7.
Luke, Ihr wisst sehr gut, dass es um wesentlich mehr geht als darum, Corellia daran zu hindern, sein eigenes Abschreckungsmittel zu haben. Es ist verlockend, diese kleine Überraschung im Kiris-Sternhaufen zu enthüllen, um den Leuten zu zeigen, dass wir es ernst meinen. Aber fürs Erste werden wir einfach den Deckel daraufhalten und hoffen, dass wir Corellia dazu überreden können, die Waffen niederzulegen, bevor die Sache in Coruscant die Runde macht.
Cal Omas zu Luke Skywalker und Admiralin Niathal, bei einem vertraulichen Gespräch über das wahre Ausmaß der corellianischen Bedrohung
GALACTIC CITY, ÖFFENTLICHE LANDEZONE 337/B
Sie legten beinahe eine Bruchlandung hin. Es war nicht das erste Mal, dass der Millennium Falke nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeischlitterte, und es wurde nicht das letzte Mal gewesen sein. Han versuchte, locker zu wirken.
Dennoch hatte ihm das Manöver einige Sekunden des Schreckens eingebracht. Sie saßen beide schweigend auf der abgesenkten Rampe des Falken und genossen die leichte Brise. Kleine Dinge, die man ansonsten als selbstverständlich hinnahm, waren auf einmal kostbar, wenn man gerade mit knapper Not mit dem Leben davongekommen war.
Der Falke stand in einer von den Hunderten FreiluftHangarbuchten, die den Landestreifen säumten, bloß ein weiteres in die Jahre kommendes Schiff. Die Außenhülle gab ein gelegentliches Knacken von sich, während das Metall abkühlte, und unter dem Triebwerksgehäuse breitete sich eine unheilvolle Lache Kühlflüssigkeit aus. Han hatte einen Eimer unter das Leck gestellt, um sie aufzufangen, und nun konnte er hören, wie die Flüssigkeit über den Rand des Behälters lief. Die Rohrleitungen um den Antrieb herum waren bis zu den Schweißnähten abrasiert worden.
»Tja«, sagte Leia schließlich, in die Ferne starrend. Wie stets sah sie aus, als wäre nichts Ernstes passiert, bloß ein bisschen müde und beinahe gereizt. »Das war charakterbildend.«
»Ich nehme nicht an, dass du zufällig auch Machtschweißen beherrschst?«
»Frag Jacen. Zurzeit scheint er in der Lage zu sein, so ziemlich alles zu tun.«
»Also, was genau ist passiert?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Es war, als hätte ich aus dem Nichts ein Macht-Verstärkungspaket erhalten.«
Er ist mein Kind, und ich weiß nicht mehr, wer er ist. Aber er ist da wie das sprichwörtliche Ass im Ärmel, wenn er gebraucht wird. Also sollte ich vielleicht einfach den Mund halten. »Das war praktisch.«
»Es fühlt sich an, als wäre Jacen ganz in der Nähe«, sagte Leia. »Zeigen wir uns dankbar, in Ordnung?«
»Oh, dankbar zu sein krieg ich hin.«
»Gut.«
Leia schloss einen Moment lang die Augen. »Und Jaina ist auf dem Weg.«
Mein gescheites Mädchen. Zumindest mit einem meiner Kinder kann ich noch etwas anfangen. »Wer weiß sonst noch, dass wir hier sind? Vielleicht sollten wir Luke und Mara ebenfalls herholen. Jetzt auf der Stelle ein Barbecue veranstalten. Die Nachbarn einladen.«
»Vielleicht ein wirklich anonymes Schiff fliegen, bis sich die Lage ein wenig beruhigt hat?«
»Nun, dieses Baby wird für eine Weile nirgendwo hinfliegen.«
Han stand auf und ging nach hinten zur Laderampe. Okay, besorg ein anderes Schiff, und kehr nach Corellia zurück. Zieh in ein neues Apartment um. Knack Thrackans Sicherheitsvorkehrungen und erschieß ihn. Danach kannst du dir dann Sorgen um einen weiteren Krieg machen.
