Kapitel 2

»DER FÄHRT NIE im Leben«, sagte Carol beim Rucolawaschen.

»Blödsinn«, sagte Jackson und stibitzte sich aus dem Paprikagemüse eine Scheibe italienischer Wurst. »Er hat ja schon das Ticket. Ich hab’s gesehen. Beziehungsweise die Tickets. Ich hab ihm gesagt, das Geld für die anderen beiden könne er sich sparen. Sie geht niemals mit, so viel ist sicher. Das war mir schon immer klar, lange vor Shep. Diese vielen Reisen waren für Glynis doch nur ein Spiel. Von dem sie irgendwann genug hatte.«

»Du denkst immer, ich meine, dass er zu feige sei. Aber das ist es nicht. Er ist zu vernünftig. Er würde niemals seine Familie im Stich lassen; er ist einfach nicht der Typ dafür. Die Reisetasche schnappen und nie wieder einen Blick zurück werfen? Noch mal bei null anfangen, jetzt, wo er auf die fünfzig zugeht? Kennst du irgendjemanden, der das wirklich gemacht hätte? Und selbst wenn er geht, weil er sich irgendwas beweisen will, er wird postwendend wieder nach Hause kommen. – Flicka, die halbe Stunde ist bestimmt schon wieder rum. Hast du an deine Tropfen gedacht?«

Ihre älteste Tochter stieß einen nasalen Seufzer aus, halb Stöhnen, halb Blöken. Es war ein raffinierter Ton, der sowohl Nein als auch Ja heißen konnte. Grollend kramte sie in der Tasche ihrer Strickjacke und benetzte ihre Augen mit künstlichen Tränen aus einer von mehreren Dutzend kleiner Plastikampullen, deren Form Jackson immer an die Bombe »Fat Man« erinnerte, die über Nagasaki abgeworfen worden war. Wie immer waren Flickas Augen entzündet und die Wimpern von Vaseline verkrustet.

»Was denn, er zieht den Schwanz ein?«, sagte Jackson. »Du hast keinen Sinn für männlichen Stolz.«

»Ach nein?« Carol warf ihm einen Blick zu. »Wo liegt dieses ›Pemba‹ überhaupt?«

»Pemba ist eine Insel vor Sansibar«, sagte Jackson. »Berühmt für den Anbau von Nelken. Die ganze Insel stinkt danach, behauptet zumindest Shep. Ich seh ihn schon vor mir, meinen Kumpel, wie er sich in seiner Hängematte räkelt, und überall der Duft von heißem Whiskey und Kürbistorte.«

»Ich wette, er fährt«, sagte Flicka. »Wenn er das gesagt hat. Shep ist kein Lügner.« Obwohl sie oft für die jüngere Schwester der elfjährigen Heather gehalten wurde, war sie sechzehn; ähnlich wie man das relative Alter von Haustieren berechnet, bewegte sich im Anbetracht ihres Leidens ihr wahres Alter vermutlich um die hundertdrei. Da sich für sie das Hier und Jetzt als ewige Prüfung darstellte, war Flicka selbstverständlich gefesselt von der Vorstellung eines Anderswo.

Jackson fuhr seiner Tochter durch das feine blonde Haar. Als Kind hatten sie es ihr immer kurz schneiden lassen, damit nicht ständig ihr Erbrochenes darin hängenblieb, doch seit der Fundoplikation konnte sie ohnehin nur noch würgen und hatte sich die Haare wachsen lassen. »Endlich mal jemand, der den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren hat!«

»Aber was will er da?«, bohrte Carol weiter. »Raffinierte Zimmerspringbrunnen für die Dritte Welt bauen? Shep ist doch gar nicht der Typ, der den ganzen Tag in der Hängematte liegt.«

»Vielleicht keine Zimmerspringbrunnen, aber, na ja, Brunnen könnte er tatsächlich bauen. Shep ist praktisch veranlagt. Er kann gar nicht anders. Wenn ich irgendwo in einer Lehmhütte wohnen würde, hätte ich auch am liebsten ihn als Nachbarn.«

»Flicka, weg vom Herd!«

»Ich bin nicht mal in der Nähe von deinem verdammten Herd«, sagte Flicka, wie üblich etwas lallend. Sie näselte nicht nur, sondern klang zudem immer leicht angetrunken, wie Stephen Hawking nach einer Flasche Wild Turkey. Außerdem klang sie schlecht gelaunt, aber das war echt. Es gehörte zu den Dingen, die Jackson an ihr liebte. Sie weigerte sich, das behinderte Sonnenscheinchen zu spielen, das mit seinem unglaublichen Lebensmut die Herzen aufgehen lässt.

»Jetzt lass das!«, sagte Carol, nahm Flicka das Schälmesser aus der Hand und knallte es zurück auf die Arbeitsplatte.

Mit einem Gang, der auf die meisten unbeholfen wirkte, den Jackson aber immer als seltsam anmutig empfand, torkelte Flicka zum Tisch: Sie schwankte mit dem Oberkörper, während sie mit eleganten kleinen Ruderbewegungen das Schlingern ausglich und dabei vorsichtig die Füße abrollte wie eine Drahtseilartistin. »Wovor hast du denn schon wieder Angst?«, sagte sie. »Dass ich meine Finger in den Salat schneide, weil ich sie nicht von den Mohrrüben unterscheiden konnte?«

»Das ist nicht lustig«, sagte Carol.

Es war nicht lustig. Als Neunjährige hatte Flicka in der Küche helfen wollen und den Krautsalat zubereitet, und nur weil der Kohl auf einmal von grün zu rot wechselte, hatte Jackson überhaupt bemerkt, dass das Ende ihres linken Zeigefingers fehlte. Man hatte ihn ihr auf der Intensivstation wieder angenäht, aber seitdem war ihm der Appetit auf Krautsalat vergangen. Auf den ersten Blick mochte es vielleicht ein Vorteil sein, dass die Gliedmaßen seiner Tochter so wenig schmerzempfindlich waren, dass der Finger sogar ohne örtliche Betäubung wieder angenäht werden konnte, doch als er seine Kollegen in der Firma aufforderte, ernsthaft über die Sache nachzudenken, wurden sie blass. Diese Kinder, hatte er erklärt, brechen sich ein Bein und schleifen es kilometerweit hinter sich her, und sie kommen erst drauf, dass irgendwas nicht stimmt, weil das Bein ständig im Weg ist.

