Eine Woche später hatte ich ein Bewerbungsgespräch als Objektschützer oder Sicherheitshirsch. Ich wusste, wie lächerlich das war –, ich bewarb mich darum, auf Gebäude aufzupassen, und konnte nicht auf mich selbst aufpassen. Wie meine Mutter gern sagte, nachdem ich Polizist geworden war:

»Ausgerechnet! Polizist! Zu blöd, um an einer Kreuzung den Mäuseverkehr zu regeln.«

Ich muss zugeben, dass sie mich mit diesem Bild immer zum Lächeln nötigte, was sie bestimmt nicht vorgehabt hatte. In Irland ist es wahrscheinlich die größte Sünde, wenn man sich etwas Besseres dünkt. So was wird »eingebildet« genannt, »sich nicht im Griff haben« heißt es auch gern. Sie sorgte dafür, dass ich auf solche Ideen nie kam.

Die Sicherheitsagentur war hinten bei der Augustinerkirche, gleich neben Galways einzigem Sexshop. Man muss, ist man versucht zu sagen, die Laster schön beisammenhalten. Ja, wir hatten unser erstes geschlechtliches Warenhaus. Es war den Großen Geschwistern gefolgt, McDonald’s, River Island, Gap. Ich bin nicht sicher, ob und welche Bedeutung das hat, außer was mit Geld, aber angesiedelt sind sie sämtlich ganz unten in der Nahrungskette.

Die Sonne spaltete Steine. Europa war mit einer Hitzewelle geschlagen, England buk in den hohen Dreißigern, Tony Blair spürte eine andere Art von Hitze und klammerte sich an sein »Wir werden Massenvernichtungswaffen finden«-Dogma. In Irland hatten wir unser eigenes Massenvernichtungsmittel.

Alkoholismus.

Ich trug ein kurzärmliges weißes Hemd, einen dunkelblauen Schlips, locker gebunden, so richtig angeberisch lässig, eine schwarze gebügelte Hose, praktisches schwarzes Reinschlüpf-Schuhwerk. Alles im Vincent-de-Paul-Laden gekauft, hat mich insgesamt neun Euro gekostet. Die Frau hinter dem Ladentisch hielt das Hemd ins Licht, sah mich maßnehmend an, sagte:

»Das wird Ihnen ganz reizend stehen.«

Na ja, es passte.

Die Schuhe waren zu eng, aber ein tägliches Maß an Unbehagen,

physisch,

mental

und/oder

spirituell,

war ich gewohnt.

Früher hatte ich mal bei der Lektüre von Thomas Merton Erhebung gefunden. Vorbei, vorbei. Eine korrosive Verzweiflung hatte ihn obsolet gemacht, wenn ich das so sagen darf. Was die Schuhe allerdings schafften, war, mein Hinken zu betonen. Vielleicht gab es Mitleidspunkte, dass sie mich als Variation des Kriegsversehrter-Veteran-Syndroms nahmen. Was ich von Security-Firmen wusste, hatte ich hauptsächlich von meinem toten Freund Brendan erfahren. Er hatte mir mal gesagt:

»Wer stehen kann, kann Objektschützer werden.«

Ich hatte gefragt:

»Mehr muss man nicht können?«

»Hilft, wenn man jünger als siebzig ist.«

Der Typ, der mit mir das Einstellungsgespräch führte, war eindeutig sechzig. Er hatte offenbar viele schlechte B-Movies gesehen, denn ein Zigarrenstummel, unangezündet, hauste in seinem Mundwinkel. Er ließ ihn beim Sprechen langsam rotieren, sagte:

»Ihrer Bewerbung entnehme ich, dass Sie Polizist waren.«

Ich nickte, rückte mit nichts weiter heraus. Dass ich rausgeschmissen worden war, war kein Verkaufsargument.

Er machte diverse Grunzer, und ich konnte nicht unterscheiden, ob das Grunzer der Billigung oder Grunzer von was anderem waren. Zu sagen, dass meine Bewerbungsunterlagen skizzenhaft waren, wäre milde formuliert gewesen. Er seufzte, fragte:

»Wann können Sie anfangen?«

»Ämm …«

»Haben Sie heute Zeit?«

Ich hatte jeden Tag Zeit, aber, Scheiße, ich war im Kopf noch nicht bereit, schnelle Sprünge zu machen. Ich sagte:

»Ich ziehe gerade um, könnte ich nächste Woche anfangen?«

Schließlich sah er mich an. Ich hoffte, das weiße Hemd machte ordentlich Eindruck, und sagte:

»Da haben Sie Zeit, meine Referenzen zu überprüfen.«

Referiert hatten Wellewulst und ein Arzt, der mir mal die gebrochenen Finger gerichtet hatte. Der Typ sagte:

