Kapitel 9
NACH EINEM WEITEREN Besuch bei Glynis, die inzwischen nach Elmsford entlassen, aber immer noch bettlägerig war, betrat Jackson in Hochstimmung sein Haus. Manch einen mochte nichts so sehr gruseln wie die Begegnung mit einem schwer kranken Menschen, aber er für seinen Teil fand allmählich Spaß daran. Da er jetzt wusste, was Glynis als anständiges Genesungsgeschenk ansah – vollendet destillierte Wut, die er sich wie Rohöl vorstellte: dickflüssig, zäh und wie Teer, eine Substanz, die an den Fingern klebte und Flecken auf Kleidern und Abdrücke auf Türknäufen hinterließ –, sparte er sich seine Empörung vom Tage auf. Nach Feierabend hatte er sich bei seiner Ankunft in Elmsford ein Crescendo der Bitterkeit zurechtgelegt, das wie das Programm eines Komikers aufgebaut war, nur dass nichts daran lustig war. Ob Glynis eigentlich klar sei, dass bei Gameshows der Gewinner eines Autos einen Prozentsatz des Verkaufspreises in bar an den Staat abtreten müsse? Ob sie wisse, dass viele Amerikaner inzwischen sogar Steuern auf ihre Steuervergünstigungen zahlen müssten und dieser Vorgang dann Alternativsteuer genannt werde?
Glynis, die inzwischen eine Spur zu Kräften gekommen war, hatte hin und wieder spontan aus dem Abseits ihrem eigenen Ekel Ausdruck verliehen. Er verließ das Schlafzimmer in einem seltsamen Glückszustand, vielleicht mit einem ähnlichen Kick wie beim Genuss von Khat, jenen bitteren Blättern, die, wie Shep mal erklärt hatte, von Unterbeschäftigten und Müßiggängern in Ostafrika gekaut wurden. Khat war ein mildes Amphetamin, und Shep hatte es einmal probiert. Er sagte, man werde davon nervös, zappelig, grundlos gereizt und scharf auf etwas, das wahrscheinlich niemals passieren würde.
Als er in der Küchentür stehen blieb, stellte Jackson fest, dass es Flicka nur normal schlecht ging – was wie immer bedeutete, dass sie weder richtig gehen noch reden noch atmen noch weinen konnte, also alles wie gehabt –, daher betrat er ausnahmsweise nicht die Szene einer Katastrophe, sondern nur das in Zeitlupe sich entfaltende Desaster dessen, was sie als ihr alltägliches Leben zu akzeptieren gelernt hatten. Flickas finsterer Blick war Begrüßung genug. Andere aus der FD-Gruppe stellten ihre Kinder als leuchtende Engel dar, die ihr Leiden auf sich nahmen und den ganzen Haushalt mit Dankbarkeit erfüllten, weil sie noch einen weiteren glorreichen Tag auf Erden erleben durften – Jackson hatte immer den Verdacht gehabt, dass diese Eltern logen. Aber selbst wenn dieser muntere Jasagertyp wirklich existierte, war Jackson froh, stattdessen ein griesgrämiges und von frühester Jugend an misanthropisches Kind bekommen zu haben.
Flicka saß schief und vornübergebeugt am Küchentisch über ihren Hausaufgaben und ließ verachtungsvoll ein Rinnsal Speichel auf ihre Unterlagen tropfen. Sie hätte es wegwischen können, bevor es auf ihre Gleichungen traf, ließ die Ziffern jedoch absichtlich unter der Spucke verschwimmen. »Ich frag mich, wieso ich diese Formeln lernen muss, wenn ich sowieso nicht lange genug leben werde, um den Scheiß anzuwenden«, grummelte sie.
»Falls es dich tröstet«, sagte Jackson, »werden deine Mitschüler, die alle neunzig Jahre alt werden, diese Formeln genausowenig brauchen wie du.«
»Ich finde, wenn ich womöglich jeden Moment tot umfalle, sollte ich eigentlich machen dürfen, was ich will. Mein Leben ist gerade mal so lang wie das eines Hundes, und ich muss Hausaufgaben machen.«
»Wenn wir dich leben ließen wie einen Hund – ohne Schulbildung –, würdest du nicht mal wissen, was du machen wollen würdest.«
»Ich würde lieber Friends gucken.«
»Du bist ein kluges Kind. Friends würde dich bald langweilen.«
»Ist doch alles Betrug«, sagte Flicka beharrlich. »Es geht doch gar nicht um mich, sondern um dich und Mama. Ich soll so tun, als wäre ich ein ganz normales Kind. Damit ihr so tun könnt, als hättet ihr eine ganz normale Familie. Als würde ich irgendwann meinen Abschluss machen und studieren und heiraten und Kinder kriegen. Als würde ich die Schreihälse überhaupt haben wollen; will ich nämlich gar nicht. Alles Lüge, und mir hängt’s zum Hals raus. Und ich warne dich. Irgendwann spiel ich nicht mehr mit.«
Das Dumme war, dass Jackson ihr recht geben musste. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn sie Flickas »Unschuld« – sprich: Unwissenheit – bewahrt hätten, aber heutzutage mit dem Internet konnte man vor den Kindern ja nichts mehr geheimhalten. 1996 hatten er und Carol sich bei ihrem ersten Internetprovider angemeldet, ein Entschluss mit fatalen Folgen. Flicka hatte den Bogen schnell rausgehabt, und eine ihrer ersten Eingaben in eine der frühen Suchmaschinen – Northern Light oder AltaVista – war der Name ihrer Krankheit gewesen. Sie war nach unten gestürmt (das heißt, wie ein Gummiball zwischen Wand und Treppengeländer hin und her gefedert) und hatte sich aus Rache und Empörung erst mal im großen Stil erbrochen. Nicht so sehr die Prognose hatte ihre Tochter so gekränkt als der Umstand, dass ihre Eltern sie ihr verschwiegen hatten. Sie war damals acht Jahre alt gewesen.
Jackson verzichtete an diesem Abend auf das übliche Theater. Eigentlich hätte er damit kommen müssen, dass ständig neue Therapien gegen die Symptome entwickelt würden und dass sie keine Ahnung hätten, wie lange Flicka leben werde. Er hätte ihr ins Gedächtnis rufen müssen, dass früher die meisten Kinder mit FD in ihrem Alter längst tot gewesen wären – als sie geboren wurde, hatte sie eine Lebenserwartung von etwa fünf Jahren gehabt –, aber heute würden manche bis zu dreißig Jahre alt. Immer wieder war in den Gruppensitzungen mit dieser letzten Zahl allen Ernstes geworben worden, wobei Flicka ganz genau wusste, dass man diese Firmenlüge nur genauer untersuchen musste, um festzustellen, dass fast alle vor ihrem dreißigsten Lebensjahr gestorben waren. Flicka wollte keine Cheerleader als Eltern, und er wollte auch kein Cheerleader sein.
»Sieh es doch einfach so«, sagte er leichthin. »Wenn deine Tage schon gezählt sind, solltest du wenigstens mitzählen können.«
»Ha ha. Übrigens, Mama hat dir Chorizo und Kichererbsenbrei übrig gelassen. Steht auf dem Herd.«
»Schmeckt’s denn?«, fragte er zerstreut und stocherte mit einer Gabel in der Pfanne.
