Erstes Kapitel
Könnte er sterben, wäre dies der ideale Ort dafür.
Zander stand am Rande der Klippe und blickte gebannt hinab auf die Felsenschlucht unter sich. Eine dünne Schneeschicht knirschte unter seinen Stiefeln, als er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte und überlegte … Was wäre, wenn?
Die Temperatur lag deutlich unter null, so dass der Wind, der ihm ins Gesicht blies, alles betäubte, was er noch an Gefühl besaß. Als Argonaut, Nachfahre der größten Helden der griechischen Antike, war er stärker als bloße Sterbliche, stärker sogar als die Argoleaner und die unlängst entdeckten Halbblute, die er neuerdings beschützte. Seine Kraft war selbst der seiner Mitkrieger überlegen.
Nein, Unterkühlung würde ihn gewiss nicht töten. Leider. Erfrierungen wären nichts als eine vorübergehende Plage. Verdammt! Weil er nun einmal er war, könnte nicht einmal eine Kugel in die Brust verhindern, dass sein belämmertes Herz weiterschlug. Dies hier hingegen – er blickte in den Abgrund gute sechshundert Meter unter ihm, der nach unten so dunkel wurde, dass der dumpfgrüne Fluss unter einem dünnen Nebelschleier verborgen war – könnte eine Möglichkeit sein. Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf wisperte, Tu es einfach!
Er war nicht blöd. Er verbrachte mehr Zeit mit Menschen als irgendein anderer Wächter aus seiner Welt und wusste, dass solch ein Sprung bestenfalls einer gescheiterten Nike-Werbeaufnahme gleichkäme. Und dennoch … es war verlockend. Schließlich konnte er nicht ausschließen, dass er sich beim Sturz die eine Wunde zuzog, die ihn sofort tötete und seine Unsterblichkeit ein für alle Mal beendete.
Sein Kampfgefährte Titus kam zu ihm, bevor er sich entschieden hatte, und sah ebenfalls hinab. »Eine echt beschissene Art, aus dem Leben zu scheiden. Aber du hast recht. Es würde dich nicht umbringen, und mir steht übrigens nicht der Sinn danach, dich da unten wieder zusammenzuklauben und gesundzupflegen.«
Zander sah den jüngeren Argonauten verärgert an – den beträchtlich jüngeren, der, wer hätte das gedacht, sich hier runterstürzen und sterben könnte! Was für ein Glückspilz. »Hör auf, meine Gedanken zu lesen. Du weißt, dass mich das wahnsinnig macht.«
Titus grinste, hob eine Hand und wischte sich über den Mund. Im matten Licht der Dämmerung leuchteten die Zeichnungen auf seinen Unterarmen und Händen, die Erkennungsmale der Argonauten, besonders deutlich auf der hellen Haut. Sein Grinsen war verhalten, denn so richtig lächelte Titus nie. »Du bist schon wahnsinnig, Alter. Und denkst du, mir gefällt es, dauernd zu wissen, was in deinem wirren Hirn vor sich geht? Dann verrate ich dir was. Es steht definitiv nicht ganz oben auf meiner Liste besonders spaßiger Dinge!« Er wedelte mit seinen großen Händen. »Du projizierst deinen Mist auf alles und jedes hier, und, glaub mir, ich bemühe mich nach Kräften, nicht hinzuhören.«
Zanders Miene verfinsterte sich, als er einen Schritt vom Klippenrand zurücktrat. Er ärgerte sich, dass er nicht gesprungen war, ehe Titus den Mund aufmachte, und noch mehr, dass ihn dieser kleine freie Fall nicht so ausschalten würde, wie er es gern hätte. Seine ohnedies schlechte Laune wurde nur schlimmer, je länger sie unterwegs waren, ohne irgendwelche Dämonen zu treffen.
