13.
So lange Corellia seine Absicht nicht überdenkt, die Centerpoint-Station wieder einsatzfähig zu machen - was einen Verstoß gegen die Senatsanordnung an alle Mitgliedsstaaten darstellt, abzurüsten -, bleibt mir keine andere Wahl, als Sanktionen gegen Corellia zu autorisieren, und zwar in Form eines Reiseverbots. Eine Flottenblockade von Corellia wird morgen um 05.00 in Kraft treten, solange keine Zusagen gemacht werden, dass sich Corellia nicht wiederbewaffnet. Das bedeutet, dass keinem Schiff erlaubt sein wird, Corellia oder irgendeinen seiner Industrieorbiter anzufliegen oder zu verlassen.
Staatschef Omas, zum Senat und dem corellianischen Botschafter
ALLIANZ-FLOTTENFLAGGSCHIFF OCEAN. CORELLIANISCHES SYSTEM, 04.49 UHR CORUSCANT-ZEIT
Admiralin Cha Niathal sah auf ihre Uhr und blickte dann am Brückenschott empor, um die Instrumente des Schiffs abzulesen.
»Irgendwelche Signale?«
Jacen hatte nicht mitbekommen, dass Flaggleutnant Vio in der vergangenen Stunde die Augen von der Komkonsole genommen hätte. Wenn Corellia einen Rückzieher gemacht hätte, hätte er es gewusst.
»Keine, Ma'am«, sagte Vio.
»Flaggleutnant, geben Sie an alle Schiffe durch: Interdiktionsmaßnahmen ab sofort in Kraft. Corellia steht
unter Blockade.«
Die Schiffe hatten in zwei verschiedenen Zonen Position bezogen, von denen eine Corellia in einer Höhe von 200.000 Kilometern umschloss, die andere befand sich zwischen der Planetenoberfläche und den Fabrikanlagen und den Schiffswerften in der Umlaufbahn, wo sich das wirtschaftliche Herz von Corellia befand. Corellia war jetzt von der Außenwelt und -was noch wichtiger war - von seinen eigenen Fabriken und Kraftwerken abgeschnitten.
Jacen sah, wie sich die Schiffe in Bewegung setzten, von Zerstörern bis hin zu schnellen Patrouillenbooten. Er konnte es auf dem taktischen Holoschirm verfolgen, der der größeren Sternenkarte in der Operationszentrale glich. Beinahe dreihundert kleine Schiffe patrouillierten an der inneren Sperrlinie, um jeglichen Flugverkehr von Corellias Oberfläche zu den Industrieorbitern zu unterbinden. Jenseits des Orbitalrings warteten Zerstörer und Kreuzer auf das Unvermeidliche.
»Wie stehen die Wetten darauf, wer Corellia als Erstes zur Hilfe kommt?«, fragte Jacen Vio. Er wusste, dass Besatzungen derlei Wetten nicht widerstehen konnten.
Vio blinzelte nicht einmal. »Jabiim und Rothana sind offensichtlich die Favoriten.«
»Rothana?« Jabiim schwamm immer gegen den Strom. Uneinsichtigkeit war der Nationalsport auf diesem Planeten, »Warum Rothana?«
»Mehr um zu beobachten als zur Unterstützung. Ist so eine Schiffswerft-Rivalitätssache.«
Niathal sah auf die Holokarte und wartete. Im inneren Luftraum von Corellia fanden jeden Tag eine Million Flüge statt; die erste Konfrontation würde nicht lange auf sich
warten lassen.
»Ich würde gern wissen, warum die Oberbefehlshabende hier draußen ist und nicht in der Flottenoperationszentrale, um die Show von dort aus zu leiten«, sagte Jacen leise.
»Aus demselben Grund, warum der Leiter der Garde der Galaktischen Allianz an der Front ist.« Niathal betrachtete die unnatürlich erstarrte Karte, die die Transpondersignale von Tausenden kommerzieller Schiffe hätte zeigen sollen. »Um gesehen zu werden.«
Die Ocean summte und dröhnte von den mechanischen Stimmen Tausender Systeme, sodass das Schiff auf Jacen fast wie ein Lebewesen wirkte. Es war faszinierend, etwas so nahe zu sein, das keine lebendige Substanz hatte und mit seinen Macht-Sinnen deshalb nicht zu durchdringen war. Er konnte die Ocean bloß beeinflussen, indem er physische Kraft einsetzte. Er konnte das Schiff nicht fühlen.
