Kapitel 15
Wieder mal lag die New York Times frisch und ungelesen auf dem Küchentisch. Sie hatten sich das Abonnement ausgestellt – sich das Abonnement bestellt, korrigierte sich Glynis selbst, als spielte es irgendeine Rolle. Aber niemand las hier noch Zeitung und Glynis schon gar nicht. Jeden Morgen lag sie auf demselben Platz, Shep legte sie jeden Morgen auf den Tisch, nachdem er sie von der vorderen Veranda hereingeholt hatte. Ihr Inhalt war ein Symbol von Veränderung, von »Nachrichten«, doch die Zeitung selbst war ein Symbol dafür, dass nichts geschah.
Blau. Der Plastikumschlag der Zeitung war leuchtend kobaltblau. Dass der Plastikumschlag der New York Times blau war, hatte die gleiche Wichtigkeit wie die Geschichten auf der Titelseite. Das war schon mal eine Offenbarung, wenn man denn von Offenbarung sprechen konnte: dass alles gleichwertig war. Es gab nichts Großes und nichts Kleines mehr. Abgesehen von den Schmerzen, die zu ehrfurchtgebietender Heiligkeit emporgewachsen waren, war alles gleich wichtig geworden. Wichtigkeit an sich gab es also nicht mehr.
Ein Experiment. Sie sitzt vor der Zeitung. So wie damals, in der alten Zeit, als sie dazu einen Kaffee getrunken hatte. (Igitt – Wie konnte sie nur? Igitt.) Sie kann die alte Zeit nicht zurückholen. Sie denkt an Step-Aerobic im Fitnessstudio: schlimmer als Kaffee. Wie konnte sie nur? Igitt.
Es ist schwer, aufrecht zu sitzen. Schwer, die Schrift zu erkennen. Rutscht einem immer wieder aus der Hand. Sind aber eigentlich nicht die Augen. Die Augen tun’s noch – gehören zu den wenigen Körperteilen, die noch funktionieren. Fokussieren, befiehlt sie sich. Für einen Moment stehen die verschwommenen Buchstaben still. »Studie findet keinen Zusammenhang zwischen fettarmer Diät und Krebs oder Herzkrankheiten.«
Huh, dachte Glynis matt. Es hätte eine Zeit gegeben, da hätte sie sich aufgeregt; der viele wässrige Hüttenkäse, die bläuliche fettarme Milch, die den Kaffee grau machte: alles umsonst. »Dreitägige Sektenunruhen durch Ausgangssperre niedergeschlagen …« Irak. Oder irgendwo anders, scheißegal. Früher hätte sie vielleicht unterschieden, aber jetzt waren alle Kriege gleich, Hintergrundrauschen. Es gab immer irgendwo Krieg, man konnte die Kämpfe nicht aufhalten, also sollte man es am besten gar nicht erst versuchen. Wenn einer aufhörte, fing woanders einer an, also könnten sie im Prinzip auch da weiterkämpfen, wo sie schon waren. Glynis konnte nicht ganz nachvollziehen, wie Menschen wegen irgendeiner Sache so in Wallung geraten konnten, dass sie tatsächlich deswegen das Haus verließen.
Unfassbarerweise hatte sie einst jeden Morgen, komme was wolle, auf diesem Stuhl gesessen und Seite für Seite den Politikteil durchgeblättert. Hatte sich auch immer das Feuilleton durchgesehen, auf der Suche nach Kritiken über Leute, die sie kannte (in der Hoffnung, dass die Kritiken böse sein würden – weswegen sie vermutlich ein schlechtes Gewissen hätte haben sollen, was aber nicht der Fall gewesen war). Hatte sich Rezepte aus dem Gastronomieteil ausgeschnitten, war es immer dienstags gewesen? Mittwochs. Ihr Mann dagegen hatte die Zeitung kaum mehr als überflogen. Also pflegte sie Shep beim Essen (Vor dem Abendessen, Essen-als-Genuss: Die von Ihnen gesuchten Daten stehen nicht länger zur Verfügung; Genuss: Die von Ihnen gesuchten Daten stehen nicht länger zur Verfügung) mit empörenden Details unterhalten, von denen sie gelesen hatte in einem Artikel über …
Was? Worüber hatte die Vorher-Glynis einst gelästert? Beeindruckt von sich selbst, dachte sie: über die Pläne zum Wiederaufbau des World Trade Center. Wie irgendein Komitee den Entwurf dieses einen … Name des Architekten entfallen. Oder besser: zu faul, um sich an Architektennamen zu erinnern. (Eine weitere Offenbarung: Ihr war nie klar gewesen, dass Denken Mühe kostete. Dass Gedanken Kraft erforderten. Wie sich herausstellte, lohnten nur sehr wenige Gedanken, einst mühsam formuliert, diese Kraft. Selbst dieser: Sie hätte auch darauf verzichten können. Und das war jetzt das Maß aller Dinge: das reine Am-Leben-Sein, Lebendigsein. Ihr zerrann allmählich zwischen den geistigen Fingern, was dieses Lebendigsein eigentlich genau war. Es war absolut denkbar, zum Beispiel, dass sich Lebendigsein vor allem dadurch auszeichnete, Schmerzen empfinden zu können, und in dem Fall stellte sich die Frage, weshalb dieser Zustand so gepriesen wurde.)
Richtig; da war doch dieser Abend gewesen. Sie war lebhaft geworden. Zuvor hatten sie und Shepherd die öffentliche Ausstellung der Wettbewerbsentwürfe für den Wiederaufbau der Zwillingstürme besucht. Von den sieben ausgestellten Modellen hatte Shepherd typischerweise einen quadratischen, konventionellen Wolkenkratzer bevorzugt. Glynis hatte sich in ein anderes Modell verliebt, von diesem – wie hieß er noch gleich? – irgendeinem Ausländer. Sie hatte das Bild noch vor Augen: eine dynamische, fraktale Anordnung – komplex, kristallin, wie ein explodierter Quarzstein. Es war kein geringes staatsbürgerliches Wunder, dass am Ende ihr persönliches Lieblingsmodell für den Bau ausgewählt worden war.
Deswegen hatte sie sich an dem Abend auch so aufgeregt. In der Morgenzeitung stand, dass diese gewagte, inspirierte Kreation vom Komitee langsam, aber sicher zum Tod verurteilt worden war. Jedes Element des Entwurfs, das das Modell einzigartig, erhaben und ungewöhnlich machte, war nach und nach abgeschlagen, abgestumpft, erdgebunden und alltäglich gemacht worden. Die schiefen Winkel verliefen jetzt senkrecht. Den Originalplänen des Siegerentwurfs war der gesamte Stil entzogen worden, ähnlich wie Glynis selbst der Stil entzogen worden war, bis er klotzig und klobig war – genau so hatte Petra das Fischmesser genannt: klobig. Ohne Freude, ohne Begeisterung, ohne Verspieltheit würde das neue World Trade Center der Nachher-Glynis ein Denkmal setzen.
Es war eine schwebende Erinnerung: wie beleidigt, entrüstet sie gewesen war wegen eines Gebäudes. Weil es sie damals noch kümmerte, wie etwas aussah, wie die Dinge aussahen. Die Linienführung der Dinge, aller Dinge. Vielleicht war es wundersam, solche Leidenschaften gehabt zu haben. Glynis wusste es nicht mehr genau. Sie konnte sich an Leidenschaften nicht mehr erinnern. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wie es war, die Zeitung zu lesen und aufgrund der Berichterstattung Gefühle zu haben. Sie konnte sich jetzt nicht mehr vorstellen, sich jemals hingesetzt und von Anfang bis Ende einen Artikel über Bulgarien gelesen zu haben. Bulgarien. Erstaunlich, dass ihr das Wort überhaupt noch einfiel.
War es möglich, sich ernsthaft an etwas zu erinnern, was in der Gegenwart nicht mehr erfahrbar war? Die Frage selbst begann ihr noch im selben Moment zu entgleiten. Sie zwang sich, klar zu denken, nein. Das konnte doch nicht möglich sein. Bevor ihr kleines geistiges Selbstgespräch vom Tisch und zu Boden geschlittert war, dachte Glynis matt, das heißt also, dass alles, was in meinem Kopf abgespeichert war, verrottet ist. Es war, als hätte sie ihre geschätzten Familienerbstücke auf einem löchrigen Dachboden aufbewahrt, wo sie von Mäusen angenagt worden und aufgeweicht und verschimmelt waren. Sich in Shepherd zu verlieben – sein erster Besuch als Handwerker in ihrer Wohnung, um die festschraubbare Werkbank einzubauen –, war fleckig, verschwommen, feucht. Sie konnte das Gefühl des Begehrens nicht mehr wachrufen. Sie konnte sich zwar theoretisch noch erinnern, dass sie von seinen breiten, geäderten Unterarmen wie gebannt gewesen war, aber es war eine Erinnerung in Form einer feststehenden Tatsache, ähnlich wie sie den Namen der Hauptstadt von Illinois noch wusste. Ihre Einzelausstellung, 1983 in SoHo – die Genugtuung und Hoffnung für die Zukunft, die damit verbunden gewesen war, die Ambitionen, von denen sie kündete, die ausgelassene, feuchtfröhliche Feier in Little Italy im Anschluss an die Eröffnung –, das alles hatte sich in einen einzigen monochromen Brei verwandelt wie unleserliche Bücher mit zerlaufener Tinte und verklebten Seiten in morschen Pappkartons auf dem Dachboden. Das Erinnern war eine viel aktivere Tätigkeit, als sie … es in Erinnerung hatte. Die Vergangenheit ließ sich nur aus den Bausteinen der Gegenwart zusammensetzen. Um sich an Freude zu erinnern, musste man Freude zur Hand haben. Um also die Feier nach der Eröffnung in Little Italy zu rekonstruieren, musste man zur unmittelbaren Verfügung haben: Genugtuung, Hoffnung, Ambitionen, Ausgelassenheit, Betrunkenheit. Diese Posten waren nicht mehr auf Lager. Alles, was ihr noch blieb, waren die Wörter, wie die Etiketten unter den leeren Regalen. Auf Lager waren nur noch Unwohlsein, Angst und hier und da für besondere Anlässe eine ungeöffnete Kiste Wut. Nur eine einzige der ungeöffneten Kisten enthielt keine Wut, sondern Selbstanklage, klebrige schwarze Selbstvorwürfe, und sie sickerten heraus und breiteten sich stetig aus wie heißer flüssiger Teer.
