8
Shane war wieder mit Kochen dran und machte dieses Mal Chili-Hotdogs - schon wieder Chili, aber zumindest schmeckte es lecker. Claire aß zwei davon und schaute staunend zu, wie Michael und Shane jeweils vier verdrückten; Eve knabberte an einem herum. Claire lächelte Shane an und schoss spitze Bemerkungen zurück, wenn er welche machte, aber sie bemerkte noch etwas anderes.
Eve konnte ihre Augen nicht von Michael lassen. Zuerst dachte Claire, sie weiß etwas, aber dann fiel ihr auf, dass Eves Wangen unter ihrem bleichen Make-up gerötet waren, und sie sah den Glanz in ihren Augen.
Oh. Na ja, dachte sie, Michael hatte ziemlich heiß ausgesehen, wie er sie so aus der Gefahrenzone gezerrt und außer Reichweite gebracht hatte. Und jetzt, wo sie darüber nachdachte, fiel ihr ein, dass Eve immer wieder kurze Blicke in seine Richtung warf, wenn sie beisammen waren.
Eve schob schließlich ihren Teller weg und reservierte sich das Badezimmer für ein langes, heißes Schaumbad. Claire wünschte, sie hätte die Idee als Erste gehabt. Michael und sie wuschen das Geschirr ab, während Shane auf der Xbox trainierte, wie man Zombies tötet.
»Eve mag dich, weißt du?«, sagte sie beiläufig, als sie den letzten Teller abspülte. Beinahe hätte er den Teller fallen lassen, den er gerade abtrocknete.
»Was?«
»Ja, wirklich.«
»Hat sie das gesagt?«
»Nein.«
»Ich glaube, da kennst du Eve schlecht.“
»Magst du sie nicht?«
»Natürlich mag ich sie!«
»Genug, um...?«
»Ich will darüber nicht sprechen.« Er stellte den Teller in das Abtropfgitter. »Himmel noch mal, Claire!“
»Ach, komm schon. Du magst sie, stimmt's?“
»Selbst wenn das so wäre…« Er unterbrach sich, schaute zur Tür und senkte seine Stimme. »Selbst wenn das so wäre, gäbe es da ein paar Probleme, denkst du nicht auch?“
»Jeder hat Probleme«, sagte sie. »Vor allem in dieser Stadt. Ich bin zwar erst seit sechs Wochen hier, aber das ist mir immerhin schon aufgefallen.«
Was immer er darüber dachte, er trocknete seine Hände ab und ging hinaus. Sie hörte, wie er mit Shane redete, und als sie hinausging, waren die beiden tief in ihr Game versunken, stießen sich gegenseitig mit dem Ellbogen an und kämpften um jeden Punkt.
Jungs. Pfffftt.
Sie war auf dem Weg in ihr Zimmer, als sie an der Badezimmertür vorbeikam und Eve weinen hörte. Sie klopfte leise an und schaute hinein, als Eve ein Schluchzen unterdrückte. Die Tür war nicht abgeschlossen.
Eve hatte einen schwarzen, flauschigen Bademantel an und saß auf dem Toilettendeckel; sie hatte ihr Make-up entfernt und ihre Haare heruntergelassen und sah aus wie ein kleines Mädchen in einem viel zu großen Erwachsenen-Outfit. Verwundbar. Sie schenkte Claire ein wackeliges Grinsen und wischte sich Tränenspuren aus dem Gesicht. »Sorry«, sagte sie und räusperte sich. »War ein beschissener Tag, weißt du?«
»Dieser Typ. Der Vampir. Er tat so, als würde er dich kennen«, sagte sie.
»Yeah. Er - er ist der, der meiner Familie Schutz gibt. Ich habe ihn abgewiesen. Darüber ist er nicht gerade glücklich.« Sie stieß ein kurzes, hohl klingendes Lachen aus. »Ich nehme an, niemand mag es, zurückgewiesen zu werden.«
Claire betrachtete sie eingehend. »Aber bist du okay?“
»Klar. Mir geht's blendend.« Eve winkte sie hinaus. »Geh lernen. Damit du klug genug wirst, um aus dieser Stadt abzuhauen. Ich bin nur ein bisschen fertig. Mach dir keine Sorgen.«
Später, als Michael anfing zu spielen, hörte Claire Eve durch ihre Zimmerwand wieder weinen.
Sie ging nicht, um sich danach zu erkundigen, und sie sah Michael nicht beim Verschwinden zu. Sie glaubte nicht, dass sie den Mut dazu aufbringen konnte.