»Genau.«

Mir wurde klar, dass das Einstellungsgespräch gelaufen war, stand auf, sagte:

»Danke für Ihre Zeit.«

»Ja, ja.«

Ich ging weg und dachte:

»Ich bin angestellt, einfach so?«

Beschloss, in die Augustiner zu gehen, eine Kerze für all meine Toten anzuzünden. Vorher hatte ich meine Geschäfte immer mit der Abtei gemacht, aber die hatten sich durch ihre Preispolitik vom Markt katapultiert. Die Tarife für Messkärtchen waren unerschwinglich geworden. In der Kirche tunkte ich meine Finger ins Weihwasserbecken, bekreuzigte mich, intonierte: »In ainm an Athair …«, das Vaterunser auf Irisch. Die Messe ging gerade zu Ende, recht gut besucht. Ich ging hinten zum Sankt-Judas-Schrein und steckte etwas Geld in den Kasten. Es war traurig zu sehen, wie die Kerzen heutzutage automatisiert kamen. Man drückte auf einen Knopf, und ein Licht ging an. Was für eine Schande. Der ganze Vorgang, dass man tatsächlich eine Kerze aussucht, anzündet, war ein Tröstungsritus gewesen, so alt wie die Armut. Und jetzt? Internet-Zugang, zu Hause sitzen, Website-Kerze anmachen. Ich wählte eine Position oben rechts, haute auf den Knopf, funktionierte das Ding nicht. Versuchte es bei drei weiteren. Nein. Hoffte, dass es kein Omen war, kniete mich hin und sagte:

»Für die Ruhe der Seelen der lieben Heimgegangenen.«

Fühlte mich wie ein Heuchler. Eine alte Frau kam herein, steckte ihre Münzen in den Kasten, haute auf einen Knopf, und die gesamte obere Reihe fing an zu leuchten. Sie schien entzückt. Ich wollte Rückerstattung. Vielleicht hatte ich nicht das richtige Geld reingeschmissen, vielleicht funktionierte der Kasten nur mit genau passendem Betrag; kein Wechselgeld, oder gab es ein Sonderangebot, zehn Kerzen für nur € 9,99? Es war zu kompliziert. Ich machte, dass ich da wegkam, im Herzen ein Gefühl, als wäre etwas nicht in Erfüllung gegangen.

Stand auf den Stufen, die Sonne im Gesicht, hörte:

»Mr Taylor? Mutter Gottes, sind Sie es selbst?«

Janet, die Kammerkatze/Pisspottschwenkerin/Gesamtbelegschaft von Bailey’s Hotel. Sie hatte schon immer so alt ausgesehen wie Mrs Bailey, musste spät in den Achtzigern sein. Sie trug einen Connemara-Umhang, sah zerbrechlich aus. Diese Umhänge wurden handgemacht, von Mutter an Tochter weitergegeben, ein Scheibchen lebendiger Geschichte. Ich sagte:

»Janet.«

Und sie kam in Bewegung, umarmte mich gründlich, sagte:

»Wir hörten, Sie waren im Narrenhaus.«

Verstummte, errötete, versuchte es mit:

»Ach Himmel, ich meinte die Klinik.«

Ich umarmte sie meinerseits, sagte:

»War ich, aber jetzt geht es mir wieder gut.«

Sie ließ mich los, äußerte das, was einem irischen Segensspruch am nächsten kommt:

»Lassen Sie sich anschauen.«

Da stecken Jahrhunderte an Fürsorge drin. Und anschauen ist genau, was dann folgt, aber mit Zärtlichkeit, Kümmernis. Sie sagte:

»Man muss Sie ein bisschen mästen.«

Ich lächelte, fragte:

»Wie geht es Ihnen?«

Ihr Gesicht erhellte sich, so ähnlich wie die obere Kerzenreihe. Mit Aufregung in den Augen rief sie:

»Ist es nicht großartig?«

Was?

Ich kam nicht drauf, sagte:

»Was denn? Ich komm nicht drauf.«

Sie kam nah heran, als wären überall Lauscher, was in Irland wahrscheinlich auch zutraf, flüsterte fast:

»Unsere Erbschaft.«

Mein Gesicht zeigte meine Verwirrung, und sie sagte:

»Mrs Bailey hatte keine Kinder, keine nahen Angehörigen. Also hat sie mir Geld vererbt, und bevor sie starb, möge sie in Frieden ruh’n, hat sie mir gesagt, dass sie Ihnen eine kleine Wohnung und Geld hinterlässt.«

Ich war verblüfft, fand keine Worte. Janet wühlte in einer nagelneuen Lederhandtasche – ein Ergebnis der Erbschaft, hatte ich den Verdacht –, fand eine Visitenkarte, überreichte sie, sagte:

»Das ist der Anwalt, er möchte dringend, dass Sie sich melden.«

Ich las den Namen:

Terence Brown

Anwalt für Familienrecht

Mit vier verschiedenen Telefonanschlüssen.

