1.
Wie lange müssen wir von einer Krise in die nächste stürzen? Uns steht der dritte galaktische Krieg in weniger als vierzig Jahren bevor - ein echter Bürgerkrieg. Bisher ist es bloß ein Scharmützel, aber wenn Omas die Bereinigung der Unstimmigkeiten nichtwesentlich entschlossener angeht, wird das Ganze außer Kontrolle geraten. Wir brauchen eine Phase der Stabilität, und ich fürchte, wir werden ein paar Köpfe hartgegeneinanderschlagen müssen, um sie zu bekommen.
Admiralin Cha Niathal, bei einem Privatgespräch mit Senatsvertretern der Mon Calamari.
EMPFANGSGEMÄCHER DES STAATSCHEFS, SENATSGEBÄUDE, CORUSCANT, SECHZEHN TAGE NACH DEM ÜBERFALL AUF DIE CENTERPOINT-STATION
Das Schlimmste daran, dreizehn Jahre alt zu sein, war, dass im einen Moment von einem erwartet wurde, sich wie ein Erwachsener zu verhalten, und einen im nächsten Moment jeder wieder wie in Kind behandelte.
Ben Skywalker - dreizehn und darüber grübelnd, was diesmal von ihm erwartet wurde - saß, um Geduld bemüht, im Empfangsbereich des Büros von Staatschef Cal Omas im Senatsgebäude und folgte damit dem Beispiel seines Cousins Jacen Solo. Es war die Art Büro, das einem von seiner Gestaltung her das Gefühl gab, man würde keine Rolle spielen: Ein ganzes Apartment hätte zwischen den Außentüren und der Wand von Omas' Privatbüro Platz gefunden. Fast erwartete Ben, verknäuelte Bälle Misuragesträuch über den makellosen blassblauen Teppich rollen zu sehen, vor sich her getrieben von einer kühlen Bö. Er verstand nicht, wozu dieser ganze leere Platz gut sein sollte.
Gleichwohl, Jacen sagte, dass das Senatsgebäude von den Yuuzhan Vong besetzt und bis zur Unkenntlichkeit verändert worden war. Architekten, Designer und eine Armee von Konstruktionsdroiden hatten anschließend Jahre gebraucht, alle Spuren der Fremdwelter-Invasion zu beseitigen und das Gebäude so wieder herzurichten, wie es früher gewesen war. Ben bemühte sich, in der Macht nach Echos der Fremdweiter und ihrer sonderbaren lebenden Technologie zu horchen, und glaubte, irgendwelche unidentifizierbaren Laute zu vernehmen. Er erschauerte und versuchte, sich mit den Holozinen zu beschäftigen, die auf dem niedrigen Greelholztisch aufgestapelt waren.
Es handelte sich dabei um ziemlich eintönige und nicht mehr ganz aktuelle Ausgaben wöchentlicher Nachrichtenmagazine oder politischer Analysen, aber eins davon zierte ein Bild von Jacen. Ben hob es auf, aktivierte es und lächelte beim Anblick des nächsten Bildes: Es zeigte die rotierende CenterpointStation, die nun nicht mehr ganz so gut aussah, seit er dabei geholfen hatte, sie zu sabotieren.
Es ist gut, sich als Teil von etwas Wichtigem zu fühlen.
Der Holobericht enthielt Ausschnitte aus corellianischen Nachrichtenreportagen über den Angriff auf Centerpoint, doch Ben wurde nicht erwähnt, und er war sich nicht sicher, ob ihn das ärgerte oder nicht. Ein bisschen Anerkennung wäre schön gewesen, doch die corellianischen Quellen, die zitiert wurden, gingen ziemlich grob mit Jacen ins Gericht, nannten ihn einen Verräter und einen Terroristen. Die Stimme des Reporters schien den Raum zu füllen, obwohl die Lautstärke auf das Minimum eingestellt war und der Bodenbelag und die
Wandteppiche das Geräusch dämpften.
Auch Onkel Han kam in der Reportage nicht sonderlich gut weg. Ein Mann in mittleren Jahren, den Ben nicht kannte, legte dem Reporter seine Meinung dar: »Und so was nennt sich Corellianer. Dieser Blutstreifen an seinen Uniformhosen hat nichts mehr zu bedeuten - genauso gut könnte es ein dickes gelbes Kreuz auf seinem Rücken sein! Han Solo ist nichts weiter als eine Marionette der Galaktischen Allianz. Er hat Corellia verraten, indem er auf seinem Hintern sitzt und tut, was immer seine Allianzkumpel von ihm verlangen. Und sein Sohn ist ganz genauso.«
Jacen wirkte betreten. Vielleicht ärgerte er sich darüber, wie mit seinem Vater umgesprungen wurde. Ben hätte es getan.
»Du solltest Ohrhörer benutzen, wenn du dir das anhören willst«, sagte Jacen.