»Ich hab nie verstanden, warum dir Sheps Auswanderung so am Herzen liegt«, fuhr Carol fort. »Er ist dein bester Freund. Würdest du ihn denn nicht vermissen?«

»Klar, Süße. Ich werd ihn sogar sehr vermissen.« Jackson nahm sich ein Bier und schwor sich, Shep auch vor all den Ungläubigen bei Allrounder weiterhin zu verteidigen. (Für Jackson hieß die Firma immer noch Allrounder, egal, welchen bescheuerten Namen der Fettsack ihr verpasst hatte.) Vielleicht hätte er warten sollen, bis Shep in seinem Flieger saß, aber heute nach der Mittagspause hatte er sich nicht zurückhalten können, als der Webdesigner mal wieder eine hämische Bemerkung fallen ließ. So konnte Jackson mit unsagbarer Genugtuung verkünden, dass Shep sein Flugticket bereits in der Tasche hatte, du Armleuchter, und von diesem heutigen Nachmittag an nie wieder das Innere dieser überheizten Büroräume würde ansichtig werden müssen. Da war diesem Vollidioten aber die Kinnlade runtergeklappt. Er hatte Carol noch nicht mit der Idee vertraut gemacht, aber er stellte sich vor, dass er selbst mal hinfahren würde, sobald Shep dort Fuß gefasst hatte. Streng genommen stellte er sich vor, wenn auch noch sehr unkonkret, dass er seine Familie irgendwann unter den Arm nehmen und für immer zu seinem Kumpel nach Pemba ziehen würde. Offenbar wollte Carol noch nicht darüber nachdenken, aber irgendwo am Horizont dräute eine finstere Zeit, in der ein Tapetenwechsel therapeutische Wirkung haben könnte.

»Einem muss es doch mal gelingen, hier rauszukommen und ein besseres Leben zu führen, oder nicht?«, fuhr er nach einem Schluck aus der Flasche fort und legte die Füße hoch. »Großer Gott, sollen die Einwanderer das Land ruhig haben. Wir leben hier in einer Riesenabzocke von einem Land; die ursprünglichen Bewohner sollten ihre Sachen packen, die Tür hinter sich zuziehen und dem Pöbel den Schlüssel zuwerfen, das wär’s doch. Dann ziehen wir in diese hippen Ethnodörfer nach Mosambik und Cancún, wo die Häuser alle leer stehen, weil die Besitzer bei uns die Klos putzen. Wenn die alle so versessen drauf sind, hier zu leben, meinetwegen. Sollen sie sich totarbeiten und ihren halben Lohn an die Regierung abdrücken, die dafür hin und wieder einen Bürgersteig erneuert oder ein fremdes Land überfällt –«

»Jackson, fang nicht wieder damit an.«

»Ich hab noch gar nicht angefangen. Ich hab gerade erst angefangen –«

»Du willst doch nicht, dass sich Flicka zu sehr aufregt

»Regst du dich etwa meinetwegen zu sehr auf, Mäuschen?«

»Ich würde mich allenfalls dann zu sehr aufregen, wenn du nicht mehr über Steuern und Geschröpftwerden und Absahner und arme Säue wettern würdest«, sagte Flicka gedehnt. »Und dass die Asiaten gerade dabei sind, die Weltherrschaft zu übernehmen. Dass ›niemand in diesem Land noch irgendwas produziert, das nicht sofort kaputtgeht‹. Dass wir ›unsere Kinder zu Schlappschwänzen erziehen‹.«

Das Mädchen mochte aussehen wie eine Zehnjährige und sich anhören, als wäre sie leicht zurückgeblieben, aber Flicka war blitzgescheit – »high functioning«, ein Ausdruck, den Jackson immer als Beleidigung empfunden hatte. Da Carol den Großteil der elterlichen Schwerstarbeit leistete, war es vielleicht unfair, aber Flicka und ihr Vater waren immer schon Verbündete gewesen. Sie mochte ein blasses, schmächtiges Kind mit kraftlosem Haar, fleckiger Haut und einem dauerhaft defekten »autonomen« System sein (einem biologischen Netzwerk, von dem er vor ihrer Diagnose noch nie gehört hatte), während er ein vierundvierzigjähriger dunkelhaariger, kräftig gebauter Handwerker halb-baskischer Abstammung war, doch gefühlsmäßig hatten beide die gleiche Standardeinstellung, nämlich: Ekel.

»Jetzt plapper mir nicht wieder das mit den Asiaten und der Weltherrschaft nach, ohne hinzuzufügen, dass dein Vater der Meinung ist, sie hätten den Erfolg nicht auch verdient«, sagte Jackson tadelnd; wer aus ihrer quäkenden, schleppenden Sprechweise überhaupt schlau wurde, hätte Flicka – beziehungsweise ihrem Vater – diese aufgeladene fremdenfeindliche Rhetorik durchaus übelnehmen können. »Die Chinesen, die Koreaner – sie arbeiten hart und hören nicht auf den Rat ihrer armseligen Pädagogen, denzufolge sie ihre Hausaufgaben erst dann machen sollen, wenn sie Lust dazu haben. Das sind die echten Amerikaner, wie es die Amerikaner selbst einmal waren, und sie kolonisieren die Plätze an sämtlichen Eliteuniversitäten, und zwar nicht dank irgendwelcher gönnerhaften Quoten, sondern durch Verdienst –«

Carol hörte wie üblich überhaupt nicht zu. Beim Surfen im Büro hatte er jede Menge ungeläufige Informationen aus dem Netz gezogen, doch seine Frau tat sie in der Überzeugung ab, alles schon mal gehört zu haben. Manch eine Frau wäre dankbar gewesen für einen Mann, der jeden Tag neue, faszinierende (wenn auch höchst ärgerliche) Fakten mit nach Hause brachte, der eine ungewöhnliche, dezidierte Meinung hatte und sich ein (wenn auch deprimierendes) Bild von der Welt machte. Aber bei Carol war nichts zu holen. Sie wäre offensichtlich glücklicher gewesen mit einem braven Packesel, der gutgläubig seine Mayonnaisegläser ausspülte, obwohl der Großteil seines »Recycling« auf der stinknormalen Mülldeponie landete, und der frohgemut an die Polizeigewerkschaft spendete, obwohl er dadurch nicht im Geringsten freundlicher behandelt wurde von den Bullen.

Klar, politischen Biss hatte sie noch nie gehabt, aber trotzdem war Carol nicht schon immer so gewesen. Damals hatten sie sich kennengelernt, als sie für ein Haus, für das er einen dicken Rigipsauftrag hatte, den Garten entwarf; den Hausbesitzer hatten sie als Arschloch und sich gegenseitig als Verbündete betrachtet. Insofern war es nicht von Belang gewesen, dass sie, wie sich herausstellte, trotz Fronarbeit nach dem College einen Abschluss in Gartenbau von der Penn State hatte oder dass ihr Vater (der immer der Ansicht war, seine Tochter habe unter ihrem Stand geheiratet) kein dahergelaufener Handwerker war, sondern Bauunternehmer. Damals bei dem Job fühlte sich Jackson von einer hübschen Frau in den Bann gezogen, die keine Angst hatte, sich die Hände schmutzig zu machen, und ihre Fünfzehn-Kilo-Torfsäcke selbst wuchtete. Aber am meisten gefiel ihm, dass sie sich streiten konnte. Sie war mit nichts von dem, was er sagte, einverstanden, hatte aber offenbar Spaß daran, beim Feierabendbier grandios mit ihm zu streiten. Heute tat sie so, als hätte sie den Sieg von vorneherein in der Tasche, wozu also die Mühe, was rätselhaft war, da Jackson sich nicht erinnern konnte, auch nur einen einzigen Streit verloren zu haben.

