10.

Ich fuhr in die Stadt zurück und parkte den Atlantic in der Buchanan Street, von wo ich einen ungehinderten Blick auf den Haupteingang des Alpha Hotels hatte. Gegen sechs kam ich an, und es dauerte noch eine halbe Stunde, bis Devereaux aufkreuzte. Ein Wolseley-Streifenwagen setzte ihn ab. Irgendetwas machte ich falsch. Wenn Devereaux ein Privatdetektiv war und die Polizei der Stadt Glasgow ihn mit solchen Aufmerksamkeiten überschüttete, musste ich wohl mein Rasierwasser wechseln.

Devereaux stieg aus und betrat das Hotel. Ich ließ ihm ein paar Minuten, um in sein Zimmer zu kommen; dann schloss ich meinen Wagen ab, überquerte die Straße und ging ins Foyer.

Der Portier war ein kleiner Mann um die vierzig und lächelte mich freundlich an. »Kann ich Ihnen helfen, Sir?«, fragte er.

Ich lächelte zurück. »Ja, ganz bestimmt.« Ich hatte meinen Akzent ein wenig hochgeschraubt. Normalerweise konnten Briten mich nicht von einem Amerikaner unterscheiden, vorausgesetzt, ich vermied Doppelvokale. Amerikaner sprechen Doppelvokale unbetont aus, wir Kanadier jodeln sie geradezu. Linguisten nennen es die »Kanadische Hebung«, die Amerikaner bezeichnen es einfach als Canuck. »Ich suche ’nen Kumpel von mir«, sagte ich, sorgfältig Doppelvokale vermeidend. »Dex Devereaux aus Vermont. Er wohnt in Ihrem Hotel, denke ich.«

»Richtig, Sir. Soll ich einen Pagen zu seinem Zimmer schicken, damit er weiß, dass Sie hier sind?«

»Vorher würde ich mich gern vergewissern, dass es der richtige Dex Devereaux ist. Wenn er es ist, kommt er aus Washington D. C., stimmt’s?«

Das Lächeln des Portiers hielt an. »Es tut mir leid, Sir, aber diese Auskunft darf ich nicht erteilen.«

»Schon okay«, sagte ich, »ist mir klar.« Ich nahm drei Pfundscheine aus meiner Brieftasche und legte sie auf die Empfangstheke; meine Finger nagelten sie auf der Mahagoniplatte fest.

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte der Portier, noch immer lächelnd, und die Geldscheine waren verschwunden. »Soll ich eine Nachricht hochsenden?«

»Das ist nicht nötig«, sagte eine Stimme hinter mir. Als ich mich umdrehte, stand Devereaux vor mir. Er musste im Foyer gewartet haben. »Hallo, Johnny Canuck. Ihr Talent als Schatten stinkt zum Himmel.« Er hakte mich unter. »Gehen wir ein Stück spazieren.«

***

Als wir das Hotel verlassen hatten, schlug Devereaux vor, meinen Wagen zu nehmen. Er winkte dabei vage in die Richtung, in der mein Atlantic stand. Ich vermutete, dass er ihn oder mich aus dem Fond des Polizeiautos beobachtet hatte.

»Wohin wollen Sie?«, fragte ich.

»Wo es still ist«, antwortete er, ohne dass sein Lächeln erlosch. »Wo wir reden können.«

Zehn Minuten später parkten wir unter einem Baumdach am Kelvin Way, wo er den Kelvingrove Park durchschnitt.

»Schöner Tag für einen Spaziergang«, sagte Devereaux, als er aus dem Wagen stieg. Ich folgte ihm und schloss die Türen ab. Er ging voran in Richtung der Kunstgalerie, bis wir eine Bank im Schatten eines Baumes fanden. Devereaux trug einen Anzug von genau dem gleichen Schnitt wie an dem Abend, als er mit Jock Ferguson zu mir in die Wohnung gekommen war, nur dass es sich diesmal um einen blauen Anzug handelte. Das Blau war um mehrere Schattierungen heller als alles, was ein Einheimischer jemals angezogen hätte. Ich vermutete, dass der Anzug in der New Yorker Sommerhitze ganz passend ausgesehen hätte, aber zwischen den gedämpften Tönen des tweed- und sergegeprägten Glasgow bildete er das schneiderische Gegenstück zu einer kreischenden Jazztrompete, die über einen Lautsprecher gespielt wird.

»Sie wollten also herausfinden, wer mein Hotelzimmer für mich gebucht hat?«, fragte er und legte den Strohhut neben sich auf die Bank, was die Ingenieurspräzision seines Haarschnitts wieder ans Tageslicht brachte. Er nahm ein Taschentuch hervor und wischte sich damit über die Stirn, ehe er den Trilby wieder aufsetzte.

»Das schmeckt alles sehr nach Graham Greene«, sagte ich. »Gespräche auf der Parkbank und so weiter.«

»Glauben Sie wirklich, Sie hätten auf diese Weise herausbekommen, wer mich hierher geschickt hat?«, fragte Devereaux, ohne auf meine Ablenkung einzugehen. »Wer mein Klient ist?«

»Ihr Klient?« Ich schnaubte es fast. »Wenn Sie einen Klienten haben, dann lautet sein Motto fidelitas, Bravour, Integrität

Devereaux lachte und musterte mich, als wollte er mich neu einschätzen. In seinem Blick lag ein gewisser Respekt. Und ein Hauch Löwe, der eine Antilope taxiert.

»Ja, Jock Ferguson hatte recht«, sagte Devereaux. »Sie sind ein kluges Kerlchen. Okay, Sie haben mich erwischt.«

»Wie soll ich Sie also nennen?«, fragte ich. »Special Agent Devereaux?«

»Dex reicht immer noch. Und was wir neulich abends besprochen haben, ist die Wahrheit.«

»Was zum Teufel ist dann so wichtig an John Largo, dass das FBI einen seiner Leute bis nach Glasgow schippern lässt?«

»Eigentlich bin ich geflogen. Nach London. Dann habe ich den Zug genommen. Und John Largo ist so wichtig. Weil Sie so unglaublich neugierig auf mich sind und weil Sie so eine interessante Beziehung zu den hiesigen Strafverfolgungsbehörden besitzen, hielt ich es für eine gute Idee, wenn wir beide uns mal unterhalten, ohne dass Jock Ferguson dabei ist.«

»Sie trauen Jock nicht?«

»Ich bin nur vorsichtig.«

»Aber Sie sind bereit, mir zu trauen?«

Devereaux lachte auf. »Tja, das ist eine gute Frage: Trauen Sie jemandem, der sich selbst nicht richtig traut? Ich will Ihnen was sagen, Lennox, Sie sind ein interessanter Bursche. Sie haben sich wahrscheinlich schon gedacht, dass ich mir Ihre Akte genau angesehen habe. Ihr Militärlaufbahn. Ihre Karriere nach dem Krieg. Ich weiß, dass Sie mit Gaunern zu tun haben. Ich weiß, dass Sie hin und wieder selbst ein krummes Ding gedreht haben. Und ich weiß mehr über die Geschichte im vergangenen Jahr, als Sie vielleicht für möglich halten.«

Ich gab keine Antwort. Er wusste wahrscheinlich mehr, als mir lieb war. Mehr als Jock Ferguson wusste oder wenigstens sicher wusste.

»Wie gesagt, ich kenne Ihre Militärakte. Ich weiß, was Sie im Krieg durchgemacht haben. Ich war beim Ersten Ranger-Bataillon. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich gemeldet habe, hierher zu kommen. Ich kenne Schottland. Ich habe hier mit britischen Kommandos für die Omaha-Landung geübt.«

Wieder schwieg ich. Jeder konnte was vom Krieg erzählen.