»Aber du bist berühmt.« Ben bot ihm das Holozin an. »Willst du mal sehen?«
Jacen hob eine Augenbraue und schien sich mehr Gedanken über sein Treffen mit Staatschef Omas zu machen. »Großartig, aber es wäre mir angenehmer, wenn mich Thrackan Sal-Solo nicht dazu benutzen würde, meinen Vater vor ganz Corellia zu demütigen. Du weißt, dass er den Medien diese ganzen Informationen gegeben hat, oder nicht?«
»Ja, natürlich weiß ich das. Aber wenn wir uns nicht dafür schämen, spielt es dann eine Rolle? Wir haben das Richtige für die Galaktische Allianz getan. Die Centerpoint-Station war eine Bedrohung für alle.«
Jacen drehte ihm sehr langsam das Gesicht zu, mit diesem halben Lächeln, von dem Ben inzwischen wusste, was es bedeutete: Er war beeindruckt. »Aber viele Planeten stellen sich momentan auf die Seite von Corellia. Also, was glaubst du, richten diese Geschichten irgendwelchen Schaden an oder nicht?«
Ben war klar, dass er auf die Probe gestellt wurde, und er wusste, dass er das sagen musste, wovon er überzeugt war. Es gab keinen Grund, übermäßig clever sein zu wollen. Er wollte so sehr von Jacen lernen, dass er beinahe platzte. »Einige Welten werden ohnehin immer gegen die Allianz sein. Also können wir die Bürger, die auf unserer Seite stehen, ebenso gut wissen lassen, dass wir etwas unternehmen. Dann fühlen sie sich sicherer.«
Jacen nickte zustimmend, und Ben fühlte irgendwo in seinem Verstand eine kleine Berührung der Macht, als würde Jacen ihm den Kopf tätscheln. »Das ist sehr scharfsinnig. Ich denke, du hast recht.«
»Jedenfalls wissen sie, dass du dein Bestes tust, um einen Krieg zu verhindern.« Ben legte das Holozin auf den Tisch zurück und warf einen flüchtigen Blick auf die übrigen Titel. »Da scheinen mehr Bilder von dir drauf zu sein als von irgendwem sonst.«
Jacens Lächeln verblasste, und er schaute hinüber zu den Türen von Omas' Büro. Er sah aus, als wollte er das Oberhaupt der Galaktischen Allianz per Willenskraft dazu zwingen, sein Treffen zum Abschluss zu bringen und herauszukommen. Ben begriff auf einmal, was Jacens Aufmerksamkeit erregte: Da war ein deutliches Gefühl von Zwiespalt, von sich streitenden Leuten, und wenn man wusste, wo in der Macht man danach lauschen musste, vernahm man es beinahe so deutlich, als würde man es mit den Ohren hören. Ben wusste es. Jacen war ein guter Lehrer.
Ben konzentrierte sich auf Jacens Gesicht. In letzter Zeit sah er viel älter aus, manchmal fast so alt aus wie Dad. »Was geht
da vor?«
»Schwergewichtspolitik«, sagte Jacen kaum hörbar.
Er berührte mit den Fingern kaum merklich seine Lippen, eine sehr diskrete Geste, die nicht jeder erkennen konnte -wobei jeder in diesem Fall allein die Referentin am Tisch draußen vor Omas' großen Doppeltüren war -, aber Ben verstand den Wink. Sei still.
Staatschef Omas war für Ben kein Fremder; der Mann kannte seinen Vater, und man hatte Ben zu einer Staatsfeier mitgenommen, wo er Omas getroffen hatte. Doch so ziemlich alles, woran sich Ben in diesem Zusammenhang erinnerte, war, dass er sich inmitten eines Meeres großer Leute, die sich über Dinge unterhielten, die er nicht verstand, sehr klein gefühlt hatte. Doch Ben wollte als Jacens Schüler angesehen werden, nicht als Sohn von Luke Skywalker, dem Thronerben der Dynastie, wie einer der Gäste ihn genannt hatte. Es war hart, der Sohn von zwei Jedi-Meistern zu sein, die jeder als Legenden betrachtete. Ben hatte aufgehört, die Male zu zählen, an denen er sich wie unsichtbar gefühlt hatte.
»Staatschef Omas wird Sie in Kürze empfangen, Jedi Solo«, sagte die Referentin und wies mit einem leichten Kopfnicken in Richtung der geschlossenen Türen von Omas' Büro. »Im Augenblick spricht er mit Admiralin Niathal.«
Ich bin wieder unsichtbar, dachte Ben.
Er nahm sich zusammen und saß da, mit im Schoß gefalteten Händen, ein Spiegelbild von Jacens Körperhaltung. Er versuchte, die Anzahl der verschiedenen Tierrassen zu zählen, die auf dem großen Wandteppich abgebildet waren, der einen Teil der Wand gegenüber bedeckte. Bei dem, was er im ersten Moment lediglich für eine willkürliche Ansammlung von Farben gehalten hatte, handelte es sich in Wahrheit um
Tausende sich überlappender Bilder jedes Tieres quer durch die Galaxis, das er sich nur vorstellen konnte - quer durch die ganze Galaktische Allianz zumindest.
Schließlich teilten sich die Türen, und Niathal kam mit großen Schritten herausmarschiert. Sie strahlte Verärgerung aus. Staatschef Omas erschien im Türrahmen hinter ihr und zwang sich zu einem Lächeln. »Ali, Jacen. Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Würden Sie bitte reinkommen. Und Ben. Ich bin froh, dass du es ebenfalls einrichten konntest.«
Niathal schaute Jacen an, als würde sie ihn nicht erkennen. Er begrüßte sie mit einer angedeuteten Verbeugung. »Admiral. Was für eine Freude, Sie zu sehen.«
Niathal drehte sich ein bisschen mehr zur Seite, das Äquivalent eines sehr freimütigen Blicks bei einer Mon Calamari, einer Spezies mit seitlich sitzenden Augen, mit denen sie die beiden nun eingehend musterte. »Sie haben auf der Centerpoint-Station sehr gute Arbeit geleistet, Sir. Und du auch, junger Mann.«
Mein Name ist Ben. Doch er hatte inzwischen ein wenig Diplomatie gelernt. »Vielen Dank, Ma'am.«
Omas winkte Jacen vorwärts, und Ben folgte ihnen. Omas gab keinen ermüdenden Kommentar darüber ab, wie groß Ben geworden war, seit er ihn das letzte Mal gesehen hatte, noch schaute er an ihm vorbei, wenn er mit Jacen redete. Der Staatschef sah ihm in die Augen. Ben war gleichermaßen beunruhigt und aufgeregt darüber, dass er wie ein Erwachsener behandelt wurde. Er konzentrierte sich angestrengt auf das, was gesagt wurde.