Und auch diese spielverderberische Ernsthaftigkeit hatte sie früher nie ausgestrahlt. Sie war immer zum Schreien komisch gewesen oder hatte immerhin über seine Witze gelacht. Schuld war vermutlich Flicka. Die Verantwortung verändert einen. Das war auch mit ein Grund, weshalb Carol heute kaum noch Alkohol trank: Jederzeit konnte das Leben ihrer Tochter davon abhängen, dass ihre Mutter einen klaren Kopf hatte. Es war, als wäre man Arzt, nur ohne den Golfklub. Man hatte immer Bereitschaftsdienst.

Also kehrte Jackson zu jenem Thema zurück, bei dem seine Frau nun überraschend Engagement an den Tag legte. »Du verstehst nicht, warum mir so viel daran liegt, dass Shep dieses Zerrbild von Freiheit hinter sich lässt. Aber drehen wir den Spieß um. Was liegt dir daran, dass er’s nicht tut?«

»Ich habe nicht gesagt, dass mir daran etwas liegt«, sagte Carol. »Ich sagte, er ist ein liebenswerter, rücksichtsvoller Mensch, der seine Familie niemals im Stich lassen würde.«

Jackson knallte seinen Stiefel zurück auf das blaue Forbo Marmoleum (und wer hatte ihm beim Verlegen geholfen? Shep Knacker). »Du kannst die Idee einfach nicht ertragen, dass es irgendjemandem gelingen könnte, aus allem rauszukommen! Dass jemand vielleicht mal nicht wie ein Automat durchs Leben stapft und im Gleichschritt in sein Grab marschiert! Dass es vielleicht einen echten Mann geben könnte. Mit Mut! Phantasie! Einem eigenen Willen

»Du suchst Streit, ja? Toll, so schaffst du’s hundertprozentig, deine Tochter aufzuregen. Aber bitte, nur zu, mach sie nervös«, murmelte Carol gleichmäßig und mit dieser an Wahnsinn grenzenden Ruhe. »Du musst ihr ja kein Diazepam in den Hintern schieben, weil sie die Tabletten nicht bei sich behalten kann.«

Kaum hatte sie das Medikament erwähnt, kam Heather wie auf Stichwort in die Küche gehüpft. »Ist es nicht Zeit für mein Cortomalaphrin?« Jackson hatte keine Ahnung; er konnte sich nicht merken, ob sie so taten, als müsse sie vor oder nach den Mahlzeiten ihre Tabletten einnehmen.

»Heather, ich muss kochen, weil wir heute Besuch bekommen, der jeden Moment hier sein kann, also nimm’s doch einfach nach dem Essen, wenn Flicka ihre Medikamente zerstößt.«

»Ich fühl mich aber schon ein bisschen komisch«, protestierte Heather leicht schwankend. »Mir ist schwindlig, und es prickelt, und mir ist heiß und so. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren.«

»Ach, meinetwegen; gieß dir ein Glas Milch ein.« Carol schloss das obere Schränkchen auf; Pillen aus Zucker unter Verschluss zu halten war natürlich völlig überflüssig, aber es gehörte zur Show. So wie der Name »Cortomalaphrin«, ein Name, den sie mühelos in Anlehnung an Catapres, Clonazepam, Diazepam, Florinef, Rotalin, ProAmatine, Depakote, Lamictal und Nexium erfunden hatten, die seit Jahren auf Flickas Medikamententabelle prangten wie Unsinnsreime aus Alice im Wunderland. Auf dem selbstgedruckten Etikett stand »Cortomalaphrin«, mitsamt den Dosierungsempfehlungen. Jackson war fassungslos gewesen, als er erfuhr, dass jede Apotheke standardmäßig Placebos aus Zucker auf Lager hatte, also war Heather vermutlich nicht die Einzige, die die kleinen braunen Lakritzkapseln für zehn Doller pro Glas verschlang.

Während Carol drei Kapseln herausschüttelte, wandte Jackson den Blick ab. Er war mit diesem Quatsch überhaupt nicht einverstanden. Er konnte Carols Einwand ja verstehen, dass Heather hinter den unaufhörlichen medizinischen Krisen ihrer Schwester litt. Aber wenn Heather mehr Aufmerksamkeit brauchte, war ein Pseudorezept keine Lösung. Man sollte ihr lieber beibringen, ihre Gesundheit zu schätzen und dankbar dafür zu sein. Klar, damals, als Carol mit Flicka schwanger war, hatte es noch keinen Labortest für familiäre Dysautonomie gegeben, und nachdem man ihnen versichert hatte, dass das Baby gesund sei, waren sie entspannt gewesen. (Und dann kam die große Überraschung. Als ihr Kinderarzt endlich davon abließ, die veraltete Diagnose vorzuschieben, dass das Kind »nicht gedeihe«, und als er endlich erkannt hatte, warum ihr Neugeborenes nicht an die Brust wollte, immer magerer wurde und sich pausenlos übergeben musste, war die Nachricht gerade wegen der fälschlichen Beruhigung aus dem ersten Trimester umso schwerer zu ertragen gewesen.) Aber Herrgott, pünktlich zu Carols zweiter Schwangerschaft war ein Test entwickelt worden, und sie wussten, dass die Chancen, ein weiteres Kind mit FD zu bekommen, eins zu vier standen; das Warten auf das Ergebnis der Fruchtwasseruntersuchung hatte sie an den Rand des Herzinfarkts getrieben. Als die Geburtshelferin mit strahlendem Lächeln grünes Licht gab, war Heathers zukünftige Mutter so erleichtert, dass ihr die Tränen kamen. Ahnte Heather, dass es sie gar nicht gäbe, wenn ihr Fötus ebenfalls zwei Ausführungen des FD-Gens aufgewiesen hätte, um die sie ihre Schwester törichterweise beneidete? Wohl kaum, denn für gewöhnlich teilte man seinen Kindern nicht mit, wie knapp sie an einer Abtreibung vorbeigeschrammt waren.

Und auch sein Erstgeborenes weihte man nicht ein, denn die Schlussfolgerung war klar: Hätten sie davon gewusst, wäre Flicka postwendend zurückgeschickt worden. Jackson würde nicht so weit gehen und behaupten, dass sie es tatsächlich hätten tun sollen, aber natürlich machte man sich seine Gedanken. Manchmal, in den schlimmsten Phasen – kaum war die Skoliosekorrektur überstanden, mussten sie ihr beibringen, dass als Nächstes eine »Fundoplikation« anstand, mit der ihr chronischer Säurereflux behandelt werden sollte –, kam bei ihm der Verdacht auf, dass Flicka wütend war, und zwar nicht nur wütend im Sinne von »ausgerechnet ich«, sondern vor allem wütend auf ihre Eltern, die dafür verantwortlich waren, dass sie überhaupt auf der Welt war.

So hoch der Preis für sie war, er hatte Flicka immer wieder versichert – gerade weil sie nicht die abgedroschene Unschuldsengel-Show abzog, mit der sie ihren Vater zu Tode gelangweilt hätte –, dass sie ihnen wirklich Freude machte. Es war seine Schuld, dass sie so eine Zicke war – eine boshafte Zicke, eine unterhaltsame Zicke, aber dennoch eine Zicke. Aber wie hätte man das Mädchen nicht verwöhnen sollen, zumindest ein bisschen? Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, FD war nun mal eine degenerative Krankheit, und dementsprechend ging es mit Flicka bergab.

