Malachy war in meine Wohnung gekommen, und wenn ich sage, dass mich das verblüffte, ist das sehr milde ausgedrückt. Er sagte:

»Ich hörte, du hast eine neue Bleibe, und habe ein Brigittenkreuz mitgebracht, damit das Heim schön sicher bleibt.«

Ich bot ihm Tee an, und er schnappte:

»Tee, das nennst du Gastlichkeit? Hast du nie davon gehört, dass man immer was zum Anbieten im Hause haben sollte?«

Ich bleckte ihn an, sagte:

»Hier gibt es nichts zu saufen.«

Er steckte sich eine Lulle an, fragte nicht, ob das stört – dabei trug ich immer noch meine Pflaster. Dann richtete sich sein Blick auf den winzigen Silberschwan, der sich ins Bücherregal schmiegte.

Er bölkte:

»Wie bist du denn an den gekommen?«

Ich war verwirrt, fragte:

»Was …? Warum …?«

Er war bleich geworden – keine üble Leistung, wenn man derart rote Apfelbäckchen hat, sagte:

»In der Hand von Pater Joyce, als seine Leiche gefunden wurde …, da hielt er ihn umklammert, diesen … Vogel.«

Das Zimmer drehte sich um mich, als mir dämmerte, was das bedeutete. Es hatte nur zwei gegeben, beide gehörten Kate. Ich musste mich hinsetzen, tief einatmen, fragte dann:

»Die Nonne, Schwester Mary Joseph, geht es ihr gut?«

Er war zornig, sagte:

»Du Dummkopf, sie wurde ertrunken aufgefunden. Muss ins Wasser gefallen sein, als sie die Schwäne gefüttert hat.«

Ich riskierte die Pleite, fragte:

»Michael Clare?«

»Der …«

In galledurchtränktem Ton sagte er:

»Hat sein Auto vor eine Mauer gesetzt. Weg mit Schaden.«

Und plötzlich war es klar. Michael Clare hatte die Nonne abgemurkst, aber Kate … Kate hatte Pater Joyce abgemurkst. Sie hatte die Kraft, und dass sie den Schwan dagelassen hatte –, eine Art poetischer Gerechtigkeit? Ihre Art, sich Zugang zu verschaffen –, nicht zur Welt, aber zu Michael. Vielleicht war sie aber auch nur nachlässig gewesen. Wenn man jemandem den Kopf abgeschnitten hat, gehört klares Denken vielleicht nicht zu den stärksten Seiten, die man in dem Moment so hat.

Ich sagte:

»Ich möchte, dass Sie jetzt gehen.«

»Was? Ich bin gerade erst gekommen. Willst du nicht, dass ich die Zimmer segne?«

Ich stand auf, sagte:

»Ihren Segen können Sie sich wohin schieben.«

Er erwog, in Kampfstellung zu gehen, sagte aber:

»Es ist dir wohl einfach nicht gegeben, dich einigermaßen gesittet zu zeigen, stimmt’s?«

Evelyn Waugh hat einmal gesagt:

»Sie wissen nicht, um wie viel ekelhafter ich wäre, wenn ich nicht Katholik geworden wäre.«

Ich ging mit Orwells Spruch konform:

»Man kann nicht gleichzeitig katholisch und erwachsen sein.«

Niemand wird in Galway erschossen, ich meine, es passiert einfach nicht. Zumindest noch nicht. Angeblich kriegen wir bald eine Starbucks-Filiale, also ist alles möglich, aber Schießereien? Nein. Na ja, vielleicht in einem Jahr, wer weiß?

Wir haben es nicht allzu weit bis zur Grenze, und natürlich, theoretisch könnte man sich vorstellen, dass man in einer klaren, stillen Nacht was hört.

Aber das ist Quatsch, und wenn uns etwas fernliegt, dann Wunschdenken. Ich wusste, dass Kate auf Fasanenjagd ging, dass der Stalker wegen Besitzes einer großkalibrigen Flinte festgenommen worden war und dass Cathy in den Kneipen damit angab, dass sie mich abknallen werde, aber deswegen hielt ich nicht inne oder überprüfte die Dächer. Ich war so froh, weil ich trocken war, weil ich aus dem Krankenhaus raus war und nicht mal rauchte – da hatte ich Feuerwaffen einfach nicht auf meiner Agenda.

