Siebzehntes Kapitel
Warum dauerte es so lange?
Einen Arm um ihre Taille geschlungen, nagte Callia nervös an ihrem Daumennagel und schritt vor dem Ratszimmer auf und ab. Ihre Nerven lagen blank, und ihr war übel. Kurz nachdem sie den Raum verließ, war drinnen Unruhe aufgekommen, doch Casey ließ sie nicht reingehen, und nun wurde sie allmählich irre vor lauter Rätseln, was dort vorgehen mochte.
Als sie schon drauf und dran war, durch die Wand zu stürmen, öffnete sich die Tür und Titus trat heraus.
Rasch zog er die Tür hinter sich zu. Er sah nicht froh aus; vielmehr wirkte er stinksauer und … verstört? Er stellte sich vor Callia hin, sprach jedoch kein Wort.
»Wo ist Zander?«, fragte sie.
»Drinnen. Er kann nicht …« Titus machte eine Pause. »Ich halte es für besser, wenn du jetzt nicht mit ihm redest.«
Was sollte das heißen? »Titus, was hat mein Vater gesagt?«
Er blickte hinab auf ihre Hände, die sie heruntergenommen hatte, und ergriff sie. Als er das Gesicht verzog, sobald er sie berührte, fiel ihr wieder ein, wie er in der Höhle vor ihr auf die Knie gegangen war. Er berührte andere nicht – nicht absichtlich. Folglich machte ihr die Tatsache, dass er nun Körperkontakt herstellte, eine Riesenangst.
Er atmete tief ein und konzentrierte sich auf ihre Hände. »Callia, er hat einen Tauschhandel geschlossen, um dein Leben zu retten. Du … es gab Komplikationen bei der Geburt. Simon sagt, hätte er es nicht getan, wärst du gestorben.«
»Was für ein Tauschhandel?«
Er blickte mit seinen haselnussbraunen Augen, die so vieles und doch nicht genug gesehen hatten, zu ihr auf. »Dein Leben gegen das deines Sohnes.«
Ihr Leben. Eines für ein anderes. Es war also wahr, was sie am meisten fürchtete. »Dann ist er wirklich tot?«
Titus, dem sichtbar unbehaglich war, schwieg.
»Was, Titus?«
»Simon weiß es nicht. Das Kind war am Leben, als die Gottheit mit ihm ging. Seitdem hat er beide nicht mehr gesehen.«
Callia bekam keine Luft mehr. Ihr Sohn hatte gelebt. Er war nicht auf jenem griechischen Berg gestorben, mitten in einem Erdbeben, wie sie es geglaubt hatte. Wie konnte sie es nicht wissen? Warum hatte sie nichts gefühlt? Und was wollte eine Gottheit mit ihrem Kind?
»Wer?«, fragte sie. »Wer war es?«
»Callia …«
»Versuch nicht, mich zu beruhigen, Titus.« Sie entwand ihm ihre Hände. »Erzähl mir, wer es war.«
Sein Wangenmuskel zuckte, und sie sah ihm an, dass er es ihr am liebsten nicht sagen wollte. Trotzdem antwortete er: »Atalanta.«
Schlagartig sah sie rot. Ihr Puls raste, und ehe einer der beiden sie stoppen konnte, stieß sie die Doppeltüren auf und sah zu ihrem Vater, der in der Mitte des Kreises stand, die Augen angstgeweitet.
»Callia!«, rief Titus hinter ihr. »Warte.«
»Callia«, sagte Simon und hob beide Hände. »Hör dir an, was ich zu sagen habe.«
»Du gottverdammter Mistkerl! Wie konntest du?«
Um sie herum hob ein Stimmengewirr an, von dem sie jedoch nur mitbekam, dass es laut war, die Worte hingegen nicht verstand. Sie fühlte nichts als Schmerz, sah nichts als Verrat. Der eine Mensch, dem sie vertraut hatte, hatte Unaussprechliches getan.