Dabei war sie mal so niedlich gewesen. In den Augen ihres Vaters war sie zwar noch immer niedlich, aber dennoch fiel ihm auf, dass ihr Kinn begonnen hatte, sich nach oben zu runden und vorzustehen wie bei Popeye, wodurch ihr Gesicht etwas permanent Kampflustiges hatte. Ihre Nase wuchs in die entgegengesetzte Richtung und wirkte wie eingeschlagen, wobei sich die Spitze nach unten wölbte und nach innen bog, als wollten sich Nase und Kinn berühren. Ihr Mund war unverhältnismäßig in die Breite gewachsen, die Augen zu weit auseinandergerückt, und seitdem ihre Kinnpartie nach oben wuchs, hatte sie angefangen, ihre Vorderzähne auf die Außenkante der Unterlippe aufzusetzen. Es war nicht seine Sorge, dass sie an Reiz verlor; es war seine Sorge, dass es die äußerliche Manifestation einer weitaus schlimmeren, unsichtbaren Entwicklung war, die er noch immer nicht richtig begreifen wollte, und selbst wenn er es täte, würde es nichts ändern.

Er fing an, über Heather nachzudenken, und landete dann wieder bei Flicka, also hatte Carol vielleicht doch recht, dass Heather sich vernachlässigt fühlte. Ein paar Zuckerpillen waren wahrscheinlich harmlos, und sie konnte sich im Freundeskreis damit brüsten, auf »Cortomalaphrin« zu sein. Die meisten Kinder in Heathers Grundschule wurden mit Medikamenten vollgepumpt, und offenbar war eine Diagnose das Must-have ihrer Generation, ähnlich wie in den Sechzigerjahren die Wildlederjacken mit Fransen. Aber was ihn an dieser Placebosache wirklich verblüffte, war, dass die ohnehin kräftig gebaute Heather anfing zuzunehmen, kaum dass sie mit der Pilleneinnahme begonnen hatte. Es waren nicht die Pillen selbst, die pro Stück keine fünf Kalorien enthalten konnten; es war reine Einbildung. Ihre Mitschüler, die Antipsychotika und Antidepressiva und alle möglichen anderen Antiproblem-Medikamente schluckten, waren allesamt Fettsäcke.

Es trieb Jackson fast zur Verzweiflung, dass Heather sich mit ihren elf Jahren schon als Mitläuferin entpuppte. Dieser Impuls, genauso sein zu wollen wie alle anderen, wo alle anderen totale Vollidioten waren, war ihm immer unbegreiflich gewesen. Selbst als Junge hatte Jackson schon auffallen wollen; die Altersgruppe ihrer Tochter hingegen schien davon getrieben, mit der Menge zu verschwimmen. Die Ausnahmen, die einzig wirklich ehrgeizigen Kinder, die sich unbedingt hervortun wollten, kamen mit einem Waffenlager unterm Trenchcoat in die Schule.

Aber vielleicht war er ja selbst viel mehr Konformist, als er zugeben wollte. Heathers Name zum Beispiel. Sie hatten ihn gewählt, weil sie ihn für ungewöhnlich hielten. Jetzt waren noch drei andere Heathers in ihrer Klasse. Er hatte keine Ahnung, wie die Sache mit der Namensgebung funktionierte. Da denkt man, dass niemand den Namen je zuvor gehört hat, und dann liegt er in der Luft wie ein Geruch oder ein Gas, und jedes schwangere Pärchen in der Straße beschließt, sein Kind Heather zu nennen, weil der Name ja so ungewöhnlich sei. Zumindest aber wimmelte durch irgendein Wunder die Highschool ihrer Erstgeborenen nicht von Flickas, Carols vorpubertärem Pferdebuchfimmel sei Dank. Da, schon wieder, sagte er verärgert zu sich. Schon wieder Flicka. Du bist nicht in der Lage, auch nur zehn Sekunden über deine jüngere Tochter nachzudenken. Aber eine Zeit würde kommen, vielleicht schon bald, da würde er über Heather nachdenken müssen, weil Heather dann seine einzige Tochter sein würde.

»Jackson, soll ich den Kindern schon mal ihr Essen geben? Es wird spät.«

»Ja, denk ich schon. Shep und Glynis haben sich bestimmt in die Haare gekriegt. Wie ich Glynis kenne, lässt sie ihn bestimmt nicht ohne Streit aus dem Haus. Wer weiß, wann er hier aufschlägt.«

»Schatz«, sagte Carol sanft. »Du solltest dich darauf einstellen, dass er möglicherweise kalte Füße kriegt. Oder zurück auf den Teppich kommt und feststellt, dass er einen Sohn und eine Frau und ein Leben hat und dass die Sache mit Pemba einfach lächerlich ist. Nelken. Also ehrlich.« Es war eine eigentümlich weibliche Form der Herablassung: Ach, diese Männer mit ihren jugendlichen Ideen, ihren eitlen, unpraktischen kleinen Projekten.

Jackson verzog wütend das Gesicht. Es war wieder einmal so ein Moment, da war der Anblick seiner Frau eine echte Tortur. Sie war unglaublich schön. Es war vielleicht ein wenig missgünstig, aber es brachte ihn zur Verzweiflung, dass sie älter geworden und noch immer genauso sexy war wie eh und je, groß – größer als er –, mit langen rotbraunen Haaren und vollkommenen runden Brüsten von der Größe halber Grapefruits. Sie hatte nie ein Gramm zugenommen. Aber nicht weil sie Diäten gemacht oder regelmäßig zum Joggen gegangen wäre, sondern weil sie ständig fünfundachtzig Pfund zappelndes und würgendes Fleisch ins Bett hieven oder auf die Intensivstation schleppen musste. Er war inzwischen nicht mehr sicher, ob Carol schon immer diese wie gemeißelte und teilnahmslose Miene gehabt hatte oder ob sie ihre Gelassenheit und Selbstbeherrschung erst entwickelte, um auf Flicka beruhigend zu wirken. Jedenfalls war sie seit Jahren derart schwer aus der Fassung zu bringen, dass er es aus Prinzip immer wieder versuchte.

Er war stolz darauf, in Gesellschaft anderer Männer und deren aus der Form gegangener Ehefrauen mit ihr gesehen zu werden, aber hier zu Hause war der einzige erwachsene Mensch, von dem sie sich abhob, er selbst. Hässlich war er nicht gerade, aber er machte sich seine Gedanken, dass sie zu den Paaren zählen könnten, über die sich andere Leute insgeheim mokierten, nach dem Motto: Carol ist ja echt der Hammer, aber was hat sie nur je an ihm gefunden? Warum sucht sich so eine Wahnsinnsfrau einen kleinen, untersetzten Arbeiter mit behaarten Schultern? Irgendwo hatte er gelesen, dass eine glückliche Ehe unter anderem davon abhing, dass beide Beteiligten in etwa gleich attraktiv waren, und das hatte ihm zu denken gegeben. Die meisten Männer hätten ihn vermutlich für verrückt erklärt, aber er wünschte, sie wäre eine Spur unscheinbarer.