Sie schnaubte. »Woher soll ich das wissen?«
Jackson löffelte sich ein wenig von dem roten Eintopf in ein Schälchen und schob es in die Mikrowelle. »Wie auch immer, Flicka, wir müssen dich zur Schule schicken. So ist das Gesetz.«
»Ich kann’s gar nicht glauben, dass ausgerechnet mein Vater mit Gesetzen kommt. Ich sag nur ›Willkürherrschaft‹. Wir könnten doch Heimunterricht machen.«
»Deine Mutter muss arbeiten, um deine Krankenversicherung zu bezahlen. Sie hätte gar nicht die Zeit dazu.«
»Sie würde ja so gut wie nichts machen müssen. Ich könnte rumhängen und lesen – an den Tagen, wo ich ausnahmsweise mal was sehen kann und nicht die ganze Zeit Tabletten zerstoße, schlucken übe, diese öde Krankengymnastik mache oder mir künstliche Tränen in die Augen reindingse.«
»Reindingse? Und du glaubst, du müsstest nicht zur Schule.«
»Muss ich auch nicht. Es ist total sinnlos, mich zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft zu erziehen, wenn ich’s kaum bis ins Erwachsenenalter schaffe. Ich muss nicht lernen, welche Ereignisse zum amerikanischen Bürgerkrieg geführt haben, und das weißt du auch. Was passiert denn mit diesen ganzen Fakten? Sie werden eingeäschert. Sie lösen sich wortwörtlich in Luft auf.«
Dass er Flicka die korrekte Verwendung von »wortwörtlich« beigebracht hatte, gab Jackson das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben. Schon eigenartig, wie es ihm gelungen war, ihren unbestimmbaren letalen Status von sich abzuwenden und als Abstraktion, als Stoff für entspanntes Vater-Tochter-Geplänkel zu betrachten – als ebenso theoretisch wie seinen eigenen Tod. Insofern war ihm die eigene Sterblichkeit zum Trost geworden. Sie saßen im selben Boot. »Findest du’s denn nicht schön, mit anderen Jugendlichen Freundschaft zu schließen?«
»Eigentlich nicht. Ich bin mehr so ihr Maskottchen. Wenn sie nett zu mir sind, haben sie ein gutes Gewissen. Sie können vor ihren Eltern angeben und auf tolerant machen, weil sie ein Mädchen mit nach Hause bringen, das läuft, als wenn es gleich von ’ner Mauer kippt. Dann sabber ich ihnen das Sofa voll, und die Eltern überlegen sich die Sache noch mal. Sie haben getan, was sie konnten. Und ich werd nie wieder eingeladen.«
Die Mikrowelle klingelte, und er setzte sich mit seinem Essen auf den Platz gegenüber. Er hatte es zu lange erhitzt, und die Chorizo war an den Rändern hart geworden. »Deine Lehrer und Mitschüler scheinen alle große Ehrfurcht vor dir zu haben.«
»Die Leute halten mich doch nur deswegen für so schlau, weil sie davon ausgehen, dass ich ein Idiot bin, wenn ich das erste Mal den Mund aufmache. Ich hör mich ja auch an wie ein Idiot. Wenn meine Stimme nicht so quäkig wäre und ich einen Busen hätte – auch wenn ich auf so was scheißen kann, Papa. Jetzt renn bitte nicht los und kauf mir einen Push-up oder irgendwas, weil ich nie einen Freund haben werde, selbst wenn mir irgendein Perverser gefallen würde. Ist aber nicht so. Alle finden es total erstaunlich, dass ich überhaupt einen vernünftigen Satz auf die Reihe kriege. Ich profitiere total von Stephen Hawking. Ich kann dir gar nicht sagen, Papa, wie oft ich schon gehört habe, dass ich mich genauso anhöre wie er. Als wäre das ein Kompliment! Der redet doch wie’n Vollpfosten.«
»Es gibt Schlimmeres«, sagte Jackson, pustete auf seine Gabel und entschuldigte sich insgeheim, selbst schon diese Parallele gezogen zu haben.
»Ich krieg bessere Noten, als ich’s verdiene. Meine Aufsätze sind zum Kotzen. Ich kann nicht tippen. Aber kein Lehrer traut sich, mich durchfallen zu lassen. Die haben alle Angst, dass sie verhaftet werden. Könnte ja nach Diskriminierung aussehen.«
Da ihre Aufsätze dazu tendierten, den überschwänglichen Anarchismus ihres Vaters nachzuahmen, wenn auch in kryptischer und oft beunruhigend parodistischer Form, war Jackson gekränkt. »Deine Aufsätze sind vielleicht kurz, aber sie sind origineller als die meisten Aufsätze deiner Mitschüler, das kann ich dir garantieren.«
»Schon möglich«, gab sie zu. »Nicht dass diese Grenzdebilen den Unterschied merken würden. Ich könnte den Text von ’ner Cornflakesschachtel abschreiben, und sie würden immer noch Oh und Ah rufen. Der ganze Lehrkörper an der Henry Howe hat Angst vor mir. Sie sind alle gewarnt worden, dass ich mich bloß nicht ›zu sehr aufregen‹ darf. Genau wie Mama, verstehst du. So seelenruhig und entspannt zu tun, wenn sie mir am liebsten eine runterhauen würde. Wer mich jemals bei ’nem Anfall erlebt hat, hat richtig Schiss. Wie in dieser Episode von Twilight Zone, wo der gruselige kleine Junge jeden, der ihm dumm kommt, in einen Kastenteufel verwandelt oder ins Maisfeld schickt. Niemand macht mich fertig, weil ich irgendwas nicht gelesen habe. Wenn ich die Hausaufgaben nicht mache, sagt kein Schwein was.« Flicka knüllte ihr Arbeitspapier zu einer losen Kugel zusammen und warf ihn in Richtung Mülleimer.
Sie traf daneben.
»So viel zu deiner Basketballkarriere«, sagte Jackson und hob das zerknüllte Papier vom Boden auf. Er spielte mit dem Gedanken, es auseinanderzufalten und zurück auf den Tisch zu legen, aber was würde das bringen? Er warf es in den Müll. Weil sie nun mal in allem recht hatte; sie war jetzt schon genial im Ausrechnen der Variablen, die für ihr Leben eine Rolle spielten. Andererseits, wenn er sie ohne ihre Mathehausaufgaben davonkommen und ihrem eigenen Vater ins Gesicht fluchen ließ, hieße das, dass sie so ziemlich mit allem anderen durchkäme. Er liebte sie, aber sie war einfach unausstehlich. Er liebte sie genau aus dem Grund, weil sie unausstehlich war, und das spornte sie dazu an, nur noch unausstehlicher zu sein.
Nichtsdestotrotz glaubte Jackson an Bildung, eben weil er während seiner eigenen Schulzeit nicht daran geglaubt hatte. Auf der Highschool hatte er seine Lehrer verachtet und war der Überzeugung gewesen, mehr zu wissen als sie, und erst Jahre später ging ihm auf, dass sie vielleicht doch in der Lage gewesen wären, ihm das eine oder andere beizubringen, als er noch jung und lernfähig war. Als Erwachsener hatte er versucht, sein irriges Gefühl der Überlegenheit wettzumachen, indem er sich jede Information einverleibte, die er zwischen die Finger bekam, doch es quälte ihn, dass er keinerlei Gerüst hatte; er war nicht in der Lage, diese Wundertüte in ordentliche kleine Fächer zu unterteilen, er konnte die vereinzelten Fakten nur planlos in einen mentalen Pappkarton werfen. Manches von dem, was er aus dem Internet gezogen hatte, war dubios, denn das Netz war wie die Bibel; wer lange genug darin herumwühlte, konnte zu jeder Meinung eine eiserne Gesinnungsgemeinschaft finden. Aufs College zu verzichten schien ausgebufft, damals, als Allrounder mit Aufträgen überschüttet wurde; Shep hatte ja schließlich auch keinen Abschluss gebraucht. Was man auf dem College lernte, war wahrscheinlich sowieso hauptsächlich Mist. Doch das war nur eine Ahnung, und wenn er tatsächlich studiert hätte, wüsste er, dass es hauptsächlich Mist war.
»Papa, heute in Chemie hatte ich einen Schwächeanfall, und ich durfte früher nach Hause!« Heather war in die Küche gestapft und steuerte direkt auf den Gefrierschrank zu, um sich ein Eis am Stiel zu holen. In den letzten paar Wochen hatte sie noch mal gut fünf Pfund zugelegt. Wie man’s machte, war es verkehrt. Durften sie alles, wurden sie fett. Setzte man sie auf Diät, entwickelten sie ein gestörtes Verhältnis zum Essen, aßen heimlich und wurden fett. Vielleicht konnten er und Carol schon von Glück reden, dass Heather zumindest nicht versuchte, ihre Schwester auch noch in puncto Magerkeit auszustechen, ein Wettbewerb, den sie wahrscheinlich nicht überlebt hätte.
»Aber jetzt ist wieder alles okay?«, fragte Jackson.
»Eigentlich nicht.« Heather schaute leidend. »Mir ist immer noch ein bisschen schwummrig.«
»Wenn du dich nicht gut fühlst, solltest du vielleicht lieber kein Eis essen.«
»Vielleicht hab ich Unterzuckerung. Kimberley muss die ganze Zeit süße Sachen essen, weil sie sonst in Ohnmacht fällt. Papa?« Heather krabbelte auf seinen Schoß. Als ihr Po mit voller Wucht auf ein gewisses Körperteil traf, durchzuckte ihn ein solcher Schmerz, dass ihm die Tränen in die Augen traten. Er versuchte, sie unauffällig zur Seite zu schieben. »Ich kann mich im Unterricht nicht konzentrieren, und ich muss die ganze Zeit zappeln. Vielleicht brauch ich ja eine höhere Dosis Cortomalaphrin.«
Herrgott, schon seit Monaten war sie versessen darauf, sich eine Lernschwäche attestieren zu lassen. Die Wahrheit sah so aus, dass Heather einfach nicht so gescheit war wie ihre ältere Schwester, und vielleicht stellte ja ein ganz normaler Durchschnitts-IQ auch schon eine Art Lernschwäche dar. Komisch, wenn man einfach nur dumm war, dann war man auf obskure Weise selbst schuld daran, aber sobald man »ADS« hatte, wurden die intellektuellen Defizite plötzlich zu einem einwandfrei medizinischen Problem. Es ergab eigentlich wenig Sinn, dass Kinder mit Lernschwäche bei standardisierten Tests so viel Zeit bekamen, wie sie wollten, während die hoffnungslos dummen Kinder beim Läuten abgeben mussten, wo doch beide Lager gleichermaßen Opfer ihrer Gene waren. Eigentlich hätten doch die dummen Kinder verdammt noch mal mehr Zeit bekommen müssen, denn ein Medikament, das einen klüger machte, war bisher noch nicht erfunden worden.
