Kapitel 10
Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 04. 2005 – 30. 04. 2005
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 571 264,91
Er wusste, dass es ein Fehler war. Doch sein ganzes Leben lang hatte er ein Auge auf die Zukunft gehabt – naiverweise unter der Annahme, dass es immer eine geben würde. Wenn er überhaupt vor seinem inneren Auge einen Schlussstrich gezogen hatte, dann war er weiß gewesen und hier und da mit Mangroven bewachsen, mit handgeschnitzten Kanus getupft, von farbenfrohen kangas erleuchtet. Wenn Shep Knacker im Begriff war, irgendwo einen Schlussstrich zu ziehen, dann in den Sand der Küste Pembas.
Er saß oben in seinem Arbeitszimmer und stellte Schecks aus. Obgleich das Zimmer wirklich nur ein Arbeitszimmer war und sonst nichts, hatte ihm sein Steuerberater davon abgeraten, das Zimmer von der Steuer abzusetzen. So etwas falle sofort auf, sagte Dave, und die Gefahr einer Prüfung durch das Finanzamt werde ungleich größer. Jeden April – und der letzte Monat war keine Ausnahme – schimpfte Jackson, dass die Frage »Haben Sie Ihr Arbeitszimmer steuerlich geltend gemacht?« ganz oben auf Seite 1 der Steuererklärung stand, sozusagen direkt hinter der Frage nach Namen und Anschrift. »Wird man etwa gleich auf Seite 1 gefragt, ob man sein Druckerpapier steuerlich geltend gemacht hat?«, schimpfte er. Dieses eine Kästchen ist reine Schikane, um einen davon abzubringen, die einzige Sache einzutragen, die man rechtmäßig absetzen könnte und die diesen Gangstern vielleicht mehr wegnehmen könnte als einen heißen Marmeladendonut.« Wenn das eine Einschüchterungstaktik war, funktionierte sie jedenfalls bestens.
Und wenn man bedachte, welche Summen in den letzten Monaten aus diesem Zimmer geflossen waren, fielen ein paar Tausender mehr oder weniger für die Steuer ohnehin kaum ins Gewicht: Die Restaurantbesuche mit der Verwandtschaft aus Arizona an den Abenden, an denen er nicht in der Lage gewesen war, sich eine weitere kohlenhydratfreie Mahlzeit aus den Fingern zu saugen; astronomische Heizkosten, weil Glynis ständig fror und er trotz des ungewöhnlich frostigen Frühjahrs das Haus auf 26 Grad heizen musste, manchmal höher, wenn sie Schüttelfrost bekam; Laborrechnungen für die Bluttests, wobei ihr von den Spritzen immer noch flau wurde; und natürlich, was alle anderen Summen lächerlich gering aussehen ließ, die Operationen, die ein mächtiges Loch in das Merrill Lynch Konto rissen, gleichsam die finanzielle Entsprechung der Gewalt, die dem Unterleib seiner Frau angetan wurde; und nicht zuletzt die Chemotherapie, die sich pro Stück auf 40 000 Dollar belief. Shep, der einst beim Kauf einer Tube Senf jeden Cent umgedreht hatte, wurde dieser Tage in Gelddingen nachlässig, ja fast gleichgültig. Er phantasierte davon, am nächsten Tag auf die Straße zu gehen und dem erstbesten wildfremden Menschen ein Bündel Geld in die Hand zu drücken. Nimm’s, nimm alles. Erspar mir die Qual, mich schrittweise davon trennen zu müssen. Eigentlich war es Folter, Tod durch tausend Messerstiche, und lieber wäre ihm ein Dolchstoß in den Bauch gewesen – oder ein weltweiter Wirtschaftskollaps, der seine Dollarscheine zu kleinen Papierrechtecken reduzierte, mit denen man sich den Arsch abwischen konnte.
Er hatte die Tür nur angelehnt, um nach Glynis hören zu können, und tatsächlich pirschte sie schon wieder durchs Haus. Es war nach ein Uhr morgens, doch die Schlaflosigkeit, von der sie schon im Krankenhaus geplagt worden war, gehörte unweigerlich zu den Nebeneffekten von Alimta (oder wie Glynis sagte, zu den Spezialeffekten). Was extrem ungerecht war, wenn man bedachte, dass Müdigkeit einen weiteren Spezialeffekt des Medikaments darstellte. Gleich würde Shep sich zu ihr gesellen, gleich. Erst musste er sich zusammenreißen und die furchtbare Erkenntnis im Zaum halten, dass er, obwohl es kaum begonnen hatte, schon jetzt nur darauf wartete, dass das alles endlich ausgestanden sein würde.
Auf einem Regalbrett über seinem Schreibtisch stand eine Reihe von Notizheften, die er sich eigens von einem Schreibwarenhändler aus London kommen ließ – ein seltener Luxus. Die Heftrücken waren ordentlich in Filzstift beschriftet: Goa, Laos, Puerto Escondido, Marokko … Jedes Heft war voll mit handgeschriebenen Notizen: Preise für Grundnahrungsmittel – Brot, Butter, Milch. Durchschnittspreise für Häuser mit zwei bis drei Schlafzimmern. Gesetze für den Immobilienkauf als Ausländer und in restriktiveren Ländern die Empfänglichkeit der Beamten für Bestechung. Zuverlässigkeit der Telefondienste, Stromversorgung und Post. Bei den Auskundschaftungen der letzten zehn Jahre auch Informationen zur Internetversorgung. Zielorte und Wohngegenden. Kriminalitätsraten. Wetter. Besonders akribisch in den älteren Notizbüchern: detaillierte Checklisten über die Verfügbarkeit von Kunstschmiedematerialien – Silber, Lötzinn, Polierrot, Lötpaste –, und wie weit sie hätten reisen müssen, um die Acetylenflasche für den Schweißbrenner aufzufüllen, den Glynis verwendete. Da ihre Produktivität zu Hause immer mehr abgenommen hatte, waren letztere Notizen immer weniger gründlich geworden; sie dienten allein dem immer weniger glaubwürdigen Mythos, dass seine Frau im Ausland, wo die Materialien erst eingeführt und von korrupten Zollbeamten losgeeist werden mussten, ihr Handwerk ernster nehmen würde als hier, wo sie kaum je in ihrem Dachatelier gewesen war, obwohl sie alles Nötige im Jewelry District in Midtown Manhatten direkt vor der Nase hatte.
Es war seine Handschrift: die ordentliche runde Schrift eines fleißigen Schülers, bei der sich die Schweife der Gs und Ys immer wieder pflichtschuldig auf die Schreiblinie zurückzogen und die As und Os gewissenhaft geschlossen wurden. Seine Schreibschrift hatte noch immer ihre schülerhafte Gefallsucht, die nervöse Entschlossenheit, alles korrekt von der Tafel abzuschreiben. Zusätzlich zu den logistischen Notizen waren die Seiten mit Fotos zugekleistert: Bungalows in Kapstadt, die einst zu bescheidenen Preisen zu haben gewesen waren, Glynis, posierend vor einem Haufen leuchtender Früchte auf einem Freiluftmarkt in Vietnam. Karten von Pensionen, Speisekarten von Restaurants. Die Anschriften neu gewonnener Freunde, meist aus den englischsprachigen Kreisen der britischen und amerikanischen Exilanten, deren Gegenwart, wie sie sich von Anfang an geeinigt hatten, unabdingbar wäre. Er und Glynis waren, so das Prinzip, abenteuerlustig, aber realistisch; ohne die Gesellschaft Gleichgesinnter ginge es nicht. Doch egal, wie freundschaftlich das Verhältnis zu den neuen Bekannten gewesen war, sie hatten nach ihrer Abreise kaum mehr Kontakt zu den Ortsansässigen gehabt. Hatte Glynis erst mal das Land zu den Akten gelegt und so die Übung zur reinen Reminiszenz verdammt, hatte er das Heft nie wieder aufgeklappt. Die Hefte links im Regal waren schon ganz verstaubt.
Da sie niemals hingefahren waren, war das mit »Insel Pemba« beschriftete Notizheft so gut wie leer. Daneben lehnte ein Ordner mit Ausdrucken. Da er keine eigenen Notizen und Schnappschüsse hatte, bestand der Pemba-Ordner auf seiner Festplatte aus Links auf Reiseseiten und anderer Leute Urlaubsfotos. Mit wenig Geduld für abstrakte Recherchen hatte Shep lediglich genug Hintergrundwissen gesammelt, um einen Vortrag auf Grundschulniveau halten zu können. Pemba lag fünfzig Meilen nördlich von Sansibar. Da die Insel von den Portugiesen kolonialisiert worden war, wurde von den Einheimischen noch immer alljährlich ein Stierkampf abgehalten. Auf den Plantagen wurden nicht nur Nelken, sondern auch Reis, Palmen, Kokosnüsse und Mangos angebaut. Zur einheimischen Fauna zählten fliegende Füchse, Sumpfmangusten, Kokoskrebse und der rote Colobus-Affe. Natürlich war die Küche auf Meeresfrüchte ausgerichtet: Oktopus, Königsmakrelen, Garnelen.
