1953. Pfarrhaus einer katholischen Kirche in Galway

Der Priester zog seinen Ornat aus, der Messdiener assistierte ihm. Der Priester hob ein Glas Wein, sagte:

»Probier das, du warst ein braver Junge.«

Der Junge, sieben Jahre alt, wagte nicht abzulehnen. Es schmeckte süß, machte aber ein warmes Glühen im Bauch.

Sein Po tat weh, und der Priester hatte ihm eine halbe Krone geschenkt. Später, als er die Kirche verließ, flüsterte der Priester:

»Und nicht vergessen, das ist unser kleines Geheimnis.«

Die Nonne sammelte die Notenblätter ein. Sie liebte diese frühe Stunde, wenn Sonnenlicht durch die bunten Fenster hereinströmte. Ihr Habit wog schwer, aber sie trug die Last für die Seelen im Fegefeuer. Auf der hintersten Bank fand sie einen Zehn-Euro-Schein, war versucht, ihn einzustecken, sich mit einem Eisbecher zu verwöhnen. Aber sie bekreuzigte sich und stopfte ihn in den Opferstock für die Armen. Er glitt mühelos hinein, da der Opferstock leer war. Wer gab schon noch Almosen?

Sie bemerkte, dass die Tür zum Beichtstuhl weit offen stand. Sie machte missbilligend »Ts, ts«, und Verärgerung durchzitterte sie. Pater Joyce bekam einen Anfall, wenn er das sah. Er war ein heiliger Schrecken, wenn es um Ordnung ging, führte die Kirche wie eine Armee, Gottes Armee. Schnell ging sie hin, zog sanft an der Tür, aber die Tür bewegte sich nicht. Ernsthaft irritiert huschte sie um den Beichtstuhl herum zur anderen Tür und spähte durch das Sprechgitter. Ihr Schrei war bis auf den Eyre Square zu hören.

Der abgetrennte Kopf von Pater Joyce lag auf dem Boden des Beichtstuhls.

Das Land der Heiligen und Gelehrten war lange schon dahin. In einer Ära schwindenden Wohlstands lösten Überfälle auf Priester und Vergewaltigungen von Nonnen kein landesweites Entsetzen mehr aus. Derlei Übergriffe häuften sich. Die Skandalflut, welche die Kirche umspülte, hatte die Menschen den Glauben an die eine Institution verlieren lassen, die unverwundbar gewesen zu sein schien.

Aber die Enthauptung von Pater Joyce ließ selbst die abgehärteten Zyniker innehalten. Der Leitartikel in der Irish Times begann mit den Worten:

»Wir wurden in die Finsternis getaucht.«

Ein führender Drogenlord in Dublin setzte ein Kopfgeld auf die Ergreifung des Mörders aus. Der Taoiseach gab eine Pressekonferenz und bat um Besonnenheit und Verständnis.

Ausgerechnet.

Wellewulst kam in einem gelben Datsun. Sie sah meinen Gesichtsausdruck und sagte:

»Was?«

Und wieder steckten wir mitten in unserer antagonistischen Beziehung. Die raren Momente der Wärme zwischen uns beiden konnten an den Fingern einer Hand abgezählt werden, trotzdem führte uns das unerforschliche Geschick immer wieder zusammen, egal, wie uns dabei zumute war. Ich lächelte, fragte mich, was aus der fundamentalsten Höflichkeit geworden war, aus einem schlichten Wie geht’s? Ich sagte:

»Das Auto … Ist das neu?«

Sie trug winzige Perlenohrringe, an denen man Polizistinnen erkennt. Ihr Gesicht war aus der Nähe fad, aber die Lebhaftigkeit ihrer Augen verlieh ihm Reiz. Wie üblich war sie einen Tick besser gekleidet als das Pack, das in Wohnanhängern haust, aber nur einen Tick. Die treueste Kundin im Penny-Markt. Weiße Baumwolljeans und ein rotes T-Shirt, die Zahl 7 über der linken Brust. Ich fragte mich kurz, ob das ein Zeichen war, ein Zeichen, in der Lotterie die Sieben zu tippen. Gewöhnlich bekam man auf einstellige Zahlen 5 : 1. Verwarf den Gedanken – Aberglaube, der Fluch meiner Rasse.

Sie werden nie, und damit meine ich nie, eine Irin oder einen Iren dabei ertappen, wie sie oder er unter einer Leiter hindurchgeht oder bei einem Hurlingspiel nicht die Daumen drückt. Egal, woran man glaubt, das ist so genetisch, so beiläufig wie die Verwendung des Namens des Herrn. Sie war sofort zornig, schoss zurück:

»Ist das ’ne blöde Anmache?«

Womit sie ihre sexuelle Orientierung meinte. Sie war Lesbe. Ich seufzte, warf mir die Reisetasche über die Schulter, sagte:

»Scheiß drauf, ich fahr per Anhalter.«

»Keine Flüche in meiner Gegenwart, Jack Taylor. Jetzt steigen Sie ein.«

Ich stieg ein.