»Vielleicht«, sagte Jackson. »Aber meinst du nicht, dass du einfach nur besser aufpassen musst?«
»Kapier ich nicht.«
»Aufpassen ist nichts, was einem passiert. Man zwingt sich dazu. So wie du dich zwingen kannst, nicht zu zappeln.«
»Wie denn?«
Jackson wackelte mit dem Knie, auf das er sie geschoben hatte, und während sie durchgeschüttelt wurde, machte Heather ah-hah-ah-hah-ah und rief lachend: »Hör auf!«
»Ich zappele! Und wenn’s nach dir geht, kann ich nicht damit aufhören!« Vorsätzlich schüttelte er sie so lange durch, bis es ihr zu viel wurde, und erst dann pflanzte er seinen Fuß auf den Boden. »Siehst du. Mit dem Aufpassen ist es genauso. Die Lehrerin redet gerade über eine Geschichte, die ihr im Unterricht gelesen habt, und du hast angefangen, darüber nachzudenken, auf was für eine Sorte Eis du Lust hättest. Dann beschließt du, erst später über das Eis nachzudenken und erst mal über die Geschichte.«
»Glaub ich aber nicht, dass das so geht. Ich glaube, ich brauch mehr Cortamalaphrin.« Heather wand sich auf dem Schoß ihres Vaters und drehte den Kopf hin und her. »Iiih, hier stinkt’s!«, erklärte sie und rutschte von seinem Knie.
Ausnahmsweise war es ein Glück, dass Flicka keinen Geruchssinn hatte.
»Passt mal auf, ihr beiden«, sagte Jackson und angelte ein paar zusammengefaltete Ausdrucke aus seiner Jackentasche. »Wie wär’s mit einem Spiel.«
»Wir können kein Spiel spielen«, sagte Heather. »Wir haben keinen Computer in der Küche.«
»Für dieses Spiel braucht man keinen Computer. Es ist ein Denkspiel. Ein Freund von mir hat mir eine Schulprüfung aus dem Jahr 1895 gemailt. Wisst ihr, wann das war?«
Ratlos verzog Heather das Gesicht. »In der guten alten Zeit?«
Selbst hinter den dicken Gläsern war zu erkennen, wie Flicka die Augen verdrehte. »Man sollte meinen, dass eine Fünftklässlerin in der Lage sein sollte, ohne Taschenrechner 2005 minus 1895 zu rechnen.«
»Gut, Flicka, wenn du jetzt so hart ins Gericht gehst mit deiner Schwester, dann wollen wir doch mal sehen, wie gut du bei einem Test abschneidest, der für ganze zwei Stufen tiefer konzipiert ist.«
»Drei Stufen«, widersprach Flicka verächtlich. »Wenn ich nicht ständig ins Krankenhaus müsste, wär ich schon in der Elften.«
»Dann eben drei Stufen. Jetzt passt auf, im Jahr 1895 musste jeder Schüler diese Prüfung bestehen, um in Salina, Kansas, in die neunte Klasse zu kommen. Was irgendwo in der Pampa liegt. Am Arsch der Welt. Und wir leben in New York, dem Zentrum des Universums, und wir sollten doch eigentlich viel intelligenter und kultivierter sein als diese Hinterwäldler im mittleren Westen, stimmt’s?«
»Stimmt!«, sagte Heather.
»Und wir leben im Zeitalter der Technik und so weiter, also müssten wir doch eigentlich viel mehr wissen als die Leute damals vor über hundert Jahren, stimmt’s?«
»Stimmt!«, sagte Heather. Flicka besaß keinerlei Teamgeist und weigerte sich mitzuspielen. Außerdem roch sie den Braten und blickte misstrauisch auf das Blatt Papier in der Hand ihres Vaters.
»Fangen wir mal mit der ersten Frage an, total einfach: ›Nenne neun Regeln für die Verwendung von Großbuchstaben.‹«
»Meinen Namen, meinen Namen!«, rief Heather.
»Sehr gut. Eine Regel. Wie lauten die anderen acht?« Flicka haderte sichtlich mit sich. Da die meisten Leute tatsächlich bei der ersten Begegnung mit ihr annahmen, sie sei »lernbehindert«, ließ sie kaum eine Gelegenheit aus, das Gegenteil unter Beweis zu stellen.
Sie zuckte mit den Schultern. »Länder. Städte. Bundesstaaten.«
»Gut. Aber ich wette, unsere Freunde in Salina, Kansas, würden dafür plädieren, dass Ortsnamen nur als eine Regel zählen.«
»Herr und Frau und so was«, sagte Flicka. »Satzanfänge.«
»Super«, sagte Jackson und kam sich ausnahmsweise wie ein echter Vater vor. »Das wären schon vier Regeln. Jetzt brauchen wir nur noch fünf.«
»Wenn man in einer E-Mail richtig wütend ist!«, sagte Heather.
»Stimmt, aber 1895 gab’s noch kein E-Mail, also würde ich sagen, das zählt nicht.«
»Titel von Büchern und Filmen«, sagte Flicka. »Organisationen, wie PETA.«
»Hervorragend. Noch drei Regeln.«
Schweigen. »Mir ist langweilig.«
»Dir ist nicht langweilig, Flicka, du bist einfach nur mit deinem Latein am Ende.«
Zugegeben, ihre Augen mussten bei Gelegenheit nachbenetzt werden, aber dass es gerade jetzt sein musste, sah nach Berechnung aus.
»Gut, dann nehmen wir eine andere Frage«, sagte Jackson. »Nenne die Wortarten, und definiere solche, die keiner Modifikation unterliegen.«
»Was ist denn schon wieder ’ne Modifikation, verdammte Scheiße?«
»Zügle deine Zunge«, sagte er, der vollendete Papa. »Und fragt nicht mich, ich stelle nur die Fragen. Könnt ihr denn wenigstens die Wortarten benennen?«
»Lange und kurze Wörter?«, sagte Heather.
Flicka verengte die Augen. »Ist das so was wie Hauptwörter und Tuwörter?«
»Substantive und Verben. Du willst mir doch nicht erzählen, dass ihr in der zehnten Klasse immer noch Haupt- und Tuwörter dazu sagt.«
»Doch, will ich. Und ich kann nichts dafür«, sagte Flicka.
»Nein, das stimmt. Aber ich zahle Steuern bis zum Abwinken, damit ihr Mädchen was lernt, und derart bescheuerte Ausdrücke will ich nicht hören.«
»Ich hab dir doch vorhin schon gesagt, ich sollte diesen ganzen Scheiß nicht lernen müssen. Die Leute verschwenden nur ihre Zeit, und meine auch.«
»Das Schulsystem zielt nicht auf Schüler ab, die wahrscheinlich noch vor ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr tot sind«, sagte er schroff. Das hätte er nicht sagen dürfen, aber Flicka stellte sich auf so grausame Weise ihrer tödlichen Krankheit, dass er manchmal den Fehler beging, im Gegenzug genauso grausam zu sein. Wichtiger noch, die Schmerzen in seinem Schritt waren inzwischen fast ununterbrochen zu spüren, wodurch sein Geduldsfaden dünner und sein Urteilsvermögen geschwächt war. Er versuchte das Heft wieder in die Hand zu bekommen.