»Ich weiß auch von den ...« Devereaux unterbrach sich und suchte irgendwo in den Bäumen des Parks nach dem richtigen Wort. »... von den Schwierigkeiten, in die Sie gegen Ende Ihrer Militärzeit geraten sind. Die Anschuldigungen wegen Schwarzmarktgeschäften. Und ich weiß, dass Ihr deutscher Partner mit dem Gesicht nach unten im Hamburger Hafenbecken trieb.« Devereaux blickte mich an. »Wissen Sie, was ich sehe, Lennox? Ich sehe einen Mann, den man aus dem besten Grund überhaupt trauen kann: wegen Geld. Ich weiß nicht, was Ferguson am Laufen hat. Vielleicht gar nichts. Mir sieht es aber so aus, als nähme in dieser Stadt jeder zweite Polizist von irgendjemandem Geld. Ich bin mir sicher, dass Largo ein paar von denen in der Tasche hat. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich bezahle Sie für alles, was ich brauchen kann, um Largo zu fassen. Wenn Sie mir Informationen geben, die mich zu ihm führen, zahle ich Ihnen tausend Dollar. Das ist mehr, als Sie mit den Fällen verdienen, die Sie nebenher behandeln. Es sollte auch reichen, um jeden Interessenkonflikt zu entscheiden, falls sich einer ergibt.«

»Das ist ein interessantes Angebot, Dex.« Plötzlich fühlte ich mich ganz wohl dabei, ihn mit Vornamen anzusprechen: Die Aussicht auf hohe Geldsummen macht mich immer gewogen, meinen Bekanntenkreis zu erweitern. »Aber wenn ich ehrlich bin, bezahlen mich im Moment mehrere Personen dafür, dass ich andere Personen finde. Bisher ist meine Durchschnittsleistung ziemlich lausig.«

»Sie brauchen Largo nicht zu finden, Lennox. Finden Sie nur genug heraus, um mich in die richtige Richtung zu schicken.«

Eine Frau mit Hemdblusenkleid und geflügelter Sonnenbrille schob einen Kinderwagen von der Größe eines Taxis an uns vorbei. Devereaux zog den Hut vor ihr, und ich schloss mich an. Wir waren schon ziemlich elegant für zwei Joes aus der Neuen Welt.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, weshalb Largo so wichtig ist«, sagte ich. »Was hat er getan? George Washingtons Holzgebiss aus dem Museum geklaut?«

»Als wir neulich abends bei Ihnen waren, sprach ich davon, dass Largo etwas aufgebaut hat: eine Versorgungskette über drei Kontinente. Sehr, sehr beeindruckend. Aber noch beeindruckender ist der Weitblick. Sie und ich, wir haben im Krieg die Hölle gesehen, aber John Largo hat eine Vision von der Zukunft, die uns ganz neue Albträume bereiten würde. Haben Sie schon mal von einem Betäubungsmittel namens Heroin gehört?«

»Gehört schon«, sagte ich. »Im Krieg wurde es als Morphiumersatz verwendet. Ich habe gehört, dass Leute süchtig danach wurden, aber es macht weniger abhängig als Morphium, glaube ich. Deshalb wurde es eingesetzt.«

»Da liegen Sie falsch. Da liegt jeder falsch, was Heroin angeht. Es wurde als weniger suchterzeugender Ersatz für Morphium entwickelt, aber tatsächlich macht es stärker abhängig. Bislang war das kein Problem. Hier in England ist es nach wie vor als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen. Wenn Ihr Kind einen Husten hat, der nicht weggehen will, stellt der Arzt Ihnen ein Rezept für Herointropfen aus. Die Behörden haben erst in diesem Jahr damit begonnen, die Zahl der Heroinabhängigen zu erfassen. In ganz Großbritannien gibt es nur knapp vierhundert. Fast alle sind Ärzte oder im Gesundheitswesen tätig. Sie haben hier kein Problem. Aber wir in den Staaten haben eins, und es wird immer größer. Nach dem Harrison-Gesetz von 1914 wird Heroin bei uns überwacht, und seit über zwanzig Jahren ist es uneingeschränkt verboten.«

Er schwieg, als zwei junge Männer in schäbigen Straßenanzügen an uns vorbeikamen.

»Ich arbeite für die New Yorker Dienststelle des FBI. Letztes Jahr haben wir in Harlem einen explosionsartigen Anstieg des illegal in Umlauf gebrachten Heroins beobachtet. Diesen Sommer haben wir es mit einer Epidemie zu tun – einer Epidemie von Negern, die sich das Zeug spritzen.«

»Das also ist Largos Geschäft. Er versorgt die Schwarzen mit dem Zeug?«

Devereaux schüttelte den Kopf. »John Largo versorgt die Leute, die die Neger versorgen. Das Syndikat. Aber Largo ist nicht der einzige Lieferant des Syndikats. Glasgow ist nicht der Hauptumschlagplatz, und Largo ist nicht der einzige Exporteur.«

»Wer ist die Konkurrenz?«, fragte ich.

»Korsen. Unter uns gesagt, es gibt ein Gerücht, dass Onkel Sam eine Abmachung mit der korsischen Mafia getroffen hat, um die Kommies aus Marseille rauszuhalten. Onkel Sam in Gestalt der CIA. Die Kehrseite der Abmachung ist, dass die gleichen Korsen Heroin aus Französisch-Indochina in die Türkei und nach Marseille bringen und den Stoff an das New Yorker Syndikat abgeben. Wie es heißt, benutzt Largo eine andere Route, und das Zeug kommt hierher nach Glasgow, ehe es in die USA geht.«

Ich dachte einen Augenblick über Devereaux’ Worte nach. Dabei lehnte ich mich zurück, legte die Ellbogen auf die Rückenlehne und klappte die Krempe meines Borsalinos hoch, damit die Sonne mein Gesicht beschien.

»Warum sind Sie dann hier und nicht in Marseille? Für mich hört es sich ganz so an, als wäre Largo im Vergleich mit diesen Korsen ein kleiner Fisch.«

»Das ist er nicht. Er ist alles andere als ein kleiner Fisch. Largo bedeutet ernsthafte Konkurrenz, und die Korsen mögen Konkurrenz überhaupt nicht. Glauben Sie mir. John Largo hat von seinen dunkelhäutigen Mitwettbewerbern von der Insel mehr zu befürchten als von der Strafverfolgung. Tatsache ist, dass das Syndikat zum größten Teil aus neapolitanischen und sizilianischen Familien besteht. Zwischen den Italienern und den Korsen besteht eine alte Feindschaft. Die Korsen sind irgendwie die falsche Sorte Itaker oder so was. Und Largo unterbietet ihre Preise. Auf diese Weise schneidet er sich ein immer dickeres Stück vom amerikanischen Markt ab.«

»Wie haben Sie von ihm erfahren?«

Zwei junge Frauen gingen an uns vorbei, und erneut zogen wir die Hüte. Die Mädchen kicherten albern, ohne stehen zu bleiben. Keine Klasse, dachte ich. Die eine trug einen weißen Leinenrock, der so leicht war, dass die Sonne hindurchschien und ihre Schenkel und Hüften hervorhob. Keine Klasse, aber ein hübscher Hintern.

