2.


Bin ich es? Bin ich es?

Mache ich mir selbst etwas vor, Jaina? Begehe ich den gleichen Fehler wie Großvater? Es gibt Tage - die meisten Tage -, an denen ich mir meiner Sache so sicher bin, wie ich mir noch nie wegen irgendetwas sicher war.

Und dann habe ich schlaflose Nächte, in denen ich mich frage, ob der Weg der Sith eine dauerhafte Lösung für Frieden in der Galaxis ist oder ob da bloß mein eigenes Ego zu mir spricht.

Das macht mir Angst. Aber wenn mich schierer Ehrgeiz antriebe, dann würde ich diese Zweifel nicht haben, oder?

Jaina, ich kann dir nichts von alldem erzählen, noch nicht. Du würdest es nicht verstehen. Aber wenn du es eines Tages tust, denk daran, dass du meine Schwester bist, mein Herz, und dass ein Teil von mir dich immer lieben wird, komme, was da wolle.

Gute Nacht, Jaina.

LÖSCHEN * LÖSCHEN * LÖSCHEN

Jacen Solos privates Tagebuch; Eintrag gelöscht.


FRACHTSPUR-RAUMVERKEHRSKONTROLLE, CORONET RAUMHAFEN, CORELLIA


Han Solo würde sich nie daran gewöhnen, sich wie ein

Verbrecher in den corellianischen Luftraum schleichen zu müssen.

Es war eine Sache, richtige Feinde an der Nase herumzuführen, aber mit einem gefälschten Transpondersignal getarnt auf seinen Heimatplaneten zurückkehren zu müssen, machte ihm ziemlich zu schaffen. Er mochte die Galaktische Allianz nicht mehr als der nächstbeste Corellianer; als Verräter und Handlanger der Allianz durch den Dreck gezogen zu werden, tat weh. Jetzt verstand er, wie es sich anfühlte, ein Doppelagent zu sein, stets dazu verdammt, als der Bösewicht angesehen zu werden, ohne je damit prahlen zu dürfen, was für einen wichtigen, heldenhaften Geheimauftrag man gerade für die Heimmannschaft erledigte.

Er wollte sich Leias diplomatischen Status auch nicht für seine Rückkehr zunutze machen. Dies war sein Zuhause: Er hatte das Recht, jederzeit herzukommen, wann immer er wollte. Nein, er schlich sich nicht hinein. Er verschaffte sich bloß verdeckt Zutritt. Das war allein eine Frage der Diskretion.

Wem wollte er hier etwas vormachen? Diskretion. Er kochte innerlich und zog den Millenium Falken ein bisschen schärfer in die Kurve, als er beabsichtigt hatte.

»Du solltest meditieren lernen«, sagte Leia.

»Das Geräusch der Kühlsysteme gefällt mir nicht.«

Sie regulierte sie manuell, ohne dass er sie darum gebeten hätte. »Dann wird es Zeit für ein paar Wartungsarbeiten.« Hans grobe Handhabung des Schiffs ließ Leia ein paar Sicherheitseinstellungen vornehmen, die nicht minder aussagekräftig waren als eine scharfe Erwiderung. »Bevor dem Falken eine Kühlflüssigkeitsleitung platzt. Oder dir ein wichtiges Blutgefäß.«

»So offensichtlich, hm?«

»Und Jacen hat drei Nachrichten hinterlassen.«

Han riss den Falken hart nach Steuerbord - ein bisschen zu hart. Der Stabilisierungsantrieb beschwerte sich ächzend. »Ich bin im Augenblick nicht bei Verstand genug, um mit ihm zu reden.«

»Tatsächlich? Das hat dich noch nie abgehalten.«

»In Ordnung, vielleicht entspannt es mich, wenn ich Zekk frage, was seine Absichten in Bezug auf Jaina sind.«

»Das würde der Sache ja wirklich nützen...«

»Ich mochte Kyp lieber. Warum hat das nicht geklappt?«, fragte Han. »Und was ist mit Jag?«

»Ich habe ihn abgeschossen. Das weißt du ganz genau.«

»0 ja. Ich erinnere mich daran. Und ich schüchtere ihre Freunde ein, ja?«

»Du hattest Jag schon abgeschossen, lange bevor ich auch nur eine Laserkanone auf ihn gerichtet habe, Schatz. Ich habe irgendwo eine Liste mit eingeschüchterten Freunden. Es ist bloß noch Zekk übrig, den du durch den Fleischwolf drehen musst, und dann hast du das ganze Paket.«

Han wollte, dass Leia ihn mit etwas wohlgezieltem Sarkasmus in eine bessere Stimmung brachte, aber ausnahmsweise funktionierte das nicht. Bislang waren die Dinge immer so klar gewesen. Er hatte immer gewusst, wer die Feinde waren, und man konnte sich darauf verlassen, dass sie es verdient hatten, dass man auf sie feuerte: das Imperium, die Yuuzhan Vong und jede Menge Fremdweltler, deren Ziele und Absichten nur allzu offensichtlich waren - sie hatten ihn bedroht und alle, die ihm lieb und teuer waren.

Nun klaffte ein Graben zwischen ihm und genau jenen Menschen, um die zu beschützen er gekämpft hatte - seinem ältesten Freund und seinem eigenen Sohn -, und er wurde von seinem eigenen Volk als Handlanger der Galaktischen Allianz betrachtet. Es war nicht so einfach, in diesen Zeiten ein Held zu sein, selbst wenn er sich sicher war, dass er das Richtige tat. Er hatte bislang nicht gewusst, was für ein Gefühl es war, der Bösewicht zu sein.

Hey, ich bin nicht derjenige, der hier falsch liegt. Das ist die Allianz.

»Tut mir leid, Liebling.« Er hasste sich selbst, wenn er seinen Unmut an ihr ausließ. »Es macht mich einfach nur verrückt, dass er nicht einsehen will, dass sich die Geschichte hier wiederholt. Du weißt schon, ein großes Imperium trifft Entscheidungen für die Galaxis, ob es ihr nun gefällt oder nicht.«

»Und geht's dir dabei um Luke oder Jacen?«

»Um beide.«

Wie konnte Luke das nicht erkennen? Sah er die Warnsignale nicht? Sah er nicht, wie sehr die Allianz zunehmend dem alten Imperium ähnelte?

Du hast ein schlechtes Gedächtnis, Jungchen.