Statt in den Sessel gegenüber von ihnen setzte sich Omas hinter seinen Schreibtisch, als würde er dort Deckung suchen. »Also, was führt Sie her, Jacen?«
»Ich möchte etwas vorschlagen.«
»Lassen Sie hören.«
»Die Centerpoint-Station lahmzulegen, hat uns in Bezug auf Corellia nur etwas Zeit verschafft. Wir haben höchstens ein paar Monate, bevor die Station wieder einsatzfähig ist, und dann stehen wir erneut da, wo wir angefangen haben, allerdings mit wesentlich beleidigteren Corellianern, die zunehmend mehr Unterstützung erhalten.«
»Ist es das, was Sie in der Macht sehen, Jacen?«
»Nein, diese Entwicklung ist offenkundig und unvermeintlich.«
Ben spürte, wie Omas mit seiner Reaktion zögerte. Es war, als würden sich die beiden Männer streiten, ohne dass sich in ihren Worten oder in ihren Stimmen der geringste Hinweis darauf fand.
»Fahren Sie fort«, sagte Omas.
»Wir müssen Präventivmaßnahmen ergreifen, bevor sich richtiger Widerstand gegen die Galaktische Allianz organisiert. Wir müssen ihre Möglichkeiten, Krieg zu führen, komplett neutralisieren - durch die Zerstörung ihrer Schiffswerften.«
»Das hier«, sagte Omas langsam, »ist einer anderen Unterhaltung nicht unähnlich, die ich gerade geführt habe.«
Die Art, wie er Unterhaltung sagte, machte deutlich, dass er sich mit Niathal heftig gestritten hatte. Also wollte sie die Initiative ergreifen, ganz genau wie Jacen.
»Wir haben Corellia heftig auf die Finger geklopft und so allen Märtyrern einen Grund geliefert, gegen uns aktiv zu werden«, sagte Jacen. »Bewaffneten Märtyrern.«
»Aber Corellia hat gesehen, woraus wir gemacht sind, und deshalb werden sie sich ihr weiteres Vorgehen zweimal überlegen.«
»Und ich habe gesehen, woraus sie gemacht sind«, entgegnete Jacen. »Und ich habe mir mein weiteres Vorgehen zweimal überlegt. Wenn Ihr mir das Kommando über eine Kampfeinheit übertragt, kann ich die Hauptschiffswerften zerstören und alldem jetzt ein Ende bereiten. Wenn wir Corellia in die Schranken weisen, zeigt das allen, dass kein einzelner Planet mächtiger ist als die Allianz.«
»Sie bitten mich, Corellia den Krieg zu erklären, Jacen, und das ist etwas, wofür ich vom Senat niemals Rückendeckung bekommen würde. Und ich weiß auch, wo der Rat der Jedi in dieser Angelegenheit steht.«
»Der Krieg kommt ohnehin. Wenn Ihr eine Waffe auf einen Corellianer richtet, müsst Ihr auch bereit sein, sie zu benutzen. Wir haben unsere Waffe auf sie gerichtet, als wir Centerpoint ausgeschaltet haben.«
Omas gelang es gut, seine Furcht zu verschleiern, doch Ben konnte sie trotzdem spüren. Es fühlte sich nicht so an, als hätte er Angst vor Jacen. Es war mehr ein vager und formloser Schrecken, als würden die Ereignisse ihn überrollen.
»Wo wir gerade von Corellianern sprechen: Würde dieser Angriff nicht einen großen Keil zwischen Sie und Ihren Vater treiben?«
»Das ist gut möglich«, gestand Jacen ein. »Aber ich bin ein Jedi, und man hat uns gelehrt, genau diese Art von persönlichen Beweggründen außer Acht zu lassen.«
»Ich werde darüber nachdenken.«
»Ich betrachte das als nein.« Jacen wirkte vollkommen ruhig. »Ich versichere Euch, dass diese Unentschlossenheit, das Problem aus der Welt zu schaffen, in den nächsten Jahren zu Millionen von Toten führen wird. Wir stehen am Scheideweg, an dem wir uns für das Chaos oder die Ordnung entscheiden müssen.«
Omas verschränkte die Finger ineinander, die Hände auf den Tisch gelegt, und starrte sie an. »Ich stimme Ihnen zu, dass wir hier eine brisante Situation haben. Ja, wir stehen an einem Scheideweg. Aber ich denke, dass eskalierende Militäraktionen den Krieg erst auslösen und nicht verhindern werden. Ich erinnere mich an das Imperium, Jacen. Ich habe diese Zeit durchlebt. Und mir graut davor, dass wir zu dieser Art von Regierung werden könnten.«
Jacen bedachte Omas lediglich mit einem knappen Nicken und erhob sich, um zu gehen. »Vielen Dank, dass Ihr Euch mein Anliegen angehört habt.«
Sie begaben sich auf den langen Rückweg zur Eingangshalle des Senats, schritten einen breiten, mit blauen und honiggoldenen Marmorintarsien gesäumten Korridor entlang, und fuhren mit einem Turbolift nach unten ins Erdgeschoss, dessen Wände so stark poliert waren, dass sie einen bernsteinfarbenen Spiegel glichen.
»Ist Politik immer so?«, fragte Ben. »Warum habt ihr nicht einfach beide gesagt, was ihr meint?«
Jacen lachte. »Dann wäre es keine Politik, oder?«
»Und warum sagen ständig alle Oh, ich erinnere mich an das Imperium? Onkel Han sagt, dass es schlecht war, und das sagt Staatschef Omas auch. Wenn sie beide Angst vor derselben Sache haben, warum stehen sie dann auf unterschiedlichen Seiten?«
Jacen schien das ziemlich komisch zu finden, denn er verzog das Gesicht zu einem Grinsen.
