Zehntes Kapitel
Jemand sang, und er war es nicht, denn er konnte ums Verrecken keinen Ton halten.
Es war ein herrlicher Klang, beruhigend und entspannend. Das Lied erkannte Zander nicht, doch es war ihm auch gleich. Es hörte sich einfach nur schön an, selbst in seiner wirren, benebelten Wahrnehmung. Etwas streifte seine Stirn. Eine Hand? Dann seine Schulter, als Nächstes seine Hüfte. Sanfte Finger wanderten zu seinem Bein. Er atmete tiefer, ließ locker, horchte auf die samtige Stimme, die allmählich kräftiger, klarer wurde und sich wie Seide auf seiner Haut anfühlte.
Sein Bein …
Er riss die Augen auf. Konnte er wirklich sein Bein spüren? Aber wieso war alles schwarz?
»Meine Augen …« Hoppla, war das seine Stimme? Sie war viel zu kehlig und rau.
Das Singen endete abrupt. »Zander?«
Callia? Was tat sie denn hier? Er überlegte, versuchte die Erinnerungsfetzen zusammenzufügen, was ihm nicht gelingen wollte. »Ich sehe nichts.«
»Ist schon gut.« Wieder strich ihre Hand über seine Stirn. Oh ja, ihre Finger auf seiner bloßen Haut waren wundervoll. Er neigte den Kopf in die Richtung, aus der ihre Stimme gekommen war, und inhalierte ihren Duft. Süß wie Sommerrosen. Ja, das war eindeutig Callia.
»Das ist eine Nebenwirkung der Medizin. Es vergeht wieder.«
Na, was für nette Neuigkeiten. Aber wozu brauchte er Medizin?
Und dann, als hätte jemand den Lichtschalter in seinem Kopf betätigt, erinnerte er sich: an die Dämonen, den Kampf, dass er verwundet wurde und in dieser Höhle bei Callia und Titus aufwachte.
Wenn sie bei ihm war, konnte er nicht tot sein. Aber dann fiel ihm wieder ein, wie Titus sie berührt hatte, und sein Puls begann zu rasen.
»Entspann dich, Zander.« Ihre Hände drückten auf seine Schultern. »Du darfst noch nicht aufstehen.«
Ihre Stimme beschwichtigte ihn, und er hörte auf, sich zu wehren. War das nicht seltsam? Bis sie etwas sagte, hatte er gar nicht gemerkt, dass er sich bewegte.
»So ist es besser«, sagte sie.
Er blinzelte, denn inzwischen war nicht mehr alles vollständig schwarz. Eine schemenhafte Gestalt war über ihn gebeugt. Die Umrisse blieben verschwommen, wurden jedoch heller. »Wo ist Titus?«
»Er wollte Demetrius suchen.«
Das war sicher eine kluge Entscheidung.
»Demetrius hat die Dämonen weggelockt, nachdem du verwundet wurdest«, erzählte sie.
Hat er? Zander überlegte. »Was ist mit den Misos?«
Callia seufzte, und wieder fühlte er ihre Hände auf seinem Bein. Nahm sie ihm einen Verband ab? Er wusste es nicht genau. »Einige haben es nicht geschafft.«
»Die Kinder?«
»Bleib liegen, Zander.« Wieder drückte sie seine Schultern nach unten.
Sie fuhr fort mit dem, was sie mit seinem rechten Bein tat, und ihre Stimme klang leise, als sie sagte: »Sechs von ihnen. Es waren zu viele Dämonen und nicht genug …«
Weiter sprach sie nicht, und er musste auch nicht mehr hören. Sie waren zu wenige Argonauten gewesen.
Er ließ seinen Kopf zurücksinken und schloss die Augen, als ihm übel wurde. »Da war ein Junge, höchstens acht Jahre alt.«
»Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist«, flüsterte sie.
Beide schwiegen, während Callia weiterarbeitete. Zander dachte an den Jungen mit den blauen Augen. Dieser Krieg wurde beständig blutiger, und bald dürfte er nicht einmal mehr mitkämpfen, solange Isadora keinen Thronerben geboren hatte. Wie viele Kinder sollten noch sterben, weil zu wenige Argonauten da waren, um sie zu schützen?
