Christina Aguilera, als Nonne, lässt bei einer Preisverleihungszeremonie die Hüllen fallen, das Publikum ist außer sich.
Heiland.
Am Nachmittag ging ich zu einem Mann namens Curtin, in den Siebzigern, aussterbende Rasse. Er machte Hurlingschläger. In Prospect Hill hatte er eine kleine Werkstatt ohne Firmenschild –, er brauchte keine Reklame. Ich begrüßte ihn, und es dauerte einen Moment, bis er seine Sehschärfe eingestellt hatte, er fragte:
»Der junge Taylor?«
Gott segne ihn.
Er schliff die Hurlingschläger aus der Esche heraus, es dauerte Wochen, bis er einen solchen Prügel genau richtig hingekriegt hatte. Ich gab ihm die exakten Anweisungen, wobei das Wichtigste das ist, was die Iren den Geber nennen, wie der Schläger gebogen ist, wodurch er den richtigen Wuppdich kriegt. Man muss es hören können, sonst kann man es vergessen. Er hörte zu, dann:
»In einem Monat habe ich ihn fertig.«
Ich hasste es, bei einem Künstler Geschiss zu machen, aber …
»Ich brauche jetzt einen.«
Er war entsetzt, schnappte:
»Geh in ein Sportgeschäft.«
Schließlich gab er mir, was er für Ausschussware hielt. Bekam ihn dazu, sein Handwerk noch zusätzlich zu kompromittieren, indem er am unteren Ende Eisenbänder befestigte. Als ich zahlte, bedachte er mich mit einem Blick, in dem wahre Enttäuschung geschrieben stand, sagte:
»Junger Taylor, du hättest ein guter Hurler werden können.«
Nur gut? Ich sagte:
»Nicht groß?«
Er wandte sich ab, sagte:
»Es gibt nur sehr wenige vom Format eines Kerr.«
Wohl der größte Spieler unserer Zeit.
Bevor ich Cody traf, rief ich Pater Malachy an, sagte:
»Der Fall ist abgeschlossen.«
»Was? Sie geben auf?«
Ich grimassierte, sagte:
»Ich habe den Mörder gefunden.«
Ich hatte ihn auf meinem Handy angerufen. Ich stand vor der Bäckerei Griffin’s, der Geruch frischen Brotes lockte, obwohl ich keinen Appetit hatte. Die Black Eyed Peas spielten in einem Klamottenladen in der Nähe. Hölle, sie waren überall, waren endlos lang Nummer eins in den Charts gewesen. Der Song: »Where Is The Love?«
Als würde ich das je wissen.
Erst viel später erfuhr ich, dass es in dem Song um 9/11 ging. Die Band war seit 1998 zusammen und bewies, dass Ausdauer manchmal Dividende bringt. Jetzt brauchte ich nur noch ausdauernd zu sein, dann hatte ich was gelernt. Pater Malachy sagte:
»Wer ist es?«
»Wir treffen uns, dann sag ich’s Ihnen.«
Wir vereinbarten zwölf Uhr am nächsten Tag. Zum Schluss sagte er:
»Ich kann es gar nicht glauben, dass Sie den Scheißkerl gefunden haben.«
Von einem Priester!
Um mich herum erörterten die Menschen den neuesten Skandal in Limerick. Diese Stadt war in Stammes- und Bandenkriegen schier explodiert. Ein Mann, kaum zwanzig, des Mordes angeklagt, war sensationellerweise entlassen worden. Wegen Zeugeneinschüchterung, wie allgemein angenommen wurde, war das Verfahren gegen ihn zusammengebrochen. Der junge Mensch grüßte die Medien beim Verlassen des Gerichtsgebäudes mit den zwei »Victory«-Fingern.
Fast ebenso interessant war, dass Irland im Viertelfinale im Rugby gegen Australien verloren hatte. Keith Wood, der Mannschaftskapitän, gab tränenüberströmt seinen Rücktritt bekannt.
Harte Tage.
Und sie sollten noch sehr viel härter werden.
In meiner Wohnung duschte ich, machte mir einen Zwei-Löffel-Kaffee, zog mich für eine Tracht Prügel an. Ich legte den Schläger in eine Reisetasche, trug ein schwarzes T-Shirt mit der verblichenen Inschrift
Knicks kiss ass.