Arme umfingen ihre Mitte und zogen sie zurück. Sie wehrte sich, doch der andere war stärker. Das Summen in ihrem Kopf machte es schwierig, die anderen zu hören. Sobald sie aber wieder klarer sehen konnte, bemerkte sie, dass ihr Vater auf den Knien war, sein Gesicht rot und zerkratzt.
»Reiß dich zusammen, Callia«, zischte Titus ihr ins Ohr. Sie blickte wieder zu ihrem Vater. Ja, sie hatte ihn geschlagen, und so wie es aussah, sehr fest.
Ihr Vater hob den Kopf. Schuld und Reue spiegelten sich in seinen Augen. »Du musst das verstehen. Ich hatte keine andere Wahl.«
Sie stemmte sich gegen den Arm, der sie umklammerte. »Du hast meinen Sohn einem Monster gegeben!«
Kopfschüttelnd blickte ihr Vater zu Boden. »Ich weiß. Aber sonst wärst du gestorben. Und ich habe gedacht, das Kind war tot.«
»Er hat gelebt!«
»Ich …« Er krümmte sich. »Das erfuhr ich erst, als sie fort waren. Du musst mir glauben.«
Ekel überkam sie, pure Verachtung. Doch als sie ihren Vater ansah, kniend auf dem Alpha-Symbol, Lucian hinter sich und all die Argonauten stumm zuschauend, löste sich der rote Nebel, der ihre Sicht getrübt hatte. Und ihr Bild von Simon als dem ehrenwerten, unerschütterlichen Lord löste sich mit ihm auf.
Sie bebte am ganzen Leib, wehrte sich jedoch nicht mehr gegen Titus. Er flüsterte ihr etwas zu, das sie nicht verstand, und ließ sie langsam auf den Boden hinunter. Allerdings gab er sie nicht vollständig frei, und aus dem Augenwinkel sah sie, dass Theron Zander auf dieselbe Weise zurückhielt. Deshalb also war er nicht wie versprochen zu ihr nach draußen gekommen.
»Warum?«, fragte sie ihren Vater. »Warum hast du es mir nie erzählt?«
Simon schüttelte den Kopf. »Ich konnte nicht. Es war Teil des Abkommens. Sie belegte dich mit einem Fluch, der dein Leben verkürzte, sollte ich jemals ein Wort darüber sagen.«
Callia blickte zu Zander, der nach wie vor aussah, als wollte er einen Mord begehen. Außer ihrem Vater war er der Einzige, der von ihrer Schwangerschaft gewusst hatte, und ihr Vater hatte sie beide erfolgreich getrennt, auf dass niemand mitbekam, was geschah.
Ihre Wut wich Mitleid und Abscheu.
»Lass mich los, Titus«, murmelte sie. »Ich greife ihn nicht wieder an.«
Titus gab sie frei und trat ein kleines Stück zurück.
»Warum ich?«, fragte Callia ihren Vater. »Warum mein Kind? Die Argonauten haben seit Jahrtausenden Nachkommen. Was war so besonders an meinem Baby?«
Ihr Vater sank auf seine Fersen und rieb sich mit zittrigen Händen übers Gesicht. Falls es möglich war, dass er noch schuldbewusster wirkte, tat er das nun. Doch er antwortete nicht, und in Callia wurde ein schrecklicher Verdacht wach.
»Was war sonst noch gelogen?«, fragte sie zögerlich.
»Ich habe deine Mutter geliebt«, murmelte Simon. »Als sie starb, war ich am Boden zerstört.«
Callia war erst sieben gewesen, als Anna starb. Die königliche Heilerin erlag einer profanen Lungenentzündung, was bei ihrem so starken Immunsystem überhaupt keinen Sinn ergab. Im Nachhinein jedoch musste Callia feststellen, dass vieles fragwürdig gewesen war. Etwas musste zwischen ihren Eltern vorgefallen sein, das Annas Lebenswillen brach und ihre Ehe befleckte.
Callias Gedanken überschlugen sich, als sie in die traurigen Augen ihres Vaters blickte. Warum sollte Atalanta von allen Argonauten-Abkömmlingen gerade ihren Sohn wollen? Darauf konnte es nur eine Antwort geben.