Seine Gedanken schweiften zu Demetrius, und er fragte sich, ob Titus ihn gefunden hatte, und, wenn ja, in welcher Verfassung. Falls Demetrius gleichfalls verwundet wurde, könnte Titus ihm rechtzeitig Hilfe holen? Als Zander zu Boden ging, waren noch mindestens sieben Dämonen dort gewesen. Sieben gegen einen war ein fatales Kräfteverhältnis. Selbst zu zweit gegen sieben hatten ihre Chancen nicht gut gestanden. Aber wenn es einen Argonauten gab, der es an Unerschrockenheit mit Zander aufnehmen konnte, dann war es Demetrius.
Nur war Demetrius nicht unsterblich. Nein, er dürfte keine Chance gehabt haben.
Zander musste raus, ihnen helfen, statt hier herumzuliegen wie ein Invalide. Es war das Mindeste, was er tun konnte, ehe ihn der König aus dem Dienst nahm. Er stützte sich auf die Ellbogen auf.
»Nein!«, sagte Callia sofort und wollte ihn wieder nach unten drücken. An ihren besten Tagen war sie nicht halb so stark wie er, doch aus irgendeinem Grund konnte sie ihn untenhalten. »Du bleibst liegen.«
»Mir geht es gut«, sagte er und blickte sich um. Wo, zur Hölle, war er?
Sie waren in einer Höhle, so viel konnte er erkennen. War es dieselbe wie vorher? Hier sah es anders aus. Der Raum erschien ihm größer als der vorherige, die Decke war gute zehn Meter über ihnen, in der Dunkelheit kaum auszumachen. Wasser gurgelte und plätscherte ganz in der Nähe, aber Zander konnte nur wenige Meter weit sehen. Einige Laternen waren aufgestellt worden, eine nahe seinen Füßen, eine andere hinter seinem Kopf. Das sanfte Licht warf Schatten auf den Felsboden und Callias Gesicht.
Zander versuchte, nicht hinzusehen, konnte aber die Augen nicht von ihr lassen. Ihr rotbraunes Haar war zu einem Zopf nach hinten gebunden, und die Laternen betonten ihre hohen Wangenknochen, den schmalen Hals sowie die sanft gebogenen Lippen. Callia sah ihn nicht an, denn sie war mit seinem Bein beschäftigt, aber sie wusste, dass er sie beobachtete. Das erkannte er an der Art, wie sie es vermied, ihn anzusehen.
Was tat sie hier? Und warum war sie noch nicht verschwunden? Er mochte schwer verwundet gewesen sein, doch jetzt ging es ihm gut. Sie könnte jederzeit gehen.
Misstrauisch sah er sie an, umwerfend und vollkommen wie eh und je, und sie würde ihm niemals gehören. Dieses Wissen schmerzte ihn und weckte jene brennende Reue, die ihn in ihrer Nähe verlässlich überkam.
Aber da war noch mehr. Etwas an ihr stimmte nicht. Sie war zu blass, hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte, als lastete das Gewicht der Welt auf ihren Schultern.
Das ist nicht dein Problem.
»Ich muss Demetrius und Titus finden.«
»Nein, musst du nicht«, sagte sie, ohne aufzusehen, während sie ihm weiter das Bein verband.