Wenig hilfreich war, dass Titus und er diesen Gebirgsabschnitt seit einer vollen Woche nach Nachzüglern absuchten und nichts gefunden hatten. Zander wollte nicht zurück nach Argolea; ebenso wenig wollte er zur Kolonie gehen oder nach mehr Halbbluten suchen, die sich in den Wäldern versteckten. Er lechzte nach einem üblen, gefährlichen Kampf, war düsterer gestimmt als Hades selbst, und sollte er nicht bald kämpfen können, würde es unschön. Für alle.
»Gehen wir«, sagte Titus, der zurücktrat und sich die kalten Hände rieb. »Hier ist keiner. Wäre da unten eine Siedlung, hätten wir sie schon entdeckt. Wir gehen nach Norden, Richtung Mount Hood, und sehen mal, was wir dort finden.«
Zwar wollte er nicht, aber Zander nickte. Die nächstgelegene Halbblutkolonie lag verborgen im Willamette National Forest südlich von hier, und die Menschen in der Gegend hatten keine Ahnung von deren Existenz. Unter den Argonauten herrschte die einhellige Vermutung, dass es weitere Halbblute oder Misos gab. Misos nannten sich die Geschöpfe, deren Eltern zur Hälfte menschlich, zur Hälfte argoleanisch waren, und sie mussten sich verstecken, weil die Dämonen sie jagten. Dank dem Anführer einer der Kolonien, Nick, wussten sie inzwischen von drei anderen, die über den Globus verteilt waren. Nick selbst war sowohl ein Halbblut als auch etwas, das bislang keiner ergründet hatte. Eine andere Kolonie befand sich in Afrika, eine in der Permafrosttundra von Nordrussland und die dritte im Dschungel von Südamerika.
»Hey«, begann Titus mit seinem typischen Grinsen, als sie den Pfad entlanggingen, der in den Wald zurück führte, »es könnte schlimmer sein. Du hättest auf Patrouille nach Siberien geschickt werden können, wie Cerek und Phineus.«
Die Erwähnung der beiden anderen Argonauten hob Zanders Stimmung kein bisschen. »Dann wäre ich wenigstens weit weg von dir und deiner ewigen Gedankenleserei!«
Titus lachte leise. »Du solltest dringend deine Einstellung ändern, Z. Unsterblichkeit ist eine Gabe, Mann! Ich würde meinen linken Arm geben, hätte ich die anstatt Gedanken zu …«
Zander drehte sich so rasch zu ihm, dass Titus mitten im Satz die Luft anhielt. »Es ist keine Gabe! Es ist ein verdammter Fluch!«
Titus blickte hinab auf Zanders Hand auf seiner Jacke. Eine dunkle Wolke huschte über seine Züge, konnte Titus es doch nicht leiden, angefasst zu werden. Nirgends. Nicht einmal von einem Bruder. »Tritt zurück. Sofort.«
Zanders und sein Blick begegneten sich. Die Wächter waren in etwa gleich groß, beide knapp zwei Meter, und brachten zweihundertfünfzig Pfund pure Muskelmasse auf die Waage; doch da endeten die Ähnlichkeiten. Titus’ welliges dunkles Haar war mit einem Lederband zurückgebunden, und Eiskristalle hingen in seinem schmalen Schnurrbart und dem dunklen Unterlippenbart. Für den durchschnittlichen Betrachter sah er menschlich aus, war es aber nicht. Und seine braunen Augen funkelten wissend und gefährlich, eine Kombination, die für jeden heikel wurde, der Titus verärgerte.
Langsam nahm Zander seine Hand herunter, wich jedoch nicht zurück. Einen Kampf würde er gewinnen, selbst gegen solch einen Hitzkopf wie Titus. Er konnte mehr Schläge einstecken als jeder andere und immer noch weiterkämpfen. Trotzdem könnte er verletzt werden und bräuchte Zeit, sich wieder zu erholen. Und so gern er heute eine anständige, blutige Prügelei austragen würde, wollte er sie nicht mit Titus.