Die Konsolenanzeige für den Kühlflüssigkeitsstand zeigte null. Er ging nach unten in den Maschinenraum, wo es nach verschmortem Metall und dem in der Kehle kratzenden Gestank der Flüssigkeit roch. Verflucht noch mal, er hatte von alldem die Schnauze voll. Würde das jemals ein Ende haben? Ein Jahr mit Leia, ein normales Jahr, in dem nichts passierte, in dem nichts schiefging, in dem keins der Kinder in Gefahr geriet - war das denn zu viel verlangt?
Als er durch die Hauptsteuerbordluke wieder nach draußen kam, saß Jacen auf der Rampe, einen Arm um Leias Schultern und seine Stirn gegen ihre gelegt. Leia schaute auf, bloß ein flüchtiger warnender Blick, doch Han wusste auch so, dass es angebracht war, seinem Sohn etwas Dankbarkeit entgegenzubringen. Es war ein Reflex: Als Jacen sich erhob, umarmte ihn Han so fest, dass er Jacens Rippen durch seinen Waffenrock hindurch spürte.
»Ist schon in Ordnung, Dad«, sagte Jacen sanft. »Jag mir nur nicht noch mal solche Angst ein.«
»Dasselbe wollte ich gerade zu dir sagen.« Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um über Jacens Entscheidung zu sprechen, auf welcher Seite des Konflikts er stand. »Geht's dir gut? Du siehst müde aus.«
»Nicht so müde wie du.«
»Die Dinge waren hier in letzter Zeit ein bisschen angespannt. Thrackan hat ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt. Auf dich auch.«
»Ich weiß mich zu wehren.« Jacens düstere Miene schien inzwischen ein Dauerzustand zu sein. »Aber du.«
»He, in deinen Augen bin ich vielleicht steinalt, aber mit Thrackan kann ich es noch aufnehmen, vielen Dank.«
»Meine Taten auf der Centerpoint-Station haben ihn provoziert. Ich fühle mich für eure Sicherheit verantwortlich. Was hat es für einen Nutzen, einen Jedi zum Sohn zu haben, wenn er nicht auf seinen Vater aufpassen kann?«
»Überlass es mir, mir Gedanken wegen Thrackan zu machen«, sagte Han. Ja, du hast Corellia angegriffen, und du bist mein Sohn, und ich bin mir nicht sicher, wie ich damit umgehen soll. »Es wäre nicht das erste Mal. Wart's einfach ab. Er wird Fett schicken. Mit Fett werde ich fertig.«
Leia stieß ein kurzes Schnauben der Belustigung aus. »Ihr könnt ja mit euren Krückstöcken aufeinander einprügeln. Er wird auch nicht jünger.«
Han wusste, dass sie mit ihrer Bemerkung die eigenen Ängste überspielen wollte, aber Jacen schien nicht amüsiert.
»Kommt mit in mein Apartment.« Sein Tonfall war beinahe flehend. »Nur für den Fall, dass irgendwer euer Wohnung hier unter Beobachtung hält.«
»Wüsstest du das dann nicht längst?«, fragte Han. Jacens Machtsinne schienen inzwischen besser zu sein als Scanner.
Er sah, wie das Gesicht seines Sohnes eine Sekunde lang in sich zusammenfiel. »Warum sagst du das?«
»Ich weiß nicht, was für Macht-Zeug du aufgeschnappt hast, während du all diese Jahre über fort warst, aber es wird sich
garantiert als hilfreich erweisen.«
»Ah«, sagte Jacen. Er schien beruhigt. Han war sich nicht sicher, was ihn aus der Fassung gebracht hatte. »Zudem sollten wir jede Vorsichtsmaßnahme treffen, die wir können. Dreipeo ist sehr überzeugend darin, den Leuten zu versichern, dass er keine Ahnung hat, wo ihr hingeflogen seid, selbst den Noghri. Trotzdem wirkt er deswegen irgendwie verdrossen.«
Jacen blieb stehen und schaute sich um. Etwas hatte ihn abgelenkt - etwas, das Han wie gewöhnlich nicht sehen oder hören könnte. Dann erhaschte Han aus dem Augenwinkel heraus ein Aufflackern von Orange, drehte sich um und sah einen Piloten der Galaktischen Allianz zwischen den stillgelegten Schiffen auf dem Vorfeld der Landebahn hindurchgehen. Einen unvernünftigen Moment lang rumorte sein Magen, doch dann bemerkte er das lange braune Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, und den Astromech-Droiden, der hinter der Pilotin hereilte, bemüht, mit ihr Schritt zu halten.