»Vor sechs Monaten bekam ich einen Hinweis«, sagte Devereaux. »Die Italiener reden nicht wegen ihrer Omertà, aber sie müssen mit anderen zusammenarbeiten. Innerhalb des Syndikats und außerhalb. Sie haben in ganz Harlem ein Netz farbiger Mittelsmänner gespannt. Einer von ihnen war ein Kerl namens Jazzy Johnson, der zufällig auch als Spitzel für mich arbeitete. Johnson konnte zwar nichts von besonderem Wert weitererzählen, weil sie ihn nie mehr wissen ließen, als unbedingt nötig, aber er war ein guter Spitzel, weil er sehr scharfe Ohren hatte und mir alles anvertraute, was er aufschnappte. Einmal hatte er ein Gespräch wegen einer überfälligen Lieferung belauscht, die aus Glasgow kommen sollte, und dabei fiel der Name John Largo.« Devereaux zuckte die Achseln. »Das ist nicht viel, aber wenigstens besaß ich nun einen Namen für den Drahtzieher, von dem wir wussten, dass er von Europa aus tätig ist. Davon abgesehen wissen wir nicht viel, nur dass er früher Soldat war.«

»Das waren wir doch alle«, unterbrach ich ihn.

»Stimmt, aber Largo soll ein ehemaliger Berufssoldat sein.«

»In welcher Armee?«

»Weiß ich nicht. Amerikanisch, kanadisch, vielleicht sogar britisch. Die Versorgungskette muss irgendwo in Fernost losgehen. Möglicherweise kommt John Largo aus einer britischen Kolonie wie Hongkong. Kann sein, dass er gegen die Japse gekämpft hat statt gegen die Krauts. Aber wo immer er gekämpft hat und wofür, den Gerüchten zufolge ist er ein tödlicher Hundesohn. In ganz Asien und Europa ist viel Blut geflossen, eher er alles in Schwung gebracht hatte.« Devereaux hielt wieder inne und ließ den Blick durch den Park schweifen. »Sagen Sie mal, können wir uns irgendwo die Kehle anfeuchten?«

Ich schaute auf die Uhr. »Die Wirtschaften sind offen. Ich kenne einen Pub ganz in der Nähe ...«

***

Anscheinend gibt es einen einheimischen Architekturstil, dem alle Gebäude gehorchen, die einem bestimmten Zweck dienen. Glasgower Gasthäuser schienen dem Thema Ewiges Halbdunkel verpflichtet zu sein. Sie hatten Fenster, aber die Mattierung des Glases erfüllte zwei Aufgaben: Schotten bei der ernsten Pflicht des Trinkens vor der äußeren Welt zu verbergen und alles Sonnenlicht zu einem faden, milchig weißen Schimmer zu dämpfen.

Während wir durch den Park gingen, sprachen wir nicht mehr über Largo oder das FBI, und auch nicht, als wir der Hauptstraße folgten. Stattdessen unterhielten wir uns über Vermont und New Brunswick. Verschiedene Seiten der Grenze, aber eine sehr ähnliche Lebensweise und so ziemlich die gleiche Sicht auf das Dasein. Ein paar Köpfe drehten sich in unsere Richtung, als wir in das Halbdunkel der Kneipe traten, aber wir wurden nicht weiter beachtet, als wir uns jeder einen Whisky bestellt und uns ein bisschen abseits von den anderen Gästen an einen Ecktisch gesetzt hatten.

»Sie haben doch einen Informanten. Kann er nicht noch mehr über Largo herausfinden?«

»Der findet gar nichts mehr raus, egal worüber.«

Ich sah Devereaux fragend an, und er schüttelte den Kopf. »Kampf in einer Bar. Die alte Leier ... wegen einer Frau oder einem verschütteten Drink oder einer blöden Bemerkung. Er bekam ein Messer in die Rippen.«

»Verstehe«, sagte ich, und ein flüchtiger Gedanke, dass Glasgow vielleicht ein Zwillingsbruder Harlems sein könnte, hastete davon. »Haben Sie andere Spuren?«

»Nein.« Zum ersten Mal sah ich Devereaux geradezu düster. Aber das konnte auch am Pub liegen.

»Hören Sie zu«, sagte ich, »und verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will ja nicht feilschen, aber tausend Dollar sind keine große Belohnung für Informationen, die das FBI zu jemandem führen, der so eine große Nummer ist wie dieser Largo und zu dem Sie so wenige Hinweise haben.«

»Wir haben andere Prioritäten. Hauptsächlich die Kommies. Dank Hoover und McCarthy haben wir die letzten fünf, sechs Jahre mit der Jagd nach roten Gespenstern verbracht, während das Syndikat nach Herzenslust morden konnte. Das meine ich wörtlich. Außerdem nehmen meine Bosse Largo nicht so wichtig wie ich. Sie betrachten die French Connection, wie sie es nennen, als die größte Gefahr. Und um ehrlich zu sein, soweit es meine Vorgesetzten betrifft, ist das Problem gar kein Problem, solange es sich auf Harlem beschränkt. Würde sich das alles in Upper Manhattan oder Nassau County abspielen, hätten wir eine Sonderabteilung mit einer Million Dollar Budget. Aber Harlem ... da wohnen ja nur Nigger.«

Ich atmete ein und langsam wieder aus. Alles passte zusammen. »Falls ich etwas über Largo erfahre«, sagte ich, »können Sie die Belohnung behalten. Sie bekommen die Informationen kostenlos. Wie schon gesagt, eine Menge Leute bezahlen mich, damit ich Leute suche, die ich nicht finden kann.«

Devereaux starrte mich an, als wäre er sich unschlüssig, ob ich es ernst meinte. »Warum, Lennox?«

»Sie mochten diesen Farbigen? Jazzy?«

»Er war ein billiger Ganove.«

»Aber Sie mochten ihn?«

»Ich glaub schon.«

»Der Grund, weshalb die Belohnung nur tausend Dollar beträgt, ist doch der, dass Sie es aus eigener Tasche bezahlen, oder?«

Devereaux seufzte. »Niemand sieht das Gesamtbild! Diese Menschen leben in der Scheiße, und Heroin macht für sie jeden Tag zum Feiertag. Angeblich ist es ein unglaubliches Gefühl, das Sie ganz woandershin bringt, in ein Universum abseits aller Ihrer Probleme – aber es verwandelt Ihr Gehirn in Brei und macht Sie für den Rest Ihres Lebens zum Sklaven. Und darum, mein Freund, ist es das Geschäft des Jahrhunderts für Verbrechersyndikate. Auf keinen Fall wird es auf Harlem oder Watts oder Englewood beschränkt bleiben. Und selbst wenn – ich bin nicht zum FBI gegangen, um zuzusehen, wie Menschen langsam verrotten, während das organisierte Verbrechen an ihnen verdient. Wie gesagt, alles, was ich in Ihrer Wohnung erzählt habe, ist wahr. Meine Ermittlung hier ist privater Natur. Oder halb privater. Das Bureau hat eingewilligt, meinen Flug und meine Unterkunft zu bezahlen und mir eine Art offiziellen Auftrag zu erteilen, damit die Glasgower Polizei mir nicht quer kommt. Aber wenn ich nichts liefere ... wenn ich ganz wörtlich nichts liefere, sehe ich einer langen, glücklichen Karriere im Archiv entgegen.«

»Was meinen Sie mit ›wörtlich nichts liefern‹?«

»Die New Yorker Polizei hat mit den Folgen dessen zu tun, was in den letzten beiden Sommern auf den Straßen in Harlem passiert ist. Dadurch sind die New Yorker Streifenpolizisten unsere besten Informationsquellen geworden. Und von ihnen erfahren wir, dass es in der Versorgungskette einen Schluckauf gegeben hat. Vor ungefähr drei Wochen sollte eine Lieferung eintreffen, aber sie blieb aus. Deshalb sind eine Menge nervöser Kunden auf den Straßen. Und nach allem, was ich weiß, ist das Zeug noch immer nicht angekommen. Deshalb bin ich hier. Es hat irgendeinen Knoten gegeben. Ich vermute, dass John Largo deshalb hier in Glasgow ist. Hoffen wir, dass es ein großer Knoten ist und dass ich genug Zeit habe, ihn zu finden.«

