Ich versuchte, jeden Tag Nachrichten zu hören, um irgendwie einen Anker in der Wirklichkeit zu haben, weil ich – sagte ich mir –, wenn ich wusste, was draußen vorging, nicht völlig raus war.

Irland war stolz. Es war

zuversichtlich

zielstrebig

modern.

Unser Image im Ausland war von hipper Coolness geprägt. Wir waren, um es szenegerecht auszudrücken, das Land, wo es abging. Während wir uns einbildeten, wir hätten uns weit von der provinziellen, geschlossenen, engstirnigen Gesellschaft der schlechten Jahre entfernt, geschahen Dinge, die uns daran erinnerten, dass wir längst noch nicht so weit waren, wie wir dachten.

Und an jenem Tag trug sich folgende unglaubliche Geschichte zu:

Leute vom Gesundheitsamt, die ein Haus überprüften, fanden eine tote Frau in ihrem Bett. Sie war nicht nur schon seit einem Jahr tot, ihre Schwester schlief auch noch im selben Bett! Sagte, das hätte sie nicht gewusst, hätte gedacht, ihre Schwester wäre krank. Ein Bruder, der in derselben winzigen Behausung wohnte, sagte:

»Ich hab gedacht, sie tut nur so.«

Ein Foto des armen Schweinehunds in allen Zeitungen zeigte ein Antlitz von altertümlicher Verwirrung, den Gesichtern der Horden nicht unähnlich, die während der Hungersnot in den schwimmenden Särgen nach Amerika auswanderten.

Mein Bart machte sich, wenn schon sonst nichts. Machte sich grau und erbärmlich. Redete mir ein, ich sähe aus wie ein Künstler, und maulte:

»Kunstfurzer.«

Zum Treffen mit Michael Clare trug ich die neue Jacke von Cody, ein weißes Hemd und Schlips – locker gebunden, um Nonchalance vorzutäuschen – und eine so gut wie saubere weiße Cordhose. Ich brauchte nur noch eine Jacht und wäre das totale Arschloch, Glas Pimm’s in der Hand, um das Porträt zu vervollständigen. Die Hose war ein ganz kleines bisschen zu kurz, weshalb ich Stiefel trug, in der Hoffnung, sie würden es wettmachen.

Die Hoffnung trog.

Klatschte mir das Polo-Aftershave auf die Backen und war, wenn schon nicht vorzeigbar, so doch zumindest aromatisch. Fragte mich, warum ich ihn ein zweites Mal traf. Er hatte bereits gestanden, allerdings ausschließlich mir. Was ich wollte, war, dass er öffentlich gestand. Auf die Weise hätte ich der unheiligen Dreifaltigkeit ins Auge gespuckt, und Clancy, die Kirche, Malachy hätten Eigelb am Kragen gehabt. Meine Waffe war Kate. Wenn er dachte, ich bringe die Geschichte in Umlauf, dass seine Schwester eine Verdächtige ist, kam er vielleicht aus der Deckung, um sie zu retten. Der Rausschmeißertyp hatte gesagt, er, Clare, würde alles für sie tun. Ich glaubte keinen Moment lang, dass die Nonne damit an die Öffentlichkeit gehen würde, eine Frau wäre zu einer Enthauptung fähig. Ich musste nur erreichen, dass Clare es glaubte.

Unterwegs traf ich einen Rumänen namens Caz. Wir unterhielten ein etwas gebrochenes Verhältnis. Wenn wir uns hin und wieder trafen, gab ich ihm ein paar Euro, bis, wie er sagte, er seinen Scheiß auf die Reihe gekriegt hatte. Er liebte diese Redensart und gebrauchte sie so oft wie möglich. Ich begegnete ihm vor dem Quays, einer Kneipe, aus der laute Musik drang. Klang wie eine Punk-Version von »Galway Bay«, was es eigentlich gar nicht geben kann. Er grüßte mich voll Energie:

»Jack, toll, Sie zu sehen.«

Schwer zu sagen, ob er gerade in die Kneipe hineinging oder aus ihr herauskam. Er war seit fünf Jahren in Galway und beherrschte eine Spielart des irischen Englisch, der nicht immer leicht zu folgen war. Ich sagte:

»Caz.«

Einen entsetzlichen Moment lang glaubte ich, er würde mich umarmen, was bedeutet hätte, dass er entweder aus der Kneipe herauskam oder schlicht Kontinentaleuropäer war. Also drückte ich ihm schnell ein paar Banknoten in die Hand. Er sagte, indem er sie verstaute:

»Ah, Jack, Sie sind ein Großherz, Sie wissen, dass Geld bei mir gut aufgehoben ist.«

Genau.