Wir fuhren fast zehn Minuten lang schweigend. Sie rührte mit großer Wildheit in der Gangschaltung herum, dann:

»Ich frage mich die ganze Zeit … Nachdem … Nach den … nach dem, was passiert ist … sind Sie, äh, in eine Kneipe gegangen …?«

Sie schwieg, ließ einen Sattelauflieger abbiegen, fuhr fort:

»Aber getrunken haben Sie nicht?«

Ich überprüfte den Sitz meines Sicherheitsgurts, fragte:

»Und? Worauf wollen Sie hinaus?«

»Also, es war Furchtbares geschehen, Sie hatten sich all diese Getränke bestellt … Warum haben Sie dann nicht tatsächlich einen gehoben?«

Ich starrte die Windschutzscheibe an, nahm mir Zeit, dann:

»Weiß ich nicht.«

Weil ich es nicht wusste.

Falls die Antwort sie zufriedenstellte, so sah man ihrem Gesichtsausdruck nichts davon an. Dann:

»Das bedeutet, Sie sind ein Erfolg.«

»Was?«

»Sie haben nicht getrunken. Sie sind Alkoholiker. Wenn Sie nicht trinken, macht Sie das zum Erfolg.«

Das haute mich um, konnte nicht glauben, was sie sagte.

»So ’n Scheiß.«

Sie sah böse durch die Windschutzscheibe, sagte:

»Ich habe Ihnen gesagt, nicht solche Ausdrücke. Bei den Anonymen Alkoholikern sagen sie, wenn man kein Getränk anrührt, ist man ein Gewinner.«

Ich ließ das köcheln, ließ es ziehen, bemerkte, dass sie das Brigittenkreuz am Armaturenbrett hatte. Fragte:

»Sind Sie bei den Anonymen Alkoholikern?«

Ich hatte sie nie wirklich trinken sehen. Gewöhnlich trank sie einen O-Saft und einmal unvergesslicherweise einen Gespritzten, egal, was zum Teufel das sein mag. ’türlich hatte ich Nonnen gekannt, die sich als Alkoholikerinnen entpuppten, und die waren in geschlossenen Orden gewesen!! Was beweist, dass Alkoholiker zumindest, neben allem anderen, eine gewisse Zielstrebigkeit besitzen.

Ihre Mundwinkel senkten sich, ganz schlechtes Zeichen, und sie sagte verächtlich:

»Ich fasse es nicht, Jack Taylor, Sie sind der beschränkteste Mann, den ich je kennengelernt habe. Nein, ich bin nicht bei den Anonymen Alkoholikern … Wissen Sie überhaupt irgendwas?«

Ich steckte mir eine Lulle an, obwohl auf dem Armaturenbrett ein riesenhaftes Abziehbild klebte:

NICHT RAUCHEN

Nicht:

Bitte höfl., auf das Rauchen verzichten zu wollen.

Vielen herzl. Dank!

Ein ausgemachter Befehl.

Als Reaktion öffnete sie die Fenster, ließ eine Windstärke 9 hereinblasen, stellte die Belüftung an und gefror uns schock. Ich rauchte weiter, winselte:

»Ich war im Krankenhaus. Seien Sie nicht so streng«, und schmiss dann die Lulle aus dem Fenster.

Sie kurbelte die Fenster nicht wieder hoch, sagte:

»Meine Mutter ist bei den AA … Und Sie wissen bereits, dass mein Onkel das Leiden hatte … Es hat Generationen von uns dezimiert. Dezimiert sie immer noch.«

Ich war überrascht, verstand sie ein bisschen besser. Kinder von Alkoholikern werden schnell erwachsen – schnell und zornig.

Nicht, dass sie groß die Wahl hätten.

Wir kamen nach Oranmore, und sie fragte:

»Wollen Sie einen Kaffee?«

»Ja, das wäre gut.«

Wenn ich glaubte, sie würde milder, wurde ich bald eines Besseren belehrt, als sie sagte:

»Dann kaufen Sie sich einen.«

Irische Frauen zerquetschen einem auf jede nur erdenkliche Art die Eier. Sie parkte vor der großen Kneipe an der Ecke, was ich im Lichte unserer Konversation ein bisschen üppig fand. Die Lounge war geräumig, und Plakate an den Wänden kündigten kommende Attraktionen an:

Mickey Joe Harte

The Wolfe Tones

Abba Tribute Band.

Mir schauderte.

Wir nahmen einen Tisch beim Fenster, voll die Sonne im Gesicht. Ein schwarzer Aschenbecher verkündete:

Craven A.

Wie alt war der denn?

Ein schwerer Mann in den Sechzigern näherte sich, flötete munter:

»Ihnen beiden einen guten Morgen auch.«

Wellewulst lächelte ihn verknappt an, und ich nickte. Sie sagte:

»Haben Sie einen Kräutertee?«

Ich wollte mich verstecken. Der Mann ließ ihr den vollen Blick zuteilwerden, war das ihr Ernst, hatte sie noch alle Prismen am Leuchter?