Jaina. In einer Pilotenuniform.
»Sag mal, was hat sie denn da aus dem Kleiderschrank geholt?«, sagte Han. »Sie hat uns gar nicht erzählt, dass sie in den aktiven Dienst zurückkehren würde.«
»Keinen Streit«, sagte Leia bestimmt.
Han war bestürzt darüber, wie rasch er von seiner Erleichterung, noch am Leben war, dazu überging, die Entscheidungen seiner Tochter in Frage zu stellen. Dabei war er ungemein froh, sie zu sehen. Sie streckte einfach die Hand aus und drückte die seine, seltsam förmlich, und tat dann das Gleiche bei Leia. Jacen nickte sie einfach bloß zu, was nichts Gutes verhieß.
Han nahm an, dass eine Pilotin der Galaktischen Allianz, die in der Öffentlichkeit irgendwelche Leute umarmte, einige Aufmerksamkeit erregt hätte. Trotzdem wünschte er, sie würde die Dinge mit Jacen ins Reine bringen.
»Ich habe nicht vor, irgendwelche naheliegenden Fragen zu stellen.« Jaina tätschelte R2S Kuppelhaupt. »Aber ich dachte, ihr könntet ein bisschen Hilfe bei den Reparaturen gebrauchen.«
»Danke.« Han ignorierte Leias Warnung, und die Bemerkung kam ihm über die Lippen, bevor er noch richtig darüber nachdachte: »Und warum hast du dich mit einem orangefarbenen Fliegeranzug herausgeputzt?«
»Weil ich meinen Job mache, Dad.«
»Hat Zekk dich da mit reingezogen?«
Innerhalb eines Lidschlags konnte Jaina aussehen wie ihre Mutter und stellte den gleichen Ausdruck trauriger Ungeduld zur Schau. »Dad. ich bin einunddreißig, ich treffe meine eigenen Entscheidungen, und manchmal vergisst du offenbar, was ich bin.«
»Ich vergesse nie, dass du eine Jedi bist. Aber das bedeutet nicht, dass du dich in den Krieg der Allianz gegen Corellia reinziehen lassen solltest.«
»Dad«, sagte Jaina sanft. »Ich meinte damit, dass ich Kampfpilotin bin. Das vergisst du offenbar. Ich habe mich freiwillig für den aktiven Dienst gemeldet, weil das hier meine Aufgabe ist.«
R2-D2 rollte zum Falken und verschwand unter seinem Bauch. Han hörte eine Reihe missbilligender Pfeiftöne und den gelegentlichen Klang von Metall, während der Droide das Schiff untersuchte. Jaina blieb vor ihrem Vater stehen, ohne klein beizugeben, noch immer mit traurigen Augen, und noch immer sah sie aus, als würde sie in seinem Gesicht nach
Verständnis suchen.
»Du kannst nicht ernsthaft glauben, dass die Allianz im Recht ist, Schatz«, sagte Han.
»Dad, vielleicht tue ich das, vielleicht tue ich's nicht, aber darum geht es nicht. Ich trage diese Uniform, und das bedeutet, dass ich an der Front bin und sie mir verdiene, unabhängig von meinen persönlichen Ansichten. Darum geht es, wenn man dient.«
Han verstand das als Zurechtweisung. Natürlich war es das nicht, aber er neigte nun mal eher zu Gefühlen als zu kühler Professionalität, und das wusste er. Ja, Jaina war Kampfpilotin. Er schuldete ihr den Respekt, der einem professionellen Krieger gebührte.
Aber es brach ihm trotzdem das Herz, dass sein kleines Mädchen - und das würde sie immer sein, sogar wenn sie selbst irgendwann grauhaarig war - ihr Leben für ein Regime riskierte, das anscheinend die schlechten alten Tage des galaktischen Totalitarismus wiederauferstehen lassen wollte. Welchen Sinn hatte sein eigenes Leben gehabt, wenn nicht den, für seine Kinder eine bessere Welt zu schaffen?
