Diese Nacht wird als eine der merkwürdigsten meines merkwürdigen Lebens Bestand haben. Ich machte starken Kaffee, wirklich brillant, wenn man schlafen möchte, und, Mann, ich wollte nur noch schlafen. Aber die Musik, die Manie von Gewalt und Reue hatte mich gepackt, also spielte ich sämtliche traurigen Songs, die ich hatte, und ich hatte einen ganzen Haufen. Das Koffein war der Brennstoff für meinen Wahnsinn, und ich schwöre, ich glaube, das ganze emotionale Gewitter, dies Sperrfeuer schieren Gefühls, brachte mich auf Halluzination.
Ich sah draußen vor dem Fenster meinen Vater, und in den Armen hielt er Serena May.
Stellen Sie sich vor, wie es mir gegangen wäre, wenn ich getrunken hätte, wo dies die Reaktion auf Kaffee war, allerdings Kaffee in Unmengen. Gegen fünf Uhr morgens röhrte mein Magen Genug! und ich übergab mich, fiel dann, vollkaputt, aufs Bett und schlief wie ein geistesgestörtes Tier.
Am Morgen kam ich zu mir, und schlecht war mir wie einem Kesselflicker im Bauche der Bestie. Meine Klamotten stanken zum Himmel, und ich hatte so einen emotionalen Kater, wie ihn rekonvaleszente Alkoholiker gern erörtern. In einem Punkt haben sie recht: Er ist ein ziemlicher Sauhund. Ich vermisste Cody bereits. Dieser Junge – Heiland, fast hätte ich mein Junge gesagt – hatte mich verärgert, und ich hätte wenigstens versuchen können, die Sache in Ordnung zu bringen. Aber in diesem Moment und an diesem Ort brauchte ich erst mal einmal Duschen, keinerlei Kaffee und jede Menge Gebete.
Ich hatte das Reich des reinen Wahnsinns betreten. Das ist da, wo man tatsächlich glaubt, man sei normal. Es wurde an die Tür gehämmert, nicht höflich geklopft, sondern definitiv schwer gebollert. Mann, ich war bereit, es ordentlich krachen zu lassen, es sei denn, es war die Polizei. Zog die Tür auf.
Als ich zum ersten Mal in das Gebäude gekommen war, hatte mich einer der Bewohner angesprochen, gewarnt:
»Dies ist ein ruhiges Haus.«
Ich war fuchsteufelswild gewesen. Hier war er wieder. Etwa dreißig, trug eine zugeknöpfte grüne Strickjacke, Hemd und Schlips, schwere dunkle Hose und Pantoffeln, Nickelbrille, mit der er aussah wie ein Nazi. Ich sagte:
»Was?«
Er trat einen Schritt zurück. Mein Anblick war nicht ermutigend. Der zerknautschte Blazer, dreckige Hose und zweifellos Augen, aus denen der Irrsinn loderte. Er führte zur Beruhigung die Hand an den Schlips, sagte:
»Der Lärmpegel, der gestern Nacht aus Ihrer Wohnung drang, ist inakzeptabel.«
Ich packte ihn am Schlips, zerrte ihn heran, knurrte:
»Wer sind Sie denn, scheißenocheins?«
Spuckespritzer landeten auf seiner Strickjacke. Er war entsetzt, sah rasch die Spucke auf seiner Schulter an, stammelte:
»Ich bin Tony Smith. Ich leite das Komitee Hausgemeinschaft.«
Scheißkerle wie er hatten mein gesamtes Leben überschattet. Immer hatten sie ein Komitee oder eine Organisation gehabt, hinter der sie sich verstecken konnten. Von meinem Atem beschlug ihm die Brille. Ich zischte:
»Lassen Sie mich bloß in Ruhe. Seit dem Tag, an dem ich eingezogen bin, lesen Sie mir die Leviten. Jetzt werden Sie gleich levitieren. Wenn ich Sie je wiedersehe, breche ich Ihnen jeden einzelnen beschissenen Knochen im Leibe … Und wenn Sie die Polizei rufen wollen …«
Ich hielt inne, weniger wegen des Effekts – obwohl es durchaus seine Wirkung tat –, als um Luft zu holen, dann:
»Ich war selbst Polizist, und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.«
Ich ließ seinen Schlips los, und er taumelte rückwärts. Ich sagte:
»Wenn Sie je wieder an meine Tür donnern, bringen Sie außer Ihrer überheblichen Einstellung am besten noch eine Waffe mit. Jetzt verpissen Sie sich.«
Knallte ihm die Tür vor der erbärmlichen Nase zu, und mein Busen wogte von Adrenalin und Herzklopfen. In der Küche goss ich mir ein Glas Wasser ein, kippte die Hälfte. Ein Erdrutsch des Wahnsinns hatte mich erfasst.
