19.
Was führt er im Schilde? Entweder leitet er die Garde, oder er tut es nicht. Ich weiß, dass er Ergebnisse bringt, aber er muss sich darüber klarwerden, ob er ein Kampfjägerpilot ist oder ein Colonel des Sondereinsatzkommandos. Ich weiß nicht, ob er einfach nur gern mit X-Flüglern herumspielt oder ob er versucht, Eindruck bei den Admirälen zu schinden. Vielleicht beides.
Captain Girdun, in einer Nachricht an seine Frau zum Thema Colonel Jacen Solo
BASIS DER 3. FLOTTE, CORUSCANT
Es war ein Traum. Ein richtiger Traum, hoffte Luke, von der Art, wie man sie bekam, wenn man zur Schlafenszeit zu viel aß oder zu viel Stress ausgesetzt war. Ein Traum und keine MachtVision.
Aber er hatte ihn früh geweckt. Sein Sohn Ben kam darin vor, den Kopf in den Händen, weinend, schluchzend: »Der Preis ist zu hoch. Der Preis ist zu hoch.«
Das klang nicht nach dem, was Ben sagen würde, aber dann verwandelte sich Ben beinahe direkt vor seinen Augen in einen anderen Mann. Luke saß in der verwaisten Offiziersmesse der Basis der dritten Flotte und wartete auf Jaina. Sein Blick ruhte auf einer Reihe von Schiffsaufzeichnungen, die ordentlich entlang der Pleekholzvertäfelung hinter der Theke aufgehängt waren.
Nein, militärische Disziplin ging ihn nichts an. Aber Jacen Solo schon.
Als Jaina eintraf, trug sie immer noch ihren orangefarbenen Pilotenoverall und nahm mit gemessener Sorgfalt in dem Stuhl neben ihm Platz.
»Danke, dass du gekommen bist, Onkel Luke.«
»Ich wollte deine Version der Geschichte hören. Ich glaube nicht, dass Jaina Solo während eines Gefechts jemals die Flucht ergreifen würde.«
»Ich bin vom Dienst suspendiert.«
Es gab keinen Grund, ihr zu erzählen, dass der Klatsch in der Flotte bereits die Runde gemacht hatte: Sie hatte sich geweigert, einen Angriffsbefehl zu befolgen. Das war die Art Sache, die einer ranghohen Jedi-Pilotin jede Menge Aufmerksamkeit einbrachte.
»Was ist passiert?«
»Ich fand nicht, dass es. angemessen war, den Angriff auf ein ziviles Schiff fortzusetzen, das bereits auf dem Rückzug war.«
Luke kannte die Antwort darauf, aber er fragte dennoch. »Wer hat dir das befohlen?«
»Jacen.«
»Hat das Schiff auf Allianzgefährte gefeuert?«
»Nein, aber es hat die Exklusionszone durchbrochen und Jacen ins Visier genommen. Ich habe die Laserkanonen an achtern ausgeschaltet, aber es war trotzdem noch imstande, zu feuern. Doch das Schiff hat sich aus der Exklusionszone zurückzogen, und trotzdem befahl mir Jacen, das Feuer darauf zu eröffnen.« Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jaina gefasst und professionell gewirkt, hatte alles in militärische Begriffe dargelegt. Nun aber vertiefte sich ihr Stirnrunzeln, und sie fuhr fort: »Es war einfach falsch, Onkel Luke. Er wollte zerstören. Er wollte ihnen eine Lektion erteilen. Ich habe es gespürt.«
Luke grübelte über Verhaltensregeln im Kampf nach. Technisch gesehen war der Frachter eine erwiesene Bedrohung gewesen. Er hätte noch immer Allianzschiffe angreifen können, selbst wenn er sich aus der Exklusionszone zurückgezogen hatte. Technisch gesehen hatte Jacen richtig gehandelt.
Wäre es nicht um Jacen gegangen, hätte Luke das Ganze darauf zurückgeführt, dass Leute im Kampf nun mal in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen mussten, und es betrübt hingenommen. Aber Jacen hatte es befohlen - ein weiterer Vorfall, der Luke zeigte, wie weit sich sein Neffe auf die Dunkle Seite zubewegte. Der Jacen, den er gekannt hatte, war verschwunden. Und Lumiya war in der Nähe. Sie war zurück, und das verhieß nichts Gutes.
Sie war hier. Er musste sie finden.
