»Als die Missionare
nach Afrika kamen,
hatten sie die Bibel, und wir hatten das Land.
Sie sagten: ›Lasset uns beten.‹ Wir schlossen die Augen.
Als wir sie wieder öffneten, hatten wir die Bibel,
und sie hatten das Land.«
Dies sagte Erzbischof Tutu über eine kleine historische Ironie in seinem Land. Ich wünschte, ich hätte mich dran erinnert, als Malachy mich des Antiklerikalismus bezichtigte.
Es gab eine Zeit, da hatte ich mit den Mädchen der Magdalenen-Wäscherei zu tun gehabt. Ich war fast regelmäßig in die Messe gegangen, und wenn ich mich recht erinnere, trank und rauchte ich nicht … Heiland, was ist mit mir geschehen? Die Messe war ein Angebot regulärer Tröstung gewesen, eine Routineveranstaltung, so außerirdisch, dass ich beinahe etwas wie Frieden aus ihr zog. Wenn in Irland überproportional Ungewöhnliches geschieht, sagen wir: Der Teufel muss sich eine Rippe gebrochen haben.
Seine Rippen schienen gut verheilt zu sein. Die Nonne hatte die Bibel erwähnt. Gewiss, Finsternis suchte das Land heim, und eine Plage lag über unserem Haus.
Eine Nonne bedrängt zu haben, schlimm bedrängt zu haben, tat mir gar nicht gut, aber als ich mich beruhigt hatte, musste ich fragen:
»Du machst eine alte Nonne fertig, wie kommst du denn auf so was?«
Die Antwort lautet/lautete: aus Wut.
Hätte ich ein paar Minuten länger Zeit gehabt, wäre ich mit Fäusten auf sie losgegangen. Allmächtiger Gott, wie tief war ich gefallen? Was kam als Nächstes, alte Leute in ihrem einsamen Zuhause überfallen? Ich brauchte was zu trinken, dringend. Hörte, wie mein Name gerufen wurde, sah mich um, und da war Cody, der eine große Papiertüte mit dem Brown Thomas-Logo drauf schleppte. Wonach sah das aus? Nach Geld sah das aus.
Er hatte sein schüchternes Aussehen und stotterte fast:
»Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, aber bei BT war Schlussverkauf, und ich hatte ein bisschen Kohle übrig. Ich hab Ihnen das hier besorgt.«
Er schien zutiefst beschämt, drängte mir die Tüte auf und sagte:
»Seien Sie nicht wütend.«
Und machte, dass er wegkam.
Es war eine braune dreiviertellange Lederjacke, jede Menge Taschen, und vorne stand, na, was drauf …? Boss.
Ich war den Tränen so nahe, wie ich das auf der Straße je war. Wenn man in Irland auf offener Straße weint, denken die Leute:
»Hat früh angefangen.«
Zur Hölle mit dem Scheißstundenplan, dies war ein Notfall. Ich ging in Richtung Coyle’s, wurde aber aufgehalten – traf Bobby, einen Mann, dem ich vor langer Zeit mal ausgeholfen hatte. Ich konnte mich nicht erinnern, was genau ich getan hatte, aber er schien ewig dankbar, packte mich am Arm, sagte:
»Du musst auf einen Topf Bier mitkommen.«
Wir probierten es bei O’Neachtain’s, – keine Kneipe, die ich freiwillig besuchen würde. Nichts spricht gegen sie, einiges spricht sogar für sie – ist alt, hat Charakter; Problem ist, dass ich zu viele Stammgäste kenne, keine gute Idee für einen Alki. Anonymität, sogar am Wohnort, muss gepäppelt werden, jedes Eckchen, wo man unbekannt ist, wird gepflegt. Kaum in der Tür, und schon hob geradezu ein Chor an, Tag, Jack. Bobby bestellte zwei pints Stout, Jameson als Kurze, und ich beschloss, den Tag zu zertrümmern. Wir gingen in eine Einzelsäuferkoje, in der wir vor neugierigen Blicken geschützt waren, und ließen die Gläser klingen. Und wieder galt für mich: nur kucken, nicht schlucken. Bobby, im wilden Wind bereits mit 2° Krängung, bemerkte es nicht. Er sagte:
»Ich habe einen Gewinn im Lotto.«
Er war in meinem Alter und von Schwarzgebranntem, Wettbüros und einer Gattin mit Motor im Mundwerk niedergemacht. Ein Tic im rechten Auge vermittelte den Eindruck, dass er permanent zwinkerte, und das war günstigstenfalls beunruhigend. Ein paar Getränke, und man zwinkerte zurück.