Er suchte Ben in der Macht und verstärkte seine eigene Präsenz, um ihn zu beruhigen. Der Junge war auf Coruscant zurückgeblieben, sicher in der Obhut von Captain Shevu. Er hatte Jacen begleiten wollen, aber Jacen hatte erklärt, dass er Ben brauchte, um mit der Garde in Kontakt zu bleiben. Ben fand Gefallen an seinem neu gewonnenen Status als Teil eines Teams, das seine Fähigkeiten respektierte, und musste nicht nennenswert überredet werden.
Zum ersten Mal hatte er den Schatten seines Vaters abgeschüttelt. Jetzt glaubte Ben wirklich, dass er eine eigenständige Person war, und nicht bloß der Skywalker-Junge. Jacen bewunderte seine Belastbarkeit: Er wusste, wie es war, das Kim] von politischen Berühmtheiten zu sein, aber ein Solo zu sein war nichts im Vergleich zu den erdrückenden Erwartungen, die an einen gestellt wurden, wenn man der
Sohn von Luke Skywalker war.
»Die Ansta hat Kontakt bei 5000 Klicks, Ma'am«, meldete der Kommunikationsoffizier.
Niathal verzog keine Miene. »Also kriegt Admiral Cheb als Erster etwas zu tun.«
Jacen konnte Jainas Unbehagen spüren, viele Decks weiter unten im Hangar. Er wusste, dass sie seines nicht fühlen konnte, weil er sich aus der Macht zurückgezogen hatte, sich gegen Entdeckung abschirmte. Einen Moment lang erwog er, seine Macht-Sinne über viele Lichtjahre hinweg auszustrecken, in den Hapes-Sternenhaufen, um sanft über Tenel Kas Präsenz zu streichen, aber er wagte es nicht. Er versuchte, überhaupt nicht an sie zu denken. Selbst der Gedanke an sie barg das Risiko, dass sie entdeckt wurde, wenn er nicht vorsichtig genug war. Er durfte Lumiyas Macht-Fähigkeiten nach wie vor nicht als Selbstverständlichkeit ansehen, und Tenel Ka und Allana befanden sich in einer wesentlich gefährlicheren Situation, als er je sein würde.
Es war an der Zeit, bei den Tausenden von Offizieren und Besatzungsmitgliedern der Sperrzonen-Kampfgruppe Eindruck zu hinterlassen. »Habe ich Erlaubnis, die Jägerstaffel auf Alarmstufe fünf zu setzen, Ma'am?«
»Nur zu, Captain Solo.«
Jacen wollte, dass die Soldaten und Piloten in ihm einen Offizier sahen, der sich niemals vor seiner Pflicht drückte und der niemals jemanden bat, etwas zu tun, das er nicht auch selbst tun würde.
So machte man sich Freunde. Jacen wusste, dass er in den Monaten, die vor ihm lagen, jeden Einzelnen davon brauchen würde.
HOCHSICHERHEITSZELLEN BLOCK, HAUPTQUARTIER DER GARDE DER GALAKTISCHEN ALLIANZ, CORUSCANT
Ben überprüfte sein Komlink und sah, dass er fünf Anrufe von seinem Vater erhalten hatte, der darauf wartete, dass er ihm antwortete. Wenn er mit Jacen zusammen war, war es, als wäre er vor der Last von Lukes Gegenwart abgeschirmt, aber jetzt fühlte er sich sehr allein und gejagt.
Er war sich ziemlich sicher, dass sein Vater spüren konnte, wo er war. Er hasste das. Er hatte das Gefühl, keine Privatsphäre zu haben. Aber bislang beschränkten sich die Störungen allein auf Anrufe, selbst wenn Luke wissen musste, dass sich Jacen der Blockade angeschlossen hatte.
Ben konzentrierte sich auf die unmittelbar vor ihm liegende Aufgabe, die darin bestand, von Captain Shevu zu lernen. Shevu und ein anderer Captain namens Girdun steckten die Köpfe zusammen. Die beiden hatten eine dieser geflüsterten, wütenden Auseinandersetzungen, wie Erwachsene sie nun mal führten.
»Wir haben Regeln«, sagte Shevu. »Und bis mir der Senat nicht sagt, dass sich diese Regeln geändert haben, richte ich mich danach.«
»Ja, und ich bin gespannt, ob Sie diese hübsche moralische Haltung auch noch vertreten, wenn irgendjemand ermordet wird und wir es hätten verhindern können.«
»Gefangene bekommen in 24 Stunden fünf Stunden Verhörpause. Sie wollen das ändern? Aber nicht während meiner Schicht.«
Der Mann und die Frau, die sie in dem Apartmentblock gefangen genommen hatten, befanden sich in verschiedenen Zellen. Der Mann war ein unbedeutender corellianischer Agent - möglicherweise hieß er Buroy, möglicherweise auch nicht -, der anhand der Datenbank des NPJ identifiziert worden war. Bei der Frau handelte es sich ihren Gesichtstätowierungen nach vermutlich um eine Kiffar, und ihr Name war Ailyn Habuur. Shevu hatte ihr ein Komlink abgenommen, und seit sie festgenommen worden war, waren drei Nachrichten darauf eingegangen, alle von jemandem namens Mirta Gev.