Vielleicht hätte sie dankbar sein sollen, dass ihr das Erinnerungsvermögen abhandengekommen war. Der Verlust, den sie sonst am meisten beklagt hätte, wäre vermutlich der gewesen, dass sie nichts mehr wichtig nehmen konnte. Vorher hatte sich Glynis in alles vertieft, von der spiralförmigen Anordnung von Garnelen auf einer Platte bis hin zu einem letzten hartnäckigen Kratzer auf einer Oberfläche. Hatte die Vorher-Glynis einen Kratzer entdeckt, hatte sie eine ansonsten makellose Oberfläche abermals mit dem 100er-Schmirgelpapier aufgeraut, um den Kratzer zu entfernen und sich anschließend wieder durch die 200er-, 300er-, 400er-Schmirgelpapiere zu arbeiten, wobei sie sorgfältig jede Gradierung senkrecht zur vorhergehenden schliff, bis sie schließlich die Oberfläche mit Polierpaste und Tuch so spiegelglatt aufpolierte, dass man wie zuvor sein Make-up darin hätte überprüfen können. Es dauerte Stunden, die Hände taten weh, und die Fingergelenke waren geschwollen – nur weil sie einen einzigen Kratzer hatte eliminieren wollen. Inzwischen wusste sie nicht mehr, wie es sich anfühlte, wenn sie etwas wirklich wichtig nahm, und was sie sich nicht vorstellen konnte, das konnte Glynis auch nicht vermissen. Also war das Nichtwichtignehmen auf seine Weise in Ordnung. Sie kannte ja nichts anderes.
Die Vorher-Glynis war der Nachher-Glynis ein ziemliches Rätsel geworden – ähnlich wie diese etwas anstrengenden Verwandten, mit denen man wenig gemein hat und zu denen man nur deshalb überhaupt eine Meinung hat, weil man zufälligerweise blutsverwandt ist. (Waren sie das? Blutsverwandt? Jetzt nicht mehr, könnte man behaupten. Das Blut in ihren Adern war mehrfach ausgetauscht worden. Inzwischen war sie nicht mal mehr mit sich selbst blutsverwandt.) Diese Vorher-Glynis war vermutlich eine Frau gewesen, die den Luxus großer Zeitabschnitte genossen hatte, die frei waren nicht nur von jener von Shepherd ewig beklagten Notwendigkeit des Geldverdienens, sondern – und nur darauf war es angekommen, wie sich nun zeigte – frei von der Last des Körpers. Die Vorher-Glynis war eine Frau gewesen, die »gesund« war. (Dieser theoretische Zustand war der Nachher-Glynis vielleicht mehr als jedes andere Merkmal entfallen. Doch nur als Erfahrung. Als Begriff konnte sie »Gesundheit« besser nachvollziehen als jeder andere auf der Welt. Denn die Nachher-Glynis hatte ein schreckliches Geheimnis entdeckt: Es gibt nur den Körper. Es hat nie etwas anderes gegeben als den Körper. »Gesundheit« ist die Illusion, keinen Körper zu haben. Gesundheit bedeutet, dass man dem eigenen Körper entkommen ist … Aber es gibt kein Entkommen. Also ist Gesundheit nur ein Aufschub.) Was hatte die Vorher-Glynis, die gesunde Glynis, die Kurz-bevor-sie-im-nächsten-Moment-gnadenlos-krank-werden-würde-Glynis, mit ihrer Freifahrt gemacht, mit der wunderbaren Illusion, dass sie mehr wäre als nur ein Körper – ein Körper und nichts als Körper?
Sie hatte Zitronenbaisertorten gebacken, fast so hoch wie breit. Die weißen Türme mit den braun gewellten Krusten wuchsen vor ihrem inneren Auge als reine architektonische Errungenschaft empor, genau wie die Modelle von … Daniel Libeskind. (Da war er wieder. Der Architekt des neuen World Trade Center hieß Daniel Libeskind. Ein Triumph. Ein solcher Moment der Geistesschärfe teilte die Tage in »gute« und alle anderen Tage.) Flüchtig, verderblich, fragil und dazu berufen, bei lebendigem Leibe verzehrt zu werden, waren ihr derlei kulinarische Projekte jetzt ein Rätsel, als hätte diese erwachsene Frau ihre Zeit damit verbracht, Ponys aus Knetmasse zu formen oder Pyramiden aus Bauklötzen zu bauen, die sie am Ende des Nachmittags wieder umstoßen würde. Sie hatte mit dem falschen Material gearbeitet.
Sie hatte Kinder aufgezogen, aber auch dazu hatte die Nachher-Glynis erstaunlich milde Gefühle. Kinder waren keine Torten. Sie hatte sie nicht gebacken. Eltern, von denen sie nichts hielt, damals, als sie noch Meinungen hatte, waren diejenigen gewesen, die ihre Kinder gebacken zu haben glaubten. Zach und Amelia waren in Ordnung, sie hatte kein Problem mit ihnen, aber sie hatten im besten Sinne eigentlich nichts mit ihr zu tun.
Aber: abgesehen von Torten, Kindern und Fußböden war es schwer zu ergründen, womit genau die Vorher-Glynis denn ihre Zeit herumgebracht hatte. Womit sie spezifischerweise nicht den durchschnittlichen Glynis-Tag herumgebracht hatte, war das Schmieden.
Und hierauf konzentrierte sich ihre heutige Verwirrung.
Die Vorher-Glynis war auf der Kunstschule gewesen. Die Vorher-Glynis war sehr geschickt gewesen, und es hatte viele kostbare gesunde Jahre erfordert, um diese Geschicklichkeit zu erlangen.
Indem sie die Zeitung von sich schob – sie hatte nicht mal einen Blick auf die Titelseite geworfen –, torkelte sie an die eigens für ihr Besteck reservierte Küchenschublade. Zurück am Tisch, packte sie langsam die Geräte aus ihrem schützenden Filz. Während sie stumpf auf die Stücke starrte, fragte sie sich, ob es überhaupt möglich war, »stumpf« auf derart glänzende Gegenstände zu starren. Das Gefühl, das sie in ihr auslösten, ließ sich nicht mit Stolz umschreiben, da es sich dabei um einen weiteren Posten handelte, der nicht mehr auf Lager war, als würde sie in einem dieser alten Ostblockländer leben, wo man stundenlang Schlange stehen musste, weil es in einem einzigen Laden angeblich Glühbirnen gab. Dennoch regte sich beim Betrachten ihrer verwirrend nüchternen Werke etwas in ihr. Vielleicht ließ es sich mit Wehmut umschreiben. Sie hatte ihren Mann geliebt oder war zumindest gewillt, wie eine Hauptstadt-von-Illinois-Tatsache zu akzeptieren, dass sie ihren Mann geliebt hatte. Diese glänzenden Artefakte aber waren ihre eigene Mitte. Sie waren immer ihre Mitte gewesen. Sie waren, dachte Glynis, was ich wichtig genommen habe. Das Wichtignehmen war vorbei, doch die Ergebnisse des Wichtignehmens glänzten noch immer in der Politur des Metalls.
Der Vorher-Glynis hatte Metall am meisten bedeutet. Also würde auch der Nachher-Glynis das Metall etwas bedeuten, vorausgesetzt, dass die Nachher-Glynis überhaupt noch irgendeiner Sache Bedeutung zumessen konnte. Sie war nicht sicher, aber vielleicht war sie noch immer in der Lage, wichtig zu nehmen, dass sie nichts mehr wichtig nehmen konnte.
Es warf kein sonderlich gutes Licht auf sie: eins geworden zu sein mit einem so harten und kalten Material. Man sollte andere Menschen wichtig nehmen. Man sollte sehen, wie das eigene Haus niederbrennt, und draußen auf dem Bürgersteig die Hände seiner Liebsten ergreifen, vielleicht einen kleinen Stich verspüren wegen der Bücher, der Kleidung und des Porzellans und doch überfließen von dem Wissen, dass man das wirklich wichtige Hab und Gut gerettet, dass man immer noch seine Familie hatte. Glynis aber hätte sich in das brennende Gebäude gestürzt, um ihr Fischmesser zu retten, während sie, um das Leben eines Babys zu retten, einen Augenblick länger gezögert hätte. Das war schrecklich von ihr. Aber damit hatte sie ihren Frieden geschlossen. Glynis – sowohl die Vorher- als auch die Nachher-Glynis – scherte sich nicht darum, ob sie einen guten oder schlechten Eindruck hinterließ. Form war für sie immer von Belang gewesen. Tugendhaftigkeit hatte sie einen Dreck geschert. Wenn man’s bedenkt, war sie nie allzu wild gewesen auf andere Menschen, und jetzt musste sie sich nicht mehr verstellen. Das war eine gute Sache: die Befreiung. Sie konnte jetzt genau so sein, wie sie wollte. Sie konnte eine Frau sein, die ein Fischmesser retten und ein Baby zurücklassen würde.
Das Metall war alles, was sie vorzuweisen hatte.
Warum gab es nicht mehr von ihrer Kunst? Das Seltsame daran war Folgendes: Jahrelang war sie sich insgeheim wie eine Dilettantin vorgekommen. Die anderen, die Pfuscher wie Petra, ihre eigene Familie, die sie aus einem brennenden Haus nicht retten würde, glaubten, sie hätte keine Ahnung, wie man sie hinter ihrem Rücken nannte: Hobbykünstlerin; oder, was sogar noch schmeichelhaft war, Exkünstlerin. Natürlich wusste sie das. Aber was den Leuten nicht klar war: Genauso dachte sie ja über sich selbst. Mit Verachtung. Doch hier an dieser kargen Endstation überkam sie nun die nutzlose Erkenntnis, dass sie es doch ernst gemeint hatte – dass sie es die ganze Zeit ernst genommen hatte. Dass sie die Torten, die Fußböden, die Kinder nie allzu sehr geschätzt hatte, oder zumindest anders. Das gekrümmte Fischmesser, die gekordelten Essstäbchen aus Sterlingsilber, die schlanke Eiswürfelzange mit ihrer wunderbaren Einlegearbeit aus Kupfer und Titan, das dazu passende Salatbesteck mit dem roten Glas in den Griffen, an denen die Flammenarbeit am Silber hinunterlief, als hätte man sich in die Hand geschnitten … Diese Gegenstände bildeten das Zentrum ihres Seins und hatten es immer getan.
