung hatte um sich gegriffen – wobei ihm schleierhaft war, wie ein Heer von armseligen Barnard-Absolventen, die einen mit ihren truppentransportergroßen Kinderwagen in den Rinnstein drängten, als »Aufwertung« eines Stadtteils verstanden werden konnte. Yogastudios, Bio-Smoothie-Bars und Haustiertherapeuten waren wie Pilze aus der Erde geschossen.

»Und, weißt du, was Carol meinte?«, sagte Shep. »Ich hab’s zuerst gar nicht begriffen. Diese World Wellness Group. Sie deckt die, wie es so schön heißt, ›angemessenen und branchenüblichen Behandlungskosten‹«. Mit anderen Worten, es geht darum, wie die Kosten aussehen sollten, und nicht, wie sie wirklich aussehen.«

»Willkommen in der Realität, Kumpel.« Jackson fühlte sich von einer Welle mitleidiger Herablassung ergriffen.

»Ich hab ein bisschen im Internet recherchiert. Weißt du, welche Instanz diese ›angemessene und branchenübliche‹ Zahl generiert? Eine Abteilung innerhalb derselben Firma. Sie haben keinerlei rechtliche Verpflichtung, einem zu sagen, wie sie auf den Wert kommen. So gesehen könnten sie sich die Zahl auch einfach ausdenken.«

»Das funktioniert folgendermaßen«, erklärte Jackson geduldig. »Wir machen einen Ausflug, und es ist dein Auto, also erklär ich mich bereit, für den Sprit zu zahlen. Wir halten an einer Tankstelle, du tankst einmal voll, sagst mir, die Tankfüllung hat fünfzig Dollar gekostet, und hältst die Hand auf. Ich mach ein Gesicht, als würde ich dir einen Riesengefallen tun, und geb dir einen Zwanziger. Du sagst, was soll das? Ich sage, das ist genau das, was eine Tankfüllung eigentlich kosten sollte – denn so viel hat sie gekostet, als ich zwölf Jahre alt war. Im Prinzip leben diese Versicherungen in einer Phantasiewelt, und wir armen Säue sitzen in der wirklichen Welt fest.«

Shep schüttelte den Kopf. »Glynis und ich haben immer gespart. Wir haben versucht, für das Jenseits was zurückzulegen. Wir haben immer auf die Sonderangebote gewartet, zwei Flaschen Haarshampoo für den Preis von einer. Wir haben Vorteilspackungen Klopapier gekauft, einlagig. Wir haben die Putenburger gekauft, auch wenn wir lieber Steak gegessen hätten. Auf einmal heißt es, fünfhundert hier, fünftausend da … und nie weiß man im Voraus, was die Behandlung kostet. Es ist, als würde man einkaufen gehen, einen Haufen Scheiß auf die Ladentheke legen, und nichts davon hat ein Preisschild. Wir kriegen nur zwanzig Prozent Zuzahlung, und das bei fünftausend Dollar Selbstbeteiligung. Eine einzige Laborrechnung – das ist verdammt viel Klopapier.«

»Zweilagig«, sagte Jackson.

»Ich frag mich, wieso haben wir jemals Putenburger gegessen? Und dann fällt mir wieder ein, dass es mich eigentlich nicht zu kümmern hat. Und letztlich kümmert’s mich ja auch nicht. Alles, was zählt, ist Glynis.«

»Und genau darauf setzen sie, verstehst du. So lässt sich der ganze Schwindel in einem Wort zusammenfassen. Genau wie mit Flicka. Ist ja schließlich dein Kind, oder? Was willst du denn sagen, nein, ihre soundsovielte Lungenentzündung lassen wir nicht behandeln, weil wir einen DVD-Player haben wollen? Tja, Kumpel … ich sag’s nur ungern, aber für dich ist das nur der Anfang.«

