Das Allerseltsamste war passiert. In der Nacht zuvor hatte ich von Wellewulst geträumt, und zwar, auch wenn es mich umbringt, das zu sagen, in, Heiland auch, romantischer Weise. Wie abseitig ist das denn?

Im Traum lag sie mir in den Armen, und ich hielt sie so fest wie einen Rosenkranz. Sie wandte mir ihr Gesicht zu, damit ich es küsste, und dann … Oh Gott, ich wachte auf, voller Schuldgefühle, in Hochstimmung, verwirrt, zornig –, das übliche Morgengepäck. Schlimmer, ich konnte immer noch ihre Berührung in meinen Armen spüren und vermisste sie. Kein Narr ist so närrisch wie ein alter, versoffener, nasser Narr. Ich glaube, mein Gesicht wurde rot, als mir klar wurde, dass ich glücklich gewesen war.

Von allen bescheuerten Ideen war dies eine der schlimmsten, die man kriegen konnte. Ich war was? Kurz davor, mich in die eine Frau zu verknallen, die total nicht zu haben war? Auf jeder Ebene? In diesen wenigen Momenten hasste ich mich heftiger als gewöhnlich, und dabei machte ich, was Selbsthass betraf, bereits tüchtig Quote. Ich beschloss, jeden entsprechenden irrsinnigen Impuls zu unterdrücken und ihn, wenn er wieder aufflackern sollte, umgehend zu ersticken. Wenn ich je verrückt genug sein sollte, ihr von diesem bekloppten Traum zu berichten, konnte ich mir lebhaft ihr Gesicht vorstellen, voller Mitleid und Abscheu. Dies Bild hilft gegen Liebe. Rasch.

Es nervte mich und damit Schluss.

Ich holte das Wörterbuch, schlug das Wort nach, das ich brauchte, und, jawoll, es passte.

So gerüstet, gebrauchte ich es laut, quengelte:

»Nichts war’s als Transsudation.«

Half das?

Ja. Genau.

Es gibt eine Heilung für die meisten Leiden, eine idiotensichere Methode, um einen zurück in die Wirklichkeit zu rütteln, und die Methode ist so irisch, dass man sie für ein Klischee halten könnte, oder, noch schlimmer, für einen irischen Witz.

Es ist der Friedhof.

Fort Hill ist nah am Hafen. Man sieht nach Norden, und unweit ragt das Hotel Radisson. Vor dem Eingang zum Friedhof erstreckt sich der Lough Atalia. Ich hatte einen Blumenstrauß gekauft – rote und weiße Rosen – und ihn, geniert, in meine Reisetasche gestopft. Es war schon wieder schönes Wetter. Wenn das so weiterging, waren dies vielleicht die Voraussetzungen für einen halbherzigen Sommer. ’türlich lässt der Regen nie lange auf sich warten, aber das Ganze wiegt einen doch ziemlich in Sicherheit. Dann braucht man sich nur noch neue Sommerklamotten zu kaufen, und presto kommt mitten im Juni der Winter. Wir haben in Irland durchaus alle Jahreszeiten, nur eben alle am selben Tag.

Ich ging durch die Grabreihen, bis ich ein kleines Schild mit der Aufschrift fand:

Mrs Bailey

Einen Grabstein, wenn es einen geben sollte, bekam sie frühestens in einem Jahr. Welke Kränze lagen herum. Ich legte meine gequetschten Rosen dazu, immerhin, wenn sonst schon nichts, ein paar Farbtupfer. Ich wusste nie, was man an einem Grab macht. Kniet man oder steht man, blickt man feierlich drein …, was? Ich murmelte:

»Sie waren eine echte Dame, die echte Klasse hatte.«

Geht das als Gebet durch? Immerhin war es die Wahrheit. Ich sah eine Gestalt in Schwarz sich nähern und sagte:

»Priester auf neun Uhr.«

Als er noch näher kam, sah ich, wie er kräftig an einer Lulle zog, die Kippe dann in eine Gruppe von Grabsteinen warf. Ich wollte ganz dringend eine rauchen, fand aber, dass sich das auf dem Gottesacker nicht schickte. Ich erkannte ihn –, P. Malachy, den ständigen Begleiter meiner Mutter.

