Anonyme Alkoholiker würden mein Verhalten verstehen. Ich wäre überhaupt kein Geheimnis. Nichts saufen und nichts befolgen. Ich schob das, was man Nüchternheit mit weißen Fingerknöcheln nennt. Oder einen trockenen Trinker.

Wieso erinnerte ich mich an diese Scheiße?

Wie denn wohl nicht?

Bei meinem neuen Zuhause, an der Ecke, wo der Eyre Square auf die Merchant’s Road trifft, gibt es einen neuen Spirituosenladen. Ich hatte Cody gesagt, er kann nach Hause gehen, wir reden dann bald mal. Ich ging stracks in den Flaschenladen. Ein unbewilligter Ausländer debattierte mit dem Verkäufer, behauptete, er hätte ihm einen Fünfzig-Euro-Schein gegeben, keinen Zehn-Euro-Schein. Ich starrte auf das oberste Regal, die Etiketten sangen mich an. Der Disput am Ladentisch drohte nicht, je aufhören zu wollen, weshalb ich zu dem unerwünschten Ausländer sagte:

»Musst du nicht allmählich los, Kumpel?«

Er wirbelte herum, bereit zu kämpfen, sah mein Gesicht, optierte für Abhauen.

Der Verkäufer beobachtete seinen Abgang, maulte:

»Scheißkerl.«

Dann zu mir:

»Danke fürs Einspringen.«

Er war jung, vielleicht zwanzig, und bereits in Bitterkeit mariniert. Ich nickte, sagte:

»Geben Sie mir eine Flasche Early Times und ein Dutzend Dosen Guinness.«

Er musste sich für den Bourbon recken, bekam ihn herunter, starrte das Etikett an, sagte:

»Den habe ich noch nie gekostet.«

Wollte er jetzt damit anfangen?

Als ich nichts erwiderte, sagte er:

»Schön, und ein Dutzend Guinness?«

Packte alles in eine Plastiktüte und sagte:

»Bei Einkäufen über vierzig Euro bekommen Sie ein Gratis-T-Shirt dazu.«

Da ich angesichts meines günstigen Geschicks nicht völlig aus dem Häuschen war, stopfte er das Hemd in die Tüte, sagte:

»Large, nehme ich an.«

Ich bezahlte ihn, fragte:

»Ist das ein Ganztagsjob?«

»Heiland, nein, ich studiere BWL

Ich nahm die Tüte, sagte:

»Sie haben alle guten Eigenschaften, die man dafür braucht.«

Ich war schon draußen, als ich ihn sagen hörte:

»Die Plastiktüte habe ich Ihnen nicht berechnet.«

In den zwei Jahren, seit die Dinger kosteten, hatte sich das Abfallproblem im Land halbiert. Ich murmelte:

»Es ist noch viel zu tun.«

Ein Typ, der in einem Hauseingang lehnte, fragte:

»Einem Mitmenschen helfen?«

Ich gab ihm das T-Shirt.

Dann tauchte groß Jeffs Gesicht auf, und ich drehte mich um, sagte zu dem Typ:

»Gott hat Ihnen gerade zugelächelt.«

Überreichte ihm den ganzen Batzen Alk … Ich war schon eine halbe Straße weiter gegangen, als ich ihn hinter mir rufen hörte:

»Eher der Teufel.«

Dagegen was sagen?

Ich nicht.

Ich war in meiner Wohnung auf und ab gerannt. Ich war immer noch wie blöd. Der Adrenalinstoß war nicht abgeklungen, und die stets gegenwärtige Wut war nicht gestillt. Ich warf meinen Mantel ab, legte eine CD auf.

Arrangierte Requisiten und Beleuchtung.

Wenn ich nüchtern nicht Musik hören konnte, musste ich anfangen, das zu lernen.

Und damit scheißenochmal jetzt anfangen.

Egal, ob rührselig, künstlich, von Schuldgefühlen angetrieben …, ich würde trauern.

Wenn man Johnny Cash hört, und es wühlt einen nicht auf, hat man Leichenstarre. Stellte die Musik laut – Johnnys Stimme, wie auf Kies, nein, auf Schotter. Ich begutachtete meine Wohnung. Die neue Musikecke, wann habe ich mir die besorgt? Oder wo? Die Regale voll Bücher, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Vinny … Wie ist das passiert?