Tu's nicht, Jaina.
»Ich sollte lieber zur Basis zurückkehren«, sagte sie. Leia stand auf, und Jaina gab ihr einen gehetzten Kuss auf die Wange. Han küsste Jaina, ohne ihr die Möglichkeit zu geben, ihm auszuweichen. Jacen stand währenddessen am Rand der Gruppe und schien Frieden mit ihr schließen zu wollen, ohne jedoch eine Reaktion zu erhalten. »Ich werde nicht rausposaunen, dass die Solos wieder da sind. Passt auf eure Hintern auf, okay?«
»Und pass du auf dich auf«, sagte Jacen. »Du auch.«
Nun, zumindest dazu hat sie sich durchgerungen, dachte
Han.
Jaina drehte sich um und tat ein paar große Schritte, bevor sie zu Jacen zurückschaute. »In letzter Zeit kommst du mir verändert vor, Jacen. Nicht richtig. Steckst du in Schwierigkeiten?«
Jacen lächelte, als wäre er erleichtert darüber, dass sie ein wenig aufgetaut war. »Bloß beschäftigt, das ist alles.«
Han sah zu, wie Jaina davonging, und versuchte, Leia nicht in die Augen zu sehen. Worum geht es bei alldem eigentlich?'R2 rollte wieder unter dem Falken hervor, und mit seinen Piepsund Quietschlauten begann er eine lange Liste mechanischer Probleme runterzuspulen, die behoben werden mussten; das würde eine ganze Weile dauern.
Han brachte ihn mit hochgehaltener Hand zum Schweigen. »Ich weiß. Den Rest kannst du dir sparen.«
R2 piepste.
»Ich wette, dass du das kannst. Du kannst alles reparieren. Aber nur keine Hektik. Wir sollten weniger Aufmerksamkeit auf uns lenken.«
»Kommt wenigstens solange mit zu mir, während ihr euch Gedanken über ein alternatives Transportmittel macht«, sagte Jacen.
»Gute Idee«, meinte Leia. »Dann können wir auch Ben Hallo sagen. Wir haben ihn vermisst.«
Das war nicht Leia, die die pflichtbewusste Tante spielte. Das war Leia, die die Dinge überprüfte. Jacen sagte nichts, aber Leia warf ihm einen raschen Blick zu, der Han nicht entging und den er nicht zu deuten vermochte.
R2 piepte ein fröhliches Lebewohl und rollte die Rampe des Falken hinauf. Han folgte Leia, wischte seine mit Kühlflüssigkeit gesprenkelten Hände an seiner Hose ab und bekam Jainas
Bemerkungen nicht aus seinem Kopf.
Steckst du in Schwierigkeiten?
Ja, worum ging es bei alldem eigentlich?
JACEN SOLOS APARTMENT, ROTUNDA-ZONE, CORUSCANT
Luke wusste, dass Ben früher oder später hierher zurückkehren würde. Er ging in der Eingangshalle des Apartmentgebäudes auf und ab und blieb nur gelegentlich stehen, um durch die Transparistahltüren zu schauen. Irgendetwas war Ben widerfahren, auch wenn Lukes Macht-Sinne ihm allesamt sagten, dass sein Sohn am Leben und unverletzt war. Doch er ging nicht an sein Komlink.
Und Jacen war aus der Macht verschwunden. Sporadisch fing Luke Echos von ihm auf und verlor ihn dann wieder. Er schaute Mara an und fragte sich, ob sie imstande war, ihren Neffen besser zu orten als er.
»Nichts«, sagte sie und schüttelte den Kopf; offenbar wusste sie genau, was ihm durch den Sinn ging. So schwierig war das auch nicht: An diesem Tag hatte er sich nur über wenig anderes Gedanken gemacht. »Hör zu, da draußen herrscht Chaos. Ben ist gescheit genug, Ärger aus dem Weg zu gehen. Lass uns einfach locker bleiben.«
Locker bleiben. Was war aus ihm geworden, wenn Mara diejenige war, die ihn drängte, sich zu beruhigen? Er fragte sich, wie viel von seiner eigenen Beklommenheit daher rührte, dass er in dem bevorstehenden Krieg bislang nichts Konkretes zu tun hatte.