Dann beugte er sich vertraulich vor, sagte:

»Ich höre, Sie schlucken.«

Das hätte er vor meiner Trennung von dem Bargeld niemals erwähnt, aber jetzt hatte er nichts mehr zu verlieren oder zu gewinnen. Ich fragte:

»Hat jemand gesehen, wie ich ein Glas an die Lippen führte?«

Diese Frage war viel zu intensiv, zu intellektuell, und er ignorierte sie. Er war, wie erwähnt, bereits seit fünf Jahren in Irland und wusste, wie sich mit Worten streiten ließ – trefflich, wie sonst. Er sah zurück aufs Quays, fragte:

»Wie wär’s jetzt mit einem Kleinen, auf mich?«

So wäre es nämlich gekommen. Auf ihn wäre mit der Bestellung reagiert worden, und auf ihn hätte bei der Bezahlung verzichtet werden müssen, weil auf ihn ein unaufschiebbarer Gang aufs Klo zugekommen wäre. Ich sagte:

»Liebend gern, aber ich muss noch jemand treffen.«

Er glaubte kein Wort, sah die Straße entlang in Richtung Spanish Arch, sagte:

»Man sagt, Sie trinken im Coyle’s.«

Dies bestritt ich weder, noch bestätigte ich es. Er berührte mich an der Schulter, sagte:

»Seien Sie vorsichtig, mein Freund, das ist ein böser Ort.«

Er schwieg, dann:

»Was ist das, Sie hätten einen Sohn?«

Ich zuckte die Achseln, sagte:

»Die Leute reden viel, wenn der Tag lang ist.«

Das verdaute er, fragte dann, ob ich wüsste, dass gerade achtundachtzig unerwünschte Ausländer deportiert worden seien und noch weitere folgen würden.

Ich sagte, das hätte ich nicht gehört, fragte:

»Und Sie, sind Sie auf der Liste?«

Er zuckte die Achseln, sagte:

»Wir sind alle auf einer Liste.«

Dies war ein bisschen zu tiefsinnig für mich, also sondierte ich:

»Sind Sie legal?«

Er wurde zornig, fast bockig, erwiderte:

»Ich kriege meinen Scheiß auf die Reihe.«

Brennan’s Yard gefällt mir. Es hat Klasse, ohne überkandidelt zu sein, und man kriegt immer einen Stuhl. Früher war es wörtlich ein Hof. Aus bizarren Gründen haben sie, als sie das Hotel bauten, den Namen beibehalten. Zuerst verwirrte das die Menschen, aber inzwischen hatten sich der Laden und sein Name dem Leben der Stadt assimiliert.

Michael Clare saß an einem Tisch in der Nähe der Tür, wieder in einem eindrucksvollen Anzug und womöglich noch besser aussehend. Ich rieb mir meinen minderwertigen Bart und fühlte mich schäbig. Er hatte die Beine ausgestreckt und wirkte sehr mit sich im Reinen. Ich näherte mich, fragte:

»Schon lange gewartet?«

Er zeigte auf sein Glas, irgendeine rosa Flüssigkeit war drin, sagte:

»Habe meinen Campari Soda nicht angerührt.«

Ich glaube, eine pint Guinness hätte sich zu sehr mit seinem Anzug gebissen. Ich holte mir eine Diät-Coca und setzte mich zu ihm. Die Umgebung bildete einen drastischen Kontrast zu Coyle’s, aber das behielt ich für mich. Er musterte mich, meinen Bart, müde Augen, sagte:

»Bisschen spät geworden, die letzten Tage?«

Was macht man, auf schuldig plädieren? Ich sagte nichts, und er fragte:

»Wie ist die neue Wohnung?«

Das saß.

Bevor ich eine Erwiderung zimmern konnte, kam eine Familie rein, nahm den Tisch genau in unserer Blickrichtung. Junge Eltern mit zwei Jungens, etwas älter und etwas jünger als zehn. Er nahm einen Schluck von seiner Gurgellösung, die Augen starr auf die Familie gerichtet. Ich wusste nicht weiter. Wo sollte ich anfangen?

Im Kopf hatte mein Plan gut ausgesehen. Ich musste ihm nur drohen, dass ich ihn und seine Schwester ständig belästigen würde, und presto käme er raus und sagte der Welt, dass er der Priestermörder war. Jetzt schien der Plan der Gipfel der Narretei zu sein.