Königsmakrele hatte er noch nie gegessen, und er hätte sie gern mal probiert.
Die Einwohnerzahl betrug 300 000, wobei die Zählung veraltet war. Es gab nur eine Handvoll Exilanten, die meisten davon Hoteliers. Doch je länger das Jenseits in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte, desto weniger war Shep der Meinung, dass er »Gleichgesinnte« brauchte; vielleicht würde ein schrulliger Nachbar weiter oben am Strand schon reichen, damit seine Zunge nicht gänzlich am Gaumen festwuchs. Die Insel ließ nur eingeschränkten Tourismus zu, und dass sie so schwer zu erreichen war, kam ihm entgegen. Wenn die Insel schwer zu erreichen war, war auch er dort schwer zu erreichen, und genauso schwer würde es sein, wieder wegzukommen.
Er hatte die Namen der Orte transkribiert, um sie alle aussprechen zu können: Kigomasha, Kinyasini, Kisiwani. Chiwali und Chapaka. Piki, Tumbi, Wingi, Nyali, Mtambili und Msuka. Oder Bagamoyo, ein Dorf, das übersetzt »bewahre ein kühles Herz« bedeutete. Er liebte die Vorstellung, an einem Ort zu wohnen, den sein Rechtschreibprogramm nicht erkannte – und mit einer roten Zickzacklinie unterschlängelte. Er liebte die Aussicht, auf einem Flughafen namens Chaka Chaka zu landen. Als er seinen Mut zusammennahm, um Glynis sein Vorhaben zu verkünden, hatte er ein paar Sätze auswendig gelernt, und schon da waren ihm die lebhaften Jubellaute des Suaheli ans Herz gewachsen. Früher hatten ihn Fremdsprachen immer eingeschüchtert. Von allen Aufgaben, die ihm das Jenseits bescheren würde, hätte ihm am meisten widerstrebt, Bulgarisch lernen zu müssen oder, schlimmer noch, eine dieser subtilen tonalen Sprachen wie Thai. Aber Suaheli war eine Spielzeugsprache voller Wiederholungen von der Art, wie sie kleine Kinder erfinden: polepole, hivi hivi, asante kushukuru. Die Sprache machte ihm keine Angst. Sie kam ihm vor wie ein Spiel.
Ähnlich verstohlen, wie man sich Pornos aus dem Internet runterlädt, schob Shep sein Scheckbuch zur Seite und zog die Zimmertür heran. Er schaltete seinen Computer ein und suchte nach den Links. Auf dem Bildschirm tauchte blaues, klares Wasser auf. Der Sand war nicht nur hell und fein, sondern wunderbar menschenleer. Er war nicht naiv, was Strände anbelangte. Er verherrlichte sie nicht, mit ihrem grellen, unerbittlichen Weiß. Er wusste genau, wie heiß sie werden konnten, wie monoton; er wusste, wie die Haut spannte, wenn Salzwasser darauf getrocknet war; wie sich der Sand in die Kopfhaut grub, wie er sich in die Bindungen von Taschenbüchern fraß und einem ins Haus folgte. Er wusste, dass es Fliegen gab. Aber nur weil man in der Nähe eines Strandes lebte, musste man sich ja nicht von früh bis spät auf eine Decke in den Sand knallen. Bei Sonnenuntergang würde die Hitze nachlassen, die Farben würden intensiver leuchten. Und egal, wie sehr man sich an die Aussicht gewöhnte, an die Vögel, die Kokoskrebse, die bei Ebbe über den Sand huschten, keine dieser Aussichten könnte jemals so ermüdend werden wie die Einkaufszentren von Elmsford, New York.
»Shepherd?«
Glynis hing im Türrahmen und drückte sich ein Taschentuch vors Gesicht. Über ihren Arm lief Blut. In seiner Hektik brauchte Shep einen Takt zu lange, um den Strand zu minimieren. Obwohl sie den Kopf zurückgeneigt hatte, waren ihre gelb unterlaufenen Augen geöffnet. Tatsächlich wäre er weniger peinlich berührt gewesen, wenn sie nackte Brüste oder eine Möse auf seinem Bildschirm gesehen hätte.
»Schon wieder Nasenbluten«, sagte er überflüssigerweise, um abzulenken von dem, was sie gesehen haben könnte. Mit einer Hand unter ihrem Ellenbogen schob er sie rasch zum Bad am Ende des Flurs. Sie hatte auf den beigefarbenen Teppich geblutet. Es war kein vorwurfsvoller Blick, mit dem er die Blutspur bemerkte; nur war jetzt er für den Haushalt verantwortlich, und er würde die Flecken wegschrubben müssen, bevor sie in die Fasern eindrangen. »Lass den Kopf im Nacken.«
Er schnappte sich einen Waschlappen, befeuchtete ihn und fuhr ihr damit über den Arm. Beim Entfernen der Schlieren traten die stecknadelgroßen Stiche auf ihrer Haut zutage, die sich nicht würden abwaschen lassen. Als hätte sie sich auf dem Bildschirmstrand gesonnt, war ihre Haut auch jetzt im Mai dunkel, fast gebräunt, nur grauer, gelber, trüber. Die Farbe ließ ihn an jene künstlichen Bräunungscremes denken, von denen sich niemand täuschen ließ. Und betrübt stellte er fest, dass sie trotz Dexamethason wieder einen schuppigen roten Ausschlag hatte. Die Haut war entzündet; sie hatte wieder gekratzt.
»Ich musste natürlich gerade diese Strickjacke anhaben.«
Er half ihr aus der bodenlangen Jacke aus cremefarbenem Kaschmir, einem Kleidungsstück, das sie über alles liebte. Die luxuriöse Strickjacke hatte die Wärme und Behaglichkeit eines Morgenmantels, nur dass sie darin nicht so deprimierend unangezogen wirkte, und jetzt war sie voller Blut. Sie musste also mit dem Morgenmantel vorliebnehmen, den er ihr holte, wobei er ihr versprach, auch noch das kleinste Tröpfchen Blut aus der Strickjacke auszuwaschen. Alles, was ihr Wohlwollen auslöste, was auch nur im Geringsten ihre Zuneigung für das Hab und Gut dieser Erde erhöhte, würde vor dem Teppich Vorrang haben.
Er brachte ihr eine Schachtel Papiertaschentücher und bettete sie auf dem mit Kissen gepolsterten Zweiersofa, das er in die Küche gerückt hatte, damit sie dort in eine Decke gehüllt sitzen konnte, während er die gemeinsamen Mahlzeiten zubereitete. Oder das, was von ihren Mahlzeiten noch übrig geblieben war. Mit diversen Häppchen hatte er mehr Glück als mit imponierenden Gerichten. Weil sie oft nicht die Kraft hatte, aufzustehen und sich an den großen Tisch zu setzen, hatte er einen kleinen Wohnzimmertisch reingeholt, an dem auch er sein Abendessen zu sich nahm, damit sie sich nicht ausgegrenzt fühlte. Shep legte ihr eine Fleecedecke um die Schultern. Zumindest das Nasenbluten schien aufzuhören.
»Tut mir leid wegen der Sauerei«, sagte sie, während er mit der Strickjacke zur Spüle ging. »Ich hätte besser aufpassen sollen, aber durch diese pneumatische Antipathie« – sie meinte natürlich periphere Neuropathie – »bin ich so ungeschickt geworden. Ich kann das Papiertaschentuch kaum noch spüren, und dann denke ich immer, ich hab’s in der Hand, dabei hab ich’s gar nicht in der Hand und lass es fallen. Total unheimlich. Fast als hätte ich gar keine Hände. Als wären sie mir amputiert worden.«
Beim Auswaschen und Ausdrücken und erneuten Auswaschen versuchte Shep sowohl energisch als auch gelassen und routiniert zu wirken, als wäre das, was er zu tun hatte, völlig unproblematisch. Natürlich war es unproblematisch, doch es war eine Kunst für sich, auch tatsächlich diesen Eindruck zu erwecken.
