Kapitel 11

Shepherd Armstrong Knacker
Merrill Lynch Konto-Nr. 934 – 23F917
01. 06. 2005 – 30. 06. 2005
Gesamtnettowert des Portfolios: $ 452 198,43

Als er Glynis mal wieder zur Columbia-Presbyterian-Klinik fuhr, war Shep in der Verlegenheit, für seine Gefühle eine Analogie finden zu müssen, die nicht ans Lächerliche grenzte. War es wie damals, als er den Briefumschlag mit den Ergebnissen seines Hochschul-Zulassungstests geöffnet hatte? Oder war es wie im April nach dem Verkauf der eigenen Firma, als er Daves Bürotür öffnete und im nächsten Moment erfahren würde, wie viel von der Million er nun dem Finanzamt schuldete?

Nein, für die Fahrt zur Klinik, um die Ergebnisse von Glynis’ erster Computertomografie seit Beginn der Chemotherapie einzuholen, gab es keinen Vergleich. Sie redeten nicht. Geredet hatten sie schon. Nichts, was sie hätten reden können, würde sich auf die schrumpfenden oder sich ausdehnenden Schatten auf ihren Dias auswirken. Sie konnten zu diesem Urteil nichts beitragen. Das war eines der Probleme mit dem Vergleich mit schulischen Prüfungsergebnissen, die Aufschluss darüber gaben, ob man gut oder schlecht abgeschnitten hatte; deren Resultat hatte man selbst bestimmt. Sheps Vater mochte seinen Sohn als fremdartigen Philister betrachtet haben, doch immerhin hatte er seinem Erstgeborenen das Bedürfnis mitgeben können, ein guter Mensch zu sein, Gutes zu tun und gut in etwas zu sein. Doch ob es Glynis gutginge, hing nicht davon ab, ob er oder sie gut in etwas gewesen waren. Da Shep selbst bei bescheidenen Unterfangen wie dem Einbau eines neuen Badezimmerwaschtischs immer höchste Maßstäbe anlegte, war er bestürzt angesichts einer so lebenswichtigen Angelegenheit, die nun einzig und allein in der Hand des Schicksals lag. Seine Angst ähnelte also am ehesten dem Gefühl, das Jackson haben musste, wenn er eine beträchtliche Summe auf einen Windhund gesetzt hatte und der Startschuss fiel.

Um auf andere Gedanken zu kommen, dachte Shep über Dr. Goldman nach. Der Internist war energisch und aggressiv, ein auf grobschlächtige Weise gut aussehender Mann, der mit seinen eins neunzig wirklich groß war. Er war nicht fett, aber eine füllige Bauchgegend entlarvte ihn als Lebemann. Gewiss war er einem Teller Schweinerippchen oder einem doppelten Scotch nicht abgeneigt und hielt sich offenbar nicht an seinen eigenen Rat, wie etwa Dr. Knox – der fit, schlank und fünfzehn Jahre jünger war und nach konventionellen Maßstäben weitaus besser aussah. Warum also war Philip Goldman der attraktivere Mann? Sein breites Gesicht war flach gedrückt, und seine kleinen Augen standen zu dicht beieinander. Und doch bewegte er sich mit Elan und Selbstüberzeugung, durchmaß die Flure mit ähnlich hungrigen Schritten, mit denen er zweifellos seine Mahlzeiten verschlang. Er bewegte sich wie ein Mann, der zum Sterben gut aussah, und erweckte damit die Illusion, tatsächlich einer zu sein. Sein Reiz war kinetisch und würde sich niemals auf eine Fotografie übertragen lassen. Eine verliebte Freundin würde wahrscheinlich voller Stolz ihrer Vertrauten einen Schnappschuss von ihm zeigen, und die Freundin würde insgeheim den Kopf schütteln und sich verwirrt fragen, was die arme Frau an diesem biederen Trampel nur finden konnte.

Ehrlich gesagt war Shep ein wenig eifersüchtig. Nicht nur, dass der Doktor gebildeter, erfolgreicher und reicher war. Zwischen dem Arzt und seiner Patientin herrschte zudem eine Vertrautheit, der Shep selbst nach sechsundzwanzig Ehejahren nichts entgegenzusetzen hatte. Er wusste nicht, wie man die kritiklose Hingabe seiner Frau zu ihrem Arzt sonst hätte nennen sollen, wenn nicht Liebe. Dr. Knox hatte Glynis lediglich vertraut, was schon untypisch genug gewesen war; an Dr. Goldman dagegen glaubte sie, und das mit einer ans Erotische grenzenden Inbrunst. Wenn ihr Mann sie zum Essen ermahnte, wehrte sie sich mit Händen und Füßen. Doch als Ende Mai Dr. Goldman sie zum Essen drängte, setzte es sich Glynis regelrecht zur Aufgabe, zuzunehmen, und bat frohgemut um ihr Lieblingsgericht. Was immer für ihre volleren Wangen sorgte, hätte ihm eigentlich recht sein sollen, dennoch störte sich Shep dran.

Auf dem Weg aus der Parkgarage zu Goldmans Büro im siebenten Stock hielten sich Shep und Glynis schweigend an den Händen, wobei Shep mit der freien Hand den Wagen verriegelte und die Fahrstuhlknöpfe drückte. Bevor er ängstlich an der Tür klopfte, hielt er inne, um mit seiner Frau einen Blick auszutauschen. Es war ein Blick, wie ihn Angeklagte und Ehemann austauschen, während die Jury den Gerichtssaal betritt. Glynis war unschuldig, aber dieser Richter war unberechenbar.

Schwungvoll ging die Tür auf. »Mr und Mrs Knacker, bitte, kommen Sie rein!«

Shep warf einen einzigen Bick auf Goldmans strahlendes Gesicht und dachte: Nicht schuldig.

»Gut sehen Sie aus!«, rief Goldman, schüttelte Shep die Hand und legte ihm herzlich die andere Handfläche auf den Unterarm. (Shep sah nicht gut aus. Nachdem er monatelang die kalorienreichen Reste seiner Frau vertilgt hatte, ähnelte er Goldman von Tag zu Tag mehr, nur dass er einige Zentimeter kleiner und mit keinem solch poetischen Bewegungszauber ausgestattet war.) Als Goldman und Glynis sich begrüßten – »Und Sie sehen sehr gut aus!« –, war ihre drahtige Hand dem Griff des hochgewachsenen Doktors ebenbürtig. Es mochte sein, dass sie ihr Talent nie genutzt hatte, doch selbst das sporadische Feilen, Sägen und Polieren hatten einen eisernen Handgriff erzeugt, wie ihn Shep sonst noch bei keiner Frau erlebt hatte.

Sie setzten sich vor den Schreibtisch. Shep war froh über den Stuhl. Er fühlte sich wacklig auf den Beinen. Sternchen wirbelten durch sein Blickfeld, als wäre das Büro voller Fliegen. Er betete, dass Goldman nicht zu den Leuten gehörte, die durchwachsene Resultate aufzurunden und in glühende Worte zu packen pflegten.

Der Dokor ließ sich auf seinen Platz fallen, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und kippelte in seinem beweglichen Sessel nach hinten, wobei er einen Ziegenlederschuh auf den Schreibtischrand stützte. Sein weißer Kittel stand offen, sein Hemd war zerknittert, sein Haar zerzaust; er war ein bisschen schlampig. Doch als Spezialist, dessen Patienten aus Neuseeland und Korea eingeflogen kamen, konnte er es sich leisten, ungepflegt zu wirken. »So, liebe Kinder, ich habe umwerfende Neuigkeiten!«

Shep ließ vor Erleichterung die Schultern sinken. Der Internist war Wissenschaftler, kein Autoverkäufer, und naturgemäß konnte er bei einer Klapperkiste nicht einfach den Kilometerzähler zurückdrehen.

»Das Böse weicht zurück vor der mächtigen Hand des Guten«, fuhr Goldman freudig fort. »Ich weiß, Alimta ist kein Spaß, Mrs Knacker, und Sie waren eine wahre Heldin!« (Der beliebte Begriff wahre Heldin war offenbar die medizinische Formel für reißt den Arzt nicht mitten in der Nacht aus dem Schlaf, wenn sie unter Nebenwirkungen leidet, über die sie das Klinikpersonal im Vorfeld aufgeklärt hat.) »Aber es hat sich gelohnt. Ich will ehrlich sein: Diese eine biphasische Stelle erweist sich als hartnäckig. Aber bisher ist sie auch nicht größer geworden, das heißt, wir haben das Wachstum stoppen können. Die anderen beiden Stellen sind deutlich kleiner geworden. Wir konnten auch keine Metastasierung entdecken.«

Shep legte Glynis die Hand in den Nacken und küsste ihr segnend die Stirn. Sie drückten einander die Hände und überboten sich gegenseitig mit Begeisterungsrufen: »Das ist ja wunderbar! Das ist großartig! Wir sind ja so dankbar!«

Goldman schob eine CD in seinen Computer und führte ihnen diverse Querschnitte von Glynis’ Organen vor, die an die Tranchen einer feinen Wildpastete in einem Nobelrestaurant erinnerten. Shep machte sich Vorwürfe, dass er jemals Böses über Philip Goldman gedacht hatte. Vielleicht sah der Kerl ja wirklich gut aus. Shep war keine Frau, wie hätte er das also beurteilen können? Und wenn Glynis an ihren Doktor »glaubte«, war ihr Glaube am richtigen Platz.

