21.


Die Galaktische Allianz hat der neuen Regierung von Corellia Vergleichsbedingungen für eine Beilegung des Konflikts vorgelegt. Wir hoffen, dass diese Bedingungen akzeptiert werden, damit wir die Blockade aufheben können. Wir wollen keinen Krieg. Dies ist unsere letzte Chance auf Einigkeit.

Staatschef Cal Omas während einer Nachrichtenkonferenz


CORONET-STADT, RAUMHAFEN


Fett beschäftigte sich damit, die Instrumente der Slave I zu überprüfen, und versuchte, nicht an die Tatsache zu denken, dass er innerhalb eines Tages eine Tochter verloren und eine Enkelin bekommen hatte.

Genau das war der Grund dafür, warum es sinnvoll war, allein zu leben. Familien, Frauen und Kinder bereiteten einem nur Kummer. Sie waren einem im Weg.

Soweit er wusste oder es ihn interessierte, hielt sich Mirta nach wie vor im Apartment der Solos auf. Wie war es ihr möglich gewesen, ihn so lange zum Narren zu halten? Er konnte nicht glauben, dass er nicht dahintergekommen war, wer sie war. Aber wenn man seine Tochter seit über fünfzig Jahren nicht gesehen hatte, war es durchaus nachvollziehbar, dass man ihre Tochter nicht erkannte.

Ich habe eine Familie. Ob es mir gefällt oder nicht, ich habe eine Familie.

Er hätte sofort darauf kommen müssen. Wenn er in ihre dunklen Augen schaute, konnte er jetzt seinen Vater sehen. Er

konnte seine eigenen Augen sehen.

Und er konnte seinen eigenen Hass sehen. Er nahm es der Galaxis - und besonders den Jedi - übel, dass er ohne einen Vater hatte aufwachsen müssen. Es war nicht überraschend, dass er diesen Hass und diese Feindseligkeit an sein Enkelkind weitergegeben hatte.

Jetzt wartete er auf Goran Beviin, um sein Netzwerk an Kontakten zu nutzen und ihm zu sagen, was Leia und Han Solo entweder nicht wussten oder ihm nicht erzählen wollten.

»Mandalor«, drang es aus dem Komlink.

Fett hieb auf den Knopf. »Beviin? Was hast du für mich?«

»Das mit Ailyn tut mir sehr leid, Bob'ika.«

Ich brauche dein Mitleid nicht. »Ich benötige Informationen.«

»Ailyn wurde von Jacen Solo gefangen gehalten.«

»Das weiß ich. Aber wer hat sie verhört?«

»Wie ich schon sagte - Jacen Solo.«

Ich bringe ihn um. Fett spürte, wie sich in seinem Magen dieses kalte Gefühl von Abstand ausbreitete, das einem Angriff vorauseilte. Sofort beschäftigten sich seine Gedanken mit den besten Waffen und Strategien, um seiner Sammlung ein weiteres Jedi-Lichtschwert hinzuzufügen, das erste, das er wirklich zu würdigen wissen und nicht einfach bloß als weiteren Job abtun würde. Nein, vergiss nicht, was Dad dich gelehrt hat - bleib professionell. Bleib cool. Mach dich mit deinem Feind vertraut.

»Ich hoffe, die Information ist korrekt.«

»Mand'alor«, sagte Beviin. »Diese Information stammt direkt von den corellianischen Sicherheitskräften. Dank der Freunde deines Vaters haben einige dort noch immer eine hohe Meinung von Mandalorianern.«

»Ich bin gerührt.«

»Das solltest du auch sein. In der CSK macht jede Menge Klatsch über Jacen Solo die Runde, weil einige seiner GGA-Gardisten ehemalige CSK-Männer sind. Einige davon haben wirklich nichts für die Art und Weise übrig, wie er die Dinge handhabt.«

Fett hatte Coruscants neuerlichen Abstieg zum Kriegsrecht kaum zur Kenntnis genommen. Er hatte das alles schon einmal erlebt. Aber jetzt war es etwas Persönliches.