»Ich kann nur hoffen, dass es stimmt und die Symptome wieder weggehen, wenn wir mit dieser Runde fertig sind«, sagte sie. »Wenn ich meine Hände nicht spüre, werde ich wohl kaum mit der Metallsäge loslegen können.«
»So wie ich’s verstanden habe, ist der einzige Spezialeffekt, um den sie sich sorgen, der permanente Verlust des Gehörs.«
»Entschuldigung, was hast du gesagt?«
Er sprach lauter. »So wie ich es verstanden habe –«
»Shepherd. Das war ein Witz.«
Natürlich, ein Witz. Wie konnte ihm das entgangen sein. Es erforderte seine volle Konzentration, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass Glynis immer noch Glynis war – eine echte Pogatchnik-Tautologie – und dass er sie nicht zu sehr mit Samthandschuhen anfassen oder wie ein Kind behandeln durfte. Doch das, was er als Nächstes sagte, war in der Tat elternhaft und löste ein altbekanntes Unbehagen aus, eine ähnlich perfide Komplizenschaft wie ganz am Anfang bei Dr. Knox.
»Du musst dich darauf konzentrieren, dass das alles wieder vorbeigeht«, sagte er. »Mir ist klar, dass das für dich die längsten neun Monate deines Lebens sind. Aber die Ausschläge, das Wundsein und die Neuropathie, das alles hört wieder auf, sobald du die Medikamente aus deinem Körper gespült hast. Versuch den Blick auf die Zielgerade zu richten.«
»Ich kann nur sagen, wenn ich Den Lift nach Manhattan ›unglaublich gut‹ vertrage, dann möchte ich nicht wissen, was schlechte Verträglichkeit heißt.«
Der Lift nach Manhattan bezog sich natürlich auf Alimta und Cisplatin. Die lustigen Spitznamen hatten für seine Frau nicht nur einen hohen Unterhaltungswert, sie bedeuteten auch eine Vereinnahmung, ein fragiles Machtgefühl. Sie würde sich nicht tyrannisieren lassen von der Pharmaindustrie mit ihren munteren Unsinnsnamen, deren unterschwelliger Positivismus angesichts des tatsächlichen menschlichen Leidens Glynis’ gnadenlosen Spott erntete: Emend (Amen), Ativan (Atem sparen), Maxidex (Mach’s auf ex). Dabei hatte Glynis selbst eine gewisse Neigung, die schweren, verboten vielsilbigen Generika zu kapern und in harmlose, ja liebenswürdige Abweichungen zu verwandeln: Lorazepam versüßte sie zu Marzipan, Domperidone schäumte sie zu Dom Pérignon auf, und Lanzoprazol verdrehte sie zum langsamen Walzer. Die Mehrzahl dieser Medikamente sollte den Spezialeffekten der Chemotherapie entgegenwirken; auch diese Medikamente hatten Spezialeffekte, denen wiederum andere Medikamente mit womöglich wieder anderen Spezialeffekten entgegenwirkten, sodass die Anzahl der Pillen und Zaubermittel, die sie schlucken musste, potenziell unendlich war. Daher konnte keiner ihrer heiteren Kosenamen über den Umstand hinwegtäuschen, dass, wie Glynis zu sagen pflegte, ihr Körper »eine Giftmülldeponie« geworden war.
»Zumindest scheint die Übelkeit in deinem Fall nicht länger als ein paar Tage anzudauern«, bemerkte Shep. »Viele Leute kotzen sich über Wochen die Seele aus dem Leib.«
»Mann, da hab ich aber Glück gehabt.«
Shep hielt die Strickjacke gegen das Licht. Noch immer waren blasse lilafarbene Schatten zu sehen. Morgen in der Mittagspause würde er sie in die Reinigung bringen. In drei Stunden musste er »aufstehen«, vorausgesetzt, er schaffte es noch ins Bett, was zweifelhaft war. »Hast du heute mit deiner Mutter gesprochen, oder musste sie wieder mit deiner Mailbox vorliebnehmen?«
»Nein, ich habe nicht mit ihr gesprochen. Warum sollte ich? Was gibt’s schon zu sagen? Ja, ich habe meine Folsäure und mein Pterodactyl genommen.« (Selbst Shep musste kurz nachdenken, bis ihm einfiel, dass das Medikament in Wirklichkeit Pyridoxin hieß.) »Ich habe in letzter Zeit nichts erlebt. Ich sehe den ganzen Tag nur fern. Wir können uns nicht mal übers Wetter unterhalten. Wenn man nicht mehr aus dem Haus geht, gibt’s auch kein Wetter. Am Ende unterhalten wir uns eine halbe Stunde darüber, was ich gegessen habe.«
»Das heißt, nicht genug.«
»Jetzt fang nicht wieder damit an.«
»Ich hab nie damit aufgehört.« Shep suchte einen Kleiderbügel und hängte die Strickjacke behutsam auf, um zu verhindern, dass beim Trocknen die Ellenbogen ausbeulten. Während er im oberen Stockwerk war, spülte er den Waschlappen aus und nahm die Blutstropfen auf dem Teppich in Angriff. Es gelang ihm lediglich, die einzelnen Tupfer in große rosafarbene Flecken zu verwandeln. Es war ein Schaden, dem er früher mit exzessivem Schrubben und scharfen Reinigungsprodukten beizukommen versucht hätte. Er hätte Angst um ihre Kaution gehabt, dass der Vermieter ihnen den Teppich in Rechnung stellen würde. Jetzt dachte er, scheißegal, ich tu nachher ein bisschen Salz drauf. Der Teppich seines Vermieters kümmerte ihn nicht. Ihre Kaution kümmerte ihn nicht. Also kümmerten ihn auch die Flecken im Flur nicht, und er warf den nassen Waschlappen ins Waschbecken. In Anbetracht der Sterblichkeit seiner Frau empfand er der eigenen Zukunft gegenüber eine befreiende Teilnahmslosigkeit. Die Anzahl der Dinge, die allmählich keine Rolle mehr spielten, ging gegen unendlich.
Zurück in der Küche, nahm er den Faden wieder auf. »Ich weiß, diese Telefonate sind mühsam. Aber deine Mutter will doch nur wissen, wie du dich fühlst.«
»Ich habe Krebs! Ich fühle mich zum Kotzen! Wie soll ich mich sonst fühlen!« Glynis’ Atem ging wieder rasselnd. Die Anämie machte ihr Atemprobleme.
»Sie will nur eine gute Mutter sein«, sagte Shep.
»Sie will nur so tun, als wäre sie eine gute Mutter. Es ist alles nur Show, damit sie ihren anderen alten Schabracken erzählen kann, wie ach so fürsorglich sie doch ist. Sie will deren Mitleid einheimsen. Mitleid mit ihr, nicht mit mir. Sie ruft jeden Tag an, damit es ihr besser geht.«
Und was ist daran so verkehrt, hätte Shep fast gesagt, aber er biss sich auf die Zunge. Glynis wollte nicht, dass es anderen besser ging. »Jackson benimmt sich in letzter Zeit etwas seltsam«, sagte er und bettete ihre Füße auf ein paar Kissen. Das Hochlegen der Füße konnte die Schwellung zwar nicht verhindern, aber wenigstens in Schach halten.
»Wie denn?«
»Schwer zu sagen. Distanziert.« Er massierte ihr den Fußspann. Die geschwollenen Zehen standen einzeln ab wie winzige zusammengeschnürte Luftballons. »An manchen Tagen macht er sich in der Mittagspause rar, wo wir die eine ›Stunde‹ doch immer zusammen verbracht haben. Irgendwas scheint ihn zu beschäftigen. Wenn wir dann doch mal durch den Prospect Park laufen, sagt er kaum etwas.«
»Das ist ja mal was ganz Neues.«
»Vielleicht weiß er nicht, wie er mir gegenüber mit deiner Krankheit umgehen soll.« Ihre Fesseln waren immer so schlank gewesen! Er wollte ja, dass sie wieder zunahm, aber doch nicht an den Füßen. »Als du noch im Krankenhaus warst, schien er die Sache eigentlich im Griff zu haben, aber meistens, wie du sagst, mit diesen serienmäßigen Schimpftiraden …«
»Das war ein Segen. Da musste ich mich wenigstens nicht unterhalten – Shepherd, ich will nicht undankbar sein, aber ich spüre überhaupt nichts.«
»Er hat sich mit dem, was los ist, überhaupt nicht auseinandergesetzt«, sagte Shep und gab dem Fuß einen abschließenden Klaps, um die Kränkung zu überspielen. Gekränkt zu sein war sinnlos. »Gefühlsmäßig.«
»Jackson ist der abgekapselste Mensch, den ich kenne. Ich weiß nicht, wie Carol das aushält. Er ist der Typ, der in Gruppen extrem unterhaltsam ist. Aber unter vier Augen, bei mir zumindest, kriegt er nicht mal einen Satz wie ›Reich mir bitte das Salz‹ über die Lippen. Aber zwischen euch beiden muss das doch anders sein.«
Shep spürte die Erschöpfung in ihren Bemerkungen. Glynis war sehr gut darin, Charaktere zu analysieren. Sie war keine künstlerische Eremitin und hatte ein großes Netzwerk an Freunden. Ein beliebter ehelicher Zeitvertreib war immer die genüssliche, manchmal grausam präzise Analyse ihres Bekanntenkreises gewesen. Aber heutzutage musste Glynis schon so viel Energie aufwenden, um überhaupt einen Gedanken zu äußern, dass für die Meinung selbst kaum noch Platz blieb. Im Verlauf eines jeden x-beliebigen Tages gab es jede Menge Gedanken, die zu artikulieren sie einfach nicht die Kraft aufbrachte – den beschwerlichen Prozess zu durchlaufen, Wörter auszusuchen und sie in die richtige Reihenfolge zu bringen; ihren Mund zu öffnen, Luft durch ihre Kehle zu drücken, die Stimmbänder in Schwingungen zu versetzen. Shep hatte Mitleid, fühlte sich aber auch betrogen. Erschreckend bald würden die Überlegungen seiner Frau nicht mehr endlos zur Verfügung stehen und stattdessen eine endliche und eher dürftige Zitatensammlung darstellen, wie sie in den humorigen kleinen Bändchen zu finden waren, die zur Weihnachtszeit in den Buchhandlungen an der Kasse verkauft wurden.