Alle fragten sich, was Glynis durch den Tag rettete, und niemandem hatte sie es je verraten. Sie ging ohne Wasser durch eine Wüste, doch auf der anderen Seite lag die Oase der Nach-Nachher-Glynis – die Frau, die sie immer gewesen war und wieder sein würde, nur besser. Was sie durch den Tag rettete, war die Vision ihrer endgültigen Chemotherapie, es war Goldman, der ihr triumphierend verkündete, dass sie durch sei, dass man ihr das Böse aus der Blutbahn gespült habe, ähnlich wie Shep jedes Jahr mit dem Gartenschlauch Ablagerungen und Schlamm aus seinen bescheuerten Gartenspringbrunnen spülte. Ihr Urin würde jeden Tag weniger den toten grauen Geruch von nassem Zement haben, er würde nicht mehr die beängstigend falschen Farben der jeweiligen Chemikalie haben, von der sie gerade kaputtgemacht wurde, kirschrot oder lavendelblau. Nein, endlich würde ihr Urin wieder ein sonniges Gelb annehmen und diesen lehmigen, stechenden Geruch abgeben, der von anderen törichterweise als anstößig empfunden wurde und von dem ihr nie klar gewesen war, dass er köstlich und herrlich war. Sie würde nachts durchschlafen, schön träumen und früh aufstehen, früher noch als Shepherd, und sofort unters Dach in ihr Atelier tapsen. Wo sie den ganzen Tag bleiben würde. Das Silber wäre fügsam. Ihr Output wäre atemberaubend. Shepherd würde sich Sorgen machen, dass sie zu viel arbeitete. Shepherd würde seine »Recherchereisen« machen wollen, aber sie würde sagen, nein, ich muss arbeiten; du musst allein fahren …
Er hatte geplant, allein zu fahren! Dieser Verräter, nach Pemba, einer Stecknadel auf der Landkarte, auf irgendeine schäbige Flipflopinsel, die ihm mehr wert war als sechsundzwanzig Ehejahre …
Halt. Er zahlt. Er zahlt den Preis für seinen Wahnsinn. Er wird zahlen, und er soll zahlen. Und man wird sicher sein können, dass er niemals aufhören wird zu zahlen, genau wie diese Kreditnehmer, die so viel Kapital schuldig sind, dass sie nicht mehr tun können, als ihre Zinsen abzudrücken, und dennoch bleiben die Schulden, unnachgiebig, unreduzierbar … Wegen eines dämlichen Sandkastens, das muss man sich mal vorstellen. Niemand außer Glynis konnte begreifen, dass ihr Mann verrückt war, und woher kam überhaupt seine ganze Unzufriedenheit? Was war denn so verkehrt an seinem Leben, dass er unbedingt davor fliehen musste, dass er vor Glynis fliehen, sie betrügen musste? Also wirklich, in letzter Zeit schlurfte er hier dermaßen deprimiert durchs Haus, wo er doch hätte rausgehen können, oder etwa nicht, einfach wegfahren, ins Kino gehen, wenn er Lust hatte, oder in den Supermarkt, was doch ein Privileg war, auch wenn ihm das nicht klar war – doch, ausgerechnet der Supermarkt war ein Privileg! Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er Liegestütze machte … Liegestütze! Er konnte immer noch Liegestütze! Und da beklagte er sich? Er beklagte sich implizit, indem er tat, als würde er sich überhaupt nie beklagen, aber sie konnte es hören, dieses untergründige Gemurmel des Selbstmitleids, der edelmütigen Aufopferung, der Unterwerfung und des heimlichen Eigenlobs. Und des Pläneschmiedens. Pläneschmieden! Er schmiedete Pläne! Er hatte ein ganz und gar anderes Bild des Nach-Nachher, als wüsste sie nichts davon. Wenn alles »vorbei« war. Dabei wusste sie, was er mit »vorbei« meinte, oder besser, mit wem es dann seiner Ansicht nach vorbei wäre. In seine Pläneschmiederei war sie nicht einbezogen, sie kehrte nicht in ihr Dachatelier zurück, zurück zu den Brennern und der Politur, zurück zu ihren Kräften …
Halt. Man musste an das Nach-Nachher denken. Sie hatte noch sechs Chemotherapien vor sich. Das war natürlich nicht fair. Neun Monate Chemo, hatte es geheißen. Die neun Monate waren vergangen. Sie hätte inzwischen fertig sein, sie hätte es überstanden haben müssen. Doch all die Bluttransfusionen, das schlechte Blutbild, die Wochen, in denen es geheißen hatte, ihre Kraft würde noch nicht ausreichen, hatten diese fürchterliche Krankheitsphase in die Länge gezogen. Es war Februar, sie hätte es überstanden haben müssen! Beruhige dich. Ich hätte es überstanden haben müssen! Nein. Ruhig. Ruhig jetzt. Bleib dran. Bring die nächsten Runden hinter dich. Sechs Runden. Nur noch sechs Runden … Konzentrier dich auf die andere Seite. Konzentrier dich. Auf die andere Seite …
Denn die Nach-Nachher-Glynis wäre die »neue, verbesserte Version!«, wie ein Reinigungsmittel in neuer Verpackung. Weil sie jetzt das Leben verstanden hatte. Dieses Verständnis würde sie mitnehmen. Alle hatten nach Aufklärung geschrien, und sie hatte abgestritten, irgendeine Aufklärung erfahren zu haben, dabei war da eine gewisse Form von Erleuchtung gewesen, von der sie aber nichts abgeben wollte, weil es privat war. Weil sie so teuer dafür bezahlt hatte und die Erleuchtung ihr gehörte.
Es war nämlich so: Im Grunde hatte es nie etwas zu fürchten gegeben. Dinge zu erschaffen, jenen ersten Schnitt zu machen, mit einer dreieckigen Nadelfeile in den Rand eines frischen Stücks Silber zu schneiden, war für sie immer ein Horror gewesen. Sie hatte immer Angst, sich selbst zu enttäuschen, lediglich der eigenen Unzulänglichkeit ein Denkmal zu setzen, ebenso wie sie ihre fertigen Stücke nie als ausgereift ansah, nur als einigermaßen gut. Nun ja. Natürlich. Jetzt aber ging ihr auf, dass die Unzulänglichkeit einen Teil der Schönheit ausmachte. Das heißt, ihre Neigung, Besteck zu entwerfen, das auf subtile Weise immer wieder das gleiche war, die kleinen Wiederholungen, gegen die sie sich gewehrt hatte, die Verzweiflung, wenn sie am Ende erkannt hatte, dass das Salatbesteck trotz der innovativen Flammenglasarbeit der Einwürfelzange immer noch im Wesentlichen ähnlich sah, und selbst ihre Neigung, immer wieder dieselben Fehler zu machen – das alles gehörte dazu und machte die Arbeit typisch für Glynis Pike Knacker. Der perfekte Kunsthandwerker hatte keine Identität. Er konnte alles und daher nichts. Man musste seine Unzulänglichkeiten gleichzeitig als Stärke sehen. Wenn sie etwas schuf und es nicht gelungen war, konnte sie den Fehler später berichtigen – auch das war ihr inzwischen aufgegangen. Es bestand keine Gefahr, es hatte nie eine Gefahr bestanden. Stattdessen bestand nur die eine Gefahr: nichts zu schaffen. Den Verlockungen des Ungeformten nachzugeben, dem luftigen geistigen Konstrukt, das somit unendlich perfektionierbar und, theoretisch zumindest, unendlich edel war. Endlich fiel der Groschen: Konzeption ist Nebensache, Ausführung ist alles. Und sie hatte das Auge; sie hatte das Metall gemeistert. Die Materialien, über die andere verfügten – schmuddeliger formbarer Ton, der eigentlich nichts als feuchte Erde war; oder Holz, die Leichenteile geschlachteter Pflanzen – alles das war gering, schäbig, ängstlich, einfach und klein. Für Glas hatte sie noch Respekt. Wer jedoch das Metall beherrschte, beherrschte die Welt.
Lange hatte sie über einen Messergriff nachgedacht, der sich an eine gute Sabatier-Klinge nieten ließe, die man zuvor von ihrem traurigen schwarzen Griff würde trennen müssen – vielleicht konnte sie aber auch eine schmale Klinge von hochwertigem Stahl in Auftrag geben, gefährlich und verboten scharf. Für den Griff etwas Köstliches, Üppiges, eine sinnliche Fabrikation aus schwerem Sterlingsilber mit Wucht und Ondulation, perfekt austariert und auf subtile Weise schief … Eine Linie zog sich durch ihren Kopf, verwob sich wie ein Heftfaden.
Schließlich hatten alle Werkzeuge der Gewalt ihren Reiz. Sie sah die Nach-Nachher-Glynis schon vor sich, wie sie nur noch Dolche, Fleischermesser, Keulen und Schlagringe mit zart glitzernden Einlegearbeiten aus Diamanten anfertigte, um damit noch mehr Schaden anzurichten, ja sogar Folterinstrumente – nicht nur bis ins feinste Detail konstruierte filigrane Schälmesser, sondern die Instrumente ihrer eigenen Folter. Ein leuchtend silberner Nachbau der Gifttüten, die monatelang am Tropf über ihrem Kopf gebaumelt hatten; seine spiegelglatten Sterlingfalten würden das Licht zurückwerfen. Vielleicht könnte sie so ihre allerschlimmsten Ängste konfrontieren, denn für Glynis bestand der Weg zur Kontrolle und Inbesitznahme darin, den Weg des Midas zu gehen und alles, was sie berührte, in Metall zu verwandeln, alles, woraus sie gemacht war, was sie geliebt hatte und was sie kannte. Also könnte sie eine vollkommene, glänzende Replik einer Spritze mitsamt funktionstüchtigem Kolben schaffen, deren glatte, herrliche Mechanik die Galerien in Ehrfurcht versetzen würde, die fürchterlich spitze Nadel für den Luxusmarkt aus Weißgold. Denn es gab dafür einen Markt. Sie hatte den Markt kennengelernt, in der Columbia-Presbyterian-Klinik, all diese Mitleidenden, die in heimtückisch bequemen Lehnstühlen geradewegs auf den Tod zusteuerten. Die nie die Klappe halten konnten, die stundenlang am Telefon hingen und Glück hatten, dass Glynis keine Waffe besaß. Sie alle brannten auf Mitbringsel, Ablenkung und die Illusion von Bedeutung. Sie könnte eine ganze Bestecklinie für Krebspatienten schaffen.