***
Shane ging am nächsten Tag einige Klamotten mit ihr kaufen. Es waren nur drei Blocks bis zu den farblosen Ladenzeilen der Stadt mit all ihren schmuddelig aussehenden Secondhandläden; sie wollte nicht, dass er sie begleitete, aber er ließ sie nicht allein gehen.
»Eve hast du allein gehen lassen«, merkte sie an, als er auf der Couch saß und die Schuhe anzog.
»Ja, klar. Eve hat auch ein Auto«, sagte er. »Außerdem habe ich noch geschlafen. Du hast einen Bodyguard. Damit musst du leben.«
Insgeheim gefiel es ihr. Ein bisschen. Es war ein weiterer typisch heißer und sonniger Tag, an dem die Bürgersteige fast vor Hitze flimmerten. Es waren nicht viele Fußgänger unterwegs, aber das war ja immer so. Shane machte große Schritte, die Hände in den Taschen vergraben; sie musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. Sie wartete darauf, dass er etwas sagte, aber er blieb stumm. Nach einer Weile fing sie an zu sprechen. »Hattest du viele Freunde, als du hier aufgewachsen bist?“
»Freunde? Ja, ich denke schon. Ein paar. Michael. Ich kannte auch Eve damals ein bisschen, aber sie hing mit einer anderen Clique herum. Ein paar andere Kids noch.“
»Was - was ist aus denen geworden?«
»Nichts«, sagte Shane. Sie wurden erwachsen, nahmen Jobs an, beanspruchten Schutz, machten gerade so weiter. So funktioniert das in Morganville. Man bleibt entweder hier oder man läuft davon.«
»Siehst du sie ab und zu?« Sie war überrascht, wie sehr sie ihre Freunde zu Hause vermisste, besonders Elizabeth. Sie hatte immer gedacht, sie sei eine Einzelgängerin, aber vielleicht war sie das doch nicht. Vielleicht ist das niemand so richtig.
»Nein«, sagte er. »Wir haben heute nichts mehr gemeinsam. Sie wollen nicht mit so einem wie mir abhängen.“
»Jemandem, der sich nicht anpassen möchte.« Shane warf ihr einen Blick zu und nickte. »Sorry.«
Er zuckte mit den Achseln. »Schon gut. Was ist mir dir? Irgendwelche Freunde Zu Hause?«
»Ja, Elizabeth. Sie ist meine beste Freundin. Wir haben die ganze Zeit gequatscht, weißt du? Aber... als sie erfuhr, dass ich woanders aufs College gehe, war sie einfach...« Claire beschloss, dass ein Schulterzucken die beste Meinung bot, die sie dazu abgeben könnte.
»Hast du sie mal angerufen?«
»Ja«, sagte sie. »Aber es ist, als würden wir uns gar nicht mehr kennen, weißt du? Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, worüber wir reden könnten. Es ist ganz komisch.“
»Gott, ja, ich weiß, was du meinst.« Shane hielt plötzlich an und nahm die Hände aus den Taschen. Sie waren in der Mitte eines Blocks zwischen zwei Geschäften und zuerst dachte sie, er wolle sich ein Schaufenster anschauen, aber dann sagte er angespannt: »Dreh dich um und hau ab. Geh einfach in den ersten Laden, den du siehst, und versteck dich.«
»Aber...«
»Tu's einfach, Claire. Jetzt«
Sie wich zurück, wandte sich um und ging, so rasch sie wagte, zu dem Geschäft, an dem sie gerade vorbeigekommen waren. Es war ein schmuddelig aussehender Secondhandladen für Kleider, in dem sie nicht freiwillig einkaufen würde, aber sie drückte die Tür auf und schaute dabei über ihre Schulter.
Ein Polizeiauto glitt neben Shane an den Randstein. Er stand da, seine Hände baumelten an seiner Seite, sein Gesichtsausdruck war höflich und respektvoll; der Cop auf der Fahrerseite lehnte sich aus dem Fenster und sagte etwas zu ihm.
Claire fiel fast nach vorne, als die Tür aufgerissen wurde, und stolperte über die Schwelle in einen abgedunkelten, moderig riechenden Raum.
»Hallo«, sagte der uniformierte Cop, der ihr die Tür aufgemacht hatte. Es war ein älterer Mann mit schütterem blondem Haar und einem dicken Schnauzbart, kalten blauen Augen und krummen Zähnen. »Claire, richtig?«
»Ich...« Ihr fiel nichts ein, was sie darauf hätte sagen können. Ihr ganzes Leben lang hatte man ihr eingeschärft, die Polizei nicht anzulügen, aber...