»Dann wollen wir mal zum Matheteil übergehen«, schlug er vor. »Ein Karren ist zwei Fuß tief, zehn Fuß lang und drei Fuß breit. Wie viele Scheffel Weizen kann er fassen?«
Flicka verschränkte die Arme. »Du weißt doch, dass ich scheiße bin in Mathe.«
»Wie wär’s dann mit Erdkunde? ›Nenne alle Republiken Europas und die jeweils dazugehörige Hauptstadt.‹«
»Okay, Papa, ich hab’s verstanden. Wir sind alle Vollidioten, und in der ›guten alten Zeit‹ waren alle Genies. Aber du weißt die Antworten doch genauso wenig.«
Er lachte und wollte gerade zugeben, dass er tatsächlich nicht in der Lage wäre, mehr als zwei bis drei Fragen der fünfstündigen Prüfung zu beantworten, als Carol eiligen Schrittes die Küche betrat. »Warum willst du deinen Kindern unbedingt das Gefühl vermitteln, sie seien dumm?«
»Das will ich nicht! Ich will ihnen das Gefühl geben, sie seien ungebildet, und das sind zwei Paar Schuhe.«
»Ich möchte wetten, dass sie den Unterschied nicht verstehen.« Carol riss ihm das Blatt aus den Händen. »Was ist das? ›Der Bezirk Nummer dreiunddreißig hat ein Wertgutachten von 35 000 Dollar. Wie hoch ist die Gebühr, um sieben Monate lang bei 50 Dollar pro Monat plus 104 Dollar Nebenkosten eine Schule zu führen?‹ In der achten Klasse? Da will dich jemand auf den Arm nehmen, Jackson. Heather, Zeit zum Zähneputzen.«
»Das ist kein Witz. Das war eine echte Prüfung.«
»Ach ja, und woher weißt du das?«, sagte Carol. »Glaubst du immer alles, was in deiner AOL-Inbox landet und deinem Unmut Vorschub leistet?«
»Wir zahlen gutes Geld, damit unsere Kinder was lernen. Stattdessen werden sie so verhätschelt, dass Heather nicht mal mehr vernünftige Zensuren bekommt. Was lesen wir auf ihrem Zeugnis? ›Gleichbleibende Leistungen‹, ›meist zufriedenstellend‹ oder ›macht das und das mit Unterstützung des Lehrers‹. Es gibt kein ›mangelhaft‹, ›weigert sich‹ oder ›macht’s zwar, kommt aber nur Mist dabei raus‹. Und du hast diesen Newsletter doch gesehen: Lehrer dürfen jetzt keinen Rotstift mehr benutzen. Rot sei zu ›konfliktträchtig‹ und ›drohend‹, also werden ihre Tests jetzt in ›beruhigendem‹ Grün korrigiert. Um die Lernatmosphäre ›angenehmer‹ zu gestalten, haben sie jetzt das Klingelzeichen zwischen den Stunden abgeschafft. Wenn das so weitergeht, wird Heather groß und bekommt einen Job, und wenn ihr Chef dann zum ersten Mal zu ihr sagt: ›Sie sind zu spät‹, oder wenn er ein minimales Problem damit hat, sie für eine Arbeit zu bezahlen, die sie nicht gemacht hat, weil sie keine Lust dazu hatte, dann springt sie von der nächsten Brücke.«
»Nur weil deine eigene Schulzeit grausam war und die Schüler gegeneinander ausgespielt wurden«, sagte Carol, »heißt das noch lange nicht, dass deine Töchter die gleichen Methoden öffentlicher Demütigung ertragen müssen.«
Carols hektische Bewegungen waren der einzige Indikator, dass sie wütend war. Sie knallte die Teller zwar nicht gerade in den Geschirrspüler, aber er merkte an der kontrollierten Entschlossenheit, mit der sie sie in ihre Fächer stellte, dass sie sie am liebsten gegen die Wand gepfeffert hätte.
»Übrigens, deine Chorizo-Kichererbsen waren hervorragend.«
»Versuch jetzt bloß nicht, mir Honig um den Bart zu schmieren. Flicka, bist du fertig mit deinen Mathehausaufgaben?«
Dass bei ihrer Mutter die »Ich muss keine Hausaufgaben machen, weil ich ja sowieso bald sterben muss«-Nummer nicht zog, war ihrer älteren Tochter klar. »Hab ich … schon fertig«, sagte sie vage. Zum Glück für Flicka hatte ihre Mutter gerade andere Dinge im Kopf.
»Wie geht’s Glynis?«, fragte Carol schroff, als wäre ihr die Antwort egal.
»Minimal besser. Etwas nervös, weil sie eigentlich noch im Krankenhaus hätte bleiben sollen, aber die Krankenversicherung nicht mehr zahlen wollte. Du musst es doch eigentlich wissen, du hast sie doch gestern noch besucht.«
»Sie hat immer noch Schmerzen. Ich glaube ja wirklich, dass sie sie zu früh nach Hause geschickt haben. Vermutlich hast du sie mit deinen reaktionären rechtslastigen politischen Ansichten behelligt.«
»Meine Ansichten sind nicht rechtslastig. Und es würde mich wundern, wenn sich Glynis durch mich ›behelligt‹ fühlen würde. Sie ist wahnsinnig wütend, und sie hat gern jemand um sich herum, der genauso wütend ist.«
»Jackson, du weißt ganz genau, dass das unangemessen ist.«
Jackson hasste das Wort unangemessen, das in der heutigen Zeit von verkniffenen Obertussen inflationär benutzt wurde, um andere dazu zu bringen, sich schmutzig zu fühlen und sich zu schämen. Man wollte am liebsten gleich nachgucken, ob man auch ja keine Bremsspuren in der Unterhose hatte. Das Wort hatte etwas absichtlich Verschwommenes, als wäre das, was man falsch machte, zu ekelhaft, um beim Namen genannt zu werden. Und es verlieh dem Normativen eine moralische Qualität. Der ständige Rückgriff auf das Unangemessene legte eine dünne fortschrittliche Lasur auf das, was eigentlich nichts anderes als altbackener Konformismus war.
Mit verächtlicher und demonstrativer Effizienz wischte Carol mit dem Schwamm über die Arbeitsflächen, als wollte sie sagen, er hätte wenigstens die Küche aufräumen können, statt die Zeit der Kinder mit einer offensichtlich fingierten Prüfung für Achtklässler zu verschwenden. Ihr Unmut war aufgesetzt, denn sie schäumte offenkundig vor Wut und war eigentlich dankbar, dass sie etwas zu tun hatte. Ohne Wäschewaschen, Rechnungen bezahlen, ein schwitzendes, näselndes Kind, das beständig rehydriert oder in Frischhaltefolie gewickelt werden musste, wäre Carol durchgedreht. Sosehr sie die häuslichen Pflichten als Zumutung empfinden mochte, so abhängig war sie doch von ihrem unablässigen, fieberhaften Aktionismus, denn die lebenswichtige Fähigkeit, auch mal gar nichts zu tun, war ihr längst abhanden gekommen. Carols Geschäftigkeit ähnelte dem vollen Terminkalender von Glynis’ Mutter, nur dass Hetty zumindest auf der Jagd nach Selbstverwirklichung war; Carol rackerte sich immer nur für andere ab. Dieser zwanghafte Altruismus sah nach Selbstverleugnung aus, war aber noch viel unheimlicher. Sie hatte nicht mehr die geringste Ahnung, was sie für sich selbst wollen könnte; was brachte sie also schon für ein Opfer? Dass sie über die Jahre auf heimtückische Weise ihre persönliche Freude durch Tugendhaftigkeit ersetzt hatte, machte ihn traurig.
Klappernd verteilte Carol die üblichen Pillen. Nachdem Heather mit Nachdruck ins Bett geschickt worden war, saß Flicka noch am Tisch und nahm sich absichtlich Zeit mit dem Zerstampfen ihrer Medikamente. Das Mädchen war unverbesserlich neugierig und spürte, dass irgendetwas in der Luft lag. Ihre Mutter hätte Flicka liebend gern enttäuscht, konnte sich aber irgendwann nicht mehr zurückhalten. Während sie sich mit einem kleinen Besen auf die Suche nach verirrten Kichererbsen machte, murmelte Carol hartherzig in Jacksons Richtung: »Dann freust du dich ja jetzt bestimmt.«
»Zufällig hab ich mal keine schlechte Laune«, sagte er. Er hatte die Füße auf dem Stuhl neben sich aufgestützt und war beim zweiten Bier, und er rückte sich diskret zurecht, indem er eine Hand in die Hosentasche schob. »Aber ich hab den Eindruck, du meinst was Spezielles.«
»Du hast die Nachrichten gesehen?«
»Ach das.« Er war erleichtert. Natürlich würde Carol nicht auf andere Dinge anspielen, solange Flicka dabei war. Dennoch hatte jedes Thema, das bei ihnen auf den Tisch kam, eine verborgene Qualität, und er war selbst über eine derart ermüdende Zerstreuung dankbar, ebenso wie Carol dankbar war, den Boden fegen zu können. »Warum sollte ich mich darüber ›freuen‹, dass Terri Schiavo gestorben ist?«
Nachdem sämtliche rechtlichen Möglichkeiten von den Schwiegereltern ausgeschöpft worden waren, hatte man ihr auf Anraten des Ehemannes zwei Wochen zuvor die Magensonde entfernt. Die arme Frau aus Florida hatte weitaus länger durchgehalten, als ihre Ärzte gedacht hatten.
»Tja, diese ganzen unnötigen Ausgaben«, sagte Carol. »Du und Shep müsstet euch doch freuen wie die Schneekönige. Jetzt können wir ihren Tropf und einen Satz frischer Bettwäsche nach Afrika schicken.«
»Irgendwie bin ich schon erleichtert, dass sie von ihrem Leiden erlöst wurde«, sagte Jackson vorsichtig.