»Ich will alles wissen.«

»Jacen Solo ist ein richtiger kleiner chakaar.«

»Ich nehme an, das ist was Schlechtes.«

»Er setzt Jedi-Techniken ein, die so gar nicht zu ihrem üblichen Frieden-und-Gerechtigkeit-Image passen wollen. Offenbar hat sich einer seiner Offiziere darüber beklagt, dass er die Macht benutzt, um Antworten aus Gefangenen rauszuprügeln, ohne auch nur einen Finger an sie zu legen.«

In Fetts Erinnerung machte irgendetwas Pling. »Weiter.«

»Sie sagen, dass er Ailyn mit der Kraft seiner Gedanken getötet hat.« Beviin schluckte hörbar. »Sag nur ein Wort, und wir finden ihn.«

Jedi. Arrogantes, machtgieriges Pack, dem es egal ist, über wen sie hinwegtrampeln. Nichts hat sich geändert. »Nicht nötig.«

»Dann wirst du ihn selbst zur Strecke bringen?«

»Ailyn war Kopfgeldjägerin. Sie kannte die Risiken.«

»Bob'ika, das kann nicht dein Ernst sein.«

Das sollte es eigentlich, aber das ist es nicht. Es tut weh. Es tut nicht so weh wie damals, als ich Dad verloren habe, aber es schmerzt trotzdem. »Vergiss Jacen Solo. Überlass ihn mir.«

»Da hast du ein hartes Stück Arbeit vor dir. Gerüchte besagen, dass er seiner Zwillingsschwester befohlen hat, auf ein ziviles Schiff zu feuern, und als sie sich weigerte, hat er sie vom Dienst suspendiert. Was für eine liebenswerte, glückliche kleine Familie die Solos doch sein müssen.«

Ah. Ich glaube, ich weiß, wohin das hier führt. »Was gibt's sonst noch? Ich will alles wissen, ganz gleich, wie unwichtig es dir auch vorkommen mag.«

»Er trägt mittlerweile nicht mal mehr Jedi-Gewänder. Er stolziert in einer schwarzen Uniform umher. Luke Skywalkers Sohn ist sein Protege. Das stört die CSK-Jungs gewaltig. Der Junge ist dreizehn.«

»Dann ist er ein erwachsener Mann.«

»Aruetiise betrachten einen Dreizehnjährigen als Kind.«

»Selbst für einen Jedi sonnt sich dieser Jacen Solo ziemlich in seiner Machtstellung.«

»Weißt du, was sie über ihn sagen? Die Älteren, die sich noch an das Imperium erinnern, behaupten, dass es so ist, als wäre sein Großvater wieder da. Sie sagen, er hält sich selbst für den neuen Vader.«

Aha. Fetts Erinnerungswirrwarr an Ereignissen, die beinahe vierzig Jahre zurücklagen, lichtete sich. Aha.

»Sonst noch was?«

»Nein, Mand'alor.«

»Halte die Augen nach einem Mandalorianer mit grauer Rüstung und grauen Lederhandschuhen offen, der behauptet, ein Klon zu sein und auf Geonosis gekämpft zu haben.«

Es folgte eine lange Pause. »Ich werde mich umhören.«

»Und komm nicht in Versuchung, dir den Sohn der Solos vorzunehmen. Lass ihn in Ruhe.«

»Wenn du das so willst.«

»Ich will es so.«

Noch lange, nachdem Beviin die Verbindung unterbrochen hatte, saß Fett da und starrte das Steuerpult im Cockpit der Slave I an. Also fochten die Solos eine Fehde innerhalb ihrer eigenen Familie aus - und ihr Sohn war der Mann, der hinter dem neuen, harten politischen Kurs der Allianz steckte. Er glaubte, er wäre der neue Vader.

Und er tötete Gefangene, ohne sie auch nur anzurühren.

Das brachten sie einem auf der Jedi-Akademie auf Ossus nicht bei, dessen war sich Fett ziemlich sicher. Er hatte den Ratschlag seines Vaters, zu lernen, wie seine Feinde dachten, immer sehr ernst genommen. Er wusste eine Menge über Jedi.

Und ich weiß auch eine Menge über die Sith.

Vader war ein Meister darin gewesen, Schmerz und Tod zu verursachen, ohne dabei auch nur einen Finger zu rühren. Eigentlich hatte Fett Lord Vader gemocht. Er hatte gut gezahlt, und das auch noch pünktlich. Er hatte von seinen Leuten niemals verlangt, etwas zu tun, was er nicht auch selbst getan hätte. In gewisser Weise vermisste Fett ihn.