»Ja, Sir.« Sie nahm an, dass er das sowieso schon wusste.
»Ich heiße Gerald. Gerald Bradfield. Schön, dich kennenzulernen.« Er hielt ihr seine Hand hin. Sie schluckte schwer, wischte ihre schweißigen Handflächen ab und schüttelte sie. Halb erwartete sie, dass er Handschellen um ihre Handgelenke einrasten lassen würde, aber er zerquetschte ihr nur fast die Hand, als er sie zweimal auf und ab bewegte; dann ließ er sie los. »Die Leute suchen schon nach dir, weißt du das?«
»Ich - das wusste ich nicht, Sir.«
»Wusstest du nicht?« Eiskalte Augen, obwohl er lächelte. »Kann ich mir nicht vorstellen, Kleine. Tatsache ist, dass sich die Tochter des Bürgermeisters Sorgen gemacht hat, wo du abgeblieben bist. Bat uns, dich zu finden. Sicherzustellen, dass es dir gut geht.«
»Mir geht es gut, Sir.« Sie konnte kaum sprechen. Ihr Mund war ausgetrocknet. »Ich bin nicht in Schwierigkeiten, oder?«
Er lachte. »Warum solltest du in Schwierigkeiten sein, Claire? Nein, mach dir keine Sorgen. Tatsache ist, dass wir schon wissen, wo du steckst. Und mit wem du dich herumtreibst. Du solltest vorsichtiger sein, Herzchen. Du bist ganz neu hier, aber du weißt schon höllisch viel mehr, als gut für dich ist. Und deine Freunde gehören nicht gerade zu den Leuten, die zu einem friedlichen Leben in dieser Stadt beitragen. Unruhestifter. Du siehst für mich nicht wie ein Unruhestifter aus. Ich sag dir eins: Geh zurück ins Wohnheim, sei ein braves Mädchen, geh zum Unterricht. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass dir nichts passiert.«
Claire wollte nicken, wollte zustimmen, wollte alles tun, um von diesem Mann wegzukommen. Sie sah sich im Laden um. Es waren noch andere Leute dort, aber sie konnte keinen dazu bringen, sie anzuschauen. Es war, als würde sie überhaupt nicht existieren.
»Du glaubst nicht, dass ich das kann«, sagte er. »Aber ich kann es. Worauf du dich verlassen kannst.«
Sie wandte sich ihm wieder zu; seine Augen waren weiß geworden, die Pupillen kleine schwarze Punkte in der Mitte. Als er lächelte, sah sie seine Eckzähne aufblitzen.
Sie keuchte, wich zurück und ergriff die Türklinke. Sie stürzte auf die Straße hinaus, rannte los und sah, dass Shane noch an derselben Stelle stand und beobachtete, wie sich das Polizeiauto von der Bordsteinkante entfernte. Er wandte sich um und fing sie auf, als sie praktisch mit ihm zusammenstieß. »Vampir!«, keuchte sie. »V-Vampir-Cop. Im Laden!«
»Muss Bradfield gewesen sein«, sagte Shane. »Großer Typ? Beinahe kahl, Schnauzer?«
Sie nickte und zitterte am ganzen Körper. Shane sah überhaupt nicht überrascht aus und schon gar nicht erschrocken. »Bradfield ist okay«, sagte er. »Sicher nicht der übelste Typ in dieser Stadt. Hat er dir wehgetan?«
»Er - er hat mir nur die Hand geschüttelt. Aber er hat gesagt, dass er es weiß! Er weiß, wo ich wohne!«
Shane sah wieder nicht überrascht aus. »Na ja, das war nur eine Frage der Zeit. Sie haben angehalten, um mich nach deinem vollen Namen zu fragen. Sie haben ihn in das Bestandsverzeichnis aufgenommen.«
»Bestandsverzeichnis?«
»So nennen sie es. Es ist eine Art Volkszählung. Sie wissen immer, wie viele in einem Haus wohnen. Hör mal, geh einfach weiter, okay. Und schau nicht so ängstlich drein. Sie werden sich nicht am helllichten Tag auf uns stürzen.«
Shane vertraute viel mehr darauf als sie, aber sie bekam ihr Zittern unter Kontrolle und nickte; sie folgte ihm einen Block weiter zu einem Secondhandladen, der heller und freundlicher aussah und nicht so, als würden Vampire darin lauern. »Das ist Mrs Lawsons Laden. Sie war eine Freundin meiner Mom. Sie ist okay.« Shane hielt ihr die Tür auf wie ein Gentleman. Sie nahm an, seine Mutter hatte ihm das beigebracht. Der Raum roch gut - Räucherstäbchen, schätzte Claire - und es brannten viele Lichter. Keine dunklen Ecken und die Türglocke läutete mit einem angenehmen Geklimper, als Shane die Tür zufallen ließ.