Mit seinen Zweifeln, seinem religiösen Skeptizismus kam sich Shep nun seicht und zynisch vor, wie ein Verräter. Er fragte sich, ob er die ganze Zeit vielleicht auf dem Holzweg gewesen war. Er hatte keinen Sinn für diese neumodische »negative Energie«, die man angeblich ausstrahlte – zumindest glaubte er, keinen Sinn dafür zu haben. Allerdings hatte er ganz bestimmt auch keinen positiven atmosphärische Beitrag zu ihrer Genesung geleistet (oder durfte man es wagen, schon jetzt von »Heilung« zu sprechen?). Da der Internist mehr Erlösung versprach als Gabe Knackers Presbyterianismus oder Debs beknackte Wiedergeborenensekte in Tuscon, war es an der Zeit, sich bekehren zu lassen und ein treues, zahlungskräftiges Mitglied der Philip-Goldman-Kirche zu werden.

Seinem neuen Glauben entsprechend blickte Shep den Doktor mit frischer Anerkennung an. Dessen selbstsichere Gesten zeugten davon, dass dieser Mann es gewohnt war, vor einem hingerissenen Fachpublikum Vorträge zu halten. Artikel in The Lancet zu publizieren und die Forschungsergebnisse geringerer Autoren zur Prüfung zugesandt zu bekommen. Von Sterbenden womöglich unter Tränen bekniet zu werden, ihren Fall zu übernehmen. Dennoch wirkte er nicht wichtigtuerisch; das heißt, er machte nicht etwa deshalb so viel Wind, weil er eine betrügerische Seite seiner Person überspielen musste. Nein, Goldman wirkte einfach an sich wichtig.

Der Doktor wies auf den Kontrast zwischen Glynis’ vorhergehender und neuester Computertomografie hin. Für das ungeschulte Auge wirkten die Unterschiede deprimierend gering; es kostete Shep einige Mühe, umzukehren, seinen bisherigen Agnostizismus abzulegen und sich auf dieses Spiel einzulassen. Fortwährend verwendete Goldman die umfassende erste Person Plural: Wir haben dies geschrumpft, wir haben das geschrumpft. Das Pronomen war allzu großzügig gewählt. Wie Goldman genau wusste, hatten wir überhaupt nichts getan.

Glynis war Goldmans Vehikel seiner eigenen Seligsprechung. Indem er das Böse in ihr zähmte, freute er sich vermutlich für sie; zweifellos aber freute er sich vor allem für sich selbst. Glynis war eher Projekt denn Person, ein Werkzeug zur Beförderung der galoppierenden Ambitionen dieses Arztes, und zwar nicht nur, um Gutes zu tun, sondern auch, um selbst erfolgreich zu sein.

Shep hätte nicht genau sagen können, was an diesem Prinzip nicht stimmte. Wenn es einen Verfechter gesunden Eigennutzes gab, dann ihn. Dass Goldman das Überleben seiner Patientin mit einer persönlichen Eroberung gleichsetzte, war auch in Glynis’ Interesse. Sie brauchte nicht noch jemanden, der ihr alles Gute wünschte, sagte sich Shep, nicht noch einen Freund. Sie brauchte einen fähigen, technisch versierten Experten, der nach bestem Können seinen Job erledigte. Und aus welchem Grund dieser Mann sich dann maximal ins Zeug legte, blieb ihm überlassen. Insofern ließ sich vielleicht auch umgekehrt deuten, wer hier von wem profitierte. Er und Glynis machten sich Goldmans Ego zunutze, und von dieser Warte aus wirkte das Szenario absolut erfreulich.

»Da es funktioniert«, sagte der Doktor zusammenfassend, »und Sie die Medikamente offenbar überdurchschnittlich gut vertragen, sollten wir erst mal damit fortfahren, den Krebs mit Alimta zu beschießen – mit dem ›Lift nach Manhattan‹.« Als der Arzt Glynis ein verschwörerisches Lächeln zuwarf, nahm Shep sich tapfer zusammen, um nicht gekränkt zu sein, weil sie Goldman in ihren privaten Witz eingeweiht hatte. »Ihr Blutbild macht mir noch ein bisschen Sorgen. Aber uns stehen noch genügend andere Optionen zur Verfügung, falls die Verträglichkeit von Alimta nachlassen sollte oder wir damit nicht weiterkommen.« Er leierte eine Liste von Ersatzmedikamenten herunter, um sich anschließend nach den gegenwärtigen Nebenwirkungen zu erkundigen. Glynis spielte ihre Beschwerden herunter.

ES WAR SOMMER. Zum ersten Mal in diesem Jahr fühlte es sich nach Sommer an, und das herrliche Wetter wirkte nicht wie der blanke Hohn. An den langen Juliabenden tauchte die Sonne den Hudson in orangerotes Licht. Shep lenkte den Wagen mit Schwung und richtete die Zukunft neu aus. Vielleicht käme sie ja doch durch. Vielleicht musste er doch nicht allein nach Pemba. Vielleicht bliebe ja doch noch genügend auf dem Merrill Lynch Konto übrig, wenn nicht für das entspannte, luxuriöse Zweitleben, das er geplant hatte, dann doch genügend, um über die Runden zu kommen: um für einen Spottpreis ein Häuschen zu kaufen und Papayas zu essen. Vielleicht würde er sie noch mal zum Mitkommen überzeugen müssen, aber vielleicht würde diese Erfahrung sie verändert haben, ihr die kurze Zeit vor Augen führen, die selbst denjenigen nur blieb, die nicht krebskrank waren. Vielleicht würde er ja doch noch bei Kerzenschein Königsmakrele für zwei Personen bestellen können.

»Hättest du nicht Lust, essen zu gehen?«, schlug er vor. »Das wäre dann wirklich mal ein Lift nach Manhattan.«

»Schon etwas riskant, bei den vielen fremden Bazillen …«, sagte Glynis. »Aber was soll’s. Lass uns feiern. Am liebsten würde ich zu Japonica, aber Sushi würde vermutlich den Bogen überspannen.«

Oftmals fiel Shep unter Druck kein vernünftiges Restaurant ein, und sie landeten am Ende in irgendeinem vielbeworbenen Touristenlokal wie Fiorello’s. Doch an diesem Abend war das Glück ihm hold. »City Crab?«

»Perfekt!«

Auf der George Washington Bridge waren soeben die Lichter angegangen, und die Brücke glitzerte wie eine Krone auf dem Kopf des Papstes. Aufgrund von Instandsetzungsarbeiten war der Abschnitt auf der Manhattan-Seite über Jahre hinweg unbeleuchtet gewesen, und nur eine einzige helle Spitze auf der New-Jersey-Seite hatte über der Flussmitte in der Dunkelheit gehangen; der windschiefe Effekt war irritierend fürs Auge gewesen. An diesem Abend strahlte endlich die gesamte Brücke wieder von Ufer zu Ufer in hellem Licht. Die erneuerte Symmetrie schien eine Bedeutung zu haben. Ein Rhythmus, ein Gleichgewicht war wiederhergestellt worden.

In der Öffentlichkeit zu sein war jetzt etwas Neues. Der Abend begann ein wenig holprig, als sie bemerkten, dass ein Gast in der Nähe hustete, und darauf bestanden, an einen anderen Tisch gesetzt zu werden. Als die Bedienung verärgert reagierte, zog Glynis ihren Trumpf aus dem Ärmel: »Mein Immunsystem ist geschwächt. Ich habe Krebs.« Nachdem sie daraufhin hastig an einem Tisch im Obergeschoss platziert worden waren, brachte die Bedienung einen Amuse-Bouche aufs Haus mitsamt einer Entschuldigung. Als das Mädchen weg war, murmelte Glynis: »Wenn das Mesotheliom schon für sonst nichts gut ist.«

Glynis hatte kein explizites Alkoholverbot, und Shep warf einen Blick auf die Weinkarte. Champagner war für ihn nur eine bessere Limonade, und Glynis würde kaum mehr als ein Glas trinken. Dennoch wählte er einen teuren Veuve Clicquot. Vermutlich kaufte er wie die meisten Leute die Idee von Champagner.

»Auf deine Gesundheit«, sagte er und prostete ihr zu, um erfreut festzustellen, dass im gedimmten Licht die von der Chemo verfärbte Haut seiner Frau fast als Bräune durchgehen konnte. Sie sah reizend aus unter ihrem cremefarbenen Satinturban, der derart gut zu ihrem länglichen, scharf konturierten Gesicht passte, dass Außenstehende durchaus hätten annehmen können, dass das Tuch um ihren Kopf ein Modestatement sei.