Ich wusste nicht, wie viel Bobby im Lotto gewonnen hatte, aber ich nahm an, einen ganzen Batzen, weil es sich die verschiedensten Leute nicht nehmen ließen, über die Trennwand zu lugen und zu fragen:
»Wie geht’s, Bobby? Willst eine pint, Chips, Erdnüsse?«
Und er hatte den Duft des Geldes an sich, diese undefinierbare Aura eines Gewinners, und wenn man nah an ihn rankam, ihn dazu brachte, dass er einen kannte, blieb vielleicht was hängen.
Er ließ mir ein strahlendes Lächeln zuteilwerden, einen weißen Klecks vom Guinness auf der Lippe. Er wusste, dass ich alles verstand, sagte:
»Wichser, hätten mir vorher nicht mal gesagt, wie spät es ist.«
Ich sagte:
»Hätte keinen netteren Burschen treffen können.«
Ich glaube, ich meinte es so, aber bei Glück weiß man nie so genau, ob man nicht doch ein ganz klein bisschen angepisst ist, weil man es nicht selbst gehabt hat. Er trank gründlich, rülpste, fragte:
»Brauchst du Kohle?«
Lachte dann, sagte:
»Einem Armen reichlich unter die Arme greifen – uups, zwei in die Hose gegangene Kalauer zum Preis von einem.«
Ich lachte so höflich, wie man lacht, wenn man tunlichst das Thema wechseln will, um von dieser sehr unkomischen Bemerkung so weit wie möglich wegzugelangen, und sagte:
»Nein, ich komme zurecht, danke der Nachfrage.«
Sein Gesicht wurde tiefernst, und ich fragte mich, ob ich ihn beleidigt hatte. Er beugte sich vertraulich vor, sagte:
»Ich will nicht, dass diese Schnapsdrosseln es hören, aber da ist ein Typ, der überall laut ansagt, dass er dich umlegen wird.«
Ich war nur mäßig alarmiert und fragte:
»Wer, warum … und vor allen Dingen wo?«
Ich konnte seinen Atem riechen, den Whiskey, das Stout und … Käse? Er sagte:
»So ein Blödmann aus Dublin, er sagt, er schafft sich eine Hochleistungsflinte an und knallt dich ab.«
Es klang so amerikanisch, dass ich lachte und sagte:
»Ich weiß, wer das ist, ein Perverser, der eine Freundin belästigt hat. Große Klappe, nichts dahinter.«
Bobby schien nicht meiner Ansicht zu sein, sah weiter besorgt drein, sagte:
»Heiland, Jack, ein Typ redet von Flinten, da muss man sich schon mal in Acht nehmen.«
Ich war echt amüsiert und sagte:
»Kneipengerede. Ich mache mir nur Sorgen bei Typen, die nichts sagen und sich dann tatsächlich eine Flinte anschaffen. Da heißt es auf der Hut sein.«
Ungebeten brachte der Tresenmann ein frisches Tablett mit Getränken. Wenn man groß gewonnen hat, passieren so Sachen, dann wissen sie, dass man es sich leisten kann. Bobby schlug eine andere Richtung ein, fragte:
»Willst du wissen, wie viel ich gewonnen habe?«
Wollte ich es wissen?
»Nur wenn du es mir sagen willst.«
Er sagte es mir:
»Eine Dreiviertelmill…«
Ich pfiff. Er hatte es verdient. Bobby hatte nie zwei Pennys zum Klimpern besessen, hatte ein Leben lang gespart und geknausert, sich immer mit Mühe über Wasser gehalten, sich versteckt, wenn die Miete kassiert werden sollte, alles anschreiben lassen und von der Hand in den Mund gelebt.
Ich freute mich für ihn.
Er fragte:
»Rate, wie viele Millionäre das Lotto in Irland gemacht hat?«
Ich hatte keine Ahnung, aber er erwartete eine Antwort, einen Versuch. Er zahlte sozusagen das Porto, also sagte ich:
»Ämm … hundert?«
»Achthundertfünfzig. Oh, achthundertfünfzigdreiviertel, wenn man mich mitrechnet.«
Was sagt man da? Ich sagte das Nächstliegende:
»Ja, Scheiße aber auch.«
Er war entzückt, trank fast die Hälfte seiner frischen pint aus, sagte:
»Die Zeitung hat die Gewinner unter die Lupe genommen, und rate, wie viele von ihnen glücklich sind, glücklich, weil sie Millionäre geworden sind?«
Schwere Frage.