Wie Shepherd hatte auch sie Pläne, aber es waren respektable Pläne. Nicht die Pläne eines Feiglings, der müde war oder müde zu sein glaubte, aber dabei keinen Begriff hatte von Müdigkeit. Nicht die Pläne eines Schwächlings, der einfach nur aus allem rauswollte, der nur wartete, die Sache aussaß, seiner Entlassung harrte, Entlassungspläne schmiedete, der nachts, wenn er sich unbeobachtet wähnte, wie ein Alcatraz-Insasse heimlich mit dem Löffel seinen Tunnel grub.
In Glynis Kopf drängten sich die Ideen, drängte sich alles, was die Nach-Nachher-Glynis erschaffen würde. Scharfe Gegenstände, aggressive Gegenstände, kompromisslose Gegenstände. Sie würde sofort mit dem Messer beginnen. Sie könnte sofort mit dem Entwurf beginnen, dann hätte sie im Nach-Nachher schon einen Vorsprung. Denn sie hatte keine Minute zu verlieren. Ihr armer, fehlgeleiteter Mann hatte seine Pennies gehortet, wo doch Zeit die einzige Währung war, die je gezählt hatte.
Mit einer wahrhaft spektakulären Anstrengung, die Außenstehende lediglich als ein wenig bemerkenswertes Aufstehen vom Stuhl gesehen hätten, ging Glynis zum Telefon und holte Bleistift und Notizblock. Schlurfte zurück zum Küchentisch. Versuchte eine frische Seite aufzuschlagen. Es dauerte eine Ewigkeit, die Seite aufzuschlagen. Es gelang ihr nicht, mit dem Finger die Ecke aufzubiegen, und schießlich nahm sie dazu den Radiergummi. Die Hände … (Die Hände, nicht ihre Hände; wenn überhaupt, besaßen ihre Hände sie. So war es nämlich; sich auf »ihren« Körper beziehen zu wollen war inzwischen völlig verkehrt, denn eigentlich hatte der Körper seine Glynis; der Körper besaß den Menschen, nicht umgekehrt.) Nun, die Hände waren so taub, dass man ihr das Telefonbuch darauf hätte fallen lassen können, und sie hätte nicht mal mit der Wimper gezuckt. Außerdem lösten sich ihre Fingernägel ab, jeder mit einem leisen Plopp, so kam es ihr vor, sie ploppten ihr von den Fingern – gefurcht, verformt, so dunkel, dass sie fast lila waren. Sie hatte Finger wie ein schwerer Raucher oder wie ein Hobbybastler, der sich gern mit dem Hammer auf den falschen Nagel schlug. (Wenn Shepherd nicht in der Nähe war, knibbelte sie daran herum. Sie bluteten. Das war nicht gut. Die Fingernägel hochzuklappen und drunterzugucken war krank, aber sie konnte sich stundenlang damit beschäftigen.) Mit ihren Zehennägeln war es sogar noch schlimmer, weil sie nämlich keine mehr hatte; wenn sie im Bett lag, starrten die Nagelbetten seelenlos zu ihr hoch, wie blind, zehn eingedrückte Höhlen.
Der Bleistift war schwer wie eine Schaufel. Als sie die Spitze übers Papier zog, hatte die wacklige Grafitlinie nichts gemein mit der sauberen Linie in ihrem Kopf – ein ondulierender Messergriff, Küchenutensilien wie von Henry Moore. Also ließ sie den Entwurf des Griffs sein, um sich erst der Klinge zuzuwenden, aber auch die wurde wacklig – dünn, zittrig und schlaff, die abgeschrägte Seite konkav.
Selbst als Dreijährige hatte sie besser zeichnen können. Mit einer letzten Anstrengung für diesen Morgen zog sie an der Seite, ohne sie aus der Gummierung reißen zu können. Also begnügte sie sich damit, den peinlichen Klecks mit einer geschlängelten Linie durchzustreichen, deren Blässe ihren Zorn kaum einzufangen vermochte.
GLYNIS ERWACHTE, DAS Gesicht eingedrückt auf dem Küchentisch. Das Gekritzel auf dem Notizblock ergab für sie wenig Sinn. Komisch, aber das bisschen geistiges Strandgut, das der morgendliche Wirbelsturm flüchtiger Gedanken übrig gelassen hatte, war ein einzelner Gedanke: »bescheuerte Gartenspringbrunnen«. Sie nahm es zurück. Das war gemein. Sie wusste Shepherds Springbrunnen wirklich zu schätzen. Sie waren ein bisschen verrückt, entstammten aber der verrückten Seite ihres Mannes, die sie mochte.
Neben dem Notizblock stand ein Teller Nudelsalat, aufgehellt mit roten Paprikastückchen und Petersilie, an der Seite eines halben Thunfischsandwichs mit zu viel Mayonnaise. Nancy, die einen Schlüssel hatte. Welche Gnade, die nette Geste verpasst zu haben. Dass sie nicht auch noch dankbar sein musste für die nette Geste. Vor allem, dass sie das Zeug nicht auch noch essen musste.
Es musste Nachmittag sein. Freitag. Sie sollte heute Besuch bekommen. Eine Aussicht, die ihr normalerweise verhasst war, aber es war eine seltene Besucherin, die ihr eigentlich nichts ausmachte. Flicka. Sie ähnelten sich. Wie eigenartig, dass sie mit einer Siebzehnjährigen inzwischen mehr gemein hatte als mit deren energischer, großbusiger Mutter.
Glynis zog sich Hand über Hand am Geländer entlang nach oben; niemand würde je nachvollziehen können, wie viel Kraft es sie kostete, einen frischen samtenen Hausanzug anzuziehen. Auf der Mitte der Treppe war sie außer Atem und lehnte sich ans Geländer, um zu verschnaufen. Atmen – jedes Mal, wenn sie heutzutage einatmete, war es irgendwie zu spät. Der Atem kam zu spät; die Luft von diesem Atemzug hätte sie schon beim vorigen gebraucht gehabt. Die Füße taten ihr weh; sie quollen aus ihren rosa Plüschpantoffeln, die Haut war gedehnt und rissig von den Ödemen. Sie hätte nicht auf dem harten Küchenstuhl einschlafen dürfen; der Druck auf ihrem Hinterteil hatte die wunden Stellen um ihren After verschlimmert – denn wenn sie ausnahmsweise mal auf die normale Art Stuhlgang hatte, brannte er ihr Löcher in den Arsch. Toxischer Stuhl. Socken, um hässliche geschwollene Fußgelenke zu verstecken. Wollmütze. Bloß nicht die Besucher mit der Glatze erschrecken.
Zurück auf dem Treppenabsatz, drehte sie das Thermostat noch mal zwei Grad höher, wobei sie nicht auf die Ziffern sah, sich um Ziffern nicht scherte. Ihr war ständig kalt.
Halb vier. Carol hatte vier Uhr gesagt. Da sie nichts Besseres zu tun hatte, spähte Glynis aus dem Fenster der Diele und hielt Ausschau nach dem Auto. Bei dem, was sie stattdessen sah, durchfuhr sie ein vertrauter, hilfloser pawlowscher Ekel.
Ein Nachbar beim Joggen. In seiner edlen Trainingshose mit den kleinen Streifen, in seinen edlen Laufschuhen mit noch mehr kleinen Streifen. Mit feschem Stirnband. Er wirkte so stolz auf sich. Strahlte das gleiche von Eigenlob überlagerte, verhohlene Selbstmitleid aus, das sie schon bei ihrem Mann nicht ausstehen konnte. In seinem zum restlichen Outfit passenden Sweatshirt und seinen Funktionshandschuhen drehte er seine Runden um den Golfplatz. Strotzend vor mannhafter Disziplin. Unerschrocken angesichts des peitschenden Februarwindes und des Schnees in der Luft. Na klar, lauf dir ruhig die Seele aus dem Leib, du scheinheiliger Wichser. Glaubst du, ich wäre früher nicht auch gelaufen? Warte du nur. Du wirst schon sehen. Eines Tages gehst du zu irgendeiner Routineuntersuchung, haha, und der Arzt wird dich mit lateinischem Gewäsch bombardieren, und siehe da, dann wirst du nicht mehr um irgendeinen Golfplatz rennen; du wirst Gott danken, wenn du überhaupt noch aus dem Bett kommst. Also lauf du nur, lauf, lauf. Solange, wie’s noch geht. Du brauchst dir nämlich gar nichts vorzumachen. Es ist bei dir nur noch nicht so weit.
Manchmal ärgerte sich Glynis, dass ein Mesotheliom nicht ansteckend war.
Zugegeben, Glynis selbst hatte Fitnesskurse genommen und die verschiedensten Sportarten betrieben, um das zu behalten, dessen sie jetzt nicht etwa durch schwindende Disziplin, Nachgiebigkeit, Faulheit oder einen Mangel an Entschlusskraft beraubt worden war. Während dieser Workouts hatte auch sie sich eingebildet, Willenskraft aufzubieten, mitunter bis zum Maximum. Falsch. Und das war die Hauptquelle der Verachtung, die ihr Nachbar in ihr weckte, während er oben den Hügel umrundete und auf der Rückseite wieder hinuntertrabte. Er glaubte, »über seine Grenzen hinauszugehen«, wo sie an diesem Nachmittag fünfzig Mal so viel Willenskraft hatte aufbieten müssen, um nur die Treppe hochzukommen. Er glaubte, den »Elementen zu trotzen«, hatte jedoch keinerlei Wertschätzung dafür, wie freundlich sich ein kleiner Februarsturm ausnahm, wenn einem ein finsterer Wind durch den Körper fegte. Er glaubte, sich zu etwas zu zwingen, wozu er eigentlich keine Lust hatte, dabei war ihm gar nicht klar, dass das Laufen, ähnlich wie der Supermarkt, ein Privileg war. Er glaubte, er arbeite an seinem Durchhaltevermögen, dabei würde er sich noch umgucken, wenn sein eigenes Pestschiff in den Hafen einlief, dann würde er entdecken, dass er nicht einen Funken Durchhaltevermögen aufgebaut hatte, mit dem er in den neuen, unschönen Umständen etwas anfangen könnte. Es war zum Totlachen, aber er bildete sich doch tatsächlich ein, Schmerzen zu überwinden.
