16.


Mom, Dad, bitte ignoriert diese Nachricht nicht. Wir haben Thrackans Attentäterin geschnappt, weil sie den Fehler beging, auf Coruscant nach euch zu suchen. Ihr Name ist Ailyn Habuur, und sie wird euch nicht mehr länger Ärger machen. Aber möglicherweise hat sie eine Komplizin namens Mirta Gev. Das ist alles, was wir im Augenblick wissen, also seid weiterhin auf der Hut. Mom, Dad, ich liebe euch. Bitte versucht zu verstehen, was ich tun muss.

Jacen Solo, verschlüsselte Komlink-Nachricht an seine Eltern


JACEN SOLOS APARTMENT, ROTUNDA-ZONE


»Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.«

Lumiya wartete auf Jacen; für den Rest der Galaxis sah sie eher wie eine Versicherungsvertreterin mit einem Sinn für geschmackvolle Damenmode aus als eine Sith-Adeptin.

»Es war ein schwieriger Tag«, sagte er und schnappte sich seine Reisetasche, um ein paar Dinge einzupacken. Dieser Teil von ihm war nach wie vor ein Jedi: Er besaß fast nichts, abgesehen von der Kleidung, die er als Pilot und als Colonel brauchte. »Ich muss einige Dinge mit dir besprechen.«

»Ich konnte Eure Unruhe spüren.«

»Luke ist sich darüber im Klaren, dass du hier bist. Er weiß nicht genau, wo du dich aufhältst, aber er nimmt ein gewisses Echo deiner Präsenz wahr.«

»Ihr müsst Euch keine Gedanken wegen mir machen. Aber wir müssen Eure Fortschritte hin zu vollständigem Sith-Wissen beschleunigen, für den Fall, dass Luke mich findet und mich daran hindert, Euch zu leiten.«

»Gibt es Techniken, die du mich lehren kannst?«

»Nicht so sehr Techniken wie vielmehr Bewusstwerdung.« Lumiya breitete die Arme aus, und mit einem Mal war der Raum sowohl mit Stille als auch mit dunkler Energie gefüllt. Jacen hatte das Gefühl, als würde er in Gesellschaft gefährlicher Männer in einem wunderschön hergerichteten Büro sitzen, eine dünne Schicht Anmut über Grausamkeit. »Techniken sind etwas für Schüler. Ihr wisst alles, was Ihr wissen müsst. Das liegt in Euch. Ihr müsst Euch dessen lediglich bewusst werden und Euch dem hingeben.«

»Bei dir klingt das wie Schmerzen.«

»Es werden welche sein.«

»Dann weißt du, was es ist. Sag's mir. Oder warn mich davor.«

»Nein, das kann ich nicht. Ich kann Euch bloß in Richtung Bewusstwerdung führen und Euch dazu ermutigen, die Linie zu überschreiten. Für jeden, der dies versucht, ist der Übergangsritus ein anderer, weil es darum geht, die eigenen persönlichen Grenzen zu durchbrechen.«

Der Raum wirkte beruhigend, eine Illusion, die beinahe an eine Meditationskammer gemahnte. Das Licht um sie herum war dunkelblau und verzerrt, als würde es durch Wasser gebrachen. Jacen fand es ironisch, dass ihre Macht und Energie bloß in Illusionen Ausdruck fanden, so nützlich sie auch waren. Sie konnte nichts dauerhaft verändern. Er allerdings schon.

»Ich habe heute jemanden getötet.«

»Ihr seid Soldat. Soldaten müssen bereit sein zu töten.«

»Ich habe auf eine Art und Weise getötet, von der ich nie gedacht hätte, dass ich es je könnte. Ich bin erschrocken darüber, wozu ich fähig bin. Das hier macht mir keine Freude.«

»Würde es Euch Freude machen, Jacen, wärt Ihr nicht derjenige, der dazu bestimmt ist, der Sith-Lord zu werden.«

Die Logik daran war sowohl bestechend als auch schrecklich wahr. Er war jetzt auf dem Pfad des Schmerzes; er musste das tun, was er am meisten fürchtete. Das war der Grund, warum es mit jedem Tag leichter wurde, obwohl es so wehtat. Es war richtig. Es war genau das, was Vergere ihn gelehrt hatte, als er sich in den Händen der Yuuzhan Vong befand. Er musste leiden, um zu dem »glorreichen Geschöpf« zu werden, zu dem Nachtfalter, der voller Panik darum kämpfen musste, um stark aus seinem Kokon zu schlüpfen, um sich zu verändern - in das, was er sein musste. Ein Sith-Lord.