»Ich weiß«, sagte Shep leise, als sie an der 9th Street links abbogen und auf Prospect Park zugingen. »Selbst um den letzten Stapel Rechnungen zu begleichen … ich hatte immer dieses andere Konto, auf dem der Erlös für Allrounder gelandet ist, abzüglich Steuern. Es war das Geld für das Jenseits, und ich hab’s nie angerührt. Aber auf unserem gemeinsamen Konto war nicht genug Geld, also musste ich doch an das Merrill Lynch Konto gehen. Der erste Scheck war für die Computertomografie.«

»Bestimmt bist du inzwischen schon bei Scheck Nr. 15. Ich würde mir an deiner Stelle schon mal ein neues Scheckheft bestellen.«

»Meine Unterschrift unter diesen ersten Scheck hat mich seltsam aufgewühlt. Auch wenn’s ›nur‹ Geld ist, wie mein Vater sagen würde.«

»Klar, es ist ja ›nur‹ der Erlös der Firma, die du zwanzig Jahre lang aufgebaut hast. ›Nur‹ acht Jahre Demütigung durch Randy Pogatchnik.«

»Egal. Mir war einfach zu der Zeit nicht klar, wofür ich wirklich gespart hatte.«

»Denkst du jetzt noch dran? An Pemba?«

»Nein«, sagte Shep, um das Thema zu wechseln. »Aber ich denk mal, wir haben Glück. Wir leben in den Vereinigten Staaten. Wir haben die beste medizinische Versorgung auf der ganzen Welt.«

Jackson lachte schallend. »Das glaubst aber auch nur du. Ich würde sagen: Zwischen Glynis und ihren Ärzten hat sich ein ganzer Speckgürtel aus profitgeilen Versicherungsgesellschaften angelagert, ein Haufen übelster Abzocker, die sich an den Patienten gesundstoßen – so sieht’s aus. Und nicht einer davon weiß, wie man einen Arm in eine Schiene legt. Wenn man diese Wichser abservieren würde, könnte man für das Geld das ganze Land versichern, ohne jede Woche fünfzig verschiedene Rechnungen in seinem Briefkasten zu finden.«

»Ausgerechnet du willst, dass der Staat das Gesundheitswesen übernimmt?«, fragte Shep mit schiefem Lächeln und schüttelte den Kopf. »Jackson, du bist der größte Regierungsgegner überhaupt. Du bist Anarchist.«

»Diese Firmen stecken dermaßen mit der Regierung unter einer Decke, dass sie genauso die Regierung sein könnten«, konterte Jackson, der sich über Sheps selbstgefällige Verträumtheit ärgerte; schon möglich, dass seine Argumentation manchmal nicht ganz stringent war, aber zumindest las er Zeitung und recherchierte im Internet. Er dachte nach, anders als manche Leute, die nie etwas hinterfragten. »Was meinst du, warum kein halbwegs glaubwürdiger Präsidentschaftskandidat jemals den Vorschlag wagen würde, diese Blutsauger abzuschaffen? Außerdem, selbst wenn es der Staat nicht besser machen würde, schlechter geht’s auf keinen Fall. Das ganze Prinzip hinter einer Versicherung ist doch, dass gesunde Menschen und solche wie Flicka zu einer Gemeinschaft zusammengefasst werden sollen, um am Ende einen Ausgleich zu schaffen. Was könnte eine gerechtere ›Risikogemeinschaft‹ sein als das ganze verfluchte Land? Die Krankenversorgung ist das Einzige, wofür der verfluchte Staat gut sein sollte. Wenn man wenigstens zum Arzt gehen könnte, ohne gleich eine zweite Hypothek aufzunehmen. Man bezahlt seine Steuern, aber im Moment bekommt man nicht das Geringste dafür zurück. Ach so, sorry« – Jackson trat gegen die Asphaltkante –, »man kriegt Bürgersteige. Vergess ich immer.«