Nicht gerade passend für Galway, aber was hatte Logik schon mit diesem Deal zu tun? Schwarze Cordhose, schwarze Stiefel. Aus Nostalgie, zur Beruhigung, Artikel 8234, den Polizeimantel. Eine Frau hatte ihn auf ein Feuer im Garten geworfen, und er hatte immer noch einen Hauch von Flamme an sich. Das passte schon eher.
Der Abend kam. Ich überprüfte mich im Spiegel, sah eine grimmige Miene, Wut in den Augen, so wollte ich das Gesicht.
Cody war nervös, als wir zusammenkamen. Er trug einen Trainingsanzug, Turnschuhe und eine Wildlederjacke. Seine Augen waren wachsam. Er sagte:
»Gut, Sie zu sehen, Jack.«
»Ja, meinetwegen.«
Ich sah ihn an, fragte ihn:
»Wie haben Sie ihn gefunden?«
Er war aufgeregt, begeistert von seiner Findigkeit, sagte:
»Mary, die Tochter der Wirtin, und ich …«
Es schien ihm tatsächlich peinlich zu sein, aber er fuhr fort:
»Wir waren, wissen Sie, in ihrem Schlafzimmer zugange, und aus dem Augenwinkel habe ich so einen Typ gesehen, der vor dem Haus Ihrer Freundin rumhing.«
Ich war erstaunt. Wenn ich in seinem Alter mit einem Mädchen zugange gewesen wäre, hätte ich aus dem Augenwinkel verdammt gar nichts gesehen, sondern nur Augen für das Mädchen gehabt, für sonst rein nix. Er fuhr fort:
»Ich stand auf, und das passte Mary gar nicht, ich musste ihr sagen, sie soll still sein. Irre, was? Als hätte der Typ mich hören können.«
Er sah mich an, hätte etwas Lob vertragen, aber ich sagte nichts, und er machte weiter:
»Ich habe beobachtet, wie er zweimal an ihrem Haus vorbeistrich, und irgendwie hielt er den Kopf so schräg, dass mir klar wurde, dies ist kein zufälliger Spaziergang. Dann sah er sich verstohlen um, und ich wusste, wusste, dass er es war, und genau das habe ich auch laut gerufen: ›Das ist er‹, habe ich gerufen, und Mary fragte: ›Wer?‹«
Er musste innehalten, um Luft zu holen, er durchlebte die Jagd noch einmal, sagte:
»Ich hab mir meine Jeans angezogen und ihr gesagt, ich muss los. Sie war sauer, aber ich habe gesagt, sie hat einen gut. Ich habe ihn zwei Tage lang verfolgt, in Kneipen, Wettbüros und natürlich dreimal zum Haus Ihrer Freundin. Er hat sogar probiert, ob er die Tür aufkriegt, und da habe ich sein Gesicht gesehen, seinen Gesichtsausdruck. Ich schwöre, Jack, es war voll … Hass und … Wollust. Ich habe gewusst, dass er es war.«
Er hatte sich die klassische Prozedur der Verfolgung aus Fernsehserien abgeschaut. Sollte ich ihm sagen, dass er es gut gemacht hatte?
Nein.
Er warf einen Blick auf die Reisetasche, und ich sagte:
»Da ist ein Überredungskünstler drin.«
Ich wartete, ob er vielleicht fragt, was das bedeutet, aber er machte erst mal weiter:
»Dieser Sam White, der hat schon vorher Frauen belauert, stand sogar vor Gericht, aber die Frau hat die Anklage fallen gelassen.«
Ich nickte, und er fragte:
»Zeigen wir ihn an?«
Ich lachte fast, sagte:
»Wir haben dies Gespräch doch bereits geführt, wissen Sie noch? Ich habe Sie gefragt, ob Sie bereit sind zu tun, was getan werden muss.«
Er schnurrte immer mehr in sich zusammen, von Minute zu Minute. Die gesamte Entschlossenheit, die ihn bis hierher gebracht hatte, versickerte rasch. Versuchsweise sagte er:
»Aber vielleicht könnte die Polizei …?«
»Quatsch.«
Böser, als ich vorhatte, und ich sah, dass ich ihm Angst gemacht hatte. Ich beruhigte ihn, nicht sehr, aber ein bisschen, sagte:
»Vielleicht, und ich betone: vielleicht verwarnt ihn die Polizei. Und dann? Raten Sie mal. Dann erhöht er den Einsatz, dann richtet er wirklich Schaden an.«
Er riskierte den Bankrott:
»Was werden Sie … mit ihm … machen?«
Ich ging los, sagte:
»Ihn verwarnen, aber mit Nachdruck.«
Früher war die St Patrick’s Avenue eine kleine Gasse gewesen, die die Kirche mit dem Eyre Square verband; kompakte Häuser, in denen ein Trupp echter Galwayer wohnte. Wie alles andere auch sind diese Leute in alle Himmelsrichtungen verstreut, vom Winde verweht. Ich hätte die Mitglieder jedes Hausstands mit Namen nennen können. Wer hätte sie hören wollen?