Klar, Glynis schaffte es nicht mal mehr von der Veranda zum Briefkasten. Aber das ganze letzte Jahr mindestens hatte der Krebs echtes Durchhaltevermögen erfordert, echte Disziplin, echte Willenskraft, und dagegen waren ein bisschen Step-Aerobic oder eine Runde um den Golfplatz der reinste Witz.
Die halbe Stunde, die sie warten musste, verging wie ein Jahrhundert. Wie unfair, die Kostbarkeit der Zeit genau dann festgestellt zu haben, wo einem jedes Zucken des Sekundenzeigers zur Qual wurde. Was sollte man tun, wenn einem die gleiche Menge Zeit sowohl kostbar also auch verhasst war? Es war sadistisch, eine Offenbarung gepaart mit der vollkommenen Unfähigkeit, sich entsprechend zu verhalten. Wenn jemand wie Petra von ihrer hohen Warte aus nach Wahrheit schrie, hätte sie ihr genau das vor die Nase knallen sollen: Warte nur ab. Deine geliebte Erkenntnis sollst du haben. Aber erst dann, wenn’s zu spät ist.
PUNKT VIER FUHR der Wagen in die Auffahrt. Mühsam zog Glynis die Haustür auf und versuchte gastfreundlich auszusehen. Da ihre unbrauchbare Familie und die Schönwetterfreunde sie zwangen, sich allein durchzuboxen, hatte sie in letzter Zeit wenig Übung in Gastfreundschaft.
Carol winkte vom Auto aus, ehe sie Flicka aus dem Beifahrersitz half. Das Mädchen befreite sich aus dem Fahrzeug, indem es sich schwer auf die Schulter seiner Mutter stützte; Flicka wirkte sichtlich schwächer und ungelenker als bei ihrem letzten Besuch. Mager wie eh und je, ohne Busen und mit einer dicken, geschlechtsneutralen Brille auf der Nase, wirkte sie eher wie eine Neunjährige als eine Siebzehnjährige. Als kleines Mädchen war sie fast entzückend gewesen, doch mit zunehmendem Alter war ihr Gesicht immer mehr aus der Form geraten: Die Nase war flacher geworden; das Kinn wölbte sich nach vorn. Trotz ihrer schubweisen Gehässigkeit war Glynis doch nicht so hart – nicht so sehr aus Metall –, dass sie an Flickas Verfall Freude gehabt hätte. Stattdessen spürte sie eine Kameradschaftlichkeit, über die sie erfreut war. Mitgefühl richtete sich ja naturgemäß nach außen, und da es keinen anderen Gegenstand gab, der Glynis’ Mitgefühl wert war, fiel es allzu oft sinnloserweise auf ihre eigene Person zurück.
Glynis für ihren Teil hatte sich das Fotografieren verbeten. (Und es war verblüffend, wie taktlos die Leute sein konnten und ihr ständig ein Objektiv vor die Nase hielten. Gänzlich blind gegenüber der morbiden Tragweite ihres Impulses, waren die Freunde eifrig darauf bedacht, jetzt, wo sie den Mund voller Geschwüre und keine Haare mehr auf dem Kopf hatte, ihr Abbild für die Ewigkeit festzuhalten. Wie oft waren sie dagegen mit einer Kamera angerückt, als sie noch toll aussah?) Da sie weder Augenbrauen noch Wimpern hatte, war ihr Antlitz konturlos, wie nicht zu Ende gemalt. Na gut, die beklemmende Glätte ihrer Beine erforderte keine Wachsenthaarung mehr. Unbehaarte Unterarme an einer erwachsenen Frau aber hatten etwas Gruseliges. Carol konnte es ihr natürlich nicht ansehen, aber der größte Verlust in Sachen Haar spielte sich weiter unten ab; Shepherd hatte immer ihren üppigen Wuchs gepriesen. Der Anblick einer haarlosen einundfünfzigjährigen Vulva war keine schöne Sache: verschrumpelt, faltig, flatterig und eigentümlich lilafarben. Ästhetik hatte natürlich eigentlich keine Rolle mehr zu spielen, und in Wahrheit hatte Glynis in Bezug auf die Degeneration ihres Körpers eine perverse und obsessive Faszination entwickelt, einen kranken Nervenkitzel. Doch immer wenn sie einen Blick auf ältere Fotos warf – ihr Hochzeitsalbum, ihr offizielles Porträt für die Galerien, die wenigen gerahmten Schnappschüsse von ihren Auslandsreisen –, betrachtete sie dieses vollere, jüngere Gesicht, die majestätische Gestalt, die sie einst abgegeben hatte, und war eifersüchtig. Eifersüchtig auf sich selbst. Heute also, in formlosem Samt und diesen lächerlichen Plüschpantoffeln, die einzigen Schuhe, in die ihre Füße noch passten, kämpfte Glynis mit der Beschämung. Seit ihrer Diagnose wurde sie von dem Gefühl verfolgt, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Das Krankenhaus hatte sich in ihrem Kopf nie von einem Gefängnis unterschieden, und jedes Mal, wenn sie dort eingesperrt war, hatte sie das kafkaeske Gefühl, nicht genau zu wissen, welches Vergehens man sie beschuldigte.
Carol dagegen sah umwerfend aus.
Carol zu hassen hätte wenig Sinn.
»Hey, Glynis!«, greinte Flicka und breitete die Arme aus. Für Glynis war es, als umarmte sie ihren eigenen Oberkörper – all die kleinen, vogelhaften Knochen, die am Rücken des Mädchens zu spüren waren. Sie waren vom gleichen Schlag. Flicka war kleiner, aber sonst hatten sie die gleichen Maße.
»Sie ist eigentlich nicht gesund genug für einen Ausflug nach Westchester«, sagte Carol bei der Umarmung. »Aber sie wollte unbedingt.«
»Willst du mit rauf in mein Nest?«, sagte Glynis einladend.
»Klar«, lallte Flicka. »Aber nur, wenn du dein verdammtes Kochfernsehen ausmachst.« Zum Glück bewegten sich Flickas hohe nasale Töne in einer Frequenz, die Glynis noch immer ausmachen konnte; Shepherds tiefes Brummen verschwamm nicht selten mit dem Surren eines fernen Rasenmähers.
»Okay. Aber nur, weil du’s bist.« Glynis ergriff das Geländer und zog sich hoch. »Müssen die anderen ohne mich lernen, wie man Eiersalat mit Curry macht.«
»Igitt.«
»Gibt’s irgendetwas, das dir schmeckt?«
»Eis.« Flicka schleppte sich hinter Glynis hinauf, und auf der vierten Treppenstufe schon außer Atem, warf sie einen raschen Blick zu ihrer Mutter hinunter und murmelte: »Soll ich eigentlich nicht essen, aber manchmal klau ich mir was von Heather, wenn Mama nicht guckt.«
»Ich denke immer, ich will irgendetwas. Aber dann merke ich, dass ich es doch nicht will.« Sie waren noch nicht mal auf halbem Wege oben, da ließ sich Glynis auf eine Stufe sinken. »Lass uns hier Pause machen, ja?«
Carol, die den beiden Krüppeln von der Diele aus zugesehen hatte, rief: »Ich lass euch beide mal machen, okay? Kümmere dich nicht um mich, Glynis, ich kann solange Zeitung lesen.«
»Wenigstens einer«, sagte Glynis und war froh, dass Carol nicht mit hochkommen wollte. Flicka fand ihre Mutter erdrückend und war in ihrer Gegenwart oft verschlossen und missmutig.
»Zumindest haben wir endlich eine PEG-Sonde gefunden, die wir zu Hause auswechseln können«, krächzte Flicka, nachdem sie ebenfalls auf einer Treppenstufe zusammengebrochen war. »Also muss ich jetzt nicht jedes Mal ins verdammte Krankenhaus, wenn sie kaputtgeht. Papa hat recht, in diesem bescheuerten Land wird nichts produziert, was länger als eine Woche hält.«
»Aber geht dir das nicht so, dass du dich im Krankenhaus irgendwie schon wie zu Hause fühlst?«
»Ein bisschen schon. Man gewöhnt sich eben dran, wie alles läuft. Wer von den Schwestern einem zum Beispiel die Nadel in den Arm jagt wie mit ’nem Locher. Ich spür ja nichts, aber wenn sie mir auf der Suche nach ’ner Vene ’ne halbe Stunde lang in den Arm stechen, wird’s irgendwann unglaublich langweilig. Sag mal, hast du eigentlich immer noch Angst davor? Vor den Spritzen?«
»Schreckliche Angst. Shepherd hat ja gedacht, die Phobie würde weggehen, aber wenn überhaupt, ist sie schlimmer geworden. Nach jeder Chemo muss er mir fünf Spritzen geben, um mein weißes Blutbild anzukurbeln. Ich weiß nicht, wie er das aushält. Ich kann diese Spritzen nicht mal ansehen. Ich bitte ihn, die Dinger hinter meinem Rücken vorzubereiten, und davor muss ich Lorezepam nehmen. Oder ›Marzipan‹, wie wir hier gerne sagen. Das erste Mal, also bevor ich wusste, dass ich vorher Marzipan nehmen kann, bin ich umgekippt. Ich bin so ein Weichei.«
»Dann hast du dir die falsche Krankheit ausgesucht. Hättest was nehmen sollen, wo sie einfach die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Irgendwas Unheilbares.«
»Mesotheliom ist unheilbar«, sagte Glynis leise. Das hatte sie so noch nie laut ausgesprochen.
Flicka wirkte verlegen. »Sorry. Ich meinte eigentlich ›nicht behandelbar‹.«
»Ist mir egal, wie du dazu sagst. Du musst mich nicht mit Samthandschuhen anfassen.« Sie hatten wieder die Treppe in Angriff genommen: einen Fuß hoch, den anderen Fuß dazu, Pause.