»Ich werde mit Luke reden«, kündigte Leia an. »Aber du sprichst mit Jacen, in Ordnung? Ich mache mir Sorgen um ihn.«

»Mach ich.«

»Versprochen?«

»Würde ich mit Euch streiten, Prinzessin?«

»Ja. Das tust du immer.«

»Also dann versprich du mir, dass das hier niemals zwischen uns stehen wird.«

Leia legte die Hand auf die seine, als er den Steuerknüppel packte, und drückte fester zu, als er gedacht hatte, dass sie es jemals könnte. Es tat beinahe weh. »Wir haben schon wesentlich Schlimmeres durchgemacht als das hier.«

»Das stimmt.«

»Es sind bloß ein paar graue Haare mehr.« Sie grinste. »Und um ehrlich zu sein, mag ich dich mit grauem Haar noch lieber.«

Das war alles, was er brauchte. Sie rückte die Galaxis für ihn immer wieder zurecht. Sie war zuverlässig und stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden, und für gewöhnlich hatte sie recht. Manchmal fragte er sich, wie sein Leben heute aussehen würde, wenn er sie nicht kennengelernt hätte - und wenn er Luke nicht kennengelernt hätte. Ein Weltraumpenner, und ein alter, müder noch dazu. Leia hatte ihm eine Zielstrebigkeit verliehen, die er vorher nicht gekannt hatte, und die Energie, die damit einherging.

Außerdem hatte sie ihm drei Kinder geschenkt, die sein Ein und Alles gewesen waren, und er hatte nicht die Absicht, mit anzusehen, wie sein einziger noch lebender Sohn immer tiefer in den Strudel der Allianz und ihrem Streben nach galaktischer Kontrolle hineingesogen wurde.

Han steuerte den Falken auf einem hohen Anflugskurs auf Coronet zu, und blickte auf das grüne Flickenwerk aus Parks, öffentlichen Gartenanlagen und Farmland hinunter, die es so sehr von der Landschaft auf Coruscant unterschieden. Er setzte das Schiff auf dem kommunalen Landestreifen auf, um mit einer Vielzahl von Schiffen aller Größen und Reparaturzustände zu verschmelzen, und schaltete die Triebwerke ab.

»Okay. Zeit, unauffällig zu sein«, sagte er.

Getrennt machten sie sich auf den Weg zu dem Apartment, das sie einige Tage zuvor heimlich gemietet hatten, bloß zwei Personen mittleren Alters, die allein ihrer Wege gingen, bloß Gesichter in der Menge der Stadt. Geheimgänge oder Tarnungen waren nicht vonnöten. Es ging allein darum, unauffällig zu wirken: gewöhnliche Kleidung, gewöhnliches Apartment, gewöhnliche Leute, die einfach ihren Angelegenheiten nachgingen, nicht die Solos inmitten eines Krieges. Sie gingen die baumgesäumte Straße entlang, betrachteten müßig die Schaufenster der Geschäfte wie jeder andere auch. Han blieb zwanzig Meter hinter Leia. Sie konnte spüren, wo er war, doch er musste sie im Auge behalten, selbst wenn sie sehr gut in der Lage war, auf sich selbst aufzupassen, falls die falschen Leute auf sie aufmerksam wurden.

Aber wer sind die falschen Leute? Abgesehen von meinem eigenen Cousin, ist das größte Risiko, dass meine angeheirateten Verwandten in politische Verlegenheit gebracht werden. Hier lauert keine echte Gefahr.

Er behielt Leia im Auge, auch wenn ihr kastanienbrauner Schopf in dem Meer aus Leuten manchmal untertauchte. Zu seiner Überraschung hatte Han festgestellt, dass sich die SoloFamilie unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen konnte. Offenbar erkannte niemand Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, solange es sich dabei nicht um Holofilm-Stars handelte. Vermutlich hätte Staatschef Omas hier herumspazieren können, und für die Leute wäre er bloß ein Gesicht gewesen, das ihnen vage bekannt vorgekommen wäre, dem sie aber keinen Namen hätten zuordnen können. Möglicherweise war er der Kerl, der die abendlichen Holonachrichten präsentierte.

Han schlüpfte kurz nach Leia in die Eingangshalle des Apartmentgebäudes und fand sie wartend am Turbolift. Verglichen mit ihrem Apartment auf Coruscant war das hier ziemlich heruntergekommen. Im Augenblick war heruntergekommen allerdings genau das Richtige.

»Also, was wirst du als Erstes machen, wenn wir drin sind?«,

sagte sie.

»Jacen anrufen.«

»Gut. Du schaltest schnell. Brüll ihn nicht an, in Ordnung?«

Die Aufzugtüren öffneten sich im 56. Stock in einen tristen, mit beigefarbenem Teppichboden belegten Korridor mit ein paar Schmutzflecken darauf. Leia machte drei große Schritte auf die Tür ihres Apartments zu und hielt inne, die linke Hand an ihrer Seite ausgestreckt. Das genügte, um Han wie angewurzelt stehen bleiben zu lassen. Der Umstand, dass ihre andere Hand in ihren Waffenrock glitt und mit ihrem Lichtschwert wieder zum Vorschein kam, ließ ihn seinen Blaster ziehen.

»Irgendwas gehört?«, flüsterte er verwirrt. Sie näherten sich der Apartmenttür mit langsamen, bedächtigen Schritten.

»Irgendwas gefühlt«, sagte Leia. »Gefahr?«

»Nein, aber irgendwas ist nicht in Ordnung.«

Sie standen zu beiden Seiten der Tür und sahen einander an, teilten einen Gedanken: Wer weiß, dass wir hier sind? Leia fuhr mit ihrer Handfläche am Türrahmen hinunter, ohne ihn ganz zu berühren, und schüttelte den Kopf.

»Niemand drin.«

»Alles klar.«

»Aber jemand war hier.«

»Eine Sprengfalle?«

»Ich kann keine unmittelbare Gefahr spüren, bloß den Eindruck, dass jemand sehr nervös war, als wir kamen.«

Han berührte die Zugangstafel, die Hand am Blaster. »Vielleicht wussten die, was für ein herzliches Willkommen wir ungebetenen Besuchern zuteilwerden lassen.«

Die Türen glitten auf, und sie blieben im Eingang stehen.

Das Apartment befand sich im selben Zustand, wie sie es vor einigen Tagen verlassen hatten, und es war nichts zu hören außer den schwachen Geräuschen der Umgebungskontrollen. Leia blickte nach unten und ging in die Knie, um etwas vom Teppich aufzuheben.