»Es war tatsächlich mal anders zwischen Jackson und mir«, sagte Shep. »Aber in letzter Zeit haben sogar die Schimpftiraden –«
»Er ist so wütend, aber ich weiß nicht genau, auf was.«
»Ich weiß nicht, ob man das ›Wut‹ nennen soll, wenn man sich dabei so amüsiert.« Er schenkte ihr ungebeten ein Glas Sodawasser ein und drückte eine Scheibe Limette darin aus. Er konnte keinen Leerlauf ertragen, keine Sekunde, in der er nichts für sie tat. »Aber in letzter Zeit schwingt irgendwas in seiner Stimme mit. Er hat keinen Spaß.«
»Das ist eine Art Sperre, eine« – die Wörter waren schwer zu finden und schwer über die Lippen zu bringen – »Ausstrahlung. Ein Kraftfeld, um sich andere vom Leib zu halten.«
»Ich muss immer wieder daran denken, als ich ihn neulich in der New-York-Methodist-Klinik besucht habe, als er diese ›Infektion‹ hatte und am Tropf hing und Antibiotika bekam. Er hat nie genau gesagt, um was für eine ›Infektion‹ es eigentlich ging. Fand ich schon seltsam. Normalerweise ist doch immer irgendetwas entzündet, oder?«
»Ich weiß nicht; ich war auch drei Mal hintereinander wegen einer ›Infektion‹ im Krankenhaus.«
»Aber das liegt daran, dass du für jede umherirrende Bazille empfänglich bist. Und erzählt man normalerweise seinen Besuchern nicht detailliert von seiner Behandlung? Hat er auch nicht gemacht. Wir haben nicht darüber gesprochen, was er überhaupt hatte. Und letzte Woche hat er einen Tag im Büro gefehlt und nie erklärt, warum.«
»Ach, das wollte ich dir noch erzählen. Petra war heute hier«, sagte Glynis missmutig. Sie war fertig mit dem Thema Jackson.
»Ach ja? Und wie war’s?«
Shep räumte die Geschirrspülmaschine aus und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Petra Carson war Glynis’ Kommilitonin von der Saguaro-Kunstschule, die älteste Freundin seiner Frau, und sie lebte jetzt auf der Upper West Side. Das Verhältnis zwischen den beiden Kunstschmiedinnen war im besten Falle angespannt. Ebenso wie seine Schwägerin Ruby, deren schieren Arbeitseifer er immer bewundert hatte, wenn auch nie direkt Glynis gegenüber, arbeitete Petra hart und mit enormem Ausstoß. Vermutlich war eher Fleiß als Begabung für ihren Aufstieg verantwortlich: ihre vielen Ausstellungen in wechselnden Kunsthandwerksschauen, ihre hilfreiche New Yoker Galerie. Dass sich jenes ausschlaggebende Attribut in der erhabenen Welt der Kreativität vielleicht gar nicht allzu sehr von der einen lebenswichtigen Ingredienz unterschied, die sein eigenes prosaisches kleines Unternehmen zum Erfolg geführt hatte – stumpfe Ausdauer –, war eine Erkenntnis, die er nicht auszusprechen gewagt hätte.
Glynis pflegte Petras Arbeit als angepasst und nullachtfünfzehn zu bezeichnen. Anders als Glynis lehnte sich Petra nicht gegen die Grenzen des Handwerksbegriffs auf, sie wollte gar nicht unbedingt zur Welt der Kunst dazugehören. Sie stellte Schmuck her, tragbaren Schmuck, nicht mehr und nicht weniger. Und Shep fand das auch noch gut. Funktionalität sagte ihm zu. Er war Handwerker. Er hatte immer zu schätzen gewusst, dass seine Frau Dinge herstellte, die nicht nur attraktiv, sondern auch nützlich waren. Eigentlich hätten die Gegenstände dadurch doch wertvoller und nicht weniger wertvoll werden müssen. Insofern hatte er kein Verständnis für die verrückte Unterscheidung zwischen Kunst und Handwerk. Stellte man einen wasserdichten Tonkrug her, war er praktisch wertlos. Schlug man ein Loch in den Boden des Krugs, galt er auf einmal als Kunst, und man konnte Wucherpreise dafür verlangen. Wie pervers war das denn?
Eigentlich hätte eine lebensbedrohliche Krankheit die anhaltende Spannung hinsichtlich der Frage, welche von beiden Frauen die bessere Kunstschmiedin war, endlich aufheben müssen. (Für Glynis lag die Antwort auf der Hand.) Während kein Zweifel darüber bestand, wer von den beiden erfolgreicher war, lief seit Jahrzehnten eine stillschweigende Fehde, ob Petra denn auch zu Recht so viel Anerkennung genoss. Angesichts ihrer Krankheit hätte Glynis sicherlich einen Waffenstillstand ausrufen oder gar in einem Anflug von Großzügigkeit ihrer Kollegin endlich ein wenig Beifall zollen können. (Jetzt aber mal halblang, sagte Shep zu sich.) Doch was Glynis betraf, war die Rivaliät so erbittert wie eh und je. Sie wollte ihre älteste Freundin und Nemesis auf keinen Fall zu einem von vielen nichtssagenden Gutmenschen an ihrem Krankenbett degradieren.
»Kannst du nicht mal aufhören mit diesem Gewusel?«
Mit einem Pfannenheber in der Hand blieb Shep verdattert im Raum stehen. »Aber ich –«
»Ich verbringe den ganzen Tag mit Nichtstun. Es würde mich beruhigen, wenn jemand da wäre, der auch einfach mal nichts tut.«
Er zuckte mit den Achseln, warf den Pfannenheber in eine Schublade und zog einen Stuhl an ihr Zweiersofa heran. Es war eigenartig schwierig, ihrer Bitte nachzukommen. In diesen letzten Monaten war er nur am Rotieren gewesen, bei all den Aufgaben neben der Arbeit und den meistenteils gescheiterten Versuchen, sich um Zach zu kümmern, dessen Rückzug es ihm allzu leicht machte, ihn zu ignorieren. Wenn er einfach dasaß, wurde Shep unruhig, klaustrophobisch. Beschäftigung von früh bis spät war auch eine Art Therapie. Offensive Hilfsbereitschaft täuschte darüber hinweg, dass er in Wahrheit hilflos war.