»Hängt’s dir nicht zum Hals raus?«, fragte Flicka. »Diese Vorsicht. Dieses ganze huh, bloß nichts sagen, worüber Flicka sich ›aufregen‹ könnte! Bloß nichts Unsensibles zu Glynis sagen! Man wird doch behandelt wie ’n Spasti.«
»Ich glaube, Spasti darf man heutzutage nicht mehr sagen.«
»Für uns gilt das nicht. Wir dürfen alles sagen«, sagte Flicka und lächelte verschlagen, »alles, was wir wollen.«
»Ehrlich gesagt, mich stört das manchmal schon. Um Thanksgiving herum habe ich mich mit Shepherd richtig gestritten. Es ging darum, dass ich mir bei ihm wirklich alles erlauben kann. Das ist unmenschlich. Man wird bevormundet.«
»Stimmt … Mama gibt sich zwar alle Mühe, aber ab und zu wird sie dann doch wütend auf mich, und irgendwie find ich das gut. Dann ist sie wie ’ne ganz normale Mutter. Nicht wie irgend ’ne verdammte Heilige.«
In ihrem Schlafzimmeruniversum legte sich Glynis in das breite Doppelbett und arrangierte ihre fünf Kopfkissen, während sich Flicka die Fernbedienung von der Matratze schnappte. »Hier sieht’s wild aus, entschuldige«, sagte Glynis. Wie immer war das Zimmer übersät mit Arzneifläschchen, benutzten Gläsern und dem erstarrten Frühstück, das Shepherd ihr heute Morgen überflüssigerweise ans Bett gebracht hatte. Auf den Stühlen knäulten sich Fleecejacken und Strickjacken, und auf dem Bett lagen verschieden dicke Decken ineinander verdreht. Nest war das richige Wort.
Ohne zu fragen, schaltete Flicka den Fernseher aus. Sie hatte das Herrische eines Kindes, dem Erwachsene ständig alles recht zu machen versuchen. »Schon besser.«
»Fernsehen schafft die Illusion von Aktivität.«
»Quatsch, damit hab ich im Krankenhaus rumexperimentiert. Das gibt so ’ne eklige Atmosphäre, wenn man den ganzen Tag den Fernseher an hat. Stille ist besser. Da fühlt man sich nicht so schmutzig.« Indem sie halb absichtlich das Gleichgewicht verlor, ließ sich Flicka in den Sitzsack fallen, aus dem sie vermutlich schlecht wieder hochkommen würde. »Und? Hast du’s allmählich satt? Mit den Leuten reden, ohne irgendwas zu erzählen zu haben?«
»Ich mag es nicht, wenn die Leute herkommen und erwarten, dass ich sie unterhalte.«
»Aber wenn sie dir von den geilen Sachen erzählen, die sie gerade so machen, wirst du sauer.«
Glynis zuckte mit den Achseln. »Ich weiß auch nicht, was ich will. Insofern kann mir keiner eine Freude machen – von dir abgesehen.«
»Natürlich«, sagte Flicka beiläufig. »Elend verbindet.«
»Weißt du, vor ein paar Tagen hatte ich abends eine … Episode.«
»Dann hast du ja doch was zu erzählen.«
»Geht so. Ich hab noch mit niemandem sonst darüber geredet. An diesem Abend hatte mir Shepherd – entschuldige, so was erzählt man eigentlich nicht – einen Einlauf gemacht.«
»Schon okay. Mama muss mir dauernd Einläufe machen. Bei FD ist Verstopfung das Normalste der Welt. Ich würde lieber drauf verzichten, überhaupt was zu verdauen, aber diese Lösung kommt bei mir zu Hause nicht so gut an.«
»Na ja, bei Shepherd … ich bin mir nicht sicher, ob sich Menschen so nahe kommen sollen.«
»Aber ihr seid doch verheiratet. Du musst es doch gewohnt sein, dass er dir seinen Finger irgendwo reinsteckt. Wo ist da der Unterschied?«
Glynis’ Lachen verkam zu einem Husten. »Sex ist ein bisschen was anderes als ein Einlauf.«
»Das werde ich wohl kaum noch erleben.«
»Das kann man nie wissen. Gibt’s denn nicht irgendwelche Jungen, die du nett findest?«
»Letztes Jahr gab’s einen, der mich zu ’ner Abschlussparty in der Schule eingeladen hat. Aber er wollte wohl nur die anderen mit seinem Gutmenschentum beeindrucken. Bei seinen Eltern und Lehrern Punkte sammeln für seinen Großmut. Du glaubst ja gar nicht, wie der geguckt hat, als ich abgelehnt hab. Total geil. Ich hab keine Lust, anderen Leute die Lebensläufe zu veredeln.« Seit gut einem Jahr war Flicka nicht mehr nur sarkastisch, sondern regelrecht dreist geworden. »Aber zurück zu deiner Geschichte.«
»Tja, mit dem Einlauf hat’s nicht so richtig geklappt, und … also, ich hatte schlimme Verstopfung. Die Scheiße war trocken. Fast wie Erde. Er musste sie … richtig rausgraben. Ich hab mir alle Mühe gegeben, mich nicht zu schämen, aber wenn man so überm Badewannenrand hängt, den Hintern in der Luft – na ja, man schämt sich trotzdem. Mein Mann fand mich immer schön. Wenn er mich heutzutage berührt, hat er Scheiße an den Fingern. Er ist wirklich lieb dabei, zärtlich und sachlich zugleich, aber trotzdem. Das spielte halt mit rein. Einfach grundsätzlich angewidert zu sein, von mir selbst, dass es so weit mit mir gekommen war.«
»Das war aber noch nicht die ›Episode‹.«
»Nein, die kam später. Drei Uhr morgens. Ich konnte nicht schlafen. Wir sind aufgestanden, aber ich wollte nicht auf sein. Ich wollte nicht – ich wollte überhaupt nicht da sein. Ich wollte einfach nicht mehr sein. Nach dem Einlauf habe ich bestimmt eine Stunde unter der Dusche gestanden, weil alles so gejuckt hat, aber der Ausschlag an den Schienbeinen war schon wieder wahnsinnig schlimm. Ich hatte Geschwüre im Mund und konnte kaum reden oder schlucken, nicht mal lächeln – nicht dass ich Grund dazu gehabt hätte. Ich war geschwächt und erschöpft, und mit dem ganzen Wasser in der Lunge … Das ist, als würde man keine Luft bekommen, als würde man ertrinken …«
»Wem sagst du das. Meine Narben von der Lungenentzündung werden immer schlimmer, und die gehen nicht mehr weg.«
»Ich … ich wollte nur noch raus. Ich wollte so dringend raus, dass ich dachte, ich werde verrückt. Ich hatte wohl so eine Art Nervenzusammenbruch. Ich habe mich gefangen gefühlt. Es war genau wie damals, da war ich zwölf, und meine Schwestern hatten sich gegen mich verbündet. Es ging um irgendeine Mutprobe, und sie haben mich in den Keller gelockt und in einem Schrank eingesperrt. Sie haben gelacht und sind verschwunden. Kreischend. Aus irgendeinem Grund waren meine Eltern nicht da oder haben mich nicht hören können. Ich hab so laut geschrien, dass mir die Stimme wegblieb. Ich hatte blaue Flecken an den Ellenbogen und Knien, so sehr hab ich gegen das Holz gehämmert. Durch die Tür kam wohl genug Luft rein, dass ich nicht in Gefahr war, zu ersticken. Aber zu der Zeit war ich überzeugt, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich saß mehrere Stunden eingesperrt in diesem Schrank. Ich habe heute noch Albträume davon.«
»Was war es denn, wo du rauswolltest, an dem Abend?«, fragte Flicka, aber so, als wenn ihr die Antwort klar wäre.
»Aus … aus mir selbst. Aus allem. Peinlicherweise muss ich hysterisch geworden sein. Ich habe geschrien: ›Ich will hier raus!‹ Du weißt schon. ›Lasst mich hier raus, ich will raus!‹«
Glynis’ Imitation ihrer selbst war absichtlich schwach. Ihre Erinnerung war besser, als sie vorgab. Sie hatte Shepherd blutig gekratzt, als er sie festhalten wollte. Die Kratzwunden waren noch nicht verheilt; ihre Fingernägel waren jetzt lockerer. Trotz ihres Keuchens hatte sie irgendwie hyperventiliert, und dadurch war ihr auch noch schwindlig geworden. Da Shepherd alles wieder aufgeräumt hatte, war sie sich nicht sicher, ob nicht auch Gegenstände zu Bruch gegangen waren.
»Shepherd hat sich total erschrocken«, gab sie zu. »Er hatte Angst, dass ich mich verletze, so wie ich mich hier im Schlafzimmer hin und her geworfen habe. Irgendwann hat er mich runtergedrückt und mir ein Marzipan in den Rachen geschoben, an dem ich fast erstickt wäre.«
Flicka wirkte wenig beeindruckt. »Dazu noch ein bisschen Gewürge, und das, was du da beschreibst, ist so ziemlich das Gleiche wie ein FD-Anfall. Aber wenn du ›raus willst‹, Glyn – gibt’s nur einen Weg.«
»Das ist nicht wahr«, erwiderte sie aufsässig. »Ich habe nur noch sechs Mal Chemo, das ist alles. Meine CTs könnten ein bisschen besser sein« – die kaum merkliche Pause diente der Überlegung, dass sie log; seit dem schlechten Ergebnis im September hatte Glynis ihren Mann und den Arzt angewiesen, alle weiteren Ergebnisse für sich zu behalten –, »aber wir können die Krankheit immer noch in den Griff kriegen. Es ist ein Ende abzusehen. Ich kann wirklich geheilt werden. Das ist doch der Punkt.«
Flicka zog die Augenbrauen hoch, und dass sie welche hatte, machte Glynis neidisch. Flickas Miene war nachsichtig. »Klar. Und das glaubst du auch noch.«
»Woran soll ich denn sonst glauben?«
»An die saubere Lösung. Ich weiß nicht, ob die so schlimm ist.«
»So kannst du doch nicht denken.«
»Kann ich wohl«, entgegnete Flicka, »und tu ich auch.«
»Ich verstehe ja, dass man schwarze Momente hat. Das war ja, was ich dir geschildert habe. Aber man muss doch durchhalten.«
»Das sagen sie einem immer.«
»Was meinst du damit?«
»Noch ein Jahr, dann bin ich volljährig. Dann kann ich machen, was ich will.«
»Ist das eine Drohung?«
»Eher ein Versprechen. Ich hab’s satt, hier zu bleiben, nur um anderen einen Gefallen zu tun.«
»Ich tu auch niemandem einen Gefallen, indem ich bleibe«, sagte Glynis leise. »Ich ruiniere das Leben meines Mannes.«
»Das nehm ich dir nicht ab. Du bist jetzt Sheps Sinn des Lebens, der einzige Grund für ihn, morgens aufzustehen. Ist doch klar. Ist nicht so viel anders als mit meinem Vater.«
»Shepherd würde lieber auf irgendeiner gottverlassenen Insel leben.«
»Pemba ist keine gottverlassene Insel. Er hat mir mal Fotos gezeigt. Da gibt’s einen Regenwald und so was. Eigentlich ganz cool.«
Glynis kämpfte gegen die Wut. Was dachte sich Shepherd dabei, diesem armen Mädchen pornobildmäßig Fotos von einer Insel vor die Nase zu halten, die sie niemals besuchen würde.