In Irland gibt es eine merkwürdige Erscheinung … Was rede ich da? Das ganze Land wimmelt von merkwürdigen Erscheinungen. Eine davon ist das Alleinstehende-Frau/Priester-Phänomen. Weibchen eines gewissen Alters – für gewöhnlich über fünfzig – adoptieren einen Priester, werden seine ständige Begleiterin, und niemand scheint Anstoß daran zu nehmen. Versuchen Sie mal, eine Nonne zu adoptieren. Man geht einfach davon aus, dass die Sache korrekt und in Züchten verläuft. Tatsächlich scheint Sex selten eine Rolle zu spielen, aber woher zum Teufel soll ich das wissen? Ich weiß nur, dass niemand was dagegen hat.

Manche Frauen haben Haustiere, andere legen sich einen zahmen Pfaffen zu. Malachy hatte zu meiner Mutter gehört, als wären die beiden an der Hüfte zusammengewachsen gewesen. Bei einem Thema waren sie auf jeden Fall einer Meinung: Ich war ein

Versager

Suffkopp

Taugenichts

Bösewicht.

Es gab schon Freundschaften, die mit weniger Gemeinsamkeit auskommen mussten.

Ich hatte ihn seit jenem Abend auf der Brücke nicht gesehen, und um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass er mir auch nur ein einziges Mal in den Sinn gekommen ist. Er war ein großer Mann und wie immer von einem Nebel aus Nikotin umhüllt. Ich habe noch nie einen so hingebungsvollen Raucher gesehen. Dabei bereiteten die Lullen ihm gar keinen Genuss. Im Gegenteil schienen sie seinen ohnehin kurzen Geduldsfaden zusätzlich zu beschneiden. Zu beobachten, wie er an einer Zichte sog, war eklig faszinierend. Er zog mit Wildheit an ihr, die Wangenknochen wölbten sich, die Augen versanken fast in ihren Höhlen. Die Anti-Raucher-Lobby könnte ihn auf ihre Plakate tun, er wäre eine kraftvolle Abschreckung. Er sagte:

»Taylor.«

Ich entschied, ihn mit vollem Titel anzureden, nur ganz geringfügig unverschämt, sagte:

»Pater Malachy.«

Warf ihn um. Er trug das obligatorische Schwarz, Priesterkragen über einem schweren schwarzen Pullover sichtbar. Schweiß kullerte an ihm herab. Ich sagte:

»Wusste gar nicht, dass das hier Ihr Sprengel ist.«

Wir würden uns offenkundig betragen, als hätte es den Vorfall auf der Brücke nie gegeben. Meinetwegen gern, in Leugnen war ich besonders gut.

»Ich habe dich gesehen, als du gekommen bist.«

»Und da sind Sie mir gefolgt? Von einem Priester beschattet zu werden, ich weiß nicht, ob das so gut ist, von ein bisschen ungewöhnlich ganz zu schweigen.«

Was immer es war, was ihn beschäftigte, es machte ihn sehr nervös. Er sagte:

»Ich brauche deine Hilfe.«

Genau dieselben Worte wie zuvor.

An denen er fast erstickte, er musste sie sich zwischen den Zähnen hervorquälen. Ich wollte dabei nicht behilflich sein, sagte nichts. Ließ, wie die Psychologen sagen, ein schwarzes Loch, ließ es ihn vollmachen. Ein Polizist von der Zivilstreife hatte mir mal gesagt, Schweigen sei das beste Werkzeug beim Verhör. Die Menschen ertragen es nicht, sie müssen dies Vakuum füllen.

Er füllte es.

Kramte nach seinen Lullen, steckte eine an, fragte:

»Kann ich dir ein Getränk ausgeben?«

Und sah mein Gesicht. Er – der mich jahrelang wegen Suffs gegeißelt hatte – versuchte umzudenken, umzulenken:

»Ich meine Tee … oder Kaffee. Wir können ins Radisson gehen, ist ein schönes Hotel.«

Ein schönes Nichtraucher-Hotel. Die Dienstleistungsindustrie lag mit der Regierung gerade im bitteren Clinch. Vom 1. Januar 2004 an sollte Rauchen in Kneipen, Restaurants, öffentlichen Gebäuden verboten sein. Das Verbot in den ersten beiden, behauptete die Industrie, würde den Tourismus umbringen, von den einheimischen Branchen ganz zu schweigen. Raucher könnten sich einen Kneipenbesuch ohne Nikotin nicht vorstellen und würden geloben, zu Hause zu bleiben.