Ihm war nie ein einfacher Weg bestimmt gewesen, um diese Prophezeiung zu erfüllen. Vergere hatte das gewusst. Selbst damals schon hatte sie es gewusst.

»Du kanntest meinen Großvater. Musste auch er diesen Weg beschreiten?«

»Ja.«

»Warum hat er dann versagt?«

»Er wollte Macht. Nicht politische Macht, sondern die Macht, die Realität für die, die er liebte, nach eigenem Willen zu formen. Das verleitete ihn und ließ einen großen Mann schwach werden. Außerdem mangelte es ihm an Eurer breit gefächerten Ausbildung in der Macht. Davon bin ich überzeugt.«

Jacen dachte an sein unfassbares Versagen, nicht erkannt zu haben, dass Ailyn Habuur geschickt worden war, um seine Eltern zu ermorden und nicht Cal Omas. Er hätte es mittels der Macht sehen müssen, und dem war nicht so gewesen.

Ich war geblendet von persönlicher Voreingenommenheit, von Familienbanden. Das muss der Grund dafür sein.

»Die Kunde der Sith lehrt, dass wir uns Liebe und Zorn nicht verschließen sollten«, sagte Jacen. »Wie kann das stimmen, wenn genau das Anakin Skywalkers Fehler war?«

»Man muss sich diesen Dingen nicht verschließen. Man muss in der Lage sein, dem standzuhalten und Kraft daraus zu schöpfen. Seht Euch die Jedi heutzutage an, alle mit ihren Familien und Kindern, alle von ihnen in Ketten gelegt. Lukes kleines Frauchen ignoriert, was sie in Bezug auf Euch fühlt, und greift nach jeder sich bietenden Ausrede, um es nicht glauben zu müssen, weil die Zufriedenheit ihres Sohnes für sie an erster Stelle steht. Luke bietet Euch nicht die Stirn, weil er fürchtet, seine Frau und sein Sohn könnten sich dadurch von ihm entfremden. Würden sie sich diesen Ängsten stellen und sich darauf einlassen, wäre es gut möglich, dass sie unsere Pläne durchkreuzen. Aber das werden sie nicht.«

Jacen wusste, dass sie recht hatte. »Und Ben?«

»Ben wird Euch ein großartiger Schüler sein, sobald er aufhört, sich über den Namen seines Vaters zu definieren. Er ist bereits auf dem rechten Weg.« Lumiya senkte ihre Stimme, als hätte sie Angst davor, den folgenden Vorschlag zu machen. »Ihr müsst ein Jedi-Meister werden.«

»Ist das nicht genau das, was ich nicht zu sein brauche?«

»Es ist wichtig für Ben, dass Ihr sein Meister seid, damit er weiß, dass er sich aus der Kontrolle seines Vaters gelöst hat. Der Jedi-Rat muss seine Anerkennung dafür zeigen, was Ihr für die Galaktische Allianz tut, wenn er nicht will, dass es so aussieht, als würde der Rat die Regierung untergraben. Das würde man irgendwann irgendwie gegen ihn verwenden.« Sie machte eine Pause. »Abgesehen davon: Warum solltet Ihr kein

Meister sein? Wenn Euch das, was Ihr in den letzten paar Jahren gelernt habt, nicht dafür qualifiziert, was dann?«

»Lumiya, wenn ich mich dafür einsetze, ward es wie eine Schwäche aussehen, die sie sich zunutze machen können.«

»Das müsst Ihr nicht tun - noch nicht. Lasst mich ihre Meinung ändern.«

»Den Jedi-Rat beeinflussen? Oh, jetzt hör aber auf.«

»Abgesehen von Mara Skywalker habt Ihr dort noch andere Verbündete. Lasst mich diese Idee an einigen Stellen anbringen - außerhalb des Rates, natürlich. Ideen entwickeln rasch ein Eigenleben.«

»Wie die von Admiralin Niathal.«

»Sie hatte bereits entsprechende Ambitionen. Ich habe nur dafür gesorgt, dass sie sich nicht mehr für ihre Unerschrockenheit schämt.«

»Hast du sonst noch das Verhalten von irgendjemandem beeinflusst?«

»Ich musste keinen nennenswerten Einfluss nehmen. Dies ist eine Galaxis auf der Suche nach Ordnung.«

Jacen zwang sich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. So verlockend Lumiyas Beschwichtigung auch war, er vertraute am meisten auf seine eigenen Gefühle. Er konnte in dieser Nacht in den Jedi-Tempel zurückkehren und selbst sehen - selbst hören, seihst fühlen —, was die Wahrheit war und was nicht.