Shevu kam in seine Richtung. Girdun trollte sich.
»Du musst nicht hierbleiben«, sagte Shevu und tippte den Sicherheitscode in das Zellenschloss.
Ben fürchtete, dass, wenn er zum Apartment zurückging, sein Vater ihn finden und zur Rede stellen würde und dass er dann nicht die Entschlossenheit aufbringen würde, ihm Paroli zu bieten. Entweder das - oder sie würden sich streiten, und Ben hasste es, sich zu streiten. »Vielleicht kann ich behilflich sein.«
Die Türen glitten auf. Shevu warf ihm einen zweifelnden Blick zu. »Das hier ist bloß ein gewöhnliches Verhör, auf die Art und Weise, wie wir das bei der CSK machen. Wenn du ihre Gedanken beeinflussen kannst, großartig. Falls nicht, mach dir keine Sorgen.«
»Sie wissen, dass wir das können?«
»Ich glaube nicht, dass diese Information in irgendeiner Form geheim ist.«
Ailyn Habuur saß an einem Tisch, die Hände vor sich auf der Platte. Sie trug Handschellen, und ihr Gesicht zeigte noch immer die Male des Kampfes, als sie verhaftet worden war. Ihr linkes Auge umgab eine auffällige Tätowierung, und sie war die am härtesten aussehende Frau, die Ben je gesehen hatte: drahtig und ernst, mit dünnen, sehnigen Unterarmen, die sie wirken ließen, als würde sie ihre Zeit damit verbringen, Leute
zu erwürgen.
»In Ordnung, Ma'am«, sagte Shevu und nahm ihr gegenüber Platz. »Sie gehen einer geschmacklosen Beschäftigung nach.«
»Es ist nicht illegal, Kopfgeldjägerin zu sein.«
»Hängt davon ab, was Sie jagen.«
»Es ist auch nicht illegal, sich im selben Apartmentblock aufzuhalten wie Corellianer. Aber offenbar arbeiten Sie daran, das zu ändern.«
»Sehen Sie, Ma'am, so packen wir hier solche Dinge an.« Shevu war ruhig und höflich. »Sie nennen mir einen guten Grund, warum Sie sich zusammen mit einem corellianischen Agenten verschanzt haben und einiges an gewichtiger Ausrüstung bei sich tragen und warum Sie beschlossen haben, das Ganze mit der Neun-sechs-sieben auszufechten, und ich lasse Sie gehen. Andernfalls könnte ich denken, dass Sie eine Bedrohung für unsere innere Sicherheit sind. Und in diesem Fall bleiben Sie hier, bis Sie verrotten - wenn Sie Glück haben.«
Habuur rutschte auf ihrem Stuhl zurück, vollkommen eiskalt, und blickte dann zu Ben hinüber.
»Warum ist das Kind hier?«
»Ausbildung.«
»Ihr auf Coruscant fangt ja früh an, euch eure Schläger heranzuziehen.«
Shevu legte Habuurs Komlink und ihren Datenpad vor ihr auf den Tisch. Ben spürte, wie angespannt sie war. Sie hatte irgendetwas Vages an sich, als wären ihre Feindseligkeit und ihr Unbehagen auf jemanden gerichtet, der gar nicht im Raum war.
»Gibt es irgendeinen Grund für Ihr Interesse an Raumschiffen?«
Habuur zuckte mit den Schultern. »Ist besser, als zu Fuß zu
gehen.«
»Sie haben eine Menge Bilder davon auf Ihrem Datenpad.« Shevu schaltete das Pad ein, aber von Bens Blickwinkel aus war alles ganz verschwommen.
Shevu fuhr fort, noch immer mit diesem Tonfall gelangweilter Geduld. »Lassen Sie den Poodoo einfach, und sagen Sie mir, warum Sie hier sind. Wenn es bloß um irgendwelchen Abschaum geht, den hopszunehmen man Sie geschickt hat, bin ich derzeit zu beschäftigt, um mich auch noch damit zu befassen.«
»Bekomme ich keinen Anwalt?«
»Dank der Notstandsbefugnisse, mit denen ich ausgestattet bin, nicht. Sie kriegen gar nichts.«
»Dann werden Sie ziemlich bald meinen Kopf auf den Tisch donnern.«
»Soll ich Ihre Freundin für Sie anrufen?«
»Ich habe keine.«
»Die, die Sie die ganze Zeit über zu kontaktieren versucht.«
»Wer?«
»Mirta Gev«, sagte Shevu.