Ich saß neben diesem zuversichtlichen, urbanen Mann, und meine Entschlossenheit begann zu bröckeln. Einer der Jungs zog einen Schokoriegel hervor und schob sich das Zeug klumpenweise in den Mund. Clare ließ ihn nicht aus den Augen, schien von dem Vorgang wie hypnotisiert. Schweißglanz erschien auf seiner Stirn, und das Blut schwand wortwörtlich aus seinem Gesicht. Ich fragte:

»Alles in Ordnung?«

Er ließ ein leises Wimmern hören, ein Geräusch, das ich nie vergessen werde. Dann klappten seine Pupillen nach oben weg. Es geschah so plötzlich, war so dramatisch, dass ich unbeweglich sitzen blieb, bis mir klar wurde, dass er ohnmächtig geworden war. Ich beugte mich vor, lockerte seinen Schlips, begann sein Gesicht zu tätscheln. Er stöhnte und murmelte mit der Stimme eines kleinen Kindes:

»Mein Po tut weh.«

Ich sagte:

»Bleiben Sie da.«

Ging und holte einen Brandy, brachte ihn an den Tisch, hielt ihm den Kopf, hob das Glas an seine blauen Lippen, ließ ihn davon schlürfen. Die Familie glotzte, die Mäuler aufgerissen. Die Frau flüsterte dem Mann etwas zu, und sie standen auf, machten, dass sie verdammtnochmal wegkamen. Der Brandy begann, die Farbe in Clares Gesicht zurückzupumpen, und er setzte sich aufrecht hin. Ich sagte:

»Vielleicht stecken Sie den Kopf zwischen die Knie.«

Das tat er mit einer Handbewegung ab, sagte:

»Ich komme gerade drüber weg. In einer Minute geht es mir wieder gut. Sie können meine Schwester da nicht hineinziehen, ich werde alles tun, um sie zu schützen.«

Er kam drüber weg, er kam raus, heraus aus der Deckung.

Er schmeckte noch einmal am Brandy, nickte.

Ich war ernsthaft verwirrt. Wenn es bei ihm in der Öffentlichkeit zu so einer Reaktion kommen konnte, wie sehr musste er unter Ausschluss der Öffentlichkeit leiden? Mein Gewissen flehte:

»Er hat genug gelitten – leidet immer noch. Lass ihn scheißenochmal zufrieden.«

Was für eine gerechte Strafe ich mir für ihn auch vorgestellt hatte – wie konnte man sie mit dem Preis verrechnen, den er bereits zahlte? Seine Selbstbeherrschung war fast gänzlich wiederhergestellt. Er fragte:

»Also, Jack, weshalb wollten Sie mich sprechen?«

Ich schüttelte den Kopf, sagte:

»Das ist jetzt nicht wichtig.«

Er lupfte eine Augenbraue, sagte:

»Sie sind ein seltsamer Mensch, Jack. Ich dachte, Sie würden mich unter Druck setzen, versuchen, mich dazu zu bringen … wie soll ich das ausdrücken …, an die Öffentlichkeit zu gehen? Es gibt nichts, was ich nicht für sie tun würde. Ich würde mein eigenes Leben geben, um sie zu beschützen.«

Mein Glas war leer, mein Herz war es auch. Ich spielte mit dem Gedanken, zum Tresen zu gehen und mir ein neues zu holen. Er lächelte, und ich fragte:

»Woher haben Sie gewusst, wo ich wohne?«

Er lächelte kurz, ohne Wärme, sagte:

»Sie schnüffeln mir nach, besuchen um des lieben Christi willen sogar meine Schwester und glauben nicht, dass ich so was auch mache?«

Die Worte der Nonne klangen mir im Kopf. Früher sagten die alten Leute: Der Teufel war in mir, und der einzige Exorzist, den ich kannte, war tot, also platzte es aus mir heraus:

»Würde Ihre Schwester für Sie töten?«

Er seufzte lang, schüttelte den Kopf, sagte dann:

»Ich glaube, ja, aber den Pfarrer hat sie nicht umgebracht. Stark genug ist sie, aber das wissen Sie, Sie haben ihre Hände gesehen. Vielleicht tut sie der Nonne was an. Ich habe immer irgendwie gedacht, sie macht das vielleicht mal, aber nur, wenn sie ihre geliebte Flinte benutzen kann … Ich dagegen, wenn ich irgendwelche derartigen Gedanken gegenüber der gnadenlosen Nonne hegte, würde ich das Miststück ersäufen.«

Die Worte waren eisig in ihrem leisen Tonfall.