Ich habe die Galaxis erlebt, als sie von den Sith beherrscht wurde, und ich habe die Galaxis erlebt, als sie von Jedi beherrscht wurde. Ich habe trotzdem immer Profit gemacht. Um ehrlich zu sein, habe ich keinen großen Unterschied bemerkt, und am Ende war die Galaxis noch immer das reinste Durcheinander. Das ist nicht mein Problem. Und es ist nicht das Problem der Mandalorianer.

Also wollte Jacen Solo genau wie sein Großvater sein. Vielleicht wollte er auch ein Sith-Lord sein.

Vielleicht gebe ich ihm die Möglichkeit dazu.

Es gab keinen besseren Weg, um sich an den scheinheiligen Jedi zu rächen, als dafür zu sorgen, dass sie sich ganz von allein gegenseitig zerfetzten.

Er musste die Solos überhaupt nicht selbst bestrafen.

Es würde eine Weile dauern, aber das war in Ordnung. Das war bloß ein weiterer Grund dafür sicherzugehen, dass er seine Krankheit besiegte. Er wollte da sein und zusehen, wenn es so weit war.


MILLENNIUM FALKE, IM ANFLUG AUF DIE CORELLIANISCHE EXKLUSIONSZONE


Jacen wäre es lieber gewesen, allein zu fliegen, doch jetzt, da Thrackan Sal-Solo tot war, gab es keinen Grund mehr, C-3PO und die Noghri von seinen Eltern fernzuhalten. Man wusste auf Corellia, dass die Solos wieder da waren.

»Millennium Falke, hier spricht das Allianzkriegsschiff Revival. Sie nähern sich einer totalen Exklusionszone. Ändern Sie Ihren Kurs um neunzig Grad. Ich wiederhole, Ihr gegenwärtiger Kurs führt Sie in eine militärische Exklusionszone, und wir werden das Feuer eröffnen, wenn Sie weiterfliegen.«

»Oh, du liebe Güte...«, sagte C-3PO. »Meister Jacen, seid bitte vorsichtig.«

»Entspann dich. Ich kläre das schon.«

Jacen schaltete auf einen offenen Kanal um. »Revival, hier spricht Colonel Jacen Solo von der Garde der Galaktischen Allianz.«

»Ihr Transpondersignal weist Sie als den Millennium Falken aus, ein auf Corellia registriertes Schiff.«

»Verzeihen Sie, Revival.« Er übermittelte einen verschlüsselten Identifikationscode an den

Kommunikationsoffizier des Kriegsschiffs. »Ich habe eine Verabredung im corellianischen Luftraum. Jetzt, da Sal-Solo tot

ist, werden sie nicht auf den Falken schießen.«

»Darüber hat man uns nicht informiert, Colonel.«

»Es ist eine Geheimoperation. Stellen Sie mich zu Ihrem befehlshabenden Offizier durch, und ich lasse ihn die Sache verifizieren.«

»Das wird nicht nötig sein, Sir. Denken Sie nur daran, sich bei Ihrer Rückkehr deutlich zu erkennen zu geben.«

»Ich werde in einem anderen Schiff zurückkommen. Eröffnen Sie nicht zu vorschnell das Feuer, in Ordnung?«

Die Revival erwiderte nichts auf seine Bemerkung, aber das war ein gutes Zeichen. Sie nahmen die Sicherheitsvorschriften ernst. Er überquerte die Sperrlinie und flog in die Exklusionszone, die einen orbitalen Ring von Industriestationen und Flottenbasen vom Rest der Galaxis isoliert hatte, sowohl vom Kontakt zu Corellia selbst abgeschnitten, als auch von äußeren Versorgungsrouten.

An Bord der Schiffswerften war es jetzt vermutlich nicht besonders spaßig. Zivile Arbeitskräfte absolvierten normalerweise eine Wochenschicht und wurden dann nach Hause geflogen, aber jetzt würden sie nirgendwo hingehen, und sie bekamen keinen Nachschub an Vorräten. Früher oder später würde ihnen das Essen ausgehen. Jacen hatte gehört, dass sie die Wasserrationen bereits eingeschränkt hatten; wie er kalkuliert hatte, ließ sich mit dem Wiederaufbereiten von Wasser nur ein Teil ihres täglichen Verbrauchs abdecken.