»Mom und Dad werden sich wegen mir schämen«, sagte Jaina. »Bitte, erzähl es ihnen nicht. Ich mache es selbst, wenn ich dazu bereit bin.«
»Sie wissen, was für ein Mensch du bist.« Luke streckte den Arm aus und ergriff ihre Hände. »Aber warum hast du dich nicht zur Wehr gesetzt?«
»Weil jeder denken würde, dass ich jammere, wenn ich irgendwem erzähle, was passiert ist. Du weißt schon: Alle anderen haben getan, was ihnen aufgetragen wurde, aber Jaina Solo glaubt, dass sie über solchen Befehlen steht.«
»Ich weiß, dass du recht hast, Jaina.«
»Du hättest nicht geschossen, oder?«
»Ich habe damit gemeint, dass ich weiß, dass sich Jacen der Dunklen Seite zuwendet, und dass das über alles hinausgeht, was du oder ich getan haben, als wir uns dort hinwagten.«
»Ich will nicht recht haben.«
»Ich auch nicht.«
»Du streitest dich deswegen mit Mara, nicht wahr?«, sagte Jaina.
»Manchmal.«
»Kann sie nicht sehen, wie er heutzutage ist?«
»Sie sieht es, aber sie hat eine andere Erklärung dafür. Und wir leben in schwierigen Zeiten.«
»Das tun wir immer. Das ist keine Entschuldigung.«
»Also, was wirst du jetzt tun, da du am Boden festsitzt?«, fragte Luke.
»Bis ich mich vor dem Militärgericht verantworten muss -keine Ahnung. Kann ich dir irgendwie von Nutzen sein? Ich könnte mich auf die Suche nach Mom und Dad machen, aber ich glaube nicht, dass ihnen das im Augenblick helfen würde.«
»Ich werde mir etwas überlegen. Wie nimmt Zekk die Sache auf?«
»Er versucht, verständnisvoll zu sein. Ich will nicht, dass man mich versteht. Ich will bloß, dass dieser Irrsinn ein Ende hat.«
»Ich auch«, sagte Luke. »Komm mit. Komm mit und iss mit Mara und mir zu Mittag. Wir sehen dich in letzter Zeit zu selten.«
»Bist du mit Mom und Dad in Kontakt?«
»Wenn du damit meinst, ob wir miteinander reden - nicht viel. Aber ich bin immer in Kontakt zu Leia. Ich fürchte, zu deinem Dad habe ich irgendwie den Draht verloren.« Luke konnte sich an die Zeit erinnern, als sie drei unzertrennlich gewesen waren. Damals war es unmöglich gewesen, sich vorzustellen, dass es jemals eine Kluft zwischen ihnen geben oder dass sie auf unterschiedlichen Seiten kämpfen würden. »Er fehlt mir.«
»Ich wette, du fehlst ihm auch.«
Auf dem Rückweg zum Apartment schien der Verkehr auf den Straßen langsamer zu fließen als sonst. Der Strom aus Luftspeedern staute sich. Luke schaltete auf den Holonachrichten-Verkehrskanal um, um herauszufinden, woran die Verzögerung lag, und hörte, dass eine Reihe von Skylanes geschlossen worden war und der Verkehr umgeleitet wurde, während CSK-Beamte nach einem Aufruhr aufräumten.
»Wir sollten uns besser an so was gewöhnen«, sagte Jaina. »Die Allianz hat nicht nur Corellia gegen sich aufgebracht, sondern auch noch einen ganzen Haufen anderer Leute.«
Luke fühlte, wie Ben, der sich irgendwo anders aufhielt, von einem plötzlichen, kurzen Schmerz befallen wurde. Nicht, weil er in Schwierigkeiten steckte. Nicht, weil er in Gefahr war. Nein, es war ein emotionaler Schmerz. Das Gefühl war schwach, fast wie eine unvollständige Erinnerung, und dann war es wieder verschwunden, als würde es wieder unter Verschluss gehalten. Er fragte sich, warum er davon vorher nichts bemerkt hatte. Alarmiert aktivierte er sein Komlink und rief Mara an.
»Liebling, ist Ben bei dir.«
»Nein.« Ihre Stimme klang angespannt, als sie fragte: »Was ist los?«
»Kannst du ihn fühlen? Ist er in Ordnung?«
»Ich kann nicht das Geringste fühlen. Keine Spur von ihm.«
Jacen. Luke wusste, dass sein Neffe aus der Macht verschwinden konnte, wenn er wollte. Vielleicht konnte er auch die Präsenz anderer verschleiern. Ben war bei ihm, so viel wusste er. Und er konnte Jacen überhaupt nicht spüren.