Jackson deckte für die Kinder den Tisch und sah bereits Flickas entsetzte Miene. Paprikagemüse mit Wurst gehörte zu Carols Standardgerichten und kam bei Gästen immer gut an, wobei man mit Fenchelsamen und Knoblauch bei Flicka auf verlorenem Posten war. Mit ihrem verkümmerten Geruchssinn und einer Zunge so glatt wie ein Schuhlöffel konnte sie so gut wie nichts schmecken. Sie mochte mühselig gelernt haben, ihren Kehldeckel zu falten, damit sich keine Nahrung in ihre Luftröhre verirrte, aber noch immer kaute sie jeden Bissen so lange, dass man den Eindruck hatte, sie wolle sich durch die Tischplatte nagen, und ihre Mutter musste ihr nur einen Augenblick den Rücken kehren, da hatte sie die Reste auch schon von ihrem Teller in den Abfall befördert. Die eigentümliche Wahrheit war, dass sie zwischen Hunger und Essen keinerlei Zusammenhang sah. Und dementsprechend kam ihr die Zeit, die zum Kochen aufgewendet wurde, unverhältnismäßig lang vor. Der ganze kulturelle Schnickschnack ums Essen – separate Salatschüsselchen und Fischgabeln, die Qual der Wahl im Restaurant, geteilte Enttäuschung über einen klitschig geratenen Pizzaboden, der schlimmstenfalls sogar den Abend verderben konnte –, das alles war für Flicka so unnachvollziehbar wie die Opferriten einer obskuren animistischen Sekte. Der Schokoladenhunger ihrer properen Schwester, deren Organismus die Kalorien eigentlich gar nicht benötigte, schien ihr schlichtweg sinnlos, als würde Heather immer weiter den Tankhahn drücken, obwohl das Benzin längst aus dem Deckel blubberte und an der Seite des Autos herunterlief.

»Flicka, ich habe dir was auf einen Extrateller getan, ohne Soße.«

»Lass mal«, sagte Flicka mürrisch. »Da hau ich mir lieber ’ne Dose Compleat rein.«

»Ich habe keine Lust, jeden Abend mit dir darüber zu streiten.« Carols Stimme war so ruhig, dass ein unbeteiligter Beobachter niemals auf die Idee gekommen wäre, von Streit zu reden.

»Ja, klar, total gemeinschaftsbildend. Wenn das mal nicht einleuchtet.«

»Deine Ernährungstherapeutin sagt, du musst versuchen, jeden Tag etwas zu essen, und diese Portion dort ist sehr klein. Wenigstens ein bisschen essen zu können ist wichtig, um Freundschaften zu schließen.«

Flickas vielsagendes Schnauben klang mehr wie ein Gurgeln, und sie wischte sich mit dem Frotteeschweißband an ihrem rechten Handgelenk den Speichel vom Kinn. Da es ständig durchnässt war, hatte sie darunter einen chronischen Hautausschlag. »Was denn für Freundschaften?«

»Wir bezahlen diese Therapeutin aus eigener Tasche –«

»Ja, klar, und wie würde es euch gefallen, wenn euch irgendeine Tante ständig ihre Finger in den Mund steckte? Ihr habt Karen Berkley doch nicht für mich angeheuert, sondern für euch –«

»Iss es einfach.« Großer Gott, Carol klang ja fast eine Spur aufgebracht.

Nachdem sie in ihrem Schulrucksack nach einem großen abgegriffenen Reißverschlussbeutel gewühlt hatte, zog sich Flicka an Carols mit Kornblumen bedruckter Gardine hoch und torkelte an die Küchentheke, wo die kleine Pfanne ihres ungewürzten Paprikagemüses stand. Bevor Carol sie aufhalten konnte, hatte sie den Inhalt der Pfanne in den Mixer gleiten lassen, zwei Kaffeebecher Wasser dazu gekippt und das Gerät auf höchste Stufe gestellt. Die Mahlzeit wurde zu einem flockigen bräunlich-rosafarbenen Brei verquirlt, und Jackson verging schlagartig der Appetit. Mit boshaft funkelndem Vaselineblick befestigte sie die große Spritze an den dazugehörigen durchsichtigen Schlauch und das andere Schlauchende am Plastikaufsatz über ihrem Magen – der sich vom Verschluss an einem Orangensaftkarton nicht wesentlich unterschied. Sie nahm den Stopfen ab und goss eine kleine Menge Brei in die durchsichtige Plastikspritze; sie öffnete die Klemme und drückte den kotzefarbenen Brei hinein. Mit siegesgewissem Lächeln hielt Flicka in Nachahmung der Freiheitsstatue die Spritze in der rechten Hand hoch.

Ja, es war ein Akt der Boshaftigkeit. Um weiter Salz in die Wunde zu streuen, verkündete Flicka: »Ich ess ja schon.«

»Der Schlauch wird sich schwer ausspülen lassen«, sagte Carol und ließ sich zu einem Hauch von Frostigkeit hinreißen. Dann klingelte das Telefon. »Schatz, könntest du bitte rangehen? Ich muss hier erst mal ein bisschen sauber machen.«

»DAS WAR’S«, VERKÜNDETE Jackson knapp, als er zurück in der Küche war. »Er kommt nicht.«

»Er kommt nicht, oder er fährt nicht?«

»Weder noch.«

Carol stellte noch zwei Teller raus, und er nahm ein Flackern in ihrem Gesicht wahr.

»Und wieso macht dich das jetzt so verdammt glücklich?«

»Ich habe doch gar nichts gesagt!«

»Du freust dich, stimmt’s?«

Carol nickte diskret in Flickas Richtung und schüttelte den Kopf, als hätte er laut geschrien. »Ich freue mich«, sagte sie, und ihre Stimme klang wie ein Küchenspachtel beim Verteilen einer Frischkäseglasur, »für Glynis.«

»Das lass mal lieber.«

HANDY RANDY HATTE zwar in die anderen Stadtbezirke expandiert, aber Hauptsitz und Lager befanden sich noch immer auf der 7th Avenue in Park Slope, kaum eine Meile von Windsor Terrace entfernt. Da er zur Arbeit laufen konnte, war es für Jackson kein Problem, am nächsten Montag zeitig im Büro zu sein, um die spöttische Grundstimmung wenigstens auf ein Minimum zu reduzieren, bevor Shep durch die Tür trat. Er strahlte bewusst eine fürsorgliche Geladenheit und Gewaltbereitschaft aus, was ihm unter den Umständen nicht schwerfiel. Dennoch herrschte im Büro eine Atmosphäre von kaum verhohlener Heiterkeit; der Buchhalter, der Webdesigner, der Disponent – alle bis hin zur Empfangsdame sahen aus, als müssten sie an sich halten, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Als Shep tatsächlich durch die Tür trat, schien er sich wenig daran zu stören, dass die restliche Belegschaft plötzlich verstummte, und mit roboterhafter Passivität, die Jackson irgendwie bekannt vorkam, ging er auf seine Wabe zu; vielleicht waren sich Shep und Carol vom Temperament her gar nichtso unähnlich. Egal, was ihm das Leben Übles bescherte – das »Leben« war noch milde ausgedrückt; besser gesagt, was andere Leute ihm Übles bescherten –, Shep absorbierte es ebenso wie die sorglose Weggucknummer seiner Familie, als er vom Sarg bis zur Leberpastete die Beerdigung seiner Mutter bezahlte; die ganze Gesellschaft verhielt sich, als wäre die Übernahme all dieser Kosten wie ein Furz, den man höflich schweigend überging. Als Mark, der Webdesigner, den Jackson am Freitag noch in die Schranken gewiesen hatte, schelmisch fragte: »Wie, gar nicht braun geworden?«, gab Shep milde zurück, dass der Himmel verhangen gewesen sei. Er saß an seinem Arbeitsplatz und klickte sich durch die Beschwerdemails; Jackson konnte von der anderen Seite des Raums erkennen, dass es nicht wenige waren.

