Jeff ist weg.«
Ich traf mich mit Cody in der neuen Kaffeebar bei Jury’s. Sie protzten mit einem Verzeichnis von Designer-Mischungen. Cody trug eine strahlend hellbraune Lederjacke über einem T-Shirt, welches
We rock
behauptete.
Sein Haar stand unter Gel, und seine Eröffnungsbemerkung war die obige. Bevor ich etwas erwidern konnte, sagte er:
»Er wurde seit fünf Tagen nicht mehr gesehen. Obwohl er Teil der Trink-Akademie war, gehörte er nicht richtig dazu.«
Ich wollte fragen, wer denn wohl dazugehörte, aber er fuhr fort:
»Ich habe die Simonsgemeinschaft gecheckt, die Krankenhäuser, sogar das Leichenschauhaus, aber keine Spur von ihm. Diese Kneipe, die ihm gehörte, Nestor’s, steht zum Verkauf. Ein Typ, der da arbeitet, hat Ihren Freund schon seit Monaten nicht mehr gesehen.«
Ihren Freund – das brannte. Egal, was sonst, ein großer Freund war ich ihm nicht gewesen. Cody fügte hinzu:
»Seine Frau, Cathy … ist in Galway …«
Er ließ das im Raum stehen, um zu sehen, wie ich reagieren würde, und als ich nicht reagierte, machte er weiter:
»Ich habe in der Trink-Akademie ein bisschen Geld verteilt, meine Telefonnummer hinterlassen, gesagt, es gibt mehr, wenn sie irgendwas wissen.«
Er bedachte das, dann:
»Bei Obdachlosen, Trinkern, lässt die Konzentration rasch nach.«
Ich war beeindruckt von seinem Eifer, wie er überall an die Basis gegangen war.
»Sie haben gute Arbeit geleistet.«
Er lächelte wissend, sagte:
»Ich wurde für diese Auftritte geboren.«
Die Kellnerin fragte, was wir gern hätten, und Cody sagte:
»Schwarzen Kaffee, eine Kanne von dem Zeug, korrekt, Jack?«
»Warum nicht?«
Er griff in seine Jacke, holte eine Visitenkarte heraus, überreichte sie mir.
So:
Taylor und Cody
Ermittlungen
Keine Scheidungssachen
Und fünf – in Zahlen: 5 – Telefonnummern. In der oberen rechten Ecke war etwas, was verdächtig nach einer Sherlock-Holmes-Mütze, einem deerstalker, aussah. Ich hoffte lieber nicht. Er beobachtete mein Gesicht, konnte nicht warten, platzte heraus:
»Ich habe Ihren Namen zuerst aufgeführt, weil Sie der Seniorpartner sind, und, sehen Sie, das mit den Scheidungen zeigt, dass wir seriös sind, nur Aufträge im Primo-Bereich übernehmen.«
Mir fehlten die zu meinem Erstaunen passenden Worte.
»Sie … Wir … haben fünf Telefonnummern?«
Er schüttelte den Kopf und sagte:
»Nööö, ich habe nur mein Handy, aber es sieht gut aus, und Sie, Sie müssen sich auch ein Handy zulegen.«
Ich wollte ihm die Karte zurückschieben. Er sagte:
»Nein, nein, ich habe noch fünfhundert. Die ist für Sie, die allererste, direkt aus der Druckerpresse. Dies ist der Moment.«
Ich hatte Angst, er könnte das erklären. Er erklärte es.
»Der Moment … Jack … Als Sie die erste Ermittlung anstellten, als das, was Sie Finden nannten, profimäßig wurde.«
Der Kaffee kam, dem Heiland sei Dank, und somit wurde eine Meinungsäußerung meinerseits verzögert. Cody schenkte dem Mädchen ein strahlkräftiges Lächeln. Immerhin hatte er ihr keine Karte geschenkt, noch nicht, sagte:
»Das kommt jetzt wie gerufen.«
Ich zog einen Umschlag hervor, händigte ihn aus, sagte:
»Das haben Sie verdient.«
Er nahm ihn, steckte ihn sich in die Jacke, sagte:
»Ich hatte noch kein Honorar erwartet.«
Noch!