Ben war verlegen. »Ich habe ja bloß gefragt.«
»Ich lache dich nicht aus. Es ist nur sehr erfrischend, wie jemand den ganzen Blödsinn einfach abtut und die richtigen Fragen stellt.«
»Also, was wirst du als Nächstes tun?«
Jacen überprüfte sein Komlink. »Dad antwortet noch immer nicht. Ich muss die Sache mit ihm ins Reine bringen. Er ist verärgert wegen Centerpoint.«
»Ich dachte, wegen Staatschef Omas.«
»Wir werden uns in Geduld fassen. Die Lösung wird sich uns offenbaren - uns beiden.«
»Dir und Omas.«
»Nein, dir und mir.«
Ben war erfreut, dass Jacen seine Ansichten ernst zu nehmen schien. Er war entschlossener denn je, sich wie ein Mann zu verhalten und nicht wie ein Junge.
Sie durchquerten den Säulenwald in der Eingangshalle des Senats und traten in den diesigen Sonnenschein hinaus, der den Platz überflutete.
Eine Gruppe von ungefähr zweihundert Leuten demonstrierte vor dem Senatsgebäude. Dutzende von Coruscant-Sicherheitsleuten hatten vor dem Gebäude eine lose Reihe gebildet, aber alles sah friedlich aus. Der gelegentliche Ruf »Corellia ist nicht eure Kolonie!« machte deutlich, wer die Protestierenden waren.
»Irgendetwas sagt mir, dass wir lieber nicht stehen bleiben und Autogramme geben sollten«, sagte Ben.
Jacen verharrte aber und schaute zu den Demonstranten zurück. »Was glaubst du, wie viele Corellianer leben in Galactic City?« Einer der Demonstranten in der Menge hatte ein großes Holobild auf die Fassade des Senatsgebäudes projiziert, auf dem stand: CORELLIA HAT EIN RECHT AUF SELBSTVERTEIDIGUNG! »Fünf Millionen? Fünf Milliarden?«
»Glaubst du, die sind gefährlich?«
»Ich denke nur, dass ein Krieg für Coruscant eine vertrackte Sache wird, weil hier so viele Corellianer leben.«
»Aber wir befinden uns nicht im Krieg. Noch nicht.«
»Nicht, soweit es die Regierungen betrifft«, sagte Jacen. »Aber konzentrier dich auf das, was um dich herum ist.«
Bens Machtsinne waren nur zu einem Bruchteil so ausgeprägt wie die von Jacen, geschult in nichts weiter als physischen Fähigkeiten und in den Anfängen wahrer Meditation. Er schloss die Augen und spürte das schwache Kribbeln hinten in seiner Kehle, die Andeutung von etwas Gefährlichem, das aber weit weg schien. Die leichte Brise, die über den Platz strich, trug die Düfte von Laub mit sich. Der Protest wurde ein bisschen lauter, war aber immer noch friedlich.
»Ich kann eine Bedrohung spüren, aber sie ist sehr weit entfernt.« Ben öffnete die Augen, besorgt darüber, dass er womöglich die falsche Frage beantwortet hatte. »Als wäre ein Sturm im Anzug. Nichts weiter.«
»Exakt«, sagte Jacen. »Milliarden verunsicherter, unglücklicher Leute, die bereit sind zu kämpfen. Leute, die wollen, dass sich die Dinge beruhigen. Leute, die Frieden brauchen.«
»Und den zu schaffen ist unsere Aufgabe, richtig?«
»Ja«, sagte Jacen, »das ist unsere Aufgabe.«
»Und ich werde mit dir zusammenarbeiten.«
Ben wollte sichergehen. Er lernte gerade seine erste Lektion in dem, was Jacen Zweckmäßigkeit nannte. Vor ein paar Wochen war er ein Elitesoldat gewesen, ein Held, ein Krieger, der dabei geholfen hatte, die Centerpoint-Station zu sabotieren und die corellianische Regierung wütend zu machen. Nun musste er still sein und wollte nur dann den Mund aufmachen, wenn er angesprochen wurde. Er wollte in Erfahrung bringen, ob ihn Jacen bloß dann wie einen Erwachsenen behandelte, wenn es ihm gerade passte, so wie sein Vater es tat.
Auf einigen Planeten war man mit dreizehn ein Mann, und das war's dann, ein Zurück gab es nicht, und man musste sich keine Gedanken mehr machen, was die Eltern wohl zu dem sagten, was man tat. Mit dreizehn wurden mandalorianische Jungen nach einer Reihe von Prüfungen zu Kriegern, unter der Aufsicht ihrer Väter. Auch Jedi wurden von Kindesbeinen an ausgebildet, aber die Prüfungen dauerten um ein Vielfaches länger. Ben wusste, dass er kein Jedi-Ritter sein würde, bis er ein gutes Stück über zwanzig war.
Ihm schien das ein Lebensalter weit weg zu sein. Mit einem Mal beneidete er die mandalorianischen Jungen, denen er niemals begegnen würde.
»Ja«, sagte Jacen schließlich. »Natürlich wirst du das. Es wird nicht immer leicht sein, aber du wirst es schaffen. Ich weiß, dass du das wirst. Einige der Dinge, über die wir reden werden, müssen zwischen uns bleiben, aber so ist das nun mal bei Militärangelegenheiten. Bist du dazu bereit?«
Als würde er mit seinem Vater über das, was Jacen und er taten, diskutieren! Er sprach ja nicht einmal mehr mit seiner Mutter über alle Dinge. »Schließt das auch Admiralin Niathal mit ein?«
Jacen lächelte. Ben hatte wieder mal den richtigen Riecher. »Ja, denn ich nehme an, dass die Admiralin eine unserer Verbündeten sein wird.«
»Ich verstehe. Ich weiß, dass das hier wichtig ist.«
»Gut. Genau das wollte ich hören.«
Ben sonnte sich in Jacens Anerkennung, auch wenn er wusste, dass er angesichts eines drohenden Krieges eigentlich andere Gefühle empfinden sollte. Er war sich jetzt im Klaren darüber, dass ein gewaltiger Unterschied darin bestand, ob man mit seinem Lichtschwert trainierte - was ein Spiel war -oder richtig kämpfen musste. Es waren bereits Menschen gestorben. Und in der Zukunft würden noch mehr sterben. Damals, nachdem die Aufregung des Gefechts auf CenterpointStation abgeklungen war, hatte er viel darüber nachgedacht.