»Aber wenn’s nach dir geht, hat sie doch ohnehin nichts mehr mitbekommen. Deiner Ansicht nach hat sie nicht mal mehr existiert. Wieso hätte sie also leiden sollen?«
»Schatz, ich hab keine Ahnung, warum dir an dieser Geschichte so viel liegt. Du kanntest sie nicht; sie war nicht deine beste Freundin. Es gab nur ein paar Fotos, die uns einen Eindruck davon vermittelt haben, wie sie vielleicht gewesen sein könnte, als sie noch ein Mensch war.«
»Sie war immer noch ein Mensch: Genau darum geht es doch! Und sie wurde ermordet! Man hätte ihr genauso gut eine Kugel in den Kopf jagen können.«
»Aber ich hab sie nicht umgebracht. Wieso bist du wütend auf mich?«
»Du hast sie sehr wohl umgebracht. Deine Einstellung hat sie umgebracht. Oh, guck mal, die Frau ist nicht mehr hübsch und unterhaltsam, also Stecker raus! Wen würdest du denn noch gern entsorgen, wenn wir schon dabei sind? Wer ist denn sonst noch zu teuer oder zu unpraktisch? Alte Leute? Oder Menschen mit Downsyndrom? Würdest du die auch in die Gaskammer schicken, nur weil sie deine Achtklässlerprüfung nicht bestehen? Du stehst da auf sehr dünnem Boden!«
»Wir leben nun mal auf dünnem Boden«, sagte Jackson, »ob’s dir passt oder nicht. Ja, wir bringen andere Leute um. Wir geben Serienmördern tödliche Injektionen, und wir mähen die Taliban in Afghanistan nieder –«
»Nicht, wenn ich ein Wörtchen mitzureden hätte«, sagte Carol. Sie biss sich auf die Zunge und warf einen bestürzten Blick auf Flicka. Es war zu spät, sie aus dem Raum zu scheuchen.
»Ich bin jedenfalls froh, dass sie tot ist«, sagte Flicka.
»Flicka, so etwas darfst du nicht sagen. Niemals. Egal, über wen. Das ist hässlich.«
»Was ist denn daran so hässlich? Terri Schiavo war hirntot und hat keinem was genützt. Sie war total dick und schwabbelte die ganze Zeit nur im Bett rum.«
»Jetzt sollen also die Dicken dran glauben, ja?«
»Ich wette, wenn die Tante gewusst hätte, dass sie sich in so ’ne Tonne verwandeln würde, hätte sie selbst den Stecker gezogen. Die hatte nämlich total Bulimie und so Zeug.«
»Es steht uns nicht zu, ein Urteil darüber zu fällen, was ›gutes‹ und ›schlechtes‹ Leben ist«, sagte Carol, »oder was jemandem lieber wäre, wenn er nicht mehr für sich selbst sprechen kann. Ein Menschenleben ist heilig, Süße. Egal, in welcher Form. Vergiss das nicht.«
»Ich seh überhaupt nicht ein, was so verdammt heilig daran sein soll«, sagte Flicka stur. »Sich den Stress zu machen, weil Terri Schiavo den Löffel abgibt, ist doch genauso, als würde man auf einen Käfer treten und dann heulen.«
Flicka wollte ihre Mutter provozieren, sie aus der Fassung bringen; sie und Shep hätten beide gern gesehen, wie ihre Mutter die Beherrschung verlor.
»Und du?«, fragte Carol mit kalter Stimme. »Stell dir vor, dich würde jemand als Käfer bezeichnen.«
Auch wenn sie wusste, dass es verboten war, setzte Flicka ihre Brille ab und rieb sich das Auge. »Genau so komm ich mir ja wirklich manchmal vor. Ich seh einfach nicht ein, warum das Leben immer so toll sein soll. Ich find’s zum Kotzen. Ich kann’s nicht ausstehen. Geschenkt! Terri Schiavo hat’s gut.«
Wenn Flicka nicht FD gehabt hätte, hätte Carol ihr eine gelangt. Aber Flicka hatte FD.
»Am Leben zu sein ist ziemlich wunderbar im Vergleich zu allem anderen«, sagte Jackson.
»Woher willst du das wissen?«, fragte Flicka. »Für mich hört sich ›alles andere‹ großartig an.«
»Süße, du bist müde«, sagte Carol. »Wir bringen dich ins Bett.«
»Stimmt, ich bin müde«, sagte sie undeutlich. »Ich bin müde und hab’s satt, diesen ganzen Mist. Juckende Augen unter Frischhaltefolie wie das Essen von gestern im Kühlschrank. In der Schule nie mal über den Flur gehen zu können, ohne diese bescheuerte Krankenschwester an der Backe –«
»Hör mal, wir haben lange und hart mit dem Bildungsausschuss verhan –«
»Ich weiß, wir hatten ›großes Glück‹, dass sie die Kosten übernommen haben, aber wie soll ich denn so Leute kennenlernen? Laura ist immer da. Ständig rückt sie mir auf die Pelle. Die hat voll Schiss, dass ich stolpere und an irgendwas ersticke und dass sie dann verklagt wird. Ständig heißt es »Süße« und »mein Täubchen«, ich hasse das. Und ich hab keinen Bock mehr, mit diesem Puls-Oximeter am Finger zu schlafen. Mit diesem bescheuerten Gepiepse. Und mit dem Signal das ganze Haus aufzuwecken. Meistens hab ich eh nichts, und der Apparat ist einfach nur im Arsch.«
»Pass auf«, sagte Jackson. »Wir haben dir doch schon tausendmal gesagt –«
»Ich weiß, dass ihr mir ›gern meinen Beutel füllt‹. Aber ich will nicht, dass ihr das macht! Ich will, dass wenigstens irgendjemand durchschlafen kann. Ihr seid jahrelang mitten in der Nacht nach oben getorkelt, weil das Kind wieder ’ne Dose Compleat braucht. Ich bin wie ’ne alte Schrottkarre, die ständig Öl verliert. Ich hab’s einfach satt. Ist doch alles scheiße.«
»Klar ist es das!«, rief Jackson munter, packte Flicka unter den Armen und riss sie in die Luft; sie war so klein und leicht, dass man schnell vergessen konnte, dass sie sechzehn Jahre alt war. »Aber es ist alles, was wir haben. Du und Heather, ihr seid alles, was wir haben. Also sei lieb und halte durch, ja?«
Manchmal vergaß Flicka selbst, dass sie sechzehn Jahre alt war, und sie schmiegte sich an die Schulter ihres Vaters und ließ sich nach oben tragen.
»ICH HALTE DAS nicht aus, wenn sie so redet«, sagte Carol beim Zubettgehen. »Ich weiß ja, sie meint es nicht so, und es liegt wahrscheinlich am Klonopin und Depakote. Bei beiden steht unter den Nebeneffekten auch ›Selbstmordgedanken‹. Sie weiß also eigentlich gar nicht, was sie da sagt, aber es macht mir trotzdem Angst.«
»Vielleicht weiß sie es genauer, als du denkst.«
»Dann ist sie grausam. Als wäre das nötig, uns die ganze Zeit an ihre Verzweiflung zu erinnern. Sie benutzt ihre Krankheit, um uns zu provozieren.«
»Was denn sonst? Man nimmt halt das, was man zur Hand hat.« Als Carol ihren BH öffnete, spürte Jackson eine Regung, gefolgt von einem stechenden Schmerz.
»Was riecht denn da so?«
Jackson schnupperte. »Ich riech nichts.«
»Das stört mich schon den ganzen Abend. In der Küche, da zog es die ganze Zeit durch. Ich hab schon gedacht, vielleicht ist irgendwas in der Speisekammer schlecht geworden, aber jetzt ist es auch hier oben.«
»Ach so«, sagte er verlegen. »Ich hab gerade ein bisschen Probleme mit dem Darm. Liegt vielleicht an den Kichererbsen.«
»Ich weiß, wie ein Furz riecht, Jackson. Es riecht nicht nach Methan; es riecht verfault. Nach verdorbenem Fleisch.«
Er zuckte mit den Achseln. »Du hast immer schon die feinere Nase gehabt. Ich riech’s einfach nicht.«
»Meinst du vielleicht, unterm Haus liegt ein totes Tier? Eine Ratte kann’s wohl nicht sein. Eher eine Katze oder ein Waschbär. Wenn das nicht aufhört, wirst du dich wohl mal auf die Suche machen müssen.«
»Ein Handwerker im Haus muss sich ja irgendwie auszahlen. Solche vergnüglichen Aufträge kriegen wir bei Allrounder jeden Tag rein.« Nachdem er sein Hemd auf den Stuhl geworfen hatte, schlenderte Jackson in seiner Hose ins Bad.
»Jetzt machst du das schon wieder«, sagte Carol.