Er schenkte den Kaffee ein, hob seine Tasse, sagte:
»Ich schau dir in die Augen, Kleines.«
Ich versuchte, so zu tun, als hätte er mir nicht in die Augen geschaut, tarnte den Versuch:
»Wir haben einen neuen Fall.«
Fall.
Da, es war heraus, war das so schlimm? Oh ja. Bevor er mich mit einem noch schlimmeren Klischee in den Ekel treiben konnte, skizzierte ich, wie Wellewulst belästigt wurde, das B&B, das wir nächste Woche besetzt halten würden. Hatte er vorher geglüht, so stand er jetzt lichterloh in Flammen.
»Wir arbeiten undercover, ich liebe es! Wir werden eine Kamera brauchen und, natürlich, Schokoriegel. Verdeckte Überwachungen sind die Hölle, Mann, man braucht den permanenten Zuckerschock.«
Klang, als hätte er schon bei zahlreichen VÜs mitgewirkt. Ich hatte Angst, das Thema anzuschneiden, sagte stattdessen, ich würde Montag, Dienstag übernehmen, er könne die nächsten beiden Tage machen, dann würden wir die Lage analysieren. Er schenkte sich Kaffee nach, mehr Koffein für seinen bereits rasenden Organismus, sagte:
»Aye, aye, Skipper.«
Ich starrte ihn an.
»Cody, Sie müssen mir etwas versprechen.«
»Kaum gedacht, schon gemacht, Skip.«
»Sagen Sie nie Skipper zu mir, auch nicht in Varianten.«
Das Seltsamste – in der Nacht träumte ich, Cody wäre mein Sohn, und war entzückt. Als ich aufwachte, konnte ich mich an den gesamten Traum erinnern. Schüttelte den Kopf, fragte mich ganz persönlich:
»Was ist mit dir denn?«
Wunscherfüllung?
Keine Kinder zu haben, ist eine Last, von der man nicht einmal weiß, dass man an ihr trägt. Man zuckt die Achseln, sagt: »Ich wäre sowieso ein lausiger Vater«, oder murmelt, das wäre ein Verlust an Freiheit. Aber irgendwo tief in der trügerischen menschlichen Psyche ist der Schmerz über den Verlust. Die schlimmste Sorte Schmerz: etwas vermissen, was man nie hatte, und, schlimmer, nie haben wird. Das Herz will, was es nie behalten kann. Obwohl ich einen Drink gebraucht hätte – viele Drinks, um die Wahrheit zu sagen –, hatte ich Angst, so zu enden wie der Konsul in Unter dem Vulkan, Lowrys quälender Schilderung des Alkoholismus, wie er am wahrsten und am wildesten ist. In die Grube geschmissen zu werden, einen toten Hund hinterhergeschmissen zu kriegen. Dieser imaginäre tote Hund hatte durch viele meiner schlimmsten Albträume geheult.
Der frühe Morgen ist die Zeit für kalte Wahrheit, und mir wurde klar, dass ich, ja, Cody als Ersatzsohn sah, und nur aus diesem Grund war ich schroff zu ihm. Würde nie wagen, ihn nah an mich heranzulassen.
Diejenigen, die ich nah an mich heranlasse, werden vernichtet.
Ich erinnerte mich, wie Cody fragte:
»Diese Frau, Wellewulst, richtig? Ist das Ihre Hauptschnalle?«
Oh Gott, ich dachte, er hätte den Höhepunkt erreicht, aber er lief sich erst warm. Ich schüttelte den Kopf, sagte:
»Unwahrscheinlich.«
Er nickte.
»Ich verstehe Sie voll und ganz, Jack. Wir sind auf demselben Blatt, singen aus demselben Gesangbuch.«
Jetzt reichte es. Ich schnappte:
»Was soll das heißen?«
Er hob die rechte Hand, machte aus Daumen und Zeigefinger eine Pistole, ließ den Abzug schnappen, sagte:
»Sie und ich, Jack, wir binden uns nicht so einfach. Ich sage nicht, dass wir Engagement scheuen, aber da draußen ist ein großes Meer, wir müssen unsere Ruten mehr als einmal auswerfen.«
Ruten.