»Wenn Demetrius verletzt ist …«
»Dann kannst du ihm nicht helfen. Bleib liegen und entspann dich.«
Doch er wollte nicht und setzte sich auf. »Das ist Blödsinn!«
Sie stemmte ihn beidhändig wieder auf die Ellbogen hinunter. »Blödsinn ist, dass du dich für unbesiegbar hältst. Das bist du nicht. Also leg dich hin und hör auf, dich wie ein Fünfjähriger zu benehmen.«
Er wurde wütend. »Ich muss nicht verarztet werden, Callia! Meine Wunden heilen schon, falls es dir entgangen ist. Ich weiß nicht mal, wieso du eigentlich hier bist. Ich bin unsterblich und brauche weder dich noch sonst jemanden, der mich versorgt.«
»Ilithios.« Sie richtete sich so schnell auf, dass sein Kopf nach hinten sackte. Als sie auf ihn hinabblickte, war ein Feuer in ihren Augen, das er nie zuvor bei ihr gesehen hatte. »Vor sechs Stunden hattest du eine Kugel im Rückenmark. Begreifst du, was das heißt, Zander? Es heißt, dass ich dich aufschneiden und die entfernen musste. Danach musste ich dich nochmals von vorn heilen. Es war keine einfache Prozedur. Du magst unsterblich sein, aber ohne mich wärst du jetzt gelähmt. Und du gehst nirgends hin, bis ich sicher bin, dass ich es nicht vermasselt und noch schlimmer gemacht habe.«
Sie stieg über ihn hinweg und verschwand in der Dunkelheit, so dass Zander allein zurückblieb, nach wie vor auf seine Ellbogen gestützt, und ihr mit offenem Mund hinterherstarrte. Weniger das, was sie gesagt hatte, machte ihn sprachlos, als ihr Blick dabei.
In ihm war Wut gewesen, Frust auch, aber vor allem Angst, echte Angst. Die Sorte Angst, die man empfand, wenn jemand, der einem viel bedeutete, dem Tode nahe war.
Sie hatte Angst um ihn gehabt.
Prompt beschleunigte sich sein Herzschlag. Er schloss die Augen, holte tief Luft und legte sich wieder hin. Es war egal, redete er sich ein, nur leider war es das nicht. So blöd war nicht einmal er. Es war ihm nämlich ganz und gar nicht egal.
Verdammt! Er sollte sich in wenigen Tagen an Isadora binden, da konnte er es gewiss nicht gebrauchen, dass seine Seelenverwandte wieder in sein Leben trat.
Callias Schritte hallten auf dem Felsboden, als sie wieder zurückkehrte. Sie hatte ihren Zopf gelöst, so dass ihre rotbraunen Locken teils ihr Gesicht verdeckten. Nach wie vor sah sie ihn nicht direkt an, ging um ihn herum, kniete sich hin und widmete sich erneut seinem Bein.
Und obgleich es ihm nicht gefiel, kam er sich wie ein Idiot vor. Zu allem Überfluss fühlte sich seine Haut von der simplen Berührung wie elektrisiert an.
Er sprach nicht, während sie ihm einen frischen Verband anlegte, und strengte sich mächtig an, nicht auf jedes Streifen, Streichen und Ziehen zu reagieren. Leider wurde deren Wirkkraft durch die Erkenntnis von eben vervielfacht. Als Callia innehielt und zu seiner Brust aufblickte, hielt Zander die Luft an.
»Du zitterst. Ist dir kalt?«
Tat er das? Okay, das war wirklich seltsam, denn er hatte es nicht einmal bemerkt.
»Nein, alles bestens«, sagte er. Doch noch ehe er ausgeredet hatte, durchfuhr ihn ein Schauer, bei dem seine Zähne aufeinanderschlugen.
»Ilithios«, flüsterte sie wieder, stand auf und ging, um gleich darauf mit einer Wolldecke wiederzukommen, die sie ihm umlegte. »Ich hatte senile Patienten, die weniger schwierig waren. Nicht mal der König ist so anstrengend wie du.«
Er konnte nicht umhin, zu schmunzeln. Immer schon hatte Callia es geschafft, ihn zum Lächeln zu bringen, sogar wenn seine Laune unterirdisch war.