Malachy hatte seine Fluppe immer noch in Arbeit, als wir uns in der urtümlich wirkenden Lounge niederließen. Ein Ober näherte sich, sah kurz den Rauch an, machte keine Vorschriften. Priester hatten immer noch eine gewisse Schlagkraft. Wir bestellten ein Kännchen Kaffee. Malachy setzte hinzu:

»Legen Sie ein paar Plätzchen auf einen Teller, dann sieht er nicht so leer aus, braver Junge.«

Der Junge war mindestens fünfunddreißig.

Ich hatte mir Malachy nie richtig angesehen, ich hatte nie über sein Alter oder Aussehen nachgedacht. Erschreckend, wenn man merkt, dass man einen Menschen in seiner Gänze abgetan hat, weil man ihn verabscheut. Jetzt hätte ich ihn auf Ende fünfzig geschätzt, und wenn man von seinem bleichen Gesicht und dem Ausdruck in seinen Augen ausging, musste jedes einzelne Jahr hart gewesen sein. Er hatte dichtes Haar, mit grauen Streifen, das letzte Mal Waschen lag lange zurück. Er hatte die Hände eines Straßenbauers, wie eine Figur aus einem Buch von Patrick MacGill. Alte Galwayer hätten ihn als Kohl-mit-Speck-Menschen beschrieben, mit einer Ladung Kartoffeln dabei, von denen die Butter troff. Hinterher bestimmt Apfelkompott mit einer Gallone Vanillesauce. Seine Sorte hatte die Straßen Englands erbaut.

Der Kaffee kam mit einem Teller Rich Tea-Kekse. Malachy bellte:

»Hoffe, sie sind frisch.«

Der Ober nickte sprachlos. Malachy griff sich die Rechnung, prüfte sie, sagte:

»Heiland.«

Ich wollte nach meinem Portemonnaie greifen, aber er prustete verächtlich, zog eine zerknitterte Banknote hervor und händigte sie aus. Der Ober sah ihn erwartungsvoll an, es erfolgte jedoch keine weitere Zahlung in Form von Trinkgeld. Ich schenkte den Kaffee ein, das Aroma war gut und stark. Ich fragte:

»Milch?«

Malachy schaufelte sich Kekse rein, die Lulle immer noch in Betrieb. Ich wollte fragen:

»Frühstück verpasst?«

Aber unser Verhältnis war bereits getrübt genug. Er fragte:

»Hast du das mit Pater Joyce gehört?«

Der geköpfte Priester. Ich nickte, und er sagte:

»Ganz schlimme Sache, das.«

Was eine ziemliche Untertreibung war. Er starrte ins Leere, versuchte es dann plötzlich ganz anders, fragte:

»Wie war es denn im … im, ämm … Krankenhaus?«

Ich wusste, dass der Begriff Irrenhaus ihm auf der Zunge gelegen hatte. Ich sagte:

»Still. Es war überraschend still.«

Er riskierte einen Blick auf mich, dann noch einen Keks, sagte:

»Ich hatte immer Angst vor solchen Orten, ich dachte, da wird ständig ganz laut geschrien.«

Ich dachte darüber nach, sagte:

»Oh, es wurde geschrien, aber es war lautlos. Die Wunder der Pharmazeutik. Und mich versorgten sie mit dem, was ich am meisten wollte –, Dumpfheit.«

Und mir wurde klar, dass ich mich, um es im heutigen Jargon zu sagen, auf jemanden einließ, auf einen Mann, der mir zuwider war. Nicht, dass ich sonst jemanden gehabt hätte. Die letzten paar Jahre hatten fast alle ausgelöscht, die ich kannte, Freunde und Familie. Man braucht einen ganz neuen Grad der Dumpfheit, um da reinen Tisch zu machen. Zu meiner Überraschung fragte ich:

»Wie ist das, Priester zu sein?«

Ich habe keine Ahnung, ob das pc ist, ob man so eine Frage überhaupt stellen darf, aber wir betraten beide Neuland. Er aß die Kekse auf, wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab, sagte:

»Es ist ein Job. Keiner, den ich mir ausgesucht hätte.«

Also muss man fragen, es aus ihm herauskriegen.