Auf einmal fiel ihm wieder Brisha ein, diese sonderbare Frau, die er im ersten Moment nicht sonderlich gemocht hatte, und die Jedi Nelani, mit der sie zusammen gereist waren. Was war aus ihnen geworden? Jacen hatte ihm lediglich erzählt, dass sie getötet worden waren - keine Einzelheiten, keine Erklärung -, und obwohl sich Ben sicher war, dass er dabei gewesen war, konnte er sich an nichts erinnern.
Hat Jacen Dad davon erzählt und mir nicht?
Das nagte an ihm. Er hasste es, sich nicht an Dinge erinnern zu können, die vielleicht wichtig waren, und dies hier schien wichtig zu sein.
»Irgendetwas beschäftigt dich«, sagte Jacen, als sie davongingen und die Coruscanti-Demonstration hinter sich ließen.
Ja - und zwar Brisha und Nelani. Aber Ben gelangte zu dem Schluss, dass es ein Teil des Erwachsenwerdens war zu wissen, wann man besser tat, was einem gesagt wurde, nicht wie ein Kind, das alles besser wusste, sondern wie ein Soldat, der begriff, dass es manchmal Dinge gab, die man nicht wissen musste.
»Nichts Wichtiges«, sagte er. »Nicht im Mindesten.«
MINISTER KOA NES BÜRO, KLONANLAGE, TIPOCA-STADT, KAMINO, ZEHN STANDARDJAHRE NACH DEM YUUZHAN-VONG-KRIEG
»Sie sterben«, sagte der Mediziner.
Boba Fett konnte das Spiegelbild des Mannes in dem wandbreiten Fenster aus Transparistahl sehen, während er auf die wogende See hinausblickte: dünner, beigefarbener Kittel, weißblondes Haar, kreidebleiches Gesicht. Wahrscheinlich fragte er sich, warum Fett ihn den ganzen weiten Weg hierherzitiert hatte, um noch weitere Tests durchzuführen.
Weil ich das spezielle medizinische Fachwissen der Kaminoaner brauchen, nicht bloß Ihres, Doktor.
Tipoca City war ein trauriger Abklatsch der minimalistischen Eleganz, die die Stadt in den Tagen seines Vaters gehabt hatte, doch ihre wenigen stillgelegten Türme waren für Fett immer noch mehr Hafen, als es Coruscant je sein würde. Er konzentrierte sich auf die schwarze Oberfläche der See und wartete einige Sekunden, um zu sehen, ob sich die Aiwhas wieder zu Schwärmen zusammenrotteten, dann ließ er die Worte des Doktors zu sich durchdringen und verarbeitete sie.
Sie schmeckten vertraut, und doch steckte eine Kugel aus Eis in seinem Magen. Er unterdrückte sämtliche Regungen in seinem Gesicht und präsentierte dem Doktor eine Maske, die so undurchschaubar war wie sein mandalorianischer Helm.
Dr. Beluine war einer von lediglich einer Handvoll Leute, die ihn jemals ohne Helm gesehen hatten. Ärzte konnten mit Entstellungen wesentlich besser umgehen als die meisten anderen.
»Ich weiß, dass ich sterben werde«, sagte Fett. »Ich bezahle Sie dafür, dass Sie mir sagen, was ich dagegen unternehmen
kann.«
Beluine zögerte, und Fett bemerkte, wie er Koa Ne einen Blick zuwarf, dem kaminoanischen Wissenschaftler. Er hatte die Leitung einer Klonfabrik inne, die nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst war. Vielleicht hatte Beluine Angst, einem Profikiller zu sagen, dass er an einer Krankheit im Endstadium litt, oder vielleicht war es auch das Zögern eines guten Arztes, der versuchte, seinem Patienten die schlechten Neuigkeiten so schonend wie möglich beizubringen. Fett wandte sich von dem großen Fenster ab, die Daumen in seinen Gürtel gehakt, und hob seine vernarbten Brauen in einer stummen Frage.
Beluine verstand den Wink. »Nichts.«
Sie geben schnell auf, Doktor. »Wie lange noch?«
»Wenn Sie es ruhig angehen lassen, haben Sie noch ein oder zwei Standardjahre. Weniger, wenn Sie es übertreiben.«
»Keine Vermutungen. Mich interessieren nur Fakten.«
Beluines Augenlider flatterten in einem Spasmus nervösen Blinzelns. »Bei Prognosen gibt es immer Unwägbarkeiten, Sir. Aber die Degeneration Ihres Zellgewebes beschleunigt sich, sogar in Ihrem transplantierten Bein. Sie haben rezidivierende Tumore, und mit Medikamenten lässt sich Ihre Leberfunktion nicht länger kontrollieren. Möglicherweise hat es etwas mit der. ungewöhnlichen Natur Ihrer Herkunft zu tun.«
»Damit, dass ich ein Klon bin, meinen Sie.«
»Ja.«
»Ich deute das als keine Ahnung.«
Beluine - auf Coruscant ausgebildet, sehr teuer, sehr exklusiv - hatte den Blick eines Mannes, der drauf und dran war, zur Tür hinauszulaufen. »Es ist nur verständlich, wenn Sie eine zweite Meinung einholen möchten.«
»Ich habe schon eine«, sagte Fett. »Meine. Und ich bin der
Meinung, dass ich sterben werde, wenn ich willens und dazu bereit bin.«
»Es tut mir leid, Ihnen diese schlechten Neuigkeiten mitteilen zu müssen.«
»Ich habe schon schlimmere verkraften müssen.«
»Wenn ich Zugriff auf die originären kaminoanischen Laboraufzeichnungen hätte, könnte ich vielleicht...«
»Darüber muss ich mit Koa Ne sprechen. Begleiten Sie den Doktor zur Tür.«
Der kaminoanische Politiker, ganz höfliche, emotionslose graue Anmut, deutete mit einem Kopfnicken auf die Türen, und der Doktor schlüpfte zwischen ihnen hindurch, bevor sie sich zur Gänze geöffnet hatten. Er war sehr darauf erpicht zu verschwinden. Die Türen schlossen sich zischend hinter ihm.