Warum?
Weil ich nachweislich unzurechnungsfähig geworden war. Weil Michael Clare mir Sorgen machte, große Sorgen. Wäre ich ruhiger gewesen, hätte ich es weggesteckt, die Galle heruntergeschluckt und weitergemacht. Diesmal nicht.
Das Telefon klingelte. Ich hob ab, sagte:
»Ja?«
»Jack, hier ist Welle.«
»Und?«
So war es recht, ihr auch den Krieg zu erklären. Erst wusste sie nicht, was sie erwidern sollte, dann:
»Geht es Ihnen gut?«
»Besser ist es mir nie gegangen. Vielleicht geht es mir gerade so gut wie noch nie.«
Entrüstung in ihrer Stimme, als sie sich wieder meldete.
»Sie trinken. Oh Heilige Muttergottes, ich kann es nicht glauben.«
»Hey, Gott hat nichts damit zu tun, dies ist exklusiv ein Pakt mit dem Teufel, und ob Sie’s glauben oder nicht, ich habe nicht getrunken. Ich hatte es vor, ein Gläschen nur stand zwischen mir und dem Suff, aber nein, ich habe nicht getrunken … Hipp, hipp, hurra, oder?«
Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, sagte dann, fast resigniert: »Wir werden Ihnen Hilfe besorgen müssen.«
Das brachte mich auf –, und viel gehörte nicht dazu, mich auf Touren zu bringen. Ich äffte sie nach:
»Wir! Wer ist wir? Sie sind genau wie ich, Wellewulst –, wir haben niemanden. Aber Sie können etwas tun.«
»Sagen Sie’s mir.«
»Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram.«
Und endlich konnte ich mal den Hörer auf die Gabel knallen.
Ein Alki in voller trotziger Flucht ist ein wundersamer Anblick. Wie das Opfer eines Autounfalls, das schnurstracks in den Straßenverkehr rennt. Die Wut ist normalerweise kurzlebig, und ich hatte über eine Stunde lang Adrenalin und Aggression verbrannt, volle Socke Boogie-Woogie. Plötzlich kollabierte ich und krabbelte ins Bett, ohne den zerrissenen Blazer oder sonst was auszuziehen.
Die nächsten paar Tage waren Albträume in Neon, mit Schlaglichtern aus Angst, mit Schmerzen durchsetzt. Ineinander übergehendes Wachen und Schlafen, massive Schweißausbrüche, eiskaltes Frösteln und die gelegentliche Halluzination, aber nicht gesoffen. Schwach wie ein Kätzchen, gelang es mir, mich zu waschen, anzuziehen, zu ernähren, ohne etwas zu schmecken. Tackerte den Plan für das nackte Überleben an die Tür: essen, literweise Wasser trinken, waschen, wütend bleiben.
Mehr als irgendwas anderes demonstriert er ein Leben in reiner Sinnlosigkeit.
Ich würde gern sagen, dass es mit dem Plan klappte, dass ich eine Methode gefunden habe, zu funktionieren und nicht zu trinken.
Ich hatte keine gefunden.
Wenn man allein lebt, ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor auf dem Weg in den Wahn. Niemand da, der etwas missbilligen könnte. Solang ich mich von Spiegeln fernhielt, konnte ich mich in einer Welt der Illusion bewegen. Keine leichte Aufgabe, den Blick vom eigenen Abbild abgewandt zu halten, beim Rasieren.
Also ließ ich es.
Ich brauchte Milch und ging über die Straße zu einem kleinen Laden, der kaum noch zwischen die noblen Neubauten passte. Der Typ hinterm Ladentisch trug einen Turban. Immer stärker traten die Iren in den Hintergrund. Wir sagten nichts, beäugten einander nur mit wachsamem Argwohn. Fast hätte ich gesagt:
»Behandeln die Leute Sie gut?«
Aber ich wollte es nicht wissen. Wir behandelten unsere eigenen Leute wie Scheiße, warum also sollten wir einem unerwünschten Ausländer die Hand zum Bunde reichen? In den Krankenhäusern lagen die Patienten tagelang auf Schiebewägelchen herum, und das zu einer Zeit, da wir zur viertreichsten Nation der Welt erklärt worden waren. Ein älterer Mann kam in den Laden, kaufte eins der Revolverblätter und nickte mir zu. Ich grunzte, bloß nichts provozieren.