Und er würde das Risiko eingehen, erneut durch die Zeit in die Tage seines Großvaters zurückzureisen. Er musste sieh dem stellen.

»Bald werdet Ihr bereit sein zu verstehen, wie Euer letzter Weg aussehen muss«, sagte Lumiya. »Ich weiß es.«

»Ich ebenfalls«, sagte Jacen und klatschte mit einer

Explosion von Macht-Energie einmal in die Hände. Die schöne blaue Unterwasserillusion verwand wie zerschmettertes Eis auf einem Teich, und er befand sich wieder in seinem kargen Apartment, wo eine Tasche auf ihn wartete, die gepackt werden musste, und ein Krieg, den es zu gewinnen galt.


DAS APARTMENT DER SKYWALKERS, GALACTICCITY


Die Türen des Apartments gingen auf, bevor Ben den Öffner drücken konnte. Luke spürte, dass er kam, ein Tumult von Emotionen in der Macht.

Ist es das, was ich in ihm auslöse? Dass er Angst vor mir hat? Ich glaube, da war es mir lieber, als er einfach alles ignoriert hat, was ich gesagt habe.

»Kein Grund, so verängstigt dreinzuschauen«, sagte Mara. Sie ergriff Bens Schulter und dirigierte ihn ins Wohnzimmer. »Wir machen uns bloß Sorgen um dich, das ist alles.«

Sie ließ ihn sich setzen und warf Luke einen warnenden Blick zu, als er den Raum betrat, um seinen Sohn vom Rand des Abgrunds zurückzuziehen. Ben trug noch immer seinen schwarzen Kampfanzug, bei dem es sich tatsächlich um nicht s anderes handelte als um die gewöhnliche Uniform für Sondereinsatzkräfte, die aus irgendeinem Grund jedoch um einiges finsterer wirkte. Er sah mit Sicherheit nicht aus wie ein Jedi.

Du hast versucht, ihn dazu zu zwingen, etwas zu sein, was er nicht sein will. Das ist dabei herausgekommen. »Geht es dir gut, Ben?« »Ja, Dad.«

»Ich bin nicht wütend auf dich.« Luke zog sich einen Stuhl heran. »Aber wir sehen, was für Dinge Jacen in letzter Zeit tut,

und wir fragen uns, ob du daran wirklich teilhaben solltest.«

Ben hielt seinem Blick stand. Luke hatte diesen Ausdruck schon früher auf Kindergesichtern gesehen, aber das waren Flüchtlinge gewesen, Kinder aus Kriegsgebieten, die schneller erwachsen geworden waren, als vertretbar oder vernünftig war, und die nie wieder sorglose Kinder sein würden.

»Ich lerne viel«, sagte Ben.

»Ich bin mir nicht sicher, ob das die Dinge sind, die du lernen solltest.«

»Warum nicht, Sir?«

Ben hatte ihn immer Dad genannt. Plötzlich war aus ihm ein Sir geworden. Luke entging Maras Reaktion nicht, ein kleines mentales Zucken unter ihrem beruhigenden Lächeln, das wie festgewurzelt wirkte.

»Es ist gewalttätig, Ben.«

Ben schluckte. »Jedi tun gewalttätige Dinge. Wir fliegen Raumjäger mit Laserkanonen. Wir benutzen Lichtschwerter. Wie viele Leute hast du getötet, als du gegen das Imperium gekämpft hast?«

Luke erstarrte mitten in der Bewegung. Er ertappte sich dabei, wie er die Worte formulierte: »Aber das waren alles.«

Alles was? Alles Bösewichter? Alles Leute, die nicht von Bedeutung waren? Die meisten von ihnen hatte es bloß auf die falsche Seite verschlagen: Soldaten, Piloten, sogar Zivilisten -lediglich Kanonenfutter? Damals war es leicht gewesen, die guten von den bösen Jungs zu unterscheiden. Diesmal aber war es ihm nicht möglich, die Hand auf sein Herz zu legen und zu sagen, dass er wahrhaftig glaubte, er hätte bloß böse Männer getötet.