Ich sagte:

»Ich werde ihn anrufen.«

Janet lächelte, aber mit Kummer in den Augen sagte sie:

»Mrs Bailey sagte, Sie waren ihr eine große Hilfe, und hat sich gesorgt, dass Sie ein Zuhause haben.«

Ich musste fragen:

»Wo ist sie beerdigt?«

»Fort Hill, neben ihrem Mann.«

Es gibt drei Friedhöfe in Galway: Bohermore, Rahoon und Fort Hill. Auf den ersten beiden hatte ich Verwandte und Bekannte. Auf dem dritten wurde kaum noch jemand begraben, man musste sehr altes Galway sein. Sogar im Tode gibt es Kategorien. Janet sah auf eine neue goldene Uhr, sagte:

»Ich muss los, Mr Taylor, meinem Mann was zu essen machen.«

Ich hatte ihn nie kennengelernt, fragte aber:

»Wie macht er sich?«

Ihre Antwort enthielt all die Wärme und Zuneigung einer verlorenen Ära, in ihrer Schlichtheit fast vergeudet.

»Bestens macht er sich. Wir kriegen den Sportkanal rein, da lebt er herrlich und in Freuden.«

Noch eine Umarmung, und weg war sie. Ich hatte nicht »Man sieht sich« gesagt; unser Verhältnis musste ohne Verpflichtungen auskommen. Ich schüttelte mich, erstaunt darüber, wie mein Tag Formen annahm. Noch nicht mal Mittag, und ich hatte einen Job, vielleicht eine Wohnung und sogar die Aussicht auf Geld. Prompt wollte ich feiern, und da fiel mir immer schon nur eins ein.

Saufen.

Ich ging zum Eyre Square, setzte mich in die Nähe des Springbrunnens, ließ mich von der Sonne überfluten, fragte mich, bei wem ich mich bedanken konnte.

Der Platz brummte.

Rucksacktouristen

Büroangestellte

Kinder

Nachwuchsrüpel

Penner

Nichtsesshafte.

Zu jener Zeit war Buckfast, ein billiger Wein, das Tiefste, zu dem man hinabsinken konnte. Nur eine Kerbe oberhalb von Methanol angesetzt, war er als Berber-Cuvée bekannt …, billig und wirksam. Die Teenager hatten gerade entdeckt, dass man, wenn man ihn mit Red Bull und einem Schuss Apfelwein mischte, mit allem abschließen konnte. Diese neue Beliebtheit hatte den Preis erhöht. Unter meiner Parkbank zählte ich drei leere Flaschen. Hatte ich das Zeug je getrunken?

Zweifellos.

In der Nähe der gebührenpflichtigen Toiletten war eine Trinker-Akademie hingekauert. Ein Häuflein Männer und Frauen, zerlumpt, schmutzig, bedröhnt. In Intervallen entsandten sie einen Unterhändler, der die Drecksarbeit machen sollte. Die Regeln der Akademie waren simpel: Kehre nicht mit leeren Händen zurück. Auf einer Bank neben ihnen saß einer der Ihren allein, den Kopf gesenkt. Auch aus der Ferne war sein Tremor zu erkennen. Er schüttelte den Kopf, und etwas an dieser Bewegung ließ mir das Herz gefrieren. Die Akademie sah mich, schickte einen Kundschafter, der sagte:

»Kleingeld für eine Tasse Tee, Sir?«

Ich wedelte ihn weg, er drehte ab und nahm ein deutsches Pärchen beim Stadtplanstudium ins Visier.

Ich ging zu dem Mann auf der Bank, sagte:

»Jeff?«

Keine Antwort, dann kam langsam sein Kopf hoch, das einst so gepflegte lange Haar jetzt verfilzt und schmutzig. Wunde Stellen waren um seinen Mund, sein linkes Auge war blau geschlagen, begann abzuschwellen. Das Odeur, das sich von seinem Körper erhob, war ein Mix aus Urin, Feuchtigkeit und Verfall. Er stellte die Brennweite seiner Augen auf mich ein, krächzte:

»Jack?«

Ich wollte ihn umarmen, baden, mit frischen Klamotten versorgen. Ich fragte:

»Was kann ich tun, Kumpel?«

Ich konnte seine Erwiderung nicht verstehen und beugte mich weiter vor. Sein Atem roch wie totes Pferd. Er murmelte:

»Du kannst mich am Arsch lecken, Jack Taylor.«

Ich fuhr zurück, und er versuchte, sich aufzurichten, spuckte dann neben meinen Fuß, sagte:

»Hat mein Goldkind umgebracht.«