»Also, wo sind die Daten?«, fragte Fett. »Und Taun We?«
»Taun We ist. gegangen.«
Nun, das war eine Überraschung. Fett kannte Taun We besser als jeder andere - besser als jeder Mensch, zumindest -, und sie schien ihrer eigenen Art gegenüber vollkommen loyal zu sein. Als er ein Junge gewesen war, hatte sie auf ihn aufgepasst, wenn sein Vater fort war. Er hatte sie sogar gemocht. »Wann?«
»Vor drei Wochen.«
»Gibt's irgendeinen Grund für den Zeitpunkt?«
»Vielleicht die gegenwärtige politische Instabilität der Galaxis.«
»Also ist sie letzten Endes doch abgehauen, genau wie Ko Sai.«
»Ich muss zugeben, dass einige meiner Kollegen eine gewisse Bereitschaft gezeigt haben, sich neue Anstellungen zu suchen.«
Kaminoaner waren nicht unbedingt scharf aufs Reisen. Fett konnte sich nicht vorstellen, dass sie irgendwo eine Umgebung finden würden, die erträglicher war als ihre eigene abgeschottete Welt. »Und sie haben Ihre Daten mitgenommen.«
Koa Ne wirkte zögerlich. »Ja. Wir haben Ko Sais ursprüngliche Forschungsunterlagen nie gefunden.«
»Und was hat Taun We mitgenommen?«
»Abgesehen von ihrem Fachwissen über die menschliche Entwicklung? Eine große Menge unbedeutender Daten.«
Die Kaminoaner hatten ihren Ruf als die besten Klontechniker der Galaxis vor mehr als fünfzig Jahren eingebüßt, als ihre Wissenschaftler zu anderen Unternehmen gewechselt waren, und nie wieder zu ihrer alten Klasse zurückgefunden. Jeder, dem es gelang, dieses Wissen wieder zu vereinen, würde ein Vermögen verdienen - genug, um die Wirtschaft eines ganzen Planeten anzukurbeln und nicht nur das eigene Bankkonto zu füttern.
Wäre er nicht dabei gewesen zu sterben, wäre Fett ernstlich in Versuchung geraten, diese Gelegenheit beim Schopfe zu packen.
»Machen Sie sich keine Sorgen, dass Beluine reden könnte?«, fragte Koa Ne.
»Er wird nicht mehr reden, als es mein Waffenschmied oder mein Buchhalter tun würden.« Fett hielt wieder nach Aiwhas Ausschau, ordnete seine Gedanken und setzte instinktiv Prioritäten hinsichtlich dessen, was er als Nächstes tun würde. »Sie werden dafür bezahlt zu schweigen. Was macht es schon, wenn er der Galaxis erzählt, dass ich sterbe? Ich war schon vorher ein toter Mann.«
»Es schafft Unsicherheit.«
»Für wen?«
»Für die Mandalorianer.«
»Sie scheren sich nicht um uns.«
Wie alle Kaminoaner, scherte sich Koa Ne um nichts anderes als um Kamino, welchen Eindruck die politische Fassade, die sie zur Schau stellte, auch immer vermitteln mochte. Fetts zwiespältige Sicht der Kaminoaner tendierte immer mehr zu Abneigung, je älter er wurde. Sie waren käuflich, genau wie er es gewesen war. Er hatte in dieser Zeit selbst Geld für einige zweifelhafte Aufträge angenommen. Aber irgendwie war eine Rasse, die andere heranzüchtete, um ihre Kämpfe für sie auszufechten, noch weniger bewundernswert.
»Wir hatten stets ein besonderes Interesse an Ihnen, Boda.«
Er mochte es nicht, dass Koa Ne seinen Vornamen benutzte. Habt ihr immer noch irgendwelche Gewebeproben von meinem Dad? Plant ihr immer noch, ihn euch irgendwie zunutze zu machen? Nein, ihr konntet das Material nicht so lange intakthalten, nicht wahr? »Es gibt keinen Grund, Taun We zu jagen. Selbst das Bein, das sie für mich geklont hat, zersetzt sich. Ersatzteile werden nicht helfen.«
»Wir haben Verwendung für diese Technologie...«
»Ich aber nicht.«
»Dennoch könnte Taun We womöglich nützlich für Sie sein. Sie ist hoch qualifiziert.«
»Vielleicht hätten Sie mich ein paar Jahrzehnte eher anheuern sollen, um Ko Sai zur Strecke zu bringen, statt jetzt Taun We nachzustellen.«
»Wir haben. Grund zu der Annahme, dass jemand Ko Sai gefunden hat. Doch auch ohne sie verfügen wir noch immer über genügend Fachwissen, um das Klonen fortzusetzen, selbst wenn uns die originalen Forschungsunterlagen über die
Alterskontrolle abhandengekommen sind.«
»Wenn sie irgendjemandem in die Hände gefallen sind, haben sie nie versucht, sie zu verkaufen. Wer würde einfach auf Handelsware hocken bleiben, die so viel wert ist? Niemand, den ich kenne.«
Vermutlich waren es Ko Sais Forschungsunterlagen, die Fett jetzt brauchte, doch das war eine Spur, die schon vor mehr als fünfzig Jahren verdammt kalt geworden war. Selbst er würde das Material nicht mehr so ohne weiteres aufspüren können.