Vielmehr sollte sein Waffenbruder endlich begreifen, erst recht wenn Zander wer weiß wie lange mit diesem sterblichen Mistkerl herumziehen musste. Er biss die Zähne zusammen. »Zuzusehen, wie jeder stirbt, an dem dir liegt, ist keine Gabe, Titus. Ich diente mit deinem Vater. Ich diente mit den Vätern aller Argonauten. Ich war dabei, als Eurandros König und Leonidas noch nicht einmal ein Jucken in seiner Hose war. Und nun stirbt Leonidas an Altersschwäche, aber ich nicht. Ich bin genauso stark und gesund wie immer.«
Der Zorn, den Zander tief in sich verschlossen hielt, nahm sekündlich zu. »Vielleicht willst du jetzt nicht sterben, Wächter, aber eines Tages wünschst du es dir. Eines Tages wirst du bereit sein, zu den Elysischen Feldern aufzubrechen oder wohin auch immer der Rest von euch geht, wenn eure Tage gekommen sind. Aber ich nicht. Nein, ich bleibe hier und tue, was ich die letzten achthundertzwanzig Jahre getan habe. Ich sehe euch alle sterben und wünschte bei Hades, ich könnte mit euch gehen.«
Er marschierte voran unter die Bäume, ehe er etwas tat, was er bereuen würde. Ja, er klang wie eine Heulsuse mit einem gigantischen Anfall von Selbstmitleid. Doch er war es so gründlich leid. Er war es leid, sich zu benehmen, als wäre es prima und herrlich, was ihm das Schicksal aufbrummte. Es hatte eine Zeit gegeben, eine lange Zeit, da dachte er wie Titus. Er hatte tatsächlich geglaubt, es wäre ein Geschenk, dass er seine verwundbare Stelle, seine Achillesferse noch nicht gefunden hatte, wie es seinem Vater und jedem anderen Mann aus seiner Linie widerfahren war. Das war vorher gewesen. Bevor ihm klarwurde, dass er in alle Ewigkeit hier festsaß, während ihm alles, was von Bedeutung war, genommen wurde. Vor zehn Jahren. Bevor er erkannte, dass Heras Fluch real war.
»Zander, warte!«
Er ignorierte Titus’ Rufen und stampfte weiter, den Kopf gesenkt, um dem Wind auszuweichen. Wut und Selbstekel erhitzten sein Blut. Ja, er war wahrlich in der Stimmung für einen blutigen Kampf. Und kam er nicht schnell genug von Titus weg, wäre es ihm am Ende egal, dass der Argonaut ein Freund, kein Feind war.
Er hatte es dreißig Meter weit in den Wald geschafft, als die erbärmliche Kälte einer Froststarre wich, bei der einem das Mark in den Knochen gefror.
Zander blieb stehen und blickte auf. Weiter vorn zur Rechten schlichen sechs Dämonen durchs Unterholz, die offensichtlich auch auf Patrouille waren: auf der Suche nach Halbbluten, die sie dezimieren konnten.
Ein müdes Lächeln trat auf Zanders Gesicht. Es war das erste seit Tagen. Alle Dämonen waren leicht über zwei Meter groß, hatten Hörner und Reißzähne, katzenähnliche Gesichter, hundeartige Ohren und die Körper von Männern. Von richtig stämmigen, hässlichen, unangenehmen Männern, wie man sie des Nachts in dunklen Seitengassen traf, wo sie nichts als Ärger suchten. Zanders Lächeln wurde breiter.