»Das ist hübsch«, sagte sie, begutachtete das Fundstück und reichte es dann Han. »Es geht doch nichts über ein glückliches Familientreffen.«

Es war ein kleines Stück Papier. Jemand musste es durch den Schlitz unter den Türen durchgeschoben haben, und das war gar nicht so einfach. Eine seltsame Art, eine Nachricht zu hinterlassen, aber eine, die nicht auf elektronischem Wege zurückverfolgt werden konnte. Bloß ein paar Worte, auf einen Papierfetzen gekritzelt, der so zerknüllt war, als hätte jemand alle Mühe gehabt, ihn durch den Spalt zu zwängen. Han starrte ihn an.

Sal-Solo hat ein Kopfgeld auf Sie ausgesetzt, als Vergeltung für die Taten Ihres Sohnes auf Centerpoint. Rufen Sie mich an. Gejjen.

Leia hob eine Augenbraue. »Hat dein Cousin schon mal gedroht, dich zu töten? Formell, meine ich. Impulsive Gewalttaten zählen nicht.«

Sie verharmloste die Dinge immer. Han wusste, dass sie umso besorgter war, je gelassener sie sich gab. Er schloss sich der gegenseitigen Beschwichtigung an. Sein Cousin war verabscheuungswürdig, und man ging ihm besser aus dem Weg, aber er weigerte sich, Angst vor ihm zu haben.

»Dafür hat Thrackan nicht den Mumm, Prinzessin. Er hat bloß eine große Klappe.« Doch in Hans Bauch grummelte es trotzdem. Es war nicht die Aussicht darauf, ermordet zu werden, die ihm Sorge bereitete. Es war die Erkenntnis, dass irgendjemand sie beobachtete, und er nicht wusste, warum oder wer. »Und ich kenne niemanden namens Gejjen.«

»Also, wie kann irgendwer wissen, dass wir hier sind?« Leia nahm ihm die Notiz aus den Fingern und glättete sie zwischen ihren Handflächen, als würde sie versuchen, Echos von demjenigen aufzufangen, der sie geschrieben hatte - w7er auch immer das sein mochte. »Verschiedene Namen, neue ID, keine Droiden, kein Noghri... Bist du sicher, dass dir dieser Name nichts sagt?«

»Sollte er?«

»Vielleicht nicht. Ich kannte mal einen Mann namens Nov Gejjen, der sehr aktiv gegen die Menschenliga war. Er hat Sal-Solo verabscheut.« Sie sprach von Thrackan wie von einem vollkommen Fremden. Das war rührend diplomatisch. »Aber der dürfte inzwischen längst tot sein.«

»Hatte er Kinder?«

»Ich weiß es nicht, aber es ist an der Zeit, dass ich das herausfinde. Gejjen hat sich nicht die Mühe gemacht, seine Kontaktinformationen zu hinterlassen, also denkt er, einer von uns wird wissen, wo er zu finden ist.«

»Oder sie.«

»In Ordnung, oder sie. Ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann, während du Jacen anrufst.«

Bis vor Kurzem war das Leben noch so klar umrissen gewesen. Han vermisste diese Klarheit. Er aktivierte sein Komlink, gab einen Code ein, um die Herkunft des Signals zu verschleiern - man wusste nie, wofür das gut war -, und wartete darauf, dass Jacen antwortete.

Noch ein Kopfgeld, das auf mich ausgesetzt ist. Ich dachte, ich wäre mit Thrackan fertig, aber er taucht einfach immer

wieder auf.

Manchmal vermisste er beinahe Boba Fett. Fett hatte zumindest keine Familienbande, mit denen man sich herumschlagen musste. Es ging nur ums Geschäft.

Thrackan würde Fett schicken. Han wusste es einfach.


CORUSCANT: DAS APARTMENT DER SKYWALKERS


Der verhüllte Mann würde Luke nicht mehr in Ruhe lassen.

Das Bild des Mannes - im Umhang, mit Kapuze, anonym, Vorsatz zum Bösen - tauchte inzwischen regelmäßiger in seinen Träumen auf, nicht als eine Art Albtraum, sondern als deutliche Vision in der Macht. Und das war schlimmer als jeder Albtraum.

Es war, als würde er real sein. Und das war er wahrscheinlich auch.

Er konnte das Gesicht des Mannes nicht erkennen. In seinem Traum verfolgte er den Fremden, versuchte, dessen Kapuze zu fassen, aber er wachte immer in dem Moment auf, wenn sich seine Finger um den Stoff schlossen; es fühlte sich wie leichte Banthawolle an.

Seine Finger packten erneut zu. Sowohl die Robe als auch der Mann lösten sich auf, und Luke erwachte, mit klopfendem Herzen, gegen ein Gefühl überwältigender Verzweiflung und Wut auf sich selbst ankämpfend, weil er nicht imstande war zu sehen, was nah genug war, um es berühren zu können.

Er beschloss, dass er sich nicht wieder schlafen legen würde, und stand so leise auf, wie er konnte, um zu vermeiden, dass er Mara weckte. Dank des Lichts, das hereinfiel und von der vierundzwanzigstündigen Betriebsamkeit Galactic Citys kündete, und seiner eigenen Machtsinne, musste er keine

Lampe einschalten, um sich ein Glas Wasser einzuschenken.

Auf der Komkonsole leuchteten Nachrichten - die routinemäßige Nörgelei von C-3PO, der ihn darüber informierte, dass Gebieterin Leia und Meister Han wohlauf waren und dass die Abgeschiedenheit die Noghri zunehmend unruhiger machte, und der nachfragte, ob es wirklich notwendig war, dass die Droiden im Apartment der Solos auf Coruscant blieben, wenn sie vielleicht anderswo gebraucht wurden?

Luke brachte ein Lächeln zustande, etwas, was er in letzter Zeit immer schwieriger fand. Er vermutete schon seit langem, dass in Droiden etwas steckte, das weit über ihre Programmierung hinausging. C-3PÜ war so besorgt und sein Beschützerinstinkt so ausgeprägt, als wäre er ein menschliches Familienmitglied.