Eigentlich hatte er sich geschworen, den Mund zu halten, sich zur Abwechslung auf Sheps Probleme zu konzentrieren. Aber es hing nun mal alles miteinander zusammen. »Pass auf«, sagte er, während Shep auf den weiß gepuderten Park starrte, der im Winter wie eine ausradierte Zeichnung aussah. »Ich reg mich nicht einfach über irgendwas auf. Hier geht’s um dich und Glynis, und du hörst mir nicht mal zu.«

»Entschuldige. Es ist nur … wir haben jetzt unsere Zweitmeinung. Von zwei Cracks von der Columbia-Presbyterian. Die beiden arbeiten als Team, ein Internist und ein Chirurg. Und versteh mich nicht falsch: Sie waren toll. Irgendwie.«

»Irgendwie«, sagte Jackson und zwang sich zum Zuhören. Das gehörte nun mal nicht zu seinen Stärken.

»Ich wollte, dass sie irgendwas anderes sagen«, sagte Shep betrübt. »Dieses Mesotheliom, das ist unglaublich selten. Niemand bekommt diese Krankheit. Mir war gar nicht klar gewesen, wie sehr ich mich darauf verlassen hatte, dass sie sagen würden, das Ganze sei ein Riesenirrtum. Als sie die Diagnose bestätigten, hab ich gedacht, mir wird schlecht. Ehrlich, alles war verschwommen, und mir war schwarz vor Augen, als würde ich gleich umkippen. Wie ein Mädchen. Glynis war diejenige, die es aufgenommen hat wie ein Mann. Sie hatte schon resigniert.«

»Das ist wirklich hart, Kumpel.«

»Vor allem ist es für Glynis hart. Sie ist geschwächt und erschöpft, und sie hat Angst. Und sie ist fast den ganzen Tag allein, das heißt, wenn ich nach Hause komme, will ich und sollte ich nichts anderes tun, als ihr Gesellschaft zu leisten. Aber das kann ich nicht. Ich habe einfach keine Zeit. Wenn sich wenigstens jemand um den Papierkram kümmern würde. Allein wegen dieser Zweitmeinung musste ich mir die Dias aus der Pathologie kommen lassen. Die Berichte aus der Radiologie. Die Gewebeproben. Die Ergebnisse von jedem verfluchten Test aus jeder einzelnen Klinikabteilung – alles schriftlich. Ich war jeden Tag bis zwei Uhr morgens auf. Zwischendurch musste ich kochen. Einkaufen. Im Büro auftauchen und zumindest so tun, als würde ich meinen Job machen.«

»Ich wollte dich schon warnen. Ich hab zufällig mitbekommen, wie sich Pogatchnik beschwert hat, dass du dir so viel freinimmst. Du musst aufpassen mit deinen Fehlzeiten.«

»Ich hatte doch keine Wahl. Die beiden Cracks von der Columbia sind nicht im Vertragsnetzwerk, genau wie Dr. Knox vorausgesagt hatte. Also musste ich diese HMO-Leute anbetteln, dass sie Glynis’ Kosten für das Dreamteam decken. Du weißt schon, sie lassen einen eine Dreiviertelstunde in der Warteschlange, und man darf mehrere hundert Mal Greensleeves hören. Ich krieg das Lied gar nicht mehr aus dem Kopf; es macht mich wahnsinnig. Bei uns im Großraumbüro kann ich nicht stundenlang am Telefon hängen, es sei denn, das Gespräch dreht sich darum, dass irgendeine Frau dank unseres übertrieben professionellen Service vor ihrem explodierten Boiler sitzt.«

Shep hatte sonst immer einen so kühlen Kopf; selten hatte Jackson den Mann so viel reden hören.

»Könnt ihr denn nicht einfach bei diesem Knox bleiben?«

»Wir wollen kein einlagiges Klopapier. Wenn diese Ärzte an der Columbia wissen, was sie tun, dann lass ich für sie auch was springen. Es geht hier um Glynis’ Leben –«

»Jim!« Normalerweise hätte Shep die Anspielung auf Dr. McCoys scheinheiligen Standardspruch aus Raumschiff Enterprise lustig gefunden (Es geht hier um menschliches Leben, Jim!), aber er verzog nicht mal die Mundwinkel.