»Was ist mit dem Transport des Rauschgifts? Haben Sie mit den Hafenbehörden gesprochen? Möglicherweise können Sie alle verirrten Frachten finden. Ich habe einen Gewährsmann ...«

Devereaux hob die Hand. »Sie verstehen mich falsch. Hier geht es nicht um Waffenschmuggel.« Er schoss mir einen vielsagenden Blick zu: Er wusste wirklich mehr über die Geschehnisse im letzten Jahr als Jock Ferguson. »Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie keinen Frachter brauchen, um das Zeug zu transportieren. Die Ladung ist klein und kann überall versteckt werden. Ein Koffer voll Heroin in reiner Form wäre hunderttausend Dollar wert.«

»Ist die Glasgower Polizei darüber im Bilde?«

»Teilweise. Für das Heroin hat man kein müdes Achselzucken übrig, aber man möchte sehr gern dabei gesehen werden, wie man Onkel Sam hilft.« Devereaux lächelte ironisch. »Wissen Sie, wir haben gerade die Welt gerettet.«

»Das haben Sie.« Ich ließ das bittere schottische Bier stehen und nahm lieber einen Schluck von dem Whisky zum Nachspülen. »Das haben Sie.« Ich blickte auf die Uhr und hatte plötzlich eine Idee. »Haben Sie Ihre FBI-Dienstmarke dabei?«

Devereaux runzelte die Stirn. »Sicher. Wieso?«

»Weil Sie jemandem den Tag retten könnten.«

***

Auf dem Weg nach Blanefield gab ich Devereaux einen Überblick und berichtete ihm von Kirkcaldy und dem bevorstehenden Kampf gegen den deutschen Titelverteidiger.

»Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie das für mich tun, Dex«, sagte ich, als wir hinter dem flaschengrünen Rover hielten. Sneddon erlaubte, dass er als ständiger Beobachtungsposten benutzt wurde. Davey Wallace saß am frühen Abend darin, Twinkletoes bis um ein Uhr morgens, und dann schickte Sneddon einen anderen Schläger, der bis Tagesanbruch wachte. Davey versah seine Pflichten weiterhin mit grimmiger Entschlossenheit und notierte sich alles, was geschah. Als er Twinkletoes zum ersten Mal begegnet war, hatte er mehr als nur eingeschüchtert gewirkt, doch Twinkletoes verhielt sich Davey gegenüber wie ein lieber Onkel. Was ich noch furchterregender fand.

Ich klopfte an das Fenster des Rover, und Davey öffnete die Tür und kam heraus. Ich rechnete fast damit, dass er Habtachtstellung einnahm.

»Na, wie geht’s, Davey?«, fragte ich.

»Gut, Mr. Lennox, sehr gut«, sagte er. Er warf einen Blick auf Devereaux, der neben mir stand. »Es tut mir leid, aber eigentlich habe ich nichts zu berichten. Ich habe das Haus aber nicht aus den Augen gelassen, da können Sie sich auf mich verlassen, Mr. Lennox.«

»Das weiß ich, Davey. Ich habe jemanden mitgebracht, damit er dich kennenlernt. Ich habe Dex erzählt, dass du stundenweise für mich arbeitest und was für einen guten Job du machst.«

»Dex Devereaux«, sagte der Amerikaner ernst. Ehe er Davey die Hand schüttelte, griff er in die Innentasche seiner Jacke und zog ein Ledermäppchen heraus. Er klappte es auf, und im Abendlicht blitzte es golden. »Special Agent Dex Devereaux, FBI.«

Es brauchte einige Mühe, aber ich schaffte es, ein Grinsen zu unterdrücken, als ich Daveys Reaktion beobachtete. Wie gebannt starrte er mit großen Augen und aufgerissenem Mund auf Devereaux’ FBI-Marke. Ehe er wieder in Devereaux’ Gesicht blickte, schien eine Ewigkeit zu vergehen. Devereaux steckte die Dienstmarke weg und schüttelte Davey die Hand.

»Mr. Lennox hat mir erzählt, dass Sie verdammt gute Arbeit für ihn machen. Ganz prima. Es ist immer gut, einen anderen Ermittler kennenzulernen. Machen Sie weiter so, Davey.«

»Dex ermittelt hier für das FBI. Aber das bleibt unter uns, Davey«, sagte ich so ernst, wie ich konnte.

»Sicher. Klar doch. Ich würde kein Wort sagen, Mr. Devereaux, ganz bestimmt nicht.« Davey plapperte wie ein Kind, das einem hoch und heilig etwas verspricht. Doch diese Kindlichkeit machte mir Sorgen. Davey war noch ein halbes Kind. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ihn nicht in Gefahr brachte, doch absolute Gewissheit gab es nicht. »Sie können sich drauf verlassen, dass ich es für mich behalte«, sagte Davey in seinem jungenhaften Ernst.

»Ich weiß«, erwiderte Devereaux. »Wir sind schließlich Kollegen.«

»Du hast bestimmt eine Menge Fragen an Dex«, sagte ich und bot beiden eine Zigarette an, ehe ich mir selbst eine ansteckte. »Ist Bobby Kirkcaldy zu Hause?«

»Jawohl, Sir«, antwortete Davey. »Er ist vor ungefähr anderthalb Stunden mit seinem Onkel vom Training gekommen.«

»Okay. Unterhaltet ihr beide euch ein bisschen. Ich gehe hinein und schaue mal nach, ob es was Neues gibt.«

Ich überließ sie ihrem Plausch und sah, wie Devereaux seine Dienstmarke noch einmal herausnahm und sie Davey reichte. Ich mochte Devereaux. Zugleich aber ärgerte er mich. Er erinnerte mich an ein paar Männer, die ich im Krieg kennengelernt hatte. Männer, die alle möglichen schlimmen Dinge gesehen hatten und es dennoch schafften, ihre Menschlichkeit und ihr Ehrgefühl intakt zu halten. Viele von der Sorte hatte es nicht gegeben. Und ich hatte nicht dazugehört.

Wieder kam Onkel Bert Soutar an die Tür. Er war charmant wie immer. Als ich sagte, dass ich Kirkcaldy sprechen wollte, wandte er mir den Rücken zu und ging voraus über den terrakottagefliesten Gang.

Diesmal war Bobby Kirkcaldy nicht im Wohnzimmer. Soutar ging mit mir bis ans Ende der Diele, öffnete eine Tür und führte mich ein paar Stufen hinunter. Wir kamen in einen Raum, der aussah, als wäre er ursprünglich für eine eingebaute Doppelgarage mit Werkstatt vorgesehen gewesen. Kirkcaldy hatte ihn in eine Trainingshalle umwandeln lassen: Ich sah drei Hantelbänke, ein Gestell mit Gewichten und mehrere Freihanteln in einer Ecke auf dem Betonboden, außerdem zwei schwere Sandsäcke, die wie große Wurstpendel von dicken Deckenketten hingen, und eine Boxbirne an einer Wandhalterung. Bobby Kirkcaldy stand mitten in dem Raum und trug so etwas wie lange Unterhosen mit Boxershorts darüber. Die Luft war erfüllt von dem peitschenden Geräusch, das Kirkcaldys Springseil erzeugte. Seine Füße machten nur die minimal erforderlichen Bewegungen, doch es sah aus, als würden sie gar nicht den Boden berühren. Er beachtete mich nicht, als ich die Treppe herunterkam, und beendete in Ruhe seine Übung. Dann wischte er sich das Gesicht mit dem Handtuch ab, das er sich um den Hals geschlungen hatte.