Jetzt sind die Häuser Stadtresidenzen.
Heiland.
Man sitzt in einem protzigen Hotel, irgendein Arschloch in einem noch protzigeren Anzug sagt zu einer Mausi:
»Fürs Wochenende habe ich eine kleine Bude in der St Patrick’s Avenue.«
Ich möchte aufspringen, ihn am Armani-Schlips packen, brüllen:
»Sie wissen, was mit den Leuten passiert ist, die da gewohnt haben?«
Und wenn ich ihn dann bis Weihnachten gehauen hätte, wäre ihm trotzdem nicht aufgegangen, wovon ich überhaupt redete. Und wenn doch, wäre es ihm egal gewesen.
Sam Whites Haus lag auf halbem Wege in der Avenue, ein Fenster nach vorne war erleuchtet. Ich sagte:
»Er ist zu Hause.«
Cody sah aus, als wollte er die Biege machen. Ich fragte:
»Wollen Sie die Biege machen?«
Das leuchtete ihm heftig ein, aber er zerrte an seinem Haar, sagte:
»Nein, es ist nur, ämm … Wir werden aber doch beherrscht vorgehen, oder?«
So ein schönes Wort. Beherrscht. Ich ließ es mir auf der Zunge zergehen, dann:
»Als er in ihr Höschen wichste und es auf den Rücksitz ihres Autos warf, während sie in der Kirche war, im Hochamt, um des lieben Christi willen …«
Ich musste tief einatmen, dann:
»Finden Sie, da hat er Beherrschung an den Tag gelegt, hä? Würden Sie das Beherrschung nennen?«
Er schüttelte den Kopf, ein Bild des Jammers.
Ich klopfte an die Tür, hörte, wie ein Fernseh leiser gestellt wurde. Die Tür ging auf. Er war Ende zwanzig, ging auf dreißig zu. Groß, mit rasiertem Kopf, trug Unterhemd und Turnhose, barfuß, die Fußnägel hätten mal geschnitten werden können. Er war gebaut wie ein Athlet, durchtrainiert. Ebenmäßige Gesichtszüge, aber kaputte Nase, hellblaue Augen, ganz leicht blutunterlaufen. Er fragte:
»… Ihnen helfen?«
Dubliner Akzent, nicht Nord-Dublin, sondern der betuchtere Gürtel, südlich der Liffey – Dublin 4, würde ich raten. Ich sagte:
»Können wir die Gebührenbescheinigung für Ihren Fernseher sehen?«
Er war sofort zornig, sagte:
»Ich bin arbeitslos.«
Ich ließ Cody einen Blick unendlichen Leidens zuteilwerden, als hätten wir das schon hundertmal gehört, fragte:
»Habe ich Sie nach Ihrem arbeitsrechtlichen Status gefragt?«
»Nein … Aber …«
»Also zeigen Sie uns irgendeine Bescheinigung – Ihr Sozialversicherungsheftchen. Vielleicht sind Sie von den Fernsehgebühren befreit.«
Zeigte mich umgänglich. Wir Typen im Blaumann, was? Stecken alle in derselben Scheiße, wie? Ließ durchblicken, ich könnte bei ihm mal ein Auge zudrücken. Sein Zorn verrauchte, wenn auch nicht ganz. Er war ein Typ, der seinen Zorn gern am Köcheln hielt, annahm, sein aufbrausendes Temperament könnte ihm notfalls aus so ziemlich jeder Patsche helfen. Er fragte:
»Hätte das nicht Zeit bis, ämm, irgendwann mal? Im Augenblick läuft Top of the Pops.«
Ich warf einen kurzen Blick auf Cody, dann, die Stimme voll Enthusiasmus:
»Hey, das will ich sehen. Was meinen Sie, schafft Missy Elliott die Nummer eins? Wie sie da einen auf Riverdance macht, schwarze Gören dazu bringt, irischen Tanz zu lernen, wie cool ist das denn?«
Das haute ihn um. Für ihn war ich ein alter Sack, aber vielleicht mit Durchblick? Bevor er mit Kopfrechnen fertig war, trat ich ein, sagte:
»Sie holen die Unterlagen, wir behalten den Fernseh im Auge.«
Er ging durch den Korridor, wusste nicht recht, wie ihm geschah, machte aber mit. Cody schloss die Tür, bewegte lautlos den Mund: Missy Elliott? Ich ging ins Wohnzimmer, Junggesellenbude, ein Ruhesessel, wie der von Chandler und Joey in Friends, eine Dose Bud auf der Armlehne, Revolverblätter auf dem Tisch verstreut, die Gaelic-Football-Mannschaft von Dublin gerahmt an der Wand. Bücherregale gerammelt voll mit Videos, CDs und Auto-Illustrierten, aber keine Bücher.
