Mit Google zur Verlobung
Bedeutet die Ära der elektronischen Lesemaschinen eine Entzauberung der Bücherwelt? Kulturpessimisten befürchten das:
„…nie scheint Ihr Vater Ihnen ein Buch aus seinem Bestand geschenkt zu haben mit dem Hinweis, dass es einst in einer Bombennacht Schutz und Trost gespendet hat.“
Der Leserbriefschreiber hat recht, aber anders als er vielleicht vermutet. Meine Eltern haben uns drei Kindern zwar immer viel vorgelesen, aber die Bücher kamen oft aus der Stadtbücherei. Keine Ahnung, durch welche Kinderhände sie heute gehen. Vielleicht schwanken sie auch längst als Buchen im Wind.
Habent sua fata libelli, heißt es, Bücher haben ihre eigene Geschichte. Das gilt auch im Zeitalter ihrer elektronischen Reproduzierbarkeit. Zumindest geht es mir so mit einem Buch, das bei der Verlobung meiner Eltern eine Rolle spielte, 1959, sieben Jahre vor meiner Geburt.
Die beiden hatten sich als Schüler in Hannover kennengelernt, dann fast aus den Augen verloren. Mein Vater studierte in München Ingenieurwissenschaften, meine Mutter lebte nach dem Pädagogikstudium als Au-pair bei einer Familie in der nordenglischen Industriestadt Leeds. Sie schrieben sich Briefe, dann besuchte mein Vater sie im Sommer. Sie reisten mit dem Zug, per Anhalter und mit Wanderstiefeln durch Nordengland und Irland. An einem Sommernachmittag machten sie Rast an einem Dorf in den wildromantischen North York Moors unweit von Scarborough.
Mein Vater holte ein Buch aus seinem Rucksack. „Wir hatten nur das Nötigste mit“, so erzählt meine Mutter gern von diesem Tag: „und er schleppt ausgerechnet Bücher mit herum!“ Sie genießen dieses Gespräch. „Wieso, das war doch Dünndruck“, sagt mein Vater dann.
Jedenfalls begann er an jenem Sommernachmittag, ihr vorzulesen: „Hyazinth und Rosenblütchen“. Dies Kunstmärchen von Novalis handelt von einem Liebespaar, das durch eine Odyssee auseinander gerissen wird, von Sehnsucht verzehrt.
Meine Mutter bekam etwas ins Auge. Mein Vater gab ihr sein eigenes Taschentuch, das damals noch aus Baumwolle war, mit handgestickten Initialen. „Aber ich kann doch nicht dein Taschentuch nehmen“, protestierte meine Mutter. „Ach, es bleibt doch in der Familie“, sagte mein Vater. Das war der Heiratsantrag.
Drei Jahre später war das erste Kind da, sieben Jahre später ich. Novalis sollte im Fall meiner Eltern recht behalten, auch sein Märchen geht glücklich und kinderreich aus.
„Habt ihr das Buch von damals eigentlich noch?“, fragte ich meine Eltern vor kurzem. Na klar, sie zeigten es mir, ein kleines, ledergebundenes Buch, 300 Gramm leicht, mit einer Widmung von ihm an sie als Erinnerung „Zur Erinnerung an unsere erste gemeinsam gelebte Zeit“. Meine Mutter war damals 23, halb so alt wie ich heute. Fast musste ich auch nach einem Taschentuch fragen.
Gemeinsam mit meinen Eltern habe ich kürzlich Dorf Danby erkundet, umgeben von wilden Höhenzügen, mit nichts als mächtigem Farn bewachsen. Die beiden hielten Ausschau nach dem Kirchturm mit dem quadratischen Grundriss und den Fenstern wie Schießscharten. „Heureka, wir haben es gefunden“, rief mein Vater. Dort, wo die Tofts Lane auf den Gate Way stößt. Dort haben sie damals gesessen mit Novalis.
Diese nostalgische Reise haben wir nicht körperlich gemacht, sondern per Google Street View, meine Eltern saßen in Hannover am PC, ich in Berlin am iPad.
Auch den Novalis-Text fand ich nach wenigen Klicks im Netz, bei Project Gutenberg. Seitdem habe ich Hyazinth und Rosenblütchen immer dabei auf dem Handy. Das Buch hat zwar keinen Sand zwischen den Seiten. Aber fast. Denn der Prozessor ist aus Silizium, einer Art veredeltem Sand. Es ist das zweithäufigste Element des Planeten (nach Sauerstoff). Wer unbedingt daran hängt, kann also die gute alte Erlösungsmetapher der Papierfrömmigkeit beibehalten, leicht aktualisiert: So wie einst Lumpen zu Papier geläutert wurden, kann Sand sich in Märchen verwandeln, geschrieben mit Licht. Ganß neu und rein, daß Gottes Hand/ Auff dich mög seinen Willen schreiben.
Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald eine App, die auch virtuelle Whiskeyflecken auf E-Books zaubert.
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