»Shane!« Eine riesige Frau in einem farbenfrohen Batik-Shirt und einem langen, wabernden Rock schob sich von der Ladentheke hinten im Raum zu ihnen herüber, umarmte Shane und strahlte ihn an; dann trat sie einen Schritt zurück. »Junge, was tust du denn wieder hier? Bringst du dich wieder in Schwierigkeiten?«
»Klar bringe ich mich in Schwierigkeiten, Ma'am. Wie immer.“
»Dachte ich mir. Gut so.« Die dunklen Augen der Frau hefteten sich auf Claire. »Wer ist deine kleine Freundin?“
»Das ist Claire. Claire Danvers. Sie - sie geht aufs College.“
»Schön, dich kennenzulernen, Claire. Nun. Ich nehme an, du bist nicht nur gekommen, um Hallo zu sagen, Junge. Also, was kann ich für euch tun?«
»Kleider«, sagte Claire. »Ich suche ein paar Klamotten.«
»Haben wir. Du hast etwa Größe 34, stimmt's? Komm mit, Schätzchen. Ich habe ein paar richtig nette Sachen genau in deiner Größe. Shane, du siehst auch aus, als könntest du ein paar neue Klamotten gebrauchen. Diese Jeans sind schäbig.“
»Das sollen sie auch sein.«
»Himmel, die Mode! Ich komme da einfach nicht mehr mit.«
Vielleicht nicht, aber jedenfalls hatte Mrs Lawson alle Arten von süßen Tops und Jeans usw., die obendrein billig waren. Claire suchte sich einen Armvoll aus und folgte ihr zur Ladentheke, wo sie einen Gesamtbetrag von 22 Dollar einschließlich Mehrwertsteuer ausrechnete. Als Mrs Lawson alles eintippte, betrachtete Claire die Sachen an der Wand hinter ihr. Dort hing eine Art offiziell aussehendes, gerahmtes Zertifikat mit einem geprägten Siegel… nein, kein Siegel. Es war ein Symbol. Dasselbe Symbol wie auf dem Armband, das Mrs Lawson trug.
»Passt auf euch auf«, sagte Mrs Lawson, als sie ihnen die Tüte mit den Kleidern gab. »Alle beide. Sag Shane, er soll etwas aus sich machen, und zwar schnell. Sie haben ihm wegen dem, was er durchgemacht hat, eine Schonzeit gewährt, aber die wird nicht ewig dauern. Er muss an seine Zukunft denken.«
Claire schaute über ihre Schulter zu Shane, der gelangweilt aus dem Fenster starrte, die Augen halb geschlossen.
»Ich werde es ihm sagen«, sagte sie zweifelnd. Sie konnte sich ohnehin nicht vorstellen, dass Shane an etwas anderes dachte.
***
Die Tage vergingen und Claire ließ sie einfach verstreichen. Sie machte sich Sorgen wegen des Unterrichts, aber sie war erschöpft und ihre Prellungen schillerten inzwischen in allen Farben; das Letzte, was sie jetzt wollte, war, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Shane hatte sie davon überzeugt, dass es besser war, zu Hause zu lernen und erst wieder zum Unterricht zu gehen, wenn es ihr besser ging und sich an der Monica-Front alles wieder beruhigt hatte.
Die Woche verging. Sie verfiel in eine routinierte Regelmäßigkeit - lang aufbleiben mit Michael, Shane und Eve, schlafen bis zur Mittagszeit, über die Reihenfolge der Badezimmerbenutzung zanken, kochen, putzen, lernen und wieder von vorne. Es fühlte sich gut an. Irgendwie lebensnah, das, was das Wohnheimleben nicht gerade gewesen war.