Krieg. Er hatte es wieder gedacht. Irgendwann im Laufe der letzten paar Tage hatte es sich von einer Bedrohung zu einer Gewissheit gewandelt. Luke versuchte, das Ganze von den
Machtträumen über den Mann mit dem Kapuzenumhang zu trennen, die ihn nach wie vor quälten. Er wandte sich wieder zum Turbolift um und beobachtete für eine Weile die Lichterkaskade auf der Stockwerksanzeigetafel, bis er Mara sagen hörte: »He, nicht so hastig, Schatz! - Ah! 0 nein.«
Luke wirbelte herum und sah Ben. Die Augen des Jungen waren geschwollen und tränten, und er wischte sich die Nase ab, als hätte er sich das Herz aus dem Leib geschluchzt. Eine Sekunde lang stand Mara da wie erstarrt, und dann eilte sie zu ihm, um ihn in ihre Arme zu schließen. Obgleich er sie nicht wegschob, schien ihm die Geste unangenehm.
»Was ist passiert, Liebling? Sag mir, was los ist!«
Ben hustete angestrengt. »Ich habe eine Dosis Tränengas abbekommen.«
»0 nein.« Mara drehte seinen Kopf hin und her, um ihn zu untersuchen. »Du siehst aus, als wärst du versengt worden. Kannst du normal atmen?«
»Es lässt schon nach, Mom.« Er fügte sich einer erneuten Umarmung. »Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.«
»Bringen wir dich für eine Kontrolluntersuchung ins Medicenter«, sagte Luke ruhig.
»Ich sagte, mir geht's gut, Dad. Es lässt nach.« Ben klang verärgert. »Was unternehmt ihr eigentlich wegen dieser Wasserverschmutzung?«
»Die städtischen Behörden kümmern sich darum.«
»Waren das die Corellianer? War es ein Terroranschlag? Das sagen sie auf HNE, und jeder glaubt es.«
»Warum gehen wir nicht hoch ins Apartment und machen dich sauber?« Mara führte Ben auf den Turbolift zu. »Wo ist Jacen?«
Ben blieb bei den Lifttüren stehen. »Ich weiß es nicht. Ich kam gerade vom Flottenkommandozentrum zurück. Hör mal, dies ist Jacens Apartment. Ich sollte ihn fragen, ob es in Ordnung ist, einfach so reinzugehen.«
»Es ist auch dein Zuhause«, sagte Luke vorsichtig. Jacen hatte Ben also tatsächlich unter Kontrolle. Der Junge gehorchte seiner Mutter nicht einmal mehr, wenn sein Leben in Gefahr war. Das machte Luke Angst, und dann ertappte er sich dabei, wie er sich das Hirn zermarterte, um herauszufinden, ob er sich aufrichtig Sorgen wegen Jacens von Dunkelheit gefärbten Einfluss machte oder ob er einfach bloß verletzt war, weil sein Neffe eine väterlichere Beziehung zu seinem Kind hatte als er selbst. »Komm schon.«
Für gewöhnlich seufzte Ben und zeigte seine Einwände. Doch diesmal nickte er einfach nur resigniert, als wäre er im Laufe weniger Tage schlagartig wesentlich erwachsener geworden.
Sie fuhren mit dem Turbolift nach oben, und das unbehagliche Schweigen wurde nur von Bens Schniefen und Husten unterbrochen. Sein Gewand war schmutzig, als hätte er sich auf dem Boden gewälzt. Als sie das Apartment betraten, machte er sich sofort auf den Weg ins Bad. Ein paar Schritte vor der Tür blieb er stehen und wandte sich auf seinen Absätzen um.
»Im Kühlschrank sind Wasserflaschen«, sagte er.
Im Großteil der Innenstadt war die Wasserversorgung immer noch abgestellt. Luke drehte die Hähne in der Küche auf, um alles Wasser ablaufen zu lassen, das noch in den Rohrleitungen und den Wasserkästen stand. Es gab keinen Grund, irgendein Risiko einzugehen.