Der Fernseh war eins dieser Groß-und-flach-Teile, Kostenpunkt: Heidengeld. Ich öffnete den Reißverschluss der Tasche – Cody in tiefer Sorge hinter mir –, nahm den Schläger heraus, links, rechts, fest im Griff. Ich holte gerade richtig schön aus, der Wuppdich sang sein kleines Lied, als Sam ins Zimmer kam. Ich traf den Bildschirm mit massivem Bauz, zerschmetterte ihn. Sams Kinnlade sackte nach unten. Ich sagte:
»Wir werden bis nächste Woche warten müssen, um zu sehen, wer die Nummer eins wird.«
Drehte mich dann um und holte ein zweites Mal aus, haute unter ihm die Füße weg. Cody hob die Hand. Ich ignorierte ihn. Sam auf dem Fußboden, stöhnte, schaffte:
»Wegen Fernsehgebühren?«
Fast lachte ich. Stattdessen holte ich mit dem Stiefel aus, brach ihm die Nase, ließ ihn das spüren. Dann zog ich ihn hoch, stopfte ihn auf den Ruhesessel. Blut strömte ihm in den Mund. Ich fuhr Cody an:
»Holen Sie Scheiße um Gottes willen ein Tuch.«
Er ging zur Küche. Ich kauerte mich hin, sagte:
»Sie werden gemerkt haben, dass ich ziemlich intensiv bin – wenn ich also eine Frage stelle, denken Sie daran.«
Ich griff in die Reisetasche, holte den Kanister heraus, überschüttete ihn mit Benzin, zog dann ein Wegschmeißfeuerzeug hervor. Seine Augen wurden groß. Ich sagte:
»Einmal lügen, und Sie sind Toast, klar?«
Er nickte, ich fragte:
»Warum terrorisieren Sie Polizeihauptkommissarin Nic an Iomaire?«
Ich klickte versuchsweise mit dem Feuerzeug und eine helle Flamme sprang heraus. Sein Körper zitterte, und er sagte:
»Sie hat mich verhaftet, weil ich auf die Straße gepisst habe. Vor Gericht hörte sich das an, als hätte ich mich entblößt. Hab fünfhundert Euro Strafe zahlen müssen und werde seitdem als ›Schamverletzer‹ geführt.«
Ich starrte ihn an, sagte:
»Wenn Sie sich wieder in ihre Nähe wagen, bringe ich Sie um … Glauben Sie mir das?«
Er nickte, ich schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, zweimal, kräftig, sagte:
»Ich will es hören.«
»Ich schwöre bei Jesus, dass ich nie wieder in ihre Nähe gehe.«
Ich stand auf, packte den Schläger und den Kanister in die Reisetasche, tätschelte seinen kahlen Kopf, sagte:
»Kümmern Sie sich um Ihre Fernsehgebühren.«
Als ich mich umdrehte, stieß ich fast mit Cody zusammen, der einen Packen Küchentücher in der Hand hatte. Ich sagte:
»Die wird er nicht brauchen, wir sind fertig.«
Cody warf einen Blick auf die Gestalt, die auf dem Ruhesessel zusammengesackt lag, folgte mir dann hinaus.
Ich schloss die Haustür leise und ging schnell durch die Gasse, wobei mir mein Hinken überhaupt keinen Ärger machte. Cody holte mich ein, fragte:
»Haben Sie ihn umgebracht?«