»Ich habe eine Menge Leute umgebracht«, sagte Luke.

»Und ich ebenfalls«, sagte Mara betont. »Und ich stand auf

der anderen Seite.«

Ben sah aus, als würde er seine Worte abwägen. Er hatte sich eine kleine Geste angewöhnt - die Gewohnheit, zu Boden zu schauen, das Kinn auf der Brust, und seine Lippen zu schürzen -, die durch und durch Jacen war. »Aber ich habe niemanden getötet. Ich weiß, dass ich in den letzten paar Wochen einige Leben gerettet habe. Bloß, weil es schlecht aussieht, heißt das nicht, dass es schlecht ist.«

Luke hatte darauf eine Antwort. Sein Bauchgefühl und seine wiederkehrenden Träume von der Gestalt mit der Kapuze hatten sich nicht im Mindesten geändert, aber sein Verstand sagte etwas anderes. Der flüsterte Heuchler. Mara suchte seinen Blick.

»Ben, was würdest du dazu sagen, wenn ich dich bitte, für eine Weile auf die Akademie zu gehen?«, fragte Luke. »Jetzt?«

Luke hatte einen sofortigen Ausbruch der Verärgerung erwartet, nicht bloß eine aus einem Wort bestehende Frage. »So habe ich mir das gedacht, ja.«

Ben blickte wieder nach unten, ein Echo von Jacen. »Wirst du mich dazu zwingen?«

»Das möchte ich eigentlich nicht.«

»Dann würde ich lieber noch eine Weile länger bei der Garde bleiben. Es gibt da Dinge, die ich verstehen muss, bevor ich wieder zur Schule gehe. Dinge, die ich auf keiner Akademie lernen kann.«

Lukes Macht-Sinne sagten ihm, dass Ben das genau so meinte, wie er es sagte. Er versuchte, keine Zeit zu schinden oder die Situation zu beeinflussen.

»In Ordnung, Sohn«, sagte Luke. »Wir werden später darüber reden.«

Sie aßen zusammen, ihr erstes Mahl als Familie seit - wie es schien - sehr langer Zeit, und eine Weile konnte Luke beinahe so tun, als wäre alles so, wie es sein sollte. Ben schickte sich an zu gehen.

»Können wir ein bisschen mehr Zeit miteinander verbringen, wenn sich diese ganze Sache wieder beruhigt hat?«, fragte Ben.

Es war die Annahme eines unschuldigen Kindes, dass sich die Situation in einem Zeitrahmen klären würde, den er sich ausmalen konnte: Tage, Wochen, Monate. Luke wünschte, das würde stimmen.

»Das wäre großartig«, sagte er.

Als Ben gegangen war, wartete Luke auf Maras Reaktion. Es dauerte eine Weile.

»Jetzt sieh mir in die Augen und sag mir, dass Jacen Ben verdirbt«, sagte sie.

»Dieses Wort habe ich nie benutzt.«

»Du hast ihm auch nicht gesagt, dass du willst, dass er sich von Jacen fernhält.«

»In Ordnung, Ben ist sehr, sehr schnell erwachsen geworden.«

»Und er stellt die Dinge in Frage. Noch nie hat uns jemand diese Frage gestellt.«

»Welche?«

»Wie wir rechtfertigen können, was wir beide in der Vergangenheit getan haben. Es fällt mir nicht schwer, zurückzuschauen und zu sehen, was ich gemacht habe, aber was ist mit dir? Da hat Ben nicht unrecht.«

»Du bist in letzter Zeit bemerkenswert nachsichtig«, sagte Luke.

»Ich bin jetzt um einiges älter, und ich mache mir mehr Sorgen um meine eigene Familie als um die Probleme der

Galaxis«, sagte Mara. »Das nimmt einem Mädchen seine Ecken und Kanten.«

Einen Moment lang wollte Luke glauben, dass er im Hinblick auf Ben und Jacen überreagiert und dass Mara recht hatte. Sein Verstand sagte ihm, dass das, was er an der Oberfläche sah, die Wahrheit war. Aber sein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Es sagte ihm, dass das, was er in seinen Träumen sah. realer war als das, was er in seinen Wachstunden erlebte.