»In Ordnung, Liebes. Ich wollte nur sichergehen. Ich bin auf dem Heimweg, mit Jaina.«
Er schaltete das Komlink ab und sah sich nach einer anderen
Route nach Hause um. Es gab im Augenblick keinen Grund, Ben zu jagen und sich wieder mit ihm zu streiten. Als sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, schien Ben dicht davor zu sein, selbst dahinterzukommen, was vorging. Einen Jedi zu irgendetwas zu zwingen war stets von zweifelhaftem Nutzen, selbst wenn dieser Jedi der eigene kleine Sohn war.
»Du musst Ben von Jacen wegholen«, sagte Jaina unvermittelt.
»Ich weiß«, erwiderte Luke. »Ich versuche, ihn dazu zu bringen, diese Entscheidung selbst zu treffen. Wenn ich ihn dazu zwinge, mache ich Jacen damit in seinen Augen zum Märtyrer.«
»Ist es falsch von mir, so etwas über meinen eigenen Bruder zu denken?«
»Was sagen deine Sinne dir?«
»Dass er mir eines Tages irgendwie das Herz brechen wird.«
»Ja«, sagte Luke. »Wir müssen dafür sorgen, dass das nie passiert.«
Aber das ist es bereits, dachte er. Das ist es bereits.
DAS APARTMENT DER SOLOS, CORONET, CORELLIA
»Das muss man Gejjen lassen«, sagte Han. »Er muss das alles geplant haben.«
Fett hatte sich bereits einen schnellen Fluchtweg aus dem schäbigen, anonymen Apartment der Solos zurechtgelegt.
Vom Fenster aus konnte er die roten Blinklichter der Speeder der corellianischen Sicherheitskräfte sehen, die über die Stadt jagten. Als er sein Bankkonto überprüfte - eins davon -, war er bereits um eine Million Credits reicher. Gejjen zahlte wirklich prompt.
Mirta warf Han einen argwöhnischen Blick zu. »Vergessen Sie Gejjen. Rufen Sie Ihren Sohn an.«
Leia Solo - trotz des Jahrzehnts, das vergangen war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, hatte Fett sie sofort erkannt -hielt sich ein Komlink ans Ohr. »Ich versuche es.« Sie starrte das Komlink verbittert an und ließ es dann zuschnappen. »Fr antwortet nicht. Versuchen wir es mit der Jedi-Methode. Das erregt normalerweise seine Aufmerksamkeit.«
Sie legte ihre Hände vor sich zusammen und schloss einen Moment lang die Augen. Fett hatte nichts für Jedi übrig: Sie waren eine Aristokratie, Gewinner in einer genetischen Lotterie, und dieser Mangel an Verdiensten, um in den Genuss dieser Macht-Fähigkeiten zu kommen, wurmte einen Mandalorianer gewaltig. Doch trotz all der LichtschwertTrophäen, die er von Jedi-Kopfgeldaufträgen aufbewahrte, wusste Fett, dass sie ihren Nutzen hatten.
Alles, was mich im Moment interessiert, ist Ailyn. Soweit es mich betrifft, kann Corellia meinetwegen niederbrennen.
»Machen Sie irgendwas von diesem Jedi-Gedankenzeug?«, wollte Mirta wissen.
Leia öffnete ihre Augen und wirkte nicht amüsiert. »Ich strecke meine Sinne in der Macht nach meinem Sohn aus, um ihn spüren zu lassen, dass ich mit ihm reden muss. Er wird wissen, dass ich es bin.«
Ein Holoschirm an der Wand zeigte einen beunruhigt aussehenden Nachrichtensprecher, der verkündete, dass der Präsident ermordet worden war. Der Vizepräsident, Vol Barad. angemessen respektvoll, zollte Sal-Solo Anerkennung und sagte, dass eine Krisensitzung mit den Führern aller politischen Parteien einberufen worden war, »um einen Weg nach vorn auszuarbeiten«.
»Das erste Mal, dass man ihm erlaubt, in der Öffentlichkeit zu sprechen, seit Thrackan an die Macht kam«, sagte Han. »Heute ist sein Glückstag.«
»Komm schon. Jacen«, murmelte Leia.
Han, auf den Holoschirm fixiert, schnaubte verächtlich. »Ah, da ist unser kleiner Spezi ja.«
Fett drehte sich um und sah, dass Dur Gejjen interviewt wurde. Er war vollkommen ruhig, wirkte betrübt und sprach über sein Entsetzen angesichts dieser Neuigkeit. Er war ziemlich überzeugend. Ein gefährlicher junger Mann, entschied Fett, und einer, der eine großartige politische Karriere vor sich hatte. Er würde Han Solo zum Frühstück verspeisen. Vielleicht war Leia in der Lage, mit ihm zurechtzukommen.