»Was ich dir schon die ganze Zeit sagen wollte«, sagte Glynis und machte sich über ihre Krabbenküchlein her. »Gerade kommen mir wahnsinnig viele Ideen für neue Besteckprojekte. Eben im Auto zum Beispiel. Ich habe ein Bild vor Augen von einem Salatbesteck, zwei ineinander ruhende Löffel – der eine größer und dicker, und der andere dünner und sehniger, beide unterschiedlich, aber perfekt ineinandergefügt. Geschmiedet, nicht gegossen, alles mit einer leichten Kurve … Schwer zu erklären.«

Es war ein romantisches Bild. »Wenn du wieder anfängst zu arbeiten«, schlug er schüchtern vor, »wie wär’s denn mal wieder mit einem Springbrunnen? Mit mir zusammen. Nicht wie die verrückten Dinger, die ich so allein zusammenhaue, sondern was mit Stil, wie der Hochzeitsbrunnen. Wir haben ja seitdem nichts mehr zusammen gemacht.«

»Hmm … vielleicht für den Esstisch? Das könnte lustig werden. Das ist eine tolle Idee. Ich will nämlich unbedingt die verlorene Zeit aufholen.«

In Wahrheit beinhaltete ihre »verlorene Zeit« in Bezug aufs Kunstschmieden nicht nur die letzten sechs Monate, sondern den Großteil ihres verheirateten Lebens. Shep verlieh dieser indiskreten Beobachtung nur dadurch Ausdruck, dass er bedauernd feststellte: »Ich wünschte, du hättest nicht so viele Nachmittage mit Schokohasen verschwendet.«

»Genau das soll sich jetzt ja ändern.«

»Du hast deine Zeit mit Schokohasen verschwendet, um mir zu beweisen, dass du deine Zeit nicht mit Schokohasen verschwenden solltest.«

»So lässt sich das ungefähr zusammenfassen. Oder anders. Ich wollte dir zeigen, dass deine Verärgerung darüber, dass ich nicht sehr viel Geld nach Hause bringe, nichts war im Vergleich zu meiner Verärgerung darüber, dass ich zum Geldverdienen gezwungen wurde.«

»Ich hab dich nie dazu gezwungen, und ich war auch nie verärgert, dass du’s nicht getan hast.«

»So ein Schwachsinn.«

»Erzähl doch noch ein bisschen. Von deinen Besteckideen.«

»Also Themawechsel.«

»Ja.« Während er eine Riesengarnele in die Cocktailsauce tauchte, wagte Shep einen Gedanken, vor dem er sie seit Monaten bewahrt hatte. Ihre Zerbrechlichkeit war rein körperlich. Vielleicht brauchte er sie ja nicht auch noch in jeder anderen Hinsicht mit Samthandschuhen anzufassen. »Hättest du an meiner Stelle gearbeitet, um mich und die ganze Familie zu unterstützen, während ich zu Hause geblieben wäre, um meiner Leidenschaft nachzugehen? Zimmerspringbrunnen bauen, zum Beispiel? Gern? Ohne Widerworte?«

»Meine Arbeit war dir immer ein Dorn im Auge.«

»Du weichst mir aus. Die Frage war, hättest du’s getan?«

»Ganz ehrlich? Nein. Ich würde dich nicht unterstützen, während du Zimmerspringbrunnen baust. Frauen … Na ja, wir sind anders erzogen.«

»Ist das gerecht?«

»Gerecht?« Sie lachte. »Wer redet denn hier von gerecht? Natürlich ist das nicht gerecht!«

Glynis war so gut in Form, dass Shep hätte heulen können. Sie aß die Krabbenküchlein; sie aß ihre Seezunge mit Zitrone. Sie aß die Petersilienkartoffeln und zwei Scheiben Brot. Sie erwähnte gar nicht weiter, dass sie mit ihrem abgestumpften Gaumen nicht sonderlich viel mitbekam von dem edlen Fischgericht. Stattdessen ertränkte sie beide Gänge in Tabasco, damit sie wenigstens nach irgendetwas schmeckten, abgesehen von dem widerwärtigen Nickelgeschmack, der alles durchdrang, von den Krabben bis zum Kuss. Alle Gesprächsbarrieren schienen an diesem Abend zu fallen, und endlich tauschten sie sich darüber aus, dass sich Amelia ganz schön rar gemacht hatte. Ein einziges Mal in diesem Frühjahr war ihre Tochter nach Elmsford gekommen und hatte sich schon nach einer Stunde wieder verabschiedet, um ihre Mutter nicht zu sehr zu »strapazieren«.

»Ich stehe ihr zu nahe«, spekulierte Glynis. »Sie sieht mich an und sieht sich selbst als Krebskranke, und es ist ihr unerträglich.«

»Aber sie ist nicht diejenige, die Krebs hat«, sagte Shep.

»Sie hat Angst.«

»Solange sie Angst um dich hat, stört mich das nicht«, sagte Shep. »Es stört mich aber, wenn sie Angst vor dir hat.«

»Sie ist jung«, konterte Glynis, die sich seit Beginn ihrer Krankheit zum ersten Mal bemühte, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. »Sie hat sich nicht unter Kontrolle. Ich wette, sie ist sich nicht mal bewusst, was sie tut.«

»Nämlich?«

»Mich meiden, natürlich. Ich wette, wenn du sie darauf hinweisen würdest, dass sie nur ein einziges Mal bei uns war, wäre sie schockiert. Ich wette, jedes Mal, wenn sie sich endlich durchringt, mich anzurufen, kommt irgendetwas Mysteriöses dazwischen, und sie verschiebt den Anruf auf den nächsten Tag. Ich wette, das passiert so oft, wenn nicht jeden Tag, dass sie glaubt, sie würde täglich zu Hause anrufen.«

»Ich habe Angst, dass Amelia später ein schlechtes Gewissen haben wird –« Shep hielt inne. Da war es, das alte Denkmuster. Die Annahme, die bis sieben Uhr an diesem Abend gültig gewesen war.

»Weswegen?«

Er kriegte gerade noch die Kurve. »Wenn du wieder gesund bist. Sie könnte zurückschauen, und ihr könnte aufgehen, wie rücksichtslos sie war. Wie rücksichtslos sie gewesen ist angesichts einer so großen Krise in deinem Leben. Sie könnte ein schlechtes Gewissen bekommen; du könntest es ihr übelnehmen, verständlicherweise. Ich finde, sie sollte sich zusammenreißen, in eurem Interesse, für danach. Vielleicht sollte ich mal was zu ihr sagen.«

»Untersteh dich. Sie soll mich besuchen, weil sie will, nicht weil ihr Vater ihr die Hölle heiß macht. Außerdem«, fuhr Glynis fort und nahm einen Schluck Champagner, »zumindest ist Amelia öfter aufgetaucht als Beryl. Wahrscheinlich hat deine Schwester eingesehen, dass ich ihr zumindest theoretisch mehr leid tun müsste als sie sich selbst, und daraufhin ist sie Hals über Kopf bis nach New Hampshire geflüchtet.«

»Du willst Beryl doch sowieso nicht sehen. Und jetzt hat sie sich aus reiner Knauserei in die unangenehme Lage gebracht, ein bisschen Verantwortung für meinen Vater übernehmen zu müssen. Es hätte eigentlich gar nicht besser laufen können. Das könnte sogar charakterbildend sein.«

»Mit den Rohmaterialien deiner Schwester wäre das so, als wollte man ein Regal aus Pappe bauen.«

Beim Cheesecake lenkte Shep mit gespielter Leichtigkeit das Gespräch auf ein anderes Thema. »Willst du eigentlich jetzt, wo die Prognose so positiv aussieht, immer noch weiter die Asbestklage verfolgen?«

»Absolut! Vielleicht stehe ich diese Sache ja durch, aber deshalb habe ich nicht weniger Qualen gelitten. Die Leute, die mir das angetan haben, sollen dafür büßen.«

»Na ja, es werden kaum dieselben sein …«, sagte er zweifelnd. »In den dreißig Jahren, seit du auf der Kunstschule warst, wird man bei Forge Craft schon die zweite bis dritte Generation an Vorsitzenden verbraucht haben.«

»Sie beziehen immer noch ihre Gehälter von einer Firma, die mit diesem wirklich bösen Zeug ihren Profit gemacht hat. Aber das Beste ist, jetzt, wo ich wieder gesund werde, werde ich auch die Kraft haben, um auszusagen, auch für das Kreuzverhör. Wenn wir mit der Klage vor Gericht ziehen, werde ich vollen Einsatz bringen können.«

Shep verlor den Mut. Er wollte einen Rechtsstreit unter allen Umständen vermeiden. »Gut.« Er zuckte mit den Schultern. »Wenn du meinst. Nächste Woche treffe ich mich noch mal mit Rick Mystic, diesem Anwalt.«

Bei Kaffee und Pfefferminztee schlug er den Bogen zurück zu ihrer Kunstschmiedearbeit, und so nahm der Abend einen heiteren Ausklang. Im Auto schlug er vor, ein Essen mit Carol und Jackson zu planen, um das Ergebnis der Computertomografie zu feiern. »Ein Themenabend«, sagte sie zustimmend. »Wir könnten passend zur Computertomografie Schichttorte servieren.«

SHEP FREUTE SICH, dass er Zach in der Küche erwischte, auch wenn das nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhte. Der Junge war so versessen darauf, nicht bemerkt zu werden, dass er kurz erstarrte, ohne das Auftauchen seiner Eltern zur Kenntnis zu nehmen, als könnten sie einfach durch ihn hindurchgehen. Dennoch war Shep erleichtert, ausnahmsweise mal nach Hause zu kommen und den Jungen nicht ermahnen zu müssen, dass er, wenn er schon nicht beim Wäschewaschen half, dann zumindest seine Sockenpaare zusammensuchte oder die Musik leiser drehte, seiner Mutter gehe es nicht gut. (»Ist ja mal was ganz Neues.«) Shep konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal eine frohe Kunde zu verbreiten hatte, und die überteuerte Limonade beim Abendessen hatte ihm noch mehr Laune gemacht.