»Ja, mein Freund«, sagte er laut. »Weil das Letzte, was sie brauchen, ein großer goldbeschichteter Droide ist, der hinausposaunt, wo sie sich aufhalten. Wo immer sie auch sein mögen.«

Niemand hatte je Corellia erwähnt, aber die Macht verriet ihm, dass seine Schwester und sein bester Freund dort waren. Luke wünschte ihnen so etwas wie Frieden. Er wusste, wie schwer es war, Frieden zu finden, wenn die Frontlinie durch das Herz der eigenen Familie verlief, selbst wenn seine Befürchtungen über Jacens Einfluss auf Ben von einer ausgewachsenen Fehde zwischen ihnen noch ein gutes Stück entfernt waren.

Luke trank, während er die konstante Bewegung der Lichter vor dem Fenster beobachtete. Sein Unbehagen in Bezug auf Jacen war in mancherlei Hinsicht eindeutig - die Wege, die sein Neffe zu gehen bereit schien, die Art, wie er die Macht einsetzte -, auf andere Weise jedoch auch wieder vage, auf eine wesentlich tiefer gehende und beunruhigendere Weise: Er hatte Angst um Jacen. Möglicherweise war der Mann mit der Kapuze jemand, der Jacen in Gefahr bringen oder versuchen würde, ihn zu verderben. Wofür auch immer der Mann stand, er war eine Bedrohung; keine unmittelbare Bedrohung wie jemand, der eine Waffe schwang, sondern auf viel allgemeinere und alles durchdringendere Weise.

Luke dachte nicht in Begriffen wie böse, aber das war das einzige Wort, das passend schien.

Möglicherweise ist es eine Vision des Krieges. Nun, ich brauche keinen Machttraum, um mich davor zu warnen. Das braucht niemand.

Er spürte, wie Mara hinter ihn trat und ihn vom Türrahmen aus mit einer beruhigenden Berührung bedachte, bloß eine kurze, warme Beschwichtigung hinten in seinem Verstand.

»Du hättest uns beiden eine Tasse Kaff machen können«, sagte sie. »Wenn wir schon nicht weiterschlafen, können wir es ebenso gut richtig machen.«

»Eigentlich sollte man denken, ich hätte mittlerweile gelernt, mit Zeiten wie diesen zurechtzukommen.«

Mara ordnete ihr Haar mit einer Hand, während sie am Kaffautomaten herumfummelte. »Politik? Ich denke nicht, dass das jemals einfach werden wird - nicht, wenn deine eigene Familie darin verwickelt ist.«

»Es ist Ben, um den ich mir am meisten Sorgen mache.«

»Er hat sich auf Centerpoint gut geschlagen.«

»Aber er ist dreizehn. Okay, ich habe ihn gehen lassen, aber er ist immer noch ein Kind. Unser Kind.«

»Wie alt warst du, als du dich kopfüber in die Rebellion gestürzt hast? Nicht so viel älter.«

»Ich war achtzehn.«

»Wow, ein Veteran, hm?« Sie zwinkerte.

Er sah das grimmige, kühle Mädchen vor sich, das sie gewesen war, als er sie kennengelernt hatte, und fand, dass sie jetzt, da das Leben es ein paar Jahre lang besser mit ihr gemeint hatte, noch schöner aussah.

»Liebling, Jacen passt auf ihn auf. Er könnte keinen besseren Lehrmeister haben.«

»Ja.«

»Okay, ich weiß, dass wir in diesem Punkt nicht einer Meinung sind.«

»Du weißt, wie ich fühle. Jacen beunruhigt mich. So habe ich noch nie zuvor empfunden. Das kann ich nicht ignorieren.«

Ihr Lächeln verblasste. »Ich fühle etwas anderes.«

»Ich kann es nicht abschütteln.«

Mara sah aus, als wolle sie darauf etwas Schnippisches erwidern, doch dann nickte sie nur ein paar Mal zu sich selbst, als würde sie eine gemäßigtere Antwort proben. »Auch ich fühle einige besorgniserregende Dinge in der Macht, aber ich habe diesbezüglich eine Theorie.«

»Ich bin ganz Ohr.«

Sie zögerte wieder, schaute auf den Teppich. »Ich glaube, er ist verliebt, und das zerreißt ihn.«

»Jacen? Verliebt? Komm schon.«

»Vertrau mir. Ich habe schon einmal so etwas gefühlt, bei jemandem, den ich verfolgt habe, und damals habe ich es auch vollkommen falsch gedeutet. Eine schwierige, schmerzhafte Liebesaffäre kann Leute dazu bringen, ziemlich düstere Gefühle zu hegen - diese ganze Wut und aussichtslose Liebe.«

»Aber er ist ein Jedi. Er kann das alles kontrollieren.«

»Wir sind Jedi. Wir sind verheiratet - also wie sehr

kontrollieren wir das alles?«

Er wollte ihr glauben. Mara war so gescheit, wie man nur sein konnte; sie hätte nie als Hand des Imperators überlebt, wenn sie nicht ein feines Gespür für Gefahr wie auch die Fähigkeit besessen hätte, ihre eigenen ablenkenden Gefühle beiseitezuschieben. Sie hatte stets sehen müssen, was wirklich da war, nicht, was sie sehen wollte.

Ihr Tonfall wurde sanfter. »Soll ich dir sagen, was ich sehe? Ich sehe, dass Ben zu jemandem wird, der mit seinen Machtkräften umzugehen weiß und uns keine Ruhe lässt, ihn zum Jedi zu machen. Wir konnten ihm das nicht beibringen, aber Jacen schon, und dafür sollten wir ihm dankbar sein.«

»Jacen treibt Schindluder mit seinen eigenen Kräften. Er hat sich selbst in die Zukunft projiziert, und sag mir nicht, dass dir das keine Sorgen bereitet. Ich will nicht, dass Ben so etwas lernt. Und woher sollen wir wissen, was für Fähigkeiten sich Jacen angeeignet hat, während er fort war? Er hat sich verändert, Mara. Ich fühle es.«

Sie drückte ihm einen Becher in die Hand und strich ihm durchs Haar, aber alles, was er in diesem Moment spürte, war eine Distanz zwischen ihnen, die nicht hätte da sein sollen, als würde sie anfangen, ihm mit Misstrauen zu begegnen - oder als wäre sie auf der Hut, ihn nicht zu verärgern. »Auch Jacen ist gewachsen. Er schlägt bloß einen anderen Weg als Jedi ein, das ist alles. Wir haben auch nicht auf alles eine Antwort.«

»Es ist mehr als das. Ich habe Träume, und die handeln von einer Bedrohung für uns.«

»Glaubst du wirklich, Ben ist in Gefahr?«

»Ich fühle, dass Jacen in Gefahr ist. Ich will nicht, dass Ben mit ihm da hineingezogen wird.«

»Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt.«

»Oh, aber das ist sie, wenn Jacen sich darin einmischt.«

»Lass uns nicht darüber streiten.«

»Ich will, dass wir einen anderen Mentor für Ben suchen.«

»Luke, ist dir schon mal aufgefallen, dass es keine Berufsausbildung für diese Aufgabe gibt?«

Wie sehr sie Jacen auch verteidigte, Luke fühlte keine echte Gewissheit in Mara. Er stellte den Kaff beiseite und zog sie an sich, schaute ihr in die Augen. Ein paar feine Linien gingen von den Augenwinkeln aus, und in der Mähne roten Haars, das ihr Gesicht einrahmte, fanden sich vereinzelte Spuren von Weiß. Doch soweit es ihn betraf, war sie noch immer vollkommen, noch immer sein Fels in der Brandung, noch immer seine Liebe.