»Funktioniert es nicht andersrum? Sie sind derjenige, der, wie Sie es ausdrücken … ausgesucht werden sollte?«

Neue Lulle in Betrieb genommen. Ich hatte seit unserer Begegnung kein Bedürfnis nach einer verspürt, er war mit seiner Dauerqualmerei wirksamer als ein Nikotinpflaster. Er lachte böswillig und zornig, keine gute Mischung. Er sagte:

»Meine Mutter, gebe Gott ihr die Ruhe, wünschte sich inbrünstig, dass ich Priester werde. Sie dachte, dann würde echter Segen auf der Familie ruhen.«

Bei uns wird man nicht rot vor Zorn, bei uns wird man schwarz vor Zorn, und das war mir immer wie eine idiomatische Übertreibung vorgekommen. Ich schwöre, sein Gesicht wurde schieferfarben vor Wut. Ich versuchte, das Thema zu wechseln, fragte:

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

Er riss sich von dem Abgrund zurück, in den er gerade geblickt hatte, berührte den leeren Teller wie ein Blinder, suchte Krumen der Hoffnung, was weiß ich. Ich erkannte jenen großen Hunger, den Durst, der die innere Leere unterstreicht. Ich hatte Schnaps verwendet, um meine zu füllen –, es hatte nicht funktioniert. Vielleicht war Nikotin seine Methode. Er sagte:

»Die Erzdiözese ist wegen der … Verstrickungen von Pater Joyce sehr besorgt. Es gab Gerüchte wegen … Missbrauchs.«

Ich seufzte. Das Land rotierte immer noch nach Jahren des Entsetzens über die große Anzahl von Geistlichen, die wegen übelsten Kindesmissbrauchs angeklagt, verhaftet und überführt wurden. Immer wieder, bei jedem neuen Fall war der Grad des zugefügten Leidens unfassbar. Der Schlimmste von allen, Pater Brendan Smith, der überführt wurde und im Gefängnis starb, hatte während der Verkündung seines Urteilsspruchs in die Fernsehkamera geblickt und ein Gesicht gezeigt, das frei von jeder Reue war. Er wurde nachts beerdigt, und das ist Verurteilung genug. Ein anderer Priester, ebenfalls überführt, machte, als er in das Polizeiauto geschubst wurde, für die Kameras das V-Zeichen. Man brauchte keinen Experten zur Messung des Volkszorns.

Ich ließ mir das alles durch den Kopf gehen, fragte:

»Was soll ich denn Ihrer Ansicht nach um Himmels willen tun?«

Jetzt war er nervös, zappelte auf seinem Stuhl.

»Du hattest doch schon Erfolge, Fälle, die bereits abgeschlossen waren. Du hast … Lösungen gefunden.«

Ich hatte gerade einen Job bekommen, vielleicht eine richtige Wohnung, eine echte Erbschaft. Ich brauchte diesen Auftrag nicht. Ich fragte:

»Was ist mit der Polizei?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wir brauchen Diskretion. Eine hochprofilige Ermittlung ist das Letzte, was wir gebrauchen können.«

»Die ist aber doch bestimmt längst in vollem Gange.«

Er sah mich an, flehte:

»Jack, Pater Joyce wurde … vor einigen Jahren … wegen Belästigung angeklagt. Wir müssen das intern regeln.«

Intern. Schönes Wort. Die Kirche hatte immer schon Kinderschänder geschützt, die Opfer beleidigt und den Schuldigen in eine andere Gemeinde versetzt. Ein hochverdächtiges Ungeheuer auf eine neue, nichts ahnende Bevölkerung losgelassen. Ich fragte:

»Haben Sie die Namen der Opfer, die Anklage erhoben haben?«

Er griff in seine Tasche, holte ein Blatt Papier heraus, legte es auf den Tisch, sagte:

»Ich wusste doch, dass du hilfst, Jack.«

Ich schnappte:

»Hab ich nicht gesagt.«

Ich meinte, ein seltenes Lächeln zu entdecken, aber es war weg, bevor ich reagieren konnte. Ich nahm den Zettel, drei Namen und Adressen, fragte:

»Angenommen, nur mal angenommen, ich finde den Mann, kann es sogar beweisen. Was dann?«

Malachy stand auf.