»Und?«, fragte er ohne Umschweife. Er atmete schwer. Ich war überrascht, wie sehr er außer Puste war: Ich hatte gesehen, wie er nach Punkten gewann, ohne allzu sehr ins Schwitzen zu geraten; deshalb wäre ich erstaunt gewesen, wenn er so kurz vor einem wichtigen Kampf seine Fitness vernachlässigt hätte.

»Ich wollte nur sehen, dass alles in Ordnung ist. Wie Sie wissen, beobachtet jemand die meiste Zeit über ...«

»Das Jüngelchen?« Soutar war es, der mich unterbrach. Vielleicht hatte er deshalb so eine Visage – weil er zu oft jemanden unterbrach. »Was soll der Knabe denn tun, wenn irgendwas passiert? Er sieht aus wie zwölf.«

»Das täuscht«, widersprach ich mit gespielt beleidigtem Unterton. »Ich würde niemals jemanden unter dreizehn beschäftigen, außer natürlich zum Kaminkehren.«

Onkel Bert machte einen Schritt auf mich zu.

»Bert ...«, sagte Kirkcaldy leise, und Soutar zügelte sich und erlaubte mir erneut, mir auszumalen, wie peinlich es wäre, von einem Rentner zusammengeschlagen zu werden. Kirkcaldy wandte sich mir zu. »Sie können den Burschen abziehen. Seit Wochen ist nichts mehr passiert, und es gefällt mir nicht, ständig überwacht zu werden. Wenn ich den Wunsch hätte, hätte ich mich längst an die Polizei gewandt.«

»Hören Sie, Mr. Kirkcaldy, ich tue nur meinen Job. Mr. Sneddon hat ein Interesse an Ihnen, und dieses Interesse schütze ich. Wenn Sie sagen, dass es keinen weiteren Ärger mehr gegeben hat, dann gut. Ich melde es Sneddon und erhalte von ihm Anweisungen. Bis dahin sind wir in einem freien Land, und wenn Mr. Sneddon ein Auto auf der Straße parken und es von jemandem bewachen lassen möchte, dann kann niemand was dagegen tun.«

»Sind Sie fertig?« In Kirkcaldys Stimme lag keinerlei Aggressivität. Er war kühl wie immer. Das machte ihn im Ring so tödlich.

»Nicht ganz. Die Sache ist sehr merkwürdig, wenn ich mal so sagen darf. Sie erhalten Warnungen und Drohungen und sagen niemandem etwas davon, bis Ihr Manager zufällig zur falschen Zeit hier ist und es mitkriegt. Und seit ich an der Geschichte arbeite, überschlagen Sie sich geradezu, mir zu versichern, dass nichts weiter los ist.«

»Es ist auch nichts los. Und ich habe nichts davon erzählt, weil es absolut nichts zu bedeuten hat. Offensichtlich hat jemand versucht, mir Angst einzujagen. Das hat nicht geklappt. Es wird niemals klappen, und der oder diejenigen haben aufgegeben.«

»Was ist mit Ihnen, Opa?« Ich wandte mich an Soutar. Tief in den Falten, Runzeln und Polstern aus geschwollenem Fleisch funkelten seine Augen hart und schwarz. »Was halten Sie davon? Glauben Sie, jemand versucht, Mr. Kirkcaldy einzuschüchtern? Was meinen Sie als Experte dazu?«

»Was zum Henker meinen Sie damit?«, fragte er näselnd.

»Ich meine das Manipulieren von Kämpfen. Davon verstehen Sie doch einiges. Ich habe mit einem alten Amigo von Ihnen gesprochen, Jimmy MacSherry. Er hat ein bisschen über die guten alten Zeiten geplaudert.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte Kirkcaldy.

»Nur dass Onkel Bert eine bewegte Vergangenheit hat. Liege ich richtig mit meiner Vermutung, dass Sie mit einem Buchmacher zusammengearbeitet haben? Beim Verschieben der Kämpfe?«

»Sie sollten sich lieber um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern ...« Soutar verbarg die Drohung in seiner Stimme mit der Subtilität eines Scheißhaufens in einer Teetasse.

»Aber wahr ist es trotzdem, oder?« Ich trieb es auf die Spitze. »Sie haben sich mit einem Aufsteiger zusammengetan. Ich vermute, er wurde Buchmacher. Small Change MacFarlane?«

»Was soll das? Was wollen Sie eigentlich damit sagen?« Kirkcaldy kam näher. Das war keine Drohung, im Gegenteil: Er machte sich bereit, den alten Soutar aufzuhalten, sollte der sich auf mich stürzen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Vielleicht gar nichts. MacFarlane ist tot, und seinen Mörder hat man erwischt. Aber vielleicht steckt doch etwas dahinter. Und wenn das so sein sollte, finde ich es heraus.«

***

Ich ließ sie in der Turnhalle zurück und ging allein zur Tür. Der Gedanke, den Flur entlangzugehen und Soutar im Rücken zu haben, verursachte mir ein Prickeln zwischen den Schulterblättern.

Ich ging zu den geparkten Wagen. Devereaux hielt noch immer Hof für Davey, der jedes Wort des FBI-Agenten in sich aufsaugte.

»Probleme?«, fragte Devereaux, als ich die beiden erreichte. Offenbar konnte er Gesichter gut lesen. Oder Gedanken. Vielleicht hielt das FBI in Quantico einen Kursus dafür ab.

»Unzufriedener Kunde. Anscheinend findet er meinen Service zu aufdringlich.«

Wir ließen Davey in heller Aufregung zurück, und ich fuhr Devereaux zu seinem Hotel.

»Danke, dass Sie das gemacht haben, Dex«, sagte ich, als Devereaux aus dem Wagen stieg. »Davey ist ein armer Kerl. Er wohnt in einem beschissenen Haus und hat einen Scheißjob mit Scheißaussichten. Sie haben dafür gesorgt, dass er dieses Jahr nie vergisst.«

»Gern geschehen, Lennox. Er ist ein guter Junge. Aber jetzt schulden Sie mir was.«

»Alles, was ich höre, hören Sie auch.«

»Okay, Lennox. Passen Sie auf sich auf.«

Ich sah Devereaux hinterher, einem großen Mann mit hellem Anzug und Strohhut, als er die Straße zum Hotel überquerte. Was immer das FBI seinen Agenten in Quantico beibrachte – ihr Amerikanertum hinauszuschreien stand offenbar nicht auf dem Lehrplan.

***

Nachdem ich Devereaux in der Buchanan Street abgesetzt hatte, parkte ich und ging die paar Blocks zum Hotel Imperial.

May Donaldson und ich hatten eine Abmachung.

May war geschieden. Glasgow war nicht New York oder das London der Oberschicht, und die Glasgower Ansichten über Scheidung fielen weniger fortschrittlich aus. Dass May am Scheitern der Ehe unschuldig gewesen war, spielte keine Rolle: Jede Scheidung, egal aus welchem Grund und in welcher sozialen Schicht, setzte eine Frau weit außerhalb jeder presbyterianischen Achtbarkeit. May und ich waren ein paar Mal zusammen im Bett gewesen; trotzdem wollte ich gern glauben, dass ich sie nie wirklich benutzt hatte. Andererseits glaubte ich auch gern, dass es den Weihnachtsmann gab.