Und noch immer lag sie falsch.

»Mara, ich kann das nicht ignorieren.«

»Schön.« Er spürte, wie sich ihre Schultern anspannten. »Mach nur weiter und stoß Ben vor den Kopf, jetzt, da er gerade anfängt, Fuß zu fassen. Was macht es schon, wenn Jacen irgendwelche sonderbaren Philosophien erforscht und mit Ungeziefer kommuniziert hat? Wir waren beide auf der dunklen Seite, und wir haben es überstanden.«

»Also fühlst du die dunkle Seite bei ihm.«

»Nein, ich fühle, dass Jacen Kräfte entwickelt, die weit über die meinen hinausgehen, und dass er gut für Ben ist und dass er ihm niemals Schaden zufügen würde.« Sie trat von Luke zurück, und er spürte, dass sie ihn jetzt ausschloss, vielleicht, um zu verhindern, dass die Unterhaltung zu einem Streit ausartete, bei dem es keinen Sieger geben würde. »Das macht ihn zu einem guten Einfluss. Ohne Jacen hätten wir einen jugendlichen Sohn mit starken Machtkräften, der uns nicht zuhören würde. Und das wäre wirklich gefährlich.«

Damit hatte sie recht. Das schien ein guter Moment, um

nachzugeben. »Dem kann ich nicht widersprechen.«

»Aber. «

»Ich habe gar nicht aber gesagt.«

»Ich habe ein Aber gehört, und ich habe ein Aber gefühlt.«

»Aber ich würde meine Pflicht vernachlässigen, wenn ich nicht herauszufinden versuchen würde, wer oder was das in meinen Träumen ist.«

Mara schürzte einen Moment lang die Lippen, schaute ihn von der Seite an und brachte dann ein Lächeln zustande. Sie wusste, wann sie ihn nicht von einem Gedanken abbringen konnte. Und es war ihm ernst. Die Träume waren zu stark und beharrlich, um sie zu ignorieren, selbst wenn das bedeutete, dass es zu Spannungen mit Mara kam. Sie würde damit klarkommen; wenn er seine Instinkte missachtete, waren die Konsequenzen möglicherweise um einiges schlimmer als ein paar schweigsame Frühstücke und finstere Blicke.

»Ich werde mich noch ein bisschen schlafen legen«, sagte sie. »Und du solltest das auch tun.«

»Ich trinke noch meinen Kaff aus. Später.«

Luke brauchte eine ganze Weile, um den Becher zu leeren. Er saß da, starrte aus dem Fenster und konzentrierte sich auf das helle grüne Licht eines fernen Leuchtschildes, um sicherzugehen, dass er meditierte und nicht träumte. Er versuchte, seine mentale Hand nach dem Mann mit der Kapuze auszustrecken, um ihn dazu zu bringen, sein Gesicht zu zeigen. Das grüne Licht waberte und füllte sein Blickfeld; darin waren Gebilde, ein Gefühl von vertrauten Dingen in unterschiedlichen Erscheinungsformen und irgendwie nicht wiederzuerkennen, doch die Gestalt mit der Kapuze war weiterhin nicht fassbar.

Allmählich wurde es hell. Coruscants Türme und Spitzen hoben sich als Silhouetten vor einem rosa-bernsteinfarbenen Sonnenaufgang ab.

Von all den gefürchteten Dingen, die in diesen Träumen und Visionen zu Luke kamen, war das, was ihn am meisten plagte, das Gefühl von Vertrautheit.

Er hatte so etwas schon einmal empfunden.

Ihm war bloß nicht ganz klar, in welchem Zusammenhang.


JACEN SOLOS PRIVATWOHNUNG. CORUSCANT


Ich wünschte, du wärst hier.

Jacen konnte sich konzentrieren und Tenel Ka in der Macht berühren, und in diesem Moment hätte er nahezu alles dafür gegeben, um sie und seine Tochter Allana wiederzusehen. Er schloss die Augen und sah Tenel Ka, dasselbe Lächeln wie damals, als er sie das erste Mal alleingelassen hatte, das Baby im Arm wiegend. Er schickte sein Wesen auf die Reise und ließ es sich sanft mit ihrem vereinen. Er fühlte die Wärme, die sich von seinem Bauch in seine Brust ausbreitete: Sie hatte ihn gefühlt und die Berührung erwidert.

Baby? Allana w7ar jetzt vier; sie war ein kleines Mädchen, das lief und redete. Jedes Mal, wenn er sich davonschlich, um sie zu besuchen, war sie ein ganzes Stück gewachsen. Fragte sie nach ihrem Vater? Nein, sie war Mitglied des Königshauses von Hapan, und selbst in diesem Alter hatte man ihr bereits beigebracht, über ihre Herkunft zu schweigen. Wie groß war sie jetzt? War sie sich bereits ihrer Machtkräfte bewusst? Er hatte endlos viele Fragen, von der Art, wie sie ein Vater, der seine Tochter jeden Tag sah, niemals stellen musste.

Ich bin nicht für sie da. Ich sehe nicht, wie sie aufwächst. Ich habe nicht einmal ein Holo von ihr.

Es war viel einfacher, seinen Geist auszusenden, wenn er so schwebte wie jetzt, mit überkreuzten Beinen, die Hände im Schoß. Ohne die sensorische Ablenkung eines Sitzes unter sich oder durch den Stoff des Stuhls an seinen Händen, konnte er sich vollkommen auf Ebbe und Flut der Macht rings um sich und in seinem Innern konzentrieren.