Als ich den Laden verließ, holte er mich ein, sagte:
»Sie sind der Taylor-Bursche?«
Ein bisschen Zoff kam mir jetzt gerade recht, ich fragte:
»Und?«
Falls er meine Feindseligkeit wahrnahm, scherte er sich nicht drum, sagte:
»Ich habe Sie letztens mit diesem jungen Mann gesehen. Ist das Ihr Sohn?«
Heiland.
Und ich sagte:
»Ja, ja, das ist er.«
Er lächelte riesenhaft, sagte:
»Der ist Ihnen ja wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.«
Und weg war er.
Und das Seltsamste – ich war entzückt.
Werde einer schlau draus.
Aber zurück in die Wohnung und die fortlaufende Demenz.
Wusste, dass ich aussah wie Scheiße. Jetzt konnte ich aussehen wie Scheiße mit Bart.
Eher selten als oft ließ ich ein Gegackel schwachsinnigen Gelächters frei, und das verschreckte mich nun wirklich. Wenn man sich selbst einen Schrecken einjagt, hat man einen Planeten von ungeahnter Finsternis erreicht.
Ich gewöhnte mir an, »Michael Clare« vor mich hin zu quengeln, wie ein Mantra, auf dem ein Fluch lag. Das kurbelte mich an, wenn der Alkzwang überwältigend zu werden schien. Irgendwo in meinem kranken, fieberhaften Geist setzte ich Clares Bloßstellung mit der Sühne für den Tod des Kindes gleich. Im misstönenden Schlaf kamen mehr als einmal Cathy und Jeff zu mir und intonierten: »Kindesmörder.«
Die Zerstörung von Michael Clare würde das kleine Mädchen nicht zurückbringen oder Jeff wiederherstellen, aber zumindest ein Gebiet der Finsternis mochte dann, und ich betone: mochte weniger Schatten bergen.
Ich begann meine Beute in der Bibliothek zu recherchieren, fand alte Zeitungen, durchforstete sie stundenlang gründlich, und er kam oft und oft in ihnen vor. Er war Mäzen und wurde andauernd auf Wohltätigkeitsveranstaltungen gesehen. Meine wichtigste Entdeckung war, dass er eine Schwester hatte, Cathleen, bekannt als Kate. Sie war ledig, wohnte in Salthill, und sehr viel mehr konnte ich nicht über sie finden. Also dachte ich mir, was soll’s, warum eigentlich nicht? Kaufte mir ein paar Klamotten bei der Seniorenhilfe, und es konnte losgehen. Hellblauen Anzug, weißes T-Shirt und Schuhe mit weicher Sohle. Mein Hinken machte sich ganz gewaltig bemerkbar. Das musste etwas mit dem Zorn zu tun haben, aber was hatte nichts mit dem Zorn zu tun? Trank einen Energie-Drink – irgend so eine Scheiße, die einem versprach, das spirituelle und physische Gleichgewicht zurückzubringen – und beschloss, zu Fuß hinzugehen. Die Seeluft würde mir guttun und mir ein bisschen Wind ins Gesicht pusten. Ich nahm den Weg über die Grattan Road, und ein paar Leute sagten Hallo, aber ich tat, als hätte ich sie nicht gehört. Ich erinnerte mich an den Rausschmeißermenschen, der gesagt hatte, er ginge über die Promenade und spreche nie mit einer Menschenseele. Das verstand ich jetzt besser. Erwartete halb, ihn zu treffen, traf ihn aber nicht.
Kate wohnte in einem neuen Block mit Eigentumswohnungen neben dem Blackrock Tower. Das Gebäude sah protzig, teuer aus, eine Liste von Namen neben der Gegensprechanlage. Da war sie: K. Clare. Es war heutzutage auf so einer Liste nicht ungefährlich, einen weiblichen Vornamen zu verwenden. Zeichen der Zeit, der auseinanderbröckelnden. Ich klingelte und hörte kurz darauf eine Frauenstimme:
»Ja?«
»Entschuldigen Sie die Störung, aber ich würde gern mit Ihnen über Ihren Bruder Michael sprechen. Wenn Sie Tom Reed kurz anrufen, wird er sich für mich verbürgen. Ich heiße Jack Taylor.«
Schweigen, und ich dachte, nein, das wird nichts. Dann:
»Sind Sie der Mann, der die Schwäne gerettet hat?«
Heiland, war das lange her. Mein Bild war in der Zeitung gewesen, und ich hatte eine Auszeichnung für meinen Heldenmut bekommen – überaus peinlich und zutiefst unverdient. Ich sagte:
»Ämm ja.«
Die Gegensprechanlage summte, und die Tür ging auf. Ihr Apartment war im zweiten Stock, und sie wartete an der Tür, ein Lächeln an der richtigen Stelle. Groß, in der späten Vierziger-Zone, die bei gewisser Beleuchtung als Mittdreißiger durchgeht – hauptsächlich auf Schönheits- und Gesundheitspflege sowie Bargeld zurückzuführen.