»Stell dir vor, Petra hat nur geklagt.« Mühsam setzte sich Glynis in den Kissen auf und begann heftig zu husten. Ihre Freundin hatte sie offenbar gekränkt, wobei es kaum einen Besucher gab, der das nicht tat. Zorn war das Medikament ihrer Wahl. »Ach Gottchen«, krächzte Glynis, »diese Woche muss sie nach L. A. fliegen, zu ihrer Vernissage. Fliegen ist ja so schrecklich heutzutage; früher hat sie sich immer aufs Fliegen gefreut, und jetzt ist es für sie der Horror – die Sicherheitskontrollen und die Schlangen. Und die Vernissagen sind ja immer so öde, all die Schleimer mit ihren Komplimenten, und dann kauft keiner was, also nichts als leeres Gerede. Und das war erst der Anfang. Egal, was sie erzählt hat, alles, was sie machen muss, das endlose Polieren, der Versand und die Versicherung, und dann noch mit den Galeristen essen gehen – es war alles schrecklich, schrecklich, was für eine Last, was für eine Ausbeutung, wo ich nicht mal imstande bin, über die Straße zu gehen! Was denkt sich diese Frau! Am Ende hätte ich ihr wirklich eine reinhauen können.«
»Aber … meinst du denn nicht, dass es den Leuten schwerfällt, dir von den schönen Dingen in ihrem Leben zu erzählen, wo es dir gerade so schlecht geht?«
»Sie hat keine Ahnung, wie viel Glück sie hat. Alle um mich herum scheinen sich immer nur selbst zu bemitleiden, und zwar wegen nichts und wieder nichts!«
Es war inzwischen so gut wie unmöglich, Glynis dazu zu bewegen, sich in andere hineinzuversetzen. Der Gerechtigkeit halber musste man sagen, dass Mitgefühl Kraft erforderte. Wut aber auch. »Es ist ihr peinlich, Gnu«, sagte er leise und beharrlich. »Sie wird instinktiv alles, was sie machen muss, als unangenehm darstellen, damit du das Gefühl hast, dass du’s nicht gern machen würdest, da du es ja nicht machen kannst. Nicht aus Selbstmitleid, sondern weil sie Mitleid mit dir hat.«
»Ach, ich scheiß auf dich und dein ewiges Verständnis. Ich bin diejenige, die Verständnis braucht!«
Glynis kamen die Tränen. Er beugte sich über ihre Decke und wischte ihr mit dem Zeigefinger über die Wange. Wo er schon dabei war, nahm er ein Taschentuch, um das letzte bisschen getrocknetes Blut unter ihrer Nase wegzutupfen. »Deine Freunde haben dich lieb und wissen nicht immer, wie sie’s dir zeigen sollen.«
»Ich hab’s satt.« Sie schob sein Taschentuch weg und setzte sich mühsam wieder auf. »Diese Besucherparade. Cousinen, Tanten, die Nachbarn, die wir kaum kennen. Freunde von vor fünfzehn Jahren, die alle plötzlich aus ihren Löchern gekrochen kommen – als hätte es nicht einen guten Grund gegeben, warum wir in dieser ganzen Zeit nichts mehr zusammen unternommen haben: Wir mögen uns einfach nicht so sehr. Aber nein, alle wollen ihr Publikum. Sie haben sich von langer Hand vorbereitet, ihre kleine Präsentation. Alles, was sie unbedingt noch gesagt haben wollen. Wirklich, sie falten ihre Hände wie in der Kirche oder bei einer Buchkritik. Ich habe inzwischen schon so oft gehört, wie liiieb mich die Leute haben, dass es mir zu den Ohren rauskommt! Wenn du die Wahrheit wissen willst, im Moment wäre es mir fast lieber, es würde jemand durch die Tür kommen und sagen: ›Glynis, weißt du was? Ehrlich gesagt, deine Gesellschaft hat mir nie was bedeutet. Ehrlich gesagt, wir haben uns nie verstanden. Ich konnte mit dir noch nie was anfangen.‹ Oder meinetwegen sogar: ›Ich kann dich auf den Tod nicht ausstehen.‹ Das wäre mal erfrischend. Alles, nur nicht diese Sprüche, von denen mir kotzübel wird. Glynis, du bist so talentiert. Glynis, du hast so schöne Sachen gemacht. Glynis, du hast zwei wunderbare Kinder aufgezogen. Ich weiß nicht, wovon sie reden. Ja, für mich sind es vielleicht wunderbare Kinder, aber für andere sind Zach und Amelia doch nicht wunderbar, sondern einfach nur meine Kinder. Und diese ständigen Erinnerungen. Glynis, weißt du noch, als wir in Aspen im Skiurlaub waren und du dich verirrt hast. Glynis, weißt du noch, als wir klein waren und du dich als Goldgräber aus dem Wilden Westen verkleidet hast? Was soll ich denn dazu sagen? Was wollen diese Leute von mir? Klar kann ich mich erinnern, klar war das lustig oder gruselig oder doof. Ha ha ha? Und ich hab dich sooo lieb. Meistens habe ich die Leute, die hier auftauchen, alles andere als lieb. Meistens habe ich nichts und niemanden lieb, nicht mal dich!«
Shep wusste, dass er nicht gekränkt sein durfte, und strich ihr über das immer dünner werdende Haar. Glynis hatte eine Aversion gegen Gefühlsduselei; sie fühlte sich davon stets an Hetty erinnert. Aber da war noch etwas anderes, das sie in dieser Nacht umtrieb, etwas, das er nicht ganz nachvollziehen konnte. Was immer es war, sie musste es loswerden. Wie in den ersten Tagen nach der Chemo, als er ihr den Kopf gehalten hatte, bis auch der letzte Rest in die Toilettenschüssel getropft war.
»Diese ganze – Sentimentalität!«, fuhr sie gestikulierend fort. »Genau wie meine Mutter. Sie wollen sich einfach nur selbst besser fühlen. Sie gehen alle auf Nummer sicher. Sie gehen auf Nummer sicher, dass sie später kein schlechtes Gewissen zu haben brauchen. Sie haben ja ihre Pflicht getan. Sie haben ihren kleinen Text aufgesagt. Sie können zurück zu ihren fröhlichen Dinnerpartys und geselligen Feiertagen und Kindern, sie können wieder über die Fahrradwege von Tuscon radeln. Sie können mit gutem Gewissen zurück zum Tennis und zum Wein und zum Kino.«
»Du willst nicht, dass sie … ein gutes Gewissen haben?«
»Ich versuche wieder gesund zu werden. Ich lasse mir nicht aus Spaß an der Freude alle zwei Wochen dieses Gift in die Adern spritzen, sondern weil ich wieder gesund werden will. Und dann kommen diese Leute und lesen mir meine eigene Traueranzeige vor, Shepherd! An manchen Nachmittagen habe ich nicht mal mehr das Gefühl, dass ich persönlich anwesend bin. Es ist, als wären die Leute zur Leichenschau gekommen, als läge ich aufgebahrt in meinem Sarg. Ich bin hier am Kotzen und habe am ganzen Körper diese ekelhaften Ausschläge, letzte Woche konnte ich kaum schlucken wegen der Geschwüre in meinem Mund. Ja, ich sehe aus wie eine Leiche, aber noch bin ich hier und lasse diesen ganzen Scheißdreck über mich ergehen. Es bringt mir nichts, wenn diese Arschlöcher reihenweise durch mein Schlafzimmer ziehen und Erde auf mein Grab werfen!«
»Ist ja gut«, sagte er und bettete ihren Kopf an seine Schulter. »Ich versteh’s jetzt.« Dem unaussprechlichen Wort mit T war sie in all den Monaten nie so nahe gekommen wie in diesem Moment.
ER ÜBERREDETE SIE, etwas zu essen – Kartoffelbrei, schlug er vor, etwas Kartoffelbrei wirst du doch runterkriegen. Beruhigend, geschmeidig. Sie willigte nur ein, weil sie wusste, dass er nicht lockerlassen würde, und nachdem sie nun so viel Galle gespuckt hatte, blieb ihr keine Kraft mehr, um sich noch weiter aufzulehnen. Er schälte und kochte zwei große Backkartoffeln und zerstampfte sie zusammen mit einem Becher Sahne und so viel Butter, dass sich die Stärke fast nicht mehr binden ließ. Optimistisch, wie er war, holte er ein paar Brathähnchenreste aus dem Kühlschrank, man konnte es ja mal versuchen. Obwohl er selbst keinen Hunger hatte, nahm er zwei Teller heraus und gab sich eine großzügige Portion auf den Teller – als hätte er tatsächlich einen herzhaften Appetit. Alleine würde sie nichts essen. Fürs Auge garnierte er den Teller mit etwas Petersilie und einer Scheibe Tomate. Bei der ersten Gabel machte er Mmmm, genau wie damals, als die Kinder noch klein gewesen waren und er sie dazu bringen wollte, etwas Neues zu kosten, das sie zunächst argwöhnisch beäugten. Glynis sah auf ihren Teller, als hätte er ihr eine frisch verquirlte Portion Fugendichtung vorgesetzt.
»Probier doch wenigstens einen Happen«, sagte er ermutigend.
Die Menge Kartoffelbrei, die sie sich auf die Gabel schob, hätte nicht einmal einen Hamster satt gemacht.