Er ließ die Wärme abklingen, bevor sie zu einem nachhaltigen Signalfeuer wurde für... Für wen? Dessen war er sich noch nicht im Klaren. Aber Tenel Ka würde verstehen, dass er in diesen Tagen selbst in der Macht um Unauffälligkeit bemüht sein musste. Er zog seine Berührung ins Hier und Jetzt zurück. Es fühlte sich an wie ein letztes Lebewohl.

Jacen war sich nicht sicher, wie viel genau Lumiya wahrnehmen konnte, und seine geheime Familie musste geschützt werden.

Doch die Person, die er derzeit am meisten auf seiner Seite haben wollte, war sein Großvater, Anakin Skywalker, einen Mann, den er nie getroffen hatte, der jedoch einst da gestanden hatte, wo Jacen jetzt stand - auf der Schwelle dazu, ein Sith zu werden.

Einmal überschritten, gab es kein Zurück mehr. Das hier war keine seiner Erkundungen von Aing-Tii-Flussgehen oder irgendeiner anderen Machtfähigkeit, mit der er sich eine Weile beschäftigt und dann davon abgelassen hatte, weil es ihm nicht mehr gefallen hatte. Das hier war alles, was abzulehnen man ihn gelehrt hatte. Und doch war das, was Lumiya ihm gezeigt hatte, so wahrhaftig, so unvermeidlich und so notwendig, dass ihm keine andere Wahl blieb, als daran zu glauben.

Aber kann ich Lumiya trauen?

Ihre Fähigkeiten waren erstaunlich. Er war verblüfft gewesen von der Machtillusion in ihrem Asteroidenhabitat. Entweder war Lumiya eine wahre Sith-Anhängerin, die Jacen die Augen öffnen wollte dafür, dass die Historie eine einseitige Geschichte war, geschrieben von den Jedi. Oder sie war eine gewiefte, manipulative und ungeheuer geduldige Frau mit eigenen Zielen, die in Jacen einen nützlichen Trittstein auf dem Weg zu diesen Zielen sah.

Aber der Teil darüber, dass der Weg der Sith ein Weg der Ordnung und des Friedens ist, wenn man ihn selbstlos beschreitet, das ist wahr. Ich spüre es. Ich weiß es - und ich wünschte, ich täte es nicht.

Aber bin ich das wirklich, der so denkt?

Jacen durchkämmte sein Herz und seine Seele noch immer nach einem Hinweis darauf, dass seine Beweggründe reinem Ehrgeiz entsprangen. Er konnte bloß Furcht und Schrecken fühlen. Er wollte diese Bürde nicht.

Genau aus diesem Grund wird sie dir aufgelastet.

Er ließ sich sinken, bis er normal dasaß, und nahm tiefe Atemzüge, bis er sich bereit fühlte, wieder in die alltägliche Welt einzutreten. Doch hätte er in diesem Augenblick die Wahl gehabt zwischen den Möglichkeiten, mit Tenel Ka zusammen zu sein oder einen Moment lang mit Anakin Skywalker zu sprechen - ja, dann hätte er sich für Letzteres entschieden. Bloß ein paar Minuten, um diese eine Frage zu stellen: Hast du die Zweifel und den Widerwillen verspürt, die ich empfinde, bevor du diese Grenze überschritten hast?

Auch du hattest eine heimliche Liebe, nicht wahr?

Jacens Zustand widerwilliger Akzeptanz wurde allzu häufig dadurch gestört, dass er sich fragte, ob er in die gleiche Falle tappte wie sein Großvater. Er musste wissen, ob dies hier anders war, weil die Folgen sich zwei Generationen zuvor als verheerend für die Galaxis erwiesen hatten. Er musste sich einfach vollkommen sicher sein.

Viele andere Wesen in der Geschichte der Galaxis hatten geglaubt, sie wären die Auserwählten ihrer jeweiligen Kultur, geboren, um Ordnung zu bringen, und sie alle hatten sich eindeutig geirrt. Das vergaß Jacen nie.

Doch während er seinen Grübeleien nachging, warteten die Ereignisse nicht auf ihn, und der Krieg rückte näher. Er musste mit Admiralin Niathal sprechen. Sie war eine Verfechterin der harten Linie - ein hinlänglicher Beweis dafür, dass man nicht jedes Mitglied einer Rasse nach seinem landläufigen Ruf beurteilen konnte. Für ein friedliebendes Volk hatten die Mon Calamari eine erschreckende Menge taffer Flottenoffiziere hervorgebracht.

Aber man konnte den Frieden nicht wahren, wenn man keine Mittel hatte, um einen Krieg zu führen. Wohin Jacen auch blickte, sah er die sichere Wahrheit von Lumiyas Worten. Für die Aufrichtigen war der Weg der Sith weder böse noch gefährlich. Nur über ihre Aufrichtigkeit war er sich nicht ganz im Klaren.

Und seiner eigenen musste er sich ebenfalls gewiss sein.

Im Zimmer nebenan schlief Ben immer noch. Der Junge war in den letzten paar Wochen ein ganzes Stück gewachsen, und Jacen sah den Mann, zu dem er werden würde - stark, aber besonnen und in der Lage, seine Leidenschaft zu kontrollieren. Doch die heutige Aufgabe war für Jacen allein bestimmt. Er rief ein Lufttaxi und machte sich auf den Weg zum Senatsgebäude.

Das Taxi setzte ihn auf dem Platz vor einem kuppelartigen Gebäude ab, in das bereits einige Leute aus und eingingen. Senatsvertreter hatten sonderbare Arbeitszeiten. In dem Gebäude wimmelte es stets vor Aktivität, immer war eine

Debatte im Gang oder ein Auswahlkomitee tagte oder es mussten irgendwelche anderen Angelegenheiten erledigt werden, vierundzwanzig Stunden am Tag. Die Mon Calamari begannen ihren Tag frühzeitig, und Jacen wollte Niathal einfach über den Weg laufen, ohne ein Treffen zu arrangieren und so Misstrauen zu erregen.

Und er wusste, wie er das anstellen konnte.

Er wusste, wo sich Niathal aufhielt. Als er sie am Tag zuvor gesehen hatte, hatte er sie in der Macht als jemanden wahrgenommen, der dringend mit ihm reden wollte. Sie wollte Omas' Posten, obgleich sie zunächst einmal das Büro des Oberkommandierenden unter sich haben musste. Admiral Pellaeon, neu in dem Amt, aber ein Veteran in der Welt der Militärpolitik, hatte nicht vor, seinen Posten jetzt schon abzugeben. Natürlich wollte sie mit Jacen sprechen. Offensichtlich war ihr zu Ohren gekommen, dass er bereit war, Probleme entschlossen anzugehen.

