Ich beschloss, Tom Reed zuerst zu besuchen – er war der, der die Nachtklubs mit Rausschmeißern versorgte. Ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr Irland sich verändert hatte. In meiner Jugend gab es, glaube ich, keinen einzigen Rausschmeißer im Land. Jetzt hat fast jede Kneipe, jeder Klub, jedes Hotel einen. Die Kerle hatten sogar eine eigene Schule. Ohne Quatsch. So grotesk es klingt, der Rausschmeißerlehrgang an der Rausschmeißerschule dauerte ein Jahr. Zu den Fächern gehörten Kontrolle von Menschenmengen und die Kunst, Situationen zu entschärfen. Ich glaube, wenn alles andere versagte, konnte man auf sein Basiswissen zurückgreifen und den Leuten bis zum Spann in den Arsch treten. Damit man nicht den Fehler machte zu glauben, das Rausschmeißerwesen sei einfach eine Unterabteilung im Security-Business, war es unter »Unterhaltungsunternehmen« aufgeführt. Nach dem 1. Januar, wenn das Rauchverbot in Kneipen, Klubs, Gefängnissen, Krankenhäusern in Kraft trat, würden die Rausschmeißer etwas mehr unter der Jacke haben müssen als die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen.
Ich ging die Mary Street entlang, als ein Daimler neben mir hielt. Ich war vor mich hin gehumpelt, hatte mich auf meine Herangehensweise bei Reed vorbereitet und mehr oder weniger entschieden, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen: »Ich will Sie nicht langweilen, haben Sie Pater Joyce geköpft?«
Vorn und hinten ging eine Tür auf, zwei sehr große Männer stiegen aus, versperrten mir den Weg. Ich dachte:
»Jetzt geht’s lo-hos.«
Ihre Schuhe … Polizisten. Das fällt immer auf. Schwere schwarze Teile, die mit den dicken Sohlen. Wenige Artikel eignen sich so gut für ein anständiges Zutreten wie diese. Immer wieder harten Tests unterzogen, aber noch längst nicht ausgetestet. Der erste sagte:
»Taylor.«
Keine Frage. Der zweite starrte mich an, was er sah, gefiel ihm nicht sehr, sagte:
»Einsteigen.«
Ich sah mich um, sah keinen Mitbürger, der sich zu protestieren anschickte. Der erste fügte hinzu:
»Der Herr Polizeipräsident will mit Ihnen reden.«
Der Teufel bestürmte mich zu fragen:
»Ah, ein kleiner Schwatz unter kultivierten Menschen?«
Stattdessen:
»Das passt im Augenblick ganz schlecht.«
Der zweite lächelte, sagte:
»Wir werden nicht viel von Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen.«
Übersetzung: Steig ein, du Hemd.
Ich stieg ein.
Der zweite ordnete sich hinten neben mir an, der Fahrer tippte gegen den Spiegel und fädelte sich in den Verkehr ein. Der Typ neben mir hatte Aftershave verwendet, einen Eimer voll. Ich brauchte Zeit, um auf den Namen zu kommen …, dann …: Brut. Heiland, ich wusste nicht mal, dass das noch hergestellt wurde. Vielleicht hatte er einen Vorrat angelegt und monopolisierte jetzt den ganzen Markt. In den frühen Siebzigern war es der bevorzugte Duft gewesen. In dieser unverwechselbaren grünen Flasche mit einem Silbermedaillon, und die Herrenwelt saute sich damit zu, als wäre es mindestens wundertätig. Frauen haben es schwer, aber die Ära der massenhaften Brut-Verwendung muss ein besonders schwarzes Kapitel ihrer Geschichte gewesen sein. Dann verschwand das Zeug.
Ich sah seine linke Hand an. Ehering. Vielleicht dachte sich seine Frau, dann macht er keine Sperenzchen. Wir fuhren an der Mill Street vorbei, und ich fragte:
»Wir fahren nicht aufs Revier?«
Und niemand gab eine Antwort. Wenn sie mich in die Bucht werfen wollten, war das immer noch besser als das Brut. Wir kreuzten durch Salthill, vorbei an Blackrock und bogen in den Golfklub ein. Hielten an, und der vordere Typ sagte:
»Aussteigen.«
Ich stieg aus, und der Fahrer sagte:
»Er wartet in der Bar.«
Ich sah den Typ hinten im Auto an, dann wieder den Fahrer, fragte.