Sie befühlte seine Stirn, fluchte und kniete sich neben seinen Oberkörper. Ihr Duft umgab ihn wie ein Kranz aus frischen Rosen. Sie neigte sich über ihn und zog an seinen Schultern. »Setz dich hin.«
»Was hast du vor?«
Sie schob ihn sanft nach oben und rückte hinter ihn. »Du frierst, und wir stabilisieren deine Körpertemperatur, indem ich dir etwas von meiner Körperwärme gebe.«
Ihrer Körperwärme? Oh nein! »Hör mal, ich brauche kein…«
»Lass diesen Unsinn, was du alles nicht brauchst, Zander. Im Moment ist es mir herzlich egal, was du meinst.«
Ihre schroffen Worte ließen ihn verstummen. Wo war die allzeit liebenswürdige Gynaíka geblieben, die er gekannt hatte? Die Frau, die stets höflich und anständig war? Diese hier ließ sich jedenfalls von keinem einen Bären aufbinden, erst recht nicht von ihm.
Sie setzte sich hinter ihn, die Beine zu beiden Seiten von ihm ausgestreckt, und zog ihn an sich. Gute Göttin, es gab doch einen Grund, weshalb er sich zehn Jahre lang von ihr ferngehalten hatte! Wenn sie ihm so nahe war wie jetzt, vergaß er alles, sogar seinen Namen.
Ihre vollkommenen Brüste schmiegten sich an seinen Rücken, ihre Hüften sich an seine, als wären sie für ihn gemacht. Sie schlang ihre Arme um ihn, zurrte die Decke fester um sie beide. Er konnte ihren Herzschlag an seinem Rücken ebenso fühlen wie die Wärme zwischen ihren Schenkeln nahe der Wunde unten an seinem Rücken. Und bei ihrem Ausatmen wehte ein seidiger, heißer Wind über seinen Nacken, dass er erschauerte.
»Entspannen«, sagte sie dicht an seinem Ohr, weil sie offenbar seine Reaktion falsch deutete. Aber sollte er sie tatsächlich korrigieren? Nein, auf keinen Fall. Schon jetzt pochte das Blut in seinen Adern, und dieses Kribbeln in seinen Lenden war viel zu gut, um es zu ignorieren.
»So ist es besser«, sagte sie leise. »Ich verstehe nicht, wieso sich verwundete Männer wie Kleinkinder gebärden müssen.«
Er schloss die Augen, lehnte seinen Kopf an ihre Schulter und versuchte, sich zu sagen, dass dies hier nichts Erotisches hatte. Es war rein medizinisch. Ja, das war es.
»Du sagst es, als wäre es etwas Schlimmes«, murmelte er. Ihre Hände rieben seine Arme, und mit jedem Strich von Stoff auf Haut wurde der Kitzel stärker.
»Ist es«, antwortete sie. »Ich will dir nur helfen.«
Plötzlich fielen ihm unzählige Methoden ein, wie sie ihm helfen konnte. Und sie alle begannen damit, dass ihre Hände in diesen magischen Kreisen über seine nackte Haut strichen – ohne die Wolldecke dazwischen.
Als ihm bewusst wurde, wohin seine Gedanken abdrifteten, riss er die Augen auf und versuchte, sich zur Ordnung zu rufen. Aber er konnte nicht auf Abstand zu ihr gehen. »Wo sind wir hier eigentlich?«
»Irgendwo in den Bergen, wo genau, weiß ich nicht. Titus hat mich hergebracht. Nachdem er dich in der Höhle versteckte, kam er nach Argolea und holte mich.«
»Wie sind wir in diese Höhle gekommen? Sie sieht anders aus als die vorher.«
»Daran erinnerst du dich?« Als er nickte, seufzte sie und zog ihr linkes Bein an, so dass ihr Knie zum Gewölbe über ihnen wies. Durch die Bewegung sank er noch näher an sie, was ihn von der Frage ablenkte. »Es war dieselbe Höhle, nur dichter am Eingang. Dort war zu kalt und zugig. Ich war besorgt, dass ich dich nicht warm halten könnte, deshalb haben wir dich tiefer in den Berg gebracht.«
Oh Mann, sie fühlte sich großartig an! Viel zu gut. Er räusperte sich. »Wie weit im Berginnern sind wir?«
»Ungefähr einen Kilometer, schätze ich. Ich dachte, hier müsste es warm genug für dich sein, sonst hätte ich dir schon früher die Decke übergelegt. Diese Berge sind vulkanisch, also unter uns noch geothermisch aktiv.«
Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die Luft sich überhaupt nicht bewegte, und obgleich er fröstelte, war es nicht annähernd so kühl, wie es mitten in den Bergen sein müsste. »Deshalb ist es hier nicht kalt.«
»Ja, weil die heißen Quellen die Höhlen heizen.«
»Heiße Quellen?«
Sie nickte und zeigte in die Dunkelheit rechts von ihnen. »Da drüben gibt es mindestens vier Quellbecken. Zum Glück, denn so tief im Berg hätten wir unmöglich ein Feuer machen können.«
Was erklärte, weshalb sie ein kurzärmeliges T-Shirt trug und er vorhin glaubte, eine Schweißperle auf ihrer Stirn gesehen zu haben.