Ich würde ihn erschießen müssen. Er war eine Mischung aus Oprah und Jerry Springer – gibt es einen widerwärtigeren Hybriden? Ich griff nach der Rechnung, hielt es keinen weiteren Augenblick aus, aber er war schnell, schnappte sie sich und zwinkerte. Wenn ich je wahnsinnig genug war, mit ihm eine VÜ zu machen, kriegte er eine runtergehauen. Ich beschloss, meinen Instinkten zu folgen, beugte mich vor, fragte:
»Was halten Sie von Stalkern?«
Wenn er schuldig war, verbarg er das wirklich gut. Erstaunt war er allerdings schon, dann, verächtlich:
»Der Abschaum der Erde.«
Ich pikte ihm den Finger in die Brust, sagte:
»Vergessen Sie nicht, was Sie gerade gesagt haben.«
Draußen schüttelte ich mich, um mich physisch von dem ganzen Treffen zu befreien. Meine ärgste Befürchtung war, dass es ansteckte und ich auch so zu reden begann. Amerikanisches Fernsehen hatte unseren jungen Leuten eine bastardierte Sprache beschert, die sich bei Homer Simpson, Eminem und MTV bediente. Fear Factor war eine der beliebtesten Sendungen im Land, von Plagiaten wie Wer wird Millionär? ganz zu schweigen. Das Ergebnis war eine Sprache, die an den Zähnen wehtat, vorwiegend. Vielleicht war das der ganze Zweck.
Den verbliebenen Tag verbrachte ich mit der Organisation meines Zuhauses. In Intervallen dämmerte mir, dass es mir tatsächlich gehörte. Ich hatte endlich wenn schon nicht stabiles, so doch sicheres Terrain erreicht. Ich wollte den Anwalt anrufen, fragen, ob da wirklich kein Fehler passiert war, damit nichts mehr schiefgehen konnte. Ich rief Wellewulst an, fragte:
»Sind Sie bei der Arbeit?«
»Freier Tag.«
Sie klang lustlos, also sagte ich:
»Hey, wollen Sie zu Mittag essen?«
»Ich bin nicht hungrig.«
Dann, bevor ich reagieren konnte, sagte sie:
»Diese drei Namen?«
»Ja?«
»Da habe ich ein paar Informationen.«
»Toll, also … Wollen Sie mit mir Kaffee trinken gehen oder irgendwas?«
Keine Antwort, dann:
»Ich komme in den Kornspeicher.«
Oha.
»Ich, ämm, bin umgezogen.«
Mehr Leben in ihrer Stimme, Sarkasmus auch:
»War nicht gut genug für Sie, lag es daran?«
Ohaua-haua-ha. Diese eine Dame war sehr schwer zu mögen. Als vor vielen Jahren die Redewendung auf die Nüsse gehen aufkam, konnte niemand ahnen, dass es Wellewulst eines Tages gelingen würde, diese Tätigkeit derart perfekt auszuüben. Ich sagte:
»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich plötzlich Glück hatte, wissen Sie noch?«
Ich konnte das Seufzen in ihrer Stimme hören, dann:
»Von mir aus.«
Scheiß drauf, dachte ich, rief beinahe:
»Treffen wir uns oder was?«
»McSwiggan’s um acht, seien Sie pünktlich.«
Klick.
Meine Wohnung nahm Formen an. Alles unbedingt Notwendige war drin – fehlten nur noch Bücher. Egal, wie viel ich verloren habe, und Gott weiß, dass ich sehr viel verloren habe, immer habe ich mir eine kleine irgendwie geartete Bibliothek geleistet. Bücher und mein Polizei-Allwettermantel waren Teil meines Reservats, Teil dessen, wer ich war.
Oder nicht?
Buchlos in Galway.
Ich hatte seit Monaten keins mehr aufgeschlagen. Durch den Tod des Kindes war alles sinnlos geworden. Kurz spürte ich eine Verzweiflung wie selten, hörte eine trostlose, eiskalte Stimme, die mich zu beschwatzen versuchte:
»Wozu machst du dir überhaupt die Mühe?«
Regte mich, stellte den neuen Fernseh an, und, wer hätte das gedacht, ein Werbespot für Guinness, fast perfekt in seiner Schwärze, eine sahnige Blume, aufreizend, aufwiegelnd. Zwei Typen an einem Tresen, labern, die Getränke unberührt vor ihnen. Was zum Teufel war denn mit denen los? Da reden sie …, wenn sie trinken könnten. Fast schrie ich:
»Nun trinkt das Zeug doch endlich.«
Und fing mich wieder, sagte:
»Heiland, reiß dich zusammen.«
Duschte, das Wasser siedend heiß, als könnte es die Obsessionen wegbrühen. Als wäre das möglich.