»Kriegen Sie Gefahrenzulage?«
Das Flackern eines Lächelns, dann rollte das Fenster hoch. Als Kind war ich ein paarmal hier gewesen, hatte Golfbälle gesucht. Wurde meistens weggejagt. Ich gehörte da nicht hin und glaubte nicht, dass ich je dahin gehören würde. Ging hinein, an massenhaft Typen in schreiend bunten Pullovern vorbei, und die Typen sagten ganz laut: »Birdie … Four-Ball … Eagle«, als hätten die Wörter irgendein Gewicht. Fand die Bar, und an einem großen Fenstertisch saß Clancy. Er trug einen Pullover mit Diamantenmuster und dazu, ich schwöre es, ein Plastron. Niemand – und damit meine ich wirklich, niemand – außer Roger Moore und ab und an einem herumstreunenden Freimaurer trägt diese Seidenhalstüchlein. Sogar Edward Heath ist es gelungen, auf sie zu verzichten. John Major hätte gern welche getragen, aber dazu hatte er nicht die Eier.
Clancy trug eine Golfhose, so was Glänzendes, was an den Oberschenkeln scheuert und beim Gehen raschelt. Reinschlüpf-Ziegenlederschuhe an den Füßen. Sein Gesicht war gerötet, gepolstert, gemästet. Sein einst so volles Haar war einer Überkämmfrisur gewichen, die die Aufmerksamkeit auf seine rasch um sich greifende Kahlheit lenkte. Vor ihm ein Kännchen Kaffee, eine Tasse.
Ich ging hin, kam mir vor wie arme Verwandtschaft, deren einzige Mission die Bittstellerei ist. Er starrte mich an, sagte:
»Setz dich hin.«
Ich setzte mich hin.
Wir glotzten uns ein bisschen an, Macho-Kram. Schwer zu glauben, dass wir mal dicke Freunde gewesen sind, damals, in meiner Zeit als Polizist. Ich wurde rausgeschmissen, und er wurde befördert. Eine Umkehrung von »Amazing Grace« spulte sich in meinem Kopf ab: »Gefunden einst, verloren jetzt.«
Oh ja.
Er sagte:
»Das Hinken ist nicht besser geworden.«
Ich lächelte, dachte:
»Spiel läuft.«
Antwortete:
»Meins sieht man wenigstens.«
Ein Kellner erschien, fragte, ob der Herr Präsident frischen Kaffee möchte, sah dann mich an. Clancy sagte:
»Er ist kein Mitglied.«
Fanden beide urkomisch. Ich wartete, und er griff in seine Tasche, schnipste eine Karte auf den Tisch. Ich konnte sehen:
Taylor und Cody
Ermittlungen
Keine Scheidungssachen
Er fragte:
»Ist das ein Witz?«
»Nicht für Cody.«
»Wenn du eine Firma gründest, besorg dir lieber vorher die Lizenz.«
»Zu Befehl.«
Er hob das Kaffeekännchen, schenkte eine Tasse ein, Zucker, Sahne, nippte, machte:
»Ah …, köstlich.«
Dann:
»Ich bin überrascht, dass sie dich aus dem Irrenhaus entlassen haben. Dachte, wir wären dich los.«
Den gönnte ich ihm. Wenn er billig punkten wollte, konnte er das haben. Jemand rief aus dem Korridor nach ihm, es wäre jetzt erster Abschlag. Ich sagte:
»Lass dich nicht durch mich von deinem Spiel abhalten.«
Er bereitete sich vor aufzustehen, sagte:
»Der Priester, der ermordet wurde … Denk nicht mal dran, dich dem Fall auch nur zu nähern.«
Ich hob die Hände, sagte:
»Wieso sollte ich das wollen?«
Er ließ einen tiefen Rülpser frei, sagte:
»Hör zu, Taylor, hör gut zu. Ich weiß alles über dich. Dieser total wahnsinnige Pater Malachy, der wahrscheinlich deine alte Dame flachgelegt hat, da heißt es, er wird dich um Hilfe angehen.«
Ich wollte ihm das selbstgefällige Lächeln vom Gesicht prügeln, ihn fragen, ob es stimmt, dass seine Mutter die ganze Stadt drübergelassen hat. Ich sagte:
»Wenn du so viel weißt, warum weißt du dann nicht, dass Pater Malachy und ich immer schon ein gespanntes Verhältnis haben? Nicht so gespannt wie du und ich, aber du ahnst die Richtung.«
Er beugte sich vor, sein Atem roch nach Minze, sagte:
»Und was deinen Job beim Objektschutz betrifft, den kannst du knicken. Ich habe denen gesagt, du bist ein Sicherheitsrisiko.«
Er beobachtete mich, um zu sehen, wie das angekommen war, und versetzte mir dann den sorgfältig aufgesparten Gnadenstoß.