»Aber ich finde trotzdem …«, sagte Flicka. »Na ja, irgendwann reicht’s dann einfach.«
»An dem Punkt bin ich noch nicht.«
Flicka zuckte mit den Achseln. »Das musst du selbst wissen.«
»Ich kann immer noch gesund werden. An manchen Tagen spür ich’s – ich fühle mich besser.«
Die Miene des Mädchens erinnerte Glynis an ihren Schwiegervater. Sie hatte etwas Pastorenhaftes.
»Bei mir jedenfalls …«, sagte Flicka, womit sie das vorhergehende Thema unter hoffnungslos verbuchte. »Ich hab so ein Video gedreht, für einen Film für eine Spendenaktion. Für die Stiftung, für FD-Forschung.«
»Sehr ehrenwert von dir.«
Flicka lachte laut auf, und ein Rinnsal Spucke tropfte an ihrem Kinn herunter. »Nicht wirklich, wie ich gemerkt habe. Wir waren alle zur Premiere eingeladen. Mich hatten sie rausgeschnitten.«
»Wieso haben sie deinen Videoclip nicht benutzt? Gab es eine Erklärung?«
»Klar. Der Vorsitzende der Stiftung sagte, so total zerknirscht, dass ich wohl nicht die richtige positive Einstellung hätte.«
»Das hast du doch bestimmt als Kompliment aufgefasst.«
»Schon möglich. Aber das war nicht der echte Grund. Auf dem Empfang danach hab ich zufällig mitbekommen, wie sich der Typ mit einem der Aufsichtsräte unterhalten hat. Dass es so schwierig ist, für die Geldgeber den ›richtigen Ton‹ zu treffen. Dass die Kinder sowohl ›krank genug‹ als auch ›süß genug‹ sein müssen. Das soll einer kapieren. Denn krank genug« – sie hustete – »bin ich definitiv.«
»Ich finde dich schon süß.«
»Lass mal. Ich hab zwar Probleme mit meiner Hornhaut, aber ich bin nicht blind.« Auch ohne Zigarette hatte Flicka eine abschnipsende Art. »Und sonst so? Irgendwas ist mit meinen Eltern. Die fassen sich nicht mehr an. Die streiten sich auch nicht mehr, was ein schlechtes Zeichen ist, ob man’s glaubt oder nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass sie an Scheidung denken.«
»Oh nein! Das kann ich nicht glauben!«
»Wir werden sehen. Vielleicht beiben sie ja meinetwegen zusammen. Aber dieses Gefühl – als wären sie zwei Hausgäste, weißt du, die im Flur aneinander vorbeigehen. Ich glaube, das ist mit ein Grund, warum Heather so unfassbar fett geworden ist.«
»Das ist schade. Sie ist ein hübsches kleines Mädchen.«
»Hübsch vielleicht schon, aber bestimmt nicht klein. Ihre ganzen Freunde nehmen Psychopharmaka und krampflösende Mittel und Ritalin und so Zeug, und die sind auch alle zu fett. Also behauptet sie, dass sie wegen ihres ›Cortomalaphrin‹ so zugelegt hätte.«
»Wozu nimmt sie das denn?«
»Es sind eigentlich nur Zuckertabletten, ein ›Medikament‹, das sich meine Eltern ausgedacht haben, damit sie das Gefühl hat, was Besonderes zu sein. Das geht schon seit Jahren so, obwohl ich’s auch erst seit ein paar Wochen weiß. Ich hab zufällig mitbekommen, wie sich mein Vater bei Mama beschwert hat, wieso sie sich die Mühe machen, jedes Mal wieder mit ’nem ›Rezept‹ in die Apotheke zu laufen und zehn Doller zu zahlen, wo sie das Fläschchen doch einfach mit M&M’s auffüllen könnten. Ich hab ihn gefragt, was er damit meint, und er hat mir alles erzählt. Ich hab mich echt weggeschmissen. Aber diese Nummer mit den ›Nebenwirkungen‹, auf denen Heather so rumreitet, wo die echten ›Nebenwirkungen‹ einfach nur von zu viel Häagen Dazs kommen … irgendwann hatte ich dann doch die Schnauze voll. Dann hab ich mich wohl … ein bisschen daneben benommen.« Flicka lächelte listig.
»Du hast es ihr erzählt.«
»Genau. Erst wollte sie mir nicht glauben, bis ich die ganze Flasche ›Cortomalaphrin‹ zerstoßen, mit Wasser vermischt und durch meine PEG-Sonde gegossen habe. Ist nichts passiert. Es musste mich keiner wegen ’ner Überdosis in die Notaufnahme karren. Nachdem sie’s dann kapiert hatte – Mann, war die sauer.«
»Das war aber ganz schön gemein«, sagte Glynis.
»Stimmt«, sagte Flicka leichthin. »Aber weißt du, viel Spaß hab ja ich nicht im Leben.«
»Und, was haben deine Eltern gemacht?«
»Sie mussten ihr ein echtes Medikament besorgen, ein Antidepressivum – und bei diesem steifen, superhöflichen Getue bei uns zu Hause, nach dem Motto Jackson, Schatz, würdest du mir bitte den Salat reichen, braucht sie vielleicht wirklich Zoloft. Davon nimmt man echt dann zu. In den letzten paar Monaten hat sie bestimmt noch mal zweieinhalb Kilo zugelegt.«
»Du solltest mal fragen, ob du dir ein paar ausborgen kannst.«
»Stimmt, du auch.«
»Und, hast du in letzter Zeit ein paar neue Exemplare für deine Handysammlung gefunden?« Schon bei der Vorstellung, uralte Exemplare einer Technologie zu sammeln, die für ihre Begriffe eine hochmoderne Innovation darstellte, fühlte sich Glynis alt.
»Ich hab einen echten Knochen von 2001«, sagte Flicka, stolz wie ein Antiquitätenhändler, der einen echten Louis-quatorze an Land gezogen hat. »Total eckig und schwer und megagroß. Wenn man bei mir an der Schule mit so was auftauchen würde, würden sich die Leute totlachen. Und was ist mit dir, wann ist deine nächste Chemo?«
Ach ja, das waren noch Zeiten, als Gäste fragten: »Und, woran arbeitest du gerade?« oder »Wann ist eure nächste Auslandsreise?«
»Nächste Woche«, sagte Glynis. »Deswegen döse ich dir auch gerade nicht weg. Die letzte ist schon ein paar Wochen her. Aber sie machen’s nur, wenn mein Blutbild besser ist als negativ Null.«
»Die Chemo – du hast mir nie davon erzählt. Wie ist das eigentlich?«
Erstaunlicherweise fragten die Wenigsten danach. »Chemo« war zu einer solchen Standardabkürzung geworden für Leute in Glynis’ Alter, dass jeder davon ausging, ohnehin schon zu wissen, wie es war. Dabei wusste man es eben nicht.
»Na ja, manche kommen allein, und andere bringen jemanden mit. Ich zum Beispiel bin ja nicht so gesellig –«
»Große Überraschung.«
»Alle halten mich für reserviert und schnöselig.«
»Bist du ja auch.«
Verblüffend, was sich Glynis bieten ließ von dieser vorlauten, verkümmerten Siebzehnjährigen; bei niemand anderem hätte sie so etwas geduldet. »Das kannst du mir ja wohl kaum vorwerfen. Wenn die da rumschreien und damit prahlen, wie viel sie kotzen müssen oder was sie nach der letzten Behandlung für einen tollen bunten Ausschlag bekommen haben … da brech ich lieber alleine zusammen.«
»Ich halte mich auch nicht gern in der Nähe anderer FD-Kinder auf«, sagte Flicka und wischte sich routiniert mit dem Schweißband an ihrem Handgelenk den Speichel weg. »Geht uns aber allen so. Das Sommerlager ist ja noch okay, aber in der Selbsthilfegruppe war es am Ende so, dass fast niemand mehr gekommen ist. Die Eltern treffen sich noch. Aber wir, die ganzen Freaks, haben uns ausgeklinkt.«
»Das wundert mich eigentlich. Es gibt doch nur so wenige von euch. Wollt ihr denn nicht mal Erfahrungen austauschen?«
»Würdest du an meiner Stelle in den Spiegel gucken wollen? Wenn nur ich es bin, kann ich’s irgendwie ausblenden. Ich kann nicht so toll laufen, aber irgendwann komm ich schon ans Ziel. Dann seh ich diese ganzen anderen Kinder, und die sehen total spastisch aus. Dann wird mir klar, dass ich genauso spastisch aussehe. Kann ich drauf verzichten.«
»Damit du nicht denkst, ich sei nicht gesellschaftsfähig, vor meiner letzten Chemo habe ich mich im Warteraum mit jemandem unterhalten, weil ich zufällig mitbekommen hatte, dass derjenige auch ein Mesotheliom hat, und das ist genauso wie FD: Wir sind nicht viele. Irgendein Bauunternehmer, der wahrscheinlich mit Asbest gearbeitet hat. Wie sich herausstellte, ist er immer noch berufstätig. Das konnte ich kaum glauben. Ich krieg’s während der Chemo nicht mal hin, die Küchentheke abzuwischen, und er baut Mauern. Aber er kann nicht aufhören. Er muss wegen der Versicherung weiterarbeiten.«
»Na, da haben wir aber Glück. Shep und meine Mutter machen total beschissene Jobs, damit du und ich stilvoll zu Tode gequält werden.«
Seit Beginn dieser Horrorshow hatte Flicka bei Glynis eigenartige geständnishafte Ergüsse ausgelöst. Aber selbst die hatten ihre Grenzen. Es käme nicht infrage, diesem Teenager zu erklären, dass Sheps »beschissener Job« Teil seiner Strafe war. Für Pemba, dafür, dass er Nach-Nachher plante, in dem seine Frau keine Rolle mehr spielen würde, und dafür, dass sie Krebs hatte.