Minutenlang schwiegen sie beide, und er spürte, wie sein Leib von ihrer Hitze gewärmt wurde. Mit jedem Reiben ihrer Hände auf seinen Armen nahm das Kribbeln zu.
Wieso musste Titus von allen Heilern ausgerechnet sie zu ihm holen? Zugegeben, sie besaß seltene Gaben, aber es gab andere Heiler in Tiyrns, die ihm ebenso gut hätten helfen können – auch wenn keiner von ihnen dem König und den Argonauten so eng verbunden war wie sie.
Wärme breitete sich in seiner Brust aus. Als er reflexartig erschauerte, deutete sie es abermals falsch und zog ihn dichter zu sich. Wenn er klug wäre, würde er jetzt gleich von ihr wegrücken. Er würde nicht sterben, dessen war er sich sicher, und ob sie es glauben wollte oder nicht, er brauchte sie nicht. Zumindest nicht, um ihn zu retten. Aber er wollte sie. Als ihre Hand über seine Brust strich, bewirkte die Reibung der rauen Decke, dass ihm Funken in die Lenden schossen. Er begehrte Callia in diesem Moment noch heftiger als während der Untersuchung; heftiger als in jener Nacht in der Burg, mehr denn je.
Was falsch war, oder nicht? Er sollte sich mit Isadora vermählen, und Callia war mit diesem üblen Loukas verlobt, auch wenn Zander keinen Schimmer hatte, warum die beiden nicht längst verheiratet waren. So oder so war es falsch, an Sex mit ihr zu denken, ganz besonders hier und jetzt, wo sie schlicht eine gute Samariterin war.
Ihre Hände rieben wieder über seine Brust, reizten seine Brustwarzen mit der Wolldecke, und er rang hörbar nach Atem. Daraufhin erstarrte sie, und er fühlte, wie ihr Herzschlag an seinem Rücken schneller wurde. Er wartete, weil er nicht wusste, was er sagen oder tun sollte. Dann strichen ihre Finger ein weiteres Mal über die empfindliche Stelle, als wollte sie seine Reaktion testen.
Und das wiederum war entweder komplett abgedreht, krank oder … oder es bedeutete, dass ein Teil von ihr genauso erregt war wie er.
Oh Moment! Das ist auch falsch, oder nicht?
Fragen, Möglichkeiten, Antworten, für die er sich sämtlich nicht bereit fühlte, jagten durch seinen Kopf. Aber egal was er sich einredete, es fühlte sich nicht falsch an. Jetzt gerade kam es ihm sogar verdammt richtig vor.
Das darfst du nicht. Setz dem ein Ende, ehe es angefangen hat. Sie ist nicht dein.
Aber rein technisch gesehen, war sie es doch, nicht wahr? Ungeachtet ihrer Gefühle füreinander, blieb sie seine Seelenverwandte. Und sie hatten eine physische Verbindung, wie er sie noch mit keiner anderen erlebt hatte. Dass sie gleich empfand, merkte er an ihrem flachen Atem und dem schnelleren Puls. Die Frage war nur, was tat er?
Seine Gedanken überschlugen sich vor lauter Möglichkeiten, die zu verdorben waren, als dass er sie in Worte fassen wollte. Callia hob ihr anderes Bein, woraufhin er noch dichter an sie sank. Hitze strahlte von der Mitte zwischen ihren Schenkeln auf seinen unteren Rücken, erregte ihn, bis seine Lenden pochten.