Das Allererste, was ich bemerkte, waren ihre Hände, unnatürlich groß für eine Frau und rau, als hätte sie ihr ganzes Leben lang Teller gewaschen, was ich ernsthaft bezweifelte. Sie sah meinen Blick, sagte:
»Ich schäme mich wegen dieser Hände, aber ich arbeite mit Pferden und kann sie ganz gut gebrauchen. Man braucht sehr starke Hände, um ein Pferd zu halten, das nicht gehalten werden will.«
Später las ich alles Mögliche an Bedeutung in diesen Ausspruch hinein. Damals ließ ich ihn einfach so stehen.
Schwarzes Haar bis auf die Schultern, ein marineblaues Kleid, das ihre Gestalt bestmöglich umarmte, und ein Gesicht, das nur einen Zoll weit von gewöhnlich entfernt war. Sie streckte die Hand aus, sagte:
»Ich bin froh, den Retter der Schwäne kennenzulernen.«
Ich nahm ihre Hand, spürte die Kraft und beschloss, sie in dem Glauben zu lassen, ich wäre ein Held. Sie winkte mich herein, und als Erstes sah ich gerahmte Fotos von den Schwänen im Claddagh-Becken, aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen. Eins war ganz besonders effektvoll, in der Abenddämmerung, was den Schwänen eine fast mythische Qualität verlieh. Ich sagte:
»Wow.«
Sie lachte, stimmte zu:
»Wunderschöne Geschöpfe.«
Das Apartment war schlicht, aber elegant möbliert – Geschmack und Geld sorgten für eine behagliche, entspannte Atmosphäre. Sie zeigte auf einen Sessel, und ich setzte mich. Sie war nervös, und mir wurde klar, wie lang es her war, dass ich eine Frau auch nur vage ansprechend gefunden hatte. Ich hatte jenen Teil meines Lebens völlig zugeklappt, nie erwartet, dass ich diese Gefühle je vermissen würde. Auf einem kleinen Tisch neben mir war ein winziger Silberschwan, exquisit gearbeitet, feinste Ausführung. Sie sagte:
»Den anderen habe ich verschenkt, an … Na, ich habe ihn verschenkt. Ein Fehler, ist mir jetzt klar geworden, aber damals kam es mir … angemessen vor.«
Sie fragte:
»Kann ich Ihnen etwas zu trinken besorgen?«
Machte es mir leicht. Also sagte ich:
»Vielleicht ein Glas Wasser.«
Sie sagte, vielleicht trinkt sie ein winziges Ideechen Whiskey mit Sprudelwasser, normalerweise mache sie sich gar nicht so viel aus Alkohol. Ich musste den Schrei ersticken: Halten Sie scheißenochmal das Maul! Trinken Sie ihn, trinken Sie ihn nicht, aber hören Sie um des lieben Himmels willen auf, davon zu reden. Ich schenkte ihr ein höfliches Lächeln – das Lächeln, welches besagt: »Ach, wir haben alle unsere kleinen Laster.«
Sie hielt eine Flasche Bushmills hoch, und ich kapitulierte – fast. Heiland, die Crème der Schnäpse, geht runter wie ein Traum. Sie sagte:
»Michael würde mich bereits für den Vorschlag umbringen, ihn mit Wasser zu verdünnen. Er sagt, Frauen wissen nicht, wie man edlen Whiskey behandelt.«
Die Wörter Michael und umbringen im selben Satz erinnerten mich daran, weshalb ich hier war, und ich spürte über mir eine Woge der Depression schweben. Sie überreichte mir einen schweren Becher aus Waterford-Kristallglas mit meinem Wasser. Ich hob ihn und sagte:
»Sláinte.«
Bekam ein kleines Lächeln zurück, dann fragte sie:
»Es geht um Michael?«
Ich erwog verschiedene ausweichende Taktiken, aber sie schien mir nicht der Typ, dem man eine Rettungsleine zuschießen muss, und ich sagte:
»Sein Name wurde in Zusammenhang mit dem Mord an Pater Joyce erwähnt.«
Wenn sie schockiert war, verbarg sie es gut. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Sie stellte ihr Glas auf einen kleinen Tisch, fragte:
»Und Ihr Interesse, Mr Taylor? Sie sind in keinerlei offiziellem Auftrag hier, glaube ich.«
Ihre Stimme war wie die von Michael, ein Hauch von englischem Akzent, aber ein kultivierterer Klang. Ich sagte:
»Ich soll Tom Reed und Michael aus dem Kreis der Verdächtigen eliminieren.«
Sie hielt meinen Blick mit ihrem fest und sagte:
»Wurden Sie von jemandem dazu beauftragt?«
Jetzt musste ich lügen, sagte:
»Die Kirche ist bestrebt, die Unschuld früherer Messdiener zu beweisen, um ihr in den Augen der Öffentlichkeit ohnehin fleckiges Bild nicht zusätzlich zu besudeln.«
Ich fand, das klang ganz schön plausibel. Ihre Augen blieben auf meine gerichtet, was ich beunruhigend fand. Sie fragte:
»Haben Sie sich mit Michael getroffen?«
Ich sagte, ja, hätte ich, und er sei überaus kooperativ gewesen. Sie stand auf, seufzte, sagte:
»Ich bezweifle das sehr, Mr Taylor.«
Erwischte mich kalt, und bevor ich reagieren konnte, fügte sie hinzu:
»Michael ist … bekümmert. Ich glaube, es ist die älteste Geschichte, die es gibt – Väter und Söhne. Er wollte unbedingt seinen Vater beeindrucken, aber leider ist ihm das nie gelungen, und die Tragödie ist, dass er es immer noch versucht. Er glaubt, wenn er diese Stadt in den massiven Wohlstand führt, wird mein Vater ihn endlich anerkennen. Mein Vater ist jetzt schon seit zwanzig Jahren tot.«
Ich hob mein Glas, um Zeit zu schinden, nahm einen anständigen Schluck und spürte, wie mir die reine Sanftheit die Kehle hinunterschoss, sagte:
»Haben Sie Kontakt mit ihm?«
»Wir haben Michael eingebüßt, als er zehn Jahre alt war, als … dieser … Priester ihn zerstörte. Zu unserer Schande haben wir ihm nie geglaubt. Meine Mutter hat ihn sogar furchtbar dafür verhauen, dass er die Wahrheit sagte –, wir waren an dem, was aus ihm geworden ist, so schuldig wie dieser … Geistliche … Michael und ich waren als Kinder praktisch unzertrennlich, sind überall zusammen hingegangen, haben alles zusammen gemacht, aber unser Schönstes war es, die Schwäne zu füttern. Wir haben Stunden am Claddagh-Becken verbracht, fasziniert von diesen wundersamen Geschöpfen.«
Dann setzte sie sich, sagte:
»Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Vielleicht, weil Sie die Schwäne gerettet haben, oder vielleicht musste ich es nur mal loswerden. Diese Silberschwäne, ich habe sie zu Michaels Siebenundzwanzigstem anfertigen lassen, eine letzte verzweifelte Anstrengung, mit ihm wieder Verbindung aufzunehmen. Er hat sie mir zurückgegeben, gesagt, er hasst diese gottverdammten Viecher.«
Ein Gedanke schlug zu, und ich sagte:
»Aber von seinem Büro überblickt man das Claddagh-Becken. Wenn er sie hasst, ist das doch der letzte Ort, wo man sein Kontor bezieht.«
Sie seufzte, dann:
»Er hat seinen Partner ausgezahlt, der ursprünglich dort sein Büro hatte. Kommerziell war es durchaus sinnvoll, dort zu bleiben. Aber Michael sieht sie sowieso nicht. Seit er zehn Jahre alt war, sieht er andere Dinge als Sie und ich.«
Ich musste fragen, stürzte mich hinein:
»Was meinen Sie, was er sieht?«
Sie überlegte.
»Ich glaube, er sieht unseren Vater, den strengen Blick. Mein Vater hasste Priester, er war sehr dagegen, dass Michael Messdiener wurde, aber es war der Wunsch meiner Mutter. Irische Frauen und Priester …«
Sie ließ das verklingen, und ich hätte sagen können:
»Da sind Sie bei mir an den verdammtescheißeaberauch Richtigen geraten. Meine eigene Mutter und Malachy, dieses Stück Abschaum.«
Stattdessen holte ich mir Michael vor mein geistiges Auge.