»Gut, dass ich dich sehe, Kumpel«, sagte Shep. Grimmig nahm Zach den freundschaftlichen Klaps auf die Schulter entgegen. »Vorhin in der Klinik gab es großartige Neuigkeiten.«

Zach zuckte zusammen. Er sah nicht aus wie ein Junge, dem gute Neuigkeiten ins Haus standen. Und er beugte sich schützend über sein Putensandwich, als hätten sie ihn bei etwas Unanständigem erwischt. Der Junge war schmächtig und noch nicht ausgewachsen; warum sollte er wegen eines Sandwiches ein schlechtes Gewissen haben? »Und, was gibt’s?«, fragte er missmutig.

Shep schilderte das Resultat der CT, beschrieb die beiden geschrumpften Fäulnisstellen; da er die »hartnäckigen« biphasische Zellen unerwähnt ließ, hätte man ihn ohne Weiteres jenes Aufrundens bezichtigen können, das er bei Philip Goldman befürchtet hatte. Aber es war ja nicht verkehrt, das Positive hervorzuheben, vor allem gegenüber einem sechzehnjährigen Jungen, dem das Schicksal einiges zugemutet hatte und der bei seinem zerstreuten und dauergestressten Vater wenig Rückhalt fand.

»Echt?«

Shep wartete und wartete auf eine Reaktion des Jungen, bis er sich damit zufriedengab, dass dieser zusammengesackte, passive, unveränderte Wunsch, sich in Luft aufzulösen, bereits die Reaktion seines Sohnes war. »Vielleicht ist dir nicht klar, was das bedeutet. Es bedeutet, dass deine Mutter wieder gesund wird. Dass die Chemo anschlägt. Dass wir diese Sache besiegen werden.«

»Echt?« Zach sah seinem Vater in die Augen. Der weiche braune, ungebrochen starre Blick, betrübt und mitleidig, gab Shep auf einmal das Gefühl, dass er der Jüngere von beiden sei. Zach bewegte sich auf Glynis zu, die am Tisch saß, legte seiner Mutter die Hand auf die Schulter und drückte sie ein bisschen; seine Bewegungen waren eckig und zögerlich. »Das ist toll, Mama«, sagte er bleiern. »Ich bin total froh, dass es dir wieder besser geht.« Die Geste schien ihn einige Mühe zu kosten, er schlurfte erschöpft nach oben.

Shep wollte gerade murmeln: »Was war das jetzt schon wieder?«, da klingelte das Telefon. Es war spät für einen Anruf. Er hatte eine seltsame Vorahnung, dass er den Anrufbeantworter drangehen lassen sollte. Seit mindestens einem Jahr hatten er und Glynis keinen so schönen Abend in der Stadt verlebt, und die Störung war unwillkommen. Es fiel ihm gerade niemand ein, mit dem er sich gern unterhalten hätte, abgesehen von seiner Frau, die ihm nun mit ihrem üblichen trockenen Humor, ihrer Feinfühligkeit und guten Laune zurückgegeben worden war, eine wundersame Auferstehung mit freundlicher Genehmigung der Philip-Goldman-Kirche. Er wollte seine eigene Champagnerblase nicht zum Zerplatzen bringen, der Zauber des Abends fühlte sich fragil an.

Sein »Hallo?« war argwöhnisch.

Im Verlauf des Telefonats sagte Shep wenig und fragte nicht viel. Anschließend schlenderte er hinaus auf die Veranda. Es war noch immer ein herrlicher Abend – Elmsford lag weit genug vor der Stadt, um die Sterne sehen zu können –, doch die Idylle war dahin. Er hätte das verdammte Telefon einfach klingeln lassen sollen.

AUF DER FAHRT nach Berlin, katastrophalerweise auch noch am Wochenende des 4. Juli, dachte Shep über seinen Vater nach. Angesichts der höheren Sphären, in denen der Mann sich beruflich bewegt hatte, war Shep erst nach Jahren dahintergekommen, dass Geld für Gabriel Knacker sehr wohl ein Thema war. Der ehrwürdige Pastor hatte lang und breit gepredigt, immer die Lichter auszuschalten, aber nicht etwa aus Umweltschutzgründen, sondern weil er geizig war. Als Gemeindevorsteher war er so gierig gewesen wie ein Unternehmer an der Wall Street und hatte seinen klammen Schäfchen schamlos immer wieder den Opferteller hingehalten, bis er endlich die heimelige schindelverkleidete Kirche mit etwas weniger heimeligen Rohrleitungen ausstatten konnte. Streng genommen hatte der Konflikt zwischen steigenden Kosten und rückläufiger Mitgliederzahl damals die meisten Sonntagsessen beherrscht. Der Rückschluss auf das Geldinteresse des Vaters hätte ihn wahrscheinlich zutiefst gekränkt, doch hinter den Tiraden des Pastors gegen wohlhabende Fabrikeigentümer und deren Zweithäuser und Sportwagen hatte Shep irgendwann eine Spur, nur eine Spur von ganz gewöhnlichem Neid ausgemacht.

Außer einigen Prellungen hatte Papa sich den linken Oberschenkel gebrochen. Er war beim Treppensteigen in einen Walter-Mosley-Krimi versunken gewesen. Im Grunde war es ein Unfall, der auch einem jüngeren Krimifan hätte passieren können, und zumindest war es nicht die Hüfte. Dennoch war mit achtzig jeder Knochenbruch gefährlich. Zum Glück war Beryl zu dem Zeitpunkt in der Nähe gewesen. Ihre Soforthilfemaßnahmen hatten ihre knappen altruistischen Vorräte leider rasch erschöpft; oder wie Glynis sagen würde, das Pappregal war unter der Last sofort zusammengebrochen. Jeder weitere Kampf mit Papierkram, Rechnungen und der bei einem behinderten älteren Patienten erforderlichen Logistik – die Frage, ob Papa wieder nach Hause dürfe, und wenn nicht, wohin dann mit ihm – war jetzt Sheps Problem. Ehrlich, nach dem Telefonat mit seiner Schwester am vergangenen Abend hätte man meinen können, sie sei die Taxifahrerin, die den alten Knacker zum Krankenhaus gefahren habe und jetzt ihr Fahrgeld eintreiben müsse.

Gern wäre er sentimental geworden. Aber wie jeder zeitgenössische Amerikaner im Angesicht einer medizinischen Katastrophe konnte er es sich nicht leisten, seine Kräfte allein an Zuneigung und Sorge zu verschwenden. Die Kosten für die akute Krise seines Vaters würden von Medicare gedeckt werden, aber nur zu achtzig Prozent; Shep hätte sich in den Hintern treten können, dass er seinem Vater nicht eine Medigap-Zusatzversicherung gekauft hatte, solange er das noch konnte. Aber richtig schwierig würde es werden, wenn die Krise erst mal überstanden war. Was die Kosten für eine Pflegekraft oder eine Senioreneinrichtung anging, verstand es sich von selbst, dass Beryl allenfalls ihren Senf dazugeben würde.

Vom Flussufer aus erhob sich die schmucklose Fassade von St. Anne’s, die strengen vertikalen Linien aus rotem Backstein, die von Rechtschaffenheit und geiziger Duldsamkeit sprachen. Mit der verlängerten Spitze ihres linken Kirchturms, der asymmetrisch höher aufragte als der rechte, hatte ihn das Wahrzeichen Berlins immer an eine alte Jungfer mit einem Regenschirm erinnert. Im Zusammenhang mit dem dahinter sich erhebenden Häusergewirr wirkte die hochmütige Erhabenheit der Kirche fehl am Platz. In Anbetracht des stetigen Verfalls der Stadt war der Umstand, dass sie sich am Zusammenfluss der Flüsse Dead und Androscoggin befand, heute auf gruselige Weise passend.

Gegenüber der St.-Anne’s-Kirche wuchsen Berlins letzte Fabrikschornsteine empor. Es ging das Gerücht, dass Fraser Paper dem Untergang geweiht war. (Wenn das Überleben seiner Heimatstadt von der geplanten Quadrennbahn abhängig wäre, dann gute Nacht. Greinende junge Leute auf greinenden vierrädrigen Gefährten, die sich anhörten wie ein Mückenschwarm: das war keine respektable Erlösung für erwachsene Menschen.) Klar, die rußgeschwärzten Backsteintürme seiner Kindheit hatten einen diesigen weißen Gestank in die Atmosphäre gepumpt. Bei den Zellstoffarbeitern war eine hohe Darmkrebs- und Leukämierate festgestellt worden. Umwelttechnisch gesehen war es vielleicht gesünder für Berlin, dass die meisten Fabriken dichtgemacht hatten. Dennoch fehlten sie ihm. Die spitze Stadtsilhouette war charakteristisch gewesen. Dass sich die Touristen beim Vorbeifahren an seiner Heimatstadt die Nase zuhielten, hatte ihn als Kind immer auf widersinnige Weise mit Stolz erfüllt. Die klappernden, höhlenartigen Fabriken, zu denen die Grundschulklassen Pilgerfahrten unternommen hatten, waren die eigentlichen Kathedralen von Berlin, New Hampshire, gewesen. Außerdem hatte Shep immer zu schätzen gewusst, dass er aus einer Stadt stammte, die etwas Greifbares herstellte, etwas, das man in der Hand halten, zusammenfalten und beschriften konnte. Er hatte wenig übrig für Städte, deren Wirtschaft auf flüchtigen »Dienstleistungen« oder schwer fassbaren Raffinessen wie Software basierten. Shep gehörte eigentlich nicht in dieses Jahrhundert, und er wusste das.