Als Jacen die planetare Grenze der Exklusionszone überquerte, schaltete er auf den zivilen Transponder um und sah jetzt für jede Luftraumkontrolle auf dem Boden wie ein weiteres kleines Schiff aus, das die Blockade durchbrochen hatte. Viele schafften das. Sie änderten bloß nicht viel an der allgemeinen Versorgungssituation, das war alles. Sobald er die

Freigabe der Luftraumkontrolle hatte, bezog er am Treffpunkt Position und ging nach hinten in den Frachtraum, um Ailyn Vels Leichensack ein letztes Mal zu überprüfen, der auf einer Repulsorbahre im Konservator lag.

C-3P0 trottete hinter ihm her, ganz Beklommenheit. »Gestatten Sie, Meister Jacen?«

Jacen hielt eine Hand hoch, um das Hilfsangebot des Droiden freundlich abzulehnen. »Ist schon in Ordnung, Dreipeo. Ich mache das.«

Was geschieht mit mir?

Jacen grübelte darüber nach, wie er sich von der Art Jedi, auf die Luke stolz war, zu jemandem entwickelt hatte, der imstande war, Gefangene und sogar andere Jedi zu töten. Irgendwann im Laufe dieser fünf Jahre der Suche nach Wissen über die Macht hatte ihn irgendetwas verändert. Er fragte sich, an welchem Punkt er imstande sein würde, Lumiya öffentlich aus der Versenkung zu holen.

Die Raumfähre seiner Eltern setzte sich neben den Falken und dockte an der Frachtluke an. Leia war als Erste im Frachtraum, und obwohl sie ihn sogleich umarmte, fühlte es sich förmlich an, kühl, als würde sie sich zurückhalten. Sein Vater folgte ihr; er sah geknickt aus. Es gab kein anderes Wort dafür. Er machte keine Anstalten, ihn in die Arme zu nehmen.

»Hallo.« Han schaute an ihm vorbei zu O3P0. Normalerweise nahm er nicht so viel Notiz von dem Droiden. »Hallo, Dreipeo. Sind die Noghri bei dir?«

Jacen ignorierte die Brüskierung. »Hallo, Mom. Hallo, Dad.« Was sagte man bei solchen Gelegenheiten? Er versuchte es einfach. »Ja, sie sind in der Kabine. Habt ihr etwas von Jaina gehört?«

»Nein.«

»Gibt es etwas, das du uns sagen möchtest?«, warf Leia ein.

Dann hatte Jaina ihnen nichts von dem Kriegsgerichtsverfahren erzählt. »Nein. Es geht ihr gut. Sie fliegt keine Kampfeinsätze.« Wenn sie die Sache für sich behalten wollte, konnte ihm das nur recht sein. »Ich bin sicher, Zekk hat ein Auge auf sie.«

»Gibt es sonst noch etwas, das du uns sagen möchtest, Jacen?« Leia sprach mit ihm, als wäre er ein Kind, das etwas Schreckliches getan hatte. »Irgendetwas?«

»Was genau?«

Han seufzte laut. »Sohn, wir nehmen einen Leichnam von dir in Empfang. Gibt dir das vielleicht einen kleinen Hinweis?«

»Sie war angeheuert worden, um euch zu töten. Sie hat nie die Chance dazu bekommen.« Jacen öffnete die Luke des Konservators, und kalte Luft strömte heraus. Er deutete auf den großen schwarzen Leichensack, der flach auf der Durastahlbahre lag. »Was gibt es dazu noch mehr zu sagen?«

Jetzt stand Han zwischen ihm und seiner Mutter. »Ich muss wissen, was passiert ist. Um meiner eigenen geistigen Gesundheit willen.«

Leia kratzte sich an der Augenbraue, offenkundig verlegen. »Ich denke, wir müssen es beide wissen, Jacen.«

»In Ordnung, Dad. Ich habe sie verhört, und sie ist gestorben. Willst du die Einzelheiten wirklich wissen?«