Er bemühte sich, ruhiger zu atmen. So war es mit ihr immer gewesen: In ihrer Nähe war er sofort erregt. Wäre es denn unverzeihlich, dem hier und jetzt nachzugeben? War er erst einmal an Isadora gebunden, hätte er keine Chance mehr dazu. Dann gehörte er ihr und sonst keiner. Er hatte nicht vor, seinen Treueschwur zu brechen, was bedeutete, dass er nach der Zeremonie nie wieder Callias Körper an seinem spüren würde, nie wieder die weiche Wärme seiner Seelenverwandten genießen dürfte, nie wieder ihre Süße schmecken.
Und, ja, er erinnerte sich nur zu gut an ihr süßes Aroma.
Zum Teufel mit den Erinnerungen! Er konnte es jetzt haben. Sie war hier, er war hart. Und so wie sie seine Arme und seine Brust rieb, wollte sie ihn ebenfalls.
Eine Nacht. Keine Verpflichtungen. Er war stark genug für Sex, so viel stand fest. Sein Schwanz zuckte, als ihm erotische Bilder von ihnen beiden durch den Kopf huschten, und seine Erektion wurde noch härter. Er rang nach Luft, während ihn eine leise Stimme warnte, Spiel nicht mit dem Feuer.
Ihre Hände verharrten auf seiner Brust. »Ist dir immer noch kalt?«
Seine Kehle war so eng, dass er nicht antworten konnte. Nein, ihm war heiß. Er brannte für Callia.
Sie hob eine Hand an seine Stirn. »Deine Haut ist klamm. Skata.«
Eilig schob sie ihn höher und rutschte von ihm weg, bevor er widersprechen konnte. Er öffnete gerade den Mund, um ihr zu sagen, dass es ihm gutginge und sie wieder zu ihm kommen sollte, da sah er, was sie tat.
Sie griff den Saum ihres T-Shirts und zog es nach oben. Darunter trug sie nur ein schlichtes Bustier. Zander stockte der Atem, als sie sich das Hemd über den Kopf abstreifte, wie sie es in seiner Fantasie getan hatte, und es auf den Boden fallen ließ. Als Nächstes kickte sie ihre Schuhe weg und griff nach dem Knopf an ihrem Hosenbund.
»W-was machst du?« Heiliger Hades, war das seine Stimme? Er hörte sich an, als wäre er eben erst zu sich gekommen, nachdem er einmal zur Hölle und zurück gereist war. Mit einiger Verspätung bemerkte er, dass er auf die Ellbogen aufgestützt dalag und sie fasziniert beobachtete. Wie ein Ausgehungerter war er unfähig, den Blick von ihr abzuwenden.
»Ich bringe dich in die heiße Quelle«, sagte sie sachlich, wobei sie sich bereits die Hose auszog. Beim Anblick ihrer göttlichen Beine stellte er fest, dass er härter denn je wurde.
»Callia …«
»Wir müssen dich sofort aufwärmen«, fiel sie ihm ins Wort. Inzwischen hatte sie ihre Jeans abgelegt und stand nur in ihrem Bustier und Slip vor ihm. Ihm wurde der Mund wässrig angesichts dieser Liebesgöttin, die sich seiner Heilung opfern wollte.
Seine Seelenverwandte, praktisch nackt vor ihm, bereit, sich ihm hinzugeben. Er müsste ein Narr sein, sie abzuweisen.
Sie bückte sich hinter ihm, legte die Arme um seinen Oberkörper und hob ihn hoch, bis er saß. Ihr Duft durchbrach seinen letzten Rest Widerstand.
»Komm mit mir, Zander. Es wird dir guttun, versprochen.«
Daran zweifelte er keine Sekunde. Was noch an Blut in seinen Adern war, sammelte sich in seinen Lenden, als sie ihm auf die Beine half. Und mit ihm floss auch jedwede Regung von Widerspruch aus seinem Kopf.