Jackson sprach laut, um das Plätschern zu übertönen; der abgewürgte Urinstrahl schoss ungleichmäßig in die Schüssel, und es brannte. »Was mach ich schon wieder?«
»Du machst schon wieder beim Pinkeln die Tür zu. Das geht jetzt seit Wochen so. Seit wann bist du so schüchtern? Ich hab dich doch schon tausendmal pinkeln sehen.«
Letzte Woche hatte Carol ins Badezimmer kommen wollen, und er hatte die Tür abgeschlossen gehabt. Das kam nicht gut an – sie dachte, er habe den Verstand verloren –, und er hatte sich eine lächerliche Ausrede ausgedacht, dass er es gewohnt sei, im Büro abzuschließen und einfach in Gedanken gewesen sei; dankbarerweise hatte sie ihn weder darauf hingewiesen, dass Urinale üblicherweise keine Türen haben, noch hatte sie ihn gefragt, weshalb er sich im Büro darauf verlegt habe, zum Pinkeln in die einzige Kabine der Männertoilette zu gehen. Nach diesem Zwischenfall noch einmal die Badezimmertür abzuschließen hätte deutlich mehr Verdacht erregt, als es die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen wert waren. Heute konnte sie also unangekündigt ihren Kopf durch die Tür stecken. »Ach, komm«, sagte sie. »Du weißt doch, ich mag das ein bisschen.«
Er unterbrach die Übung, und noch bevor er die letzten Tropfen abdrücken konnte, stopfte er sich zurück in die Hose und tröpfelte hinter dem Hosenschlitz weiter. »Zu spät! Der Kick muss warten.«
Es war nicht der einzige Kick, der in letzter Zeit hatte warten müssen. »Ich wüsste, wie du’s wiedergutmachen könntest.« Carol umarmte ihn von hinten, die warmen nackten Brüste an seinem Rücken. Großer Gott, er hätte die Sache längst enthüllen wollen, und der »ansteckende Ausschlag« hatte sein Mindesthaltbarkeitsdatum allmählich überschritten; bald würde Carol misstrauisch werden.
Trotzdem plante er, sich noch ein bis zwei Abende durchzumogeln, ähnlich wie sich bei einer vermeintlich leeren Zahnpastatube erstaunlich viel herausquetschen ließ. »Würde ich ja gerne, Schatz«, sagte er, während er mit der Sicherheitsnadel an seinen Boxershorts kämpfte. »Aber du weißt doch, was der Arzt wegen dieser Hautgeschichte gesagt hat. Glaub mir, diesen Mist willst du nicht auch haben.«
Carol erstarrte und ließ die Arme sinken. Als er sie auf dem Weg ins Schlafzimmer streifte, zogen sich seine Gedärme zusammen. Irgendwann musste man sich eingestehen, dass die Tube Colgate leer war.
»Hautausschläge sind normalerweise nicht ansteckend.«
»Dieser schon. Genau wie Fußpilz.« Er versuchte, ein wenig beleidigt zu klingen.
»Ich habe den Namen deiner Krankheit gegoogelt. Kein Eintrag.«
»Wie gesagt«, sagte er und nahm die Armbanduhr ab, wobei er seiner Frau den Rücken zukehrte, »sie ist sehr selten.«
»Es ist so gut wie unmöglich, irgendein medizinisches Problem nicht irgendwo im Internet zu finden, selbst wenn es nur fünf Leute haben.«
»Vielleicht hast du’s falsch geschrieben.«
»Genitalcortamachriase, richtig? (Zugegeben, der Name seiner apokryphen Skrofulose erinnerte sehr stark an Heathers Cortomalaphrin, aber er war unter Zeitdruck entstanden. »So viele plausible Schreibweisen gibt es nicht. Ich habe alle ausprobiert.«
»Klingt ja ganz so, als würde IBM dich fürs Surfen bezahlen!«
Ihr war nicht nach scherzen zumute. »Das erklärt noch immer nicht, warum ich’s mir nicht mal ansehen darf. So schlimm kann dieser Ausschlag doch gar nicht sein. Und wenn er so schlimm ist, dann muss ich ihn wirklich sehen. Dieser Teil deines Körpers gehört teilweise auch mir.«
»Ein Mann hat nun mal seinen Stolz.« Jackson schlüpfte aus seiner Hose, wobei er darauf achtete, die Boxershorts nicht mit auszuziehen. Sie hatten mehr als genug Waschgänge hinter sich, und der Gummizug war ausgeleiert. »Die Salbe scheint zu wirken, aber sie braucht länger, als ich gedacht hätte.«
»Welche Salbe?«
»Na, die Salbe! Großer Gott, wieso werde ich hier ins Verhör genommen, wenn ich die ganze Zeit nur an dein Wohl denke?« Da er Angriff für die beste Verteidigung hielt – ihrer Verwirrung also am besten mit Zorn zu begegnen war –, warf Jackson demonstrativ die Arme in die Luft. »Denkst du, ich schlafe gern in Unterwäsche neben deinem nackten Körper? Denkst du, ich will auf Sex verzichten? Deine Gesundheit liegt mir am Herzen, mehr nicht, und übrigens ist das auch für mich ein Opfer –«
Das Herumgefuchtel hatte seinen Preis. Während er mit erhobenen Armen dastand, griff Carol zu und zog ihm die Boxershorts bis unter die Kniekehlen. Sie taumelte zurück, und dann stieß sie einen Schrei aus.
Sie war nicht zartbesaitet; Carol mit ihrem kühlen Temperament war grundsätzlich sehr viel eher dafür geschaffen, in einem unausgebauten Keller mit einer Taschenlampe nach einem verwesenden Waschbären zu suchen als ihr Mann. Tatsache war, dass er sie wahrscheinlich noch nie hatte schreien hören. Es machte ihm Angst. Ihre entsetzte Miene brachte ihn immerhin dazu, seinen Penis selbst zum ersten Mal mit der nötigen Objektivität in Augenschein zu nehmen.
Er hatte die falsche Farbe. Er war rot, aber nicht das pralle Kirschrot, das er bisweilen in seiner athletischen Pubertät angenommen hatte. Er hatte den lilafarbenen Grundton von roher Leber.
Die Nähte über seinen Eiern wuchsen langsam wieder zusammen. Das Fleisch quoll darunter hervor. Glitzernder gelber Eiter sickerte zwischen den Fäden hindurch. Befreit aus den Boxershorts stieg der Geruch noch penetranter herauf. Auch wenn einem die Absonderungen des eigenen Körpers meist weniger schlimm vorkommen, wurde bei diesem Gestank selbst Jackson blümerant. Das Tier aus dem Keller war nach oben gekrochen.
Aber das Schlimmste war die Form. Es sah nicht aus wie ein Schwanz.
Der Phalluskult seiner Altersgenossen hatte ihn eigentlich nie überzeugt. Als er etwa acht Jahre alt war, hatte ihn ein kleines Mädchen beim Pinkeln im Gebüsch überrascht und mit ähnlich reflexhaftem Entsetzen aufgeschrien wie Carol gerade. Vermutlich hatte das Mädchen noch nie zuvor einen Penis gesehen, und sie zeigte sich wenig beeindruckt. »Iiih, eklig, was ist das denn?«, hatte sie gerufen und war davongelaufen. Und dann war da dieses andere Erlebnis beim Sportunterricht in der Schule gewesen. Er war gerade erst in die Pubertät gekommen; er kam aus der Dusche, er fror. Dennoch hatte ihn der Spott eines viel größeren Mitschülers tief getroffen: Möhrchen mit zwei Bohnen! Danach hatten ihn die Jungen immer nur den »Vegetarier« genannt, ein Begriff, dessen unschuldiger Klang sie vor Strafe geschützt hatte. Seit Jackson denken konnte, hatte er sein Glied auf subtile Weise als Fremdkörper empfunden, als das andere, das in der Lage war, Verrat an ihm zu begehen. Vielleicht hatte er deswegen damit herumexperimentieren können, weil er das Anhängsel nie wirklich als Teil seines Körpers begriffen hatte.
Das Experiment war jedenfalls missglückt. Womöglich hatte er nie ganz nachvollziehen können, was Frauen an einem Penis attraktiv fanden – mit seiner schrumpeligen, viel zu dünnen Haut, dem schwabbeligen, schlackernden und haarigen Hodensack und dem kleinen Hütchen am Ende. Im Ruhezustand wirkte er verängstigt und deprimiert; aufrecht wirkte er dreist und doch unsicher, spielte sich auf und versuchte das Augenmerk auf sich zu ziehen. Carols Begeisterung für das Teil war ihm nie ganz geheuer gewesen; aufgrund der ihr eigenen Freundlichkeit war auf ihr Urteil kein Verlass. Doch selbst Carols Nächstenliebe hatte ihre Grenzen – im Moment gab sie sich keinerlei Mühe, ihren Ekel zu verbergen, ähnlich wie seine eigene Unzufriedenheit mit dem normal proportionierten Phallus ihre Grenzen hatte. Mit anderen Worten: Die unkorrigierte Fassung war immer noch um Längen besser gewesen als das.