Am darauffolgenden Montag bereitete sie nach dem Aufstehen Frühstück für zwei vor: Shane war schon wach und sah griesgrämig und groggy aus. Er griff schweigend nach dem Speck und briet etwas davon an, während sie sich den Eiern widmete; es gab kein Geplänkel wie zwischen ihm und Eve vor ein paar Tagen. Sie versuchte, ein Gespräch anzufangen, aber er war nicht in Stimmung. Er antwortete ihr nur grunzend. Sie wartete, bis er mit dem Frühstück fertig war, zu dem eine Tasse Kaffee aus der kleinen Maschine am Ende der Theke gehörte. Dann fragte sie ihn: »Warum bist du denn schon so früh auf?«
Shane lehnte sich in seinem Stuhl zurück und balancierte ihn auf zwei Beinen, während er kaute. »Frag Michael.«
Als ob das gehen würde... »Erledigst du etwas für ihn?«
»Ja.« Er ließ den Stuhl wieder zurückfallen und fuhr sich mit der Hand über das Haar, das in alle Richtungen stand. »Erwarte aber nicht, dass ich mich schick anziehe oder so.“
»Wie bitte?«
»Du musst mich schon nehmen, wie ich bin.« Sie schaute ihn nur stirnrunzelnd an und versuchte, den Sinn seiner Worte zu ergründen. »Ich gehe mit dir zum Unterricht. Du gehst heute wieder hin, oder?«
»Das ist jetzt nicht dein Ernst«, sagte sie rundheraus. Er zuckte die Achseln. »Du machst wohl Witze! Ich bin doch keine Sechsjährige mehr, die von ihrem großen Bruder zur Schule gebracht werden muss! Keine Chance, Shane!«
»Michael ist der Ansicht, dass jemand mit dir gehen sollte. Brandon war ziemlich sauer. Er könnte einen Weg finden, seine Wut an dir auszulassen, auch wenn er es nicht persönlich tun kann. Er hat genug Leute, die dir in den Hintern treten würden, wenn er es sagt.« Sein Blick glitt von ihr ab. »Monica zum Beispiel.«
Oh, shit. »Monica gehört zu Brandon?«
»Die ganze Familie Morrell gehört zu ihm, soweit ich weiß. Er ist ihr ganz persönlicher Kerl fürs Grobe. Also?« Er rieb die Hände aneinander. »Was für spannende Unterrichtsstunden erwarten uns heute?«
»Du kannst nicht mit in den Unterricht kommen!«
»Hey, du kannst mich gern ausknocken und aufhalten, aber bis du das schaffst, bin ich dein Date des Tages. Also. Welche Stunden?«
»Mathematik II, Schallphysik, Chemie III, Chemielabor und Biochemie.«
»Heilige Sch... Du musst wirklich klug sein. Okay, ich nehme mir ein paar Comics oder so mit. Vielleicht auch meinen iPod.«
Sie starrte ihn weiterhin an. Es schien nicht zu helfen, sondern verbesserte seine Laune allenfalls noch.
»Ich wollte schon immer mal ganz groß auf dem Campus rauskommen«, sagte Shane. »Schätze, das ist jetzt meine Chance.“
»Ich sterbe«, stöhnte sie und legte ihre Stirn in ihre Hände.
»Noch nicht. Und das ist eigentlich der Sinn der Sache.«
***
Sie hatte befürchtet, dass Shane eine große Sache daraus machen würde, was er aber nicht tat. Er kämmte sich sogar die Haare, wodurch er, wie sich herausstellte, total heiß aussah, auf eine Art, die sie kaum wahrzunehmen wagte. Vor allem nicht, wenn sie den ganzen Tag mit ihm verbringen sollte. Er entschied sich für ein schlichtes weißes T-Shirt und seine beste Jeans, die aber trotzdem noch an den Knien zerrissen und am Saum ausgefranst war. Und einfache Laufschuhe. »Für den Fall, dass wir den Rückzug antreten müssen«, sagte er. »Außerdem tut es weh, wenn man mit Flipflops jemandem einen Tritt verpassen muss.«
»Aber du verpasst niemandem einen Tritt«, sagte sie schnell.
»Okay?«
»Niemandem, der es nichtverdient hat«, sagte er. »Was brauche ich noch, um dazuzugehören?“
»Einen Rucksack.« Sie fand ihren zweiten und warf ihn ihm zu. Er stopfte einige Taschenbücher hinein, seine tragbare Playstation und seinen iPod mit Kopfhörern. Dann plünderte er Süßigkeiten und Wasserflaschen aus den Schränken. »Wir ziehen nicht in die Wildnis, Shane. Du brauchst nicht alles mitzunehmen. Es gibt dort Automaten.«
»Ja? Auf deinem Stundenplan stand nichts von Mittagessen. Du wirst mir noch dankbar sein.«
Tatsächlich fühlte sie sich besser, weil Shane neben ihr herging; er beobachtete die Schatten, die dunklen Gassen, die unbewohnten Gebäude. Er beobachtete alles. Obwohl er seinen iPod eingepackt hatte, hörte er keine Musik. Plötzlich vermisste sie ihren eigenen iPod und fragte sich, ob ihn Monica wohl hatte.