»Jedenfalls«, sagte Glynis, um wieder auf das Thema zurückzukommen, »begleitet mich meistens Nancy, unsere Nachbarin, die mir früher auf die Nerven ging und die ich inzwischen vergöttere. Erst entspannen wir ein bisschen im Warteraum und gucken uns die Kopfbedeckungen an; die meisten Frauen tragen Kopftücher wie Babuschkas, man ist wie in einer Zeitschleife, zurück ins Schtetl. Die Männer sind da kreativer – Pork-Pie-Hüte, Baseballkappen, manchmal ein schicker Filzhut. Es gibt einen, der kommt immer in einem großen Cowboyhut mit Silbersternen. Bevor wir losfahren, nehme ich immer Aprepitant, das Marzipan versuche ich schon eine halbe Stunde vorher zu nehmen. Ach ja, und beim Warten werfe ich mir sicher noch eine Handvoll Pillen ein. Dieses Ledertäschchen, weißt du, das mir deine Mutter für meine Medikamente geschenkt hat, ist super. Vorher habe ich aus dem Tiefkühlbeutel gelebt. Andere Besucher tauchen mit Duftkerzen auf, von denen ich würgen muss. Aber deine Mutter hat einfach ein Händchen für Geschenke.«
»Ja, wenn’s um medizinische Sachen geht, ist sie ziemlich cool.«
»Ach ja, und dann läuft immer so ein irre lustiger Wettbewerb, wer die guten Sessel bekommt. Es gibt da ganz viele bequeme Sessel, wie Fernsehsessel, mit kleinen Trennwänden, die einem Privatsphäre vorgaukeln sollen. Man will immer ein bisschen früher da sein, um einen der Sessel am Fenster abzugreifen, mit Blick auf den Hudson. Wobei ich kaum glaube, dass E. M. Forster an die Colombia-Presbyterian-Klinik gedacht hat, als er Fenster mit Aussicht schrieb.«
»Sorry, aber ich kann dir gerade nicht folgen.«
»Ja, das hat man davon, wenn man einem Kind sein Herz ausschüttet.« Flicka machte ein finsteres Gesicht. Für ihre Begriffe war sie kein Kind mehr.
»Das heißt, wenn ich schnell bin, kriege ich meinen Premiumplatz in der ersten Reihe. Und ob du’s glaubst oder nicht, es kommt dann jemand mit einem Getränkewägelchen vorbei, genau wie im Yankee Stadium. Man soll eben andauernd trinken, aber ich lass mich nicht rumkommandieren. Ich hab’s satt, jedes Mal, wenn ich pinkeln muss, den Tropf bis zur Toilette hinter mir herzuschleppen. Dann wird mein rechter Arm in warmem Wasser eingeweicht, was zu meiner Zeit beim Zelten ein Trick war, um jemanden im Schlaf dazu zu bringen, sich in die Hose zu machen. Wenn ich dann endlich den Verband um den Arm gelegt bekomme, ist mir schon schwummrig, selbst mit Marzipan. Es ist nicht mal so, dass die Spritze so wehtut; es ist allein die Vorstellung. Also hält mir Nancy immer die andere Hand, und ich muss ihr die ganze Zeit in die Augen sehen, während die Schwester nach einer Vene tastet, und sie erzählt mir lauter grausige Kochrezepte … mit Götterspeise und Puddingpulver und Birnen aus der Dose! Ich glaube, inzwischen weiß sie, dass ich die Vorstellung, mit Kartoffelbrei-Fertigpulver zu kochen, widerlich finde, und sie versucht, sich die allerschrecklichsten Gerichte auszudenken. Die lenken mich ab. Dann, nach dem Glukoserausch … Tja, das ist surreal.«
»Wie, ›surreal‹?«
»Eine Krankenschwester bringt die Chemo in so einer Art Schulranzen – in schulbusgelb. Nur statt eines Bildes von Daffy Duck steht auf beiden Seiten eine Warnung in fetten Großbuchstaben, ZYTOTOXISCH, will heißen, Komm nicht mal in die Nähe von diesem Zeug, sonst bist du sofort tot. Und das stimmt. Und wir sitzen ruhig da, während sie die Tüte an unseren Tropf anschließen. Wir blättern in Zeitschriften oder schauen auf den kleinen Fernseher an unserem Sessel, während dieser giftige Dreck stundenlang in unseren Arm tropft. Die Schwestern rennen von Sessel zu Sessel und verteilen Pillen wie Bonbons – alles gegen die Nebenwirkungen von dem Dreck. Währenddessen kommt ein leises, regelmäßiges Geräusch aus dem Tropf, kowakak, kowakak … Ich schlaf davon immer ein. Wir lassen uns alle den Schierlingsbecher spritzen, folgsam wie Schafe, wie die Juden in der Schlange vor den Duschen. Ist das etwa nicht surreal? Jedes Mal, wenn ich da bin, denk ich sofort an … das hab ich noch keinem erzählt; es ist zu abgefahren. Aber hast du schon mal Raumschiff Enterprise geguckt?
»Jetzt komm mal runter. Ich hör vielleicht keine Platten mehr, aber Raumschiff Enterprise ist mir immerhin ein Begriff. Papa und ich finden’s geil, Mama findet’s blöd.«
»Es soll blöd sein! Deine Mutter muss mal ein bisschen locker werden.«
»Sag bloß.«
»Auf jeden Fall gibt’s da diese eine Episode, irgendwas mit einem Planeten, auf dem der Krieg aufhört, weil sich beim Waffenstillstand auf beiden Seiten eine Unmenge Leute finden, die sich bereit erklären, nach einem regulären Zeitplan in eine Kammer zu gehen und sich freiwillig einschläfern zu lassen. Es läuft alles ganz manierlich ab; weißt du, Raumschiff Enterprise spielt immer wahnsinnig gern auf die Nazis an. Und dann taucht Captain Kirk auf und macht das Ganze zunichte, indem er eine seiner langatmigen, emphatischen Reden hält, dass sie jetzt wieder dazu übergehen müssten, sich auf herkömmliche Weise umzubringen oder Frieden zu schließen. Jedes Mal, wenn ich in die Klinik fahre, stelle ich mir vor, wie Captain Kirk in die Onkologie platzt und sieht, wie sich auf diesem irren Planeten die Leute wie die Lemminge Strychnin in die Adern pumpen lassen. Ich sehe ihn, selbstgerecht und völlig entsetzt, wie er hektisch den Leuten die Spritzen aus dem Arm reißt. Wie er eine donnernde, selbstgerechte Rede darüber hält, wie barbarisch das sei und dass man eine Krankheit doch nicht mit Gift bekämpfen könne. Ich bin wirklich überzeugt, dass man irgendwann genau so auf die Chemotherapie zurückblicken wird, wie wir heute auf Aderlass und Blutegel zurückblicken.«
Die Tür bewegte sich, und Carol schaute ins Zimmer. »Ich weiß nicht, wer von euch beiden unartiger ist, aber ihr laugt euch gegenseitig aus.«
Glynis bat Carol herein, wobei sie als gesunder Mensch ein Fremdkörper war, aus einem anderen Land mit eigentümlichen Bräuchen, deren Bewohner betrügerische übermenschliche Kräfte besaßen; die Gesprächsdynamik wirkte bald gezwungen. Glynis spielte mit dem Gedanken, Carol zur Seite zu nehmen und zu fragen, was mit ihrer Ehe los sei, bis ihr aufging, dass es ihr egal war. Sie war plötzlich so abgrundtief müde, dass sie Flecken vor den Augen hatte und das Schlafzimmer um sie herum immer enger wurde; nichts und niemand kümmerte sie jetzt noch, nicht mal Flicka. Also teilte sie stattdessen in Kurzform mit, dass sie nächste Woche wieder einen neuen Chemiecocktail ausprobieren werde, und Carol tat ermutigt.
»Das klappt nicht«, lallte Flicka auf dem Weg hinaus, »es gibt sowieso wieder Blutegel.«
VIELLEICHT WAREN ES die Blutegel, aber als die Gäste gegangen waren und sie sich von der Tür abwandte, musste Glynis daran denken, wie sich kurz nach ihrem Umzug nach New York, noch vor Shepherds Zeit, in der Küche ihrer winzigen Wohnung in dem Haus in Brooklyn ein Kakerlakenproblem entwickelt hatte. Natürlich mochte sie keine Kakerlaken, aber statt sie zu bekämpfen, sich an die Mühen der Vernichtung mit Insektenfallen und Borsäure zu machen, hatte sie weggeschaut. Zwischen dem Küchenschrank und der Wand, wo sie die Papiertüten aus dem Supermarkt aufbewahrte, befand sich ein Riss, und es dauerte nicht lange, da begannen sich die Tüten von selbst zu bewegen. Sie wusste auf abstrakte Weise, dass sich dort das Nest befand, und konnte nicht umhin, sie beim Frühstückmachen leise rascheln zu hören. Aber sie hatte sich darin geschult, beim Betreten des Raums den Blick geradeaus zu richten und mit sorgsam geneigtem Kopf um die Spüle und den Kühlschrank herumzugehen, damit die Stelle mit den Papiertüten am verschwommenen Rand ihres Sichtfelds blieb. Irgendwann wurde das Nest so groß, dass es einen dunklen Fleck an der Wand bildete, aber solange sie den Fleck nicht direkt ansah, stellte er sich nicht als wimmelnde Menge widerlicher, einzelner, haufenweise übereinanderkrabbelnder Insekten dar, sondern blieb ein Schatten.
Das Gefühl, das sie jetzt hatte, war identisch und hatte sie seit ihrer Diagnose immer wieder heimgesucht. Da war ein dunkler Fleck, ein Schatten, den sie nicht direkt fixieren wollte, und indem sie ihr geistiges Auge auf andere Dinge richtete, egal, auf was, nur nicht auf diese wimmelnde Ecke, war sie die meiste Zeit in der Lage, das Bild als optische Täuschung abzutun. Aber ähnlich wie bei den Kakerlaken wurde der Fleck immer schwärzer und größer, je länger sie ihn ignorierte, und desto größer wurde der Bogen, den sie im Kopf um ihn herummachen musste. An Abenden wie diesem raschelte er leise wie Tausende Beinchen hinter braunem Papier.