»Genau das, worauf ich gehofft hatte. Wollt ihr Freaks rauskommen und spielen oder einfach nur dastehen und blöd aussehen wie eure Kuh von einer Anführerin, Atalanta? Das könnt ihr nämlich echt gut. Ja, ich sehe sogar eine gewisse Ähnlichkeit. Du da, ganz vorn.« Er wies auf den Hässlichsten, dem irgendeine scheußliche Substanz von den Reißzähnen tropfte. »Bist du vielleicht ihr Bruder? Nein, Quatsch, gleich hab ich’s.« Er schnippte mit den Fingern. »Ihr Sohn!«
Der Angesprochene, der eindeutig das Kommando hatte, sah Zander an und knurrte, »Argonaut«; dann schnüffelte er in die Luft und fügte hinzu, »Zwei.« Die anderen fünf Dämonen schwärmten in U-Formation aus, umkreisten Zander und duckten sich, bereit zum Sprung.
Und, ja, aus den Ohren des Anführers qualmte es richtig! Ach, klasse. Das würde ein schöner Kampf. Sechs gegen einen. Vielleicht bekam er endlich eine richtige Abreibung. Und sollte er bei der Gelegenheit gleich ein paar Dämonen ausschalten, umso besser.
Titus kam hinter ihm angelaufen, als Zander gerade nach seinem Parazonium griff, dem antiken griechischen Dolch, der die klassische Waffe der Argonauten war, und den Zander hinten auf seinem Rücken trug. »Oh, Mist. Du musstest die auf die Zinne bringen, stimmt’s?«
»Und ob ich das musste.«
Titus zog seinen eigenen Dolch. »Okay, du Genie, welche willst du?«
»Alle.«
»Zander!«
»Halt dich zurück, solange ich dich nicht brauche«, murmelte er. »Ich kann nicht sterben, schon vergessen? Du sehr wohl.«
Er trat zurück in den Dämonenkreis und achtete nicht auf Titus’ Widerspruch, denn er wusste, dass der Argonaut auf ihn hören und es ihn zunächst allein versuchen lassen würde.
»Dann mal los, Mädels. Zeigt mir, was ihr draufhabt.«
Mit einem Brüllen bleckten die Dämonen ihre Keilzähne und griffen an.
Dies war ein Familienstreit, in den Callia ganz sicher nicht mit hineingezogen werden wollte.
»Das ist lachhaft. Isadora, verbiete es ihm!«, wandte sich Casey Simopoulos erschöpft an ihre Halbschwester, die künftige Königin von Argolea.
Von der gegenüberliegenden Seite des eleganten Schlafgemachs aus wechselte Callia einen Seitenblick mit Isadora. Die Prinzessin hatte ihr blondes Haupt gesenkt und betrachtete einen Flecken zwischen ihren rosa Pantoffeln. Ihre Hände hatte sie auf dem Rücken verschränkt, und ihr zartrosa Kleid schien die zierliche Gestalt buchstäblich zu verschlucken. Sie war der Inbegriff der Unterwürfigkeit und hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, seit ihr Vater, der sterbende König Leonidas, seinen irrwitzigen Beschluss verkündete.
Sie würde bald Königin, war die Gynaíka, die in naher Zukunft über ihr Land herrschen, die Argonauten befehligen und sie in diesen gefährlichen Kriegszeiten anführen sollte. Atalanta trieb sich im Menschenreich herum, auf der Suche nach einem Weg, wie sie die Halbblute vernichten und nach Argolea gelangen konnte, um sich dafür zu rächen, dass sie nicht bei den Argonauten aufgenommen worden war. Folglich war eine willensstarke Anführerin für Argolea zwingender denn je.
Die Isadora indes nicht sein könnte, wie Callia schon eine ganze Weile dachte. Dennoch kam sie nicht umhin, sich zu fragen, ob Leonidas’ Dekret für alle das Beste wäre.
»Isadora, du darfst ihn das nicht tun lassen«, sagte Casey lauter und ging auf ihre Schwester zu. »Wir sind doch nicht in der Steinzeit!«
»Genug!«, keuchte der König, während er versuchte, sich auf den Kissen seines ausladenden Himmelbetts weiter nach oben zu stemmen.