»Du bist nicht mein richtiger Vater, stimmt’s?«
Simon schloss die Augen, doch sein Schmerz kümmerte sie in diesem Moment nicht. Wichtiger war, dass sie endlich die volle Wahrheit erfuhr.
»Wer?«, fragte sie. »Mit wem hatte sie eine Affäre?« Sie blickte sich im Saal um. »War es einer der Argonauten? Du hasst sie alle schon so lange. Wolltest du deshalb nicht, dass ich mit Zander zusammen war?«
Ihr drehte sich der Magen um, als sie zu Zander sah, den Theron immer noch zurückhielt. Er war der Älteste der Argonauten und hatte ihre Mutter gekannt. Aber Callias Gefühl sagte ihr, dass er es nicht gewesen war. Die anderen waren mindestens zweihundert Jahre alt. Callia war erst vierzig. Es könnte also jeder von ihnen sein, und es wäre eine Erklärung. Argonauten-Blut auf beiden Seiten würde einem Kind gewiss große Kräfte verleihen.
»Ich …« Die brüchige Stimme ihres Vaters lenkte Callias Blick wieder zu ihm. Er schniefte und wischte sich mit dem Unterarm übers Gesicht. »Nichts von alle dem wäre geschehen, wäre Anna keine Heilerin gewesen.«
Wie versteinert stand Callia da, als Verwicklungen und Bande, von denen sie nie geahnt hatte, sichtbar wurden. In ihrem Nacken, gleich unterhalb des Haaransatzes, setzte ein Kribbeln ein.
Sie schob eine Hand unter ihr Haar und berührte das Mal, auf das Lena sie in der Kolonie angesprochen hatte. Jenes Mal, das merkwürdigerweise ganz ähnlich dem auf Isadoras Schenkel war.
»Sie hatte eine Affäre mit dem König«, flüsterte sie und drehte sich zu Casey, die rechts neben ihr stand. Dann sah sie zu Isadora.
»Callia.« Ihr Vater stand auf und streckte ihr die Hände hin. »Ich bin trotzdem dein Vater. Was sie tat, ändert nichts.«
Es änderte nicht? Wie bitte? Es änderte alles. Panik schnürte Callias Brust zu, als ihr bewusst wurde, dass um sie herum alles zusammenbrach.
Bevor jemand sie aufhalten konnte, stürmte sie zur Tür. Sie brauchte Luft, eine Sekunde für sich. Sie brauchte … Mist, sie wusste selbst nicht, was sie brauchte.
»Callia!«
Wie sie es aus der Ratskammer schaffte, war ihr schleierhaft, aber auf einmal rannte sie den Korridor entlang. Als sie stehen blieb, um Luft zu holen, bemerkte sie ein Schild ungefähr in der Mitte des breiten Gangs und war schon im Vorraum der großzügigen Damentoilette, ehe ihr klarwurde, dass sie sich wieder bewegt hatte.
Eine Wand war komplett verspiegelt. Callia starrte ihr Spiegelbild an, drehte sich um, hob ihr Haar hoch und sah über die Schulter zu dem Mal in ihrem Nacken. Es war klein, doch die geflügelte Omega-Form war deutlich zu erkennen.
Die Tür ging auf, und Callias und Caseys Blicke begegneten sich im Spiegel. Callia ließ ihr Haar herunter und drehte sich zu ihr.
»Geht es dir gut?«
Ob es ihr gutging? Wohl kaum. »Sag du es mir. Ich habe eben erfahren, dass eine irre, rachsüchtige Halbgöttin meinen Sohn entführt hat, weil er der Thronerbe von Argolea ist. Wie ginge es dir damit?«
Caseys Miene wurde weicher. Dunkles Haar fiel ihr über die Schultern, aber die violetten Augen waren sehr klar und sehr vertraut. »Ich weiß, was du durchmachst.«
Callia schnaubte. »Ach ja, meinst du? Das denke ich nicht.« Nicht dass sie die Halbblutfrau nicht mochte, nur hatte sie momentan tausend andere Dinge, mit denen sie fertigwerden musste; da rangierte »Sich mit der neu entdeckten Halbschwester anfreunden« nicht unbedingt an erster Stelle.