Shep hatte eigentlich einen Allesfresser-Stoffwechsel und hatte früher in den Mittagspausen unbekümmert fünf Zentimeter dicke Pastrami-Sandwiches in sich hineingestopft. Aber das war damals, als er für den Job noch viel unterwegs war, Nägel klopfte, auf Leitern kletterte und 25-Kilo-Zementsäcke schleppte. Nachdem er bei Allrounder zur Führungskraft aufgestiegen war, hatten sich die Pfunde bei ihm angesammelt, und er hatte seine Eitelkeit entdeckt. Seitdem hatte er Glynis bei jeder Diät Gesellschaft geleistet und ihren Missmut darüber besänftigen können, dass er fressen konnte wie ein Pferd, während sie essen musste wie ein Spatz, um ihr Gewicht zu halten. Sie hatten grundsätzlich nur fettarme Milch im Haus und jene rein pflanzlichen Sandwichbeläge, die nach Motoröl schmeckten. Wie die meisten ihrer Bekannten über vierzig hatten sie jahrelang die Lebensmittel in ihrem Kühlschrank mit dem Argwohn zweier missgünstiger Gastgeber betrachtet, die feindliche Truppen bei sich einquartieren mussten. Da er immer das Gefühl hatte, es könne nicht schaden, ein bis zwei Pfund abzunehmen, schmeckte längst jeder Bissen nach Selbstvorwurf, und was Glynis anbelangte – Frauen waren in dieser Hinsicht bekanntlich noch schlimmer. Und plötzlich hatten sich seine Ängste komplett umgekehrt. Er musste mit ansehen, wie sich seine Frau vor seinen Augen in Luft auflöste.
Wenn er in diesen Tagen einkaufen ging, warf er einen prüfenden Blick auf die Kalorienangaben, und wenn sie nicht hoch genug waren, stellte er das Produkt zurück ins Regal. Er verschmähte Diatbrühen zugunsten von dicken Suppen, die er zusätzlich mit Sahne versetzte. Der Kühlschrank quoll fast über vor saurer Sahne, Käse (Weichkäse wie Brie, so fetthaltig wie möglich), Pastete und Gelegenheitskäufen vom Bäcker wie etwa Pekannusskuchen oder Schokoladenkuchen, die sich pro Stück auf 600 Kalorien beliefen. Der Gefrierschrank war vollgestopft mit Eiscreme – nicht etwa Frozen Yoghurt, sondern immer richtiges Eis, Rocky Road oder Banana Split. Die Speisekammer platzte aus allen Nähten vor Buttergebäck und Schokoladensoße; seit Monaten hatte er weder Reiswaffeln noch Cracker gekauft. Rückblickend hatte es etwas zwanghaft Vernünftiges, so viel Nährstoffgehalt aus einem Dollar herauszuschlagen wie nur möglich, ähnlich wie sie zuvor in all den Jahren aberwitzig viel Geld für Luft ausgegeben hatten – Puffmais, tütenweise Chips. Endlich konnte seine Frau also alles essen, was sie sich seit Jahrzehnten verkniffen hatte, und nun war ihr jedes Essen zuwider. Wenn er wirklich ein treu sorgender Ehemann hätte sein wollen, hätte er ihr einen Schlauch in den Mund schieben und sie mästen müssen wie eine Weihnachtsgans.
»Weißt du noch, wie wir auf unseren Recherchereisen den ganzen Tag rumgelaufen sind, Zehn-Meilen-Wanderungen, wir haben Notizen und Fotos gemacht, und alles nur mit zwei Tassen Kaffee im Magen?«, erinnerte sich Shep. »Wie wir dem Phat Thai der Straßenverkäufer widerstanden haben, wie wir in Portugal das ganze Gebäck verschmäht haben? Mann, was für eine Verschwendung. Wenn ich eins bedaure, dann, dass ich es zugelassen habe, dass du dein Mittagessen ausfallen lässt. Du hättest in diesem Frühjahr noch Reserven für ein paar Wochen mehr haben können, und damals hätte es dir zumindest noch geschmeckt.«
»Du hättest doch keine dicke Frau gewollt, oder?«
»Doch. Im Moment ja. Nichts wäre mir lieber als eine dicke Frau. Ich wünschte, du wärst ein Fettkloß. Ich wünschte, du wärst kolossal. Und von dem, was ich jetzt weiß, frage ich mich, wieso die Ärzte nicht allen raten, sich zehn Kilo anzufressen, solange man noch kann. Für Fettleibigkeit würde ich jetzt nicht gerade plädieren. Aber Fett hat seinen Sinn. Fett ist ein Rohstoff.«
Sie knabberte etwas Kartoffelbrei von den Zinken, ehe sie die Gabel hinlegte. »Ironie des Schicksals. Ich habe reichlich Mühe darauf verwendet, schlank zu bleiben. Und jetzt werde ich dafür bestraft. Das soll mir wohl eine Lehre sein, auch wenn ich nicht genau weiß, worin diese Lehre besteht.«
»Du musst aufhören, nur so viel zu essen, wie du Lust hast.«
»Lust habe ich eigentlich überhaupt nicht.«
»Das ist es ja. Du musst es dir vornehmen. Da geht doch noch was rein.« Etwas leicht Bedrohliches schwang in seiner Stimme mit, ein überraschender Unterton potenzieller physischer Gewalt. Auch das sah er kommen. Die Ausdauer einer Ruby oder Petra gehörte leider nicht zu Glynis’ Stärken, dafür aber war sie trotzig. Je mehr er sie drängte, sich diese Kartoffeln hinunterzuwürgen, desto mehr würde sie sich dagegen stemmen. Und allmählich begann er zu verzweifeln. Die meiste Zeit achtete er nicht darauf, wie sie aussah; er war ihren Anblick gewohnt; ähnlich wie er in seiner Kindheit die Papiermühlen nicht wahrgenommen hatte, die die Luft seiner Heimatstadt verpestet hatten. Doch dann und wann erhaschte er im Augenwinkel einen Blick auf sie, und er nahm seine Frau wahr, als wäre sie ein wildfremder Mensch. Ihre Leichenhaftigkeit – die eingesunkenen Augenhöhlen, die Rippen, die man zählen, und die Handgelenke, um die er mit Daumen und Zeigefinger fassen konnte –, der Anblick traf ihn so schlagartig wie der Gestank von Berlin, New Hampshire, nach einem Familienurlaub in den Bergen.
Glynis aß noch eine Spur Kartoffelbrei und legte dann energisch die Gabel zur Seite. Mit kindlicher Schläue hatte sie den Rest zusammengeschoben, damit der Teller möglichst leer gegessen aussah. Das winzige Stück Hähnchenbrust hatte sie unter dem Tellerrand versteckt. Er gab auf und räumte ihr Geschirr weg; seine eigene Portion hatte er in der Zwischenzeit irgendwie vertilgt. Er war auf dem besten Wege, seinen eigenen Rat zu beherzigen und sich die zehn Kilo Krankheitsprophylaxe anzufressen. Er aß dieselben buttertriefenden Mahlzeiten wie sie, und gegen das Wegwerfen von Essen hatte er immer schon eine presbyterianische Aversion gehabt. Glynis aß zwei Teelöffel in Olivenöl gebadeten Couscous, und er verputzte die ganze Schüssel. Die Zeit, die er einst im Fitnessstudio verbracht hatte, verbrachte er heute im Supermarkt. Er hatte sein Leben lang auf die eine oder andere Art Sport getrieben, und sein erschlaffender Bauch war das eine persönliche Opfer, das er nun am eigenen Leib zu spüren bekam. Dennoch hatte Shep beschlossen, sich keine Gedanken darum zu machen. Er würde jede Menge Zeit haben, die Pfunde wieder loszuwerden – danach. Eingedenk seines angeborenen Pragmatismus erforderte es einige Mühe, sich nicht allzu genau auszumalen, wonach.
SHEP HATTE SIE zurück ins Bett gelockt, doch Glynis war immer noch wach. Er lag neben ihr und ließ das Licht brennen. Nachdenklich fuhr sie mit dem Zeigefinger über die Kettensägennarbe in seinem Nacken. Nach längerem Schweigen, mit dem sie ihm zu verstehen gab, dass sie nicht genau wusste, wie sie das Thema anschneiden sollte, erklärte sie schließlich: »Das Jenseits.«
Seit Wochen war das Thema nicht mehr zur Sprache gekommen. Sie hatte also den Strand auf seinem Bildschirm gesehen.
»Ich weiß, wir haben diese Sache bis zum Gehtnichtmehr durchgekaut«, fuhr sie fort, »aber nach all den Jahren kapier ich’s immer noch nicht richtig. Was war es, wovor du unbedingt fliehen wolltest? Was war es, das du zu finden gehofft hattest?«
Zu seiner eigenen Überraschung störte es Shep, dass sie die Vergangenheitsform benutzte. Da sie tatsächlich bis zum Gehtnichtmehr über die Sache gesprochen hatten, musste er sich gegen die Verordnung wehren, dass sie es auch jetzt nicht »kapieren« würde. Indem er Glynis gegenüber seine Gereiztheit zum Ausdruck brachte, verstieße er gegen die Spielregeln. Er bemühte sich um seine übliche Gelassenheit und versuchte, alles noch mal in Worte zu fassen.