Als Shep damals nach New York gezogen war, hatte er sich seiner Provinzherkunft geschämt und an seiner Aussprache gefeilt. Die Beschämung hatte sich längst gelegt. Jeder, der aus einem Zehntausend-Seelen-Nest ausgewandert war, stellte eine Seltenheit dar; aus New York kamen viele. Seine Widerstandsfähigkeit gegen kaltes Wetter hatte er dieser kargen nördlichen Ansiedlung zu verdanken. Durch meterhohen Schnee zur Schule zu stapfen, während einem der Eisregen ins Gesicht peitschte. Das Taubheitsgefühl in den Füßen, schon nach zwei Straßen – das, liebe Glynis, nennt man periphere Neuropathie. Jene Robustheit, die ihm als Junge in Fleisch und Blut übergegangen war, hatte ihm im letzten halben Jahr gute Dienste geleistet: Wie man in schweren Zeiten klaglos zupackt, sich zu einem kleinen, schützenden Ich zusammenballt, um feindlichen Angriffen von außen standzuhalten.

Selbst bei halber Produktionskraft entließ Fraser Paper noch immer einen betörenden Duft. Auf dem Parkplatz des Androscoggin Valley Hospital sog Shep die bittere Luft tief in seine Lungen: Nostalgie. Mit seiner neuen Fassade aus glatt poliertem Granit war es nicht mehr das heruntergekommene viktorianische Krankenhaus gleichen Namens, in dem man ihm mit zehn die Mandeln herausgenommen hatte. Das ursprüngliche Androscoggin Valley Hospital hatte ehrlicher gewirkt, mehr wie ein echtes Krankenhaus, in dem noch streng gelitten und Bettwäsche noch ausgekocht wurde. Die neue Klinik aus den Siebzigerjahren hüllte sich in kommunale Unschuld und war ein Gebäude, in dem man sich eher den Führerschein verlängern als ein Bein abnehmen ließ. Es war ordentlicher, sauberer und heller und wirkte wie eine Täuschung – wie der strahlende Sonnenschein an einem Wintermorgen in New Hampshire, der so einladend wirkte, bis man vor die Tür trat und einem die Windchill-Temperatur von minus eins ins Gesicht schlug.

Als ihm schließlich das Zimmer gezeigt wurde, in dem sein Vater noch schlief, um sich von der Narkose nach seiner Operation am Morgen zu erholen, dachte Shep nicht mehr über Medicare nach. Sie hatten ihre Meinungsverschiedenheiten gehabt, aber Gabriel Knacker war immer eine Respektsperson für ihn gewesen. Seine Wortgewalt war mit seiner kleinen Gemeinde nie zu vereinbaren gewesen, das starke Engagement des Pastors bei Fragen wie der Weltarmut oder der Apartheid in Südafrika hatte nie gepasst zu der sehr pragmatischen Sorge der Gemeinde um ihre Arbeitsplätze in den Mühlen. Als Vater hatte er mit derselben Unbarmherzigkeit seine Urteile gefällt, mit denen andere Väter ihren Kindern den Hintern versohlten. Als Junge war es Sheps größte Angst gewesen, seinen Vater zu »enttäuschen«. Als einstiger Firmengründer, der sich in seinem eigenen Unternehmen zum Funktionär degradiert hatte, war er zweifellos zur permanenten Enttäuschung geworden.

Für die meisten erwachsenen Kinder muss früher oder später der Augenblick kommen: die erschreckende Entdeckung, dass die Eltern alt geworden sind. Der autoritäre Eindruck aus der Kindheit ist so nachhaltig, dass ihnen dieser Umstand oft erst dann zu dämmern beginnt, wenn Mutter oder Vater für alle anderen längst eindeutig geriatrisch erscheint. Schon das Händewaschen am Desinfektionsmittelspender vor der Tür des Krankenzimmers machte jetzt allerdings auf die objektive Realität des väterlichen Verfalls aufmerksam.

Die aufragende Gestalt seiner Kindheit nahm in dem schmalen Bett unpassend wenig Raum ein; vielleicht hätte Shep doch versuchen sollen, den unverändert nur aus gegrilltem Käsetoast bestehenden Speiseplan etwas aufzupeppen. Die Haut seines Vaters hatte etwas Wässriges, Durchscheinendes, fraglos schon seit Jahren, nur dass Shep darüber hinweggesehen hatte. Bis Ende sechzig hatte der Pastor einen bemerkenswert vollen, dunklen Haarschopf gehabt – der seinen Sohn irgendwie darüber hinweggetäuscht hatte, dass der Mann in den letzten zehn Jahren doch endlich kahl und die paar verbleibenden Strähnen endlich weiß geworden waren. Die Hand, die die Bettdecke umklammerte, war faltig, fleckig und klein, wobei die Verwandlung jener breiten, gewölbten Extremität, die sich einst allwöchentlich zum Segen erhoben hatte, vermutlich nicht über Nacht geschehen war.

Shep und sein Vater hatten sich reichlich gestritten – weil Shep den »höheren Bildungsweg« verschmäht, seinen »scharfen Verstand« verschwendet, sich dem Mammon verschrieben und einer eigenen abgeschmackten, abtrünnigen Vorstellung vom »Jenseits« nachgegangen war. (Sparen für die Armen in der Dritten Welt wäre eine Sache gewesen; Bargeld zu horten, um sich eines Tages mit einem Glas Ananassaft auf die faule Haut zu legen, eine ganz andere.) Doch der Generationskonflikt war kein Kampf, den ein vernünftiger Sohn zu gewinnen hoffte. Shep wollte nicht, dass sein Vater einfach nur deshalb kapitulierte, weil seine vielen Jahre auf dem Planeten klammheimlich vom Vorteil zur Behinderung wurden; ein Sieg nur aufgrund von Sheps Jugend war billig. Er wollte nicht, dass sein Vater aufhörte, ein beängstigender, furchteinflößender, ärgerlicher oder unüberwindbarer Mann zu sein. Er wollte nicht, dass sein Vater alt wurde, was eigentlich nur hieß, dass er nicht wollte, dass sein Vater aufhörte, sein Vater zu sein.

Shep küsste dem schlafenden Patienten behutsam die Stirn; die dünne Schädelhaut fühlte sich beunruhigend beweglich an unter seinen Lippen. Er setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett. Dort hielt er etwa eine halbe Stunde Wache. Er lauschte dem unregelmäßigen Atem seines Vaters und legte ihm hin und wieder eine Hand auf den verkümmerten Arm. Es war eine kurze Sitzung des schlichten Da-Seins von jener Art, wie er sie sich für das Jenseits erhofft hatte. Doch das, was Glynis »Nichtstun« nannte, das Riechen, Sehen und Hören und das stille Beobachten eines anderen Menschen, war zweifelsohne doch auch eine Form von Aktivität, vielleicht sogar die wichtigste überhaupt. Er war nicht sicher, ob sein Vater seine Gegenwart spürte, aber das war in Ordnung. Es war eine Form von Gemeinsamkeit, die er gerade in letzter Zeit mit Glynis zu schätzen gelernt hatte: wortlos, aber so verblüffend anders, als wenn man nur für sich allein war.

IN DER MT. Forist Street bog Shep in die Einfahrt: Kein Wunder, dass er sich wie ein Bauerntrampel vorgekommen war, als er nach New York kam. In seinem Heimatort konnte man nicht mal die Hauptstadt Deutschlands aussprechen oder das Wort »forest« richtig buchstabieren. Wie immer verwirrte ihn das zweigeschossige, im Kolonialstil gebaute und mit sepiafarbenen Schindeln verkleidete Haus mit der Rundumveranda. Es rief ein warmes Gefühl der Gemütlichkeit hervor, zweideutig gepaart mit einer depressiven Stimmung, wie ein Eimer goldener Farbe, der mit ein paar Tropfen grünlichem Umbra versetzt wird und sich in einen unschönen namenlosen Farbton verwandelt. Verklärte Bilder aus seiner Erinnerung kollidierten mit der unangenehmen Einsicht, dass das Haus allmählich baufällig wurde. Die angeschlagenen Zedernholzschindeln würden bei Gelegenheit ersetzt werden müssen. Das Geländer der Veranda war verzogen. Dennoch war es ein solides Haus, Baujahr 1912, mit einer kleinen architektonischen Besonderheit in Form eines eigenwilligen runden Türmchens, das auf der rechten Seite ein drittes Geschoss bildete. Sein altes Kinderzimmer lag dort oben. Dass es nahezu unmöglich gewesen war, ein rundes Zimmer zu möblieren, war nichts, was ihn als Jungen gekümmert hatte. Er liebte die Wendeltreppe und die Baumhausatmosphäre sowie das Plätschern des Baches hangabwärts, das durch die Bogenfenster drang. Als Kind hat man immer das Gefühl, im Zentrum des Universums zu wohnen, es fällt einem nie auf, dass man eigentlich am Ende der Welt lebt.