Der klumpige Schlauch zwischen seinen Beinen erinnerte jetzt an die Tiere, die auf Kindergeburtstagen von bezahlten Animateuren hastig aus Luftballons zusammengeschraubt werden. Während der Schaft üblicherweise am unteren Ende immer dicker wurde, befand sich bei ihm jetzt hier die schmalste Stelle, denn das auspolsternde Kollagen war nach unten gesackt und hing wulstartig über der Eichel. Sein Schwanz hatte Rettungsringe. Auch der Gewebefüller hatte sich asymmetrisch verteilt; die Wulst war auf der rechten Seite dicker als auf der linken. Überragt von dem, was jetzt eher wie ein dritter Hoden herabhing, wirkte die Eichel kleiner und trauriger, eher wie ein Lutschbonbon. Und der Schaft saß zu weit unten. Das Durchtrennen der Bänder, die sonst ungenutzt in seinem Becken verstaut gewesen waren, hätte eigentlich zu vollen drei Zentimetern Länge führen sollen; jetzt schien ihm der Schwanz direkt aus den Eiern zu wachsen. Das seltsame Gebaumel störte das ästhetische Empfinden wie eine schmuddelige Kinderzeichnung an der Wand einer Männertoilette. Eine derart entzündete, aufgedunsene und eiternde Extremität war genau das, was ein Kriegsarzt im Feldlazarett auf der Stelle abgesägt hätte.
»Was hast du bloß getan?«, sagte Carol, als sie wieder zu Atem gekommen war.
»Mama?«, piepste jemand hinter der Schlafzimmertür. »Was ist denn?«
»Heather, Liebling, geh zurück ins Bett. Mami hat nur was gesehen und sich erschrocken. Eine Maus.«
»Ich hab aber Angst vor Mäusen. Die kommt in mein Bett und beißt mich!«
»Nein, Schatz, diese Maus wird niemanden beißen, nicht dich und definitiv nicht deine Mutter. Es war nicht mal eine Maus, haben wir gerade festgestellt. Sondern ein Strumpf. Ein zusammengerollter, stinkiger Strumpf, der nichts anrichten kann, überhaupt gar nichts. Ich wollte dich nicht erschrecken, tut mir leid. Jetzt leg dich wieder schlafen.«
Die Boxershorts in seinen Kniekehlen hatten seine Schmach nur verschlimmert, also hatte Jackson Heathers Klopfen an der Tür genutzt, um sie ganz abzustreifen. Mit hängenden Schultern saß er auf der Bettkante, die Hände vor dem Schritt verschränkt.
»Ich will die Kinder nicht noch mal wecken«, sagte Carol in angestrengtem Flüsterton. »Aber lass dir gesagt sein, egal, wie leise ich heute Abend spreche, eigentlich schreie ich die ganze Zeit.«
Als sie sich ihren Morgenmantel schnappte und ihn mit einem Doppelknoten zuschnürte, erkannte Jackson, dass er die Boxershorts wieder hätte hochziehen müssen, als er noch die Chance dazu gehabt hatte. Jetzt saß er da, klar im Nachteil. Er war dazu verdammt, diese Diskussion splitterfasernackt zu führen. Sich wieder anzuziehen hätte bedeutet, die Beweise zu unterschlagen – ähnlich wie ein Ladendieb, der beim Klauen erwischt wurde und den Schokoriegel zurück in die Tasche schob. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zum letzten Mal so sehr wie ein kleiner Junge gefühlt hatte.
»Gehe ich recht in der Annahme, dass du dir das selbst angetan hast? Dass du das hast machen lassen? Dass du nicht bei der Arbeit mit dem Penis in eine Mangel geraten bist und einfach nur vergessen hast zu erwähnen, dass du einen Unfall hattest?«
Die Wortwahl war kalt: Gehe ich recht in der Annahme. Niemals hätte sie früher den Begriff Penis verwendet. Sie war nicht prüde, und ihr gefiel das Wort Schwanz mit seiner einsilbigen Wucht. Aber genau das war es, was er da gerade zwischen den Beinen hatte, einen Penis – mit seinem jämmerlichen Tonfall, seinem weichen, tief liegenden n, dem zusammengezuckten, eingezogenen Zischlaut. »Ich dachte –«
»Du hast dich einer dieser bescheuerten Operationen unterzogen, stimmt’s?«
»Wir kriegen immer diese ganze Spam, und …«
»Penisvergrößerungen sind der Grund, warum der liebe Gott die Delete-Taste erfunden hat. Du willst mir doch nicht erzählen, du hast dir im Internet irgendeinen Kurpfuscher gesucht?«
»Nein! Ich hab mich überweisen lassen. Trotzdem hab ich gedacht, die schalten doch nicht so viele Anzeigen, wenn sie nicht … Anscheinend machen das total viele Leute.«
»Total viele Leute werden heroinsüchtig. Total viele Leute nehmen sich das Leben. Total viele Leute fahren zu schnell und knallen gegen einen Betonpfeiler. Das heißt doch nicht, dass du das auch machen musst.«
»Carol, wenn wir jetzt schon dabei sind, es bringt wirklich nichts, wenn du mich jetzt wie einen kleinen Jungen behandelst. Offenbar ist bei dem Eingriff irgendwas schiefgelaufen.«
»Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Wie konntest du bloß so etwas tun, ohne erst mit mir darüber zu reden?«
»Ich wollte dich überraschen«, sagte er betrübt.
»Na, herzlichen Glückwunsch. Die Überraschung ist dir gelungen. Ich bin fassungslos. Du, der große Desperado. Du, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht, der immer seine Meinung sagt, der sich nicht an der Nase herumführen lässt von der Regierung, anders als wir restlichen Idioten. Wie konntest du nur so … einfallslos sein?«
»Ich hab mich dieser Operation nicht unterzogen, um originell zu sein. Nur weil ich eine feste politische Meinung habe, heißt das nicht, dass ich mich nicht auch als Mann messen können will – im wörtlichen Sinne.«
»Hat das, was du mit dir da unten machst, nicht auch etwas mit mir zu tun?«
»Doch, klar, sicher. Aber du hättest Nein gesagt. Bei dir hätte es keine Diskussion gegeben, du hättest einfach nur dein Veto eingelegt. Und wenn du sagst, dass mein Schwanz auch dir gehört, ist das irgendwie lieb, aber er gehört nun mal nicht dir. Ich leihe ihn dir nur, und ich tu’s mit größtem Vergnügen. Aber es ist und bleibt mein Schwanz.«
»Jetzt ja! Und zwar zu einhundert Prozent. Viel Spaß damit.«
»Ich dachte, es würde dir gefallen, wenn du das Ergebnis gesehen hättest. Und du weißt ja selbst, früher haben wir’s ständig gemacht … bis Flicka kam.«
»Wenn ich die Ein-Uhr-Fütterung übernehmen muss und du die Vier-Uhr-Fütterung, und das jede Nacht? Es ist höchstens eine Frage der Erschöpfung gewesen, nicht der Lustlosigkeit.«
»Ja, aber als Flicka dieses Jahr anfing, sich selbst zu füttern, haben wir’s auch nicht mehr gemacht … Wir haben die Frequenz nicht erhöht, oder? Ist doch so.«
»Sex ist eine Gewohnheit wie alles andere auch. Eine Gewohnheit, die man ablegen kann. Und so viel hat sich nicht verändert; wenn’s nicht die Fütterungen sind, dann ist es was anderes, und wir sind immer noch erschöpft. Aber darum geht’s doch gar nicht. Wenn du mehr Sex hättest haben wollen, hättest du’s nur sagen müssen.«
»Ich hab’s als kleine Starthilfe gesehen. Ich dachte, dass es dich anmachen würde. Dass er sich besser anfühlen würde. Für dich.«
»Du hast das also für mich gemacht? Das glaub ich dir keine Sekunde.«
»Okay, klar dachte ich, ich würde mich ebenfalls besser fühlen. Er kam mir halt immer –, na ja, ein bisschen klein vor, das ist alles. So im Vergleich. Ich glaube, Frauen verstehen so was nicht. So wie ich nicht verstehe, dass du dich dick fühlst, wenn du deine Tage hast, wo ich überhaupt keinen Unterschied sehe.«
Sie zwang ihn, ihrem Blick zu begegnen. »Klein im Vergleich zu wem?«
Er blickte zornig. »Zu anderen halt!«
»Ach ja.« Sie starrte ihn an, bis er die Augen abwandte und sich dabei etwas einzugestehen schien. »Sag mir bitte«, bedrängte sie ihn, »habe ich mich jemals beschwert?«
»Nein, aber das hättest du sowieso nie getan. Du bist einfach viel zu nett.«
»Ich habe es nie getan, weil ich nie ein Problem damit hatte. Dafür haben wir jetzt eins.«
»Das krieg ich schon wieder hin«, sagte er beharrlich, wobei die Behauptung einen unglaubwürdigen Beiklang hatte, der ihm bekannt vorkam; wie so viele der Mitarbeiter bei Allrounder kam er in seinem eigenen Zuhause als allerletztes dazu, einen Zugschalter zu reparieren oder ein Handtuchregal wieder festzuschrauben.