Man kann während eines Filmrisses funktionieren und nüchtern sein, das Erbe vertaner Jahre. Man kann aufhören zu trinken und nie einen klaren Kopf bekommen. Indem ich mein Eigen abschätzte, sagte ich laut:

»Macht unterm Strich?«

Die Dandy Warhols, warum waren die mir plötzlich in den Kopf gehüpft? Das Adrenalin war unterwegs, eröffnete die Informationsautobahn in meinem Hirn. Ein Schwall nutzloser Daten kam herausgeströmt – eine Passage, die ich einst während meiner Grundausbildung in Templemore auswendig gelernt hatte:

Am 17. August 1922 stellte sich ein Kontingent der Bürgergarde unter dem Kommando des Polizeipräsidenten Michael Staines, nachdem es Dublin Castle eingenommen hatte, im unteren Schlosshof in Reih und Glied auf, um von Eamonn Duggan TD, dem Minister für Innere Angelegenheiten, inspiziert zu werden.

Am nächsten Tag meldete die Irish Times: »Die gestrige kleine Zeremonie tilgt die letzten Spuren des alten Regimes … Irlands Geschicke liegen in irischen Händen. Wenn dem Neuen Irland von einer Truppe gedient wird, welche die besten Traditionen der Königlich Irischen Gendarmerie aufrechterhält, so wird es in der Tat vom Glücke begünstigt sein.«

Meine Grundausbildung. Ich hatte diese Wörter als Quelle des Stolzes auswendig gelernt. Sie zeugten von der Karriere, der ich Ehre machen würde. Ich weiß noch, dass ich den Ausschnitt aus der Irish Times an der Wand hatte. Jedes Mal, wenn ich ihn las, erleuchtete er mein Herz, gab mir das Gefühl, Teil des Landes zu sein, eine greifbare Kraft bei der Verbesserung der Nation.

Heiland.

Die CD war zu Ende.

Schüttelte den Kopf, wusste, wenn ich in den Spiegel sah, sah ich Grabsteine in meinen Augen. Hörte Musik, um zu vergessen, und bekam stattdessen die Toten. Alle meine Leute und aus irgendeinem Grund auch solche, die ich nie gekannt hatte. James Forlong, der Kriegskorrespondent von Sky News, lieferte nach einem ganzen Leben wirklich gefährlicher Reportagen einen einzigen gefälschten Bericht ab und konnte vor Scham nicht weiterleben. Dass seine Tochter mit Down-Syndrom ihn fand, nachdem er sich erhängt hatte, riss mich in Fetzen. Ich fragte Gott:

»Wo sind die Scheißfreuden, die Du versprichst? Wo sind die glücklichen Zeiten, mit denen ich mich verrückt mache?«

Die Liste der Verstorbenen war endlos. Einer von den Righteous Brothers, June Carter, und David Hemmings, der in den späten Sechzigerjahren in Galway war, anlässlich der Dreharbeiten zu Alfred der Große, kam frisch von seinem Triumph in Blow-Up hierher und war damals der schärfste Mann auf dem Planeten. Alfred der Große wurde als der größte Flop seiner Zeit gewertet, war aber in der Stadt ausgesprochen wohlgelitten, weil er Geld unter die Leute brachte.

Stand auf, befahl mir, die Schatten abzuschütteln, wählte R. E. M. aus …, eine Best of-Zusammenstellung, Titel sechs, »Losing My Religion«, handelt davon, wie er in der Klemme steckt.

Ich bewegte mich, in der Art von Stipe. Wie traurig ist das denn? Ein Mann in den Fünfzigern, sein Gedächtnis vom Müll eines ruinierten Lebens verfolgt, tanzt in seiner Dachgeschosswohnung über der Bucht von Galway, kennt jedes Wort des Songs und denkt:

Boilermaker.

Ein Bier mit eingebautem Bourbon, irgendeine verzerrte Idee des amerikanischen Traums leben.

Noch ein ordentlicher Schluck Selbstmitleid, noch eine CD.

Springsteen mit »Thunder Road«. Nick Hornby schätzte, dass er den Song eintausendfünfhundertmal gespielt hat.

Was …? Hat er mitgezählt?

Rief den Refrain, irgendwas, dass es keine Freifahrten gibt.

Als wüsste ich das nicht.