Deshalb konnte er sie jetzt fühlen. Und als er das Gebäude betrat und sich seinen Weg durch die der Öffentlichkeit zugänglichen Marmorflure bahnte und dann die mit Teppich ausgelegten Korridore durchschritt, zu denen lediglich jene mit akkreditierten Identikarten Zutritt hatten, spürte er ihr nach.

Bin ich intrigant? Jacen wurde von dem Gedanken überfallen. Nein. Ich muss wissen, auf wen ich zählen kann, falls ich sie jemals brauchen sollte.

Er musste sie nicht dahingehend beeinflussen, dass sie in seine Richtung kam. Er suchte einfach die Büros, in denen sie und andere Mon Calamari sich versammelt hatten, und fand einen Platz, wo er sich setzen konnte und sie früher oder später an ihm vorbeikommen würde. Er ließ sich auf eine gepolsterte Bank im Empfangsraum nieder und beobachtete

die Türen.

Eine an einen Schreibtisch gekettete Flottenojfizierin. Kein Wunder, dass sie frustriert ist. Jacen fragte sich, wie sie sich in einem Spitzenamt schlagen würde, wenn ihr Wunsch erfüllt wurde und sie Omas' Posten bekam. Politik war der ultimative Frust.

Während er wartete, dachte er an Lumiya. Und an Ben, der gefragt hatte, ob er Luke von Brisha und Nelani erzählen wollte. Hallo, Onkel, Lumiya ist wieder da. Dachte, du möchtest das vielleicht wissen - um der alten Zeiten willen. Nein, das waren keine Neuigkeiten, die er ihm unterbreiten konnte.

Jacen spürte das Kräuseln von Unstimmigkeiten und Gegenargumenten, das Niathal umgab, und ihren Widerstand, als sie standhaft blieb. Manchmal konnte er es beinahe sehen, wie ein schwaches, geisterhaftes Abbild von Farben und Formen und Bewegungen, wenn die Emotionen abnahmen und wieder anschwollen. Niathal war sich ihrer Sache vollkommen sicher. Das war etwas, wonach er ebenfalls strebte.

Er hörte, wie sich Türen teilten, und das gedämpfte Geräusch von Stimmen. Admiralin Niathal erschien in einer weißen Uniform im Empfangsraum, sehr formell, und ihr blieb keine andere Wahl, als ihn zu entdecken. Er saß mit dem Gesicht zu den Türen. Sie musste ihn zur Kenntnis nehmen. Jacen erhob sich.

Kein Einsatz der Macht. Schauen wir mal, wohin das hier führt.

»Jedi Solo«, sagte sie und bedachte ihn mit diesem seitlichen Blick zu. Er fühlte ihre Vorsicht. »Sind Sie geschäftlich hier?«

»Bloß vorübergehend.«

»Ich würde gern Ihre Version vom Überfall auf Centerpoint hören. Das wäre sehr hilfreich.«

Jacen neigte höflich den Kopf. »Wie wäre es, wenn wir diese Unterhaltung außerhalb dieses Gebäudes fortsetzen?«

Niathal ging auf den Ausgang zu, ohne zu antworten. Das hat überhaupt keine Überzeugungsarbeit gekostet. Sie sprachen nicht, bis sie draußen waren und den Platz überquerten. Niathal hielt nichts von oberflächlichen Plaudereien, und Jacen gefiel ihre unverblümte Art.

»Wie weit haben wir die Centerpoint-Station tatsächlich zurückgeworfen?«, fragte sie. Sie gingen in Richtung der öffentlichen Landezone und stiegen in eins der wartenden Lufttaxis. »Fahrer: Zum Cayan-Club.«

Das war ein sehr exklusiver Offiziersclub, den Jacen nie besucht hatte. Nützlich. Er schloss die Abtrennung, die die Passagierkabine vom Cockpit trennte, um Ungestörtheit zu gewährleisten. »Sechs Monate«, sagte er. »Nicht mehr.«

»Dann«, sagte Niathal, »haben wir genau so lange Zeit, bis ein richtiger Krieg ausbricht.«

Sie ließ die nüchterne Analyse in der Luft hängen, als würde sie darauf werten, dass Jacen das Schweigen brach.

»Ich glaube nicht, dass die Galaxis so bald nach der Invasion der Yuuzhan Vong einen weiteren Krieg verkraftet«, sagte er.

»Es wäre der vierte große Krieg innerhalb eines Jahrhunderts, ja. Schlechte Aussichten.«

»Ich würde gern einem Jahrhundert ohne Krieg entgegenblicken.«

»Und ich wäre gern gezwungen, mich nach einem anderen Job umzusehen, Jedi Solo.«

Einen Moment lang dachte Jacen, dass sie einfach nur brutal offen bezüglich ihrer politischen Ambitionen war, aber die Art, wie sie leicht den Kopf rollte und auf die militärischen Ehrenabzeichen an ihrer Uniform blickte, ließ ihn erkennen, dass sie damit das Ende jeglicher Notwendigkeit von Krieg meinte.

Vielleicht war beides dasselbe. »Meine Familie ist darüber zerbrochen.«

»Die meisten Jedi haben keine Familien«, sagte Niathal.

Stellte sie seine Loyalität auf die Probe? »Meine Pflicht als Jedi ist es, die Verantwortung für Billionen von Leben zu tragen.«

»Wenn wir weiterhin so stümperhaft vorgehen wie bei dem Corellia-Gefecht, könnte uns ein langer Krieg bevorstehen.«

»Ich habe darüber nachgedacht, wie erfolgreich ein Angriff auf ihre Schiffswerften wäre«, sagte Jacen.

»Ich bezweifle, dass der politische Wille zu mehr reicht als zu einer Blockade.«

»Das bindet eine Menge Ressourcen.«

»Genau wie Angriffe an mehreren Fronten.«

Es war eine dieser Unterhaltungen, die Prüfung und Gegenprüfung waren. Aber angesichts von Lukes unentschlossener Haltung in diesem Punkt machte er Niathal keinen Vorwurf, dass sie dem politischen Willen eines Jedi gegenüber misstrauisch war.