Beryl winkte von der Veranda aus. Ihr unförmiges Häkeltop saß so locker, dass ihr peinlich auffälliger pinkfarbener BH hervorschaute. Eigentlich hatte sie nicht mehr ganz die Figur für derart enge Jeansshorts. Andererseits konnte man die Tage, an denen man sich überhaupt kurze Hosen erlauben konnte, im nördlichen New Hampshire an einer Hand abzählen, und kaum dass das Thermometer die 15-Grad-Marke erreichte, liefen die einheimischen Mädchen schon in Hotpants herum.

»Shepardo! Ich bin ja so froh, dass du da bist!« Sie fiel ihm in die Arme. »Du kannst dir gar nicht vorstellen … Ich hab mich so allein gefühlt. Gott, immer wieder höre ich dieses Wumms-wumms-wumms auf der Treppe. Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugetan. Und ich muss immer wieder daran denken, was passiert wäre, wenn ich nicht hier gewesen wäre.«

»Ja, Glück gehabt.« Shep schulterte seine Tasche und trug sie ins Haus, während Beryl vor sich hin plapperte, dass sie »alles, was in ihrer Macht stand, getan« habe, »total neben der Spur« sei und »nicht mehr weiter« wisse und – sie griff sich beidhändig mit drastischer Geste in die dicken braunen Locken – wirklich »erst mal ’ne Verschnaufpause« brauche. Er konnte sich nicht vorstellen, was sie großartig hatte tun müssen, außer den Krankenwagen zu rufen und ihren Vater in die Klinik einweisen zu lassen, aber er wollte nicht undankbar sein.

Shep machte sich auf den Weg nach oben, um seine Tasche abzustellen. »Ach ja, du müsstest dann mein Zimmer nehmen«, rief Beryl. »Ich bin jetzt in deinem.«

Er blieb stehen. »Wieso das?«

»Du weißt doch, dass ich immer schon dein Zimmer haben wollte. Es war das coolste. Und ich wohn doch hier; du bist doch nur zu Besuch, oder?«

Er musste seine Verärgerung hinunterschlucken, in der noch immer Unmut mitschwang, weil Beryl mit achtzehn unbedingt ihrem Bruder nach New York hatte folgen müssen. Als er wieder unten war, sah Shep, wie sehr seine Schwester das Haus seines Vaters in Beschlag genommen hatte. In jeder Ecke standen ihre schrägen Antiquitäten aus der Wohnung auf der West 19th Street; Filmzeitschriften und Zubehör benetzten jede Fläche wie Hundepipi. Ihr Laptop hatte seinen Ehrenplatz auf dem mit Ausdrucken übersäten Esstisch. Ohne Rücksicht auf den Heuschnupfen ihres Vaters steckte ein welker Strauß wilder Möhren in einem Mayonnaiseglas.

»Hast du nach Papa gesehen?«

»Gesehen hab ich ihn.« Shep ließ sich auf die Couch fallen. »Er hat noch geschlafen. Aber die Schwestern meinten, er hätte die Operation ziemlich gut überstanden.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich ruf ja praktisch alle halbe Stunde an.«

Shep fragte sich, ob seine Schwester mit der gleichen eingebildeten Häufigkeit im Krankenhaus anrief wie möglicherweise Amelia ihre Mutter. »Sag mal, hast du hier irgendwas zu trinken? Ich bin total groggy.«

»Klar … da lässt sich bestimmt was auftreiben.« Widerwillig schlurfte Beryl in die Küche und kam mit einer fast leeren Flasche billigen Weißweins zurück. Das Glas, das sie ihm einschenkte, war nicht mehr als ein Fingerhut voll, und er begriff, was sie damit sagen wollte. Es reichte nicht, dass er zu Nancy hinübergelaufen und vereinbart hatte, dass sich Glynis im Notfall an sie wenden könne, dass er seiner zufälligerweise krebskranken Frau das Frühstück gemacht und im Internet schon mal einige Pflegeeinrichtungen in New Hampshire recherchiert hatte und acht Stunden in dichtem Urlaubsverkehr einmal quer durch Neuengland gefahren war, nein, er hätte außerdem noch ein paar genießbare Flaschen Wein, ein Sechserpack Bier und eine Familientüte Doritos mitbringen müssen, vorzugsweise in Beryls Lieblingsgeschmack Cool Ranch.

»Und, wo gehen wir heute Abend essen?«, fragte Beryl. »Ins Moonbeam Café? Ins Eastern Depot?«

Das Moonbeam war unten in Gorham, wo er gerade herkam, und die Fahrt zurück würde seinen Alkoholkonsum auf weniger beschränken, als es seiner Stimmung entsprach. Das Eastern Depot war jene Art von Nobelschuppen, der für Jahrestage und Geburtstage angemietet wurde, und Sheps natürliche Spendierfreude war ein wenig überstrapaziert. »Was spricht denn dagegen, zum Black Bear zu laufen?«

Beryl rümpfte die Nase. »Da gibt’s nur Fleisch. Ich bin jetzt wieder Vegetarierin.«

»Seit wann?«

»Seit der Lasagne damals bei dir zu Hause. Davon war mir total schlecht.« Schlecht war ihr vor allem deshalb gewesen, weil sie ihren Willen nicht bekommen hatte.

»Danke.«

»Nimm’s nicht persönlich.«

»Warum essen wir nicht hier? Ich fahr eben runter zum Weinladen in der Pleasant Street, aber mehr ist bei mir nicht drin.«

Dass er sie nicht zum Essen ausführen wollte, würde ihn teuer zu stehen kommen, dafür würde sie sorgen. Aber das änderte nichts, am Ende würde Shep ja ohnehin mit der Rechnung dasitzen.

»ICH STERBE VOR Hunger«, verkündete Shep und stellte die Flaschen auf der Küchentheke ab.

Seine Schwester warf einen Blick auf seinen Bauchumfang und zog eine Augenbraue hoch. »Verhungert siehst du nicht gerade aus.«

»Ich muss für Glynis immer so mächtig wie möglich kochen. Das meiste davon ess dann aber ich.«

»Oh, das tut mir so leid, wegen der Sache mit Papa hab ich ganz vergessen zu fragen!« Beryl dreht sich vom Herd weg und legte die Stirn in Falten, um möglichst betroffen zu wirken. »Wie gehts ihr denn?«

Es war ein Gesichtsausdruck, den Shep inzwischen gut kannte. Schon die gedehnte Betonung war identisch mit dem Tonfall der Erkundigungen, die ihm nun seit Monaten vonseiten diverser Randfiguren entgegenschlugen. Unter dem aufgesetzten Stirnrunzeln lauerte die Hoffnung, dass die Antwort nicht unangenehm sein, dass der fragenden Person nichts abverlangt und dass es vor allem nicht zu lange dauern werde.

»Wie’s aussieht, kriegen wir die Sache vielleicht in den Griff«, sagte er und zwang sich, daran zu denken, dass er inzwischen gläubig, ein Jünger, ein religiöser Eiferer war. »Die Chemo schlägt an.«

»Das ist ja phantastisch!« Mit dieser kryptischen, positiven Antwort war sie aus dem Schneider, und damit hatte sich das Thema.

Beryl kochte genau so, wie sie sich kleidete. Alles, was sie zubereitete, wurde unförmig und braun. Das, was sie heute Abend auf dem Herd zusammenrührte, war ein Klassiker: ein Brei aus durchweichten Cashewnüssen, sojagetränktem Tofu und breiig verkochten Pintobohnen.

Der Topf köchelte auf hoher Flamme auf dem Herd vor sich hin, und das Essen war eindeutig angebrannt, bloß nahm Beryl den Geruch nicht wahr. Während er diskret etwas Wasser hinzu gab, dachte Shep darüber nach, dass seine Schwester ihren fehlenden Geruchssinn nicht als Defizit, sondern als Auszeichnung sah. Dieser Tage war alles auf mysteriöse Weise auf den Kopf gestellt, und wer nicht sehen, hören, lernen oder gehen konnte, war etwas Besseres. Insofern wusste er nicht recht, was er mit seinem Mitgefühl anfangen sollte. Zu bedauern, dass seine Schwester mit dem Duft von knackendem Tannenholz nichts anfangen konnte, wäre dann von ihr wohl als Beleidigung aufgefasst worden.

Sie setzten sich, und das Essen auf seinem Teller sah aus wie der Fladen einer magenkranken Kuh. Im Moonbeam Café hätten sie leckeres hausgebackenes Brot und Obstcrumbles bekommen; vielleicht war diese sandig-klebrige Masse ja das, was Beryl wirklich gern aß, er wurde aber das Gefühl nicht los, dass ihm hier eine Lektion erteilt werden sollte. Zumindest würde das plumpe Abendessen nicht vom Hauptprogrammpunkt ablenken, wobei der Hauptprogrammpunkt ebenso wenig appetitlich war.