Aber irgendjemand hatte es geschafft. Es gab immer eine überprüfbare Spur, der man folgen konnte, wie sein Buchhalter beharrlich behauptete. Und Taun We besaß möglicherweise einen Hinweis darauf. Vielleicht hatte sie denselben Weg genommen wie Ko Sai. Vielleicht hatte sie dieselben Auftraggeber. Erstklassige Klontechniker waren rar gesät.
»Wir beide haben Grund dazu, so viele der Daten und des Personals wiederzubeschaffen, wie wir können«, sagte Koa Ne. Wäre der Minister ein Mensch gewesen, vermutete Fett, hätte er geschmunzelt. »Werden Sie helfen?«
»Um mich nützlich zu machen, solange ich noch am Leben bin?«
»Zu unser beider Vorteil.«
»Vorteil kostet.« Fett nahm seinen Helm. »Und ich helfe nicht.«
Er fragte sich, ob Koa Ne jemals an seinen Vater Jango Fett dachte. Wenn er dies tat, das wusste Fett, dann wohl ausschließlich im Hinblick auf seine Nützlichkeit für die kaminoanische Wirtschaft. Es hätte ihm nichts ausmachen sollen, dass andere das Leben so leidenschaftslos sahen wie er selbst. Aber hier ging es um seinen Vater, und das war ein
Thema, das sich nicht auf Credits oder Zweckmäßigkeit reduzieren ließ. Dass Klone seines Vaters Kamino gegen die Klonarmee des Imperiums verteidigt hatten, lag ihm noch immer wie ein Stein im Magen. Das war die ultimative Ausbeutung. Er wusste, dass sein Vater es mit einem Schulterzucken als Teil des Deals abgetan hätte, doch er vermutete, dass es ihn tief in seinem Innern doch erzürnt hätte.
Einer von Dads Freunden hat sie immer als Aiwha-Köder bezeichnet. Daran kann ich mich noch erinnern.
»Wir können bezahlen.«
»In Ordnung. Lebend oder tot?«
»Lebend natürlich. Eine Million dafür, dass Sie Taun We lebend wieder zurückbringen - mit den Daten.«
»Zwei Millionen, um sie wiederzubeschaffen, und eine zusätzliche Million für die Daten. Drei Millionen.«
»Überteuert. Ich glaube, Ihrem Vater wurden lediglich fünf Millionen für das Schaffen und Ausbilden einer ganzen Armee gezahlt.«
Als die Kaminoaner das letzte Mal irgendeinen Gedanken an Jango Fett verschwendet hatten, hatte es Hunderttausende -nein, Millionen Männer nach seinem Ebenbild gegeben, und jetzt gab es keinen einzigen mehr.
»Nennen Sie es Inflation. Schlagen Sie ein, oder lassen Sie's bleiben.« Fett verbarg sein Gesicht wieder unter dem Helm und fügte sich in die Selbstsicherheit und die Identität, die seine Enge mit sich brachte - wie so viele der Klone es getan hatten -, und atmete in dem kurzen Moment, bevor die Versiegelung einrastete und die Umgebungskontrollen ansprangen, die Wärme und den Geruch seines eigenen Atems ein. Wären die Männer zum Wohle der Mandalorianer eingesetzt worden, wäre die Galaxis nun womöglich ein ganz anderer Ort.
Aber das war nicht sein Problem.
Ein Jahr übrig. Genügend Zeit, wenn ich alles darauf konzentriere.
Er hatte keine Ahnung, warum er in letzter Zeit so viel über den lange zurückliegenden Krieg nachdachte. Vielleicht lag es daran, dass er gewusst hatte, welche Neuigkeiten Beluine ihm unterbreiten würde.
Diesmal werde ich wirklich sterben.
»Sie brauchen diese Technologie so sehr wie wir«, sagte Koa Ne. »Eine Million.«
»Ich werde sie finden. Und es sind immer noch drei Millionen, wenn Sie wollen, dass ich sie Ihnen zurückgebe, nachdem ich mir die Daten genommen habe, die ich brauche.« Der befriedigendste Teil beim Verhandeln war, wenn man den Punkt erreicht hatte, an dem man sein Trumpfass ausspielen konnte. »Ein Profi ist sein Honorar wert, Koa Ne. Willigen Sie ein, oder lassen Sie's bleiben. Ich werde jemanden finden, der mir eine Menge mehr zahlt als Sie - natürlich nur, um meine Unkosten zu decken.«
»Aber was nützt Ihnen Ihr Vermögen jetzt noch?«
Bei einem Menschen wäre das grausamer Spott auf Kosten eines sterbenden Mannes gewesen. Doch Kaminoaner hatten nicht genügend Gefühl in sich, um Spott empfinden zu können.
»Dafür habe ich immer eine Verwendung.«
Koa Ne hatte recht. Er brauchte keine weiteren Credits und auch keine weitere Macht oder Einfluss; Politik interessierte ihn wirklich nicht. Dafür hatte er für zu viele Politiker gearbeitet, die häufig auch noch gegeneinander intrigiert hatten, und es bereitete ihm nicht einmal mehr eine Freude, der Mandalore zu sein, der Anführer der verstreuten mandalorianischen Gemeinschaft.
Also, warum kümmert mich das überhaupt?