Wellewulst war bereits bei McSwiggan’s, als ich hinkam. Vor sich eine dieser Miniaturflaschen Rotwein. Man kriegt genau eineinviertel Glas aus so einer Flasche heraus. Ich weiß das, ich habe es gemessen. Alkis wissen immer, wie viel in einer Flasche ist – nie genug. Wie beim Snooker-Billard konzentriert man sich immer auf die nächste. Was man vor sich stehen hat, ist sowieso vorbei. Ich holte mir eine Coca, setzte mich ihr gegenüber, fragte:
»Warten Sie schon lange?«
»Ist Ihnen das wichtig?«
Stacheldraht oder was? Heiland, da waren wir schon wieder zugange. Ich wollte rufen: Nein, es ist mir nicht wichtig, zog es aber vor, auf diesen Kick zu verzichten, goss mir die halbe Coca ins Glas, versuchte ein
»Sláinte«.
»Ja, ja.«
Sie legte ein Stück Papier auf den Tisch. Zwei Namen drauf.
Tom Reed
Shantalla Place 4
Galway
und
Michael Clare
Long Walk 56
Galway
Ich fragte:
»Wo ist der dritte Typ?«
Sie sah mich an, sagte:
»Er ist vor fünf Jahren gestorben. Die beiden anderen – einer versorgt Nachtklubs mit Rausschmeißern, und der andere, Michael Clare, ist Ingenieur. Warum interessieren Sie sich für sie? Sie haben keine Vorstrafen, scheinen aufrechte Bürger zu sein. Aber ich weiß nicht, ist es Zufall, beide ledig und Anfang vierzig?«
Ich konnte nicht widerstehen, sagte:
»Das ist Irland, Junggesellen sind Teil der Landschaft.«
Sie grimassierte, sagte:
»Und wohnen gewöhnlich bei der Mutter.«
Sie hatte den Wein ausgetrunken. Das hatte ich noch nie bei ihr erlebt, dass sie etwas austrinkt. Normalerweise bestellte sie nur, damit was auf dem Tisch stand. Ich fragte:
»Noch einen?«
Sie sprang auf, sagte:
»Ich hole ihn mir selbst.«
Und holte ihn. Als sie zurückkam, schenkte sie sich sofort ein, nahm einen tiefen Zug. Bevor ich mich’s versah, sagte ich:
»Sie müssen vorsichtig sein mit dem Zeug.«
Sie sah aus, als würde sie mich vielleicht schlagen, sammelte sich, sagte:
»Das, von Ihnen? Das ist ja üppig. Ich glaube, ich habe noch eine ziemliche Strecke vor mir, ehe ich auf Ihr Niveau abgesackt bin.«
Touché!
Aber ich wollte es nicht dabei belassen, sagte:
»Jemand Besseren als mich könnten Sie wahrscheinlich gar nicht kennen. Wenn Sie die Hölle vermeiden wollen, erkunden Sie das Gelände mit jemandem, der sie von innen kennt.«
Sie hob ihr Glas, ganz Trotz, sagte:
»Prost.«
Ich ließ es dabei bewenden, sagte:
»Ich habe ein bisschen was vorbereitet, mal sehen, ob wir Ihren Stalker fangen können.«
Fuchsteufelswild herrschte sie mich an:
»Nennen Sie ihn nicht so.«
»Einen Stalker? Was? Kommen Sie, gibt es da jetzt einen pc-Ausdruck, den wir benutzen sollen?«
Sie stand auf, sagte:
»Meinen. Nennen Sie ihn nie, nie, nie wieder meinen.«
Und sie stürmte davon. Ich wollte rufen:
»Trinken Sie, so viel Sie wollen. Eine Persönlichkeit kriegen Sie davon nicht.«
In der zweiten Flasche war noch etwas Wein, der vielleicht den Boden des Glases bedeckt hätte, mir diesen winzigen Schubs versetzt hätte, nach dem ich mich mit meinem ganzen Sein sehnte. Eine Zapfkraft, die die Tische abwischte, näherte sich, fragte:
»Kann das weg?«
»Oh ja.«