»Lipton’s hätten wir.«

»Ohne Tein?«

Der arme Schweinehund sah mich kurz an. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Er seufzte, sagte:

»Ich könnte ordentlich drücken, ich meine den Teebeutel.« Wellewulst lächelte nicht, sagte:

»Ich hätte ihn gern im Glas, Zitronenscheibe dazu.«

Ich sagte:

»Ich nehme einen Kaffee, mit Koffein, in einer Tasse …, bitte.«

Er grinste breit, spazierte davon. Wellewulst war argwöhnisch, fragte:

»Was sollte das denn?«

Ich beschloss, sie einfach zu verärgern, sagte:

»Jungskram.«

Sie hob den Blick, sagte:

»Ist das nicht alles?«

Wie in irischen Kneipen üblich, saßen Wachposten am Tresen –, Männer in den Sechzigern mit abgewetzten Kappen, abgewetzten Augen, halb leere pints in Pflege. Sie sprachen kaum miteinander und traten ihre Wache sofort bei Beginn der Geschäftszeit an. Ich hatte nie gefragt, worauf sie warteten, aus Angst, sie könnten es mir sagen. Wenn die Wachposten je ausbleiben, wie die Affen auf dem Felsen von Gibraltar, machen die Kneipen dicht. Das Radio lief, und wir hörten von massiver Polizeibeteiligung am Drogenhandel in Dublin. Monatelang hatten sie bei den Dealern kassiert, und jetzt wurde abgerechnet. Es hatte einen öffentlichen Aufschrei gegeben, als eine Fernsehkamera Dealer gefilmt hatte, die offen auf der Straße verkauft hatten, und es war wie eine Kasbah in Temple Bar gewesen. Ein Fixer, der sich vor einem Polizisten in Uniform einen Schuss setzte. Allgemein wurde Crack verkauft. Ich sagte: »Mann, wenn Crack kommt, ist Schluss mit dem Land.«

Ironischerweise eine Nation, der die Welt das Wort Crack zu verdanken hat –, craic, Krach, Plausch, Gespräch, Spaß. Jetzt hatten wir Crack von düstererer Färbung.

Sie schien mich nicht gehört zu haben, dann:

»Galway ist genauso schlimm.«

»Als wüsste ich das nicht.«

Sie fummelte an einem Silberring an ihrer rechten Hand herum, schien nervös, fragte:

»Haben Sie das mit dem Priester gehört?«

Die Frage hing in der Luft, wie ein Omen.

Wie ein Zeichen der Zeit.

Irland ist ein Land der Fragen und sehr, sehr weniger Antworten. Wir sind dafür berüchtigt, dass wir eine direkte Frage mit einer Frage beantworten. Es ist wie angezüchtete Vorsicht: bloß kein Engagement. Und man gewinnt Zeit, kann die Bedeutung der Frage ermessen.

Wir mögen reich geworden sein, aber impulsiv sind wir nie geworden. Fragen sind immer verdächtig. Die Jahre der britischen Herrschaft, die Jahre des Ja, als Fragen meist von einem Soldaten gestellt wurden, der einem eine Waffe ins Gesicht reckte, führten zu einer gewissen Wachsamkeit. Um die Wahrheit zu sagen, und manchmal muss man die Wahrheit sagen, wollen wir eigentlich mit zwei Gegenfragen zurückschlagen.

Erstens: Warum wollen Sie das wissen?

Zweitens, und vielleicht noch wesentlicher: Was geht’n Sie das eigentlich an?

Wenn ich eine Landkarte der Insel sehe, und es wird für das Land Reklame gemacht, zum Beispiel von der Tourismusindustrie, haben sie immer, klatschbumm mittendrin, einen riesenhaften Kobold oder eine Harfe. Ich finde, sie sollten endlich ehrlich sein und stattdessen ein Fragezeichen nehmen, damit die Leute wissen, worauf sie sich einlassen.

Die klassischen irischen Fragen sind natürlich die an den zurückgekehrten Auswanderer: Wann gehst du wieder weg? Und die fast täglich gestellte: Weißt du, wer tot ist?

Naturgemäß antwortete ich nicht sofort auf Wellewulsts Frage. Besonders nicht im gegenwärtigen Klima. Was man heutzutage von Priestern hört, ist nie schön, ist keine herzerwärmende Mär von einer armen hingebungsvollen Seele, die fünfzig Jahre bei einem entlegenen Stamm verbrachte und dann gefressen wurde. Nein, es wird böse sein und skandalös. Jeden Tag neue Enthüllungen über Missbrauch durch die Klerisei. Ich kann nicht sagen, dass wir dagegen immun geworden wären. Der Klerus wird immer einen Sonderplatz in unserer Psyche innehaben, er ist Geschichte pur, aber mit der unangefochtenen Position von Vertrauen, Respekt und, ja, Angst war es vorbei. Mann, sie hatten ihre Zeit gehabt, und, wie es die Amerikaner vielleicht ausdrücken würden: Das ist, gewissermaßen, gewesen.

Und gewesen war es.