»Irgendwie macht das den Unterschied aus, Jacen.«

»Ich habe eine Technik benutzt, um in ihren Verstand einzudringen und sie zum Reden zu bringen. Sie muss irgendeine Art körperlicher Schwäche gehabt haben. Sie starb an einem Aneurysma.«

»Können wir sie uns ansehen?«, fragte Leia. »Wir müssen sie Fett bringen. Wir wollen keine Überraschungen erleben.«

Sie hätte ohnehin nachgeschaut. Früher oder später musste Jacen sich dem stellen. Er gelangte zu dem Schluss, dass früher besser war. Er zog die Bahre heraus, dann öffnete er den Sack entlang der Seitennaht.

»Da«, sagte er.

Leia und Han sahen hin. Seine Mutter schluckte einfach nur schwer, aber sein Vater wandte sich mit in die Hüften gestemmten Händen ab, den Kopf gesenkt. Jacen wartete, während Leia sich wieder fasste, dann verschloss er den Sack wieder.

»Hat sie diese Blutergüsse im Gesicht dir zu verdanken?«

Dies ist der Preis, den du bezahlen musst. Er konnte beinahe hören, wie Lumiya ihn daran erinnerte, doch er würde eine ganze Weile brauchen, um den Ausdruck des völligen Vertrauensverlusts zu vergessen, der in diesem Moment auf dem Gesicht seiner Mutter lag. Das hier fühlte sich an wie sein Tiefpunkt.

»Ich glaube schon.«

»Du glaubst schon?«

»Ja.«

Leia nickte ein paar Mal und sah dann zur Seite. »In Ordnung. Dann gibt es nicht mehr viel für mich zu sagen.« Sie nahm den Handgriff der Repulsorbahre und schob den Leichensack in den Konservator zurück. »Wir sollten besser gehen.«

Jacen wartete darauf, dass sein Vater etwas sagen würde, aber Han wollte sich nicht einmal umdrehen. Jacen ging zur Luke, um an Bord des Schiffs zu gehen, mit dem sie zum Treffpunkt geflogen waren, und erwartete, dass Han einlenken und etwas sagen würde, aber das tat er nicht.

Ich kann es nicht so enden lassen. Ich werde ihn dazu bringen, dass er mit mir redet. Ich muss das hier tun. Warum kann er das nicht verstehen?

»Hast du Thrackan tatsächlich umgebracht, Dad?«

Han drehte sich um und sah ihm in die Augen, aber es lag kein Funken des Erkennens in seinem Blick. »He, vielleicht liegt das in der Familie. Wenn ich kaltblütig töten kann, dann kann das mein Sohn auch. Ich bin froh, dass wir einander verstehen.«

Jacen trat vor, um den Arm seines Vaters zu ergreifen. »Dad, tu das nicht.«

Han schüttelte ihn ab. »Lass mich in Ruhe.«

»Dad.«

»Ich weiß nicht, wer du bist, aber du bist nicht mehr mein Sohn. Mein Jacen hätte nie solche Dinge getan, die du tust. Raus hier. Ich will nichts mehr davon wissen.«

Das Letzte, was Jacen von seinen Eltern sah, war sein Vater, der ihm den Rücken zukehrte, und seine Mutter, die neben der Luke stand, als sich die Türen schlossen, und ihn ansah, als wäre sie drauf und dran, in Tränen auszubrechen.

Dad hat recht. Wer bin ich?

Er schüttelte seinen Kummer und seine Scham als eine der Schwächen des alten Jacen Solo ab und erinnerte sich daran, dass sein Leben jetzt nicht mehr in seinen eigenen Händen lag. Sein Schicksal war es, ein Sith zu werden. Er nahm mit dem zerbeulten Schiff Kurs auf die Blockade und gestattete sich den flüchtigen Luxus, seine Sinne in der Macht nach Tenel Ka und Allana auszustrecken, solange er weit, weit weg von Lumiya war.


GGA-HAUPTQUARTIER, CORUSCANT


Captain Shevu fluchte keuchend, als er auf einen der Datenschirme im Verwaltungsbüro starrte. Ein Klerikaldroide stand auf einer Seite des Tisches, verloren und schweigend, um gelegentlich einen Arm auszustrecken und ihn jedes Mal, wenn Shevu aufblickte und ihn ansah, rasch wieder zurückzuziehen.