Sie kamen ohne Zwischenfälle auf dem Campus an und hatten ihn auf dem Weg zu ihrer ersten Stunde schon halb durchquert, als Claire plötzlich etwas einfiel; sie hielt abrupt an. Shane ging noch ein paar Schritte weiter und schaute sich dann um. »Monica«, sagte sie.
»Monica wird hier herumhängen. Normalerweise jedenfalls. Sie wird dich sehen.“
»Ich weiß.« Shane zog seinen Rucksack in eine bequemere Position. »Gehen wir.«
»Aber - Monica!«
Er schaute sie nur an und ging weiter. Sie blieb, wo sie war. »Hey! Du sollst bei mir bleiben und mich nicht zurücklassen!“
»Monica ist meine Angelegenheit«, sagte er. »Lass stecken.« Er wartete auf sie und sie holte ihn widerwillig ein. »Sie lässt uns in Ruhe, ich lass sie in Ruhe. Wie wäre das?«
Schön wär's, dachte Claire. Wenn es Monica wirklich auf Shane abgesehen hatte, auch wenn das schon ein oder zwei Jahre zurücklag, und wenn sie so weit gegangen war, seine Schwester zu töten, konnte sie sich keine Situation vorstellen, in der Shane einfach wegging. Shane war nicht der Typ, der einfach so wegging.
Auf dem quadratischen Betonhof zwischen dem Architekturgebäude und dem Mathematikgebäude wimmelte es von Studenten, die von einer Unterrichtsstunde zur anderen gingen. Nun, da Claire wusste, wonach sie Ausschau halten musste, konnte sie nicht umhin zu bemerken, wie viele von ihnen Armbänder aus Leder, Metall oder sogar geflochtenem Stoff trugen, an denen Symbole hingen.
Und wie viele Studenten keines hatten.
Die, die eines trugen, gehörten zu den strahlenden, selbstbewussten Typen. Mädels und Typen, die in einer Verbindung waren. Sportler. Beliebte Leute. Die Einzelgänger, die Außenseiter, die langweiligen, durchschnittlichen und sonderbaren Typen... das waren die, die nicht unter Schutz standen.
Sie waren das Vieh.
Shane suchte die Menge mit den Augen ab. Claire ging rasch auf das Mathematikgebäude zu; sie wusste mit Sicherheit, dass sich Monica an so einem Streber-Ort nicht zeigen, geschweige denn jemanden töten würde. Das einzige Problem bestand darin, dass das vierte Gebäude an dem Platz das BWL-Gebäude war, und dort hing Monica natürlich gern ab, um sich nach reichen Jungs umzuschauen.
Fast angekommen...
Sie war schon auf den Treppen, die zum Mathematikgebäude hinaufführten, als sie hörte, wie Shane hinter ihr anhielt. Er starrte zum Platz in der Mitte, und als Claire sich umdrehte, sah sie Monica, die von einer Clique ihrer Fans umgeben war und direkt zu ihm zurückstarrte. Die beiden hätten genauso gut allein sein können. Es war die Art von Blick, den nur Leute austauschten, die ineinander verliebt sind oder drauf und dran, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen.
»Verdammtes Miststück«, keuchte Shane. Er klang erschüttert. »Komm, weiter«, sagte Claire und packte ihn am Ellbogen. Sie hatte Angst, dass er sich nicht würde weiterziehen lassen, aber er ließ es zu, als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders. Als er sie schließlich ansah, war sein Blick finster und hart.
»Nicht hier«, sagte sie. »Sie würde sich nicht darauf einlassen.“
»Warum nicht?«
»Es wäre ihr peinlich.« Er nickte langsam, als würde das einen Sinn für ihn ergeben, und folgte ihr in die Klasse.
Claire musste sich anstrengen, um sich auf die eintönige Vorlesung zu konzentrieren, die sie eh schon kannte, da sie den Stoff, über den der Professor sprach, längst gelesen hatte. Die meiste Zeit dachte sie an Shane, der reglos neben ihr saß, die Hände auf dem Pult, und Löcher in die Luft starrte. Er hörte nicht einmal Musik auf seinem iPod. Sie fühlte die Anspannung seines Körpers, als würde er nur darauf warten, auf irgendetwas eindreschen zu können.
Sie hatte gleich gewusst, dass das keine gute Idee war.
Der Unterricht dauerte anderthalb Stunden mit fünfzehn Minuten Pause dazwischen; als Shane aufstand und hinausging, folgte sie ihm hastig. Er ging zu den Glastüren hinauf und schaute über den Hof.