»Ich kaufe keine Putenburger-Medizin.«

»Du hast Glück, dass du immerhin ein finanzielles Polster hast. Die meisten armen Schlucker in deiner Haut würden erst mal alles auf ihre Kreditkarte nehmen.«

»Unter Glück versteh ich was anderes. Aber ja, ich hab Glück.«

»Gerade vielleicht nicht –«

»Ich bin reich«, fuhr Shep dazwischen, und Jackson kannte diesen Pastorensohn gut genug, um zu wissen, dass es keine Prahlerei war.

»Eigentlich sollte ich überhaupt nicht über Geld reden. Vielleicht wollte ich mir das alles einfach nur mal von der Seele reden, denn im Gegensatz zu Glynis … hab ich keinen Grund, mich zu beklagen. Erinnere mich bei Gelegenheit daran.«

»Ich hör dich sowieso kaum klagen. Ich würde an deiner Stelle ein bisschen mehr üben. Es ist nicht gut, wenn ein Mann jeden Scheiß im Leben einfach schluckt. «

»Wir schlucken ihn beide, Jackson. Nur dass du hin und wieder dein Maul aufreißt.«

»Übrigens, mir ist ein Titel für mein neues Buch eingefallen«, sagte Jackson, um die Stimmung aufzuhellen. »Pass auf: DIE SCHWANZLOSEN SCHAFE. Wie wir von Parasiten und Pennern wie unserem Vizepräsidenten gemolken werden.«

Ein müdes Lächeln. »Nicht schlecht.«

»Mir gefiel das mit den Schafen und dem Melken. Verstehst du, das ist ein und dasselbe Bild.«

»Nur die Parasiten stimmen irgendwie nicht. Werden Schafe denn von Parasiten gemolken?«

»Ich denk noch mal drüber nach.«

»Diese schwanzlosen Schafe. Ist dir schon mal aufgefallen, dass alle deine Titel immer was mit Schwänzen zu tun haben?«

Jackson warf seinem Freund einen beklommenen Blick zu. »Schwanz ab, meinst du? Tja, scheint wohl ein zentraler Punkt meiner These zu sein.«

»Die Sache mit der Kastrationsangst finde ich inzwischen … etwas abgedroschen. Mein Lieblingstitel von dir ist ganz puristisch.«

»Nämlich?«

»Die Demokratie ist ein Witz.«

»Stimmt. Der hat richtig Biss«, sagte Jackson mit Genugtuung.

»Meinst du, du wirst es jemals schreiben?«

»Vielleicht.« Jackson wollte sich nicht festlegen. »Aber der Clou ist und bleibt der Titel. Wenn man den erst mal hat, ist es völlig egal, was drin steht. Mit einem Titel wie Die IrenRetter der Menschheit könnte man einen Stapel weiße Seiten verkaufen. Die Iren wären so geschmeichelt, dass sie fünfundzwanzig Eier zahlen und das Ding auf ihren Wohnzimmertisch legen würden.«

»Aber vielleicht ist das genau das Problem mit deinen Titeln. WASCHLAPPEN UND WICHSER«, erinnerte sich Shep. »Wie wir armen Würstchen ausgewrungen werden, während die andere Hälfte der Bevölkerung an der Mutterbrust liegt. Das ist ja wohl nicht gerade schmeichelhaft.«

»Es geht darum, dem Käufer das Gefühl zu geben, dass er nicht ganz so ein Vollidiot ist, weil er weiß, dass er ein Vollidiot ist, anders als alle anderen, die solche Vollidioten sind, dass sie’s nicht mal ahnen.«

AUF DEM RÜCKWEG schlug Shep den Kragen hoch und hüllte sich in seinen Schal. »Wie auch immer. In knapp zwei Wochen soll Glynis operiert werden.«

Jackson grunzte. »Kenn ich. Flickas Skoliose-OP war der Horror. Ich wollte niemanden mit einem Messer auch nur in die Nähe ihres Rückgrats lassen.« Er würde aufpassen müssen, um im Gespräch über die medizinischen Albträume nicht noch ständig einen draufzusetzen.