»Wovor ich unbedingt fliehen wollte? Komplexität. Angst. Ein Gefühl, das mich schon mein Leben lang verfolgt, nämlich dass ich irgendwas vergesse, irgendein Detail oder eine Aufgabe, die ich noch zu erledigen habe oder längst hätte erledigen müssen. Dieses nagende Gefühl – ich steh damit auf, ich geh damit durch den Tag, ich leg mich damit schlafen. Als Kind bin ich immer freitagnachmittags nach Hause gekommen und habe sofort meine Hausaufgaben gemacht. Samstag früh bin ich mit diesem großartigen Gefühl aufgewacht, mit einem sauberen, offenen Gefühl der Erleichterung, der Möglichkeiten und der Ruhe. Ich hatte keine Verpflichtungen mehr. Dieser Samstagmorgen war jedes Mal ein Moment echter Freiheit, wie ich ihn als Erwachsener kaum mehr erlebt habe. In Elmsford wache ich nie mit dem Gefühl auf, meine Hausaufgaben schon gemacht zu haben.«
»Aber du bist Hausaufgaben doch gewohnt. Wenn du nichts zu tun hättest, würdest du doch wahnsinnig werden. Was würdest du denn den ganzen Tag machen, Springbrunnen bauen?«
»Wenn ich Springbrunnen bauen wollte«, sagte er in gleichmäßigem Ton und schloss die Augen, »würde ich Springbrunnen bauen.«
»Aber zu verstehen, was du ›willst‹, ist die schwierigste Aufgabe der Welt. Mir scheint, du hast die ganze Zeit auf eine massive existenzielle Krise hingearbeitet.«
Wieder die Vergangenheitsform, die ihn wie das Etikett eines Pullovers im Nacken kratzte, und mit dem Wort existenziell stand Shep ohnehin auf Kriegsfuß. »Vielleicht würde sich ja herausstellen, dass ich eigentlich gar nichts Besonderes will.«
»Und dann würdest du nur noch rumliegen und dösen? Glaub mir, das ist alles andere als prickelnd.«
Im Gegenteil, es klang phantastisch. In anderthalb Stunden würde der Wecker klingeln.
»Du hast nichts von deiner Freizeit, weil sie dir aufgezwungen wurde«, sagte er. »Und weil du dich scheiße fühlst. Die Zeit, in der es uns gutgeht, ist also kostbar. Mit vermasselten Rigipsarbeiten in Queens verschwende ich nicht nur mein Leben. Ich verschwende mein Leben als gesunder Mensch. Gerade du solltest doch wissen, wie übel einem mitgespielt werden kann. In den paar Jahren, in denen wir’s uns gutgehen lassen könnten, schuften wir uns dumm und dämlich. Was bleibt, sind die Jahre, in denen wir alt und krank sind. Freizeit kriegen wir erst, wenn sie uns belastet. Wenn sie uns nichts mehr nützt. Wenn sie keine Möglichkeit mehr ist, sondern eine Last.«
In Wahrheit hatte er sich viel mehr Gedanken über das Leben im Jenseits gemacht, als ihr klar gewesen war. Fürs Faulenzen hatte er nichts übrig, zumindest nicht fürs Faulenzen allein. Er könnte tauchen lernen; die Flora und Fauna des Meeres um Pemba war spektakulär, und es gab diverse Verleihe. Schnorcheln stellte eine reizvolle, technisch weniger anspruchsvolle Alternative dar. Auf der Insel gab es ein Spiel namens bao, das die Verteilung von vierundsechzig Samenhülsen auf zweiunddreißig ausgehöhlte Schälchen beinhaltete, ein angenehm undurchschaubarer Zeitvertreib, bei dem viel Wert auf Anmut und Geschicklichkeit gelegt wurde. Oder keram, eine offenbar urkomische Kreuzung aus Dame, Hockey und Billard; auf einem selbst gebauten schiefen Holztisch ein paar Pucks gegeneinanderschlittern wäre gewiss eine Zerstreuung, bei der wenig Gefahr bestand, dass man sie zu ernst nahm. Andererseits hatte er immer die größte Befriedigung darin gefunden – also das Gefühl, das man hat, während man etwas tut, und nicht erst danach –, dass er einzelne komplett selbst gewählte körperliche Arbeiten in Angriff nahm: eine Veranda streichen, die es bestimmt noch eine weitere Saison machen würde, ein Gewürzschränkchen mit Regalbrettern zimmern, die genau auf die Dosen aus dem Supermarkt zugeschnitten waren, und – ja, Glynis, du lachst –, Springbrunnen bauen. Vielleicht würde er lernen, ein Kanu zu schnitzen. Auf der Insel gab es jede Menge kruder Boote, mtumbwis, und es könnte wunderbar lange dauern, mit einfachem Werkzeug einen Baumstamm auszuhöhlen.
»Aber Shepherd«, sagte Glynis und unterbrach seine Träumereien. »Es liegt doch auf der Hand, dass du in all den Jahren eigentlich nur vor dir selber fliehen wolltest.«
Ach Gott, die alte Leier. Er musste sich unglaublich anstrengen, um sich nicht ernsthaft zu ärgern. »Ich habe kein Problem mit mir selber. Worauf ich verzichten kann, sind andere Menschen.«
»Auf mich zum Beispiel.«
»Gnu.« Er stützte sich auf seinen Ellenbogen und zog sie zu sich heran. »Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich dich als andere Leute gesehen.«
Er fuhr mit der Hand über ihren Nacken und stellte betrübt fest, wie stark die Sehnen hervortraten, wie deutlich die Adern zu spüren waren. Doch es war immer noch Glynis’ Hals. Dort, im Ausschnitt ihres Nachthemds, waren die Brüste kleiner, wobei sie nie groß gewesen waren; die Brustwarzen waren dunkler geworden, und die Haut hatte sich zusammengezogen, aber es waren immer noch Glynis’ Brüste. Er küsste sie. Sie erwiderte den Kuss mit dem Hunger, von dem bei ihrem improvisierten Abendessen allzu wenig zu spüren gewesen war.
Bei der Intensität, mit der er sich zu seiner Frau hingezogen fühlte, hatte Shep immer tendenziell ein schlechtes Gewissen gehabt. Das heißt, körperlich hingezogen – er war niemand, der Lust mit ätherischeren oder romantischeren Gefühlen verwechselt hätte. Sie gefiel ihm außerordentlich gut, nicht nur schön angezogen, sondern auch nackt, und er fragte sich manchmal, ob sie ihm äußerlich nicht vielleicht etwas zu gut gefiel. Er war süchtig nach ihren Hüftknochen, danach, seine Hand in die Mulde zu legen und tiefer hineingleiten zu lassen in den dunkleren Spalt. Auf sein Bitten hin sah sie davon ab, sich die Bikinizone zu rasieren, und ließ die zarten Schattierungen ihres dunkleren und helleren Wuchses zu einem kleinen Wald wachsen, in dessen Geheimnisse er sich mit jungenhafter Bangigkeit hineinwagte wie in einen Zauberwald. Sie hatte lange Beine und spitze, wohlgeformte Kniescheiben. Die Anziehung ging auf ihre erste Begegnung zurück und bezog sich ganz ausschließlich auf Glynis. Es wäre ihm peinlich gewesen, vor seinen derben, anzüglichen Kollegen bei Allrounder zuzugeben, dass er sich für den Großteil seiner Ehe zu keiner anderen Frau als der eigenen hingezogen gefühlt hatte. Sie würden ihm nie glauben, oder wenn doch, würden sie ihn bemitleiden und als einen irgendwie halbwertigen Mann ohne Phantasie und Instinkte abstempeln.
Vielleicht war es ja wirklich so. Vielleicht stimmte mit ihm etwas nicht, vielleicht fehlte ihm etwas. Doch die Fixierung war exklusiv, und sie aufzugeben lag nicht in seiner Macht. Ihre Wirkung war mal stärker und mal schwächer, bewegte sich aber immer innerhalb einer engen Marge. Stets fühlte er sich zu Glynis hingezogen, außerordentlich zu Glynis hingezogen oder auf überwältigende Weise zu Glynis hingezogen.
Schon früh hatten sie mit einigen Improvisationen experimentiert, die damals obligatorisch erschienen. Aber nicht lange nach diesem Querbeetsex hatte Glynis seinen Kopf auf halbem Weg über ihren langen flachen Bauch angehalten und mit einem verruchten Funkeln in den Augen erklärt: »Weißt du, einfach ficken wär mir lieber.« Es war die erotischste Erklärung, die er je gehört hatte, und beim Gedanken bekam er noch heute einen Ständer. Dazu gingen sie also über. Sie fickten. Manchmal öfter, manchmal weniger oft, aber er konnte ehrlich behaupten, dass es ihn nie gelangweilt, nie ermüdet hatte. Nicht, dass es irgendjemanden etwas anging, aber sie hatte es gern etwas härter.