»Weißt du, wegen Papa«, begann Beryl. »Ich sag’s nur ungern, aber ich hab von Anfang an gewusst –«

»Nein, du sagst es nicht ungern. Tu dir keinen Zwang an. Selbstgefälligkeit gehört zu den Freuden des Lebens.«

»Ich meine doch nur, wie ich damals in Elmsford schon sagte, so was musste ja irgendwann passieren –«

»Okay, bist du fertig? Es ist passiert. Weiter.«

»Jetzt sei doch nicht so zickig. Das ist für uns alle schwer.«

»Am schwersten ist es für Papa.«

»Ja, natürlich«, gab sie zu.

Die Kruste vom Boden des Topfes loszukratzen war ein Fehler gewesen. Angebrannte Fetzen tauchten auf seiner Gabel auf.

»Der Anlass ist natürlich ein Horror für mich«, fuhr Beryl fort. »Aber es ist auch eine Erleichterung, dass Papa und ich mal ein bisschen Ruhe haben, wo wir doch hier so aufeinanderhocken. Er ist aber auch so was von pingelig geworden! Sein ganzer Tag ist total durchgetaktet, und alles muss genau nach Vorschrift gehen.«

Shep nickte in Richtung Computer am Ende des Tisches. »Er scheint deinen Kram hier akzeptiert zu haben. Das spricht doch von Flexibilität.«

»Aber dann mache ich ihm seinen gegrillten Käsetoast. Ich will ein bisschen nett sein. Angenommen, das Brot wird zu dunkel, oder der Käse ist nicht genug geschmolzen. Man muss den Regler auf einen ganz bestimmten Punkt einstellen und einen Topfdeckel über das Sandwich legen, und zwar einen ganz bestimmten Topfdeckel, der genau die richtige Größe hat. Und wenn man die beiden Gurkenscheiben vergisst oder mit ungeriffelter Gurke aus dem Laden kommt, dann gnade einem Gott. Ich hab ihn immer für so sparsam gehalten, aber er hat doch tatsächlich das Brot weggeschmissen und sich ein neues gemacht!«

»Umso besser für ihn«, sagte Shep. »Wie viele gegrillte Käsetoasts wird ein Mann in seinem Alter wohl noch essen?«

»Mann, und was mich wirklich wahnsinnig macht«, fuhr sie fort und mühte sich tapfer um geschwisterliche Komplizenschaft, »das ist seine Zeitung. Er schneidet immer noch diese ganzen Zeitungsartikel aus – du weißt schon, über Schuldenerlass für Dritte-Welt-Länder, alles über Abu Ghraib, die ganz große Aufregung, wenn irgendwo jemand verhungert. Und wenn ich mir dann die Zeitung nehme, sieht sie aus wie diese Schneeflocken, die wir damals in der Schule aus Papier gebastelt haben. Ich hab schon auf ihn eingeredet, nach dem Motto, wenn er irgendeinen Artikel will, können wir ihn runterladen und ausdrucken, aber nein, er muss unbedingt die Zeitungsversion haben. Du hast sein Arbeitszimmer da oben ja gesehen. Da stapeln sich die Ordner mit vergilbten Zeitungsausschnitten. Ich weiß nicht; ist doch irgendwie traurig. Was will er mit dem ganzen Zeugs?«

»Ist doch eher ein gutes Zeichen, dass er sich immer noch dafür interessiert, was in der Welt passiert«, sagte Shep beharrlich. »Die meisten Achtzigjährigen lesen überhaupt keine Zeitung mehr, geschweige denn, dass sie Artikel ausschneiden.«

Dass er nicht bereit war, gemeinsame Sache mit ihr zu machen, ging an Beryl vorbei. »Ist dir eigentlich klar, dass kaum ein Tag vergeht, wo er keinen Leserbrief an irgendeine Redaktion schickt? Manchmal an den Sentinel, aber meistens an die New York Times oder die Washington Post. Die Briefe werden so gut wie nie abgedruckt. Als würde die ganze Welt nur darauf warten, was Gabriel Knacker zu irgendeinem Ereignis zu sagen hat. Das ist doch wirklich traurig. Ich stell mir diese Leserbriefredakteure vor, die schon wieder einen Brief mit Absender Berlin, New Hampshire, in der Post haben, und wie sie die Augen verdrehen und den Brief ungeöffnet in den Müll werfen.«

Shep war nicht wohl dabei, von Glynis getrennt zu sein, und er hatte nicht die Absicht, Wurzeln zu schlagen; das große Haareraufen anlässlich ihres Vaters würde verschoben werden müssen. »Und, wie ist die Prognose? Glaubst du, er kann wieder hierher zurück?«

»Das würde aber heißen, dass wir eine Pflegerin einstellen müssten, weil er vermutlich wochenlang bettlägrig sein wird. Wahrscheinlich bräuchte er sogar eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, und zwar, was weiß ich, bis ans Ende aller Zeiten.«

»Das ist wahr …« Shep sah seiner Schwester fest in die Augen.

»Und wer weiß, was für eine Pflegerin man dann erwischt. Wenn sie ein Drache ist, könnte sie einem das Leben hier zur Hölle machen.«

»Nach allem, was ich gelesen habe, kann eine Vollzeit-Pflegekraft, die im Haus wohnt, an die Hunderttausend im Jahr kosten.«

»Ich fass es nicht, dass wir kaum eine Minute über dieses Thema reden, und schon geht’s dir wieder nur ums Geld.« Mit ihrem Lächeln versuchte sie die Spitze als Witz zu verkleiden, aber ohne Erfolg.

»Da er nicht hier ist, um uns zu sagen, was er als Nächstes tun möchte, können wir beide uns doch nur über Geld unterhalten.«

»Egal, was es kostet«, erklärte Beryl, »es kommt doch vor allem darauf an, was das Beste für Papa ist.«

»Meinst du nicht, dass er lieber wieder nach Hause möchte?«

»Ich glaub aber nicht, dass es praktikabel ist, wenn er hier lebt«, sagte Beryl. »Es könnte sogar gefährlich sein; er könnte wieder stürzen. Außerdem würde es das Unvermeidliche nur hinauszögern. Das ist der ideale Zeitpunkt, um den entscheidenden Schritt zu machen und irgendeine Einrichtung zu finden, wo er seine Ärzte hat und sein Essen bekommt und wo er in Gesellschaft von Gleichaltrigen ist.«

»Und du bleibst dann hier im Haus wohnen. So stellst du dir das vor, ja?«

»Vielleicht würde ich noch eine Zeit lang hier wohnen. Was ist denn daran so schrecklich? Irgendjemand muss doch hier die Stellung halten.«

»›Die Stellung‹ ist Papas einziges Kapital. Es ist alles, was er hat, um mögliche Kosten von einhunderttausend Dollar im Jahr zu decken, egal, wofür er sich entscheidet – ob Pflegerin, Altenheim oder betreutes Wohnen.«

»Willst du damit sagen, dass du mir das Haus unterm Hintern wegverkaufen willst? Wo soll ich denn dann hin, verdammt noch mal?«

»Wo erwachsene Menschen hingehen, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen.«

»Das ist doch lächerlich! Wozu gibt’s denn schließlich dieses ganze Medicare und Medizeugs?«

»Das hab ich dir doch schon auseinanderzusetzen versucht, als dir von meiner Lasagne schlecht geworden ist.« Er warf einen raschen Blick auf seinen Teller. »Medicare übernimmt keine Langzeit-Pflegekosten, Punkt. Was du meinst, ist Medicaid.«

Gelangweilt winkte Beryl ab. »Verwechsle ich immer.«

»Medicaid hat strenge Vorgaben, und es würde eine Menge Papierkram erfordern, bis sie ihn überhaupt erst aufnehmen. Die zahlen nur bei Leuten, die wirklich kein Geld haben. Papa wird sich niemals qualifizieren, solange er dieses Haus besitzt und jeden Monat seine Pension bezieht. Also müssen wir das Haus entweder verkaufen, das Geld ausgeben und seinen Rentenfonds auflösen, oder wir –«, bei dem Pronomen stockte er, beschloss aber, dass es für die moralische Erziehung seiner Schwester gut wäre, »wir dürfen am Ende blechen.«

»Was ist mit meinem Erbe?«

»Welches Erbe?«

»Die Hälfte dieses Hauses wird mir gehören, und ich rechne mit dem Erlös für die Anzahlung auf meine Eigentumswohnung!«, sagte sie klagend. »Wie soll ich denn sonst jemals an ein eigenes Zuhause kommen?«

»Ich besitze auch kein Haus, Beryl.«

»Das ist deine Entscheidung. Du könntest dir alles kaufen, und das weißt du.« Sie verschränkte die Arme und schmollte. »Verdammt, das ist echt Stoff für ’ne Doku. Papa, der sein ganzes Leben lang arbeitet und Steuern zahlt, und jetzt, wo er –«

»Dass die ein oder andere Altersvorsorge an Wert verloren hat«, fuhr Shep ihr ins Wort, »das hat sich mittlerweile rumgesprochen.«