»Sie ist weg«, sagte er, ohne sie anzuschauen. »Hör auf, dir Sorgen um mich zu machen. Ich bin okay.«
»Sie - Eve sagte, sie hätte euer Haus niedergebrannt.« Keine Antwort. »Und - deine Schwester...«
»Ich konnte sie nicht rausholen«, sagte Shane. »Sie war zwölf und ich konnte sie nicht aus dem Haus rausholen. Es wäre meine Aufgabe gewesen, auf sie aufzupassen.«
Er sah sie noch immer nicht an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Nach einer Weile ging er weg und verschwand in der Jungentoilette; sie stürzte in die Mädchentoilette und wartete ungeduldig, bis sie an der Reihe war. Als sie wieder herauskam, war er nirgends zu sehen.
Oh, shit.
Aber als sie zurück in den Hörsaal kam, saß er an seinem Platz, dieses Mal mit den Ohrstöpseln des iPods in den Ohren.
Sie sagte nichts. Er schwieg ebenfalls.
Es war die längste und unangenehmste Vorlesung, die Claire je erlebt hatte.
***
Physik fand im selben Gebäude statt. Falls Monica noch draußen auf dem Platz in der sengenden Sonne wartete, würde sie wirklich schön braun werden. Shane saß da wie eine Statue - wenn Statuen Ohrstöpsel tragen und so unter Strom stehen, dass einem die Haare am Arm zu Berge stehen. Sie fühlte sich, als würde sie neben einer Bombe sitzen, die noch nicht hochgegangen war, und angesichts des ganzen Physikunterrichts, den sie schon gehabt hatte, wusste sie genau, was das bedeutete. So viel zum Thema potenzielle Energie...
Physik ging im Schneckentempo vorüber. Shane öffnete Wasser und Süßigkeiten und teilte mit ihr. Chemie fand im nächsten Gebäude statt, aber Claire sorgte dafür, dass sie durch den Seiteneingang gingen und nicht über den Hof. Keine Spur von Monica. Sie quälte sich durch weitere anderthalb Stunden Chemie und Anspannung. Shane entspannte sich nach und nach so weit, dass bei ihr nicht mehr bei jeder Bewegung, die er machte, die Alarmglocken anschlugen; schließlich fing er an, den überwiegenden Teil der Stunde auf seiner tragbaren Playstation zu spielen. Sie hoffte, dass er Zombies abschlachtete. Das schien seine Laune aufzuhellen.
Im Chemielabor war er sogar ganz guter Dinge, interessierte sich für das Experiment und stellte so viele Fragen, dass der Teaching-Assistant, der noch nie zuvor an Claires Tisch kommen musste, herüberkam und Shane anstarrte, als ob er herausfinden wollte, was er hier zu suchen hatte.
»Hi«, sagte Shane und streckte ihm die Hand hin. »Shane Collins. Ich bin - wie heißt das? Gasthörer. Ein Gasthörer dieses Unterrichts. Mit meiner Freundin hier, Claire.«
»Oh«, sagte der TA, dessen Namen Claire nicht kannte. »Gut. Alles klar. Dann hören Sie ruhig weiter zu.«
Shane reckte die Daumen nach oben und grinste dümmlich.
»Hey«, sagte er mit gedämpfter Stimme und beugte sich zu Claire herüber. »Kann das Zeug in die Luft gehen?“
»Was? Hm... ja, wenn man was falsch macht, schon, denke ich.«
»Ich dachte an praktische Anwendungen. Bomben und solche Sachen.«
»Shane!« Er konnte einen wirklich ablenken. Und er roch gut. Wenn Jungs gut rochen, war das anders, als wenn Mädels gut rochen - dunkler, würziger, ein Geruch, der sie innerlich ganz flatterig machte. Oh, komm schon, das ist doch nur Shane!, sagte sie sich. Aber es half nichts, vor allem, als er dieses schiefe Lächeln aufblitzen ließ und sie mit einem Blick bedachte, der wahrscheinlich die meisten Mädels im Umkreis von drei Metern in Ohnmacht fallen lassen würde. Er ist ein Gammler. Und er ist - nicht besonders klug. Vielleicht aber doch, nur in anderen Bereichen als sie. Der Gedanke war ganz neu für sie, aber er gefiel ihr irgendwie.