Und genau das machte ihm in den letzten Monaten Probleme. Erst mal war da die Schnittwunde von ihrer Operation, die er nicht berühren durfte. Wobei sie nach dem Eingriff ohnehin keine Lust auf ihn gehabt hatte; zu viele Hände und Instrumente hatten in ihrem Körper herumgefuhrwerkt; sie hätte nicht mal ein zärtliches Eindringen ertragen können und schlief zu einer kleinen privaten Kugel zusammengerollt. Die Narbe war jetzt nicht mehr ganz so zart, und mit der Zeit ging sie etwas weniger fürsorglich damit um; er war sicher, dass sie sich geschämt hatte – dass sie Angst hatte, verunstaltet worden zu sein. Gut, den roten, mittlerweile bräunlich gefärbten Strich hätte er nicht gerade als aufreizend bezeichnet, aber er stellte etwas anderes mit ihm an, das ihm schließlich doch ein Gefühl von Männlichkeit gab: Er brach ihm das Herz. Er weckte seinen Beschützerinstinkt und bewegte ihn dazu, ihren Oberkörper an sich zu drücken und seine ganze Körpermasse zwischen seine Frau und die messerwetzende Welt zu schieben.
Schließlich war es Glynis, die ihn hatte bedrängen müssen, dass er sie nicht mehr wie ein Stück Porzellan behandelte. Sie kam ihm tatsächlich zerbrechlich vor, unter dem Einfluss von Alimta war sie regelrecht druckempfindlich geworden, und als er dann tat, wie ihm geheißen, hatte sie am nächsten Morgen lauter blaue Daumenabdrücke an den Schenkeln.
Es war so: Er wusste, dass er sie auf eine zarte und geistige Art liebte. Aber gleichzeitig wusste er auch, dass sein körperliches Begehren etwas Separates war – ein ausgeprägtes Verlangen, das mit Linie und Form und Farbe zu tun hatte, mit Brüsten und Haaren und Geruch. Es hatte nichts mit ihrem trockenen Humor zu tun, ihrer Verschlagenheit, der betörend barbarischen Seite ihres Charakters. Es hatte nichts mit ihrem ärgerlichen Hang zur Selbstzerstörung zu tun oder ihrer spirituellen Verbundenheit mit dem Metall. Es hatte nichts mit ihrer kläglich ungenutzten künstlerischen Begabung zu tun. Es hatte mit den Proportionen ihrer Beine, ihrer langen Taille, ihrem kleinen, muskulösen Po zu tun. Es hatte mit ihrer dunklen, geheimnisvollen, bewaldeten Fotze zu tun. Jahrelang hatte ihn insgeheim der Gedanke gequält, dass sie älter werden würde – aus heutiger Sicht ein Luxus. Seit Januar quälte ihn der Gedanke an ihre Krankheit. Er fühlte sich viel zu sehr hingezogen zu seiner Frau, und er war es gewohnt, sich zu ihr hingezogen zu fühlen, und wenn alles, was bliebe, nur diese nette, warme, verständnisvolle Liebe wäre, ohne die unanständige, schmuddelige und triebhafte Liebe, dann würde er sich geringer fühlen, die Liebe wäre dann eine geringere, wäre in ihrer Seelengröße und reinen Güte geringer, uninteressanter und weniger suchterzeugend. Er wollte nicht aufhören, sich zu seiner Frau hingezogen zu fühlen. Es fiel ihm nicht leicht, dem Gedanken ins Auge zu sehen, aber er hatte sechsundzwanzig Jahre lang nicht nur eine Frau geliebt. Er hatte einen Körper geliebt.
Ähnlich wie das Haus in seinem Traum, in jener Nacht vor der Operation, hatte dieser Körper über eine gute Bausubstanz verfügt. Aber ebenso, wie man über einen Fußboden gehen und eine beruhigende Festigkeit spüren wollte, ohne sich unbedingt jeden einzelnen Stützbalken darunter vorstellen zu müssen, wollte man auch nicht unbedingt die gute Bausubstanz seiner Frau bezeugen müssen. Während er über die Stufenleiter ihres Brustkorbs strich, spürte er darunter die Struktur, die Balken, aus denen Glynis gebaut war. Es mochte sein, dass ihm die spitzen Hüftknochen immer gefallen hatten, aber jetzt waren sie zu spitz, die Haut spannte sich darüber wie ein billiger Teppich, der so fadenscheinig war, dass man nicht nur die Ritzen zwischen den Dielen, sondern sogar die Nägel ausmachen konnte.
»Bist du sicher, dass es geht?«, flüsterte er.
Statt einer Antwort griff sie dorthin, wo sein Widerwille am fühlbarsten war; er schrak zurück und sank in sich zusammen. Doch eine Kunstschmiedin hat kräftige Hände, und ihre Finger weckten in ihm das Bewusstsein, dass seine Frau noch keine Leiche war. Er brauchte vor ihrem Körper nicht zurückzuschrecken, als könnte er sie beschmutzen, sich an ihr vergehen. Ihre Hand weckte in ihm ein jähes Bedürfnis, eines, das ihm völlig abhanden gekommen war angesichts der unablässigen, drängenderen Rufe nach Kartoffeln und Fleecedecken, nach vorsichtigen, langsamen Fahrten zur Chemotherapie. Eigentlich sollte man als Mann doch unentwegt an Sex denken, aber das war bei ihm nicht mehr der Fall, und die Erinnerung daran war auf einmal so heftig, dass sie wehtat.
Er hatte Bedenken, sich auf sie zu legen. Sie hatte sein volles Gewicht zwar immer genossen, aber er wollte sie nicht zerquetschen und stützte sich links und rechts mit beiden Händen ab. Er lehnte sich auf einen Ellenbogen, griff nach der Gleitcreme auf dem Nachttisch, drehte mit einer Hand die Verschlusskappe auf und drückte sich einen Tupfer klares Gel auf den Zeigefinger. Als sie zum ersten Mal auf diese kleine Hilfe zurückgegriffen hatten, war sie gekränkt gewesen, als wollte man sie der mangelnden Begeisterung überführen. Aber er hatte auf sie eingeredet, dass sie von der Krankheit geschwächt sei und dass es nichts zu bedeuten habe, wenn es ihrem Körper nicht gelingen wollte, die Maschine zu ölen. Und als er den Finger zwischen ihre Beine gleiten ließ, waren ihre Lippen tatsächlich trocken; nur die Creme gab ihm das Gefühl, dass dies wirklich seine Frau war.
Es ging noch immer. Er küsste sie, und mit dem metallischen Geschmack in ihrem Mund war es, als würde er an einer Münze lutschen, als wäre er im Begriff, sich von innen nach außen in Metall zu verwandeln. Er sah ihr in die Augen, die trübe und gelbstichig waren, aber noch immer konnte er sie erkennen. Die Pupillen waren klein und permanent verängstigt. Es war nicht so sehr Lust, die er darin las, als Lust auf die Lust, und das würde genügen müssen. Verlegen sah er an sich hinunter und fühlte sich massig, breit und wabbelig im Vergleich. Sie umfasste seine kräftige Brust, die Nägel drückten sich ins Fleisch. Mit jener Zaghaftigkeit und Zartheit, die ihr verhasst war, drang er in sie ein. Sie griff nach seinen Pobacken und schob ihn in sich hinein.
Und so erlaubte er sich, zu vergessen. Er erlaubte sich, sie zu ficken, so hart und tief, wie sie es immer gemocht hatte, mit einer Spur von Gewalt. Beim Kommen glaubte er daran, dass dies die Spritze sei, die sie heilen würde, eine Spritze, die ausnahmsweise nicht voller Gift, sondern voller Leben war. Das Gift kostete 40 000 Dollar. Dieses Elixier war umsonst.
Das hätte es eigentlich sein müssen. Doch bevor sie in seinen Armen einschlief, murmelte Glynis deutlich: »Und? Meinst du, du hast am Ende noch genug übrig?«
Sheps Gesicht brannte. Er tat, als wisse er nicht, was sie meinte, und strich ihr stattdessen schweigend übers Haar (und hatte einige Strähnen in der Hand). Nach so langer Zeit zusammen mit einer Frau war es beschämend, wie gut sie einen kannte. Wie genau sie wusste, was man dachte, auch wenn man sich alle Mühe gab, es nicht zu denken, die Gedanken sogar vor sich selbst zu verstecken. Genug was übrig? Natürlich Geld. Nur Geld, Papa – was sonst beschäftigte den erstgeborenen Knacker vor allen Dingen?
Und wenn ihn die Fähigkeit zu derartigem Kalkül als sündigen und selbstsüchtigen Mann hinstellte, dann war das eine Grundwahrheit, mit der er leben musste. Ein Jenseits für eine Person wäre gerade mal halb so teuer wie ein Jenseits für zwei. Für eine Einzelflucht hätte er noch genug, aber nur dann, wenn Glynis bald starb.