Ich fand May, wo ich sie erwartete, hinter dem Tresen in der Bar des Hotels Imperial. May hatte eine atemberaubende Figur, aber ein völlig langweiliges Gesicht, das oft von Traurigkeit oder Erschöpfung überschattet war. Als ich in die Bar kam, trug sie eine konservative weiße Bluse und einen schwarzen Rock, die übliche Bekleidung der Hotelangestellten. Die Gäste sollten eher an Kellnerinnen denken als an Bardamen. May hatte mir schon einen Bourbon eingeschenkt, ehe ich die Theke erreichte.

»Was ist los, Lennox? Hast du Arbeit für mich?«, fragte sie mit einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte.

»Ja, aber nicht das Übliche«, sagte ich. May übernahm hin und wieder die Aufgabe von mir, sich zu einer verabredeten Zeit in einem Hotelzimmer einzufinden und sich voll bekleidet unter die Bettdecke zu legen. Neben ihr lag dann ein voll bekleideter Mann im zumeist mittleren Alter. Ich kam anschließend mit einem Hotelangestellten ins Zimmer, und ein paar Monate später berichteten wir alle einem Scheidungsrichter von dem Vorfall, als wäre es keine abgekartete Sache gewesen, obwohl jeder es wusste. Das britische Gesetz gestattete die Scheidung, aber nur auf britische Art: bürokratisch, langwierig und mehr als nur ein bisschen anrüchig. Was mir wunderbar ins Konzept passte. Mit inszenierten Ehebrüchen, um eine Scheidung zu rechtfertigen, hatte ich schon viel Geld verdient.

»Was meint du damit, nicht das Übliche?« May sah mich mit solchem Misstrauen an, als hätte sie den Verdacht, ich wollte ihr vorschlagen, ihre Mutter als Sklavin nach Marokko zu verkaufen.

»Keine Bange, nichts Unerlaubtes. Ich versuche mit einer jungen Frau in Verbindung zu treten, die in einem Wohnheim der Corporation wohnt. Die Vorsteherin will mich nicht reinlassen, und ich kann nicht vor der Tür parken, bis sie sich zeigt.«

May zog eine bereits gewölbte Augenbraue hoch.

»Nicht dass du den falschen Eindruck bekommst«, sagte ich. »Ich suche einen Vermissten, und das Mädchen war vielleicht die Letzte, die den Burschen gesehen hat, ehe er verschwunden ist. Ich möchte, dass du sie aufsuchst und sie bittest, sich mit mir zu treffen, damit ich ihr ein paar Fragen stellen kann. Wenn sie dir sagen kann, wo der Kerl zu finden ist, reicht mir das auch.«

»Wann?«

»Wann bist du hier fertig?«

»Meine Schicht ist um neun zu Ende.«

Ich schaute auf die Uhr. Wir hatten viertel nach acht. Natürlich hätte ich bleiben, meinen Bourbon trinken und mit May schwatzen können, bis ihre Schicht zu Ende war, aber das hätte uns beide in Verlegenheit gebracht. »Gut, ich hole dich ab.«

Ich trank den Bourbon halb aus, um den Anschein zu wahren, bezahlte und ging hinaus zu meinen Wagen. Wenn ich mir überlegte, dass ich mit May etliche Male intim gewesen war, deprimierte mich das sterile, geschäftsmäßige Gespräch, das wir gerade geführt hatten, ein wenig. Andererseits war auch unsere Intimität meist steril und geschäftsmäßig gewesen.

Ich versuchte Lorna aus der Telefonzelle an der Ecke Bath Street zu erreichen. Noch immer nichts. Ich schaute wieder auf die Uhr. Ehe ich zu Lorna fahren könnte, wäre es zehn.

***

Nachdem ich die halbe Stunde totgeschlagen hatte, ging ich May abholen. Sie kam in einem leichten Mantel und einem hübschen schwarzen Hut aus dem Hotel. Die Kleidungsstücke wirkten wie neu, aber ich hatte May schon öfter darin gesehen, als ich zählen konnte. Während der Rest Schottlands die Sparmaßnahmen allmählich hinter sich ließ, musste eine geschiedene Glasgowerin, die hinter der Theke schuftete, weiterhin zusehen, dass ihre Garderobe möglichst lange hielt.

Ich schaltete das Radio ein, während wir nach Partick fuhren. Mel Tormé sang und ersparte uns beiden die Mühe, ein Gespräch zu beginnen. Ich weiß nicht, was zwischen May und mir vorging, aber es beruhte auf Gegenseitigkeit. Es war beinahe so, als stünden wir beide kurz davor, die Vergangenheit hinter uns zu lassen und andere Menschen zu werden. Und jeder bedeutete für den anderen eine peinliche Erinnerung daran, wer man gewesen war.

Wir hatten den halben Weg nach Partick hinter uns, als May meine These bestätigte. »Ich habe jemanden kennengelernt, Lennox«, sagte sie widerstrebend. »Einen Witwer. Er ist älter als ich, aber ein guter, freundlicher Mann. Er hat zwei Kinder.«

»Kommt er aus Glasgow?«, fragte ich. Wenn sie verneinte, wusste ich, dass der Trottel eine Fahrkarte raus aus der Stadt bedeutete. May hatte in der Vergangenheit keinen Zweifel daran gelassen, wie sehr sie Glasgow hasste. In der Vergangenheit, in der Vorvergangenheit und im vollendeten Perfekt.

»Nein. Er hat einen Hof in Ayrshire. Wusstest du, dass mein geschiedener Mann auch Bauer war?«

»Du hattest es mal erwähnt«, sagte ich. Meist im Zustand der Trunkenheit, fügte ich im Stillen hinzu. »Bist du glücklich mit ihm?«

»Sagen wir mal so ... Ich bin nicht mehr unglücklich mit ihm. Das reicht mir. Wir brauchen einander. Ich komme gut mit seinen Kindern aus, und sie sind in einem Alter, in dem sie eine Mutter brauchen.«

Ich lächelte sie an. »Ich freue mich für dich, May. Wirklich. Ich nehme an, es gibt einen Grund, dass du mir das erzählst.«

»Ich kann nicht mehr für dich arbeiten. Heute Abend ist das letzte Mal. George weiß nicht, dass ich dir bei diesen Scheidungsfällen geholfen hat, und er darf es auf keinen Fall erfahren. Wir ziehen einen klaren Schlussstrich und lösen uns völlig von der Vergangenheit.«

»In Ayrshire?« Ich konnte meine Verwunderung nicht unterdrücken. »Ayrshire ist die Vergangenheit. Um genauer zu sein, es ist das achtzehnte Jahrhundert.«

»Nein«, sagte sie kühl. »Wir gehen nicht nach Ayrshire. Du wirst lachen, aber ...«

»Sag schon.«

»Wir gehen nach Kanada. Wir wandern aus. Dort werden Bauern gesucht.«

Ich lachte nicht. Im Gegenteil, meine Reaktion überraschte mich. Etwas Stechendes durchfuhr unangenehm meine Eingeweide, und ich begriff, dass es Neid war.

»Wohin in Kanada?«

»Saskatchewan. Bei Regina.«

Wir hielten außerhalb von Craithie Court. Ich schaltete Mel Tormé mitten im Schmachten ab. »Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.«

»Noch etwas, Lennox. Es wäre am besten, wenn du mich zu Hause nicht mehr anrufen würdest.«

Ich bedeckte ihre Hand. Sie unterdrückte den instinktiven Impuls, die Hand zurückzuziehen, aber zu langsam, als dass ich nicht gespürt hätte, wie sie sich anspannte.