Sie schlug ihm leicht auf die Hand, als er nach dem Reagens griff, und konzentrierte sich auf die Einzelheiten des Versuchs. Tatsächlich konzentrierte sie sich so sehr und Shane war so vertieft, ihr zuzusehen, dass keiner von ihnen die Schritte hinter ihnen hörte. Das Erste, was Claire wahrnahm, war das schneidende, brennende Gefühl auf der rechten Seite ihres Rückens. Sie ließ das Becherglas, das sie in der Hand gehalten hatte, fallen und schrie - sie konnte nichts dagegen tun, denn Himmel, tat das weh; Shane fuhr herum und packte jemanden am Kragen, der zurückwich.
Gina, die Monickette. Sie fauchte und schlug mit der flachen Hand nach ihm, aber er ließ sie nicht los; Claire, die vor Schmerz keuchte und versuchte, sich so zu verrenken, dass sie sehen konnte, was mit ihrem Rücken passiert war, bemerkte, dass es Shane seine ganze Selbstbeherrschung kostete, seine Gefangene nicht gleich hier und jetzt zusammenzuschlagen. Der TA eilte herbei und andere Studenten bemerkten, dass etwas nicht stimmte oder dass sich zumindest etwas Interessanteres als Laborarbeit abspielte; Claire glitt von ihrem Hocker am Tisch und versuchte zu erkennen, was mit ihrem Rücken passiert war, weil er schmerzte. Sie nahm einen schrecklichen Geruch wahr.
»Oh, mein Gott!«, entfuhr es dem TA. Er riss die Wasserflasche aus Shanes Rucksack, öffnete sie und schüttete Claire den Inhalt über den Rücken; dann rannte er zu einem Schrank an der Seite und kam mit einer Tüte Backnatron wieder. Sie hörte es zischen, als es auf ihren Rücken gelangte, und wäre beinahe umgekippt.
»Hier. Setz dich. Setz dich hin. Und du, geh einen Krankenwagen rufen. Schnell!« Als Claire atemlos wieder auf einen Hocker, einen anderen, niedrigeren sank, nahm der TA eine Schere, zerschnitt ihr T-Shirt am Rücken und faltete es zur Seite. Er zerschnitt auch den Riemen ihres BHs und sie besaß gerade noch die Geistesgegenwart, ihn festzuhalten, bevor das ganze ihren Arm hinunterglitt. Mein Gott, es tat so weh, so weh...
Sie versuchte, nicht zu weinen. Das Brennen ließ etwas nach, als das Backnatron wirkte. Säure hat einen niedrigen pH-Wert, Backnatron einen hohen... nun, zumindest hatte sie immer noch eine Ahnung von Chemie, selbst jetzt. Sie blickte auf und sah, dass Shane noch immer Gina festhielt. Er hatte ihr den Arm auf den Rücken gedreht und sie gezwungen, das Becherglas loszulassen; der Rest der Säure, die sie Claire über den Rücken geschüttet hatte, war noch immer im Glas und sah so unschuldig aus wie Wasser.
»Es war ein Unfall!«, kreischte sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, als Shane ihren Arm noch fester verdrehte. »Ich bin gestolpert! Es tut mir leid! Schau mal, ich wollte wirklich nicht...!«
»Wir arbeiten heute überhaupt nicht mit H2SO4,«, sagte der TA grimmig. »Du hattest keinen Grund, damit herumzulaufen. Claire? Claire, wie schlimm sind die Schmerzen?“
»Ich - es geht schon. Ich bin okay«, sagte sie, obwohl sie ehrlich gesagt keine Ahnung hatte, ob sie das war oder nicht. Sie fühlte sich benommen, ihr war übel und sie fror. Vermutlich der Schock. Und sie schämte sich, denn, mein Gott, sie saß halb nackt vor der gesamten Chemielaborklasse und... Shane... »Kann ich vielleicht etwas anziehen?«
»Nein, nichts darf die Wunde berühren. Die Verbrennung geht durch mehrere Hautschichten. Sie muss behandelt werden und benötigt Antibiotika. Sitz einfach still.« Der TA wandte sich zu Shane und Gina um und deutete mit dem Finger auf Gina. »Und du, du redest mit der Campus-Polizei. Ich toleriere diese Art von Angriff nicht in meinem Unterricht. Und es ist mir ganz gleich, wer deine Freunde sind!«
Er kannte sie also. Oder wusste zumindest genug. Shane flüsterte etwas in Ginas Ohr, so leise, dass Claire es nicht hören konnte; aber dem Gesichtsausdruck des Mädchens nach zu urteilen, war es nichts Gutes.
»Sir?«, fragte Claire schwach. »Sir, kann ich eine Zusammenstellung der Laborarbeit haben und...«
Sie wurde ohnmächtig, bevor sie zu Ende sprechen und es tut mir leid wegen der Unordnung sagen konnte.