Es war heiß. Jackson hatte sich angewöhnt, in den Wintermonaten kurzärmlige Sachen anzuziehen, um nicht nass geschwitzt nach Hause zu kommen. Pogatchnik drehte die Heizung immer auf volle Pulle, und sei es, um Shep zu ärgern, der die Verschwendung beklagte. Genau darum ging es aber ihrem Wichser von einem Chef: um die Verschwendung. Ein Betrieb, der seine Räumlichkeiten im Januar auf tropische Temperaturen aufheizte und im August auf arktische Gefriergrade herunterkühlte, sollte die Kunden glauben machen, der Laden liefe prächtig. Es sei ein Zeichen der Prosperität, ähnlich wie Fettleibigkeit einst ein Zeichen des Wohlstands war: Früher konnte man es sich leisten, sich zu überfressen; heute konnte man es sich leisten, seine Räume zu überheizen. Shep hatte eingewendet, ihm leuchte nicht ein, wie sich ein halbwegs gesunder Mensch in der einen Saison bei dreißig Grad und in der anderen bei zwölf Grad wohlfühlen könne, doch jede Meinungsäußerung gegenüber Pogatchnik war ein Schuss, der nach hinten losging, und das letzte Mal, als Shep höflich darum gebeten hatte, das Thermostat herunterzudrehen, ging der Regler um zwei Grad hoch. Jede von Pogatchnik eingeführte Neuerung war eigens darauf zugeschnitten, Shep Knacker zu ärgern, bis hin zu einem Fortbildungsseminar zum Thema »Umgang mit schwierigen Kollegen«. Wobei doch Pogatchnik selbst der schwierige Kollege war.

Um elf ließ sich ihr Chef herab, ins Büro geschlendert zu kommen. Er steuerte direkt auf Sheps Wabe zu. »Ich erwarte eine Entschuldigung von Ihnen, Knacker.«

»Richtig«, sagte Shep mit steinerner Miene.

»Also?«

»Ich entschuldige mich.«

Pogatchnik baute sich weiter vor Sheps Schreibtisch auf und schien noch nicht zufrieden zu sein.

»Ich möchte mich in aller Form entschuldigen«, sagte Shep. »Ich hatte wohl einen schlechten Tag.«

»Nur weil der Betrieb Ihnen gehört hat, als er noch ein mieser kleiner Eckladen war, heißt das noch lange nicht, dass Sie hier Sonderrechte genießen. Diesmal will ich ein Auge zudrücken, aber jeden anderen Mitarbeiter hätte ich vor die Tür gesetzt. Allerdings, da Sie ja ein anderer Mitarbeiter sind –«

»Ich bin sehr dankbar für Ihr Entgegenkommen. Ich erwarte überhaupt keine Sonderbehandlung. Es kommt nicht wieder vor.«

Jackson, der aus sechs Meter Entfernung diese groteske öffentliche Selbstkasteiung mit anhören musste, hatte eine gute Vorstellung davon, warum in allen Winkeln der Nation die Angestellten mit einer Tasche voller Automatikwaffen zur Arbeit fuhren. Vor allem der »miese kleine Eckladen« war ein Schlag ins Gesicht. Shep hatte Allrounder genau zu der Zeit verkauft, als das World Wide Web im großen Stil abhob; wie hätte er ahnen sollen, dass der Heimwerkerservice im Internet florieren würde? Nachdem Pogatchnik die Domain www.handiman.com gesichert hatte (www.handyman.com war schon vergeben, aber so fingen sie eben diejenigen Kunden, die nicht buchstabieren konnten; da sie in Amerika waren, hatte das dem Geschäft keinerlei Abbruch getan), war ihr Kundenstamm regelrecht explodiert. Pogatchnik rechnete sich den Erfolg als seinen eigenen Verdienst an, als habe er das Internet persönlich erfunden. Jetzt war die Firma wahrscheinlich viermal so viel wert wie das, was der Mistkerl dafür hingeblättert hatte, und Pogatchnik hatte sogar einen Fernsehwerbespot geschaltet, in dem er höchstpersönlich in Anlehnung an Sammy Davis jun. fürchterlich schief »The handyman can, oh, the handyman can!« schmetterte und bei dem Jackson mit nahezu hysterischer Dringlichkeit den Sender wechselte. Damals war es der Wahnsinn gewesen, dieser fette Scheck über eine Million, doch inzwischen hatte sich herausgestellt, dass der Verkauf von Allrounder das Dümmste war, was Shep jemals getan hatte.

Als die beiden sich zu Mittag in einem Café in derselben Straße ihr übliches Sandwich holten – Jackson hätte auch ohne den ganzen Büffelmozzarella- und Prosciuttoquatsch leben können, war ja im Grunde nichts anderes als Schinken und Käse –, musste er einfach fragen: »Was sollte denn diese Mea-Culpa-Arschkriecherei vorhin bei Pogatchnik?«

Shep war zwar immer schon ein eher ruhiger Mensch gewesen, aber selbst für seine Verhältnisse war er heute Morgen unmenschlich temperamentlos, bis zur Selbstlosigkeit kooperativ. Man hätte ihn einem Alkoholtest unterziehen und ihn seine Nasenspitze berühren, auf einem Bein stehen und rückwärts in Siebenerschritten von hundert bis null zählen lassen können, und er hätte nicht mal gemerkt, dass man gar kein Bulle und er gar nicht Auto gefahren war.