»Eigentlich wollte ich mich bei dir entschuldigen«, sagte Shep.

»Wozu das denn?«

»Was du alles schon durchgemacht hast mit Flicka. Ich glaube, ich hab nie genug Mitgefühl gehabt. Ich hatte keine Ahnung, wie es euch gehen muss, bis ich bis zum Hals in der gleichen Scheiße saß. Ich hätte viel mehr Verständnis haben müssen.«

»Schwachsinn, Junge. Du warst mitfühlend genug. Und wie soll man für irgendwas ›Verständnis‹ haben, bevor man’s versteht?« Dennoch, das Gespräch tat gut. Shep hatte wirklich keine Ahnung gehabt, und in Wahrheit hatte er noch immer keine Ahnung.

»Dass Leute operiert werden müssen, weiß ich doch auch. Ich hab nur nie darüber nachgedacht. Jetzt hört es sich an wie irgendwas aus dem Mittelalter. Als würde man seine Frau ins Schlachthaus bringen.«

»Es macht einen fix und fertig. Man denkt immer, das Schlimme daran sei, dass man sich überhaupt unters Messer legen muss, aber richtig schlimm wird’s eigentlich erst danach. Es dauert einfach ewig. Flicka sagt, sie hätte dagelegen und ungefähr eine Stunde hin und her überlegt, ob es sich lohnt, ihre Mutter zu bitten, dass sie ihr eine Zeitschrift von der Kommode rüberreicht. Nicht aufzustehen und sie sich selbst zu holen; einfach nur darum zu bitten. Es ist, als wäre man draußen vor einer Kneipe halb zu Tode geprügelt worden.«

»Danke«, sagte Shep säuerlich. »Das baut mich auf.«

»Was denn, soll ich dir irgendwelche Märchengeschichten auftischen? Dass Glynis ein ›Stehaufmännchen‹ ist, die ›im Nu wieder auf den Beinen‹ und dann wieder ›putzmunter‹ sein wird?«

»Entschuldige. Nein, die Wahrheit ist mir lieber. Damit wir auf alles vorbereitet sind.«

»Spart euch die Mühe. Seid ihr nämlich sowieso nicht.«

Jackson warf dem selbstgefälligen Jogger mit seiner Evianflasche (den sie gehend überholten) einen verächtlichen Blick zu.

»Ich wollte dich fragen, ob du und Carol nicht vielleicht zum Essen kommen wollt«, sagte Shep. »Nächsten Samstag, wenn ihr einen Babysitter findet. Nur wir vier. Noch ein letztes Mal, bevor … Es wird unser Vorher-Foto. Ich weiß, es klingt unbegreiflich, aber ich fänd’s gut, wenn wir uns vielleicht ein bisschen amüsieren könnten.«

»Ist ja wohl das Mindeste. Das lass ich mir auf keinen Fall entgehen«, sagte Jackson und rechnete sich aus, dass das Timing nicht gerade ideal war. »Aber das Thema Asbest sollten wir vielleicht aus dem Spiel lassen, oder? Ich hab das Gefühl, das ist ein wunder Punkt.«

»Wenn wir alle wunden Punkte aus dem Spiel lassen, haben wir bald gar kein Gesprächsthema mehr.«