Callia beachtete das Brummen nicht, das ihr seit zehn Minuten durch den Schädel dröhnte, legte ihre Instrumente ab und ging zum König, um ihm zu helfen.
Es ärgerte ihn sichtlich, Hilfe zu brauchen, aber er wehrte sich nicht. Heute war sein Verstand klar, was er nutzte, solange er konnte. »Isadora heiratet beim nächsten Vollmond. Keine Widerrede.«
Caseys Mundwinkel zuckten. »Es ist unrecht, und das weißt du.«
Der König wandte sich seiner dunkelhaarigen Tochter zu. Aus dem simplen Grund, dass ihre Mutter menschlich gewesen war, durfte sie niemals Königin werden, obwohl Casey die Stärkere war und die bessere Wahl wäre, wie jeder wusste. Leonidas blinzelte, denn er sah nichts mehr außer verschwommenen Umrissen. »Isadoras Vermählung mit einem Wächter meiner Wahl sorgt dafür, dass der Rat ihre Autorität nicht anficht. Du hast mir bereits den genommen, den ich als Ersten für sie bestimmt hatte, Acacia. Und es steht dir nicht zu, dich in meine Entscheidung einzumischen, wen ich an seiner statt wähle.«
Betretene Stille trat ein, die Callia bis in ihr Innerstes fühlte. Sie kannte sich leider sehr gut mit Dominanz aus, damit, was es bedeutete, von Patéres kontrolliert zu werden. Und nach geltendem Recht gab es sehr wenig, was eine Gynaíka tun konnte, außer zu gehorchen. Im Stillen verfluchte sie ihre patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen die Chance hatten, zu werden, was sie wollten, solange der Mann, dem sie unterstanden, zustimmte.
Isadora hob weder den Kopf, noch sah sie ihren Vater oder ihre Schwester an. Callia und Isadora hatten einander zwar nie nahegestanden, aber ein Teil von Callia fühlte mit der Prinzessin. Jener Teil, den sie ungern zur Kenntnis nahm, geschweige denn zu Wort kommen ließ.
Da es ihr an Familiendrama reichte, packte Callia ihre restlichen Sachen zusammen und klappte ihren Arztkoffer zu. Als Privatheilerin des Königs verbrachte sie in letzter Zeit viele Stunden hier, linderte und behandelte seine Leiden, doch sie genoss es kein bisschen. Vor allem nicht, wenn sich, wie jetzt, Kopfschmerzen ankündigten. Und bei jedem Besuch in der Burg bestand die Gefahr, einem Argonauten in die Arme zu laufen. Was sie um jeden Preis vermeiden wollte. »Ich komme morgen früh wieder, um nach Euch zu sehen.«
Seine knorrige Hand schnellte vor und ergriff ihren Arm, bevor sie auch nur einen Schritt machen konnte. Selbst mit 684 Jahren und einem Körper, der schließlich dem Alter erlag, war er immer noch stark. Stärker als die meisten anderen. »Ich will, dass du bleibst.«
Ein Angstschauer lief ihr über den Rücken. »Das ist nicht nötig, Hoheit. Und auf mich wartet Arbeit in der Klinik. Ich muss dringend zurück.«
»Bis Vollmond ist es nur noch eine Woche. Nachdem ich den Argonauten meinen Beschluss mitgeteilt habe, musst du prüfen, ob mein Wahlkandidat bei bester körperlicher Verfassung ist. Ich brauche die Gewissheit, dass er sofort einen Erben zeugen kann. Die Untersuchung wirst du in meinem Studierzimmer vornehmen.«
Callia sah zu Isadora, die ihren Kopf noch tiefer neigte, falls das überhaupt möglich war. Es musste herrlich sein, als bloße Brutmaschine betrachtet zu werden!