Als ich ihn besucht hatte und er am Fenster stand, als ich ging, seine Augen wie Glasscheiben, die nach innen blickten.
Ihr Glas war leer, und ich fragte, ob ich ihr ein neues holen könne. Sie sagte:
»Nein, das ist keine Lösung.«
Ich hätte ihr ein paar Geschichten von diesem Kriegsschauplatz erzählen können, um ihren Kommentar zu unterfüttern. Ich beschloss, ihr die Wahrheit zu sagen, sagte:
»Michael hat mir gesagt, er habe Pater Joyce umgebracht.«
Ihre Augen waren wieder auf meine gerichtet und dermaßen erfüllt von Trauer, dass ich sie, Kate, halten wollte – aber ich saß natürlich einfach nur so da, und sie sagte:
»Sie wollen von mir eine Bestätigung, dass es stimmen könnte, habe ich recht, Mr Taylor? Deshalb sind Sie hier.«
Ich wollte schreien: Ja, deshalb bin ich hier, aber scheiß doch auf Michael, scheiß auf sie alle. Ich wollte den Kampf aufgeben, sie waren zu mächtig. Ihre Stimme fast ein Flüstern, sodass ich mich vorbeugen musste, um sie zu verstehen, sagte sie:
»Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen, Mr Taylor. Drei Jungens, von einem Priester belästigt, werden erwachsen, und gemeinsam gewinnen sie die Kraft, diesen Mann anzuklagen, diese religiöse Ikone, wegen Missbrauchs an ihnen. Dann wird Michael dieser Vollblutgeschäftsmann, ein lebenswichtiger Faktor des Gemeinwesens, er golft mit den führenden Köpfen der Gesellschaft. Er muss also sein Image ändern, zumindest nach außen.«
Sie verstummte, sah kurz auf, als höre sie etwas, vielleicht die Stimme eines zehn Jahre alten Jungen, fügte dann hinzu:
»Aber egal, wie sehr man sich zu ändern scheint, ich vermag mir nicht vorzustellen, dass man jemals der Vergangenheit entfliehen kann.«
Weiter nichts. Ich fragte:
»Sie meinen, Michael …«
Sie schnitt mir das Wort ab, sagte:
»Wir waren in unserer Familie große Jäger. Schießen Sie, Mr Taylor?«
Von allen Fragen, die ich erwartet hatte, war diese nicht auf der Liste. Was sagt man dazu? Dass man, wenn man in Armut aufgewachsen ist, nur an der Schießbude geschossen hat. Ich wollte vorschlagen, dass sie vielleicht Cathy ein bisschen Unterricht gibt, ihr zeigt, wie man höher zielt, damit man höher trifft, beließ es aber stattdessen bei:
»Nein, das gehört nicht zu meinen Begabungen.«
Ließ ein bisschen Bitterkeit über die Worte sickern, und sie merkte es. Ihre Augen vollführten einen kleinen Tanz, dann sagte sie:
»Ich schieße, Mr Taylor, und ich trete in Turnieren an. Wenn jemand Michael etwas zuleide tun wollte, würde ich nicht zögern, unerbittlich auf den Betreffenden Jagd zu machen, wie sich das für derartiges Ungeziefer gehört.«
Ich gab so etwas wie ein Lachen von mir. Bedrohte sie mich? Dann ließ sie einen kleinen Seufzer hören, sagte:
»Ich glaube, Sie sollten gehen, Mr Taylor. Ich bin müde.«
Ein kleines Feuer glomm im Kamin. Es verlieh dem Zimmer eine Behaglichkeit, die reiner Schwindel war. Ich sah ordentliche Stapel Scheite neben dem Feuer, und eine kleine Axt. Ich wollte sie fragen, ob sie das Holz selbst hackt. Sie ging zum Kamin, legte ein Scheit in die Glut, und während sie das tat, ich weiß nicht, warum, klaute ich den Schwan. Nennen Sie es Trotzreaktion, Affekthandlung oder vielleicht einfach Diebstahl.
An der Tür versuchte ich, Worte zu finden, um meinen Abgang zu verzögern, aber es kam nichts. Ich wollte kühn werden, fragen:
»Hat sich Michael schon mal Ihre kleine Axt ausgeliehen?«
Aber ich war schon auf dem Flur, und sie machte die Tür zu.
Sehr leise.