Wieder öffnete sich die Tür, und Isadora kam herein. Allerdings wirkte sie nicht halb so besorgt wie Casey.
»Entzückend«, sagte Callia und musterte Isadoras angespannte Züge. »Wird das hier eine Party?« Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer, und sie rieb die Stelle zwischen ihren Augen.
Casey sah die Prinzessin an. »Sie hat das Zeichen in ihrem Nacken.«
»Zeig es mir«, forderte Isadora.
»Klar, wieso nicht?«, murmelte Callia, denn Casey hob ihr schon das Haar hoch, als wäre sie eine Art Versuchsobjekt. »Bizarrer kann dieser Tag schlecht werden.«
Die beiden inspizierten ihren Nacken, dann trat Isadora zurück und Casey ließ Callias Haar los. Das blasse Gesicht der Prinzessin verfinsterte sich. Es war offensichtlich, dass sie von den jüngsten Neuigkeiten kein bisschen begeistert war. Welche Tochter wäre das schon? Sie hatte soeben erfahren, dass ihr Vater noch ein uneheliches Kind hatte. Götter, der König hatte Zeus’ Weisung »seid fruchtbar und mehret euch« ein bisschen sehr wörtlich genommen.
Schließlich seufzte Isadora und sah die beiden anderen an. »Das Mindeste, was eine von euch hätte tun können, wäre, männlich zu sein. Dann müsste ich Zander nicht heiraten.«
Zander. Skata. Wie hatte Callia vergessen können, dass Zander sich an eine andere binden musste? Wann war dieser Umstand zu ihrer geringsten Sorge geworden?
»Was bedeutet das Mal?«, fragte Casey die Prinzessin. »Ich dachte, wir beide waren die erwählten Teile der Prophezeiung. Aber Callia hat es auch.«
Isadora schürzte die Lippen, und ihrem Gesichtsausdruck nach wusste sie es, wollte jedoch lieber nichts sagen.
»Isa?«, hakte Casey nach.
»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Isadora. »Ich habe ein bisschen recherchiert, konnte aber noch nichts Konkretes finden.« Sie sah Callia an. »Hattest du das schon immer?«
Für diesen Unsinn hatte Callia keine Zeit, und es war ihr auch egal. Andererseits wusste sie, dass die beiden keine Ruhe geben würden, bis sie nicht ein paar Antworten hatten. Und wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich sowieso nicht bereit, ihren Vater … Simon wiederzusehen.
»Vor heute wusste ich nicht mal, dass ich es habe.«
Casey sah Isadora an.
Dann guckten beide zu Callia, der mulmig wurde. »Und das heißt?«
»Ich glaube, keine von uns weiß es«, sagte Casey. »Aber es heißt irgendwas.«
Callia hatte den Eindruck, dass Isadora etwas verbarg, so wie die Prinzessin die Zähne zusammenbiss. Etwas, das sie weder ihr noch Casey sagen wollte.
Na, und wenn schon! Im Moment interessierte es Callia herzlich wenig.
»Hast du …?«, begann Casey, die Isadoras Blick nicht bemerkte. »Hast du in letzter Zeit mal ein komisches Gefühl im Kopf gehabt? Zum Beispiel, wenn wir alle im selben Raum waren. Als du vorhin in die Ratskammer kamst, habe ich …«
»Das Summen?«, half Callia ihr aus. »Ja, das habe ich gespürt.«
»Ich auch«, sagte Isadora. »An dem Tag im Zimmer meines Vaters spürte ich es ebenfalls. Als die Argonauten da waren und …« Zander sich freiwillig meldete, mich zu heiraten.
Isadoras unausgesprochene Worte hingen bleiern zwischen ihnen und erinnerten Callia abermals, was an ihrer gegenwärtigen Situation alles falsch war.