Ich begann, mich nach Coyle’s zu sehnen. Brennan’s Yard war nichts für mich. Er fragte:

»Sind Sie verdrahtet, Jack, stehen Sie unter Strom? Nehmen Sie mich auf Tonband auf?«

Jetzt war ich mit Lächeln dran, allerdings von der bitteren Sorte, sagte:

»Das machen sie nur im Film. Aber unter Strom stehe ich, da haben Sie ganz recht.«

Ich wollte aufstehen, mir eine weitere Coca bestellen, als er sagte:

»Die Nonne?«

Ich tat, als hätte ich ihn nicht verstanden, hielt ihn hin, machte:

»Was?«

»Der Pfarrer, Joyce, er war der Chef, aber sie … Sie hat alles am Laufen gehalten, hielt die Sakristei in Schuss, wusste, wie alles funktionierte. Scheiße, sie hat dafür gesorgt, dass es funktionierte.«

Brauchte kurze Zeit, um zu sehen, wohin das lief, dann fragte ich:

»Sie wusste, was passierte?«

Er nickte, ein Bild stummen Akzeptierens, sagte:

»Schwester Mary Joseph –, sie aß für ihr Leben gern Eis. Ich habe sie um Hilfe gebeten, können Sie das glauben?«

Er erwartete keine Antwort, und ich versuchte nicht, eine zu geben. Er fuhr fort:

»Als hätte sie ihr Idol verraten können. Sie hat mir auf die Ohren gehauen. Eis, darauf ist sie abgefahren. Ich glaube, wenn man alle anderen Genüsse aufgibt, bündelt sich deren gesamte Leidenschaft in dem einen, der einem bleibt.«

Wer war ich, dass ich das bestreiten wollte? Er fragte:

»Erinnern Sie sich an Ihre Beschreibung von tapfer …? Als Sie in meinem Büro waren, haben Sie den Bronzestier beschrieben.«

Ich nickte, sah John Behans wunderschöne Arbeit vor mir. Er fragte:

»Glauben Sie, es gibt überhaupt noch Tapferkeit, Kühnheit?«

Ich glaubte es nicht, aber um etwas zu sagen, sagte ich:

»Ja, vielleicht. Wenn man das eine tut, was man nicht tun will, was man schon längst hätte tun sollen.«

Er bedachte irgendwas. Dann:

»Ich hatte diese Vision, diese großartige Stadt am Corrib, die Stadt der Stämme, die sich mit jeder Stadt auf Erden messen kann. Mein Vater wäre stolz gewesen, aber wissen Sie was, Jack?«

Ich wusste nichts und sagte nichts. Er fuhr fort:

»Jede große Vision erfordert ein großes Opfer, und damit sich eine solche Vision erfüllen kann, damit man so lichterloh brennt, dass sie verwirklicht werden kann, könnte ein Menschenleben als Opfer erforderlich sein. Halten Sie das für möglich? Und wenn man dabei noch seine Schwester rettet – da lohnt sich das Opfer, meinen Sie? Wenn diese Nonne solche Behauptungen aufstellt, wäre meine Schwester verloren. Mein Vater hat mich nie gemocht, aber auf dem Totenbett musste ich ihm versprechen, egal, wie viel es kosten mochte, auf sie aufzupassen.«

Heute wünsche ich mir, ich hätte etwas anderes gesagt, aber, oh Gott, gesagt habe ich:

»Ihr Vater ist tot.«

Darauf hätte er sagen können:

»Für mich nicht.«

Aber das ist wahrscheinlich etwas zu prunkvoll. Ich weiß nur, dass seine Rede mir die Seele verbrennen sollte.

Ich stand auf, Zeit zu gehen, und er starrte mich an, dann:

»Glauben Sie, Jack, unter anderen Umständen hätten wir Freunde sein können?«

Ich sagte die Wahrheit, scheiß drauf.

»Nein.«

Er streckte die Hand aus, mehr Hoffnung als Erwartung, sagte:

»Viel Glück, Jack.«

Dann:

»Die Jacke gefällt mir. Hugo Boss, stimmt’s?«

Ich nahm seine Hand, fühlte den Angstschweiß, sagte:

»Ihnen auch viel Glück.«

Sein Gesicht öffnete sich zu einem breiten Grinsen.

»Ich glaube, für mich kommt das ein bisschen spät, aber danke, dass Sie dran gedacht haben.«