»Dir ist klar, dass das eine Schönheitsoperation ist und dass unsere Versicherung so etwas nicht übernimmt. Wo wir mit Eigenanteil und Zusatzzahlungen schon genug zu zahlen haben und uns allein Flickas Compleat einen Tausender im Monat kostet.«
»Ich werd das Geld schon irgendwie auftreiben«, sagte er mürrisch. »Ich kann bei Allrounder immer unter der Hand ein paar Jobs abgreifen.«
»Aber damit betrügst du Shep.«
»Nein, damit würde ich Pogatchnik betrügen. Ich hab zu Sheps Zeiten nie einen Job unterschlagen. Pogatchnik um seine Kohle zu prellen wäre mir dagegen eine Freude.«
»Wie viel hat das Ganze denn gekostet?«
Er zuckte mit den Achseln. »Ein paar Tausend.«
»Wie viel?«
Carol konnte jederzeit online die aktuellen Kosten nachprüfen, und wenn er log, würde sie genau das tun. Und wenn sie erst mal anfing herumzuschnüffeln, käme sie auch dahinter, dass man Länge und Umfang eigentlich nicht gleichzeitig machen lassen sollte; da er entschlossen gewesen war, sich schnell und heimlich den Eingriffen zu unterziehen, hatte er darauf bestanden, das Ganze in einem Aufwasch zu erledigen. Vielleicht hätte er stutzig werden sollen, als der Arzt gegen einen Aufpreis nachgab. »Mmm … sieben oder acht.«
»Achttausend Dollar! Mein Gott, woher hattest du das Geld?«
Normale Männer, echte Männer, hatten den Geldhahn ihrer Familie unter Kontrolle – im Burdina-Haushalt aber herrschte Carol über jedes Zehn-Cent-Stück. »Beim Hunderennen«, sagte er kleinlaut.
»Du hast mir versprochen, dass du aufhören würdest zu spielen!«
»Sieh mal, die Chancen, dass sich dieses elende Gen über den distalen Arm des neunten Chromosoms unserer beider Familien durch alle Generationen hindurch bis zu Flicka fortgepflanzt hat, müssen zehntausend zu eins gestanden haben! Da werd ich ja wohl aus meinem Naturtalent beim Glücksspiel ein bisschen Profit schlagen dürfen.«
»Ich fass es nicht, dass ich dieses Desaster irgendeinem armseligen Windhund zu verdanken habe, der zufällig einen guten Tag hatte. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich dem blöden Köter ein Brett über den Schädel schlagen.«
»Ich hab seitdem nicht mehr gewettet. Ehrenwort.«
Natürlich war diese Version der Ereignisse vollkommener Humbug, doch diese Geschichte war ein Geständnis zu seinen Ungunsten, weswegen sie ihm glaubte. In Wahrheit hatte er sich endlich ein eigenes Konto zugelegt – war das so empörend, dass ein vierundvierzigjähriger Mann sein eigenes Bankkonto hatte? –, auf dem Jackson die Trinkgelder und Erträge der durchaus nicht hypothetischen Jobs deponierte, die er seit Jahren bei Pogatchnik absahnte. Er hatte nebenbei nicht genug Kapital angehäuft, um mehr als das monatliche Minimum der Kreditkarten zu bezahlen, von denen Carol ebenfalls nichts wusste, ebensowenig wie von der Visakarte, zu deren Lasten 8700 Dollar zur Zerstörung seines Lebens gegangen waren. Carol machte sich immerzu Sorgen und wollte unbedingt die Hypothek abbezahlen, die sie aufgenommen hatten, um für Flickas Skolioseoperation aufzukommen und für alles, was dazukam. Er hatte keine Freude an der finanziellen Heimlichtuerei, betrachtete sie aber als edelmütiges Opfer zum Schutz des bisschen Seelenfriedens, das seiner Frau geblieben war.
Mit geschlossenen Augen rieb sich Carol übers Gesicht und atmete in ihre Hände. Während sie sich sammelte, fragte er sich, ob er jetzt davon ausgehen konnte, dass sie aufgehört hatte zu schreien.
»Tut das weh?«, fragte sie schließlich. »Es sieht aus, als würde es wehtun.«
»Ja, es tut weh.«
»Sehr?«
»Sehr.«
»Lass mich mal einen Blick drauf werfen.« Sie berührte seinen Oberschenkel, und aus ihrer sanfteren Miene schloss er, dass keine Gefahr drohte. Er zog die Hände zurück und öffnete die Knie. Sie hockte sich vor seinen Schwanz und griff vorsichtig nach dem Schaft, ähnlich wie man im Tierheim mit einem verängstigten Hund Kontakt aufnimmt, der von seinem früheren Herrn halb zu Tode geprügelt worden war. Als sie ihn erst zur einen, dann zur anderen Seite bewegte, zuckte er zusammen. »Welcher Pfuscher war das?«
»Den Namen hab ich von meinem Cousin Larry, als wir im letzten Sommer mal ein Bier trinken waren. Larry meinte, der Arzt wäre ein ›echter Künstler auf dem Gebiet‹, und seine Freundin hätte sich nicht mehr eingekriegt bei dem Ergebnis. Den von Larry hat er viel größer gemacht – oder ›noch größer‹, wie er sagte. Mann, Larry hat das einfach so erzählt, nicht so verdruckst und verschämt. ›Das ist man sich schuldig‹, hat er gesagt. Der war so gut auf diesen Typen zu sprechen, dass er sogar noch mal hin wollte, um sich die nächstgrößere Größe machen zu lassen.«
Sie verdrehte die Augen. »Als könnte man sich einen Penis bestellen wie ein Paar Schuhe. Hast du dir das Ergebnis von Larrys Operation denn angesehen?«
»Natürlich nicht! Du fragst doch keinen Kerl, ob er mal eben seinen Schwanz rausholt, wenn man zusammen in einer Bar sitzt. So ’ne Bar war das nicht.«
Behutsam berührte Carol mit der Handfläche die Nähte. »Fühlt sich heiß an. Funktioniert er denn noch?«
»Irgendwie schon. Ich hab noch nicht sehr viel damit experimentiert. Tut zu sehr weh.«
»Er ist so geschwollen, dass man schwer sagen kann, wie er aussehen wird, wenn die Schwellung zurückgeht. Aber er ist total entzündet. Am Ende holst du dir noch eine Blutvergiftung. Hast du Antibiotika genommen?«
»Eine Packung. Aber damit bin ich durch. Ich hab Bacitracin draufgetan.«
Sie berührte seine Wange, und er roch die Infektion an ihren Fingern. »Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen.«
Jackson sah weg. »Ist mir zu peinlich.«
»Immer noch besser als eine Blutvergiftung. Und wenn du wartest, bis es noch schlimmer wird, fällt er dir am Ende noch ab. Ehrlich, wenn die Kinder nicht wären, würde ich jetzt sofort mit dir in die New-York-Methodist fahren. Morgen nimmst du dir frei, und sobald die beiden in der Schule sind, fahren wir in die Notaufnahme. Ich komme mit. Auch wenn du’s eigentlich nicht verdient hast.«
»Carol, es ist mir total wichtig, dass niemand was davon erfährt, okay? Bitte erzähl es nicht weiter. Wenn sich das bei Allrounder rumspricht, kann ich einpacken.«
»Weiß Shep davon?«
»Nein! Shep darf das auf keinen Fall wissen.«
»Es ist mir ein Rätsel, was Männer unter einem ›besten Freund‹ verstehen. Was hat man davon?«
»Versprich’s mir einfach.«
»Ich werde wohl kaum an die große Glocke hängen, was für einen Vollidioten ich geheiratet habe. Außerdem bist du doch derjenige, der nie die Klappe halten kann. Du hast schließlich gegen Sheps Willen der ganzen Belegschaft von Glynis erzählt.«
»Es war nur zu seinem Besten. Die haben ihn ständig wegen Pemba aufgezogen, und Pogatchnik hat dann wirklich eine Weile auf Mitleid gemacht, und Shep hatte das Arschloch vom Hals.« Ihre Vorwürfe kümmerten ihn nicht; er war froh über jedes andere Thema als seinen Penis. Nachdem sie sich die Zähne geputzt hatten, zog Carol ihren Morgenmantel aus und schlüpfte nackt unter die Bettdecke.
»Jetzt, wo du’s weißt«, sagte er und dachte dabei, dass es gar nicht so leicht war, etwas Gutes in der Sache zu sehen, »muss ich wenigstens nicht mehr in meinen Boxershorts schlafen.«
Carol wandte sich von ihm ab und schaltete das Licht aus. »Eigentlich wär’s mir lieber, Schatz, du würdest sie wieder anziehen.«