Okay, Schluss mit dem Geplauder. Sie ging zur Tür. »Ich muss mit Zander sprechen.«
»Er ist weg«, sagte Isadora.
Callia blieb stehen. »Was meinst du mit, er ist weg?«
»Weg wie gegangen, gleich nach dir.« Isadora betrachtete ihre Fingernägel. »Ich habe gehört, wie Theron etwas von der Kolonie erwähnte. Nick hat Informationen über jüngste Dämonenaktivitäten in der Gegend. Vermutlich wollen sie Atalantas Hauptquartier finden.«
Auf keinen Fall!
Callia fühlte sich aufs Neue betrogen. Er war einfach verschwunden, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Hatte wieder einmal sein Versprechen nicht gehalten. Ich schließe dich nicht aus.
Sie war zum Warten verdonnert, schon wieder. Die Argonauten taten, was sie immer taten, und sie war die Frau, die tatenlos dasitzen durfte. Ihr Vater, Loukas, jeder Mann in ihrem gottverdammten Leben behandelte sie so, und es reichte ihr endgültig. »Wo ist mein Vater?«, fragte sie.
»Simon wurde von Lucian unter Hausarrest gestellt. Ich nehme an, sie sind zusammen.«
Ja, das nahm Callia auch an. Und ihr war ohnehin gleich, was mit den beiden war.
Sie war viel zu wütend, um über ihren Vater nachzudenken, und hatte gewiss nicht vor, untätig zu warten. Zander sollte ja nicht glauben, er könnte sie herumschubsen.
»Man wird dich nicht durchs Portal lassen«, sagte Isadora, als Callia sich erneut zur Tür wandte. »Die Wachen werden es dir nicht erlauben. Inzwischen hat Lucian schon Bescheid gegeben, dass sie dich zurückhalten sollen. Und die Argonauten sicher auch.«
Callias Wut wuchs beständig. Sie drehte sich zu Isadora um. »Zur Hölle mit ihnen! Ich hocke nicht hier und warte!«
Casey legte eine Hand auf ihren Arm, und Wärme strömte von ihr auf Callia. »Das verlangt niemand von dir.« Sie sah zur Prinzessin. »Es gibt immer einen anderen Weg.«
Isadora spitzte wieder die Lippen.
»Welchen anderen Weg?«, fragte Callia.
»Die geheimen Portale«, antwortete Casey.
Callias Blick wanderte von einer Schwester zur anderen. »Wisst ihr, wo die sind?«
Isadora schwieg, und Callia wurde klar, dass die Prinzessin ihr nichts sagen würde.
Das war unfassbar! Sie wurde so zornig, dass ihre Muskeln sich wie blockiert anfühlten. Isadora und sie hatten sich nie verstanden, und nun begriff Callia auch, warum. Hatte Isadora gewusst, dass der König Callias Vater war? Hatte sie gehofft, dass es nie herauskommen würde?
»Isadora«, sagte Casey.
Seufzend zuckte Isadora mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wo die sind. Nicht genau zumindest. Aber ich habe einen Freund, der es weiß.«
Callia wusste vor lauter Wut kaum ein noch aus, zwang sich aber, ruhig zu bleiben. Sie war auf die Hilfe der Prinzessin angewiesen, wie sie noch nie jemandes Hilfe gebraucht hatte. »Worauf warten wir? Gehen wir zu deinem Freund.«
Isadora rührte sich nicht vom Fleck, und dieser tote Blick, der Callia vor Tagen im Studierzimmer des Königs aufgefallen war, als sie Isadora aufforderte, sich gegen ihren Vater zu wehren, war wieder da.