Habuurs Gesicht war vollkommen reglos, aber Ben spürte das kleine Aufflackern starker Emotionen - Furcht, Bestürzung, Sehnsucht -, das an die Oberfläche stieg und sie wie ein Kraftfeld umgab. Auch Shevu entging es nicht. Ben fragte sich, wie Leute, die nicht mit der Macht gesegnet waren, Dinge spüren konnten, die so gut verborgen waren.
»Sie hat Schmuck für mich wiederbeschafft.« Und das klang wie die Wahrheit. Das ganze Timbre ihrer Stimme und das Gefühl der Macht um sie herum veränderten sich. »Die Halskette meiner Mutter.«
»Sieht so aus, als hätte sie sie gefunden.«
Habuur sagte nichts und blieb scheinbar entspannt in dem Durastahlstuhl sitzen, auch wenn die Muskeln in ihrem Kiefer zu zucken begonnen hatten. Shevu stand auf und bedeutete Ben mit einem Winken, ihm nach draußen zu folgen.
Der Captain schloss die Türen. »Geh und hol Girdun. Wenn diese Mirta Gev auf dem Weg hierher ist, möchte ich sie persönlich in der Hauptstadt willkommen heißen, vor allem, wenn sie genauso schwer bewaffnet ist wie Madam hier drin.«
»Fühlen Sie sich denn wohl dabei, dass ausgerechnet Girdun sie in Empfang nimmt?«
Shevu runzelte leicht die Stirn. »Das ist eine sehr erwachsene Frage.«
»Er scheint ziemlich gemein zu sein.«
»Das ist eine Machtbeurteilung, oder?«
»Ja.«
»Das trifft's genau. Er ist ein ehemaliger Geheimdienstoffizier der Neuen Republik. Er spielt nach anderen Regeln als die, die wir als Polizisten befolgen müssen.« Jacen hatte eine gemischte Truppe von Männern und Frauen für die 967ste. Spezialeinheit zusammengestellt. Einige von ihnen fand Ben beängstigend, und er konnte die kulturellen Unterschiede, wie Shevu es nannte, zwischen denen vom Geheimdienst, vom Militär und von der Polizei deutlich erkennen. »Aber er würde es nicht wagen, sich über mich hinwegzusetzen.«
Ben nickte. Shevu war eindeutig derjenige, der das Sagen hatte, selbst wenn die beiden Männer denselben Rang hatten.
Shevu ging in den Verhörraum zurück, und Ben machte sich auf die Suche nach Captain Girdun, wobei er versuchte, schnell zu gehen, ohne zu laufen. Er fand den Mann in der Sporthalle der Kaserne. Die 967ste, die gerade gegründet worden war, hatte noch kein richtiges Hauptquartier und deshalb das Reservisten-Ausbildungszentrum der Flotte übernommen.
Girdun, der nie aussah, als würde er sich in seiner schwarzen Uniform wohl fühlen, stand da und sprach mit zwei Feldwebeln. Irgendwie brauchte Ben ein paar Sekunden, bis er die Reihen der Leute hinter sich registrierte, die mit überkreuzten Beinen auf dem Boden hockten, die Hände auf den Köpfen, die Finger verschränkt. Einige von ihnen sahen wie die Art Leute aus, denen Ben um jeden Preis aus dem Weg gehen würde, und einige wirkten ziemlich gewöhnlich. Die meisten waren Männer.
»Der letzte Fang«, sagte der Feldwebel. »Guter Tipp, Junge.«
Ben suchte mit den Blicken die Sporthalle ab, weil er das Gefühl hatte, er müsste eigentlich einen der Gefangenen wiedererkennen.
Er tat es.
Abrupt verharrte sein Blick auf einem blonden Jungen, der einige Jahre älter war als er. Barit Saiy saß in den Reihen der Corellianer, die im Laufe der Nacht verhaftet worden waren, und starrte Ben mit einem Ausdruck blanken Hasses an.
»Ja, großartiger Tipp«, sagte Girdun und sprach dann Ben an. »Was willst du von mir?«
In diesem Augenblick wusste Ben, dass er nie wieder ein Kind sein würde. Er wünschte sich mehr als alles andere, dass dem nicht so wäre.