Er war das Oberhaupt einer Horde in alle Winde verstreuter Mando'ade. Da waren Bauern und Metallarbeiter und Familien, die sich auf Mandalore mehr schlecht als recht über Wasser hielten, und es gab jede Menge Söldner, Kopfgeldjäger und kleine Gemeinden im Exil über den Rest der Galaxis verteilt. Es war schwer, sie als Nation zu bezeichnen. Er war nicht einmal ein Staatschef, nicht in dem Sinne, in dem Corellianer oder Coruscanti das verstanden. In der Zeit nach dem Yuuzhan-Vong-Krieg hatte er bloß hundert Elitekräfte unter seinem Kommando gehabt, aber sie taten nach wie vor das, was Mandalorianer seit Generationen getan hatten: sich im Mandalore-Sektor eine grimmige Existenz aufbauen, mandalorianische Enklaven verteidigen oder Krieg für andere führen. Er hatte keine Ahnung, wie viele Leute, die sich selbst als Mandalorianer betrachteten, sonst noch über die Galaxis verstreut waren.
Allerdings waren hundert Mando-Krieger nach wie vor eine Streitmacht, mit der man rechnen musste. Und im Innersten war jeder Mandalorianer noch immer ein Krieger, Mann und Frau, Junge und Mädchen. Noch immer wurden sie von Kindesbeinen an für den Kampf ausgebildet.
Innerhalb von zwei Jahren werde ich tot sein. Ich bin einundsiebzig. Ich sollte noch mindestens dreißig Jahre vor mir haben.
»Fett.«
Nein.
»Drei Millionen.«
Ich bin noch nichtfertig.
»Zwei Millionen Credits, um Taun We zu finden und sie zurückzubringen. Das ist mein letztes Angebot.«
Ich bin der Sohn meines Vaters. Der Tod ist ein Risiko, keine Gewissheit. Nicht wenn man seine Angst dazu benutzt, sich auf etwas zu konzentrieren.
»Ich baue eure Wirtschaft wieder auf«, sagte Fett. Möglicherweise war Koa Ne gekränkt; bei Kaminoanern war das schwer zu sagen. »Beleidigen Sie mich nicht, indem Sie mir Kleingeld anbieten.«
»Sie reden, als hätten Sie überhaupt keine emotionale Bindung zu Taun We.«
»Hier geht's ums Geschäft. Selbst wenn ich sterbe.«
»Akzeptieren Sie das Kopfgeld, und wir geben Ihnen alle Geheimdienstinformationen, die wir über Taun We haben.«
Und wenn ihr genügend davon hättet, würdet ihr mich nicht brauchen. »Drei Millionen.«
»Vergessen Sie nicht, dass nicht einmal Sie auf sich allein gestellt Erfolg haben werden.«
»Das sagen sie alle«, entgegnete Fett. Das war der Moment, in dem er endgültig einen Schlussstrich zog. »Wenn ich Taun We finde, werde ich die Daten versteigern, um meine Unkosten zu decken. Fangen Sie schon mal an zu sparen.«
Fett erwartete, dass Koa Ne ihm auf die Landeplattform nachlaufen würde, wie es halsstarrige Kunden immer taten, wenn sie zur Einsicht kamen. Aber als er einen Blick hinter sich warf, war die Plattform leer.
Vielleicht sind zwei Millionen alles, was er sich leisten kann. Zu schade. Dies ist entweder meine letzte Jagd, oder es ist der Startschuss zu einem neuen Vermögen.
Die Gewinnquoten gefielen ihm. Ja, er spürte, dass er eine echte Chance hatte. Für einen Kopfgeldjäger war ein Jahr eine
lange Zeit.
Er schlüpfte in das Cockpit der Slave I und senkte die Kanzel. Er hatte ein Vermögen dafür ausgegeben, sie zum dritten Mal wiederherzustellen - und Modifikationen einzubauen, von denen sein Vater Jango nie zu träumen gewagt hätte. Als er im Pilotensessel des Schiffs saß und auf einen endlosen sturmgepeitschten Ozean hinausblickte, war er wieder ein neunjähriges Kind, hocherfreut darüber, dass er mit seinem Vater auf eine Mission fliegen durfte.
Einst war dies sein Zuhause gewesen. Hier war er am glücklichsten gewesen.
Es hieß, dass die Vergangenheit vor dem inneren Auge Revue passierte, wenn man starb. Anderseits sagten die Leute eine Menge Dinge, und er scherte sich einen Dreck darum, solange es ihm nichts einbrachte.
Fett fuhr das Triebwerk hoch, hob ab und brachte die Slave I auf einen Standardabflugkurs. Er musste sich auf Taun Wes Fährte setzen. Aber Koa Ne hatte recht: Was nützte ihm sein Vermögen jetzt noch? Andere Männer hinterließen Imperien, oder ihr Vermögen sicherte die Zukunft ihrer Familien.
Er überprüfte seinen höchst illegalen und sehr verlässlichen Komscanner und stellte ihn so ein, dass er ihm ungewöhnliche Aktiengeschäfte von Biotechnikunternehmen meldete. Taun We hatte etwas zu verkaufen, und sie würde es verkaufen, und die Auswirkungen dieses Handels würden Kreise ziehen, die sich weit genug ausbreiteten, dass er früher oder später darauf aufmerksam werden würde.
Für dich zählt bloß früher. Ein Später wird es für dich nicht mehr geben, nicht solange du die Daten nicht gefunden hast.
Sogar sein Vater hatte mehr als Credits von den Kaminoanern gewollt. Er hatte einen Sohn gewollt.
Einst hatte ich eine Frau und eine Tochter. Ich hätte besser auf sie aufpassen sollen.
Von seinem Leben würde nichts zurückbleiben außer sein Ansehen als Profi, doch ein Mandalorianer brauchte mehr als das. Der Mandalore zu sein - ob nun halbherzig oder sonst wie -, brachte einem keinen Clan ein.
Es war an der Zeit, alte Kontakte zu reaktivieren. Fett lehnte sich in dem Sessel zurück, nahm den Helm ab und starrte sein Spiegelbild im Fenster an, während die Slave I Kurs auf Taris nahm.
Ihm war nicht klar gewesen, wie sehr er Kamino vermisst hatte.