»Dein Sohn wird nicht herrschen. Der Rat würde ihn niemals als Erben anerkennen, denn deine Mutter beging Ehebruch.« Sie machte wahrlich keinen Hehl aus ihrer Ablehnung und Verbitterung. »Es spielt keine Rolle, was irgendeine von uns sich wünscht, nicht einmal, dass du Argoleanerin bist. Alles, was zählt, sind die Regeln und die Tradition.«
Callia hatte einige Mühe, Isadora nicht zu erwürgen. War die Prinzessin tatsächlich so herzlos, wie sie sich anhörte? Sie sprach über ihren Neffen, ihr Fleisch und Blut. Selbst wenn sie Callias Sohn nicht anerkannte, blieb er doch genau das. Während Callia mit ihrem Zorn rang, fragte sie sich, ob es dies war, was Zander tagtäglich tun musste. Doch der Gedanke verflüchtigte sich sofort wieder, und sie konzentrierte sich auf ihre neue Halbschwester.
»Das interessiert mich jetzt alles nicht. Ich will einfach nur meinen Sohn zurück.«
»Tja, mich schon«, entgegnete Isadora. »Der Vater deines Sohnes wird den Thronerben zeugen. Daran ist nichts mehr zu ändern, denn Zander gab dem König sein Wort. Und der König wird es sich nicht anders überlegen, nur weil endlich die Wahrheit über deine Eltern herausgekommen ist. Er wird dich anerkennen, doch die Tatsache, dass Zander der Vater deines Sohnes ist, nicht. Vergiss das nie. Keiner außer uns und den Argonauten erfährt davon.«
Das reichte. Mehr konnte Callia nicht hinnehmen. Sie stürzte sich auf Isadora.
»Oh, mein Gott!«, hauchte Casey, packte Callia und zog sie zurück. »Aufhören! Alle beide!«
Isadora zuckte nicht einmal mit der Wimper. Und sie sah kein bisschen verängstigt aus, obwohl Casey ihre liebe Not hatte, Callia zurückzuhalten. »Denk doch nach, Callia. Mir gefällt die Situation genauso wenig wie dir, und ginge es nach mir, wäre nichts von all dem ein Problem. Aber weder du noch ich haben etwas zu sagen.« Sie stand wie angewurzelt da, ihr Blick hart und unlesbar. Und das allein sagte schon hinreichend darüber aus, wie oft ihre Wünsche schnöde übergangen wurden, nämlich weit häufiger, als Callia sich vorstellen konnte. Sie schien sich mit nachgerade brutaler Resignation in ihr Los zu fügen, bloßer Besitz zu sein. »Ich will dich nicht verärgern, sondern sage dir lediglich, wie es ist.«
Obgleich sie es nicht wollte, erwärmte sich ein Teil von Callia eben genug für Isadora, dass sie der Prinzessin nicht mehr sofort an die Gurgel gehen wollte. Sie hörte auf, sich gegen Casey zu wehren.
»Diese Situation wird sich nicht auf wundersame Weise richten, wenn du deinen Sohn findest«, fügte Isadora hinzu. »Dessen solltest du dir bewusst sein.«
Callias Brustkorb hob und senkte sich, während sie versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. So wenig es ihr behagte, konnte sie Isadoras Worte nicht von sich weisen. Selbst wenn sie ihren Sohn von Atalanta zurückbekam – und zwar mit einem großen WENN –, wäre Zanders Vermählung mit Isadora dadurch nicht aus der Welt. Eine Abmachung mit dem König war endgültig. Und egal was sie oder Isadora oder gar Zander wollten, es war null und nichtig, denn keiner von ihnen hatte es in der Hand.
Was falsch war. Trotzdem scherte es Callia im Moment einen feuchten Kehricht, was mit der Politik oder ihrer Welt nicht stimmte. »Das ist mir bewusst. Ich will nur meinen Sohn.« Es kostete sie einige Anstrengung, ihre Stimme nicht allzu unfreundlich klingen zu lassen. »Bitte, hilf mir, in die Menschenwelt zu gelangen, damit ich meinen Sohn suchen kann.«
Isadora seufzte, und das nicht vor Erleichterung. Vielmehr waren es Resignation und Gleichgültigkeit. »Na gut. Ich bringe dich zum geheimen Portal.«
»Wo ist sie?« Zander bog den Dämonenarm so weit zurück und nach oben, dass Knochen knackten.