Mit offenkundiger Selbstbeherrschung faltete Beryl die Arme auseinander und stützte die Hände links und rechts neben ihrem Teller auf. »Hör zu. Folgender Vorschlag. Du zahlst Papas Pflegeheim oder betreutes Wohnen, was auch immer. Gib mir zwei oder drei Jahre hier, und ich kann mir ein bisschen Geld zusammensparen. Wenn Papa verstorben ist und wir das Haus verkaufen, würde dein Teil des Erbes deine Auslagen decken.«

Shep setzte sich zurück. Vor so viel Kühnheit konnte er nur den Hut ziehen. Seine Schwester hatte einen hohen Unterhaltungswert, das musste man ihr lassen. »Meinen Anteil stecke ich ins Pflegeheim. Und du darfst deinen behalten?«

»Klar, warum nicht? Und du hast mich vom Hals. Ich werde dann nie wieder an deine Tür klopfen und dich um eine Tasse Zucker bitten. Ich könnte nach New York zurückziehen.«

»Unabhängig davon, ob ich dir deine Idee abkaufe oder nicht, was glaubst du, wie viel dieses Haus wert ist?«

»Die Immobilienpreise sind im ganzen Land nach oben gegangen. In den letzten zehn Jahren ist doch alles dreifach im Wert gestiegen. Alle außer mir haben das dicke Geld gemacht. Fünf Schlafzimmer, drei Bäder … Dieses Haus muss ein Vermögen wert sein!«

»Ich wiederhole: Genau wie viel, glaubst du, ist dieses Haus wert?«

»Ach, bestimmt so … 500? 750? Mit dem großen Garten, ich weiß nicht, vielleicht sogar ’ne Million!«

Shep wusste, dass seine Schwester das Haus liebte, und eigentlich aus gutem Grund. Die dunkle Holzvertäfelung im Innern war noch original und nie übermalt worden. Das Haus war geräumig, es hatte Flair. In ihrer Wertschätzung war es zusätzlich noch gestiegen als Ort ihrer Kindheit, und sie hatte gute Erinnerungen; sie war immer das Lieblingskind gewesen. Er wollte sie ungern ihrer Illusionen berauben, aber ein Makler würde nicht ganz so sentimental sein. »Ich hab mich auf den Immobilienseiten im Internet ein bisschen schlau gemacht. Häuser von dieser Größe in Berlin werden für unter hunderttausend veräußert.«

»Völlig unmöglich!«

»Fraser Paper machen dicht, und alle wissen das. Ist dir gar nicht aufgefallen, wie viele leer stehende und heruntergekommene Häuser es in dieser Gegend gibt? Angeblich soll hier ein großes Staatsgefängnis gebaut werden und eine Quadrennbahn, aber selbst wenn, geht’s dabei höchstens um ein paar Hundert Arbeitsstellen. Nach Kampf dem Papierkrieg solltest du doch eigentlich am besten wissen, dass die Leute in Scharen wegziehen. Die Immobilienpreise in dieser Gegend fallen

»Sie fallen nirgends! Dieses Haus ist die beste Investition, die Papa je gemacht hat!«

»Beryl, denk mal drüber nach. Wer will denn schon hier wohnen? Exilierte New Yorker Dokumentarfilmerinnen, die ihre Mietpreisbindung verloren haben. Das war’s dann aber auch schon. Und da liegt das eigentliche Problem. Selbst wenn wir morgen dieses Haus auf den Markt werfen, könnten Monate, wenn nicht Jahre vergehen, bis es jemand kauft, und in der Zwischenzeit wird Medicaid den Teufel tun, Papas Pflegeheim zu finanzieren. Also nur keine Sorge, dass dir das Haus ›unterm Hintern wegverkauft‹ wird. Wir sollten uns eher sorgen, ob wir’s überhaupt loswerden.«

»Mh … aber wir wissen ja nicht, wie lange er noch durchhält, oder? Man hört doch immer, dass bei alten Leuten ein Knochenbruch der Anfang vom Ende ist.«

Das war ziemlich mies. »Klar, wenn er nur gleich sterben würde, könntest du schon jetzt an dein Erbe

»Was unterstellst du mir! Ich wollte doch damit nur sagen –«

Shep räumte den Tisch ab. Er stand neben dem Stapel Teller und dachte nach. Fast hätte er nichts gesagt, aber inzwischen – vielleicht weil Papa im Krankenhaus lag – kam er sich weniger wie Beryls Bruder als wie ihr Vater vor.

»Je länger Papa zu Hause wohnen kann«, sagte Shep, »desto besser ist es für ihn, und desto besser ist es auch für uns. Aber eine Vollzeit-Pflegekraft wäre teuer und, wie du schon richtig sagtest, ein Störfaktor. Aber ich bin neugierig. Es gäbe da eine Möglichkeit, über die wir noch nicht gesprochen haben. Wie wär’s denn, wenn er hierher zurückkäme und du ihn pflegen würdest?«

»Nie im Leben!«, rief sie. Logischerweise war ihr diese Option noch gar nicht in den Sinn gekommen.

»Im Januar noch hast du Amelias Zimmer vorgeschlagen – obwohl wir dir noch gar nicht erzählt hatten, dass Glynis krank ist. Damals kam es nicht infrage, dass er bei dir in Manhattan wohnt, weil du gerade dabei warst, deine Wohnung zu verlieren. Aber jetzt hast du dich ja hier eingenistet, und niemand würde aus seinem Zuhause vertrieben, weder du noch Papa. Du könntest dich nützlich machen.«

»Ich bin dazu nicht qualifiziert. Ich bin keine Krankenschwester

»Ich bin sicher, das Krankenhaus bietet die entsprechende Physiotherapie an. Aber hauptsächlich ginge es darum, zu kochen und einzukaufen und das Haus sauber zu halten. Das Bettzeug zu wechseln, Wäsche zu waschen, ihm Gesellschaft zu leisten. Ihn zu baden und ihm mit der Bettpfanne zu helfen. Und dafür bist du genauso qualifiziert wie jeder andere.«

»Papa wäre es niemals recht, wenn ihm seine Tochter den Arsch abwischt. Das wäre total peinlich für alle Beteiligten.«

»Wenn man seine Meinung darüber ändert, was man geben will, ändern andere ihre Meinung darüber, was sie annehmen wollen.« Shep lächelte. Es war eine Moralpredigt, wie sie ihre Mutter nicht besser hätte halten können.

»Ich fass es nicht, dass du so was von mir verlangst! Ich sehe nicht, dass du freiwillig alles aufgibst und den ganzen Tag jemanden pflegst!«

»Ach nein? Alles aufgeben und den ganzen Tag – oder die ganze Nacht – jemanden pflegen ist genau das, was ich für Glynis tue. Während ich einen Vollzeitjob habe, den ich hasse und den ich nur deswegen behalte, damit meine Frau halbwegs krankenversichert ist.«

Das Unbehagen über ihren Fauxpas war nicht von Dauer. »Du willst, dass ich mein ganzes Leben auf Eis lege, möglicherweise auf Jahre hin! Du hast ja nur einen Job, ich dagegen verfolge eine Karriere! Und zufällig handelt es sich dabei um eine Karriere, an die Papa glaubt. Er würde es niemals wollen, dass ich aufhöre, meine Filme zu brisanten gesellschaftlichen Themen zu machen, nur um ihn zu baden! So gesehen werde ich vielleicht tatsächlich einen Dokumentarfilm über Altenpflege drehen. Und in dem Fall werde ich für sehr viel mehr Menschen sehr viel mehr Gutes tun, als ich jemals tun könnte, indem ich hier rumhänge und einen einzelnen alten Mann frage, ob er ein Glas Wasser braucht!«

»War’s das? Also nein? Ende der Durchsage?«

»Das kannst du aber glauben. Vollkommen indiskutabel. Nix da, niemals, kommt nicht infrage, vergiss es, Punkt.« Sie wirkte frustriert, weil ihr keine weiteren Verneinungen mehr einfielen.

Nach dem Verkauf des Allrounders hatte Shep bestimmt nicht erwartet, dass er mehr Anerkennung finden würde – dass man ihm bessere Tische im Restaurant zuteilen, seinen bescheidenen Ansichten mehr Gewicht beimessen würde –, nur weil er an etwas Geld gekommen war. Aber dass er dafür bestraft würde, hatte er verdammt noch mal auch nicht gedacht.

»Soll also heißen, dass ich für die Alternative aufkommen soll – ob nun Vollzeit-Pflegekraft oder irgendeine Art Einrichtung. Und was deinen Gratiseinzug in mein altes Kinderzimmer angeht, hast du Glück, denn solange Papa auch nur die geringste Hoffnung hegt, wieder nach Hause zu kommen, werde ich dieses Haus nicht auf den Markt werfen. Aber lass dir gesagt sein, dass es mir nicht leichtfallen wird, seine Pflegekosten zu übernehmen. Wegen Glynis fallen für mich enorme Kosten an, und so dicke, wie du glaubst, hab ich’s längst nicht mehr.«

»Das versteh ich nicht«, sagte Beryl ehrlich verblüfft. »Du hast doch gesagt, du bist krankenversichert.«

Shep lachte. Es war kein schönes Lachen, aber immer noch besser als zu weinen.