»Wenn deine Firma was ermitteln will, ihren Spürsinn auf die Probe stellen, habe ich, vielleicht, was für euch.«
Das konnte nur ganz was Übles sein, aber ich fragte:
»Ja, was wäre das?«
Er erhob sich zu voller Größe, Schultern zurück – er hatte das vor dem Spiegel geübt –, sagte:
»Sie haben einen Penner aus dem Kanal gezogen. Anfang bis Ende fünfzig, mehr können wir dazu nicht sagen. Eine Idee, wer es sein könnte? Vielleicht findet ihr das für uns heraus, dann können wir es abhaken, ja?«
Mein Herz wummerte. Ich dachte:
»Jeff.«
Ich versuchte, meine Stimme neutral zu halten, fragte:
»Woher wisst ihr, dass es ein Penner war?«
Er nahm sich einen langen Moment Zeit, dann:
»Vom Gestank her.«
Draußen war meine Mitfahrgelegenheit weg. Ich ging die Einfahrt entlang, den Kopf in Aufruhr, und dachte:
»Oh Gott, wenn es Gott gibt, lass es nicht Jeff sein.«
Versuchte den ganzen Vormittag, die Leiche zu finden. Langweilig, frustrierend, aber vorwiegend überaus entsetzlich. Um halb fünf war ich im Städtischen Leichenschauhaus, hatte endlich die Erlaubnis, die Leiche in Augenschein zu nehmen. Ich stand vor einem Metalltisch, ein Laken bedeckte den Toten, vom Anstaltsgrün der Wände umgeben, benommen von Gerüchen, realen wie eingebildeten. Der zuständige Mensch, ungeduldig, fragte:
»Sind Sie jetzt bereit?«
Mit leichtem Gequengel, aber ich konnte ihn jetzt nicht wirklich hauen, so groß die Versuchung auch war. Ich nickte, und wie ein zweitklassiger Zauberkünstler riss er mit Wuppdich und Schnörkel das Laken weg, das war sein Kunststück, damit war er Mittelpunkt jeder Party.
Schloss die Augen richtig fest und bettelte, bot den alten katholischen Tauschhandel an, flüsterte:
»Gott, wenn Du machst, dass dies nicht Jeff ist, rauche ich nicht mehr. Ich gebe Dir mein Wort.«
Was hatte ich sonst? Und auch dieses Tauschobjekt war fragwürdig, bestenfalls. Wenn man als Kind etwas wollte – etwas Unmögliches, von der Mutter anständig behandelt zu werden zum Beispiel –, ging man in die Abtei, zündete eine Kerze an, und schon war man im Geschäft. Indem man dem Allerheiligsten Herzen Jesu Christi sagte: »Wenn Mami nett zu mir ist, hasse ich keine Leute mehr.«
Die Art Scheiße.
Hat nie geklappt. Sie war feindselig, bis zu ihrem letzten verbitterten Atemzug, was auch eine Leistung ist. Ich dachte an Jeff, seine Liebe zu diesem Mädchen, wie seine Augen aufleuchteten, wenn sie lächelte. Dachte auch an sein Gesicht, als ihm klar wurde, dass der kaputte winzige Körper auf dem Bürgersteig seine Tochter war. Und da lag sie, den Kopf zur Seite geknickt, eine kleine Blutpfütze unter dem Ohr, weil sein bester Freund, ich, nicht aufgepasst hatte.