»Die gottverdammten Glückspilze allesamt.«
Das fand er bildschön, es war die richtige Antwort, denn es war die Antwort, die er sich gewünscht hatte. Er rief:
»Fast keiner. Haben gesagt, hat ihnen das Leben ruiniert. Weißt du, warum?«
Das wusste ich.
»Verwandtschaft.«
Er war überrascht, nahm einen Schluck Jameson, um sich zu fangen, dann:
»Du hast recht. Es kam zu Krächen.«
Also musste ich fragen:
»Und bei dir, kam es zu … Krächen?«
Sein Gesicht fiel ein, und er sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen, sagte:
»Meine Frau hatte zwei Wochen später einen Herzinfarkt, ist das nicht eine Oberscheiße?«
Das war noch milde ausgedrückt. Ich fragte:
»Wie geht es ihr jetzt?«
»Begraben.«
Heiland.
Er fügte hinzu:
»In einem sehr teuren Sarg, was aber ziemlich scheißegal ist.«
Dann schwiegen wir, starrten unsere Getränke an, bedachten die Wechselfälle des Lebens, wie ungerecht alles ist. Dann erhellte sich seine Miene, er sagte:
»Ich fahre auf die Bahamas.«
»Schön für dich.«
»Willst mitkommen?«
Und wie ich das wollte, sagte:
»Gott, liebend gern, aber ich bin hier ein bisschen eingespannt. Trotzdem, tolles Angebot.«
Er sah in sein leeres Glas, dann:
»Ich werde wahrscheinlich nie hinfahren. Ich war noch nie irgendwo, was soll ich dann da …? Trinken … Das kann ich hier auch, und da weiß ich wenigstens, dass die pint solide gezapft ist.«
Worte, aus denen die Weisheit ganzer Generationen sprach.
Mein Stichwort zum Aufbruch. Die Konversation drohte, ins ernsthaft Rührselige abzukippen, ohne dass Aussicht auf Besserung bestanden hätte, also stand ich auf, sagte:
»Ich danke dir eine Million Mal, auf jeden Fall eine dreiviertel Million Mal.«
Das gefiel ihm sehr, er schüttelte mir sogar allen Ernstes die Hand, sagte:
»Ich habe dich immer gemocht, Jack, auch, als du bei der Schmier warst.«
Ich betrachtete das unberührte Getränk, das ich zurückließ. Ich musste mich zweifellos höchst dringend in Behandlung begeben.
Als ich ging, sah ich, wie ein ganzer Trupp Herrschaften in die Koje gebummelt kam, sich ihm beigesellte, ihm sagte, er sei der Beste von der Welt.
Als ich die Lachswehrbrücke überquerte, fiel mir ihr alter Name ein, Seufzerbrücke, weil sie vom Gericht zum alten Gefängnis führte. Ich packte meinen eigenen kleinen Seufzer auf die Generationen von Seufzern obendrauf, die sich hier Luft gemacht hatten. Wobei mir in gar nicht so geringem Maße der winzige Silberschwan behilflich war, den ich in meiner Jackentasche ertastete.
Am nächsten Tag ging es mir schlecht. Man kann kein Ire sein und eine Nonne verfluchen, ohne dass es einem schlecht geht. Und dann war da die stets präsente Wut auf Michael Clare, der mich – wie nennen die Amerikaner das? – gedisst hatte.
Ich hoffte immer noch, Jeff zu finden, und hockte auf einer Bank auf dem Eyre Square, wobei mein Leder quietschte, so neu war es, und sich die Penner zu meiner Rechten regten, bereit, auf die offenbar leichte Beute herniederzustoßen.
Eyre Square: Hier bündeln sich meine gesamte Geschichte und die Geschichte der Stadt. 1963 war ich von meinem Vater hierhergeschleppt worden, um einen Blick auf John F. Kennedy werfen zu können, als er mit Jackie im Autokorso vorbeifuhr. Genau das Auto, in dem er in Dallas zum letzten Mal fahren würde. Die Iren liebten ihn. Er schien zu leuchten, vielleicht leuchtete er tatsächlich, und egal, wie befleckt sein Name jetzt war, er stand ganz hoch in unserer Hierarchie. Ich hatte mal gehört, wie eine alte Frau im Claddagh sagte:
»Sein Heiligenschein strahlt immer noch.«
Nur Bill Clinton gelang es, sich eine ähnliche fette Scheibe vom irischen Herzen abzuschneiden.