»Wir werden ihn den zuständigen Stellen übergeben.«

Nichts in seinen Augen konnte mich zu der Annahme verleiten, in diesen Worten sei auch nur ein Fünkchen Wahrheit enthalten gewesen.

Wir gingen hinaus, und die Sonne stand noch immer hoch am Himmel.

Ich sah ihn an, sagte:

»Sie sind ein schlechter Lügner.«

»Was?«

Sein Gesicht bestätigte bereits meine Ahnung, und ich sagte:

»Das hat gar nichts mit der Erzdiözese zu tun, das ergibt keinen Sinn. Es hat mit Ihnen zu tun.«

Er starrte seine Schuhe an, dann:

»Stimmt leider.«

»Warum das Ganze?«

Er schien kurz vorm Hyperventilieren.

»Ich wurde beschuldigt … Vor zwei Jahren … Die gleiche schreckliche Sache.«

Schweiß quoll ihm aus der Stirn, sammelte sich, lief dann langsam in dünnen Bächen sein Gesicht herab, wie die Perlen eines Rosenkranzes, nur doppelt so bedeutungsvoll. Er zitterte.

»Priester zu sein ist wie Gekreuzigtwerden ohne Kreuz, weißt du … Von solchen Sehnsüchten gemartert …«

Das Wort Sehnsüchte war so stark sexuell befrachtet, dass ich einen Schritt zurücktrat, während ich im Kopf mit der Vorstellung kämpfte, wie er … was mit Jungs machte.

Er hastete weiter, wollte es verzweifelt loswerden.

»Und klar, manchmal sieht man einen Jungen … Die Unschuld, sie sehen aus wie Engelchen … Aber ich schwöre zu Christus, beim Grabe meiner toten Mutter, dass ich nie einen angerührt habe, noch nicht einmal, um ihm das Haar zu zerwuscheln. Man sieht einen Vater mit seinem Sohn, er zaust und wuschelt dem Jungen das Haar, überhaupt kein Problem, aber für uns, nur einmal … die Hand ausstrecken, den Fingern erlauben, ihn einen Augenblick lang zu streicheln, ach, süßer Jesus, das geht nicht. Man macht es einmal, hört vielleicht nie wieder damit auf.«

Ein Schluchzer entfuhr ihm, und ich fragte mich, ob er das, vielleicht nur einmal, genau das, getan hatte. Mit Stahl in der Stimme beschuldigte ich ihn:

»Sie Schwein, das haben Sie, stimmt’s? Sie haben einen Jungen angerührt, stimmt’s?«

Gram rüttelte an seinem Knochenbau. Die Lulle fiel ihm aus dem Mund, er wandte sich zu mir, die Hölle in den Augen, und streckte die Hand aus. Ich schnappte:

»Denken Sie nicht mal im Traum dran. Mein Ellbogen reißt schreckliche Wunden. Ich bin doch kein Messdiener.«

Sein Gesicht war reines und totales Leiden, und Gott weiß, dass ich Leiden in allen möglichen Verkleidungen gesehen habe. Er sagte, nein, flehte:

»Jack, bei allem, was heilig ist, ich mag daran gedacht haben, aber so was habe ich nie – möge ich in alle Ewigkeit in Verdammnis verrotten, wenn ich ein Wort der Lüge spreche –, nie getan.«

Jetzt steckte ich mir eine Lulle an, bot ihm keine an, behielt den Stahl in der Stimme, fragte:

»Und?«

»Ich wurde freigesprochen. Der Junge zog die Beschuldigung zurück, aber etwas bleibt immer hängen. Wenn der Killer es auf Priester abgesehen hat, die … du weißt schon?«

Es musste gesagt werden, also sagte ich es.

»Er hat es auf Pädophile abgesehen.«

Sein Kopf zuckte zurück, als hätte ich ihm eine gescheuert, dann:

»Ja.«

Ich begann wegzugehen. Er rief:

»Wirst du helfen, Jack?«

Ich wusste es nicht.

Ich wusste nicht einmal, ob ich ihm glaubte.