»Schon gut, May. Ich verstehe. Ich hoffe wirklich, alles läuft so, wie du es dir vorstellst. Das ist unsere letzte Zusammenarbeit, okay. Ich rufe dich auch nicht mehr an.«

Sie lächelte. Es wäre nett gewesen, wenn ein wenig Traurigkeit in ihrem Lächeln gelegen hätte, aber die Vorstellung, mich nicht mehr wiederzusehen, schien sie grenzenlos aufzuheitern. Auf manche Frauen habe ich so eine Wirkung.

Ich ging noch einmal mit ihr durch, was sie Claire Skinner sagen sollte, und schärfte ihr noch einmal Sammy Pollocks Namen ein. May stieg aus und ging zu dem Wohnheim. Dass sie nicht direkt wiederkam, wertete ich als gutes Zeichen.

Nach einer halben Stunde stieg sie wieder in den Wagen. Ihr Gesicht war rot, ihre Miene finster.

»Fahr um die Ecke«, stieß sie hervor, ohne mich anzusehen. »Sie beobachtet wahrscheinlich das Auto.«

Ich tat, was May von mir verlangte. »Was ist los?«, fragte ich, als wir wieder hielten.

»Ich weiß es nicht, Lennox, aber das Mädchen ist völlig verängstigt. Sie sagt, sie würde auf keinen Fall herauskommen und mit dir reden. Sie weiß nicht, wo Sammy Pollock ist, sagt sie, und wenn sie es wüsste, würde sie es dir nicht verraten. Sie markiert nicht, Lennox, sie hat wirklich furchtbare Angst.« May runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, womit du es zu tun hast, aber sei bloß vorsichtig. Jemand hat das arme Mädchen fast zu Tode geängstigt.«

»Okay. Ich werde wohl warten müssen, bis sie im Pacific auftritt, und dann versuchen, mit ihr zu reden.«

»Dann hättest du Glück. Ich glaube, sie wird nicht vor die Tür gehen.«

»Alles in Ordnung mit dir?«

May sah mich kurz an, seufzte und lächelte. »Mir geht es gut. Das Mädchen war nur so schrecklich aufgeregt. Ich dachte schon, sie geht mir an die Kehle.«

»Tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht ...«

»Schon gut. Ich werde damit fertig.« Plötzlich galt Mays Aufmerksamkeit irgendetwas, das sie durch die Windschutzscheibe sah.

»Guck mal«, sagte sie.

»Ist sie das?«

Ich folgte Mays Blicken zu der Kreuzung ungefähr zweihundert Meter entfernt, wo eine junge Frau Anfang zwanzig über die Straße eilte. Sie kam aus Richtung Craithie Court. Aus dieser Entfernung wirkte sie ziemlich attraktiv, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Glasgowerinnen meist nur aus der Entfernung attraktiv wirken oder wenn man sie durch eine bourbongefärbte Brille betrachtet. Die Frau vor uns war vollschlank und zeigte an Hüften und Fußgelenken eine gewisse Massigkeit. Sie trug eine blaue Bluse und eine hellgraue Jacke; die Jacke hatte sie ausgezogen und trug sie über dem Arm. Jede ihrer Bewegungen drückte Dringlichkeit aus.

»Du hattest sie noch gar nicht gesehen?« May wirkte überrascht. »Ja, das ist sie.«

Wir beobachteten, wie sie zur Straßenecke ging.

»Kannst du fahren, May?«, fragte ich. Es war seltsam, aber das gehörte zu den Tausend Dingen, die ich nicht über May wusste.

Sie schüttelte den Kopf. Ich zückte meine Brieftasche und gab ihr alles, was ich hatte, bis auf zwei Pfundscheine. Es kamen etwas mehr als dreißig Pfund zusammen. Ich drückte ihr das Geld in die Hände.

»Das ist für deine Hilfe heute Abend. Ich muss hinter der Frau her, also musst du dein Taxi davon bezahlen. Vielen Dank, May.«

»Das ist viel zu viel, Lennox.«

»Dann nimm es als Hochzeitsgeschenk«, erwiderte ich. Ich stieg aus, und May verließ ebenfalls den Wagen. »Tut mir leid, dass du mit dem Taxi nach Hause fahren musst.«

»Schon okay«, sagte sie.

Ich blickte ungeduldig die Straße hinauf zu der Ecke, wo Claire Skinner gerade außer Sicht verschwand. Dann wandte ich mich wieder May zu. Sie machte den Eindruck, als wollte sie irgendeinen Gedanken ausdrücken, irgendetwas in Worte fassen.

»Schon gut, May«, sagte ich. »Wir sehen uns.«

Sie nickte und wich meinem Blick aus. »Danke«, sagte sie. »Auf bald.« Dann wandte sie sich abrupt ab, ging forsch die Thornwood Road hinunter Richtung Dumbarton Road und verschwand aus meinem Leben.

Ich setzte mich wieder in den Atlantic. Wahrscheinlich hatte Claire Skinner meinen Wagen vor dem Wohnheim nicht entdeckt, und mein Gesicht war ihr völlig unbekannt. Mein freundlicher Abschied von May hatte mich zu viel Zeit gekostet, um Claire zu Fuß zu folgen; ich hätte eine zu weite Strecke zurücklegen müssen. Jetzt wurde es schwierig. Jemanden, der zu Fuß unterwegs ist, mit dem Auto zu beschatten, stellt immer ein Problem dar. Ich vermutete jedoch, dass Claire in einen Bus oder eine Straßenbahn springen oder ein Taxi heranwinken würde. Ich hatte nicht die leiseste Idee, wohin sie wollte, war mir aber ziemlich sicher, zu wem sie wollte. Ich sah sie wieder, als ich um die Ecke bog. Ihr hastiger Spurt hatte sich zu einem schnellen Gehen verlangsamt, was an einem schwülen Glasgower Sommerabend ebenfalls recht anstrengend war. Sie blickte auf die Uhr, aber ich wusste, dass sie nicht zu einer Verabredung ging: Mays unerwünschter Besuch hatte sie zu ihrem plötzlichen Aufbruch veranlasst.

Ich holte sie ein und musste mit normalem Tempo an ihr vorbeifahren. Ich beschloss, weiter die Straße hinauf den Wagen stehen zu lassen und ihr zu Fuß zu folgen. Ein Auto, das im Schritttempo fährt, ist zu auffällig. Ich fuhr an den Bordstein und orientierte mich rasch, wo ich mich befand. Fairlie Park Drive. Ich wollte gerade aussteigen, als Claire eilig an mir vorbeiging, ohne in meine Richtung zu schauen. An der Ecke Crow Road stand eine Telefonzelle. Claire ging hinein. Sie führte ein kurzes Gespräch, kam wieder heraus und wartete vor der Zelle. Ich schaute auf ihre Füße, die unter ihren dicken Fesseln zu klein wirkten und Tanzschritte von links nach rechts andeuteten. Ich beschloss zu bleiben, wo ich war. Vielleicht war der Berg auf dem Weg zum Propheten.

Nach ungefähr zehn Minuten winkte Claire. Ein schwarzes Taxi hielt, und sie stieg ein. Ich ließ ein anderes Auto zwischen uns, ehe ich losfuhr.

***

Das Taxi verließ die Stadt in südlicher Richtung. Wir durchquerten Pollockshields – was mich daran erinnerte, dass ich später dorthin zurück musste –, dann Pollocksshaws, Giffnock und Newton Mearns. Während ich eben noch eine kompakte, beengende Zusammenballung aus Stein, Ziegeln und Stahl, Fabriken, Hochöfen und Mietskasernen durchquert hatte, fand ich mich Augenblicke später in offener, fast leerer Landschaft wieder. Das war eine der Eigenarten Glasgows, an die ich mich nie gewöhnen würde.