Als ich ihn kennenlernte, hatte er Hinweise in seiner Kneipe angebracht, KEIN BUD LIGHT. Er war so alt wie ich, trug immer eine Weste, schwarze 501er-Jeans wie Springsteen, und sein langes graues Haar war zum Pferdeschwanz gezurrt. Ich war Polizist gewesen, ich hatte trainiert, wie man Männer mit Pferdeschwanz vermöbelt. Das stand im Handbuch, unter Abschnitt # 791: Vorgehen gegen Hippies, Studenten, Linke.
Er war unangestrengt cool, die echte Coolness, nicht dieser betont gelassene, selbstsichere Kack. Ich stellte ihn Cathy Bellingham vor, einer Ex-Punkmaus aus London, die es auf Heroinentzug nach Galway verschlagen hatte. So ging das in unserer kosmopolitischen Stadt zu. Wer hätte das gedacht. Sie hat ihn dann geheiratet, wie in einem Jane-Austen-Roman, der versehentlich von Hunter S. Thompson geschrieben war.
Gegen jede Wahrscheinlichkeit funktionierte es, und sie bekamen dies kleine Mädchen. Ich liebte sie und beneidete sie zutiefst. Sie hatten das, was ich mir nur verschwommen vorstellen konnte, und ich war derjenige, der es zu Klump gehauen hat. Jeff war nicht nur mein bester Kumpel, er war wahrscheinlich mein einziger.
Meine Hände waren fest zu Fäusten geballt. Meine Fingernägel zerschnitten die Haut meiner Handflächen, und dieser kleinwinzige Schmerz kam wie gerufen. Dem Aufpasser war die Geduld ausgegangen, er schnappte:
»Kennen Sie ihn?«
Er kaute Juicy Fruit-Kaugummi, von dem Aroma konnte einem schlecht werden, so stark war es. Ich blickte nach unten, holte unsicher Luft, muss fast fünf Minuten lang nichts gesagt haben, während mir der Kopf schwirrte, dann, endlich,
sagte ich:
»Nein. Nein, kenne ich nicht.«
Er wickelte sich das Kaugummi um die Schneidezähne, sagte:
»Die Penner kennt nie jemand, die sind wirklich verschollen.«
»Was passiert mit ihm?«
Holte das Kaugummi mit langer Zunge ein, sagte:
»Wir verbrennen sie.«
Heiland.
»Früher hätte es ein Armengrab gegeben, aber der Stadt geht das Grundeigentum aus.«
Ich war ernstlich böse, sagte:
»Die Menschen sind so rücksichtslos.«
Er sah mich mit vagem Interesse an, fragte:
»Wieso?«
»Sie sterben … Verbrauchen wertvollen Grund und Boden.«
Er schluckte laut hörbar Spucke herunter, sagte:
»Das ist Sarkasmus, stimmt’s?«
»Oder was ganz Ähnliches.«
»Ist nicht schlimm, habe ich oft mit zu tun, ist ein Ventil für Wut.«
Ich drehte mich um, damit ich ihn anstarren konnte, fragte:
»Wie –, haben Sie mal Psychologie belegt?«
Er lächelte überlegen, sagte:
»Ich kenne Menschen.«
»Tote bestimmt.«
Er zuckte die Achseln, sagte:
»Ist ein Job, stimmt’s?«
Ich wollte los, sagte:
»Für den Sie überqualifiziert sind, das ist es nämlich. Pflegedienste, überhaupt Berufssparten, in denen menschliche Zuwendung gefragt ist, suchen händeringend Typen wie Sie.«
Als ich wegging, rief er:
»Für mich einen mit.«
»Was?«
»Sie gehen doch jetzt einen trinken, oder?«
Bevor ich antworten konnte, sagte er:
»Die Kneipe gegenüber? Traurigste Pinte im ganzen Land. Da gehen die Verwandten hin … Mann, so richtig mit ausgelassener Live-Musik ist es da nicht, Sie brauchen was Lebhaftes.«
»Und warum brauche ich das?«
Er sah mich an, der wortlose »Du doof«-Blick, dann:
»Weil Sie Glück gehabt haben. Der Steifi –, Sie haben ihn nicht gekannt.«
Steifi.