»Ich bin froh, dass wir das besprechen konnten, ohne zu streiten und ohne dass Ben hinausstürmt«, sagte Mara.

Jeder glaubte, was er glauben wollte. Wäre da nicht dieser Nachhall von Lumiya gewesen - und in dieser Hinsicht täuschte er sich gewiss nicht -, dann hätte Luke es ebenfalls geglaubt.


KEBEN-PARK, CORONET, CORELLIA


Er hat vor, deine Frau und deine Kinder umbringen zu lassen. Das ist alles, was du wissen musst.

Han Solo war kein geborener Killer, und er wusste es. Nach all den Malen, in denen er sich ausgemalt hatte, seinen Cousin Thrackan zu töten, von seinen Jugendjahren an bis gerade mal vor ein paar Stunden, fragte er sich jetzt, ob er tatsächlich kaltblütig einen Blaster auf ihn richten und den Abzug ziehen konnte.

Der Mann verdiente es. Aber das bedeutete nicht, dass Han es tun konnte.

Trotzdem würde er es versuchen. Jacen hatte vielleicht Ailyn Habuur aus dem Verkehr gezogen, aber es gab noch eine weitere potentielle Attentäterin dort draußen, diese Frau namens Gev. Und falls dem nicht so war, dann würde Thrackan trotzdem weiter Jagd auf sie machen, Jahr um Jahr. Er hatte

Hans Leben so lange verdorben, wie er sich erinnern konnte.

Die Pläne, die Gejjen Han gegeben hatte, waren die allgemein zugänglichen, die sich jeder corellianische Steuerzahler in der öffentlichen Bibliothek ansehen konnte. Auch konnte sich der Reiseplan des Präsidenten ändern, was bedeutete, dass Han einiges an ernsthafter Aufklärungsarbeit würde leisten müssen, bevor er sich sicher genug fühlen konnte, um die Sache durchzuziehen. Thrackan schien sich nicht mit einer gewaltigen Sicherheitstruppe zu umgeben, wie es für die meisten paranoiden Blechtopfdespoten typisch war. Aber vielleicht glaubte er, die Leute würden ihn genauso sehr lieben, wie er sich selbst liebte, und dass er nach einer Laufbahn voller Korruption und Verrat, die einen Hutten in Verlegenheit gebracht hätte, erneut an die Macht gewählt worden war, sprach dafür, dass er damit wahrscheinlich recht hatte.

Han fand einen guten Aussichtspunkt im Park, von dem aus er die Regierungsbüros und die Präsidentenresidenz überblicken konnte. Die RBs, wie die Corellianer sie jetzt nannten, waren ein einziger großer Komplex, ein geschmackvolles kleines Dorf aus mit Säulen versehenen, niedrigen Gebäuden in klassischem Stil, umgeben von gepflegten, geometrischen Gärten. Der Park darum herum stieg sanft zu einem künstlich angelegten Hügel hin an, der ein gefahrloses Gefälle für Brettski bot, wenn es schneite. Han suchte sich oben auf dem Hügel einen Sitzplatz und holte einige Brotstangen hervor, um darauf herumzukauen, durch und durch der gewöhnliche Mann, der im Park sein Mittagessen aß. Er fütterte sogar die Gleitvögel, die sich um ihn versammelten, um die Krümel aufzupicken.

Ich muss ihn auf engem Raum erwischen. Ich bin kein

Scharfschütze.

Han fragte sich, ob er die alte Fehde beiseiteschieben und doch Fett hätte anheuern sollen. Zumindest hätte er dann gewusst, dass der Auftrag sauber erledigt wurde.

In Ordnung er gibt heute seine reguläre wöchentliche Pressekonferenz, was bedeutet, dass er davor oder danach in seinem Büro sein muss. Ein Granatwerfer würde... Nein, er wird Personal bei sich haben. Sie können nichts dafür, dass ihr Boss ein Drecksack ist.

Was auch immer nötig sein würde, um Thrackan zu eliminieren, er musste es aus nächster Nähe erledigen, persönlich und auf kurze Distanz. Und dann war da noch die Sache, wieder zu verschwinden.

Han brach ein Stück Brotstange ab und rieb es zwischen seinen Fingern zu Krümeln, bevor er sie vor sich im Gras für die Gleitvögel verstreute, die in einem Gewirr von Flügeln herabstiegen. Okay, vielleicht sollte ich ihn erledigen, während er unterwegs ist. Aber auch das bedeutet einen Schuss aus der Ferne. Oder ich mach's im Vorbeifahren. Oder ein... Nein, bei alldem werden unschuldige Zuschauer darin verwickelt. Ich muss ihn allein in seinem Büro erwischen.