»Ach so«, sagte Shep monoton. »Als ich am Freitag bei Randy raus bin« – er nannte die Firma sonst nie Randy, sondern immer Allrounder; Herrgott, der arme Kerl hörte sich an wie Paul Newman, der in Der Unbeugsame tagelang in Einzelhaft sitzt und anschließend nur noch willenlos »ja, Sir, ja, Sir« sagen kann –, »ich glaube, ich hab da so was gesagt wie ›Mach’s gut, Arschloch‹. Ist mir rausgerutscht. Ich hab ja gedacht, ich komm nicht wieder.«

»Okay, ich versteh ja, dass du dich bei ihm entschuldigst, aber musstest du ihm auch noch die Füße küssen?«

»Ja, musste ich.«

Jackson überlegte. »Die Krankenversicherung.«

»Richtig.« Shep nahm einen Bissen von seinem Sandwich und legte es wieder hin. »Du kannst mir gern widersprechen, aber ich hatte den Eindruck, meine Kollegen waren im Bilde, dass ich ursprünglich eine Exkursion geplant hatte. Dass ich heute zur Arbeit gekommen bin, schien einige Leute zu belustigen.«

»Hör zu, es tut mir leid. Letzte Woche hat Mark wieder gelästert, und – na ja, vielleicht hätte ich die Klappe halten sollen. Aber ich war mir so sicher, dass du diesmal wirklich fährst … Ich will mich nicht rausreden, aber es wäre für uns beide einfacher gewesen, du hättest vor Jahren deinen großen Plan für dich behalten.«

»Vor Jahren hatte ich aber keinen Grund dazu. Es war einfach das, was ich vorhatte.«

»Trotzdem, ich wünschte, du würdest es den Kollegen erzählen, das mit Glynis. Sie nicht in dem Glauben lassen, dass du bloß deshalb nicht nach Pemba gefahren bist, weil du die Hosen voll hattest oder weil du ein Spinner bist. Sie würden dir das Leben jedenfalls weniger schwer machen.«

»Glynis will nicht, dass es alle erfahren. Dir und Carol durfte ich es sagen. Aber sonst geht es nur sie was an. Ich hab nicht vor, mir auf ihre Kosten mein Arbeitsleben angenehmer zu machen. Es ist ohnehin nicht angenehm und wird’s auch nie sein, insofern ist es egal.«

»Was meinst du denn, warum sie es geheim halten will?«

Shep zuckte mit den Achseln. »Privatsache. Und wenn man’s jedem auf die Nase bindet, wird es plötzlich real.«

»Aber es ist doch real.«

»Allerdings«, sagte Shep.

»Hör zu«, sagte Jackson, als sie sich auf den Rückweg machten. »Willst du noch auf ein Bier bei uns vorbeikommen, bevor du zurück nach Elmsford fährst?«

Es war offensichtlich, dass die Aussicht, irgendetwas aus Spaß zu tun oder zum Trost oder aus irgendeinem Grund, der mit ihm selbst zusammenhing oder mit dem, was er »wollen« könnte, Shepherd Knacker über Nacht fremd geworden war, doch Jackson hatte ihn um etwas gebeten, also würde er es tun. »Klar«, sagte er.

»ICH KANN ABER nicht lange bleiben«, sagte Shep warnend, als er sie zur Windsor Terrace fuhr.

»Das macht nichts. Wir haben sowieso um neun ein Treffen mit unserer FD-Selbsthilfegruppe. Mir graut schon wieder davor. Es wär ja noch auszuhalten, wenn es einfach darum ginge, sich mit den Leuten über die Nebenwirkungen der Medikamente auszutauschen. Aber diese ganze Sache mit dem Judentum wird mir etwas zu viel. Versteh mich nicht falsch, ich gehöre nicht zu diesen Juden, die in Selbsthass schwelgen. Ich bin einfach nur nicht sonderlich, na ja, jüdisch.« Jackson plauderte drauflos, aber einer musste ja schließlich reden, wenn hinterm Steuer ein Zombie saß. »Meine Mutter ist nichtpraktizierend, und mein Vater hat diese Baskennummer am Laufen, was ja durchaus was hat – nicht, dass ich deswegen jetzt irgendwelche spanischen Politiker in die Luft jagen wollte oder so. Und Carol, na ja, sie ist katholisch erzogen worden. Sie hatte einen Großvater väterlicherseits, der Aschkenase war. Also werden wir in unserer Gruppe ständig bedrängt, Flicka mit gefilte Fisch zu füttern, dabei ist sie ja streng genommen nicht mal jüdisch. Und dann diese ganzen orthodoxen Irren … Wenn sie heiraten, weigern sich die Paare, den DNA-Test machen zu lassen. Selbst die, die schon ein Kind mit FD haben, lassen keine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen. In Crown Heights gibt’s eine Familie, die hat gleich drei davon. Das ist doch die gerechte Strafe für so viel Blödheit. Weil, natürlich sind die Juden gegen Abtreibung. Und trotzdem erzählen einem sämtliche Rabbiner aller Formen des Judentums – von den Reformjuden bis zu den Ultraorthodoxen –, wenn der Fötus FD hat, dann weg damit. Nach dem Motto, Gott will nicht, dass es leidet. So weit ist es nämlich schon gekommen. So was macht mich total fertig, verstehst du? Vermutlich liegt es am jüdischen Glauben, und eigentlich sollte man sich doch aussuchen können, woran man glaubt. Aber nein. Diese verfluchten Gene verfolgen mich, Mann, durch die Generationen hinweg.« In Anbetracht der Umstände hätte Jackson eigentlich nicht in eigener Sache klagen sollen, und er hielt den Mund.

Carol und Shep umarmten sich zur Begrüßung, und Carol sagte, es täte ihr unendlich leid. Sie setzten sich in die Küche. Shep erklärte, dass er das Wochenende hauptsächlich im Internet verbracht hatte, und erzählte ihnen, was er wusste. Er werde sich Ende der Woche einen Tag freinehmen, um mit Glynis zu einem Onkologen zu gehen, und danach werde man klüger sein. Carol fragte, wie Glynis seiner Meinung nach die Sache aufgenommen habe, und Shep sagte, sie sei stinksauer, aber sie sei ja immer stinksauer, also schwer zu sagen. Dann fragte Carol, wie Shep die Sache aufgenommen habe, aber die Frage schien für ihn irrelevant zu sein. Er habe natürlich Angst, sagte er, könne sich Angst aber eigentlich nicht leisten oder sonst irgendein Gefühl. Ich bin derjenige, der alles zusammenhalten muss. Also spielt es keine Rolle, wie es mir geht. Ich spiele keine Rolle mehr. Es war seine erste wirklich leidenschaftliche Äußerung an diesem Tag.

Carol sagte, schade wegen Pemba, wobei Shep genau wusste, dass sie die Sache von vornherein für eine Schnapsidee gehalten hatte. Sein »Jenseits« über Bord zu werfen, komme ihm jetzt schon wie eine Lappalie vor, sagte er, als wär’s ewig her. Das einzig Gute an dieser furchtbaren Schicksalswendung sei die Einsicht in das, was wirklich wichtig sei. Jetzt müsse er nicht mehr entscheiden, ob er fahren wolle oder nicht, denn nachdem Glynis ausgepackt hatte, gab es keine Wahl mehr. Pemba war gestorben. Es war, als sei die ganze Insel im Meer versunken. Man würde es nicht für möglich halten, sagte er, aber er habe in seinem ganzen Leben noch nie so einen Moment erlebt, wo alles auf einmal ganz einfach ist. Shep fragte sich laut, ob diese Sache aus heiterem Himmel insgesamt eine perverse Form von göttlicher Intervention darstellte. Er hatte nicht ohne Glynis und Zach nach Pemba gehen wollen. Er sollte nicht ohne sie gehen, und jetzt konnte er nicht. Es war eine saubere Sache. In diesem Sinn war die Planänderung eine Erleichterung. Das Nicht-zögern-Müssen. Die große und grell leuchtende Offensichtlichkeit dessen, was er zu tun hatte. Und ja auch tun wollte, wie Shep emphatisch hinzufügte. Glynis braucht mich. Vielleicht brauchte sie mich schon vorher, aber da war es nicht so deutlich. Als Shep sagte, es sei gutes Gefühl, dass seine Frau ihn brauchte, war Jackson ein wenig neidisch, ohne genau zu wissen, warum.