Dann, wie eine klassische Kriminalgeschichte, »Meeting Across The River«, mit der Zeile, wie einer eine Pistole trägt, als wäre sie ein Freund.

Dann saß ich auf dem Sessel, begutachtete die leere Wohnung, die Geister aller, die ich je gekannt. Heiland, war Selbstmord so eine schlechte Idee?

Kommt schon noch.

Bruce hörte mit »Jersey Girl« von Tom Waits auf, und ich sang mit, leiser jetzt, fast um ein Mädchen aus Jersey weinend, dem ich nie begegnet war und dem ich nie begegnen würde, niemals. Und machte das, was Betrunkene immer bereuen, was sie schwören nie zu tun, aber es ist, sozusagen, Zwang, Pflicht. Nahm den Hörer ab, irgendeine Seeleneinsamkeit, die um eine menschliche Stimme bettelt, haute auf die Tasten, hörte Wellewulst sagen:

»Ja?«

Unverbindlich.

Ich sagte:

»Hier ist Jack.«

Kein warmer Willkommensschrei.

Also setzte ich hinzu:

»Sie werden keinen Ärger mehr haben.«

Verblüfft.

»Sie haben ihn gefunden?«

»Ja.«

»Und wer … ist er?«

»Heißt Sam White. Sie haben ihn wegen öffentlichen Urinierens verhaftet.«

Ich war glücklich über die Formulierung, nur das Sam war ein bisschen verschwommen geraten. Die S-Laute sind die reinsten Schweinehunde, schaffen einen immer wieder, wenn man ein bisschen aufgeregt ist. Ich muss mich angehört haben, als wäre ich betrunken.

Sie kramte in ihrem Gedächtnis, dann:

»Ach, der! Und der macht so was?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Haben Sie ihm wehgetan?«

»Ja.«

»Wie schlimm?«

»Biblisch.«

Ich wartete, fragte mich, ob sie ausflippt, mich der Bürgerwehrmentalität und Selbstjustiz zeiht, fragt, was ich denke, wozu die Polizei da ist. Sie sagte:

»Gut.«

Ich hatte erwartet, dass sie Dankbarkeit zeigt, zumindest ein bisschen Anerkennung, aber sie sagte:

»Sie klingen so merkwürdig.«

»Ja? Das ist das Komische an Gewalt: die Begabung für Small Talk schwindet.«

»Sind Sie verletzt?«

»Nicht, wo man was sieht.«

Dies kostete sie aus, dann:

»Was heißt das?«

Ich hätte ihr eine Rede halten können, wie Gewalt einem ein bisschen von der Seele wegnimmt, dass Schaden, den man einem anderen Menschen zufügt, das eigene Menschsein mindert, aber so was konnte man nicht sagen, ohne sich wie ein Scheißkerl anzuhören, also sagte ich:

»Sie sind schlau, kriegen Sie’s raus.«

Stahl in der Stimme, sagte sie:

»Sprechen Sie nicht in diesem Ton mit mir.«

Knallte den Hörer.

Gott hilft nicht jenen, so den Bullen helfen.

In meinem Kopf kursierte die Ansprache, die Michael Clare mir gehalten hatte, die Herablassung, die er mir gezeigt hatte, die Bezeichnungen, mit denen er mich bedacht hatte, und ich war gezwungen, meine Finger aus der Faust, zu der sie sich fest geballt hatten, zu lösen. Als ich das letzte Mal ähnlich zornig war, hatte ich ein Loch in die Wand geboxt und mir das Handgelenk gebrochen.

Am folgenden Tag um zwölf traf ich Malachy im Great Southern Hotel. Er hatte ein Kännchen Kaffee in Betrieb, eine Nikotinwolke über dem Kopf. Er sagte:

»Heiland, du siehst schlecht aus.«

Ich hatte eine Kanne Kaffee gebraucht, um aus dem Bett und vor die Tür zu kommen, schnappte:

»Was geht Sie das an?«

Er bedachte das. Ich nahm eine von seinen Zigaretten, und es gelang ihm, es unkommentiert zu lassen. Erinnerte mich, dass ich immer noch das Pflaster dranhatte, und steckte die Lulle zurück in die Packung. Ohne Vorrede skizzierte ich die Ermittlung, wie sie stattgefunden hatte, vom Treffen mit dem Rausschmeißervermittler bis zu Michael Clares Eingeständnis, er habe Pater Joyce umgebracht. Ich sagte nicht, dass ich die Geschichte glaubte. Dann setzte ich mich zurück, fragte:

»Was werden Sie tun?«

»Tun?«

»Er hat Ihren Freund ermordet, einen Priester … Werden Sie zur Polizei gehen?«

Er schüttelte die Kaffeekanne leer, sagte:

»Ich werde eine Messe für ihn lesen.«

Ich konnte es nicht glauben, fragte:

»Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst, oder?«

Er sah in seinem Taschenkalender nach, machte Hmmm-Geräusche, sagte:

»Die Frühmette, um sieben. Wirst du kommen?«

Ich stand auf, sagte:

»Clare wird also frei herumlaufen, ja?«

Er hatte einen Gesichtsausdruck, den ich nur als resignierte Toleranz beschreiben kann, nichts, was ich je zuvor bei ihm beobachtet hätte. Er sagte:

»Das ist jetzt Gottes Angelegenheit.«

Ich wollte unter mich greifen, ihn bei seinem Klerikerkragen packen und schütteln, bis er klapperte. Ich sagte:

»Clare hat mir von einer unheiligen Dreifaltigkeit aus Kirche, Polizei und ihm selbst berichtet. Er hätte Sie mitzählen sollen. Sie scheint es nicht zu kümmern, ob er schuldig ist oder nicht, Sie wollen nur wissen, ob Ihr Arsch in Sicherheit ist.«

Er seufzte.

»Jack, diese Männer, sie haben eine Vision von der Zukunft. Kleine Leute wie du und ich, wir machen mit, aber die – die können sich ein Bild vom großen Ganzen machen.«

Ich wollte ihn schlagen, bis er bewusstlos war. Ich stand auf, und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich den Wunsch, jemanden anzuspucken, einen tonnenschweren Qualster von ganz unten raufzuziehen und ihm auf seinen abgetragenen Anzug zu speien. Wenn man einen Priester anspucken möchte, ist man so im Arsch, dass selbst der Teufel milde Bestürzung zeigt. Es gelang mir, mich zu bezwingen, und ich sagte:

»Ich würde ja sagen, Gott vergebe Ihnen, aber sogar Er würde das als Zumutung empfinden. Sie sind ein trauriger Wichser, und wissen Sie was? Ich glaube, Sie haben sich auch an den Jungs zu schaffen gemacht.«

Und weg war ich. Jeffs Kneipe, Nestor’s, war nur ein paar Hundert Meter entfernt, und es war so verdammt einleuchtend, sich auf den Weg dorthin zu machen. Ich sah den Eyre Square an, wo sich die Penner versammelten, flüsterte:

»Wo bist du, Kumpel?«

Ich hatte bei Feeney’s eine Diät-Coca in Arbeit, als Cody erschien. Ich hielt den Finger gegen die Lippen, sagte:

»Kein Kommentar zur Diät-Coca. Sie kennen mich nicht genug, um eine Meinung zu haben, zumindest keine, die mir nicht scheißegal ist.«

Er atmete tief ein, sagte:

»Mein Vater hat mich immer behandelt, als wäre ich zurückgeblieben, hat gesagt, aus mir wird nie was, ich bin eine Riesenenttäuschung, und wissen Sie, Sie haben mir das Gefühl gegeben, ich wäre jemand.«

Seine Stimme stockte, und ich dachte, er fängt an zu weinen, aber er fing sich, riss sich zusammen, einigermaßen, fuhr fort:

»Das klingt jetzt blöd, und ich weiß, es ist, sagen wir, seltsam, aber ich dachte, Sie wären irgendwie der Vater, den ich gewollt hätte.«

Bevor ich reagieren konnte, sagte er hastig:

»Aber ich komme mit Ihrer Wut, Ihrer Bösartigkeit nicht klar, also kündige ich. Ich habe Angst, ich ende wie Sie.«

Ich wollte rufen:

»Sie kündigen? Machen Sie scheißenochmal Witze?«

Er stand auf, sagte:

»Leben Sie wohl und … ämm, Gottes Segen.«

Ich sah zu, wie er davonschlurfte, und ich schwöre zu Gott, es sah aus, als hätte er ein Hinkebein.