Stellte das Radio an, um die Stille zu sprengen. Ein Dokument des Vatikans war von einem texanischen Anwalt entdeckt worden. Er hatte es auf Lateinisch veröffentlicht und als planvolle Anleitung zu Täuschung und Vertuschung bezeichnet. Neunundsechzig Seiten, mit dem Siegel von Papst Johannes XXIII., wurde an jeden Bischof der Welt verschickt.

Was das allein an Porto gekostet hat.

Es enthielt Richtlinien für Bischöfe, wie sie diskret mit Missbrauchsopfern zu verfahren hätten. Irischen Bischöfen wurde befohlen, eine Politik striktester Geheimhaltung zu verfolgen. Wer redete, dem drohte die Exkommunikation. Opfer, die sich beschwerten, sollten einen Eid leisten, der sie zur Geheimhaltung verpflichtete.

Ich zog mich an, ging vor die Tür. Mein Hinken war richtig gut zu sehen, und drei Stockwerke treppab trugen das Ihrige dazu bei. In einem Laden gegenüber kaufte ich Zeitungen, und die Frau sagte:

»Schöner Morgen dafür.«

Ich hatte nicht die Energie zu fragen, wofür, sonst hätte sie es mir womöglich noch gesagt. Treppe wieder hoch, auf den Stuhl beim Fenster und gelesen. Die Enthüllungen über den Vatikan hatten es auf die erste Seite geschafft. Das Dokument aus dem Vatikan, Crimine Solicitationies genannt, Instruktionen, wie im Falle von Ansuchen zu verfahren sei, beschäftigte sich mit Unzucht zwischen einem Priester und einem Mitglied seiner Gemeinde im Beichtstuhl.

Ich hörte auf zu lesen, machte mir frischen Kaffee und dachte daran, wie Pater Joyce im Beichtstuhl enthauptet worden war. Die Wut, die es erforderte, den Kopf abzutrennen, musste ungeheuer sein. Mich schauderte.

Widerstrebend kehrte ich zu den Zeitungen zurück.

Das Dokument behandelte auch »das schlimmste aller Verbrechen«, welches als obszöner Akt, begangen von einem Geistlichen an »jungen Menschen beiderlei Geschlechts«, beschrieben wurde.

War der Killer da draußen und las dies?

Die Beschreibung »junge Menschen« riss an meinen Eingeweiden, aber es kam noch schlimmer. Die nächsten paar Wörter verursachten Brechreiz.

»… oder an unvernünftigen Tieren (Bestialität).«

Die Bischöfe wurden angewiesen, diese Fälle »auf sensibelste Weise« zu verfolgen, »… von immerwährendem Schweigen beherrscht … Und jeder hat die strikteste Geheimhaltung zu üben, welche gemeinhin als ein Geheimnis der Inquisition betrachtet wird.«

Im Mai 2001 schickte der Vatikan den Bischöfen einen Brief, in dem klar angesagt wurde, dass die Anweisung von 1962 immer noch galt.

Ich legte die Zeitungen beiseite, war ringsum von Finsternis umgeben. Das Telefon klingelte, und ich schrak hoch. Das Herz noch nicht wieder am rechten Fleck, hob ich den Hörer ab, machte:

»Ja?«

»Jack Taylor, hier ist Nic an Iomaire.«

»Wellewulst.«

Ich bekam ihre übliche Verärgerung, wenn ich die englische Version ihres Namens verwendete, nicht zu hören. Ich fragte:

»Was gibt’s?«

»Können wir uns treffen? Ich muss mit Ihnen sprechen.«

»Klar. Sind Sie auf dem Damm?«

»Ich weiß nicht.«

Dann erkannte ich den Ton in ihrer Stimme, etwas, was ich noch nie bei ihr gehört hatte – Angst. Ich fragte:

»Ist etwas passiert?«

»Ich bin um zwölf im Southern. Werden Sie kommen?«

»Klar, ich …«

Klick.