»Ich kann spüren, dass du verärgert bist, Dad«, sagte Ben heiser. Er goss eine Flasche Wasser in eine Schlüssel und
tränkte einen Waschlappen, um sich das Gesicht abzuwischen.
Als der Stoff seine Haut berührte, zuckte er zusammen, gab jedoch keinen Laut von sich. »Das ist aber nicht Jacens Schuld. Es ist meine eigene. Ich hab beschlossen, ihn nicht zu begleiten, als er zu seinem Treffen gegangen ist.« Er wollte offenbar näher darauf eingehen, hielt sich dann aber zurück. »Ich habe meine Lektion gelernt.«
»Ist schon in Ordnung.« Mara suchte Lukes Blick, als Ben sein Gesicht einen Moment lang mit dem Waschlappen bedeckte. Ihre Miene sagte alles: Ist das der rebellische Sohn, den wir kennen? »Ich hole dir etwas zu trinken. Du hörst dich schrecklich an.«
Schließlich saßen die drei im Wohnzimmer, so weit voneinander entfernt, wie es der Raum zuließ. Ben nippte an einem Glas Saft und brach gelegentlich in abgehacktes, unkontrolliertes Husten aus, bis er schließlich keuchte und Tränen über sein Gesicht rannen. Seine Ernsthaftigkeit verblüffte Luke.
Vielleicht hatte Mara recht. Möglicherweise war Luke zu sehr in seinen eigenen Grübeleien darüber gefangen, zu welchem Zeitpunkt er den Draht zu Ben verloren hatte, sodass er Jacens Motive falsch deutete. Abgesehen von seinen fürchterlichen Träumen und der Dunkelheit, die Jacen anhing, hatte er nichts Konkretes, das er seinem Neffen vorwerfen konnte, bloß Belege dafür, dass Ben in seiner Obhut wesentlich besser zu sich selbst fand, als er das je zu Hause getan hatte.
Eine Weile saßen sie schweigend da. Sie mussten sich nicht unterhalten. Fast aus Gewohnheit ließ Luke sich treiben, um Eindrücke aus dem Apartment aufzunehmen, und fühlte zunächst nichts, was über einen Anflug von Unruhe hinausging, als hätte Jacen Probleme.
Ein Mann, der unglücklich verliebt ist. Vielleicht ist das wirklich alles.
Doch irgendetwas sagte ihm, dass das nicht stimmte. Was er hingegen zu fühlen begann, waren seine Schwester, irgendwo ganz in der Nähe - und Jacen.
Die Türen öffneten sich, und Jacen kam mit Han und Leia herein. Es hätte eine Art Familienwiedersehen sein können, und ein freudiges noch dazu, doch der Ausdruck auf Hans Gesicht sagte etwas anderes. Luke beschloss, die Initiative zu ergreifen.
»Ist schon in Ordnung, Jacen«, sagte er. »Wir haben Ben gebeten, uns reinzulassen. Er ist in den Aufstand geraten. Hat etwas Gas abgekriegt.«
»Mir geht's gut«, seufzte Ben. »Es lässt nach.«
»Nun, dann hatten wir heute alle unser kleines Drama.« Jacen führte Leia und Han in den Raum. Er strahlte lediglich Besorgnis und Mitgefühl aus, überhaupt nichts Dunkles. »Mom und Dad haben beinahe eine Bruchlandung hingelegt.«
Mara stand auf, um Leia ein paar Kissen zurechtzurücken. »Klingt nach einem ganz gewöhnlichen Tag in dieser Familie.«
»Wir werden uns wieder auf den Heimweg machen, sobald wir ein Ersatzschiff haben.« Han sah Luke kaum in die Augen. »Der Falke ist im Moment nicht in der besten Verfassung. Erzwo führt Reparaturen durch.«
»Warum hast du dich nicht mit mir in Verbindung gesetzt?«
Han zuckte mit den Schultern. »Wir waren ziemlich damit beschäftigt, nicht in Flammen aufzugehen. Hätte Jacen nicht die Macht durch Leia gebündelt, hättest du eine Schaufel gebraucht, um uns beim Raumhafen einzusammeln.«
Luke witterte eine Möglichkeit, etwas Frieden zu stiften, zumindest in seiner eigenen Familie. Es stand nicht gut um die