»Er spricht über eine Regierungskoalition.«, murmelte Han.
»Die Beute wird geteilt«, sagte Fett.
»Thrackan muss mehr Leuten auf die Nerven gegangen sein, als ich dachte. Mir war nicht klar, dass ihn sogar seine eigene Partei so sehr hasst.«
»Vielleicht stellen sie eine Statue von dir auf, Solo.«
»He, es ist deine fröhliche kleine Partnerin hier, die ihn erledigt hat, Kumpel.«
Mirta hatte begonnen, in dem Apartment auf und ab zu gehen, wobei sie sowohl die Türen als auch die Fenster im Auge behielt. Leia aktivierte ihr Komlink. »Ich versuch's noch mal.«
»Thrackan hat gesagt, dass da draußen immer noch andere Attentäter sind«, sagte Han leise.
Fett zuckte mit den Schultern. »Jetzt, da sie wissen, dass er tot ist, nicht mehr.«
»Bist du sicher?«
»Wenn sie nicht dafür bezahlt werden, warum sollten sie dann versuchen, dich zu töten?« Fett fragte sich, ob er Han auch noch darauf hinweisen sollte, dass er von Gejjen und seinen Kumpanen mehr zu befürchten hatte als von einem ehrhaften Auftragsmörder, doch Han sollte eigentlich selbst dahinterkommen. Jemand, der einen Mordanschlag auf einen rivalisierenden Politiker in Auftrag gab, würde kaum Gewissensbisse haben, auch Han Solo als unliebsamen Zeugen beseitigen zu lassen.
Fett war froh, dass er in einem Geschäft tätig war, in dem die Regeln klar und sauber waren.
»Jacen! Jacen, es ist dringend.«, sagte Leia plötzlich, und im Raum kehrte Stille ein. Fett schaltete den Ton des Holoschirms aus. Nur eine Seite der Unterhaltung zu hören war quälend. Wie sieht sie jetzt aus? Ist sie verheiratet? Hat sie eine Familie? Wie kriege ich sie dazu, mir zuzuhören?
Und was werde ich zu ihr sagen?
»Jacen«, sagte Leia. »Thrackan ist tot. - Frag nicht. - Nein, rede mit deinem Vater darüber.«
»Ailyn«, unterbrach Mirta. »Fragen Sie ihn nach Ailyn.«
Leia nickte nachdrücklich. »Jacen, die Sache ist wichtig. Du hast gesagt, du hättest eine Kopfgeldjägerin namens Ailyn Habuur verhaftet. Dein Vater hat sich wegen Thrackan auf ein Geschäft eingelassen. - Nein, hör mir zu, Jacen, du musst mir zuhören! - Jetzt, da Thrackan tot ist, ist die Frau keine Gefahr mehr, und ihr Vater will sie unbedingt sehen! - Jacen?«
Fett spürte, wie trotz der Klimasteuerung in seinem Helm Schweiß auf seiner Oberlippe perlte.
»Jacen, wiederhol das!«
Leias Blick verharrte irgendwo in der Ferne und flackerte dann, als hätte sie eine Erwiderung gehört, mit der sie nicht gerechnet hatte.
»Jacen, ihr Vater ist Boba Fett.«
Was auch immer Jacen gesagt hatte, Leia hatte Probleme, es zu begreifen. Sie schloss ihr Komlink und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, ohne ihn oder Mirta richtig anzusehen.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich weiß nicht, wie ich euch das sagen soll, aber Ailyn Habuur ist gestorben. beim Verhör.«
Nein. Nein. Ich wollte mit ihr reden. Ich wollte die Dinge in Ordnung bringen...
Fett versuchte sich einzureden, dass er sich um nichts und niemanden scherte und dass Ailyn eine Fremde für ihn gewesen war. Aber das war eine Lüge. Der Umstand, dass er sie zuletzt als Baby gesehen und dass sie schließlich versucht hatte, ihn zu töten, änderte nicht das Geringste daran, dass sie seine Tochter war. Er starb, und er wollte sie sehen.
Er taumelte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er sah Mirta Gev an, und sie starrte zu ihm zurück, und ihre Miene wirkte gequält. Es gab kein anderes Wort dafür.
Dann richtete sie ihren Blaster auf ihn. Sein Instinkt ließ ihn nach seinem eigenen greifen, und das Nächste, was er sah, war ein Blitz aus weißem Feuer - und Leia Solo, die beide Hände ausstreckte, als könne sie die pure Energie damit auffangen.
Mirtas Blaster flog hoch in die Luft und klapperte über den Fliesenboden.