Der Dämon knurrte. Er lag bäuchlings auf dem verschneiten Boden und wollte sich Zander entwinden. Um sie herum war das unschuldige Weiß von Blutflecken übersät.
»Zander«, sagte Theron hinter ihm. »Das reicht.«
Zander drückte fester und riss den Dämonenarm aus dem Kugelgelenk. Die Bestie heulte vor Schmerz. Neben ihnen lagen zwei enthauptete Dämonen im Schnee, deren Leichen vom wenigen Mondlicht beschienen wurden, das durch die hohen Douglas-Tannen drang.
Besudelt von Blut, Schweiß und Ekligerem, achtete Zander gar nicht auf Theron. Er neigte sich hinunter zum verbliebenen Ohr des Dämons – das andere hatte er ihm bereits abgerissen – und warnte: »Ich weide dich aus wie ein Tier, wenn du mir nicht sagst, wo Atalanta ist.«
»Zander«, wiederholte Theron und packte seinen Arm. »Ich sagte, es reicht. Wenn du so weitermachst, wird er überhaupt nichts mehr sagen können.«
Der Dämon hustete. Blut spritzte auf einen Flecken frischen Pulverschnees, als das Monster seinen Kopf ein Stück anhob. »Fahr zur Hölle«, keuchte es.
Nun sah Zander richtig rot. Er schüttelte Therons Hand ab und griff nach seinem Messer. »Du zuerst, Arschloch.« Mit einem glatten Schnitt durchtrennte er die Halsschlagader. Der Dämon gurgelte und würgte.
»Oh, Scheiße«, flüsterte jemand hinter ihm.
Zander stand auf, bebend von Kopf bis Fuß, und blickte auf sein Werk hinab: zwei geköpfte Dämonen und einer, der an seinem eigenen Blut erstickte. Keiner von ihnen hatte Atalantas Versteck preisgegeben, also wusste er immer noch nicht, wo sein Sohn jetzt war.
Er steckte das blutige Messer wieder in den Halfter an seinem Schenkel und wandte sich ab. Hinter sich hörte er, wie einer der Argonauten den letzten Dämon enthauptete.
Weicheier. Lasst den Dreckskerl doch noch ein bisschen bluten.
Er zog das GPS aus seiner Tasche und stapfte durch den Schnee. Nach Norden zu gehen, barg wohl die größten Chancen, denn Nick hatte erwähnt, dass die Angriffe weiter im Norden zunahmen. Und mit dem nächsten Dämon, den er fand, wäre er weniger nett.
»Ich sagte, hör auf, Wächter.« Theron stellte sich Zander in den Weg.
Zander blieb stehen und sah Theron an. »Weg da.«
»Und wo willst du hin?«
»Was denkst du denn, wo ich hin will? Geh mir verdammt nochmal aus dem Weg!«
Theron machte seine Schultern gerade. Cerek und Gryphon positionierten sich neben ihm.
Langsam nahm Zander sein GPS herunter und blickte seine Gefährten an. Titus war zu seiner Rechten, Phineus zu seiner Linken. Sie umzingelten ihn. »Was soll das werden?«
Theron trat einen Schritt vor. »Sieh dich mal an. Du bist dreckbesudelt, deine Schulter blutet wie verrückt, und du bist kurz vorm Explodieren. Dem letzten Dämon hast du nicht mal die Chance gegeben, dir zu antworten, ehe du ihm das Ohr abgerissen hast.«
Zander starrte zu den Bäumen.