Galaxis, wenn er nicht einmal seine eigene Familie davon überzeugen konnte zusammenzuhalten. »Corellia muss nicht euer Zuhause sein, Han. Kommt hierher zurück. Hier seid ihr ohnehin sicherer.«
»Ja, aber da wäre noch diese Kleinigkeit, dass ich Corellianer bin, was momentan nicht besonders schick ist, und dann greifen deine Kumpel auch noch meinen Heimatplaneten an, weil wir nicht einfach klein beigeben und uns zu Lakaien der Allianz machen lassen wollen, die so tut, als wäre das Imperium wieder da.«
Das sollten wir beide besser wissen. »Han, wie lange kennen wir uns schon?«
»Lange genug, dass die Art und Weise, wie die Allianz sich aufführt, dir ein schlechtes Gefühl verschaffen sollte.«
»Han.«, sagte Leia. »Hör auf damit.«
»Nein, lass ihn aussprechen.« Mit einem Mal wurde sich Luke bewusst, dass Ben ihn beobachtete, und er wollte nicht, dass sein Sohn ihn so sah - wie er einen lauten Streit mit seinem besten Freund vom Zaun brach, wo sie doch alle in diesem Moment froh darüber sein sollten, dass sie noch am Leben waren. »Weist du jetzt auch jede Art von Zusammenarbeit und Teamwork mit dem gleichen vorhersehbaren corellianischen Reflex ab wie Thrackan Sal-Solo?«
»Momentchen mal junge - in wessen Team? In eurem?«
»Man kann das mit der Unabhängigkeit auch zu weit treiben.«
»Ja, aber wenn es dir in der Vergangenheit in den Kram passt, hast du dir meinen Sinn für solide Eigenständigkeit immer schnell zunutze gemacht, Kumpel. Und so leicht kann ich das nicht ablegen. Ich bin, wer ich bin.«
»Lass uns darüber nicht streiten«, sagte Luke.
»Das haben wir gerade.« Han schüttelte den Kopf. Er stand da, starrte Luke einige Sekunden lang an und sah eher verwirrt als wütend aus. »Sie benutzen euch jedes Mal. Zeig mir eine Regierung, die keine Jedi für sich eingespannt hat, um ihre Taten zu legitimieren. Du bist so was wie ein galaktischer Gummiknüppel. Warum gibst du Omas Rückendeckung? Ausgerechnet du! Bringt der Name Palpatine bei dir zufällig eine Glocke zum Läuten?«
»Das war etwas anderes. Er war ein Sith.«
»Und Omas ist ein Trottel. Oder zumindest die Marionette eines ganzen Haufens anderer Trottel. Aber lass mich da raus. Du hast meine Kinder, die für dich die Drecksarbeit erledigen, das muss genügen.«
»0 Mann«, sagte Mara. Aber Luke konnte ihre Verlegenheit und Furcht spüren. »Ich liebe es, Erwachsene in Aktion zu erleben. Jacen? Lass uns Leia einen Kaff machen, während die beiden hier weiter Testosteron im Raum versprühen. Komm, Ben. Du auch.«
»Ja, ich hab auch genug davon«, sagte Leia. Sie erhob sich und stellte sich zwischen die beiden Männer. »Hör auf damit, Han. Und du auch, Luke. Wir haben schon genug Probleme, auch ohne einen Bürgerkrieg in der Familie.«
Luke spürte ein unangenehmes Ziehen in den Eingeweiden, das er seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gehabt hatte. Es war Selbstzweifel. Vielleicht war Hans Argumentation richtig. Schon zuvor waren Jedi für die Zwecke anderer eingespannt worden, und das hatte sie fast in den Untergang geführt. Und Han hatte recht, er war nun einmal so: unabhängig, hartnäckig, derjenige, der in die entgegengesetzte Richtung marschierte, während die Masse an ihm vorbeiströmte. Nicht, weil ihm das den größten Nützen brachte - auch wenn er stets die Fassade des kaltschnäuzigen Glücksritters aufrechterhielt -, sondern weil er davon überzeugt war, dass es so richtig war.