Ben stand im Türrahmen und fragte sich, ob Shevu ihn ebenfalls zur Schnecke machen würde. Der Offizier war nicht glücklich.

»Wissen Sie, wann Colonel Solo wieder zurück sein soll, Sir?« Sag nicht Jacen, nicht vor seinen Männern. »Er ist spät dran.«

»Colonel Solo kommt und geht, wie es ihm beliebt«, sagte Shevu.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Bist du auch so gut darin, Leichen zu finden?«

»Nun.«

»Tut mir leid, Ben.« Shevu schickte den Droiden mit einem scharfen Blick weg. »Wie es scheint, haben wir eine tote Gefangene verloren, und da es kaum möglich ist, dass sie hier ohne Hilfe rausspaziert ist, versuche ich, sie zu finden. Ich kann keinen Vorfallsbericht einreichen, wenn keine Leiche da ist.«

Bens Magen sackte nach unten. »Ailyn Habuur, richtig?«

»Richtig. Niemand hat die Leiche abgeholt. Aber sie ist weg.«

Genau wie Jacen. Aber er wollte sich mit Onkel Han treffen. Ben versuchte, sich eine Antwort einfallen zu lassen, die diese nagende Furcht vergehen lassen würde, die er im Hinblick auf Jacen und Ailyn Habuur empfand. »Ist das von Belang?«

Shevu hatte eine Art an sich, sein Kinn nach unten fallen zu lassen und einen so unverwandt anzublicken, dass deutlich wurde, dass er einen für einen Idioten hielt. »Ja, Ben,

Gefangene, die in der Haft sterben, sind immer von Belang, und man wirft sie nicht einfach weg wie Abfall. Was weißt du über sie?«

Ben zuckte mit den Schultern. »Sie war wütend und ängstlich.«

»Von meinen CSK-Kollegen habe ich gehört, dass irgendjemand Fragen über sie gestellt hat.«

»Ist sie irgendwie wichtig?«

»Ich weiß es nicht. Du?«

Ben schüttelte den Kopf. Er hatte das Gefühl, dass Shevu vorsichtig mit dem war, was er zu ihm sagte, und dass er Jacen - das war offenkundig - nicht besonders mochte.

»Warum gehst du nicht nach Hause und besuchst deine Eltern?« Shevu ließ es wie einen Befehl klingen. »Falls Colonel Solo in der Zwischenzeit zurückkommt, werde ich ihm sagen, dass ich dich heimgeschickt habe.«

Es war gut, dass jemand anders diese Entscheidung für ihn traf. Ben fragte sich, ob die Ereignisse der letzten Tage seinem Gesicht so deutlich anzusehen waren, dass sein Vater sie deuten konnte. Er hoffte es. Er war sich nicht sicher, ob er sie noch länger in sich hineinfressen konnte.

Mom würde es besser verstehen. Sie hatte ihm einige Geschichten darüber erzählt, wie es gewesen war, die Hand des Imperators zu sein. Sie habe einige schlimme Dinge getan, hatte sie gesagt. Doch das hatte sie nicht zu einem schlechten Menschen gemacht, also war es bei Jacen möglicherweise genauso. Vielleicht hatte er einfach bloß ein paar schreckliche Dinge getan, aus denen er jedoch lernen konnte, um sie nie wieder zu machen.

Ben rief zuerst an und bekam eine Automatenansage zu hören. Der Jedi-Rat tagte, also begab er sich zum Tempel und wertete eine Stunde lang in den Archiven. Die Versammlung ging weiter, und er war klug genug, gar nicht erst zu versuchen, sie zu unterbrechen. Also beschäftigte er sich damit, nach Daten über Ailyn Habuur zu suchen.

Die Jedi-Archive waren schier unüberschaubar, eine seltsame Mischung aus uralten Texten und harten Fakten. Man sagte, dass Jedi zwischen den Archiven und den Meditationsbereichen alles über die inneren und äußeren Welten erfahren konnten, was sie wollten, wenn ihnen der Sinn danach stand.