Im Mittelalter war dieser Flecken ein Anger vor der Stadtmauer. Der Platz wurde nach dem Bürgermeister benannt, der das Land 1710 der Stadt stiftete.
Jetzt lag mittendrin der Kennedy-Park.
Ich starrte den rostfarbenen Springbrunnen an, der zum fünfhundertsten Jahrestag der Stadtgründung gebaut worden war. Er hat Segel und soll an die Huker erinnern, die Fischerboote, die den Handel der Stadt begründeten. Weil hooker auf Amerikanisch Nutte heißt, amüsieren sich die Amis wie Bolle und sagen:
»Hookers!«
Wenn man dann noch bedenkt, dass wir die Lullen fags nennen, was auf Amerikanisch Schwuchteln heißt, kann man sich vorstellen, dass die gute Laune gar nicht mehr abreißen will. Hinter mir war Brown’s Doorway – stammte aus dem siebzehnten Jahrhundert und sollte an die vierzehn Stämme, die einst die Stadt regierten, erinnern.
Meine Lieblingsstücke sind vielleicht die Kanonen aus dem Krimkrieg. Sie stehen herum wie UN-Beobachter, nutzlos und unübersehbar, nur so. Das Standbild unseres Dichters Pádraic Ó Conaire, auch er ein Freund des Trunks, sollte demnächst versetzt werden. Die ganze Gegend sollte auf Vordermann gebracht, Pádraic achtzehn Monate lang auf einer Baustelle abgestellt werden, allein und unbeachtet, wie sich das für anständige Poeten gehört. Er hatte auf Irisch geschrieben, damit er nie gelesen wird. Eine Frau schlenderte mit einem kleinen Mädchen vorüber. Die Frau sah mich an, und ich lächelte. Das kleine Mädchen rief mir zu:
»Lächeln Sie gefälligst Ihre eigene Frau an.«
Bereits in jungen Jahren ist die Irin streitlustig, bereit, einem die Zähne aus dem Maul zu schlagen, bevor man ein Wort geäußert hat. Sie muss früh lernen, mit dem Schmollen des irischen Männchens zurechtzukommen. Ich rieb das Pflaster auf meinem Arm, staunte, dass ich bei all der Bürde, die auf mir lastete, noch nicht geraucht hatte. Ich schrecke davor zurück, es ein Wunder zu nennen – aber erstaunlich war es schon. Ein Mann näherte sich, er trug einen sehr abgewetzten Ledermantel. Einen wahnsinnigen Augenblick lang dachte ich, es könnte der Mantel sein, den ich aus London mitgebracht hatte und der mir schon vor langer Zeit gestohlen worden war. Schüttelte den Kopf, als handelte es sich um eine Fata Morgana. Der Mann erkannte mich und blieb stehen.
Schnäppchen. Der Besitzer/Tresenmann vom Coyle’s.
Es war, als sähe man mittags einen Vampir. Sein Gesicht hatte die Sprenkel des Gewohnheitstrinkers. Er trug einen schwarzen Schlips, weißes Hemd, schwarze Hose, machte einen fast respektablen Eindruck, bis man die Augen und das zerronnene Leben sah.
Ich fragte:
»Wie geht’s?«
Hörte mich an wie Joey in Friends, was nicht wirklich empfehlenswert ist, nicht, wenn man Ire ist. Er taxierte mich. Falls er etwas sah, was ihm gefiel, so ließ er sich das nicht anmerken. Er fragte:
»… mich eine Minute dazusetzen?«
Ich machte Platz für ihn auf der Bank, und er setzte sich. Er roch nach Hopfen und Gerste, was normal ist, wenn man im Tresenwesen tätig ist. Er steckte die Hand in die Tasche, zog eine Pfeife hervor, einen Lederbeutel mit Tabak, stopfte sich sein Pfeifchen, zündete es an, ließ sich tüchtig Zeit, bis es brannte, seufzte dann zufrieden. Das Aroma war süß, aber nicht klebrig, und er sagte:
»Clan.«
Die Marke.