Wir waren auf der Hauptstraße nach Süden, nach Carlisle, einer schwarzgrauen Narbe auf einer runzligen grünen Decke, die sich zu beiden Seiten so weit ausbreitete, wie mein Blick reichte. Solange wir auf der Hauptstraße blieben, konnte ich mich leicht im Verkehr verbergen; als das Taxi auf eine Landstraße abbog, wurde es schwieriger. Nach erneutem Abbiegen gelangte das Taxi auf eine noch schmalere Straße. Sie führte zu nur einem Ziel; man musste einen Grund haben, um diese Abzweigung zu benutzen. Ich hielt mich zurück und ließ einen Abstand zwischen mir und dem Taxi entstehen. Die Straße führte an den Rand eines überfluteten Steinbruchs, der in der Sonne wie ein schlammbraunes Auge aussah.

An einer Kurve verlor ich das Taxi aus den Augen; aber ich machte mir keine Gedanken, denn es konnte nirgendwohin verschwinden. Ein leichter Druck aufs Gaspedal, und ich wäre wieder auf Sichtkontakt heran. Doch als ich um die Biegung kam, sah ich plötzlich das Heck des Wagens vor mir. Er hielt vor dem Tor eines Bauernhofs. Ich fuhr weiter, ohne in die Richtung zu schauen. Erst als ich vorbei war, sah ich im Innenspiegel, wie Claire Skinner ausstieg und dem Fahrer ein paar Geldscheine reichte. Sie wartete nicht auf Wechselgeld, sondern drehte sich um, öffnete das Tor und folgte einem Pfad, der mir sehr nach Feldweg aussah.

Bingo!

Ich fuhr weiter die Straße hinunter, bis ich an die nächste Kurve gelangte. Im Innenspiegel beobachtete ich, wie der Taxifahrer mit Mühe wendete, indem er dreimal vor und zurück setzte; dann fuhr er in Richtung Landstraße. Ich bog scharf nach links ab. Ein Stück weiter erhob sich ein Wäldchen neben der Straße. Ich fuhr den Atlantic auf die Grasböschung, sodass die beiden Reifen auf der Fahrerseite noch auf dem Asphalt standen. Ich war mir halbwegs sicher, dass der Wagen vom Feldweg und von den Gebäuden, die ich an seinem Ende vermutete, nicht zu sehen war.

Zu Fuß durchquerte ich das Wäldchen, bis ich von seinem Rand aus einen ungehinderten Blick über die Felder hatte. Die Sonne stand niedrig am Abendhimmel, weichte Kanten auf und übergoss die Welt mit warmen Farben. Kurz entdeckte ich Claires Kopf; dann verschwand er außer Sicht, als der Weg sich zwischen den Böschungen absenkte. Für wie lange Claire verschwunden blieb, konnte ich nicht wissen; der Pfad konnte jederzeit wieder auf die Höhe der umgebenden Felder ansteigen.

Ich kam unter den Bäumen hervor und rannte über das Feld auf das erhöhte Wegstück hinter der Stelle zu, an der ich Claire Skinner zuletzt gesehen hatte. Das saftige grüne Gras stand knöchelhoch, aber der normalerweise schlammige Boden war vom untypischen anhaltenden Sonnenschein der letzten Zeit genügend ausgetrocknet worden. Sibirien hat Permafrost, Schottland hat Permamatsch. Mein Sprint über die Wiese wurde von einer Handvoll Schafe mit schwarzen Gesichtern und toten Augen desinteressiert beobachtet. Ich beeilte mich nicht, Claire einzuholen, sondern hielt mich aus ihrem Blickfeld, ehe sie aus der Mulde kam und wieder über das Feld schauen konnte.

Ich setzte über die Feldsteinmauer hinweg und duckte mich auf den Weg, ein schmales graues Band aus staubiger Erde zwischen grasbewachsenen Böschungen. Der Weg und das Abendlicht hatten etwas an sich, was mir das Gefühl gab, ich sollte dem Weg in kragenlosem Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, und einer Sense über der Schulter folgen. Aber das wäre nicht ich gewesen. Rotwangige Bauerntöchter und schäumendes Bier waren nicht mein Fall, obwohl ich es mit den rotbackigen Bauernmädchen durchaus probiert hätte.

Ich vertrieb die ländliche Idylle aus meinen Gedanken und folgte dem Weg in gleich bleibendem, gemächlichem Tempo. Von Claire Skinner sah ich keine Spur, bis ich an eine Kurve kam und sie ungefähr Hundert Meter voraus erblickte. Ich ging an der Böschung in Deckung und beobachtete, wie Claire auf ein Bauernhäuschen zuging, das geduckt in einem Brombeergestrüpp stand. Schottlands Breitengrade sorgten für lange Sommerabende, aber die Sonne stand nun tief, und ich hätte erwartet, dass in dem Häuschen Licht brannte; aber es war dunkel. Claire klopfte an die Tür und musste eine gute Minute warten, bis ihr jemand öffnete, den ich nicht sehen konnte.

Ich beobachtete das Häuschen ganze fünf Minuten lang, nur um sicherzugehen, dass es sich nicht um einen flüchtigen Besuch handelte. Da Claire das Taxi weggeschickt hatte, nachdem sie ausgestiegen war, und wir uns mitten im Nirgendwo befanden, vermutete ich sehr, dass Claire nicht vorhatte, heute Nacht wieder nach Glasgow zurückzukehren.

Ich überlegte, welche Möglichkeiten mir blieben. Wenn ich abwarten wollte, bis es vollständig dunkel war, ehe ich mich dem Haus näherte, hätte ich viel Zeit totschlagen müssen; aber solange die Sonne nicht unterging, war ich auf Hundert Meter Entfernung zu sehen. Da blieb genügend Zeit, um eine Party zu beginnen und »Überraschung!« zu brüllen, wenn ich durch die Vordertür kam. Ich wusste nicht, womit ich es zu tun hatte; also war es am besten, sich vorher ungesehen darüber zu informieren.

Ich folgte dem Weg zurück, kletterte über eine andere Steinmauer und gelangte in einem weiten Bogen seitlich an dem Häuschen vorbei an dessen Hinterseite, wo mir das Gestrüpp Deckung gab. Eine andere Möglichkeit hatte ich nicht; auf einem erhöhten Feld, auf dem ich mich gegen den hellen Himmel abhob, fühlte ich mich ungeschützt. Ich brauchte fünf Minuten, um hinter das Haus zu gelangen. Als ich näherkam, sah ich, dass es ein Abrisshaus war. Die meisten Fensterscheiben hatten Sprünge oder waren zerbrochen, und die Reste waren undurchsichtig vom Schmutz. Der kleine Gemüsegarten, den ich hinter dem Haus vermutet hatte, war hüfthoch überwuchert, und ich musste mir vorsichtig einen Weg hindurch bahnen, indem ich die Pflanzen so leise wie möglich beiseitebog. Als ich die Hintertür erreichte, hörte ich Stimmen aus dem Haus – hier hatte man nicht das Gefühl, flüstern zu müssen. Die Stimmen klangen drängend. Zwei Stimmen. Eine männlich, eine weiblich.

Ich schob mich an der rauen Steinmauer entlang, erreichte eines der kleinen, schmutzigen Fenster und spähte hinein. Sofort riss ich den Kopf zurück. Claire Skinner saß unmittelbar am Fenster, mit dem Rücken zu mir. Wer der Mann war, mit dem sie sprach, konnte ich nicht erkennen. Dann aber hörte ich Claire genau das sagen, worauf ich gewartet hatte, seit ich ihr gefolgt war.

Den Namen Sammy.