Doch, gütige Götter, Callia hatte wahrlich andere Sorgen. Der König wollte eine Untersuchung, an einem Argonauten seiner Wahl, heute. Ihr fielen tausend andere Foltermethoden ein, die sie dieser vorgezogen hätte. »Ähm, ich bin sicher, ein anderes Mal wäre …«
»Das ist keine Bitte«, fiel er ihr schroff ins Wort und ließ sie los. »Althea!«
Seine Dienerin kam ins Zimmer geeilt und verneigte sich. »Ja, Euer Majestät?«
»Hol mir Demetrius. Er leitet die Wachen am Portal, wo er die neuen Rekruten ausbildet. Ich will ihn und die anderen Argonauten in einer Stunde hier versammelt haben.«
Altheas Augen weiteten sich im selben Moment, in dem ein Stich durch Callias Brust schoss. »Alle, Euer Majestät?«
Er wischte die Frage mit einer Handbewegung fort. »Geh schon.«
»Ähm, Hoheit«, begann Callia, als Althea aus dem Zimmer lief. »Ich denke wirklich …«
»Isadora«, sagte er, ohne auf Callia zu achten, »bring Callia in mein Schreibzimmer und sorge dafür, dass sie sämtliche Instrumente und Sonstiges hat, was sie für die Untersuchung braucht. Ich möchte, dass ihr beide wieder herkommt, sobald die Argonauten da sind.«
Isadora bemühte sich gar nicht erst, ihm zu widersprechen, drehte sich wortlos zur Tür und huschte auf ihren weichen Seidenschuhen hinaus. Callia seufzte resigniert. Ihr blieb keine andere Wahl, als der Prinzessin zu folgen.
»Acacia.« Der König wandte sich seiner anderen Tochter zu. »Such deinen Ehemann und lass ihn seine Wächter von ihrer Patrouille zurückrufen, egal, wo sie sind. Und keine Ausflüchte. Ich will sie hier, ausnahmslos. Ist das klar?«
Die Arme vor der Brust verschränkt, runzelte Casey die Stirn und trat näher an sein Bett. Nicht nur war sie mit ihrer ärmellosen weißen Bluse und der schwarzen Hose vollkommen anders gekleidet als Isadora; im Gegensatz zu ihrer Schwester hatte Casey auch keinerlei Hemmungen, ihn in seine Schranken zu verweisen. »Oh ja, ich werde zu Theron gehen und ihm genauestens berichten, was du vorhast, keine Bange.« Als sie glaubte, nahe genug zu sein, dass er sie einigermaßen erkennen konnte, tippte sie sich an den Kopf. »Das geht nach hinten los, wie dir hoffentlich bewusst ist.«
Der König schnaubte verächtlich und blickte stur geradeaus.
»Ja, wird es«, bekräftigte sie, beugte sich hinunter und küsste ihn auf die faltige Wange. »Glaub mir, Dad, Isadora wird nicht ruhig dasitzen und dich über ihr Leben bestimmen lassen.«
»Doch, wird sie«, murmelte er. »Weil sie nicht so ist wie du.«
Casey richtete sich wieder auf, und obwohl sie unverkennbar in Rage über das war, was mit ihrer Schwester angestellt wurde, sah Callia in den Zügen des Halbbluts auch Mitgefühl mit dem lange verloren geglaubten Vater. Ein Mitgefühl, von dem Callia wünschte, sie könnte es für ihren eigenen Vater empfinden.
»Du hast recht«, sagte Casey. »Ist sie nicht. Sie ist stärker als ich, stärker als wir alle. Und schon bald wirst auch du das erkennen. Wie jeder andere.«
Der König antwortete nicht. Weder als Casey sich abwandte und hinausging, noch als Callia ihre Tasche aufnahm und ihr folgte. Doch als sie an der Schwelle war, meinte Callia beinahe sicher, den alten Ándras murmeln zu hören, »Ich hoffe, du hast recht. Und um unser aller willen hoffe ich, dass sie endlich beweist, wie unrecht ich habe.«