Sie waren mir nicht unvertraut, aber ich war bestimmt nicht in den Breiten zugange, wo Gewehre erwartet werden.

Wellewulst hatte mich vor Kurzem gesegnet, sie hatte zu mir gesagt:

»Bhî cúramach«, sei vorsichtig … Ich wünschte, ich hätte auf sie gehört.

Ich war zu einem Frühmorgenspaziergang aufgebrochen, wobei früh so gegen halb elf ist, trainierte mir das Hinken aus dem Bein. War durch die Stadt geschlendert, hatte gedacht, ich sehe mir den Ozean an. Auf die Uhr gesehen und gewusst, dass in den nächsten zehn Minuten ein Bus fuhr. Ich hatte das obere Ende vom Eyre Square erreicht, als Cody aus dem Nirgendwo erschien, links neben mir in den gleichen Schritt fiel, sagte, indem er einen Blick auf die Lederjacke warf:

»Sie sind der Boss.«

Ich lächelte, und er fügte hinzu:

»Ich habe eine tolle Idee für uns.«

Ich bekam sie nie zu hören.

Ich dachte gerade an meinen Vater, als meine Mutter wieder ihre üblichen Faxen machte, irgendein Geschiss wegen der Miete oder einer nah verwandten Angelegenheit. Mein Vater hatte mir zugeflüstert:

»Sie meint es doch nur gut.«

Erstaunt mich immer wieder, wie wir das verabscheuungswürdigste Verhalten mit dieser Lüge entschuldigen, und ich habe nie auch nur eine Scheißsekunde lang geglaubt, dass die Gemeinen es gut meinen. Aber sie verlassen sich fest darauf, dass wir sie entschuldigen, und so haben sie ein Mandat, ihren Zyklus der getarnten Böswilligkeit fortzusetzen. Cody, der annahm, ich hörte gar nicht zu, wechselte auf meine rechte Seite und hinderte die Sonne daran, mich zu bescheinen.

Ich hörte einen Knall, wie die sprichwörtliche Fehlzündung bei einem Auto.

Jemand schrie:

»Heiland, da ist ein Scharfschütze …«

Genau da, wo ich gewesen war, wo Cody jetzt stand, genau da schlug die Kugel ein. Traf ihn in die Brust. Ein zweiter Schuss riss zweieinhalb Zentimeter höher ein Loch, und ich erinnerte mich an Cathy, an ihre Worte:

»Wenn ich jemandem in den Kopf schießen will, treffe ich immer zu tief.«

Wie passend, dachte ich, dass ich im Kennedy-Park war. Ein Mann rief:

»Rufen Sie einen Krankenwagen!«

Blutspritzer waren überall auf meiner glänzend neuen Jacke.

Dann eine andere Stimme, besorgt, wissend:

»Nein, rufen Sie … einen … Priester.«

So viel zum Thema Ironie. Hätte ich lachen können, hätte ich gelacht, aber mir war die Kehle zugeschnürt. Ich hätte sagen wollen:

»Diesen Tag kannst du vergessen, Cody, der war ein Schuss in den Ofen.«

Ich kniete mich neben Cody hin, sein Blut quoll mir durch die Hände. Hinter mir klagte ein Klageweib: Oh süßer Jesus mein. Sie begann, mir die Schulter zu massieren – das fand ich lästig, sehr lästig. Da war ein leichter Druck von Codys Hand, er versuchte, mir die Hand zu quetschen, aber es ließ nach.

Meine Augen waren nass. Erst dachte ich, es wäre Blut, dann wurde mir klar, dass es Tränen waren. Die Frau massierte mir immer noch die Schulter, und ich hörte, wie sie zu jemandem sagte, ich glaube, ich hörte sie sagen: Es ist sein Sohn. Ich weiß, dass sie mir weiter die Schulter knetete.