Das Taxi flog vom Senat aus nach Süden, durch eine Stadt voller Wesen, die den Tag in Angriff nahmen, und anderen, die nach einer Nacht der Arbeit nach Hause zurückkehrten. Sie befanden sich im Herzen des Restaurantdistrikts, die Skylanes gesäumt mit hübschen Speiselokalen und eleganten Hotels und Privatclubs, in denen Politiker und ranghohe Militäroffiziere angemessene Räumlichkeiten und diskreten Service fanden.

»Ich ziehe meinen Club vor, wo ich mich heimisch fühle«, kommentierte Niathal ihre Wahl des Besprechungsortes, da Jacen etwas verwirrt um sich schaute. Dabei wurde er bloß gerade von etwas abgelenkt, das hinten in seinem Verstand zu nagen begann. »Nun, vielleicht sollten wir dieser Blockade weitere Überlegungen widmen.«

Jacen riss seinen Kopf herum, mit einem Mal von einem so kraftvollen Gefühl unmittelbarer Gefahr gepackt, dass er sich instinktiv über Niathal warf und das Taxi mit einem dichten Machtschild umschloss. Das Gefährt bockte heftig, als wäre es von einer Flutwelle getroffen worden. Es folgte ein Moment der Stille, bevor das Taxi wie eine Dose durchgeschüttelt wurde und sie schlagartig in einem Blizzard gefangen waren, der aus glitzerndem Schnee zu bestehen schien. Der Blizzard hämmerte gegen die Außenhülle, während Jacen darum kämpfte, das Taxi ruhig zu halten, ohne auf die entsprechenden Bemühungen des Piloten zu achten.

Es schien Minuten zu dauern. Der Pilot brüllte. Jacen richtete sich auf, blickte in das blinzelnde Auge einer aufgewühlten Niathal und wusste, dass sie von den Ausläufern einer gewaltigen Explosion erfasst worden waren.

»Ohhh - seht euch das bloß mal an.«, sagte der Pilot. Er schien das Taxi jetzt ohne Jacens unsichtbare Unterstützung auf der Spur zu halten.

Niathal schluckte schwer. »Nun, das ändert alles.«

Auch für Jacen war es ein schockierender Anblick. Vor ihnen schienen sich die Skylanes in ein gähnendes Loch aus nichts verwandelt zu haben, als wäre ein gewaltiger Haufen Speeder vom Himmel gefallen - was tatsächlich der Fall war -, und auf einer Länge von hundert Metern wirkten die Gebäude zu beiden Seiten wie schartige, aufklaffende Münder. Jede

Transparistahlfassade war explodiert. Die Macht wurde zerrissen von Wut und Furcht und Entsetzen. Die unnatürliche Stille wurde von Notfallsirenen und widerhallenden Rufen durchschnitten. Jacen registrierte, dass die Scheiben des Taxis in die Kabine gebrochen waren, wenn sie auch nach wie vor in einem Stück waren.

Und Jacen verspürte Zorn. Echten, physischen Zorn. Dies war sinnlose, willkürliche Gewalt, und möglicherweise zerstörte sich die Galaxis in einer Milliarde ebensolcher Taten selbst, wenn die Ordnung nicht obsiegte. Er vergaß seine Jedi-Selbstbeherrschung einen Moment lang und wagte es, sich seiner eigenen Entrüstung und seinem Mitleid für die Opfer hinzugeben.

»Corellianer«, sagte der Pilot. Seine Stimme war zittrig. Er war sofort zu einer Schlussfolgerung gelangt, die nicht einmal Platz für die Möglichkeit einer durch einen Unfall verursachten Explosion ließ. Genau, wie es viele andere Coruscanti tun würden. Genau wie bei Niathal, war auch sein erster Gedanke, dass eine Bombe explodiert war und dass die Geplänkel zu etwas eskaliert waren, die jedermanns Haltung noch weiter verhärten würde.

Der Terrorismus war nach Coruscant zurückgekehrt.

Durch das Rückfenster sah Jacen die Luftspeeder, die sich hinter ihnen stauten. Er wagte kaum, daran zu denken, was Hunderte Meter weiter unten vor sich ging, wohin die Trümmer und Fahrzeuge, die die Druckwelle erfasst hatte, gestürzt waren. Doch er dachte daran, und er ließ sich von seiner Wut anstacheln, damit sie ihm wieder ein Ziel gab.

»Vielleicht nicht«, sagte Jacen. »Und vielleicht spielt es am Ende auch gar keine Rolle, wer es war.«

Der Fahrer sah Jacen an, als wäre er verrückt.

»Fahrer, bringen Sie uns so schnell Sie können zum Senatsgebäude zurück«, befahl Niathal. Sie hatte sich schon wieder gefangen. Vermutlich brauchte es einiges, um eine Admiralin zu erschüttern, die Kampfeinsätze mitgemacht hatte. Sie tippte bereits Codes in ihr Komlink und rief Referenten an, damit sie Informationen von den Sicherheitskräften beschafften. »Jedi Solo, ich muss mit unserem Senator sprechen.«

Der Pilot schaffte es, auf die sonderbare, ruhige Art zu gehorchen, die unter Schock stehende Leute an sich hatten, und drehte das Taxi herum, um zu einer höheren Skylane aufzusteigen. Jacen unterstützte ihn mit einigen zeitlich wohlplatzierten Machtschüben, um stillstehende Speeder behutsam auseinandergleiten zu lassen.

Ja, Corellianer.

Ich wollte mich in Bezug auf den Krieg wirklich irren.

»Das Ganze wird schnell ziemlich hässlich werden«, sagte

er.

»Dann sollten wir schnellstens einige wirkungsvolle Sicherheitsvorkehrungen treffen«, entgegnete Niathal.

»Was ist mit dem Schaden an meinem Taxi?«, fragte der Pilot.

Keiner von ihnen antwortete.

Jacens Gedanken rasten. Der Zeitpunkt des Anschlags war Lumiyas Zwecken ungemein dienlich, und das war schon sonderbar. Der Umstand, dass er nicht spüren konnte, dass sie hierbei irgendwie die Hand im Spiel hatte, bedeutete gar nichts. Sie schien durchaus fähig, ihn zu täuschen.

Aber das spielte beinahe keine Rolle. Ereignisse waren in Gang gesetzt worden, die rasch ein Eigenleben entwickeln würden. Er wurde dringender gebraucht als je zuvor. Er konnte

die völlige Anarchie abwenden.

Das war ein gefährlicher Gedanke, aber er dachte ihn dennoch.

Jemand musste es tun. Und irgendwie musste er Lumiya auf die Probe stellen.