Das Great Southern Hotel, unten am Eyre Square, war wegen Renovierung sechs Monate lang geschlossen gewesen. Den Portier kannte ich länger, als wir beide zugeben würden. Er hatte das rote Gesicht, die geplatzten Äderchen des täglichen Hartsäufers. Aber ihm gelang es, seinen Job zu behalten, und das war weit mehr, als ich je geschafft hatte. Er entbot mir den Galway-Gruß:

»Wie läuft es, Jack?«

In all unseren gemeinsamen Jahren hatten wir jenes schwer greifbare es nie definiert. Vielleicht war es allumfassend. Ich steuerte meins bei, sagte:

»Gut läuft es.«

Er streckte die Arme aus, deutete die tief greifenden Veränderungen an, fragte:

»Was meinen Sie?«

Ich meinte nicht viel, es sah genauso aus wie vorher, sagte:

»Die haben ganz großartige Arbeit geleistet.«

Er strahlte, als habe er die Renovierungsarbeiten persönlich überwacht. Wenn es in Irland gilt, unverdient Anerkennung einzuheimsen, lassen wir uns nicht lange bitten. Wir nennen das Ehrlichkeit.

Portiers, Taxifahrer, Tresenwischer sind die beste Informationsquelle. Ich beugte mich vor, damit es verschwörerisch genug wirkte, sagte:

»Üble Sache, das mit Pater Joyce.«

Seine Augen leuchteten auf. Skandal …, fast so gut wie ein verborgener Flachmann Jameson. Er sagte:

»Er ist hier nämlich ein und aus gegangen.«

Ich ließ mein Gesicht feierlich, soufflierte:

»Demnach haben Sie ihn gekannt?«

Als Schlussfolgerung etwa so dumm wie nur möglich, aber es war die richtige Spur. Animiert nahm er meinen Arm, führte mich vom Eingang fort, sagte:

»Jeden Freitag, siebzehn Uhr, danach konnte man seine Uhr stellen, kam er her.«

Er ließ die rechte Hand hervorschießen, Zeigefinger in die entfernteste Ecke.

»Immer derselbe Tisch und ein großer Paddy, pint Guinness dazu. Einmal saßen Amerikaner auf seinem Platz. Ich habe sie umrangiert.«

Er starrte mich an, erwartete eine Beurteilung seiner Aktion. Ich sagte:

»Gut gemacht.«

Ich holte ein paar Scheine heraus, legte sie ihm auf die Hand, fragte:

»Wohin ist er während der Renovierungsarbeiten gegangen?«

Er sah mich an, als wäre ich wahnsinnig, sagte:

»Woher zum Teufel soll ich das denn wissen?«

Und stapfte davon.

Was hatte ich erfahren? Wenig genug. Setzte mich selbst in die Ecke, wünschte, ich könnte den Paddy samt Verdünner kriegen. Bestellte ein Kännchen Kaffee und beobachtete die Tür. Eine halbe Stunde, bevor Wellewulst erschien. Dann kam sie, trug ein weißes T-Shirt, hellbraune Jeans, Sandalen, die Kluft verkündete:

»Hey, bin ja so cool, mich bedrückt rein gar nichts.«

Ihr Gesicht sprach eine andere Sprache –, Sorgenfalten die Stirn entlang, der Mund ein verbissener Flunsch. Ich stand auf, als sie sich näherte, aber es beeindruckte sie nicht. Sie setzte sich, sagte:

»Ich bin im Verkehr stecken geblieben.«

Ich zeigte auf die Kaffeekanne, sagte:

»Der ist kalt, ich kann frischen be-«

Sie schüttelte den Kopf, tat das, was Polizisten tun – prüfte die Ausgänge, Fenster, zählte die Anwesenden. Sie machen das automatisch und gewöhnen es sich nie wieder ab. Sie sagte:

»Habe ich Ihnen je gesagt, dass ich mal daran gedacht hatte, Krankenschwester zu werden? Ich hatte mich bei der Polizei beworben, aber wenn sie mich nicht genommen hätten, wäre Krankenschwester die nächste Station gewesen.«