So vertrauensselig war Shep normalerweise nicht. Als er jetzt ausbuchstabierte, dass er Glynis liebte und dass ihm zuvor gar nicht klar gewesen sei, wie sehr, und dass er das, was er noch vor einer Woche als letzte Möglichkeit der Selbstrettung entworfen hatte, inzwischen bereute, war Jackson sowohl gekränkt als auch gerührt. Jackson dachte darüber nach, wie sehr Flicka ihn und Carol verändert hatte und dass manche dieser Veränderungen schlecht waren, zum Beispiel, dass sie wegen der spätnächtlichen Fütterungsaktionen so wenig Schlaf bekamen, dass sie nur noch selten Sex hatten, aber wie manche Veränderungen auch gut waren. Die Veränderungen waren notwendig. Sie hatten ein gemeinsames Projekt, das lebenswichtiger war als Sex und, wie sich herausstellte, weitaus intimer, was ihn erstaunte. Vielleicht hatte eine Frau, die ihren möglicherweise bevorstehenden Tod verkündete, einen ähnlichen Effekt der Neuordnung, vielleicht führte sie die beiden Ehepartner auf eine Art und Weise zusammen, die nicht vollkommen hoffnungslos und immer nur furchtbar war.

Doch als Shep fortfuhr und sagte, wie froh er sei, dass er nicht mehr die Verantwortung übernehmen müsse dafür, »Glynis zu verlassen« und »seinen Sohn zu verlassen«, erschrak Jackson. Shep sagte, durch die Diagnose sei, um mit seinem Vater zu sprechen, »der Kelch an ihm vorbeigegangen«, und Jackson dachte, ohne es auszusprechen, dass die einzige Verwandlung, die er nicht hinnehmen würde, die plötzliche Verchristlichung seines Freundes wäre. Stattdessen sagte er, eigentlich komisch, die Verantwortung bist du los, indem du die volle Breitseite abbekommst. Stimmt, sagte Shep, aber jetzt fühl ich mich mehr wie ich selbst. Normaler. Weil ich das Richtige tue. Mich um meine Frau kümmere. Ich fand ja schon, sagte Carol behutsam, dass dieses Einfach-so-Verschwinden dir nicht ähnlich gesehen hätte. Nein, sagte Shep mit einem Anflug von Trauer. Ganz bestimmt nicht. Wie auch immer, sagte Carol. Es kommt immer anders, als man denkt … Ja, pflichtete Shep ihr bei, dass wir uns überhaupt noch die Mühe machen, irgendetwas zu planen. Der philosophische Ton machte ihn älter, und Jackson bemerkte die Jungenhaftigkeit seines besten Freundes erst jetzt, wo sie nicht mehr da war.

Wie immer bei feinfühligeren Leuten erinnerten die eigenen Probleme daran, dass andere Menschen auch ihre Probleme hatten, dass es überhaupt auch noch andere Menschen auf der Welt gab. Also hielt sich Shep nicht beim Thema Glynis und Pemba auf, sondern fragte nach Flicka – die Mädchen saßen oben bei den Hausaufgaben –, und er besaß den Anstand, auch nach Heather zu fragen. Er fragte sogar nach Carols Arbeit, was eigentlich nie jemand tat, weil ihre Arbeit so langweilig war, und er fragte Carol, ob sie die Landschaftsgärtnerei nicht vermisse. Doch, sagte sie, die körperliche Arbeit, das Arbeiten mit der Erde. Ihm gehe es genauso, sagte Shep, ihm fehle das Reparieren, er wolle den Leuten das Leben spürbar erleichtern und die Früchte seiner Arbeit sehen, statt bloß am Telefon dafür zu sorgen, dass irgendein vermurkster Job in Ordnung gebracht werde. Er entschuldigte sich, aber er könne sich nicht genau erinnern; er wusste, dass Carol teilweise auch deshalb im Marketing für IBM jobbte, weil sie von überall aus arbeiten konnte, egal, ob der Computer zu Hause oder in Tahiti stand; sie konnte arbeiten, wann sie wollte, und konnte so viele Stunden einlegen, wie sie wollte, solange die Arbeit gemacht wurde – eine Politik, die, wie sie sich lachend einigten, eigentlich nicht revolutionär sein sollte und es dennoch war: Das einzige Kriterium für die Erledigung der Arbeit war, dass die Arbeit erledigt wurde. Doch auch die Landschaftsgärtnerei war freiberuflich gewesen, ebenfalls mit flexiblen Arbeitszeiten, und wie Shep noch wusste, hatte sie kein Problem damit gehabt, rechtzeitig zurück zu sein, wenn die Mädchen von der Schule nach Hause kamen oder sie Flicka zu ihren diversen Therapeuten oder Hals über Kopf in die Notaufnahme fahren musste. Ob es das Opfer wirklich wert gewesen sei, fragte er, für ein höheres Gehalt?

Jackson musste seinen Ärger unterdrücken; es störte ihn, dass Carol mehr verdiente als er, ebenso wie es ihn störte, dass sie eine Arbeit hatte aufgeben müssen, die sie liebte, aber zwischen Männern und Frauen war ja jetzt angeblich alles anders, und eigentlich hätte er sich an solchen Dingen nicht mehr stören sollen.

»Ach, den Job bei IBM habe ich eigentlich nicht wegen des besseren Gehalts angefangen«, erklärte Carol. »Als Randy Allrounder übernahm – und du weißt ja selbst, was er für ein Halsabschneider ist –, hat er zu einer billigeren Krankenversicherung gewechselt. Mit all unseren Ausgaben wegen Flicka – den Therapien und Operationen und Klinikaufenthalten – konnten wir uns auf Jacksons Versicherungsschutz nicht mehr verlassen. Weißt du«, fuhr sie fort, »diese World Wellness Group ist ein Albtraum von einer Krankenversicherung. Die erheben Zuzahlungen auf alles, einschließlich der Medikamente, da sind fünf Riesen weg, bevor man auch nur zehn Cents zurückerstattet bekommen hat. Und zu den Zuzahlungen kommt dann noch die Selbstbeteiligung hinzu: zwanzig Prozent der Gesamtkosten, und zwar für Leistungen innerhalb des Vertragsnetzwerks. Zähl das zur Höchstsumme hinzu – du weißt schon, das, was sie insgesamt locker machen –, und die ist ziemlich niedrig, nur zwei bis drei Millionen Dollar, ein Betrag, den jemand wie Flicka noch vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr locker ausgeschöpft hat … Na ja, wir mussten uns eine andere Versicherung suchen.«

»Herrje, davon hatte ich keine Ahnung.«

»Solltest du aber, Shep«, sagte Carol. »Bei denen bist du nämlich auch versichert.«