Ich wollte ernsthaft auf diesen Typ eindreschen – um meine Mutter zu zitieren: Man könnte ihn stundenlang hauen. Ich sagte:
»Das nennen Sie Glück gehabt?«
Er zuckte die Achseln. Achselzucken hat mich nie überzeugt, das wird nämlich ganz bestimmt eingeübt, damit die Höhe genau hinhaut. Er sagte:
»Sie sind ein komischer Typ.«
Ich konnte nicht widerstehen, sagte:
»Sie sollten mich sehen, wenn ich einen guten Tag habe.«
Draußen sackte mein ganzer Körper zusammen. Mir war nicht klar gewesen, wie tief innen ich verwundet war. Diese Kneipe war fast direkt gegenüber. Ich hoffte, dass ich nie erführe, was zuerst da war, die Leichenhalle oder die Kneipe. In der Antwort ist eine ganze Scheibe irischer Psyche enthalten. Ich hatte mit Gott einen Handel abgeschlossen, und Er hatte geliefert, also konnte ich keinen trinken gehen, noch nicht … Heiland, jetzt nicht.
Ich ging weiter, versuchte, nicht über die Schulter zu sehen. Ging am Seniorenhilfeladen vorbei und dann, um mich abzulenken, zurück und hinein. Fast in Trance hob ich einen Discman auf. CDs hatte ich mir spät erschlossen, und iPods sollten immer ein Mysterium bleiben. Kaufte den Discman, und das Mädchen sagte:
»Vergessen Sie die Kopfhörer nicht.«
»Ach, stimmt.«
Sie kann noch keine zwanzig Jahre alt gewesen sein, aber sie hatte ein natürliches Mitgefühl, eine Offenheit, die mich ins Herz traf. Dann, um meinen inneren Aufruhr noch zu verstärken, sagte sie:
»Ich wette, Sie haben keine Batterien. Sie kommen nach Hause, und, als ginge es mit dem Teufel zu, keine Batterien.«
Sie sah sich um, ob Kunden guckten, und steckte mir über den Ladentisch zwei Batterien zu. Ich könnte schwören, sie hat geblinzelt, aber ich glaube, das hoffte ich nur. Ich sagte:
»Sie haben eine ganz reizende Art.«
Das kaufte sie mir nicht ab, sagte:
»Hören Sie bloß auf. Sie sollten mich zu Hause sehen. Da bin ich der reinste Graus.«
Entschädigen solche kurzen Begegnungen für das tägliche Entsetzen des Lebens? Der Anspruch ist vielleicht ein bisschen hoch, aber für den flüchtigen Moment hat man den Ansporn zum Weitermachen.
Ich hatte seit langer, langer Zeit keine Musik mehr gehört. Für so was braucht man eine Seele. Meine verdorrte, als das Kind aus dem Fenster fiel. Jeffs Seele ebenfalls, so schien es. Ich ging in die Shop Street, zu Zhivago. Declan McEntree war immer noch da, sagte:
»Guter Gott, da kommt die Auferstehung.«
Als wäre ich in der Stimmung dafür. Er deutete meinen Gesichtsausdruck richtig, sagte:
»Du wirst wie üblich Johnny Duhan wollen?«
»Von ihm habe ich alles.«
Ich sah mich um, sah Neuerscheinungen, und da … Emmylou Harris, Warren Zevon. Nahm beide.
Declan tippte auf den Zevon, sagte:
»Vor zwei Wochen gestorben.«
»Was?«
»Als er dies Album aufgenommen hat, wusste er, dass er nur noch kurze Zeit hatte. Macht es richtig schwer zuzuhören.«
Beim Einpacken sagte er:
»Johnny Cash hat uns auch verlassen.«
Heiland, ich hatte etwas nachzuholen, musste wieder Zeitung lesen oder Nachrichten sehen oder was.
Declan gab mir das Wechselgeld, fragte:
»Geht es dir gut? Du bist sehr still.«
Und ich sagte:
»Zu Hause bin ich der reinste Graus.«
Am nächsten Tag starb Robert Palmer –, wie die Fliegen. Er hatte kein neues Album. Wenn ich ernsthaft brennen wollte, konnte ich mir jederzeit »Hurt« von Johnny Cash anhören.
Ich brannte aus.