Wenn Fett so was beruflich machte, dann verstand Han, warum er nicht der gesellige Typ war.

Die Gleiter stiegen in einer plötzlichen Spirale auf, wie ein einziges Tier, und ließen ihn auf die Brotkrümeln starrend zurück. Er aß den Rest Brot und ging den Hügel hinunter, während er daran dachte, dass ihm die nächste öffentliche Führung durch das Gebäude die Chance geben würde, hineinzugelangen und sich umzusehen.

Wenn ich Thrackan ausschalte und aus dem Gebäude rauskomme, wird Gejjen mich dann verpfeifen?

Nein, dieses Kopfgeldjägerding war etwas vollkommen anderes, als wie ein Soldat zu kämpfen. Han spazierte einen Weg voller Bäume entlang, der an einer Baustelle für ein neues Sportstadion vorbeiführte; die Arbeit war eingestellt worden. Jetzt, da der Flugverkehr zwischen den Orbitalfabriken und der Oberfläche größtenteils gestoppt worden war, musste es jede Menge Orte geben, an denen das Material knapp wurde. Sobald mit Thrackan alles in Butter war, konnte er sich dieser Sache annehmen. Er war klasse, wenn es darum ging, Blockaden zu umgehen. Er konnte diesen Burschen noch ein oder zwei Dinge beibringen.

Han fragte sich gerade, ob es Leia gelungen war, Jaina per Komlink zu erwischen, als er ein scharfes Zischen wie von einem Raketenrucksack vernahm und das Gefühl hatte, als würde mit einem Mal jemand direkt hinter ihm stehen.

Er wirbelte herum und sah sich dem Visier eines Mandalorianers gegenüber, den er nur zu gut kannte.

»Lange nicht gesehen«, sagte Boba Fett, und Han griff ohne Nachzudenken nach seinem Blaster.

Fett verpasste ihm mit seinem Unterarm einen Hieb unters Kinn und schickte ihn zu Boden. Han schmeckte Blut in seinem Mund, und in seinem Kopf klingelte es so laut, dass er überzeugt war, das Geräusch wäre real und käme von außen. Von einer Panzerplatte getroffen zu werden, war um einiges schmerzhafter, als von einer bloßen Faust zurückzuprallen.

Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, und stützte sich auf einen Arm auf. Jetzt blickte er in die abgesägte Mündung eines EE-3-Blasters.

»Jedes Mal, wenn ich dich sehe, hat dieses Ding ein paar neue Spielereien drauf«, sagte Han.

»Bei dir klingt das so, als würde ich dich verfolgen.«

»Das tust du doch.«

»Deine ruhmreichen Tage sind längst vorüber, Solo.« Fett ermutigte ihn mit einem Stoß seines Stiefels aufzustehen, den Blaster nach wie vor auf ihn gerichtet, und hob Hans Waffe auf, wo sie hingefallen war. »Seit Jahren hat niemand einen anständigen Preis auf deinen Kopf ausgesetzt. Ich bin hinter jemand Wichtigem her.«

»Komisch, ich dachte, du hättest Thrackans Kontrakt übernommen.«

»Halt die Klappe und gönn deinem Ego eine Auszeit.«

»Weshalb bist du dann hier?«

»Sehenswürdigkeiten. Brauchst du Publikum?« Fett stieß ihn in das Durcheinander von Ziegelsteinen und Durastahl und führte ihn auf ein Baustellenbüro zu, einen dieser mobilen Schuppen, die in die Höhe schweben und auf ihren eigenen Repulsoren zu einer neuen Position fliegen konnten. Fett knackte das Schloss mit irgendetwas an seinem Handschuh und winkte Han mit seinem Blaster hinein.