»Du gehst zur Kolonie zurück«, sagte Theron. »Lass deine Schulter versorgen, wasch dich und krieg erst mal einen klaren Kopf. In dieser Verfassung nützt du keinem etwas. Und wir finden den Jungen nie, solange du dich nicht im Griff hast.«
Zanders Wut kochte über. Er ließ sein GPS fallen und packte Theron vorn bei der Jacke, ehe einer der anderen reagieren konnte. »Versuch, mich zu zwingen.«
»Nein!«, brüllte Theron, als Titus und Cerek Zander zurückreißen wollten. Er machte keinerlei Anstalten, sich von Zander zu befreien, obwohl sie beide wussten, dass er zehnmal stärker war als Zander. Stattdessen blickte er ihm in die Augen und senkte die Stimme. »Ich weiß nicht, was du durchmachst. Das kann keiner von uns erahnen. Aber so erreichen wir gar nichts. Wir alle wollen dir helfen.«
Zander hörte ihn wie durch einen Tunnel. Seine Rage hatte die Macht über ihn, pochte in ihm und wollte losbrechen.
»Sei nicht blöd, Z.«, sagte Theron. »Wir müssen überlegen, uns einen Plan ausdenken. Nick hat sicher schon Informationen, wo es die letzten Überfälle gab, und du musst deine Schulter behandeln lassen, bevor sie sich entzündet. Wenn du wegen einer Blutvergiftung ins Fieber fällst, kannst du nicht nach deinem Sohn suchen.«
Zander holte mehrmals tief Luft, bis sich der Zornesnebel in seinem Kopf lichtete.
»So ist es gut«, sagte Theron.
Nun nahm Zander die Hände von Therons Jacke und wich zurück. Seine Muskeln waren nach wie vor gespannt, und er fühlte sich wie ein zum Zerreißen gedehntes Gummiband.
»Cerek, Gryphon, Phin«, kommandierte Theron seine Wächter, »kümmert euch um die Leichen. Titus.«
»Jo«, sagte Titus.
»Gib Nick Bescheid, dass wir reinkommen.«
Während Titus auf Abstand ging, um Nick über eines der Satellitentelefone zu verständigen, die er ihnen gegeben hatte, legte Theron eine Hand auf Zanders Schulter. »Bist du okay?«
Zander sah auf die Hand, dann zu Theron, und obwohl er nach wie vor Blut sehen wollte, wusste er, dass Theron recht hatte. »Nein.«
»Es war klug, Callia zu Hause zu lassen.«
Das Bild von Callia, die sich gegen ihren Vater und den versammelten Rat stellte, tauchte vor seinem geistigen Auge auf. »Sie wird stinksauer sein.«
»Sie wird leben«, sagte Theron, der zur Seite blickte. »Und sie muss diesen Mist nicht mitansehen.«
Titus kam wieder zu ihnen, das Telefon mit abgewinkeltem Mundstück an seinem Ohr. »Nick hat einen Scout hergeschickt. Er ist in zwanzig Minuten da, um uns zu holen.«
Theron nickte. »Gut.«
Zanders Kinn zuckte, und die vertraute, alles verschlingende Rage meldete sich zurück. Zwanzig Minuten warten, weitere dreißig zur Kolonie. Und wer wusste, wie lange es dauern würde, seine Wunde zu nähen und einen Plan zu schmieden? Das Verlangen, diese Bestien auszuschalten, überwog alles andere, einschließlich seiner Vernunft.
»Reiß dich zusammen, Zander«, sagte Theron. Der Anführer der Argonauten wandte sich den anderen zu, die mit den toten Dämonen auf der kleinen Lichtung beschäftigt waren. »Zünden wir sie an.«
Zander blieb, wo er war, am Rande der Gruppe, während sie seinen Dreck beseitigten, damit keine Menschen zufällig über die Leichen stolperten. Die Hitze des Feuers versengte ihm die Haare im Gesicht und auf den Armen, und ein fauliger Gestank stieg ihm in Nase und Mund, doch er bewegte sich nicht. Das hier hatte er Tausende Male getan, getötet und zugesehen, wie die Überreste in Rauch aufgingen. Nur hatte ihn jedes Mal ein Siegesgefühl erfüllt, das nun ausblieb. An seiner Stelle war nur der Wunsch da, wieder zu töten, gepaart mit einem Zorn, den er nur mit größter Mühe bändigen konnte.
Früher oder später würde er explodieren, und dann könnte er nichts mehr tun. Er hoffte inständig, dass in jenem Moment Atalanta in der Nähe war.