Er fand in keinen öffentlichen Aufzeichnungen irgendwelche Einträge über eine Ailyn Habuur - nicht einmal in den Kiffar-Unterlagen -, doch er stieß auf eine Menge Ailyns und Habuurs. Er fand Tausende. Das Ausmaß der Aufgabe entmutigte ihn, und er fragte sich, ob es überhaupt eine Rolle spielte, ob er irgendetwas herausfand oder nicht.

Dann ertappte er sich dabei, wie er die Namen Nelani und Brisha betrachtete.

Er war mit sich selbst übereingekommen, keine weiteren Fragen über diese fehlende Zeitspanne draußen bei Bimmiel zu stellen, die irgendwie damit geendet hatte, dass eine Jedi-Ritterin mit Namen Nelani Dinn und eine sonderbare Frau namens Brisha getötet worden waren. Er akzeptierte, dass eine Menge Dinge passiert waren, die er nicht zur Gänze verstand, doch sie verwirrten ihn noch immer, und Jacen erzählte ihm nichts darüber.

Wie waren sie gestorben?

Wie sind Brisha und Nelani gestorben?

Er musste es wissen. Das Gefühl in seinem Innern sagte ihm, dass das, was Ailyn Habuur zugestoßen war, bedeutete, dass er sich das fragen musste, weil das alles veränderte. Irgendwie

hing das alles miteinander zusammen.

Nelani war leicht zu finden, weil er wusste, dass sie eine Jedi gewesen war, und das grenzte seine Suche ein. Doch es gab auch Tausende von Brishas - einige Personennamen, einige Ortsnamen -, und er hatte nicht die Zeit, sie alle durchzugehen. Er war sich nicht einmal sicher, wonach er eigentlich suchte, oder ob er es überhaupt erkennen würde, wenn er es sah. Er entschied, Jacen danach zu fragen, wenn ihm die Zeit dafür richtig erschien.

Ben nahm den Turbolift zur Etage mit der Ratskammer und wartete im Vorraum, bis das Treffen zu Ende war. Seine Eltern, in eine Unterhaltung vertieft, gingen den Korridor entlang, als hätten sie ihn nicht gesehen, und er fragte sich, ob er wie zufällig die Kunst erlernt hatte, seine Präsenz zu verschleiern. Komisch, bis gerade mal vor ein paar Wochen hatte er es den Erwachsenen verübelt, dass er für sie unsichtbar war und stets als Kind ignoriert wurde. Jetzt wünschte er sich genau diese Unsichtbarkeit in der Macht.

Aber nicht in diesem Moment. In diesem Augenblick wollte er wirklich, dass seine Mutter und sein Vater ganz genau wussten, wo er war, und dass sie ihm dabei halfen, herauszufinden, wohin er eigentlich ging.

Er wollte ihnen erzählen, wie schlecht er sich wegen Ailyn Habuur und Jacen fühlte.

Aber das war falsch. Wenn er ein Problem mit Jacen hatte, sollte er die Dinge wie ein Erwachsener angehen und das wie ein Mann mit ihm selbst klären, bevor er jammernd zu seiner Mom und seinem Dad lief.

Abgesehen davon gab es noch andere Dinge, über die er reden wollte.

»Hallo, Liebling«, sagte Mara. Sie musterte ihn von oben bis unten, und er wünschte, er hätte etwas anderes angezogen als seine Uniform. »Ist alles in Ordnung? Wartest du schon lange?«

Ben drückte sie an sich, und dann wandte er sich seinem Vater zu, um ihn unbeholfen zu umarmen. Er war sich nicht sicher, wie er sich ihm gegenüber jetzt verhalten sollte. Die meiste Zeit über hatte er nicht einfach bloß das Kind von Luke und Mara Skywalker sein wollen, doch in diesem Moment war er beinahe erleichtert darüber, dass er es war.

»Können wir zusammen zum Mittagessen gehen, Dad?«

»Sicher. Irgendetwas ist absolut nicht m Ordnung, oder?«

Ben hätte es ihnen gleich sagen sollen, aber er hatte noch ein bisschen mehr darüber nachgedacht, und jetzt war er dazu bereit. Er musste darüber reden.

»Ich habe jemanden getötet«, sagte er. »Und ich fühle mich wirklich schlecht deswegen.«