»Also, was kann ich für dich tun?«, fragte Han und setzte sich auf einen mit Permabetonstaub bedeckten Stuhl. »Brauchst du mal wieder einen neuen Karbonitkafftisch für deine Hutten-Kumpels?«

»Wenn ich dich tot sehen wollte, hätte ich einfach in die andere Richtung sehen können, als du diese unbedeutende Auseinandersetzung mit den Vong hattest.« Fett hatte seinen Blaster noch immer nicht zurück ins Halfter geschoben. »Ich brauche dich als Köder.«

»Großartig.«

»Kein Risiko für dich.«

»Es ist das Wörtchen Köder, das mir zu denken gibt.«

»Meine Tochter hat Sal-Solos Auftrag für deine Familie übernommen. Eigentlich sollte ich einem anderen Kopfgeldjäger nicht in die Quere kommen, aber ich muss sie finden, und das funktioniert am besten über dich.«

»Kannst du sie nicht einfach anrufen wie jeder normale Vater?«

»Sie hat geschworen, mich zu töten.«

»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

»Also werde ich dir im Nacken sitzen, bis sie auftaucht. Wir können das auf die leichte Tour oder auf die harte Tour regeln.«

»An deine leichte Tour erinnere ich mich gut.«

»Du kannst auch tot den Köder spielen, wenn dir das lieber ist.«

»Du musst sie wirklich dringend sehen wollen.«

Fett ließ sich auf der Ecke eines Schreibtischs zwischen Han und der Tür nieder, einen Stiefel auf der Sitzfläche eines Stuhls. Er warf einen Blick zur Tür, als würde er darauf warten, dass irgendjemand auftauchte. Han überlegte, ob er in der Lage wäre, sich auf denjenigen zu stürzen, wer auch immer hereinkommen würde, und dann zu fliehen, bevor Fett feuerte. Ihm wurde klar, dass der Versuch aussichtslos war. Dann hörte er schnelle Schritte - zu leicht für einen Mann -und fragte sich, ob Leia ihn mal wieder retten würde. Für gewöhnlich war ihr Timing großartig.

Aber es war nicht Leia.

Ein sehr junges Mädchen mit kurzem braunem Haar, kalten dunklen Augen und einem ernsten, humorlosen Gesicht duckte sich in den Schuppen und schloss die Tür. Sie trug eine Rüstung; keine ganze Garnitur wie Fett, aber nichtsdestotrotz eine Rüstung, und das bedeutete, dass er es mit einer weiteren Kopfgeldjägerin zu tun hatte.

»Sie antwortet noch immer nicht«, sagte das Mädchen.

Sie starrte auf ein Komlink in ihrer Hand, als wolle sie ihn allein kraft ihrer Gedanken zum Schmelzen bringen. »Wenn sie nicht weiß, dass Solo hier ist, wird sie nicht kommen.«

»Du arbeitest doch normalerweise nicht im Team.« Allmählich machte sich Han Sorgen. Dass Fett Dinge tat, die untypisch für ihn waren, ängstigte ihn mehr als die Alternative. »Brauchst du mittlerweile bezahlte Hilfskräfte?«

»Wir sind kein Team«, sagte Fett. »Wir haben eine Abmachung.«

»Okay, wenn ich dir helfe, was ist dann für mich dabei drin?«

»Was willst du?«

Einen Versuch war es wert. Fett war der Meister in solchen Dingen. »Hilf mir dabei, Thrackan Sal-Solo auszuschalten.«

Han hätte schwören können, dass Fett tatsächlich seufzte. »Zu spät. Einer seiner politischen Rivalen hat mich bereits angeheuert, um den Auftrag auszuführen.«

»Nun, das ist einfach großartig. Wer? Nein, lass mich raten. Netter junger Mann mit dunklem Haar? Dur Gejjen?«

»Möglicherweise.«

»Er hat mir ebenfalls ein paar Tipps gegeben, wie ich Thrackan plattmachen kann. Sieht so aus, als wäre er sich nicht sicher, dass ich die Sache hinkriege.«

Das Mädchen sah Han an, als würde sie sich früher oder später ihre Stiefel auf ihm abtreten. »Kriegen Sie's hin?«

»Es ist nicht so einfach, wie es aussieht, oder?«

»Doch«, sagte Fett. »Jetzt zu meiner Tochter.«

Han dachte an Jacens Komlink-Nachricht, die er mehrmals gelesen hatte, ohne darauf zu antworten. Die Welt der Kopfgeld Jäger war klein. Er ließ es darauf ankommen. »Heißt

deine Tochter vielleicht zufällig Mirta Gev?«

Die Hand des Mädchens glitt zu ihrem Blaster, während sie Han mit ungerührtem Blick fixierte. »Ich bin Mirta Gev, Großpapa.«