Und er würde lieber sterben, statt diese Unabhängigkeit aufzugeben. Er war Corellianer. Nein, er war Corellia. Luke vermied Verallgemeinerungen, aber Corellianer waren alle so, einschließlich derer, die hier lebten. Das erfüllte ihn nicht mit Zuversicht.
Er seufzte und streckte die Hand aus, von dem aufrichtigen Wunsch erfüllt, besser kein Wort gesagt zu haben.
Han ergriff sie nicht. »Ich treffe mich mit einem Mann wegen eines Schiffs«, sagte er und stelzte hinaus.
Jacen trat hinter Luke und klopfte ihm auf die Schulter. »Es tut mir leid, Onkel Luke. Hätte ich gewusst, dass ihr hier seid, hätte ich vorher angerufen, um Bescheid zu geben, dass wir kommen. Dad ist im Augenblick ziemlich angespannt, und das hat nicht bloß mit Politik zu tun. Es ist wegen Jaina und Thrackan und jetzt auch noch wegen des Falken.«
Luke kam der Gedanke, dass Jacen eigentlich in der Lage hätte sein sollen, seine und Maras Präsenz in der Macht zu registrieren, und ihm wurde klar, dass Jacens Fähigkeiten von Tag zu Tag stärker wurden, und das erfüllte ihn mit Unbehagen.
»Du hast Han und Leia durch die Macht helfen können, als sie fast abgestürzt sind?«
Jacen nickte, einmal mehr der junge Mann, der Mitgefühl für jedes einzelne Lebewesen empfand. »Mom hat versucht, die Außenhülle des Falken zusammenzuhalten. Ich nehme an, ich habe meine Machtstärke durch sie ebenfalls mit eingebracht. Ungefähr so, wie wir es gegen die Killiks gemacht haben, um ihre Waffen abzuwehren.«
»Ungefähr so«, sagte Luke. Nein, so etwas hatten sie absolut nicht gemacht. Das hier war etwas Neues. »Du hast in letzter Zeit einige beeindruckende Fähigkeiten entwickelt.«
Jacen war der einzige andere Jedi, den Luke kannte, der gegen Lomi Plos Illusion der Unsichtbarkeit gefeit war. Der Trick bestand darin, keine Zweifel zu empfinden, die als Ablenkung gegen einen eingesetzt werden konnten.
Ich habe eine Menge Zweifel. Ich glaube, im Augenblick habe ich mehr Zweifel als Gewissheit.
Doch als sich Jacen von ihm abwandte, registrierte Luke eine sehr schwache Berührung von etwas Vertrautem in seinem Bewusstsein, fast wie der Hauch eines wohlbekannten Parfüms. Es war ein Nachhall, und es fühlte sich uralt an.
Dann wurde ihm klar, was es war. Er wusste, wer es war.
Einen Moment lang dachte er, es ginge von Jacen aus, und dann wurde ihm bewusst, dass es sich um einen kompletten Zufall handelte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Hieb in den Magen. Er verstand seinen Machttraum auf einmal.
Ich weiß, wer der Mann mit der Kapuze ist. Jetzt weiß ich es, und es ist überhaupt kein Mann.
Luke spürte in der Macht die kaum wahrnehmbare Spur einer Frau, die ihn einst geliebt hatte, der Dunklen Jedi namens Shira Brie, die zu Lumiya entartet war, einer Sith, die mehr Cyborg als Mensch war. Einer Frau, die ihn zudem hasste, von der er jedoch angenommen hatte, sie wäre für immer verschwunden.
Sie war zurück.
Sie ist hier. Ich weiß, dass sie hier ist. Lumiya... ist hier.
Luke gewahrte die Präsenz eines gefährlichen, verbitterten Gegners und wusste, dass er sie finden musste, bevor sie ihm und seiner Familie Schaden zufügte. Es sah ihr absolut ähnlich, die Unruhe in der Galaxis zu ihrem Vorteil zu nutzen, um ihre eigenen Schachzüge zu verschleiern.
Jacen sah Luke an. »Stimmt etwas nicht, Onkel?«
Soll ich Jacen warnen, dass Lumiya zurückgekehrt ist? Wird er auf mich hören?
»Es ist nichts«, sagte Luke. »Bloß unangenehme Erinnerungen.«