Er starrte die Jacke an, sagte:
»Muss ein paar Punt gekostet haben, das Teil.«
»Euro.«
Er war kein Mensch, der sich gern berichtigen ließ, und ich beschloss, es mir zu merken. Er antwortete:
»Euro, Punt, alles keinen roten Heller wert.«
Ich sagte:
»Mein Sohn hat sie mir geschenkt.«
Das erwischte ihn unvorbereitet, und er dachte darüber nach, dann:
»Ich habe keine Familie, wollte meine Freiheit nie aufgeben. Was macht er, Ihr Junge?«
Mein Junge.
Ohne aus dem Takt zu kommen, sagte ich:
»Was mit Computern.«
Er murmelte, das hätte Zukunft, allerdings ohne Überzeugung.
Wir saßen schweigend, überblickten den Platz, dann sagte er:
»Ich komme von einer Beerdigung.«
Erklärte die Kluft. Ich machte das Irische, fragte:
»Jemand Nahestehendes?«
Er war kein Mensch, der rasch antwortete. Als suchte er nach verborgenen Tagesordnungspunkten, dann:
»Wer steht einem schon nahe?«
Ich hätte gern eine Lulle gehabt, fragte:
»War es ein Freund?«
Ich dachte: Warum zum Teufel halte ich nicht die Klappe? Er antwortete geschlagene fünf Minuten lang nicht. Ich weiß das, ich habe jede einzelne unbehagliche Minute gezählt. Dann:
»Ein Gast.«
Ich war überrascht und stieß einen zustimmenden Grunzer aus. Er wandte sich mir zu, sagte:
»Sie haben ihn gekannt.«
»Ja?«
»Der Priester, Gerald.«
Und ich erinnerte mich, wie Gerald gesagt hatte:
»Die rechte Hand des Teufels.«
Bekam ein gruseliges Gefühl davon, kann aber auch der Schmachter auf was zu trinken gewesen sein. Ich sagte:
»Das tut mir leid.«
Er nickte, als hätte er nichts Geringeres erwartet, dann:
»Die Schweinehunde wollten ihn nicht beerdigen, da habe ich geblecht.«
Ich nahm an, dass er die Kirche meinte, und sagte:
»Das war gut von Ihnen.«
Er stand auf, schüttelte die Asche aus seiner Pfeife, knallte sie gegen die Bank, sagte:
»Reden Sie keinen Scheiß.«
Wir ließen diese Gemme von einem Gesprächsbeitrag noch ein wenig über unseren Köpfen schwirren. Dann sah er mich voll an, sagte:
»Sie sind ein ziemliches Huhn.«
Das war wohl weniger im Sinne von Federvieh als von dumm. Bevor ich mich der Lage gewachsen zeigen konnte, fragte er:
»Was ist das für ein Mann, der in die Kneipe geht, gutes Geld für Whiskey zahlt und dann keinen Tropfen anrührt?«
Wollte ich ihm erklären, dass das mein Abkommen mit Gott war? Nein.
Als er sah, dass keine Antwort kam, zuckte er die Achseln, sagte:
»Mir kann es wurscht sein.«
Ich wollte brüllen:
»Ich hätte mich an den Begräbniskosten beteiligt, wenn ich davon gewusst hätte.«
Aber ich hatte Angst, dass er zurückkommt. Ich saß weitere zwanzig Minuten da. Ich hatte diesen Pfarrer sehr gemocht. Einmal getroffen und das Gefühl gehabt, ich kenne ihn. Versuchte, ein Gebet zu finden. Ein Penner näherte sich, und ich gab ihm zehn Euro, fand, das war das beste Gebet von allen.
Am nächsten Morgen war ich früh aufgestanden, nahm das Telefonbuch und rief bei Michael Clare an. Eine Frau sagte:
»Ingenieurbüro Michael Clare, was kann ich für Sie tun?«
»Ich würde gern mit Michael sprechen, bitte.«
Einmal mit Manieren – gerne doch.
»Darf ich sagen, wer anruft?«
»Pater Joyce.«
Falls sie den Namen des Ermordeten erkannte, behielt sie es für sich, sagte:
»Einen Augenblick, bitte.«
Dann, wie ein Nachglühen, fügte sie hinzu:
»Herr Pfarrer.«
Er kam ran, Vorsicht in der Stimme, sagte:
»Hallo?«
»Mike, hier ist Jack Taylor.«
Ganz kurzes Schweigen, dann:
»Ah, der Privatschnüffler … Das mit Pater Joyce, was sollte das denn sein? Ironisch?«
»Ich mache keine Ironie.«
Er stieß einen zurückgehaltenen Atemzug aus.