Das war es also. Also spielte Fett doch ein doppeltes Spiel. Er arbeitete für Thrackan. Han beschloss, es zu versuchen. »Habe ich ein verfluchtes Glück...«

Er schoss mit einem Satz aus dem Stuhl, den Kopf gesenkt, und rammte das Mädchen. Sie war um einiges schwerer, als sie aussah, und diese Panzerplatte auf ihrer Brust tat richtig weh, aber nicht annähernd so sehr wie das Griffstück von Fetts Blaster, das gegen seinen Hinterkopf prallte. Er fiel auf alle viere, und das Mädchen donnerte ihm das Knie ins Gesicht, gerade, als er nach vorn sackte. Auch das war ziemlich schmerzhaft.

»Solo, offenbar hast du einige Dinge vergessen, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben.« Fett riss ihn auf die Füße und stieß ihn auf den Stuhl zurück. »Leg dich nicht mit zwei Kopfgeldjägern gleichzeitig an. Also, wie kommt es, dass du Mirtas Namen kennst?«

»Warum sollte ich dir das sagen?«

»Weil ich deinen widerlichen Cousin umbringen werde. Zeig etwas Dankbarkeit.«

Fett meinte es ernst. Han kam nicht dahinter, was hier vorging, abgesehen davon, dass er noch nicht tot war, und Fett war kein Mann, der sich in langen, schadenfrohen Ansprachen erging, bevor er sich seine Beute holte.

»Mein Sohn sagt, sie haben in Galactic City eine Killerin namens Ailyn Habuur aufgegriffen und dass...«

»Osik!«, zischte das Mädchen. Ihr Gesicht war schlagartig weiß und geschockt.

»... und wenn du Mirta Gev bist, dann seid ihr womöglich beide hinter meiner Familie und mir her.«

»Ich mache keine Jagd auf Sie, alter Mann.« Mirta war bestürzt, das war offensichtlich. »Ich habe nach Habuur gesucht.« Sie atmete tief ein. »Ich habe einige Gegenstände für sie wiederbeschafft.«

»Dem Ausdruck auf deinem Gesicht nach muss sie dir eine Menge schulden«, sagte Han und sah Fett an.

»Ailyn ist meine Tochter«, sagte Fett leise, mit einer Stimme, die klang, als würde sie einem vollkommen anderen Mann gehören. »Ihr richtiger Name ist Ailyn Vel. Also hat dein Sohn sie, oder? Ich glaube, ich kenne die Art von Arbeit, die er verrichtet.«

»Sie war bis an die Zähne bewaffnet und wollte mich töten, Kumpel.«

»Ich muss sie sehen.«

»Nun, lass mich gehen und kümmer dich um Thrackan. und ich lege bei meinem Jungen ein gutes Wort für dich ein. Vielleicht kann er ein Besuchsrecht arrangieren.«

»Und vielleicht sage ich deinem Jungen, dass er sich seinen Dad in einem Leichensack abholen kann, wenn er meiner Tochter auch nur ein Haar krümmt. Vielleicht bringe ich den Auftrag für sie zu Ende, weil du mir jetzt als Köder nicht mehr von Nutzen bist.«

Mirta starrte Fett an, als wäre sie sich nicht sicher, was hier vorging. Offenbar hatte sie das, was er da gerade gesagt hatte, nicht erwartet.

»Bring deinen Jedi-Sohn dazu, meine Tochter freizulassen.«

»Wenn du mir bei Thrackan den Vortritt lässt«, sagte Han.

»Ich teile das Kopfgeld nicht.«

»Lass mich ihm einfach den Schädel teilen.«

»Abgemacht.«

»Okay. Abgemacht.«

Fett streckte die Hand nach Mirta aus, damit sie ihm ihren Kommunikator reichte. »Ruf deine Frau an und sag ihr, dass du einem alten Freund über den Weg gelaufen bist und heute erst spät nach Hause kommen wirst.«

»Sie wird spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie hat diesen Jedi-Sinn für Gefahr.«

Mirta Gev hob ihren Blaster und hielt ihn Han an den Kopf. »Kann sie auch Leute von den Toten zurückholen?«

»In Ordnung, habs kapiert. Ich werde sehr überzeugend sein.«

»Beeilung«, sagte Fett. »Ich möchte die Pressekonferenz des Präsidenten nicht verpassen. Es wird nämlich seine letzte sein.«