»Gibt sie dir immer noch die Schuld?«

Shep schnaubte. »Was glaubst du denn?«

»Dass sie sich schön in ihrem Vorwurf eingerichtet hat.«

»Wunderbar kuschlig. Soweit ich weiß, verändert Krebs nicht den Charakter.«

»Das würdest du doch gar nicht wollen.«

»Ich fühl mich die ganze Zeit schrecklich. Ich würde mich sowieso schrecklich fühlen, also schwer zu sagen, wie viel von der Schrecklichkeit damit zusammenhängt, dass ich an der ganzen Misere auch noch schuld bin. Ich war schlampig. Ich war unüberlegt. Allmählich kann ich nachvollziehen, wie sich Schwule fühlen müssen, wenn sie ihren Partner mit AIDS angesteckt haben.«

»Viele dieser Schwuchteln wissen ganz genau, dass sie HIV-positiv sind, und vögeln trotzdem munter ohne Gummi weiter. Aber du hast doch nichts davon gewusst. Es ist nicht mal klar, ob die Fasern von dir stammen, hat dieser Arzt doch selber gesagt. Reine Selbstkastra …«, sagte Jackson unsicher. »Ich meine, Selbstkasteiung. Weil du ein schlechtes Gewissen hast wegen Pemba.«

»Glynis will unbedingt klagen. ›Die‹ sollen zahlen, sagt sie. Aber wir können uns schlecht eine bestimmte Firma vorknöpfen, wenn ich mich nicht mal erinnern kann, mit welchem Zeug ich gearbeitet habe. Wie soll ich mich an die Zementmarke erinnern, mit der ich 1982 Zement gegossen habe?«

»Stimmt, ich hab auch noch mal überlegt, aber ich kann mich nicht erinnern. Diese ganze Liste von Produkten, die du mir gegeben hast – eine Dachziegelmarke ist nicht unbedingt das, was man fünfundzwanzig Jahre später noch im Kopf hat.«

»Aber wenn sie kein Unternehmen zwischen die Finger bekommt, geht sie mir weiter an die Kehle. Ich würde ja einiges aushalten, wenn ein Sündenbock wirklich was bringen würde. Aber ich hab mich bis zum Abwinken entschuldigt, und jedes Mal, wenn ich fertig war, hatte sie immer noch Krebs.«

Sie waren eng befreundet und so weiter, aber dass Shep aus irgendeinem Grund emotional wurde, war nicht vorgesehen, also tat ihm Jackson den Gefallen und blickte einem Fahrradfahrer nach, der in verkehrter Richtung um den Park fuhr, bis sich der arme Kerl wieder im Griff hatte.

»Blöd«, sagte Shep schließlich. »Zwischen jetzt und Samstag muss ich allen Bescheid sagen.«

»Dass Glynis operiert wird.«

»Dass Glynis überhaupt krank ist. Bisher weiß es noch keiner, außer dir und Carol.«

»Glaubst du nicht, dass Glynis diese ehrenvolle Aufgabe selbst übernehmen sollte?«

»Lass mal. Es ist besser für alle Beteiligten, wenn ich das mache. Vor allem bei ihrer Familie in Arizona. Du kennst ja Glynis. Sie würde sich wahrscheinlich zurücklehnen und sich erst mal eine halbe Stunde erzählen lassen, dass die mexikanischen Nachbarn ihren Müll nicht trennen. Nachdem ihre Mutter sich um Kopf und Kragen geredet hätte, würde Glynis sie als Rassistin beschimpfen, und dann wäre Hetty eingeschnappt und würde zurückschießen. Zack, und zugeschnappt! ›Ist das so? Ach und übrigens, ich hab Krebs!‹ Wumms, Hörer aufgelegt.«

»Ich kann’s mir genau vorstellen!«, sagte Jackson und lachte in sich hinein. »Gott, dafür liebe ich sie.«

»Und ich erst.«

Kurz vor dem Büro begann Jackson Greensleeves zu pfeifen.

»Du Arsch!«, rief Shep, aber immerhin hatte Jackson ihn zum Lachen gebracht. »Ich hatte es gerade aus dem Kopf!«