»Was gibt’s, Taylor?«
»Was ist mit Jack?«
»Hören Sie zu, Taylor, ich habe viel zu tun, und Sie sind eindeutig ein Idiot. Entweder Sie kommen zur Sache, oder –«
»Ich will Sie zum Mittagessen einladen.«
»Was?«
»Also, sind Sie bereit für ein Häppchen zu Mittag?«
Mit Verzweiflung im Tonfall fragte er:
»Warum in aller Welt sollte ich wohl mit Ihnen zu Mittag essen wollen?«
Es wurde Zeit, beim guten Michael die Brennweite einzustellen. Ich sagte:
»Hab Ihre Schwester getroffen.«
Großes Einatmen, dann die deutliche Wut.
»Sie halten sich scheißenochmal von meiner Schwester fern.«
Ich ignorierte das, fuhr fort:
»Und jetzt kommt es dick. Wenn Sie sich nicht mit mir treffen, telefoniere ich ein bisschen, sage dieser schicken Empfangsfrau, dass ihr Chef einem Pfarrer den Kopf abgeschnitten hat, und, wissen Sie was, ich habe mich mit einer Nonne unterhalten, und sie hat mich auf den Gedanken gebracht, dass Ihre Schwester vielleicht den Pfarrer geköpft hat?«
Er wurde still, ließ sich dann zu einem Getränk am selben Abend herbei, in Brennan’s Yard, halb sieben – und knallte den Hörer auf. Es klingelte fast sofort. Vinny aus Byrne’s Buchladen.
»Jack, mein alter Freund und Gönner, hier ist Vinny.«
»Wie geht es dir, Vinny?«
»Gut. Ich rufe dich an, weil wir eine Ladung neuer Bücher reinbekommen haben – jede Menge Krimis – und darunter David Goodis, Dan Simmons und andere Juwelen.«
Ich war verblüfft.
»Ich dachte, es wäre unmöglich, Goodis zu besorgen?«
»Das ist es auch, aber du kennst uns, Herausforderungen sind uns willkommen.«
»Das ist toll. Ich komme vorbei.«
»Nur keine Eile, ich leg’s dir zurück.«
Ein dunkler Zufall, in solcher Schattenzeit, dass gerade diese Bücher auftauchten. Ich war viel zu hibbelig, um zu lesen oder um etwas Bedeutungsvolles in dies Geschehen hineinzulesen. Meine Existenz war so ziellos geworden, dass das Ungewöhnliche inzwischen die Norm war.
1953, mit sechsunddreißig, nach einer produktiven Karriere als Schundheftchenautor in New York, kehrte David Goodis zurück zu seinen Eltern in Philadelphia. Dort wurde er praktisch zum Eremiten.
Sein Lebensstil war mehr als seltsam. In Kalifornien mietete er zu vier Dollar pro Monat ein Sofa im Haus eines Bekannten, um dort periodisch zu pennen, wenn er auf der Pirsch war, auf der Pirsch nach fetten schwarzen Prostituierten, die er bezahlte, damit sie ihn demütigten. Trug Anzüge, bis sie völlig abgewetzt waren, färbte sie dann blau und zog sie sofort wieder an. Recycling, lange bevor es das gab.
Er hatte eine Gewohnheit, er steckte sich die roten Zellophanstreifen von Zigarettenschachteln in die Nase und behauptete, er hätte Nasenbluten. Wie bekloppt ist das denn? Dann heulte er vor Schmerz. Bei Coyle’s hätte er sich bestens eingefügt.
Er hatte einen Sechsjahresvertrag von Warner Brothers, veröffentlichte seinen ersten Roman mit einundzwanzig und mit achtundzwanzig Jahren sein berühmtestes Buch, Dark Passage/Die schwarze Natter, das für eine Bogart/Bacall-Verfilmung herhalten musste.
Nach dem Tod seines Vaters begann er den Verstand zu verlieren, gründlich. Als seine Mutter starb, war er echt hinüber, verloren. Er verklagte die Produzenten von The Fugitive/Befehl des Gewissens, weil er glaubte, sie hätten sein Werk gestohlen. Er landete in der Anstalt, und mit neunundvierzig war er tot.