So, wie sie das sagte, hätte man meinen können, wir hätten schon oft intim miteinander geplauscht. Wir hatten durchaus einige Pläusche auf dem Tacho, aber keinen freiwillig. Ich sagte:

»Nein, das haben Sie mir nicht gesagt.«

Sie befummelte ihr Uhrarmband, das einzige Zeichen, wie aufgeregt sie war. Sie sagte:

»Zur Vorbereitung habe ich als Pflegeassistentin mit alten Leuten gearbeitet. Eine alte Frau, wohnte in Rossaville, sie war sehr wohlhabend, aber eine ganz gemeine Ziege.«

Die Vehemenz ihrer Worte hatte etwas Fiebriges. Es war, als wäre Wellewulst wieder dort, zusammen mit der alten Frau. Ich wollte rufen:

»Immer ran, Mädchen! Lass es raus, raus mit der Zicke an die Frühlingsluft!«

Sie sagte:

»An dem Tag, an dem ich bei der Polizei genommen wurde und mich zum Training melden sollte, bin ich zu dem alten Muttchen gegangen und habe gesagt, wir würden uns nie wiedersehen. Wissen Sie, was sie gesagt hat?«

Ich hatte keine Ahnung und schüttelte den Kopf.

»Sie werden dafür bezahlt, dass Sie für mich sorgen.«

Wellewulst lächelte fast bei der Erinnerung, sagte:

»Ich habe ihr gesagt, so eine Summe, dass ich für Sie sorge, passt auf keinen Scheck.«

Ich fragte mich, was dies mit dem zu tun hatte, was sie so verstörte. Sie sagte, als hätte sie meine Gedanken gelesen:

»Das hat nichts mit dem zu tun, weshalb ich mit Ihnen sprechen wollte.«

Ich muss verwirrt ausgesehen haben. Eigentlich hatte ich versucht, aufmerksam auszusehen, und sie fügte hinzu:

»Ich wollte, dass Sie verstehen, wie wichtig es mir ist, Polizistin zu sein. Manchmal denke ich, es ist das Einzige, was ich habe.«

Als müsste man mir das ausbuchstabieren. Der Tag, an dem ich bei der Truppe rausgeschmissen wurde, war einer der schwärzesten Tage meines Lebens. Manchmal hört man Leute sagen: ›Was ich mache, ist was anderes, als was ich bin.‹ Die waren noch nie Polizisten. Die Selbstmordrate bei pensionierten Polizisten erreicht schwindelnde Höhen, weil man nicht aufhören kann, Polizist zu sein. Für mich hatte alles mit meiner Zeit als Polizist zu tun. Ich habe mich nie davon erholt, dass ich keiner mehr war. Alle Katastrophen, dieser oder jener Art, basierten auf diesem Verlust. Ich sagte:

»Verstehe.«

Ich wartete, nahm an, sie würde schon noch draufkommen. Dann:

»Ich werde verfolgt, von einem Stalker.«

Ich hatte nicht gewusst, was ich erwarten sollte, aber dies haute mich um. Ich brauchte ein paar Minuten, um es in den Kopf zu kriegen, dann sagte ich:

»Erzählen Sie.«

Ihr Gesicht war zerknittert, die Augen fast geschlossen, das Formulieren fiel ihr extrem schwer. Sie sagte:

»In den letzten paar Wochen hatte ich das Gefühl, ich werde beobachtet. Dann nächtliche Anrufe, niemand dran, 1471 gewählt und nicht durchgekommen. Meine Wohnung … Da war jemand drin. Nichts fehlt, nur Sachen wurden subtil umgestellt. Dann, gestern, ist dies hier gekommen.«

Sie griff in ihre Jeans, holte einen gefalteten Umschlag heraus. Ich sah ihn an –, ihr Name und ihre Adresse standen drauf (auf Irisch), Poststempel Galway vom Vortag. Ich zog ein einzelnes Blatt Papier aus dem Kuvert, las

Sprich

Deine

Gebete,

Zicke.

Sonst nichts.

Und der erste Gedanke, der mir kam, war:

»Cody?«

Hatte er es gleich auf zwei abgesehen, auf mich und Wellewulst?